Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Jacques Rousseau >

Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
Schließen

Navigation:

Ueber diesen Punkt geht jedoch nicht hinaus, und laßt euch namentlich nicht auf eine Auseinandersetzung der moralischen Wirkungen dieser Einrichtung ein. Bei jeder Sache ist es von Belang, erst ihren Gebrauch zu erklären, ehe man auf ihren Mißbrauch aufmerksam macht. Wenn ihr im Sinne habt, den Kindern zu erläutern, wie die Werthzeichen die Ursache gewesen sind, daß den Sachen selber eine geringere Beachtung geschenkt wird, wie das Geld die Schuld an allen wunderlichen Einbildungen trägt, wie die an Geld reichen Länder an allem Uebrigen arm sein müssen, so würdet ihr diese Kinder nicht allein als Philosophen, sondern auch als Weise behandeln, und euch zutrauen, ihnen Dinge faßlich zu machen, die sogar wenige Philosophen verstanden haben.

Auf welche Fülle interessanter Gegenstände läßt sich doch die Wißbegierde eines Zöglings lenken, ohne daß man Gefahr läuft, die wirklichen und materiellen Verhältnisse, die ihm verständlich sind, verlassen oder gestatten zu müssen, daß sich in seinem Geiste auch nur eine einzige verworrene Vorstellung bilde! Die Kunst des Lehrers muß sich darin zeigen, daß er sich bei seinen Betrachtungen niemals in unwesentlichen Kleinigkeiten erschöpft, sondern daß er seinen Schüler beständig in den Mittelpunkt großer Verhältnisse versetzt, von denen er einst Kenntniß haben muß, um sich über gute oder schlechte Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft ein richtiges Urtheil bilden zu können. Dem Lehrer darf auch die Kunst nicht fehlen, die Gespräche, mit denen er das Kind unterhält, der Geistesrichtung anzupassen, die er ihm gegeben hat. Manche Frage, die die Aufmerksamkeit eines Andern nicht einmal oberflächlich berührt haben würde, wird meinen Emil ein halbes Jahr quälen.

Wir haben von einer reichen Familie eine Einladung zu Tische erhalten. Derselben Folge leistend, finden wir Vorbereitungen zu einem Festmahle, viel Gäste, eine zahlreiche Dienerschaft, eine Menge Schüsseln, elegantes und feines Tafelgeräth. Alle diese Anstalten, um uns durch ein glänzendes Fest Freude und Genuß zu bereiten, haben etwas Berauschendes, das Jemandem, welcher an dergleichen nicht gewöhnt ist, wol zu Kopfe steigen kann. Ich sehe voraus, welche Wirkung dies Alles auf meinen jungen Zögling ausüben wird. Während sich nun die Mahlzeit in die Länge zieht, während ein Gang nach dem andern folgt, während rings an der Tafel tausenderlei lärmende Gespräche geführt werden, nähere ich mich seinem Ohre und sage leise zu ihm: »Was denkst du wol? Durch wie viele Hände mag dies Alles, was du auf der Tafel siehst, gegangen sein, ehe es dieselbe schmücken konnte?« Welch eine Menge von Ideen rufe ich durch diese wenigen Worte in ihm wach! Augenblicklich sind alle nebelhaften Dünste seiner begeisterten Aufregung verscheucht. Er grübelt, denkt nach, berechnet und wird unruhig. Während die Philosophen, die sich durch den Wein und vielleicht auch durch ihre Nachbarinnen aufgeräumt fühlen, allerlei Narrheiten schwatzen und sich wie Kinder benehmen, bleibt er, in philosophische Betrachtungen versenkt, ganz allein in seinem Winkel sitzen. Er legt mir Fragen vor, deren Beantwortung ich jedoch ablehne, indem ich ihn auf spätere Zeit verweise. Er wird ungeduldig, vergißt Essen und Trinken und sehnt sich nach Aufhebung der Tafel, um sich mit mir in aller Ruhe aussprechen zu können. Was für ein Gegenstand für seine Wißbegierde! Was für ein Stoff für seine Belehrung! Was wird er bei seinem gesunden Urtheile, das noch nichts zu verderben im Stande war, über den Luxus denken, wenn er sich davon überzeugen wird, daß alle Weltgegenden dazu haben beisteuern müssen, daß zwanzig Millionen Hände vielleicht lange daran gearbeitet haben, daß es vielleicht Tausenden von Menschen das Leben gekostet hat, und dies Alles nur, damit ihm des Mittags das mit großer Pracht aufgetafelt werden konnte, was er am Abende dem geheimen Gemache wieder übergeben wird.

Bemühet euch mit aller Sorgfalt, die geheimen Folgerungen in Erfahrung zu bringen, welche er in seinem Herzen aus allen diesen Beobachtungen zieht. Habt ihr mit weniger Treue über ihn gewacht, als ich voraussetze, so kann er sich leicht versucht fühlen, seinen Gedanken eine ganz andere Richtung zu geben, und sich für eine sehr wichtige Persönlichkeit in der Welt zu halten, wenn er sieht, wie viel Mühe auf die Bereitung seiner Mahlzeit verwandt wurde. Seht ihr solche Schlußfolgerungen voraus, so könnt ihr leicht verhindern, daß er sie zieht, oder ihren Eindruck wenigstens sofort wieder verwischen. Da er sich die Dinge bis jetzt nur durch den materiellen Genuß anzueignen weiß, so vermag er über ihre Angemessenheit oder Unangemessenheit für ihn auch nur nach ihren sinnlich wahrnehmbaren Eindrücken zu urtheilen. Der Vergleich eines einfachen ländlichen Mahles, welchem als Vorbereitung Leibesübungen vorangegangen sind und das im Hunger, in der Freiheit und in der Freude seine Würze gefunden hat, mit seinem so prächtigen und steifen Festmahle, wird hinreichen, um ihm das Gefühl einzuflößen, daß es, da ihm der ganze Verlauf des prächtigen Festes keinen wirklichen Vortheil gebracht hat und sein Magen von dem Tische des Landmannes mit eben so großer Befriedigung wie von der Tafel des reichen Mannes scheidet, an dieser nicht mehr als an jenem gibt, was er in Wahrheit sein nennen könnte.

Suchen wir uns einmal klar zu machen, was ein Erzieher in einem ähnlichen Falle seinem Zöglinge sagen könnte. »Rufe dir die beiden Mahlzeiten noch einmal recht deutlich ins Gedächtniß zurück und entscheide bei dir selbst, welcher du mit größerem Vergnügen beigewohnt hast. Bei welcher hast du mehr Frohsinn bemerkt? Bei welcher hast du mit größerem Appetite gegessen, heiterer getrunken und herzlicher gelacht? Welche hat am längsten gedauert, ohne daß je Langeweile eintrat und ohne daß sie durch immer andere Gänge erst gleichsam wieder erneuert werden mußte? Und nun laß auch folgenden Unterschied nicht außer Acht: Dieses Schwarzbrod, das dir stets so gut mundet, kommt von dem Korn, welches jener Landmann selbst geerntet hat; sein trüber und herber, aber den Durst löschender und gesunder Wein ist ein Gewächs seines eigenen Weinberges; das leinene Tischzeug hat sein eigener Hanf geliefert, den seine Frau, seine Töchter, seine Mägde im Winter selbst gesponnen haben. Keine anderen Hände als die seiner Familie haben zu den Vorbereitungen für diese Mahlzeit beigetragen. Die nächste Mühle und der benachbarte Marktflecken bilden für ihn die Grenzen des Weltalls. Kannst du wol in Wahrheit behaupten, daß du von allem dem, was darüber hinaus die entfernten Länder und die zahlreichen Menschenhände auf die andere Tafel geliefert haben, einen wirklichen Genuß gehabt hast? Wenn also durch dies Alles deine Mahlzeit nicht wesentlich besser geworden ist, was für einen Gewinn hast du dann diesem Ueberflusse zu verdanken? Was hat dir denn so ganz besonders dabei gefallen? Und wärst du nun,« könnte der Erzieher auch noch hinzufügen, »der Herr des Hauses selbst gewesen, so würde dir Alles noch weit fremder geblieben sein, denn die Bemühung, mit deinen Genüssen vor den Augen der Gäste rechten Prunk zu treiben, würde dir schließlich den eigenen Genuß geraubt haben. Du hättest die Mühe, und jene das Vergnügen gehabt.«

Diese Rede mag zwar sehr schön sein, aber meinem Emil gegenüber ist sie werthlos, da sie seine Fassungskraft übersteigt, und er sich auch seine Betrachtungen nicht vorschreiben läßt. Führt deshalb ihm gegenüber eine einfachere Sprache. Nachdem er nach diesen beiden Richtungen hin in die Tafelgenüsse eingeweiht ist, werde ich ihn eines Morgens fragen: »Wo wollen wir heute unser Mittagbrod einnehmen? Vor diesem wahren Silberberge, der drei Viertheile der ganzen Tafel bedeckt, und diesen Beeten von Papierblumen, die man beim Nachtisch auf spiegelhellem Glase aufträgt, unter diesen Frauen mit den gewaltigen Reifröcken, die dich nur als Spielpuppe behandeln und dir vorreden, du habest von Dingen geredet, welche du gar nicht einmal kennst, oder lieber in dem Dorfe, zwei Meilen von hier, bei jenen guten Leuten, die uns immer mit so großer Freude aufnehmen und uns so gute Sahne vorsetzen?« Emil's Wahl ist nicht zweifelhaft, denn er ist weder schwatzhaft noch eitel. Aller Zwang ist ihm verhaßt, und alle Künsteleien unserer Kochkunst sind ihm zuwider. Aber stets ist er zu einem Ausfluge auf das Land bereit und von gutem Obst, gutem Gemüse, guter Sahne und guten Leuten hält er ungemein viel. Die Vorliebe für das Landleben, die ich bei meinem Zöglinge voraussetze, ist eine natürliche Frucht seiner Erziehung. Da er übrigens von diesem albernen und gezierten Wesen, welches den Frauen in so hohem Grade gefällt, auch keine Spur an sich hat, so wird er von ihnen auch weniger verhätschelt. Selbstverständlich wird er sich deshalb auch unter ihnen weniger gefallen und in ihrer Gesellschaft, deren Reiz er noch nicht zu würdigen im Stande ist, weniger verdorben werden. Ich habe mich ernstlich gehütet, ihn dazu anzuhalten, ihnen die Hände zu küssen und fade Schmeicheleien zu sagen, ja ich habe ihn nicht einmal gelehrt, ihnen die rücksichtsvollen Aufmerksamkeiten zu beweisen, die ihnen von den Männern allgemein zugestanden werden. Ich habe es mir zum unverbrüchlichen Gesetze gemacht, nichts von ihm zu verlangen, dessen Grund über seinen Gesichtskreis hinausgeht; und für ein Kind gibt es keinen vernünftigen Grund, das eine Geschlecht anders als das andere zu behandeln. Wie von selbst wird sich ihm unterwegs der Gedanke aufdrängen: »Ich sehe ein, daß die vielen Leute, welche sich solche Mahlzeiten große Mühe und zahlreiche Ungelegenheiten kosten lassen, sich ganz umsonst abplagen, oder daß sie es dabei nicht auf unser Vergnügen absehen.«

Meine Beispiele, die vielleicht für einen Fall gut sein mögen, werden für tausend andere geradezu schlecht sein. Hat man jedoch den Geist derselben erfaßt, so wird man sie je nach Bedürfniß sehr wohl umzuändern verstehen. Ihre Wahl ist durch die Kenntniß der Individualität eines jeden einzelnen Kindes bedingt, und diese Kenntniß hängt von der Gelegenheit ab, die demselben dargeboten wird, sich zu zeigen. Man darf sich nicht dem Wahne hingeben, daß wir im Stande wären in einem Zeitraume von drei bis vier Jahren, die diese Periode in Anspruch nimmt, auch dem begabtesten Kinde nur einen Begriff von allen Künsten und allen Naturwissenschaften zu geben, der ihm die Fähigkeit verleihen könnte, dieselben dereinst selbst zu erlernen; indem wir jedoch auf diese Weise alle Gegenstände, die es nothwendig wissen muß, an ihm vorüberführen, setzen wir es in den Stand, seinen Geschmack und sein Talent zu entwickeln, die ersten Schritte nach dem Gegenstande, auf den sich seine Neigung richtet, zu thun, und uns den Weg zu zeigen, den wir ihm eröffnen müssen, der Natur behilflich zu sein.

Ein anderer Vortheil dieses Zusammenhanges eingeschränkter, aber richtiger Begriffe liegt darin, daß wir dem Kinde ihre Verbindungen und Beziehungen zu einander nachzuweisen vermögen, daß wir ihnen allen den ihnen zukommenden Platz in seiner Wertschätzung einräumen und dadurch vorbeugen, daß sich in ihm etwa ähnliche Vorurtheile festsetzen, wie sie die meisten Menschen für diejenigen Talente hegen, die sie besonders pflegen, und von denen sie gegen diejenigen erfüllt sind, die sie vernachlässigen. Wer die Ordnung des Ganzen völlig überschaut, kennt auch die Stelle, die jeder einzelne Theil einzunehmen hat; wer dagegen einen Theil völlig überschaut und aus dem Grunde kennt, kann zwar ein sehr gelehrter Mann sein; ersterer ist dafür aber ein Mann von gesundem Urtheil, und ihr werdet eingedenk sein, daß wir nicht sowol auf die Erwerbung der Wissenschaft als auf die eines gesunden Urtheils ausgehen.

Wie dem auch immer sein mag, meine Methode ist von meinen Beispielen unabhängig; sie stützt sich auf das Maß der Fähigkeiten des Menschen in seinen verschiedenen Lebensperioden und auf die Wahl der Beschäftigungen, die diesen Fähigkeiten angemessen sind. Ich glaube, es würde sich auch leicht eine andere Methode auffinden lassen, mit der man scheinbar noch günstigere Erfolge erzielen könnte; allein wenn sie sich weniger nach der Individualität, dem Alter und dem Geschlechte richtete, so bezweifle ich, daß sie gleiche Resultate aufzuweisen vermöchte.

Beim Beginne dieser zweiten Periode haben wir uns, um uns aus uns selbst heraus zu versetzen, den bedeutenden Ueberschuß unserer Kräfte über unsere Bedürfnisse zu Nutze gemacht. Wir haben uns bis zum Himmel emporgeschwungen, haben die Erde ausgemessen, haben uns mit den Gesetzen der Natur bekannt gemacht, mit einem Worte, wir haben unsere ganze Insel durchstreift. Jetzt halten wir wieder bei uns selber Einkehr, wir nähern uns unmerklich unserer eigenen Wohnung. Ein Glück für uns, wenn wir sie bei unserem Eintritte nicht schon im Besitze des Feindes finden, der uns bedroht und sich rüstet, sich ihrer zu bemächtigen!

Was bleibt uns nach der sorgfältigen Beobachtung unserer ganzen Umgebung nun noch zu thun übrig? Daß wir Alles, was wir uns davon aneignen können, richtig anwenden lernen, und zum Besten unseres Wohlseins Vortheil aus unserer Wißbegierde ziehen. Bisher haben wir uns mit Werkzeugen jeglicher Art versehen, ohne eigentlich zu wissen, welche wir davon nöthig haben werden. Obgleich die unsrigen vielleicht für uns selbst unnütz sind, können doch Andere sie vorteilhaft verwenden, während umgekehrt wir vielleicht die ihrigen gebrauchen können. Wir würden deshalb bei einem Tausche Alle unsere Rechnung finden. Um indeß auf einen solchen einzugehen, müssen wir unsere gegenseitigen Bedürfnisse kennen, muß Jeder wissen, wie viel für ihn Brauchbares Andere besitzen, und was er ihnen seinerseits dafür zu bieten im Stande ist. Stellen wir uns zehn Menschen vor, von denen jeder zehn verschiedene Bedürfnisse hat. Um sich nun das Nöthige zu verschaffen, muß sich Jeder von ihnen auf zehn verschiedenartige Arbeiten verstehen. In Anbetracht der Verschiedenheit ihrer Anlagen wird aber bei dem Einen diese, bei dem Anderen jene Arbeit unvollkommen ausfallen. Trotz ihrer verschiedenen Befähigung werden sie sämmtlich die nämlichen Arbeiten vornehmen und in Folge dessen schlecht bedient sein. Nun laßt uns aus diesen zehn Menschen eine Gesellschaft bilden. Jeder treibe, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die neun Uebrigen, diejenige Beschäftigung, für die er die meiste Befähigung zeigt. Auf diese Weise wird Jeder von den Talenten der Anderen denselben Vortheil haben, als ob er sie alle selbst besäße. Jeder wird außerdem das seinige durch die unausgesetzte Uebung vervollkommnen, und so wird es dahin kommen, daß die zehn Personen, nachdem sie selbst vollständig mit Allem versehen sind, noch einen Ueberschuß für Andere übrig behalten werden. Auf diesem Principe beruhen augenscheinlich alle unsere Institutionen. Es gehört nicht zu der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, hier die weiteren Folgen zu untersuchen; dies habe ich bereits in einer anderen Schrift gethan. In der Abhandlung über die Ungleichheit.

Nach diesem Principe würde ein Mensch, der sich in den Sinn kommen ließe, sich als ein isolirtes Wesen zu betrachten, sich an gar nichts anzuschließen und sich selbst zu genügen, nur ein elendes Wesen sein können. Ja, es wäre ihm sogar unmöglich, sein Dasein zu erhalten; denn da er die ganze Erde schon vertheilt fände und außer seinem Körper nichts sein Eigen nennen könnte, wo sollte er wol seinen nöthigen Unterhalt hernehmen? Sobald wir aus dem Naturzustande heraustreten, zwingen wir dadurch auch unseres Gleichen, ihn ebenfalls aufzugeben. Gegen den Willen der Anderen kann Niemand in demselben verharren; und schon das Verlangen in demselben zu bleiben, trotzdem es keine Möglichkeit gibt, darin sein Leben zu erhalten, käme einem tatsächlichen Verlassen desselben gleich. Denn das erste Gesetz der Natur ist die Sorge der Selbsterhaltung.

So bilden sich nach und nach in dem Geiste des Kindes die Vorstellungen von den socialen Verhältnissen, sogar ehe es noch wirklich ein thätiges Mitglied der Gesellschaft sein kann. Emil begreift recht wohl, daß er, wenn er Werkzeuge zu seinem eigenen Gebrauche erhalten will, auch solche haben muß, die Andere gebrauchen können, durch deren Eintausch er dann im Stande ist, die ihm notwendigen Dinge, welche sich im Besitze Jener befinden, zu erlangen. Mit Leichtigkeit kann ich ihn dahin bringen, daß er die Nothwendigkeit eines solchen Austausches einsieht und sich in den Stand setzt, Vortheil daraus zu ziehen.

»Gnädiger Herr, ich muß leben,« sagte ein unglückseliger satyrischer Schriftsteller zu einem Minister, der ihm das Ehrlose dieser Beschäftigung vorhielt. »Ich sehe die Nothwendigkeit davon nicht ein,« lautete die kalte Antwort des Staatsmannes. So ausgezeichnet diese Antwort auch im Munde eines Ministers klingt, so barbarisch und unrichtig würde sie doch in dem Munde eines jeden Anderen gewesen sein. Jeder Mensch muß leben. Gegen diesen Satz, der für Jeden mehr oder weniger Beweiskraft haben wird, je nachdem er mehr oder weniger menschlich gesinnt ist, scheint mir derjenige, der ihn auf sich selbst anwendet, nichts entgegnen zu können. Gegen so viele Dinge die Natur uns auch Widerwillen eingeflößt hat, so zeigt sich doch derselbe gegen nichts stärker als gegen den Tod. Daraus folgt, daß sie uns, sobald wir kein anderes Mittel mehr besitzen, unser Leben zu fristen, Alles gestattet. Die Grundsätze, die dem Tugendhaften gebieten, sein Leben gering zu schätzen und es der Pflicht zu opfern, sind von dieser ursprünglichen Einfachheit weit entfernt. Glücklich die Völker, bei denen man ohne Anstrengung gut und ohne Tugend gerecht sein kann! Sollte es aber in der Welt irgend einen Staat geben, der so erbärmlich wäre, daß Niemand, ohne böse zu handeln, darin leben könnte, und dessen Bürger notgedrungen Spitzbuben wären, so sollte in demselben nicht der Missethäter, sondern derjenige gehängt werden, der die Schuld trüge, daß er es werden müßte.

Sobald Emil wissen wird, was das Leben ist, wird es meine erste Sorge sein, ihn in der Kunst zu unterrichten, dasselbe zu erhalten. Bis jetzt habe ich zwischen den Ständen, Rangstufen und Glücksgütern noch keinen Unterschied gemacht, und denke auch in der Folge eben so zu verfahren, weil der Mensch ja in jedem Stande doch immer nur Mensch ist und bleibt, weil der Reiche keinen größeren Magen und keine bessere Verdauung als der Arme hat, weil der Herr keinen längeren und stärkeren Arm als der Knecht besitzt, weil ein Großer an Stellung und Würden darum noch um keine Haupteslänge über dem Manne aus dem Volke hervorragt, und weil endlich, da sich die natürlichen Bedürfnisse überall gleich zeigen, auch die Mittel zu ihrer Befriedigung überall gleich sein müssen. Die Erziehung des Menschen stehe mit dem in Einklang, was der Mensch ist, und nicht mit dem, was er nicht ist. Begreift ihr denn nicht, daß ihr ihn dadurch, daß ihr nur darauf ausgeht, ihn einseitig für einen einzigen Stand zu bilden, für jeden anderen unbrauchbar macht, und daß ihr, sobald ihm das launische Glück den Rücken kehrt, nur daran gearbeitet habt, ihn erst recht unglücklich zu machen? Gibt es etwas Lächerlicheres als einen vornehmen Herrn, der verarmt ist und sich auch in seinem Elende von den Vorurtheilen seiner Geburt nicht lossagen kann? Gibt es etwas Verächtlicheres als einen zum Bettler herabgesunkenen Reichen, der sich in Erinnerung der Verachtung, unter der die Armuth zu seufzen hat, als den Elendesten der Menschen fühlt? Dem Ersteren bleibt kein anderer Ausweg übrig, als ein offenkundiger Dieb zu werden, der Letztere wird sich mit der Rolle eines kriechenden Dieners trösten, und dies Alles unter der Devise des schönen Wortes: »Ich muß leben.«

Ihr verlaßt euch auf die augenblicklich bestehende gesellschaftliche Ordnung, ohne zu berücksichtigen, daß diese Ordnung unvermeidlichen Revolutionen ausgesetzt ist, und daß ihr euch in der Unmöglichkeit befindet, diejenige, welche über eure Kinder hereinbrechen kann, vorherzusehen oder zu verhindern. Der Große wird klein, der Reiche wird arm, der Monarch wird Unterthan. Sind diese Schicksalsschläge etwa so selten, daß ihr zuversichtlich darauf rechnen könnt, von ihnen verschont zu werden? Wir nähern uns sichtlich einer Krisis und dem Jahrhunderte der Revolutionen. Ich halte es für eine Unmöglichkeit, daß die großen Monarchien Europas noch lange bestehen können. Alle haben schon ihre Glanzepoche gehabt, und jeder Staat, welcher glänzt, geht seinem Untergange entgegen. Ich kann mich für meine Ansicht freilich auch noch auf speciellere Gründe als blos auf diese allgemeine Wahrheit berufen, aber es ist hier nicht der Ort davon zu reden, und Jeder kennt sie auch nur allzu gut.

Wer kann euch dafür bürgen, was dann aus euch werden wird? Was Menschen geschaffen haben, können Menschen auch wieder zerstören. Unauslöschlich sind nur die Charaktere, welche die Natur ihren Schöpfungen aufprägt, und sie schafft weder Fürsten noch Reiche, noch vornehme Herren. Was wird dann dieser Satrap, den ihr nur zur Pracht und Herrlichkeit erzogen habt, in seiner Niedrigkeit beginnen? Was wird das Loos dieses Generalpächters, der nur vom Golde zu leben versteht, in seiner Armuth sein? Was wird, von Allem entblößt, das Ende jenes schwelgerischen Schwachkopfes sein, der mit sich selbst nichts anzufangen weiß und beständig sein ganzes Wesen in etwas ihm völlig Fremdartiges versenkt? Glücklich alsdann derjenige, welcher den Muth besitzt, willig aus dem Stande, der ihm den Rücken wendet, herauszutreten und dem Schicksale zum Trotz ein ächter Mensch zu bleiben! Möge man jenen König, der, wenn er besiegt werden sollte, sich in trotzigem Muth unter den Trümmern seines Thrones begraben lassen will, immerhin rühmen und erheben, ich kann ihm nur meine Verachtung zollen; ich erkenne, daß seine Existenz nur an seine Krone geknüpft ist, und daß er nichts ist, wenn er nicht König ist. Wer sie aber verliert und auf sie zu verzichten weiß, der ist alsdann über die Krone erhaben. Von dem Range des Königs, den ein Feigling, ein Elender, ein Narr eben so wol wie ein Anderer einnehmen kann, steigt er zum Range des Menschen empor, dem nur Wenige Ehre zu machen wissen. Alsdann triumphirt er über das Schicksal, er trotzt demselben, er verdankt Alles nur sich allein; und wenn ihm nichts geblieben wäre, was er aufweisen könnte als sein eigenes Selbst, so ist er deshalb doch keine Null; er zählt mit, er ist ein Etwas. Fürwahr, hundertmal lieber ist mir jener König von Syrakus, der Schulmeister wurde, und der bekannte König von Macedonien, der in Rom sein Leben als Schreiber kümmerlich fristete, als ein unglücklicher Tarquin, der nicht weiß, was er anfangen soll, wenn ihm die Herrschaft genommen ist, oder als jener Erbe dreier Königreiche, Der Prinz Karl Eduard, der sogenannte Prätendent, Enkel Jacobs II., Königs von England, entthront im Jahre 1688.
Anmerkung des Herrn Petitain.
der als ein Spielball eines Jeden, welcher sich herausnimmt, seines Elendes zu spotten, von Hof zu Hof irrt, überall Hilfe sucht und überall mit beleidigender Kälte aufgenommen wird, weil er nichts als einen Beruf gelernt hat, dessen Ausübung nicht mehr in seiner Gewalt liegt.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.