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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Gebt dem Manne ein Handwerk, welches seinem Geschlechte geziemt, und dem Jünglinge ein solches, welches seinem Alter ansteht. Jede sitzende an das Zimmer fesselnde Berufstätigkeit, die den Körper verweichlicht und entkräftet, spricht ihn nicht an und ist ihm nicht dienlich. Nie wird ein Knabe aus eigenem Antriebe das Geschäft eines Schneiders ergreifen. Man muß alle Kunst aufbieten, um das Geschlecht, welches die Natur nicht zu dieser Frauenarbeit Bei den Alten gab es keine Schneider; die Kleider der Männer wurden von den Frauen im Hause selbst angefertigt. bestimmt hat, zur Wahl derselben zu bewegen. Nadel und Degen sollten nicht von denselben Händen geführt werden dürfen. Wäre ich Monarch, so würde ich das Nähen und sämmtliche Nadelarbeiten nur den Weibern und den Lahmen gestatten, die auf eine ähnliche Beschäftigung wie jene angewiesen sind. Hätte die Annahme auch eine Berechtigung, daß Verschnittene ein nothwendiges Uebel wären, so verdenke ich es doch den Orientalen im höchsten Grade, daß sie sich solche erst auf künstlichem Wege verschaffen. Weshalb begnügen sie sich nicht mit denen, welche die Natur hervorgebracht hat, mit dieser großen Schaar elender Männer, denen sie gleichsam ein verstümmeltes Herz mitgegeben hat. Sie würden sie nicht einmal Alle gebrauchen können. Jeder schwächliche, verweichlichte, zaghafte Mann ist von der Natur zu einer sitzenden Lebensweise verurtheilt. Er ist dazu geschaffen, um mit Weibern und in weibischer Weise zu leben. Wenn ein Jeder den Beruf treibt, für den er sich besonders eignet, so habe ich gewiß nichts dagegen einzuwenden; und wenn es denn einmal durchaus wirkliche Verschnittene geben soll, so verwende man für diesen Stand solche Männer, welche ihr Geschlecht entehren, indem sie sich Beschäftigungen hingeben, die sich für Männer nicht schicken. Die Wahl, die sie hinsichtlich ihres Berufes treffen, verräth einen Irrthum der Natur; verbessert diesen Irrthum auf die eine oder die andere Weise, und ihr werdet dadurch nur Gutes stiften.

Ich verbiete meinem Zöglinge die ungesunden, aber keineswegs die beschwerlichen, ja nicht einmal die gefährlichen Gewerbe. Letztere üben Kraft und Muth gleichzeitig. Sie taugen lediglich für Männer; die Frauen wollen mit ihnen nichts zu schaffen haben. Weshalb schämen sich die Männer nicht, sich in Berufszweige einzudrängen, die nur für die Frauen bestimmt sind?

Luctantur pauca, comedunt coliphia paucae. Vos lanam trahitis, calathisque peracta refertis Vellara ... Juv.Sat.II.v.53.

In Italien sieht man keine Frauen in den Läden; und man kann sich in der That nichts Traurigeres vorstellen als den Anblick, welchen die Straßen dieses Landes denjenigen darbieten, welche an das Straßenleben Frankreichs und Englands gewöhnt sind. Als ich sah, wie Modehändler den Damen Bänder, Kopfputz, Haarnetze und Seidenschnüre verkauften, erschien mir in den groben Fäusten, die dazu geschaffen sind, den Blasebalg zu ziehen und auf den Ambos zu hämmern, dieser zierliche Putz sehr lächerlich. Ich sagte mir: Zur Vergeltung sollten sich die Frauen in diesem Lande auf den Verkauf von Schwertern und anderen Waffen legen. Jeder sollte doch nur die Waffen seines Geschlechtes anfertigen und verkaufen. Um sie zu kennen, muß man sie brauchen.

Junger Mann, drücke deinen Arbeiten den Stempel der Manneshand auf! Lerne mit starkem Arme Beil und Säge regieren, einen Balken behauen, einen Giebel besteigen, ein Haus richten, Trag- und Zugbalken befestigen, und dann rufe deiner Schwester zu, sie möge kommen, um dir bei deiner Arbeit zu helfen, wie sie ja auch von dir verlangt hat, du solltest ihr bei ihren Stickarbeiten Hilfe leisten.

Ich fühle recht wohl, daß ich meinen freundlichen Zeitgenossen in meinen Forderungen zu weit gehe. Aber ich lasse mich bisweilen durch die Consequenzen fortreißen. Schämt sich irgend ein Mann, er mag sein, wer er wolle, im Schurzfelle mit dem Hobel in der Hand öffentlich zu arbeiten, so erblicke ich in ihm nichts als einen Sklaven der Meinung, der auch erröthen würde, eine gute Handlung zu thun, sobald es Mode würde, ehrliche Leute zu verlachen. Trotzdem wollen wir dem Vorurtheile der Väter in allen Stücken, die dem Urtheile der Kinder nicht nachtheilig sein können, nachgeben. Es ist durchaus nicht nothwendig, daß man, um seine Achtung gegen alle nützlichen Gewerbe zu beweisen, sie nun auch alle praktisch ausübt; es genügt, daß man keines derselben unter seiner Würde halte. Weshalb sollten wir uns, wenn die Wahl in unserer Hand steht und nichts Anderes bestimmend auf uns einwirkt, bei unserer Wahl unter den Beschäftigungen gleichen Ranges nicht von der Annehmlichkeit derselben sowie von unserer Lust und Neigung leiten lassen? Die Metallarbeiten sind nützlich, sogar die nützlichsten von allen; gleichwol beabsichtige ich nicht, falls mich nicht ein besonderer Grund dazu veranlassen sollte, einen Hufschmied, Schlosser oder Grobschmied aus eurem Sohne zu machen; ich möchte ihn nicht in der Gestalt eines Cyklopen in seiner Schmiede sehen. Eben so wenig gedenke ich einen Maurer und noch weniger einen Schuhmacher aus ihm zu machen. Allerdings ist die Betreibung aller dieser Professionen eine Notwendigkeit; wem aber die Wahl frei steht, der muß auf die Sauberkeit Rücksicht nehmen, denn diese kann man gewiß kein Vorurtheil nennen; über diesen Punkt entscheiden die Sinne. Endlich würde ich meine Wahl auch nicht auf eines dieser gedankenlosen Gewerbe lenken, in welchen die Arbeiter, wie z.B. Weber, Strumpfwirker und Steinmetze, ohne allen Kunstsinn und fast wie Automaten, immer nur die nämlichen Arbeiten vornehmen und an ihnen ihre Hände üben. Wozu nützt es, für diese Geschäfte mit Vernunft begabte Wesen zu verwenden? Bei ihnen ist der Arbeiter nur eine Maschine, der eine andere in Bewegung setzt.

Alles wohl erwogen, würde es meinen Wünschen am meisten entsprechen, wenn mein Zögling Gefallen an dem Tischlerhandwerke fände. Es ist reinlich und nützlich, läßt sich im Hause betreiben, hält den Körper in hinreichender Bewegung und erfordert von dem Arbeiter Geschicklichkeit und Kunstsinn, denn obgleich die Form der anzufertigenden Gegenstände von dem künftigen Gebrauche derselben abhängt, so sind doch Eleganz und Geschmack nicht ausgeschlossen.

Sollte sich zufällig der Geist eines Zöglings in entschiedener Weise den speculativen Wissenschaften zuwenden, so würde ich es nicht tadelnswerth finden, wenn ihr ihn für ein seinen Neigungen entsprechendes Geschäft bestimmtet; laßt ihn z.B. die Verfertigung von mathematischen Instrumenten, Brillen, Teleskopen u.s.w. lernen.

Wenn Emil sein Handwerk lernt, so werde ich es mit ihm zusammen lernen, denn ich bin überzeugt, daß er nur das, was wir gemeinschaftlich betreiben, gründlich lernen wird. Wir werden deshalb alle Beide in die Lehre treten und keineswegs Anspruch darauf machen, als Herren behandelt zu werden, sondern wir wollen im Gegentheile als Lehrlinge gelten, die es nicht der Kurzweil halber sind. Und weshalb sollten wir es nicht wirklich in vollem Ernste sein? Der Czar Peter war Schiffszimmermann und diente in seinem eigenen Heere als Tambour. Meint ihr, dieser Fürst könne sich mit euch an Geburt und Verdienst nicht messen? Es ist selbstverständlich, daß ich dies nicht etwa gegen Emil äußere; an euch wende ich mich, wer ihr auch sein möget.

Unglücklicher Weise können wir nicht unsere ganze Zeit an der Hobelbank zubringen. Wir sind ja nicht allein Tischlerlehrlinge, sondern auch Lehrling für das ganze menschliche Leben; und gerade die Lehrlingsschaft für diesen letzten Beruf ist schwieriger und zeitraubender als die erstere. Wie werden wir es also anfangen? Wollen wir uns etwa täglich eine Stunde lang einen Meister der Hobelkunst annehmen, in derselben Weise, wie man sich einen Tanzlehrer hält? Nein; dann würden wir nicht Lehrlinge, sondern Schüler sein; und unser Ehrgeiz besteht nicht sowol darin, das Tischlerhandwerk zu erlernen, als vielmehr darin, uns zum Stande des Tischlers zu erheben. Meiner Ansicht nach müßten wir jede Woche wenigstens ein- oder zweimal den ganzen Tag bei dem Meister zubringen, eben so früh wie er aufstehen, uns noch vor ihm zur Arbeit einfinden, an seinem Tische essen und nach seiner Anleitung arbeiten. Hätten wir dann die Ehre gehabt, mit seiner Familie zu Abend zu essen, so könnten wir, wenn wir wollten, nach Hause zurückkehren, um auf unserem harten Lager der Ruhe zu pflegen. Auf diese Weise lernt man mehrere Gewerbe auf einmal und bildet sich in den Handarbeiten aus, ohne daß die andere Lehrlingsschaft darunter zu leiden hat.

Laßt uns recht handeln und dabei einfach bleiben; seien wir auf der Hut, durch Bekämpfung der Eitelkeit derselben nicht neue Nahrung zuzuführen. Man erzählt sich, daß der Großherr nach einer alten Sitte des ottomannischen Herrscherhauses verpflichtet ist, mit eigenen Händen mechanische Arbeiten zu machen, und es ist männiglich bekannt, daß die Werke einer kaiserlichen Hand Meisterwerke sind. Er vertheilt diese Meisterwerke deshalb unter Entfaltung einer festlichen Pracht an die Großen der hohen Pforte, und sie werden natürlich nach dem Range ihres Verfertigers bezahlt. Das Schlimme, was ich hierin erblicke, beruht nicht darin, daß der ganze Act doch nur auf eine Gelderpressung ausläuft, denn diese hat im Gegentheile ihre gute Seite. Indem der Fürst seine Großen zwingt, das, was sie dem Volke geraubt haben, mit ihm zu theilen, sieht er sich weniger in die Lage versetzt, das Volk unmittelbar plündern zu müssen. Diese Erleichterung muß nothwendig mit dem Despotismus verbunden sein, weil ohne sie diese entsetzliche Regierungsform gar nicht bestehen könnte.

Das wirklich Schlimme einer solchen Sitte liegt in der hohen Vorstellung von seinem eigenen Verdienst, die sich dadurch in diesem armseligen Menschen festsetzt. Wie der König Midas sieht er Alles, was er berührt, sich in Gold verwandeln, aber er gewahrt die langen Ohren nicht, die ihm dabei wachsen. Um dafür zu sorgen, daß sie unserm Emil hübsch kurz bleiben, laßt uns seine Hände vor diesem Talente, welches so reiche Schätze abwirft, bewahren. Der Preis seiner Arbeiten soll nicht in Rücksicht auf die Person des Verfertigers, sondern auf die Güte des Werks bestimmt werden. Wir wollen niemals dulden, daß man an das seinige einen anderen Maßstab lege als an die Arbeiten bewährter Meister. Um ihrer selbst willen soll seine Arbeit geschätzt werden, und nicht deswegen, weil sie von ihm herrührt. Hat er etwas gut gemacht, so saget dreist: »Das ist eine gute Arbeit«, setzet aber nie hinzu: »Wer hat sie gemacht?« Sagt er etwa selbst mit stolzer und selbstzufriedener Miene: »Ich habe sie angefertigt«, so füget kalt hinzu: »Ob du oder ein Anderer, das ist gleichgiltig, es bleibt immer eine gute Arbeit.«

Gute Mutter, schütze dich namentlich gegen die Lügen, die man für dich in Bereitschaft hält. Ist dein Sohn kenntnißreich, so mißtraue Allem, was er weiß. Hat er das Unglück, in Paris erzogen zu werden und außerdem noch Reichthümer zu besitzen, so ist er verloren. So viele geschickte Künstler es daselbst auch geben mag, so wird er doch alle ihre Talente besitzen; fern von ihnen werden sie indeß plötzlich versiegen. Diese Hauptstadt wimmelt von Dilettanten und besonders von Dilettantinnen, die ihre Werke anfertigen, wie Guillaume seine Farben erfand. Unter den Männern sind mir nur drei rühmliche Ausnahmen bekannt, obwol es deren auch noch mehr geben kann, unter den Frauen jedoch kenne ich keine einzige, hege auch Zweifel, daß es eine gibt. Im Allgemeinen erwirbt man sich einen Namen in den Künsten in derselben Weise wie in der gelehrten Welt. Man wird Künstler und Kunstrichter, wie man Doctor der Rechte und Bürgermeister wird.

Würde man es also einmal als einen unanfechtbaren Satz gelten lassen, daß es schön sei, ein Handwerk zu verstehen, so würden eure Kinder gar bald ein solches betreiben, ohne es je gelernt zu haben. Sie würden es zum Meister bringen, wie man es in Zürich zum Rathsherrn bringt. Mit all diesen äußeren Rücksichten soll mein Emil verschont bleiben; kein Schein, immer nur Thatsachen! Man rede nicht von dem, was er weiß, sondern laß ihn im Stillen lernen. Er mache fortwährend sein Meisterwerk und erhalte doch nicht die Meisterwürde; nicht durch den Titel, sondern durch die Arbeit zeige er, daß er ein Arbeiter ist.

Bin ich im Stande gewesen, mich bis hierher verständlich zu machen, so muß man eingesehen haben, wie ich meinem Zöglinge neben der Gewöhnung an körperliche Uebung und Handarbeit unmerklich zugleich Geschmack an Ueberlegung und Nachdenken einflöße, um in ihm der Trägheit, in die er in Folge seiner Gleichartigkeit gegen die Urtheile der Menschen und der noch ungestörten Ruhe seiner Leidenschaften verfallen könnte, ein Gegengewicht zu geben. Er muß arbeiten wie ein Bauer und denken wie ein Philosoph, damit er nicht das müßige Leben eines Wilden führe. Das große Geheimniß der Erziehung beruht darauf, daß man es so einzurichten versteht, daß sich die körperlichen und geistigen Uebungen stets gegenseitig zur Erholung dienen.

Hüten wir uns jedoch, solche Belehrung, welche einen reiferen Verstand voraussetzt, zu früh zu ertheilen. Emil wird noch nicht lange Handwerker sein, so wird ihm auch schon die Ungleichheit der Stände auffallen, die er Anfangs kaum bemerkt hatte. Nach den Grundsätzen, die ich ihm nach Maßgabe seiner Fassungskraft eingepflanzt habe, wird er auch mich einer Prüfung unterwerfen wollen. Da er Alles ausschließlich von mir erhält und in seiner Lage eine Aehnlichkeit mit der der Armen erblickt, so wird er wissen wollen, weshalb sich die meinige so wesentlich davon unterscheidet. Ganz unversehens wird er vielleicht recht verfängliche Fragen an mich richten. »Sie sind reich, Sie haben es mir selbst gesagt, und ich nehme es auch wahr. Ein Reicher muß, weil er Mensch ist, ebenfalls für die Gesellschaft arbeiten. Aber was thun Sie denn für dieselbe?« Was würde wol einer unserer jetzigen so beliebten Erzieher darauf antworten? Ich weiß es nicht. Vielleicht würde er die Thorheit so weit treiben, das Kind auf die Sorgfalt hinzuweisen, die er ihm widmet. Was mich jedoch anlangt, so reißt mich die Werkstätte aus der Verlegenheit. »Ei, lieber Emil, das ist eine vortreffliche Frage, ich verspreche dir, daß du eine Antwort von mir erhalten sollst, sobald du selbst eine dir genügende gefunden hast. Inzwischen werde ich es mir angelegen sein lassen, dir und den Armen Alles, was ich zu viel habe, zu geben und wöchentlich einen Tisch oder eine Bank zu machen, um für das Ganze nicht völlig nutzlos zu sein.«

Damit sind wir nun wieder auf uns selbst zurückgekommen. Unser Kind ist, noch unmittelbar vor dem Augenblicke, wo es aus der Kindheit heraustreten soll, zu seiner eigenen Person zurückgekehrt. Mehr als je fühlt es die Nothwendigkeit, mit welcher es an die Dinge gefesselt ist. Nachdem wir zuerst seinen Körper und seine Sinne geübt haben, sind wir zur Uebung seines Verstandes und seiner Urtheilskraft übergegangen. Schließlich haben wir den Gebrauch seiner Glieder mit dem seiner Geisteskräfte verbunden. Wir haben ein handelndes und denkendes Wesen aus ihm gebildet. Zur Vollendung des Menschen bleibt uns nur noch übrig, auch ein liebendes und fühlendes Wesen aus ihm zu machen, das heißt seine Vernunft durch das Gefühl zu vervollkommnen. Bevor wir jedoch in diese neue Lebensperiode eintreten, wollen wir noch einen Rückblick auf diejenige werfen, aus der wir jetzt scheiden, und uns darüber möglichst klar zu werden suchen, wohin wir gelangt sind.

Anfangs hatte unser Zögling nur sinnliche Wahrnehmungen; jetzt hat er Begriffe; zuerst nahm er nur wahr, jetzt urtheilt er. Denn aus der Vergleichung mehrerer auf einander folgender oder gleichzeitiger Wahrnehmungen und aus dem Urtheile, welches man sich darüber bildet, geht eine Art gemischter oder zusammengesetzter Wahrnehmung hervor, welche ich Idee oder Begriff nenne.

Die Art und Weise der Bildung der Begriffe verleiht nun dem menschlichen Geiste seinen besonderen Charakter. Derjenige Geist, welcher seine Ideen lediglich nach wirklichen Verhältnissen bildet, ist ein gründlicher Geist, während derjenige, welcher sich schon mit scheinbaren Verhältnissen befriedigt, ein oberflächlicher Geist ist; wer die Verhältnisse so auffaßt, wie sie sind, ist ein klarer, und wer sie unrichtig auffaßt, ein unklarer Kopf; wer eingebildete Verhältnisse, die weder in der Wirklichkeit existiren noch eine Wahrscheinlichkeit für sich haben, erdichtet, ist ein Narr, und wer gar seine Vergleichungen anstellt, ein Schwachkopf. Das größere oder geringere Geschick in der Vergleichung der Ideen und im Auffinden der Verhältnisse bildet Menschen von höherem oder niedrigerem Geiste.

Die einfachen Begriffe sind weiter nichts als verglichene Sinneswahrnehmungen. Bei den einfachen Sinneswahrnehmungen kommen eben so gut Urtheile vor, als bei den zusammengesetzten, welche ich einfache Begriffe nenne. Bei den Sinneswahrnehmungen tritt das Urtheil rein passiv auf; es beschränkt sich auf die Bestätigung, daß man das, was man wahrnimmt, wirklich wahrnimmt. Bei dem Begriffe oder der Idee verhält sich das Urtheil dagegen activ; es stellt zusammen, es vergleicht, es bestimmt Verhältnisse, welche der Sinn nicht bestimmt. Darin besteht der ganze Unterschied, aber er ist freilich groß. Die Natur täuscht uns nie, die Täuschung geht stets von uns selber aus. Ich halte es für eine Unmöglichkeit, daß uns unsere Sinne täuschen, denn es ist unter allen Umständen wahr, daß wir das wahrnehmen, was wir wahrnehmen; und in dieser Beziehung hatten die Epikuräer Recht. Nur die Urtheile, die es uns beliebt mit den Sinneswahrnehmungen in Bezug auf ihre ersten Ursachen, oder in Bezug auf ihre gegenseitigen Beziehungen, oder in Bezug auf die Natur der Gegenstände, deren Wahrnehmung sie uns ermöglichen, in Verbindung zu setzen, tragen die Schuld des Irrthums. Und gerade hierin verfielen die Epikuräer in einen großen Irrthum, indem sie die Behauptung aufstellten, daß die Urtheile, die wir über unsere Sinneswahrnehmungen fällten, niemals falsch wären. Wir nehmen lediglich die sinnlichen Eindrücke, nicht aber unsere Urtheils wahr; diese bilden wir selbst. – Dieser Abschnitt, welcher zum ersten Male in der von Didot im Jahre 1801 veranstalteten Ausgabe abgedruckt wurde, befindet sich in der That in dem Manuscripte des Verfassers in der Form einer Randnote zum Texte, wobei jedoch zu beachten ist, daß in demselben die beiden vorhergehenden Absätze fehlen. Anmerk. des Herrn Petitain.

Ich bin Zeuge, wie man einem achtjährigen Kinde Gefrorenes vorsetzt; es führt den Löffel nach dem Munde, ohne zu wissen, was man ihm gereicht hat, und von der Kälte empfindlich berührt, schreit es: »Ach, ich habe mich verbrannt!« Es wird ein sehr lebhafter Eindruck auf dasselbe ausgeübt; und da es keinen lebhafteren als den durch die Hitze des Feuers verursachten kennt, so meint es, diese zu empfinden. Dessenungeachtet täuscht es sich; der plötzliche Kälteschauer erregt ihm Schrecken; aber es verbrennt sich nicht. Außerdem haben auch beide Empfindungen keine Aehnlichkeit mit einander, denn wer beide schon wahrgenommen hat, wird sie gewiß nicht mit einander verwechseln. Nicht also die Empfindung hat die Täuschung hervorgerufen, sondern das Urtheil, welches das Kind über dieselbe fällt.

Eine ähnliche Erfahrung macht derjenige, welcher zum ersten Male einen Spiegel oder einen optischen Apparat sieht, welcher mitten im Winter oder Sommer in einen tiefen Keller hinabsteigt, welcher seine Hand, wenn sie sehr heiß oder sehr kalt ist, in laues Wasser taucht, oder eine kleine Kugel zwischen zwei gekreuzten Fingern rollt. Begnügt er sich, das, was er wirklich wahrnimmt, wirklich empfindet, zu sagen, so ist, da sich sein Urtheil rein passiv verhält, eine Täuschung eine Unmöglichkeit. Läßt er sich bei seinem Urtheile dagegen durch den Schein leiten, so ist dasselbe activ; er vergleicht und stellt durch Schlüsse Verhältnisse fest, die er nicht wahrnimmt. Dann täuscht er sich oder kann sich wenigstens täuschen. Es gehört Erfahrung dazu, um den Irrthum zu verbessern oder ihm vorzubeugen.

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