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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Ich könnte mit ihm von dem Nutzen des Reisens reden, von den Vorteilen des Handels, von den unter jedem Himmelsstriche vorkommenden Producten, von den Sitten der verschiedenen Völker, vom Gebrauche des Kalenders, von der für die richtige Betreibung des Ackerbaues nöthigen Berechnung der Wiederkehr der Jahreszeiten, von der Kunst der Schifffahrt, von der Kunst, sich auf dem Meere, ohne daß man weiß, wo man sich befindet, zurecht zu finden und seine Fahrt genau zu verfolgen. Politik, Naturgeschichte, Astronomie, sogar Moral und Völkerrecht ließen sich dergestalt in meine Rede verweben, daß ich meinem Zöglinge eine hohe Idee von allen diesen Wissenschaften und ein lebhaftes Verlangen, sie zu lernen, einflößen könnte. Hätte ich mich aber in dieser Weise geäußert, so würde mein Vortrag doch nichts weiter als die prahlerische Auskramung eines wahren Pedanten sein, von der mein Zögling auch keinen einzigen Begriff wirklich verstanden hätte. Er hätte große Lust, mich abermals zu fragen, welchen Vortheil die Kunst sich zu orientiren brächte, würde es aber aus Furcht, mich dadurch zu kränken, nicht wagen. Er würde es für vorteilhafter finden, sich zu stellen, als ob er das, was er gezwungener Weise hat anhören müssen, verstände. So geht es bei dieser schönen Erziehungsweise zu.

Aber unser Emil, der eine mehr bäuerische Erziehung erhalten hat, und den wir mit vieler Mühe dahin zu bringen suchen, schwer zu begreifen, wird das Alles gar nicht anhören. Bei dem ersten Worte, das er nicht versteht, wird er davonlaufen, sich ausgelassen im Zimmer umhertummeln und mich meine hochtrabende Rede allein halten lassen. Wir müssen uns nach einer drastischeren Lösung umsehen. Mein wissenschaftlicher Apparat hat in seinen Augen keinen Werth.

Als mich mein Zögling durch die ungelegene Frage: »Wozu dient das?« unterbrach, untersuchten wir gerade die Lage des Waldes nördlich von Montmorency. »Du hast Recht,« versetzte ich; »wir wollen in Muße darüber nachdenken, und finden wir, daß diese Arbeit keinen Vorteil bringt, so wollen wir sie nicht wieder aufnehmen, denn es fehlt uns keineswegs an nützlichem Zeitvertreibe.« Wir beschäftigen uns darauf mit etwas Anderem, und während des übrigen Theils des Tages ist von Geographie nicht weiter die Rede.

Am folgenden Morgen schlage ich ihm, noch ehe wir unser Frühstück eingenommen haben, einen Spaziergang vor. Mit Freuden geht er darauf ein; zum Laufen sind Kinder stets bereit, und Emil ist namentlich gut zu Fuße. Wir begeben uns nach dem Walde, durchwandern Auen und Wiesen, verirren uns jedoch dabei und wissen schließlich nicht mehr, wo wir uns befinden. Als wir uns nun zur Rückkehr entschließen, können wir unsern Weg nicht wiederfinden. Die Zeit verstreicht, es wird heiß, wir empfinden Hunger. Wir beeilen uns und irren vergeblich bald in dieser, bald in jener Richtung fort. Ueberall stoßen wir auf nichts als Wald, Steinbrüche, hier und da auch wol auf eine ausgerodete Stelle, aber nirgends entdecken wir etwas, wonach wir uns zu orientiren vermöchten. Schweißtriefend, abgemattet und ausgehungert verirren wir uns trotz unseres Hin- und Herlaufens nur noch mehr. Endlich setzen wir uns, um ein wenig auszuruhen und zu überlegen. Emil, von dem ich einmal annehmen will, daß er wie ein anderes Kind erzogen sei, ist nicht zu Ueberlegungen aufgelegt, sondern weint. Er weiß nicht, daß wir uns dicht vor dem Thore von Montmorency befinden, welches uns nur ein einfaches Gebüsch verbirgt. Aber in seinen Augen bildet dieses Gebüsch einen förmlichen Wald; ein Kind seiner Größe ist schon in einem bloßen Gebüsche wie begraben.

Nach einem kurzen Stillschweigen sage ich mit unruhiger Miene zu ihm: Mein lieber Emil, wie in aller Welt sollen wir es nur anstellen, um hier herauszukommen?

Emil (schweißtriefend und heiße Thränen vergießend). Ich weiß es nicht. Ich bin müde; mich plagt Hunger und Durst; ich kann nicht mehr weiter.

Johann Jacob. Glaubst du etwa, daß mir besser zu Muthe ist? Und meinst du nicht, daß ich auch weinen würde, wenn ich von meinen Thränen satt werden könnte? Weinen kann uns nichts helfen; es kommt darauf an, daß wir uns zurecht finden. Sieh nach deiner Uhr. Wie spät ist es schon?

Emil. Es ist Mittag, und ich bin noch nüchtern.

Johann Jacob. In der That, es ist schon Mittag, und ich bin noch nüchtern.

Emil. Ach, was für Hunger Sie haben müssen!

Johann Jacob. Leider wird mich mein Mittagbrod hier nicht aufsuchen. Mittag! Das ist gerade dieselbe Stunde, in welcher wir gestern von Montmorency aus die Lage des Waldes beobachteten. Wenn wir nun im Stande wären, in ähnlicher Weise von dem Walde aus die Lage von Montmorency zu beobachten, so ....

Emil. Ja; aber gestern sahen wir den Wald, während wir von hier aus die Stadt nicht zu erblicken vermögen.

Johann Jacob. Das ist freilich ein Uebelstand ... Wenn wir nun aber die Stadt, um ihre Lage zu finden, gar nicht zu sehen brauchten!

Emil. O, mein Freund, wie sollte das zugehen?

Johann Jacob. Sagten wir nicht, der Wald läge ...

Emil. Nördlich von Montmorency.

Johann Jacob. Demnach muß auch Montmorency ...

Emil. Südlich vom Walde liegen.

Johann Jacob. Wir haben ja, dächte ich, ein Mittel, Mittags den Norden zu finden.

Emil. Gewiß, durch die Richtung des Schattens.

Johann Jacob. Wie sollen wir nun aber den Süden auffinden?

Emil. Ja, wie läßt sich das anstellen?

Johann Jacob. Der Süden ist doch dem Norden entgegengesetzt.

Emil. Das ist wahr. Es kommt blos darauf an, daß wir die Richtung, welche dem Schatten entgegengesetzt ist, aufsuchen. Ja, da ist der Süden, da ist der Süden! Sicherlich liegt Montmorency nach dieser Richtung hin. Wir wollen es auf dieser Seite suchen.

Johann Jacob. Du kannst Recht haben; wir wollen diesen Fußpfad durch das Gehölz einschlagen.

Emil (in die Hände klatschend und ein Freudengeschrei ausstoßend). Ach, ich sehe Montmorency! Es liegt ganz frei und offen gerade vor uns. Lassen Sie uns zu unserm Frühstück und Mittagsessen eilen! Die Astronomie ist doch zu etwas gut.

Sollte er letzteres Bekenntniß auch nicht in dürren Worten ablegen, so könnt ihr euch doch davon überzeugt halten, daß er es bei sich denken wird. Darauf kommt übrigens wenig an, wenn ich es nur nicht in Worte kleide. Ihr könnt versichert sein, daß er die Lection dieses Tages sein Leben lang nicht vergessen wird, während meine Rede, sobald ich ihm über dies Alles nur in seinem Zimmer einen Vortrag gehalten hätte, schon am nächsten Tage wieder vergessen wäre. Man muß sich so viel als möglich durch die That zu reden bestreben und nur das sagen, was zu thun unmöglich ist.

Der Leser wird mich nicht im Verdacht haben, daß ich eine so geringschätzende Meinung von ihm hege, um ihm über jeden Wissenszweig ein besonderes Beispiel zu geben; um was es sich aber auch immer handeln möge, so kann ich dem Lehrer nie dringend genug an das Herz legen, seine Beweise stets mit der Fassungskraft seines Zöglings in Einklang zu bringen; denn, noch einmal sei es gesagt, der Uebelstand beruht nicht darin, daß derselbe etwas nicht versteht, sondern darin, daß er es sich zu verstehen einbildet.

Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich einst einem Kinde, dem ich Liebe zur Chemie einflößen wollte, erst einige metallische Niederschläge zeigte und darauf die Bereitung der Tinte erklärte. Ich sagte ihm, daß ihre Schwärze von sehr fein zertheiltem Eisen, welches durch Vitriol aufgelöst und durch eine alkalische Flüssigkeit niedergeschlagen wäre, hervorgerufen würde. Mitten in meiner gelehrten Erklärung unterbrach mich hinterlistiger Weise der kleine Bursche auf einmal mit der erwähnten Frage, die ich ihn zu stellen selbst angehalten hatte und setzte mich dadurch in nicht geringe Verlegenheit.

Nach kurzer Ueberlegung verfiel ich auf folgenden Ausweg. Ich ließ eine Flasche Wein aus dem Keller des Hausherrn und eine andere zu acht Sous von einem Weinhändler holen. In ein kleines Fläschchen goß ich eine Lösung von Kali und sagte darauf, nachdem ich erst noch zwei Gläser mit diesen beiden verschiedenen Weinsorten vor mich hingestellt hatte, Bei jeder Erläuterung, welche man dem Kinde geben will, dient eine vorausgehende etwas umständliche Vorbereitung im hohen Grade dazu, seine Aufmerksamkeit zu erregen. zu ihm:

»Man verfälscht verschiedene Lebensmittel, um sie besser erscheinen zu lassen, als sie sind. Diese Verfälschungen täuschen das Auge und den Geschmack; aber sie sind schädlich und machen die verfälschte Sache ungeachtet ihres schönen Aussehens schlechter, als sie vorher war.«

»Namentlich verfälscht man die Getränke und hauptsächlich die Weine, weil bei ihnen der Betrug schwerer zu erkennen ist und dem Betrüger einen größeren Gewinn einbringt.«

»Die Verfälschung der herben oder sauren Weine geschieht durch Glätte; die Glätte ist aber ein Bleipräparat. Blei, welches mit Säuren verbunden ist, bildet ein sehr süßes Salz, das dem Geschmack die Säure des Weines weniger bemerkbar macht, aber gleichzeitig für diejenigen, welche ihn trinken, ein Gift ist. Es ist also von großer Wichtigkeit, daß man, ehe man verdächtigen Wein trinkt, sich davon überzeuge, ob er mit Glätte versetzt sei oder nicht. Und nun gib Obacht, wie ich es mache, um dies zu entdecken!«

»Der Saft der Weintraube enthält nicht nur einen brennbaren Weingeist, wie du aus dem Brantwein abnehmen kannst, den man daraus bereitet, sondern er enthält auch eine Säure, wie du aus dem Weinessig und Weinstein, welche man gleichfalls daraus gewinnt, erkennen kannst.«

»Diese Säure hat mit metallischen Substanzen Verwandtschaft, löst sie auf und bildet in Verbindung mit ihnen ein zusammengesetztes Salz. So ist zum Beispiel der Rost nichts Anderes als Eisen, das durch die in der Luft oder in dem Wasser enthaltene Säure aufgelöst ist, und eben so ist der Grünspan durch Essig aufgelöstes Kupfer.«

»Aber diese nämliche Säure hat mit den alkalischen Substanzen noch mehr Verwandtschaft als mit den metallischen Substanzen, so daß vermittelst der ersteren die Säure in den zusammengesetzten Salzen, deren ich so eben Erwähnung gethan habe, gezwungen wird, sich von dem Metalle, mit dem sie verbunden ist, zu lösen, um sich mit dem Alkali zu verbinden.«

»Jetzt setzt sich die metallische Substanz, nachdem sie von der Säure, die sie gebunden hatte, befreit ist, und macht die Flüssigkeit trübe.«

»Wenn also eine von diesen beiden Weinsorten hier mit Glätte versetzt ist, so hält seine Säure die Glätte gebunden. Sobald ich nun aber von unserer alkalischen Flüssigkeit etwas hineingieße, so wird dieselbe die Säure zwingen, ihre Beute wieder frei zu lassen; das Blei, welches nicht länger in gebundenem Zustande verharrt, wird wieder als solches erscheinen, die Flüssigkeit trüben und endlich auf dem Boden des Glases einen Niederschlag bilden.«

»Ist jedoch im Weine weder Blei Obgleich nicht alle Weine, welche man flaschenweise bei Weinhändlern in Paris kauft, mit Glätte versehen sind, so sind sie dessenungeachtet selten ganz von Blei frei, weil die Gefäße dieser Kaufleute mit diesem Metalle belegt sind, und weil der in ein solches Maß gegossene Wein dadurch, daß er über das Blei hinwegläuft oder sogar längere Zeit über demselben stehen bleibt, stets einen Theil davon auflöst. Auffallend ist es, daß ein so offenbarer und so gefährlicher Mißbrauch von der Polizei geduldet wird. Aber freilich ist es ja wahr, daß die wohlhabenden Leute, die solche Weinsorten nicht leicht trinken, nur im geringen Grade der Gefahr ausgesetzt sind, vergiftet zu werden. noch irgend ein anderes Metall enthalten, so wird sich das Alkali ruhig Die vegetabilische Säure übt eine schwache Wirkung aus. Wenn es mineralische und noch dazu wenig verdünnte Säure wäre, so würde die Vereinigung nicht ohne Aufbrausen vor sich gehen. mit der Säure verbinden; Alles wird in aufgelöstem Zustande bleiben und es wird sich kein Niederschlag bilden.«

Hierauf goß ich etwas von meiner alkalischen Flüssigkeit nach einander in die beiden Gläser; der dem Keller des Hausherrn entnommene Wein blieb hell und klar, der andere wurde dagegen auf der Stelle trübe, und nach Verlauf einer Stunde konnte man den Niederschlag des Bleies auf dem Boden des Glases deutlich gewahren.

»Hier kannst du es nun selber sehen,« fuhr ich fort, »dieser Wein ist natürlich und rein und man darf unbesorgt von ihm trinken, jener aber ist verfälscht und enthält Gift. Dies läßt sich eben vermittelst der Kenntnisse nachweisen, nach deren Nutzen du mich fragst. Wer die Bereitung der Tinte versteht, vermag auch die verfälschten Weine zu erkennen.«

Ich war mit meinem Beispiele sehr zufrieden, und nichts desto weniger fiel es mir auf, daß es auf das Kind nicht den geringsten Eindruck hervorgebracht hatte. Ich brauchte einige Zeit, um zu der Einsicht zu gelangen, daß ich doch nur eine Thorheit begangen hatte; denn ganz abgesehen davon, daß es einem Kinde im Alter von zwölf Jahren völlig unmöglich sein mußte, meiner weitläufigen Erklärung zu folgen, so konnte ihm auch der Nutzen dieser Erfahrung nicht zum Verständniß kommen, weil es beide Weinsorten gekostet, beide für gut befunden hatte und deshalb auch nicht im Stande war, mit dem Worte Verfälschung, welches ich ihm so gut erklärt zu haben meinte, irgend einen Begriff zu verbinden. Die anderen Wörter »ungesund« und »Gift« hatten für dasselbe ebenfalls keinen Sinn. Es befand sich dabei in dem Falle des erwähnten Kindes, welches die Geschichte von dem Arzte Philippus vortrug, und so wird es allen Kindern ergehen.

Das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung, deren Verkettung wir nicht wahrnehmen, die Güter und die Uebel, von denen wir keine Vorstellung haben, die Bedürfnisse, welche wir noch nie empfunden haben, existiren für uns nicht. Es ist unmöglich, uns dazu zu vermögen, etwas zu thun, was auf sie Bezug hat. Im Alter von fünfzehn Jahren betrachtet man das Glück eines Weisen wie mit dreißig Jahren die Herrlichkeit des Paradieses. Hat man von dem Einen eben so wenig ein rechtes Verständniß wie von dem Andern, so wird man es sich auch wenig angelegen sein lassen, sie zu erwerben; ja sogar wenn man mit ihnen eine richtige Vorstellung verbände, würde man sich ihre Erlangung doch wenig Anstrengung kosten lassen, wenn man kein Verlangen nach ihnen hätte, wenn Einem nicht das Gefühl sagte, daß sie ihm dienlich wären. Es ist leicht, in einem Kinde den Glauben zu erwecken, daß das, worüber man es unterrichten will, nützlich sei; aber eine solche blos äußerliche Ueberredung ist werthlos, man muß es zu überzeugen verstehen. Vergebens nöthigt uns die ruhige Vernunft Beifall oder Tadel ab, zum Handeln treibt uns erst die Leidenschaft; und wie kann man für Dinge, für welche noch kein Interesse in uns erwacht ist, in Leidenschaft gerathen?

Lenket die Aufmerksamkeit des Kindes nie auf etwas, was es nicht einzusehen vermag. So lange ihm die Menschheit noch beinahe völlig fremd ist, könnt ihr es nicht auf den Standpunkt des Mannes erheben und deshalb müßt ihr ihm zu Liebe den Mann auf den Standpunkt der Kindheit stellen. Obwol ihr das, was ihm in einem späteren Alter nützlich sein kann, nicht aus den Augen lassen dürft, so redet dennoch mit ihm nur von dem, dessen Nutzen es schon jetzt einsieht. Uebrigens nie Vergleichungen mit anderen Kindern, keine Rivalen, keine Nebenbuhler, nicht einmal im Laufen, sobald es mit Vernunft zu handeln beginnt! Hundertmal lieber ist es mir, daß es das, was es doch nur aus Eifersucht oder Eitelkeit lernen würde, gar nicht lernt. Ich werde nur alljährlich die Fortschritte andeuten, die es gemacht hat, und sie mit denen des folgenden Jahres vergleichen. Ich werde zu ihm sagen: »Du bist jetzt wieder um so und so viel Linien gewachsen; über diesen Graben konntest du springen, eine so große Last vermochtest du zu tragen, einen Stein so weit zu werfen, eine so große Strecke in einem Athem zu laufen, u.s.w. Laß jetzt aber einmal sehen, was du nun zu leisten im Stande bist.« Auf diese Weise sporne ich es an, ohne seine Eifersucht gegen irgend Jemand zu erregen. Es wird sich selbst übertreffen wollen, und das soll es. Ich vermag keinen Nachtheil darin zu erblicken, daß es sein eigener Nebenbuhler sei.

Ich hasse die Bücher; sie lehren uns nur über Dinge reden, die man nicht versteht. Es wird erzählt, daß Hermes die Elemente der Wissenschaften auf Säulen eingegraben habe, um seine Entdeckungen vor einer neuen Sündflut zu schützen. Wenn er sie jedoch den Köpfen der Menschen richtig eingeprägt hätte, so würden sie sich durch mündliche Überlieferung erhalten haben. Gut vorbereitete Gehirne bilden die Monumente, auf welchen sich die menschlichen Kenntnisse am sichersten eingraben lassen.

Sollte denn kein Mittel vorhanden sein, die große Anzahl der in so vielen Büchern zerstreuten Lehren zusammenzustellen und so zu vereinen, daß sie einem gemeinsamen Zwecke dienen, der leicht kenntlich und interessant zu verfolgen wäre und selbst dieses Alter anzuspornen vermöchte? Könnte man eine Lage ausfindig machen, in welcher alle natürlichen Bedürfnisse des Menschen in einer auch dem Geiste eines Kindes wahrnehmbaren Weise klar hervorträten, und in welcher sich gleichzeitig die Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse nach und nach mit derselben Leichtigkeit entwickelten, so müßte man an einer lebendigen und ungekünstelten Schilderung dieses Zustandes seine Einbildungskraft gleich zuerst zu üben suchen.

Feuriger Philosoph, ich sehe schon, wie die deinige sich entzündet. Doch gib dir keine vergebliche Mühe! Diese Lage ist schon gefunden, sie ist geschildert und, ohne dir Unrecht zu thun, weit besser, als du selbst sie würdest zu schildern vermögen, wenigstens mit mehr Wahrheit und Einfachheit. Müssen wir denn durchaus einmal Bücher haben, nun, so gibt es eins, welches uns meinem Erachten nach die vorzüglichste Abhandlung über naturgemäße Erziehung an die Hand gibt. Dieses Buch soll mein Emil zuerst lesen; allein soll es lange Zeit hindurch seine ganze Bibliothek bilden und stets einen hervorragenden Platz in derselben behalten. Es wird der Text sein, welchem alle unsere Unterhaltungen über naturwissenschaftliche Stoffe nur als Commentar dienen sollen. Es wird bei unseren Fortschritten den Prüfstein unserer Urtheilskraft abgeben und, so lange unser Geschmack nicht verdorben ist, wird uns seine Lectüre beständig Unterhaltung gewähren. Und wie heißt nun dieses Wunder von Buch? Ist es Aristoteles? Ist es Plinius? Ist es Buffon? Nein, es ist Robinson Crusoe.

Robinson Crusoe, auf seiner Insel, allein, des Beistandes seiner Mitmenschen beraubt, von allen künstlichen Werkzeugen und Hilfsmitteln entblößt, und trotzdem für seinen Unterhalt und seine Erhaltung sorgend, ja sich sogar eine Art Wohlbefinden verschaffend: das ist sicherlich ein Gegenstand, der jedem Alter Interesse einflößen muß und den man den Kindern durch tausenderlei Mittel anziehend machen kann. Hier finden wir die wüste Insel, auf die ich Anfangs nur gleichnißweise hinwies, verwirklicht. Dieser Zustand ist, wie ich gern einräume, freilich nicht der des gesellschaftlichen Menschen und wird auch wahrscheinlich nicht der Zustand Emils werden, aber derselbe soll ihm als Maßstab zur Beurtheilung aller übrigen dienen. Das sicherste Mittel, sich über Vorurtheile zu erheben und sein Urtheil von den wahren Verhältnissen der Dinge leiten zu lassen, besteht darin, daß man sich an die Stelle eines völlig auf sich allein angewiesenen Menschen versetzt und über Alles so urtheilt, wie dieser Mensch mit Rücksicht auf seinen eigenen Nutzen selbst darüber urtheilen muß.

Dieser Roman, von allen nebensächlichen Zuthaten befreit, mit Robinson's Schiffbruche in der Nähe seiner Insel beginnend und mit der Ankunft des Schiffes, welches zu seiner Rettung erscheint, schließend, wird Emil während des ganzen Zeitabschnittes, von welchem hier die Rede ist, zugleich Unterhaltung wie Belehrung verschaffen. Ich will, daß ihm der Kopf darüber schwindele, daß er sich unaufhörlich mit seinem Schlosse, seinen Ziegen und Pflanzungen beschäftige; daß er, nicht aus Büchern, sondern an den Dingen selbst, Alles, was man in einem ähnlichen Falle wissen muß, bis ins Einzelne lerne; daß er sich selbst für einen zweiten Robinson halte, daß er sich in Felle gekleidet, mit einer großen Mütze auf dem Kopfe, einem furchtbaren Säbel an der Seite, kurz in dem ganzen grotesken Aufzuge der Figur erblicke, nur den Sonnenschirm ausgenommen, dessen er nicht bedürfen wird. Ich will, daß er sich über die Maßregeln, welche etwa ergriffen werden könnten, wenn sich dieser oder jener Mangel bei ihm einstellte, beunruhige, daß er das Verfahren seines Helden prüfe und untersuche, ob derselbe nichts unterlassen habe und ob er nichts hätte besser machen können; daß er seine Fehler genau bemerke und sich dieselben zu nutze mache, damit er in einer ähnlichen Lage nicht auch in dieselben verfalle; denn unzweifelhaft wird er sich mit dem Gedanken tragen, einst eine ähnliche Niederlassung zu gründen. Das ist das einzig richtige Luftschloß in diesem glücklichen Alter, in welchem man kein anderes Glück kennt als die Erlangung des durchaus Nothwendigen und die Freiheit.

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