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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Der Mensch und der Bürger, wer er auch immer sei, vermag der Gesellschaft kein anderes Gut als Mitgift und Einlage zu überbringen, als sich selbst; alle seine übrigen Güter sind ohnehin schon ihr Eigenthum. Besitzt ein Mensch Reichthum, so braucht er sich zwar von demselben keinen Genuß zu verschaffen, thut er es aber, so genießt ihn die Gesellschaft gleichzeitig mit. Im ersteren Falle entzieht er Anderen das, dessen er sich selber beraubt, und im zweiten gibt er ihnen nichts. So lange er also nur mit seinen äußeren Gütern bezahlt, hat er der Gesellschaft noch immer die volle Schuld zu entrichten. »Aber,« wendet vielleicht Jemand ein, »mein Vater hat ja damals, als er das Vermögen erwarb, der Gesellschaft Dienste geleistet ....« Es mag sein, indeß hat er nur seine Schuld abgetragen, nicht die deinige. Du schuldest gerade deswegen, weil du bei deiner Geburt begünstigt worden bist, den Anderen mehr, als wenn du in dürftigen Verhältnissen geboren wärest. Es liegt eine Unbilligkeit darin, daß das, was ein Mensch für die Gesellschaft gethan hat, einen Anderen von seiner Schuld, die er derselben zu entrichten hat, entbinden soll. Denn da Jeder verpflichtet, sich ganz und gar und in jeder Beziehung in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, so kann er auch nur seine eigene Schuld abtragen, und kein Vater vermag auf seinen Sohn das Recht zu vererben, seinen Nebenmenschen nutzlos zu sein. Das thut er jedoch in der That, wenn er, nach deiner Behauptung, ihm seine Reichthümer, die den Beweis und den Lohn seiner Arbeit bilden, hinterläßt. Wer im Müßiggange verzehrt, was er nicht selbst erworben hat, verübt geradezu einen Diebstahl, und ein Rentner, den der Staat für sein unthätiges Leben in der Form von Zinsen bezahlt, ist in meinen Augen kaum von einem Straßenräuber verschieden, der auf Kosten der Reisenden lebt. Dem außerhalb der Gesellschaft stehenden, isolirten Menschen steht, da er gegen Niemanden Verpflichtungen zu erfüllen hat, deshalb auch das Recht zu, ganz nach seinem Gefallen zu leben; allein innerhalb der Gesellschaft, wo er nothwendiger Weise auf Kosten der Anderen lebt, muß er ihnen durch seine Arbeit einen Ersatz für seinen Unterhalt gewähren. Hierin darf keine Ausnahme stattfinden. Arbeiten ist demzufolge eine unerläßliche Pflicht des sich in der Gesellschaft bewegenden Menschen. Ob reich oder arm, ob mächtig oder schwach, jeder müßige Bürger ist ein Spitzbube.

Von allen Beschäftigungen nun, welche dem Menschen seinen Unterhalt verschaffen können, ist die Handarbeit diejenige, welche sich dem Naturzustande am meisten nähert; unter allen Ständen kann deshalb auch der Stand des Handwerkers als derjenige bezeichnet werden, der vom Glückswechsel und von den Menschen am unabhängigsten ist. Der Handwerker hängt lediglich von seiner Arbeit ab. Er ist frei, in demselben Grade frei, in welchem der Landmann Sklave ist, denn Letzterer ist an die Scholle gebunden und der Ertrag seines Feldes ist zum Theil fremder Willkür anheimgegeben. Der Feind, der Fürst, ein mächtiger Nachbar, ein Proceß ist im Stande ihm dieses Feld zu entreißen; vermittelst desselben kann man ihm auf tausenderlei Weise Verdruß verursachen; aber überall, wo man darauf ausgeht, den Handwerker zu belästigen, ist sein Ränzel bald geschnürt; seine Arme kann man ihm nicht nehmen, die nimmt er mit und geht seiner Wege. Dennoch ist und bleibt der Ackerbau die erste Beschäftigung des Menschen; sie ist die ehrenvollste, die nützlichste und folglich auch die edelste von allen, die er betreiben kann. Ich brauche Emil nicht erst aufzufordern: »Lerne den Ackersbau«; er kennt ihn schon. Alle ländlichen Arbeiten sind ihm von Grund aus bekannt. Mit ihnen hat er sich zuerst beschäftigt, zu ihnen kehrt er unaufhörlich wieder zurück. Ich brauche deshalb nur zu ihm zu sagen: »Bebaue das Erbe deiner Väter. Aber was sollst du wol anfangen, wenn du nun einst dieses Erbe verlierst, oder wenn dir gar keines zufällt? Dann lerne ein Handwerk!«

»Mein Sohn soll ein Handwerk lernen! Mein Sohn ein Handwerker! Mein Herr, wo denken Sie hin?« – Meine Gedanken gehen weiter als die Ihrigen, gnädige Frau, die Sie seiner Erziehung die Beschränkung auflegen wollen, daß er nie etwas Anderes werden kann als ein Lord, ein Marquis, ein Fürst und eines Tages vielleicht trotzdem weniger als nichts. Ich dagegen will ihn zu einem unverlierbaren Range erheben, zu einem Range, der ihn zu allen Zeiten ehrt. Meine Erziehung soll ihn zum Menschen machen, und was Sie auch sagen mögen, mit diesem Titel wird er weniger seines Gleichen haben, als mit allen denjenigen, die er als Erbschaft von Ihnen erhält. Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig. Es handelt sich weniger darum, ein Handwerk zur praktischen Ausübung desselben zu erlernen, als vielmehr darum, die Vorurtheile zu besiegen, die das Handwerk mit Geringschätzung behandeln. Sollte Jemand einwenden, du werdest nie gezwungen werden, des Lebensunterhaltes willen zur Arbeit zu greifen, nun, dann um so schlimmer, um so schlimmer für dich. Doch darauf kommt es auch nicht an. Arbeite also nicht aus Noth, arbeite um des Ruhmes willen! Laß dich zum Stande des Handwerkers herab, um über deinen eigenen erhaben zu sein! Um dir das Glück und die Verhältnisse zu unterwerfen, mußt du dich zuerst von ihnen unabhängig machen; um durch die Vorurtheile dereinst eine Herrschaft auszuüben, mußt du dieselben zuerst selbst beherrschen.

Seid eingedenk, daß ich keineswegs ein Talent von euch verlange; ich verlange ein Handwerk, ein wirkliches Handwerk, eine rein mechanische Kunstfertigkeit, bei welcher die Hände mehr arbeiten als der Kopf, und die zwar nicht zu Vermögen führt, bei welcher man aber dasselbe füglich entbehren kann. In Häusern, die in keiner Weise der Gefahr ausgesetzt waren, daß je Brodmangel in ihnen eintreten könnte, habe ich Väter kennen gelernt, welche in ihrer Vorsicht so weit gingen, daß sie Sorge trugen, ihre Kinder nicht nur in den gewöhnlichen Fächern unterrichten zu lassen, sondern sie auch mit solchen Kenntnissen auszustatten, die ihnen die Befähigung gaben, sich ihren Lebensunterhalt, es mochte kommen, wie es wollte, selbst zu verdienen. Diese vorsorglichen Väter bilden sich ein, viel zu thun; allein eigentlich ist damit doch noch nichts gethan, weil die Hilfsquellen, die sie ihren Kindern zugänglich machen wollen, ebenfalls unter dem Einflusse des nämlichen Glückswechsels stehen, über welchen sie dieselben erheben wollen. Daher kann es kommen, daß derjenige, welcher mit all diesen schönen Talenten ausgestattet ist, eben so gut im Elende umkommen kann, als wenn er sie gar nicht besäße, sobald er sich nicht in der günstigen Lage befindet, von ihnen auch Gebrauch machen zu können.

Wenn es auf Ränke und Schliche ankommt, so ist dabei kein Unterschied, ob man sich derselben bedient, um sich in seinem Ueberflusse zu erhalten, oder ob man sich im Schooße des Elends auf dieselben stützt, um das wieder zu gewinnen, was Jemanden in den Stand setzen kann, seine frühere Stellung wieder zu gewinnen. Wenn du dich einer Kunst widmest, deren Erfolg von dem Rufe des Künstlers abhängt, wenn du nach einer Lebensstellung strebst, die man nur durch Gunst zu erhalten vermag, was kann dir das Alles nützen, sobald du voller Ekel über das Treiben der Welt die Mittel verschmähst, ohne welche man nun einmal nicht im Stande ist, seinen Zweck zu erreichen. Du hast Politik und die monarchischen Institutionen studirt; damit kann man es freilich weit bringen; aber was sollen dir diese Kenntnisse helfen, wenn du dir nicht den Zutritt zu den Ministern, den Hofdamen, den Vorstehern der Staatsbehörden zu eröffnen verstehst, wenn du nicht in das Geheimniß, ihnen zu gefallen, eingeweiht bist, wenn sie nicht sämmtlich in dir den Schelm finden, der für sie paßt? Du bist Baumeister oder Maler. Gut. Aber dein Talent muß doch erst bekannt werden. Meinst du etwa, du könntest dies ohne Weiteres schon dadurch erreichen, daß du nur ein Werk öffentlich ausstellst? O nein, auf diesem Wege geht das nicht. Man muß ein Mitglied der Akademie sein, es darf Einem selbst in dieser Stellung nicht an Gönnern fehlen, um nur in irgend einem Winkel an der Wand auch nur ein dunkles Plätzchen zu erhalten. Stehe von deinem Lineal oder Pinsel auf! Nimm dir einen Wagen und fahre von Thür zu Thür: das ist die Straße, die zum Ruhme führt. Dabei darfst du aber auch nicht vergessen, daß vor den Portalen aller dieser glänzenden Häuser Schweizer oder Portiers stehen, die nur auf die Zeichensprache eingeübt sind und ihre Ohren in den Händen haben. Willst du deine Kenntnisse an den Mann bringen und Lehrer der Geographie, der Mathematik, der Sprachen, der Musik oder des Zeichnens werden, so mußt du selbst hierzu erst Schüler finden und dich folglich auf Empfehlungen verlassen können. Sei überzeugt, daß weit mehr darauf ankommt, ein Charlatan zu sein, als ein geschickter Lehrer. Ich sage dir vorher, daß du, wenn du keine andere Kunst als die deinige verstehst, immer für einen Ignoranten gelten wirst.

Du wirst also begreifen, wie wenig verläßlich alle diese so glänzend erscheinenden Hilfsquellen sind, und wie viele andere erst wieder hinzutreten müssen, um aus ihnen Nutzen ziehen zu können. Vor Allem aber bedenke, was in dieser entehrenden Erniedrigung aus dir werden soll? Das Scheitern deiner Pläne wird dich entwürdigen, ohne dich zu belehren. Wie willst du, der du jetzt mehr als je der Spielball der öffentlichen Meinung bist, dich über die Vorurtheile erheben, von denen die Entscheidung deines Schicksals abhängt? Wie willst du Gemeinheit und Laster verachten, die dir zu deinem Unterhalte unbedingt nöthig sind? Hingest du früher vom Reichthume ab, so hängst du jetzt von den Reichen ab. Du hast deine Sklaverei nur schlimmer gemacht und zu ihrer schon so drückenden Last noch die Schwere deines Elends hinzugewälzt. Mit einem Worte: du bist arm, ohne frei zu sein; dies ist der elendeste Zustand, in den ein Mensch gerathen kann.

Wenn du jedoch, statt zur Fristung deines Lebens zu solchen hohen Kenntnissen deine Zuflucht zu nehmen, die nur die Aufgabe haben, die Seele, aber nicht den Leib zu nähren, in der Noth lieber auf die Geschicklichkeit deiner Hände und auf den Ertrag deiner Arbeit vertraust, so verschwinden alle Schwierigkeiten und du hast nicht nöthig, dich durch Anwendung unerlaubter Kunstgriffe zu beflecken. Diese Hilfsquelle steht dir jeden Augenblick zu Diensten. Deine Rechtschaffenheit und der dir vorangehende gute Ruf sind dir dann auf deinem Lebenswege kein Hinderniß mehr. Du brauchst dich dann vor den Großen nicht mehr feig und lügnerisch, vor den Schelmen fügsam und kriechend und vor Jedermann als ein verächtlicher Augendiener zu zeigen, brauchst nicht mehr zu borgen und zu stehlen, was für den Besitzlosen ziemlich gleichbedeutende Begriffe sind. Fremde Urtheile kümmern dich nicht; du brauchst Niemandem den Hof zu machen, keinem Einfaltspinsel Schmeicheleien zu sagen, keinen Schweizer zu erweichen, keine Buhlerin zu bestechen und, was noch schlimmer ist, heuchlerisch ihre Tugenden zu rühmen. Ob Schurken das Staatsschiff lenken, wird dich wenig kümmern; alles das wird dich nicht hindern, in deiner Zurückgezogenheit als ein rechtschaffener Mann zu leben und dein sicheres Brod zu haben. Du trittst in die erste beste Werkstätte des Handwerks ein, welches du gelernt hast. »Meister, mir fehlt Arbeit!« – »Setzt euch an die Arbeit, Geselle!« Ehe noch die Mittagsstunde herangerückt ist, hast du dein Mittagessen verdient; und bist du fleißig und mäßig, so wirst du, ehe acht Tage verstrichen sind, so viel zurückgelegt haben, daß du weitere acht Tage davon leben kannst, und dabei ist dein Leben in Freiheit, Gesundheit, Wahrheit, Arbeitsamkeit und Rechtschaffenheit verflossen. Das kann man nicht nennen, seine Zeit verlieren, sondern auskaufen.

Ich bestehe darauf, daß Emil ein Handwerk lerne. Aber doch wenigstens ein anständiges Handwerk, werdet ihr sagen. Was denkt ihr euch bei diesem Worte? Ist nicht jedes dem Gemeinwesen nützliche Handwerk ein anständiges? Ich will nicht, daß er ein Sticker, ein Vergolder, ein Lackirer werde wie Locke's Gentleman; auch soll er sich weder der Musik, noch der Schauspielkunst, noch der Schriftstellerei Aber, wird man mir entgegnen, du bist doch selbst ein Schriftsteller! Zu meinem eigenen Unglück bin ich es, ich gestehe es. Indeß sind doch meine Fehler, für die ich genug habe büßen müssen, für Andere noch kein Grund, in ähnliche zu verfallen. Ich schreibe ja nicht, um sie zu entschuldigen, sondern im Gegentheile, um meine Leser abzuhalten, sich an ihnen ein Vorbild zu nehmen. widmen. Mit Ausnahme dieser und ähnlicher Berufsarten soll ihm die Wahl vollkommen freistehen; ich werde ihm in keiner Weise hinderlich entgegentreten. Es ist mir lieber, daß er ein Schuster wird als ein Dichter, daß er die Straßen pflastert, als daß er Porzellanblumen macht. Aber, werdet ihr fragen, sind denn die Polizisten, die Spione, die Henker nicht auch nützliche Leute? Wenn sie es nicht sind, so liegt die Schuld nur an den Regierungen. Doch ich will noch weiter gehen, ich will mein Unrecht gestehen. Es genügt noch nicht, blos einen nützlichen Beruf zu wählen; derselbe darf auch von denen, die ihn betreiben, niemals gehässige und mit der Menschlichkeit unvereinbare Eigenschaften der Seele beanspruchen.

Ich halte deshalb meinen ersten Ausdruck fest und sage: Laßt uns ein anständiges Handwerk wählen; laßt uns aber dabei nie vergessen, daß es nichts Anständiges gibt, was nicht zu gleicher Zeit nützlich ist.

Ein berühmter Schriftsteller dieses Jahrhunderts, Der Abbé de St. Pierre. dessen Werke voll großer Entwürfe und kleiner Ansichten sind, hatte, wie alle Priester seines Glaubens, das Gelübde abgelegt, keine eigene Frau zu haben. Da er jedoch in Bezug auf den Ehebruch eine weit größere Gewissenhaftigkeit bewies als die übrigen, so suchte er sich, wie man sich erzählt, dadurch zu helfen, daß er sich immer hübsche Mägde hielt, mit welchen er nach bestem Vermögen die Schmach wieder gut machte, die er dem menschlichen Geschlechte durch dieses unbesonnene Gelübde zugefügt hatte. Er hielt es für die Pflicht eines jeden Bürgers, dem Vaterlande Bürger zu geben; und mit dem Tribute, den er demselben in dieser Weise entrichtete, bevölkerte er die Classe der Handwerker. Sobald diese Kinder das entsprechende Alter erreicht hatten, ließ er sie sämmtlich nach eigener Wahl ein Handwerk lernen. Lediglich die müßigen, nichtigen oder der Mode unterworfenen Gewerbe, wie z.B. das des Perrückenmachers, das niemals nothwendig ist und das, so lange die Natur nicht müde wird, uns Haare zu schenken, mit einem Male ganz unnütz werden kann, schloß er dabei aus.

In dieser Handlungsweise spricht sich der Geist aus, der uns bei der Wahl eines Handwerks für Emil leiten muß; oder vielmehr, es steht nicht uns zu, diese Wahl zu treffen, sondern ihm allein; denn da sich in Folge der Grundsätze, die wir ihm eingeflößt haben, in ihm eine natürliche Verachtung für alles Unnütze erhält, so wird er seine Zeit niemals mit völlig werth- und nutzlosen Arbeiten verschwenden wollen, und er kennt keinen anderen Werth der Dinge, als ihren wirklichen Nutzen. Er kann seine Wahl nur auf ein Handwerk richten, das Robinson auf seiner Insel Nutzen bringen könnte.

Wenn man die Erzeugnisse der Natur und der Kunst vor den Augen des Kindes vorüber ziehen läßt, wenn man seine Neugier erregt und beobachtet, wohin dieselbe es führt, so hat man den Vortheil, dabei seine Geschmacksrichtung, seine Neigung, seinen Hang studiren zu können und den ersten Funken seines Genies hervorleuchten zu sehen, wenn sich dasselbe in einer bestimmten Richtung geltend macht. Ein gewöhnlicher Fehler, vor dem man sich jedoch sorgfältig hüten muß, besteht darin, daß man eine durch bloßen Zufall hervorgerufene Leistung dem übersprudelnden Talente zuschreibt und den Nachahmungstrieb, welchen der Mensch mit dem Affen theilt und welcher Beide maschinenmäßig antreibt, Alles, was sie thun sehen, ebenfalls zu thun, ohne sich deutlich bewußt zu sein, wozu es nützt, für eine ausgesprochene Neigung zu dieser oder jener Kunst hält. Die Welt wimmelt von Handwerkern und namentlich Künstlern, welchen zu der Kunst, die sie betreiben, alle natürliche Anlage fehlt, zu der man sie jedoch schon von frühester Jugend auf angehalten hat, sei es nun, daß man sich dazu durch besondere Gründe bestimmen ließ, oder auch durch einen ihnen angeborenen augenscheinlichen Eifer getäuscht wurde, welcher sie indeß eben so gut zu jeder anderen Kunst, wenn sie dieselbe zu gleicher Zeit hätten ausüben sehen, getrieben haben würde. Mancher hört einen Tambour und sieht sich im Geiste schon als General; ein Anderer sieht bauen und will deshalb Baumeister werden. Jeder fühlt sich zu dem Berufe hingezogen, den er ausüben sieht, sobald er denselben für einen anständigen hält.

Ich habe einen Diener gekannt, der seinen Herrn einmal malen und zeichnen sah und sich nun in den Kopf setzte, ein Maler und Zeichner zu werden. Von dem Augenblicke an, wo dieser Entschluß in ihm zur Reife gekommen war, nahm er den Bleistift, welchen er nur weglegte, um sofort nach dem Pinsel zu langen, den er wol sein Leben lang nicht wieder weglegen wird. Ohne Unterricht und ohne Kenntniß der ersten Regeln begann er Alles zu zeichnen, was ihm unter die Hände gerieth. Drei volle Jahre saß er wie angekettet über seinen Sudeleien; nur sein Dienst konnte ihn auf Augenblicke davon losreißen, und die geringen Fortschritte, die er bei seinen mittelmäßigen Anlagen machte, vermochten ihn nicht zu entmuthigen. Ich habe gesehen, wie er in einem glühend heißen Sommer sechs Monate lang in einem kleinen nach Süden zu gelegenen Vorzimmer, wo man beim bloßen Durchgehen ersticken zu müssen glaubte, den ganzen Tag auf seinem Stuhle saß oder vielmehr angeschmiedet war. Seine Beschäftigung bestand darin, einen vor ihm stehenden Globus wieder und wieder abzuzeichnen und mit unüberwindlicher Hartnäckigkeit stets neue Versuche zu machen, bis ihm die kugelförmige Figur zu seiner Zufriedenheit gelungen war. Durch Unterstützung seines Herrn und unter Leitung eines Künstlers ist er endlich so weit gekommen, die Livree ausziehen und von seinem Pinsel leben zu können. Bis zu einer gewissen Grenze ist Beharrlichkeit im Stande das Talent zu ersetzen, diese Grenze hat er erreicht und wird sie nie überschreiten. Die Ausdauer und der Eifer dieses ehrlichen Menschen sind jedenfalls anerkennenswerth; seinem Fleiße, seiner Treue und seinen Sitten wird nie die Achtung versagt werden, aber er wird es nie weiter als zum Schildermaler bringen. Wer würde durch seinen Eifer nicht getäuscht worden sein und ihn nicht für ein wahres Talent gehalten haben? Aber es ist doch ein großer Unterschied, ob man an einer Arbeit nur Gefallen findet, oder ob man auch Fähigkeit zu derselben besitzt. Es sind feinere Beobachtungen, als man im Allgemeinen annimmt, dazu nöthig, um sich von dem wahren Genie und der wahren Neigung eines Kindes zu überzeugen, welches weit häufiger seine Wünsche als seine Anlagen zu zeigen pflegt. Leider beurtheilt man es immer nur nach den ersteren, weil man letztere nicht zu studiren versteht. Ich wünschte, daß ein Mann, dem es nicht an der nöthigen Beobachtungsgabe fehlte, uns eine Abhandlung über die Kunst, die Kinder zu beobachten, schriebe. Diese Kunst ist wahrlich wissenswerth; aber die Väter und die Lehrer sind noch nicht einmal mit ihren Anfangsgründen bekannt.

Aber vielleicht legen wir der Wahl eines Handwerks eine allzu große Wichtigkeit bei. Da es sich hier ja nur um eine Handarbeit handelt, fällt meinem Emil diese Wahl nicht schwer. Dazu kommt, daß er in Folge der Uebungen, mit denen wir ihn bis jetzt beschäftigt haben, seine Lehrzeit schon zur Hälfte zurückgelegt hat. Was für Ansprüche erhebt ihr an ihn? Er ist zu Allem geschickt. Er versteht mit Spaten und Hacke umzugehen, weiß mit der Drehbank, dem Hammer, dem Hobel, der Feile Bescheid, ist mit den Werkzeugen aller Handwerke vertraut. Jetzt ist nur noch nöthig, daß er eins derselben so leicht und sicher gebrauchen lerne, daß er es mit tüchtigen Arbeitern, die sich desselben bedienen, an Gewandtheit aufnehmen kann; und gerade in diesem Punkte hat er vor ihnen Allen durch seinen gewandten Körper und seine geschmeidigen Glieder, die ihn befähigen, ohne Mühe jede Stellung anzunehmen und ohne Anstrengung jegliche Bewegung längere Zeit aushalten zu können, einen großen Vortheil voraus. Damit noch nicht genug, sind auch seine Organe scharf und gehörig ausgebildet; die ganze Mechanik der Künste ist ihm schon bekannt. Zur Meisterschaft gebricht es ihm nur an der Fertigkeit, und diese ist lediglich eine Sache der Zeit. Auf welches der Handwerke, unter welchen uns noch die Wahl freisteht, wird er nun so viel Zeit verwenden, daß er sich darin die nöthige Geschicklichkeit erwirbt? Das ist die einzige Frage, um die es sich noch handelt.

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