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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Was für eine Hilfsquelle eröffnet diese thörichte Leidenschaft doch einem geschickten Manne, der es verstanden hat, sie nur hervorzurufen, um Nutzen aus ihr zu ziehen! Das Kind, voller Begierde sich ein Magazin für seine Insel anzulegen, wird beim Lernen größeren Eifer entfalten als der Lehrer beim Unterrichten. Es wird Alles, was nützlich ist, wissen wollen, aber auch nur dies wissen wollen. Ihr werdet jetzt nicht mehr nöthig haben, es anzuleiten, sondern werdet es vielmehr beständig zurückhalten müssen. Laßt uns übrigens Eile anwenden, es auf dieser Insel einzurichten, so lange sich sein Glück noch darauf beschränkt, denn schon nahet der Tag, wo es, wenn es überhaupt dort noch leben will, doch nicht allein wird auf ihr leben wollen, und wo Freitag, welcher ihm jetzt noch kein großes Interesse einflößt, ihm nicht mehr lange genügen wird.

Die Ausübung der natürlichen Künste, welche nur einen einzigen Menschen bedingt, führt uns dazu, uns auch mit den Künsten der Industrie bekannt zu machen, welche das Zusammenwirken mehrerer Hände erfordern. Erstere können durch Einsiedler, durch Wilde betrieben werden; letztere können dagegen nur der Gesellschaft ihre Entstehung verdanken und machen dieselbe nothwendig. So lange man nur das physische Bedürfniß kennt, ist sich jeder Mensch selbst genug, allein die Einführung des Überflüssigen erheischt unbedingt Theilung und Vertheilung der Arbeit; denn während ein Mensch, welcher für sich allein arbeitet, auch nur den Unterhalt für einen einzigen Menschen verdient, werden hundert Menschen, sobald sie ihre Arbeit gemeinschaftlich betreiben, einen Gewinn erzielen, der zum Unterhalte von zweihundert Personen ausreichend ist. Sobald sich also ein Theil der Menschen dem Müßiggange hingibt, muß die Vereinigung der arbeitenden Arme die Unthätigkeit der Feiernden ersetzen.

Mit größter Sorgfalt müßt ihr euch bemühen, von dem Geiste eures Zöglings alle Begriffe von socialen Verhältnissen fern zu halten, für die seine Fassungskraft noch nicht entwickelt genug ist. Nöthigt euch indeß die Verkettung der Kenntnisse, ihm die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen von einander nachzuweisen, so lenket, anstatt ihm dieselbe von der moralischen Seite zu zeigen, seine ganze Aufmerksamkeit sofort auf die Industrie und die mechanischen Künste, durch welche sich die Menschen gegenseitig Nutzen schaffen. Während ihr ihn von Werkstatt zu Werkstatt führt, dürft ihr dabei niemals dulden, daß er irgend welche Arbeit sehe, ohne selbst die Hand ans Werk zu legen, noch daß er aus derselben scheide, ohne den Grund von Allem, was hier gemacht wird, oder doch wenigstens von Allem, was er beobachtet hat, vollkommen zu kennen. Deshalb müßt ihr auch selbst arbeiten und ihm überall mit gutem Beispiele vorangehen. Um ihn zum Meister zu machen, spielet überall den Lehrling, und seid überzeugt, daß er aus einer Stunde Arbeit mehr Lehren schöpfen wird, als aus tagelangen Erläuterungen.

Der Werth, welchen man den verschiedenen Künsten gewöhnlich beilegt, steht in umgekehrtem Verhältnisse zu ihrem wirklichen Nutzen. Dieser Werth hängt sogar geradezu von der Unnützlichkeit derselben ab, und so muß es sein. Die nützlichsten Künste sind diejenigen, welche den geringsten Gewinn abwerfen, weil sich die Zahl der Arbeiter nach dem Bedürfnisse der Menschen richtet, und weil die Arbeiten, die Jedermann bedarf, notwendiger Weise einen Preis behaupten müssen, den auch der Arme zu bezahlen vermag. Jene wichtigen Leute dagegen, die nicht Handwerker, sondern Künstler heißen, setzen, weil sie eben einzig und allein für die Müßiggänger und Reichen arbeiten, einen völlig willkürlichen Preis auf ihre Spielereien. Da der Werth dieser nichtigen Arbeiten nur in der Einbildung besteht, so bildet selbst ihr Preis einen Theil dieses Werthes, und man schätzt sie nach Maßgabe der darauf verwandten Kosten. Der Werth, den der Reiche darauf legt, wird nicht durch ihren Nutzen bestimmt, sondern durch den Umstand, daß der Arme sie nicht bezahlen kann. Nolo habere bona, nisi quibus populus inviderit. (Ich will nur Güter besitzen, um welche mich das Volk beneidet.)

Was wird aus euren Zöglingen werden, wenn ihr zugebet, daß sich dieses thörichte Vorurtheil in ihnen einnistet, wenn ihr dasselbe sogar begünstigt, wenn sie zum Beispiel sehen, daß ihr in den Laden eines Goldschmiedes mit größerer Achtung eintretet als in die Werkstätte eines Schlossers? Welches Urtheil werden sie sich über das wahre Verdienst der Künste und den wirklichen Werth der Dinge bilden, wenn sie überall wahrnehmen, daß der Preis, den die Einbildung festsetzt, mit dem im Widerspruche steht, der dem wirklichen Nutzen entspricht, und wenn sie dadurch zu der Einsicht gelangen, daß eine Sache desto mehr kostet, je weniger sie werth ist? In dem nämlichen Augenblicke, wo ihr solche Ideen sich in ihrem Kopfe festsetzen laßt, könnt ihr nur gleich ihre weitere Erziehung aufgeben; wider euren Willen werden sie doch nur wie alle Uebrigen erzogen werden; ihr habt vierzehn Jahre Arbeit verloren.

Emil, der nur darauf sinnt, seine Insel gut auszustatten, wird die Dinge mit anderen Augen ansehen. Robinson würde dem Laden eines Zeugschmiedes einen weit höheren Werth beigemessen haben, als allen Schnurrpfeifereien des Saïde. Ersterer wäre ihm als ein sehr achtbarer Mann, letzterer als ein erbärmlicher Charlatan erschienen.

»Mein Sohn ist bestimmt, einst in der Welt zu leben; er wird sich nicht unter Weisen, sondern unter Thoren zu bewegen haben; er muß folglich ihre Thorheiten kennen, da sie sich nur durch diese leiten lassen. Die wirkliche Kenntniß der Dinge kann unstreitig vortheilhaft sein, aber die Kenntniß der Menschen und ihrer Urtheile hat einen noch ungleich höheren Werth. In der menschlichen Gesellschaft ist der Mensch einmal das wichtigste Werkzeug des Menschen, und der wird der Weiseste sein, welcher sich dieses Werkzeuges am besten zu bedienen versteht. Wozu kann es dienen, die Kinder mit der Idee einer nur imaginären Ordnung der Dinge bekannt zu machen, die der herkömmlichen, in welche sie wirklich eintreten und nach der sie sich richten müssen, völlig entgegengesetzt ist? Zunächst lehrt sie weise sein, und später könnt ihr sie dann auch lehren, sich ein richtiges Urtheil zu bilden, in welchen Punkten die Anderen Thoren sind.«

Das sind die Scheingründe, durch welche sich die Afterweisheit der Väter bestimmen läßt, ihre Kinder zu Sklaven der Vorurtheile, die sie ihnen selber erst einimpfen, und sogar zu Spielbällen der unvernünftigen Menge zu machen, die sie als willenloses Werkzeug ihrer Leidenschaften zu brauchen gedenken. Wie vieles muß man vorher kennen lernen, bis man zur rechten Menschenkenntniß gelangt! Der Mensch ist das letzte Studium des Weisen, und ihr verlangt, es müsse bei Kindern das erste sein! Ehe ihr sie über unsere Empfindungen belehrt, müßt ihr sie befähigen, dieselben recht zu würdigen. Heißt das etwa eine Thorheit kennen, wenn man sie für Vernunft hält? Um weise zu sein, muß man es von dem zu unterscheiden vermögen, was es nicht ist. Wie soll denn euer Kind die Menschen kennen, wenn es weder ihre Meinungen zu beurtheilen noch ihre Irrthümer zu erkennen versteht? Es ist ein Unglück, die Gedanken der Menschen zu kennen, wenn man nicht weiß, ob diese Gedanken richtig oder falsch sind. Lehrt es deshalb zuerst, was die Dinge an sich sind; später könnt ihr es dann auch damit bekannt machen, was sie in unsern Augen sind. Nur auf diese Weise wird ihm ein Vergleich zwischen vorgefaßter Meinung und Wahrheit möglich sein, und wird es sich über den großen Haufen erheben können; denn sobald man die Vorurtheile annimmt, kennt man sie eben nicht, und leitet das Volk nicht, wenn man ihm gleicht. Beginnt ihr indeß damit, es über die öffentliche Meinung zu unterrichten, ehe ihr es angehalten habt, sie zu würdigen, so könnt ihr euch versichert halten, daß es dieselbe, was ihr auch immer dagegen thun mögt, annehmen wird, und daß ihr sie nie wieder werdet ausrotten können. Ich ziehe daraus den Schluß, daß man, um einen jungen Mann verständig zu machen, sein Urtheil bilden muß, anstatt ihm das unserige aufzudrängen.

Ihr seht, daß ich mit meinem Zöglinge bis jetzt noch nicht über die Menschen geredet habe; er hätte zu viel gesunde Vernunft besessen, um mich verstehen zu können. Seine Beziehungen zu seiner Gattung sind ihm noch nicht wahrnehmbar genug, um im Stande zu sein, Andere nach sich selbst zu beurtheilen. Außer sich kennt er noch kein menschliches Wesen; ja er ist sogar noch weit davon entfernt, sich selbst zu kennen. Wenn er aber auch nur wenige Urtheile über seine Person fällt, so sind dieselben dafür wenigstens immer richtig. Es ist ihm unbekannt, welche Stellung Andere einnehmen, aber seine eigene kennt und behauptet er. Nicht durch die socialen Gesetze, die er nicht kennen kann, haben wir ihn eingeschränkt, sondern durch die Fesseln der Notwendigkeit. Er ist bis jetzt fast nur noch ein physisches Wesen; wir wollen fortfahren, ihn als ein solches zu behandeln.

Emil soll alle Naturkörper und alle Arbeiten der Menschen nach ihren wahrnehmbaren Beziehungen auf seinen Nutzen, seine Sicherheit, seine Erhaltung und sein Wohlbefinden schätzen. Deshalb muß das Eisen in seinen Augen einen weit höheren Werth haben als das Gold, und das Glas einen höheren als der Diamant. Eben so steht bei ihm ein Schuhmacher und ein Maurer in weit höherer Achtung als ein Lempereur, ein le Blanc und alle Juweliere Europas; vor Allem aber ist ein Kuchenbäcker in seinen Augen eine höchst wichtige Persönlichkeit, und er würde keinen Anstand nehmen, die ganze Academie der Wissenschaften für den geringsten Zuckerbäcker der Rue des Lombards dahin zu geben. Goldarbeiter, Graveure, Vergolder, Sticker sind nach seinem Dafürhalten nur Faulenzer, die mit völlig unnützen Spielereien die Zeit verlieren; selbst der Uhrmacherkunst legt er keinen sonderlichen Werth bei. Das glückliche Kind genießt die Zeit, ohne ihr Sklave zu sein; es wendet sie nützlich an, obwol es ihren Werth nicht kennt. Das Schweigen der Leidenschaften, in Folge dessen ihm die Zeit stets gleichmäßig verfließt, ersetzt ihm ein Kunstwerk, durch welches er dieselbe nach Bedürfniß messen und eintheilen kann. Die Zeit verliert für uns ihr Maß, wenn unsere Leidenschaften ihren Lauf willkürlich regeln wollen. Die Uhr des Weisen ist sein Gleichmuth und sein Seelenfriede. Jede Stunde ist für ihn die rechte, und er kennt dieselbe stets. Als ich von Emil's Uhr redete, und eben so als ich erzählte, er hätte geweint, stellte ich ihn mir, um Nutzen zu stiften und mich verständlich zu machen, als ein gewöhnliches Kind vor; denn mein wirklicher Emil, der ein von allen übrigen so verschiedenes Kind ist, würde mir in keiner Beziehung als Beispiel dienen können.

Es gibt eine nicht weniger natürliche und außerdem noch vernünftigere Ordnung und Reihenfolge, bei welcher man die Künste nach ihren notwendigen Beziehungen zu einander betrachtet, indem man den unabhängigsten den ersten, und denjenigen, welche von einer größeren Anzahl anderer abhängen, den untersten Rang einräumt. Diese Ordnung, welche uns zu wichtigen Betrachtungen über die in der allgemeinen menschlichen Gesellschaft herrschende Veranlassung gibt, ist der vorigen ähnlich und muß sich dieselbe Verdrehung in der Schätzung der Menschen gefallen lassen, so daß also die Verarbeitung der Rohstoffe in den Händen solcher Gewerke liegt, denen dafür keine Ehre zu Theil wird und die dadurch nur geringen Gewinn erzielen, während jede Handarbeit desto mehr Ehre und Gewinn einerntet, je mehr Hände daran betheiligt sind. Ich will hier nicht untersuchen, ob es wirklich wahr ist, daß der Gewerbefleiß bei den feineren Künsten, welche an diese Stoffe die letzte Feile legen, mehr Geschicklichkeit voraussetzt und eine höhere Belohnung verdiene, als bei der ersten Bearbeitung, welche sie zum Gebrauche der Menschen tauglich macht; aber so viel behaupte ich, daß die Kunst, deren Erzeugnisse am verbreitetsten und am unentbehrlichsten sind, unstreitig in jeder Beziehung die höchste Achtung verdient, und daß diejenige, welche am wenigsten auf die Unterstützung anderer Künste angewiesen ist, sie in noch höherem Grade verdient als die untergeordneten, weil sie freier und nahezu unabhängig ist. Dies sind die wahren Regeln zur Würdigung der Künste und des Gewerbefleißes; alles Uebrige beruht auf Willkür und ist von Vorurtheilen abhängig.

Die erste und ehrwürdigste aller Künste ist der Ackerbau; der Schmiedekunst würde ich den zweiten Rang, dem Zimmerhandwerke den dritten einräumen, und so fort. Ein Kind, welches durch die allgemeinen Vorurtheile noch nicht verführt ist, wird genau eben so urtheilen. Zu welchen wichtigen Betrachtungen in Bezug auf diesen Punkt wird unser Emil nicht in seinem Robinson Veranlassung finden! Zu welchen Gedanken wird er angeregt werden, wenn er sieht, daß sich die Künste nur dadurch vervollkommnen, daß sie sich theilen und ihre Werkzeuge nach allen Richtungen hin bis ins Unendliche vervielfältigen? Er wird sich sagen: »In den Erfindungen aller dieser Leute spricht sich eine große Thorheit aus; fast scheint es, sie fürchteten sich, von ihren Armen und Fingern Gebrauch zu machen, so viel Werkzeuge klügeln sie aus, um jener entbehren zu können. Um eine einzige Kunst zu betreiben, sehen sie sich auf die Unterstützung tausend anderer angewiesen. Jeder einzelne Handwerker hat eine ganze Stadt nöthig. Was meinen Kamerad und mich dagegen anlangt, so bieten wir alle unsere Geisteskräfte nur zur Erhöhung unserer Geschicklichkeit auf. Wir verfertigen uns Werkzeuge, welche wir überall bei uns tragen können. Alle diese Leute, welche hier in Paris so stolz auf ihre Talente sind, würden auf unserer Insel nichts vermögen und gezwungen sein, bei uns erst in die Schule zu gehen.«

Lieber Leser, halte dich hier nicht dabei auf, dir die körperlichen Uebungen und die Geschicklichkeit der Hände unseres Zöglings zu betrachten, sondern bringe in Anschlag, welche Richtung wir seiner kindlichen Wißbegierde geben, berücksichtige seinen Verstand, seinen erfinderischen Geist, seine Voraussicht; überlege, was für einen Kopf wir aus ihm machen wollen. Bei Allem, was er sieht, bei Allem, was er thut, wird er stets Alles bis ins Kleinste wissen und den Grund von Allem erfahren wollen. Er wird von Werkzeug zu Werkzeug bis auf das erste zurückgehen wollen. Nichts wird er auf bloße Voraussetzung hin annehmen. Er würde unweigerlich die Erwerbung von Kenntnissen ablehnen, die Vorkenntnisse voraussetzten, welche ihm fehlten. Wenn er eine Stahlfeder verfertigen sieht, so wird er wissen wollen, wie der Stahl aus dem Bergwerke gewonnen wird; sieht er, wie eine Kiste aus den einzelnen Stücken zusammengesetzt wird, so wird er wieder wissen wollen, wie der Baum gefällt worden ist; arbeitet er selbst, so wird er nicht unterlassen, sich bei jedem Werkzeuge, dessen er sich bedient, zu fragen: »Wie müßte ich es anfangen, um mir, falls ich dieses Werkzeug nicht hätte, ein ähnliches zu machen, oder um ohne dasselbe auszukommen?«

Ein für den Lehrer schwer zu vermeidender Irrthum besteht übrigens darin, daß er bei solchen Beschäftigungen, für die er sich selbst in hohem Grade interessirt, nur zu häufig auch bei dem Kinde die gleiche Vorliebe voraussetzt. Seid ja auf eurer Hut, daß sich dasselbe nicht etwa, während euch die Freude an der Arbeit mit fortreißt, inzwischen langweile, ohne daß es wagt, euch dies bemerkbar zu machen. Das Kind muß ganz bei der Sache, ihr aber müßt ganz bei dem Kinde sein, müßt es beobachten, müßt es, ohne daß es auffällig wird, unablässig belauschen, alle seine Empfindungen im Voraus ahnen und es von denen, die es nicht haben soll, ablenken, kurz, ihr müßt es derart beschäftigen, daß es nicht allein fühlt, es sei bei der Arbeit von Nutzen, sondern daß es auch an derselben Gefallen habe, weil es genau einsieht, wozu das, was es thut, dienlich ist.

Die Genossenschaft der Künste besteht in dem Austausch der gewerblichen Erzeugnisse, die Genossenschaft des Handels im Austausch der Waaren und die der Banken im Austausch von Werthzeichen und Geld. Alle diese Ideen stehen mit einander im Einklange, und die Elementarbegriffe sind schon gewonnen. Den Grund zu alledem haben wir mit Hilfe des Gärtners Robert schon in Emils frühester Jugend gelegt. Jetzt bleibt uns nur noch übrig, diese nämlichen Begriffe zu verallgemeinern und auf mehr Beispiele auszudehnen, um ihm den Handel an sich begreiflich zu machen. Wird er nun noch mit Einzelheiten aus der Naturgeschichte, die sich auf die einem jeden Lande eigenthümlichen Producte beziehen, und mit Einzelheiten aus dem Gebiete der Künste und Wissenschaften, welche die Schifffahrt betreffen, bekannt gemacht, schildert man ihm auch endlich noch die größeren oder geringeren Schwierigkeiten des Transportes, die durch die Lage der Länder, Meere, Flüsse u. s. w. bedingt werden, so ist ihm damit ein völlig anschauliches Bild gegeben.

Keine Genossenschaft kann ohne Austausch, kein Austausch ohne gemeinsames Maß und kein gemeinsames Maß ohne Gleichheit bestehen. Das erste Gesetz in jeder gesellschaftlichen Vereinigung muß deshalb irgend eine, auf dem allgemeinen Uebereinkommen beruhende oder conventionelle Gleichheit sein, gleichviel, ob in Bezug auf die Menschen oder in Bezug auf die Dinge.

Die conventionelle Gleichheit unter den Menschen, die sich von der natürlichen Gleichheit wesentlich unterscheidet, macht das positive Recht nothwendig, d. h. Regierung und Gesetze. Die politischen Kenntnisse eines Kindes müssen klar und begrenzt sein. Deshalb darf es hinsichtlich der Regierung im Allgemeinen nur über das belehrt werden, was sich auf das Eigentumsrecht, wovon es ja bereits einen gewissen Begriff hat, bezieht.

Die conventionelle Gleichheit unter den Dingen ist die Veranlassung zur Erfindung des Geldes gewesen, denn das Geld ist nur ein Begriff zur Vergleichung des Werthes verschiedenartiger Dinge, und in diesem Sinne ist das Geld das wahre Band der Gesellschaft. Indeß kann Alles als Geld dienen. Ehemals galt das Vieh als solches, und noch heutigen Tages spielen Muschelschalen bei mehreren Völkern die Rolle desselben. In Sparta schlug man aus Eisen Geld, in Schweden aus Kupfer; wir verwenden dazu Gold und Silber.

Wegen der Leichtigkeit ihres Transportes sind die Metalle allgemein als Tauschmittel gewählt worden, und um sich beim Tausche das jedesmalige Messen oder Abwägen zu ersparen, hat man sie zu Münzen ausgeprägt; denn in dem Gepräge der Münzen ist gleichsam nur eine Bescheinigung ausgesprochen, daß das in vorliegender Form ausgeprägte Stück das vereinbarte Gewicht wirklich besitzt. Das Münzrecht steht nur dem Fürsten zu, da er allein zu verlangen das Recht hat, daß sein Zeugniß unter einem ganzen Volke keinem Zweifel unterliegt.

Auch der Beschränkteste wird den Nutzen dieser Erfindung einsehen, wenn er ihm in der angegebenen Weise erklärt wird. Es ist außerordentlich schwierig, Dinge von ganz verschiedener Natur, z.B. Tuch und Getreide, unmittelbar mit einander zu vergleichen; sobald man jedoch ein gemeinsames Maß, wie das Geld, gefunden hat, so fällt es dem Fabrikanten wie dem Landmanne leicht, den Werth der Gegenstände, die sie eintauschen wollen, nach diesem gemeinsamen Maße zu berechnen. Kostet eine gewisse Ellenzahl Tuch eine gewisse Summe Geldes, und gilt wiederum eine bestimmte Quantität Getreide eben so viel, so läßt sich daraus der Schluß ziehen, daß der Kaufmann, welcher dies Getreide für sein Tuch in Empfang nimmt, einen dem wirklichen Werthe entsprechenden Tausch macht. Vermittelst des Geldes werden auf diese Weise die verschiedenartigsten Güter meßbare Größen und können mit einander verglichen werden.

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