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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Unsre ganze Weisheit besteht darin, daß wir uns von sclavischen Vorurtheilen leiten lassen; alle unsere Gewohnheiten legen uns nur Zwang, Beschränkung und Fesseln auf. Jeder Bürgerliche wird in der Knechtschaft geboren, lebt und stirbt darin: bei seiner Geburt schnürt man ihn in ein Wickelband; bei seinem Tode sperrt man ihn in einen Sarg; so lange er die menschliche Gestalt bewahrt, ist und bleibt er durch unsere Einrichtungen gefesselt. Man erzählt sich, daß sich manche Hebammen nicht scheuen, dem Kopfe der neugeborenen Kinder durch Zusammenpressen eine angemessenere Form zu geben: und man gestattet es! Unsere Köpfe sollten so, wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sind, nichts taugen! Man müßte sie äußerlich erst durch die Hebammen und innerlich durch die Philosophen modeln! Die Caraiben sind um die Hälfte glücklicher als wir.

»Kaum hat das Kind den Schooß der Mutter verlassen und kaum genießt es die Freiheit seine Glieder zu bewegen und zu dehnen, so fesselt man es von Neuem. Man wickelt es in Windeln, man legt es mit unbeweglichem Kopfe und ausgestreckten Beinen hin, während die Aermchen an den Körper angedrückt sind; es wird in Linnen eingehüllt und in alle mögliche Wickelbänder eingeschnürt, daß es seine Lage nicht verändern kann. Noch glücklich, wenn man es nicht bis zu dem Grade zusammengeschnürt hat, daß es dadurch am Athemholen behindert ist, und wenn man die Vorsicht beobachtet hat, es auf die Seite zu legen, damit das aus dem Munde fließende Wasser von selbst hinabfließen kann, denn es würde nicht die freie Bewegung haben, den Kopf auf die Seite zu wenden, um das Ausfließen zu erleichtern.« Buffons Histor. natur. Bd. IV.

Das neugeborene Kind hat das Bedürfniß seine Glieder auszustrecken und zu bewegen, um sie aus der Erstarrung zu reißen, in der sie sich, in einen Knäuel zusammengezogen, so lange befunden haben. Man streckt sie aus, das ist wahr, aber man verhindert sie, sich zu bewegen; sogar den Kopf steckt man in Kinderhäubchen: man scheint zu befürchten, daß es Lebenszeichen verrathen könne.

Auf diese Weise findet der Trieb der inneren Theile eines Körpers, welcher im Wachsthum begriffen ist, an den Bewegungen, welche er von demselben verlangt, ein unübersteigliches Hinderniß. Das Kind macht fortwährend vergebliche Anstrengungen, welche seine Kräfte erschöpfen oder ihre Zunahme aufhalten. Im Mutterschooße war es weniger beengt, eingeschränkt, zusammengepreßt als in seinen Windeln. Ich sehe den Vortheil nicht ein, den es durch seine Geburt gewonnen hat.

Die Unthätigkeit und der Zwang, worin man die Glieder eines Kindes erhält, haben den einzigen Erfolg, daß sie den Kreislauf des Blutes und der Säfte stören, die Kräftigung und das Wachsthum des Kindes hemmen und seine Gesundheit untergraben. In den Gegenden, wo dergleichen überspannte Vorsichtsmaßregeln nicht zur Anwendung kommen, sind die Menschen sämmtlich groß, stark und wohlgebildet. Vgl. die 2. Anmerkung auf S. 58. Die Länder, in denen man die Kinder einzuwickeln pflegt, wimmeln förmlich von Bucklichen, Hinkenden, Krummbeinigen, Skrophulösen, Verkrüppelten, kurzum von Mißgestalten jeglicher Art. Aus Furcht, die Körper durch freie Bewegung Verkrüppelungen auszusetzen, beeilt man sich, dieselben Verkrüppelungen durch Einschnürung und Zusammenpressung hervorzurufen. Lieber möchte man die Kinder gleich lähmen, um sie nur ja abzuhalten, selbst die Schuld an ihrer Verkrüppelung zu tragen.

Läßt sich nicht annehmen, daß ein so grausamer Zwang einen bedeutenden Einfluß auf ihr Gemüth, wie auf ihr Temperament ausüben muß? Ihre erste Empfindung ist eine schmerzliche und peinliche; selbst an den nöthigsten Bewegungen finden sie sich behindert; unglücklicher als ein in Fesseln liegender Verbrecher, machen sie vergebliche Anstrengungen, werden allmählich böse und schreien. Mit Thränen, sagt ihr, erblicken sie das Licht der Welt. Ich glaube es wol; von ihrer Geburt an tretet ihr der natürlichen Entwicklung derselben entgegen; Fesseln sind die ersten Gaben, die ihr in ihre Wiege legt; nur Qualen bereitet ihr ihnen mit der Sorge, die ihr für sie tragt. Sollten sie, da ihnen nur der freie Gebrauch ihrer Stimme übrig geblieben ist, sich derselben nicht bedienen, um ihre Klagen auszudrücken? Ihr klägliches Geschrei verkündet euch das Leid, das ihr ihnen zufügt. Wäret ihr in ähnlicher Weise geknebelt, dann würdet ihr fürwahr ein noch weit lauteres Geschrei erschallen lassen.

Woher stammt diese unvernünftige Sitte? Von einer unnatürlichen Mode. Seitdem die Mütter, ihrer ersten Pflicht uneingedenk, ihre Kinder nicht mehr selbst stillen wollten, mußte man sie Miethlingen, bezahlten Frauenzimmern überlassen, in denen selbstverständlich die Stimme der Natur den fremden Kindern gegenüber, zu deren Müttern man sie auf solche Weise bestellt, schwieg, und die daher nur darauf ausgingen, sich so viel Mühe wie möglich zu ersparen. Ein seiner Freiheit überlassenes Kind würde unaufhörliche Überwachung erheischen, ist es jedoch wohl eingebunden, so wirft man es in einen Winkel, ohne sich um sein Geschrei zu kümmern. Sind nur keine offenbaren Beweise für die Nachlässigkeit der Amme vorhanden, bricht sich nur der Säugling nicht Arme und Beine, was kommt dann im Uebrigen darauf an, ob er umkommt oder sich siech und elend durchs Leben schleppt? Zum Unheil seines ganzen Körpers schützt man seine Gliedmaßen, und was auch immer geschehen mag, die Amme steht völlig schuldlos da.

Wissen jedoch diese liebenswürdigen Mütter, welche sich, der Last der Kindererziehung überhoben, fröhlich den Vergnügungen des Stadtlebens hingeben, wissen sie wol, welcher Behandlung das Kind in seinem Steckkissen auf dem Lande ausgesetzt ist? Bei der geringsten Abhaltung hängt die Amme es wie einen Bündel Flicken an einen Nagel, und so lange dieselbe, ohne sich zu überstürzen, ihr Geschäft besorgt, so lange muß das unglückliche Wesen in dieser qualvollen Lage ausharren. Alle, die man in diesem Zustande traf, hatten ein dunkelrothes Gesicht; da die stark zusammengepreßte Brust die nöthige Circulation des Blutes nicht zuließ, stieg es nach dem Kopfe. Wenn man das arme gemißhandelte Kind für sehr ruhig hielt, so lag das allein daran, daß es nicht mehr Kraft zu schreien hatte. Mir ist unbekannt, wie viel Stunden ein Kind, ohne zu sterben, in diesem Zustande zu bleiben vermag, aber ich bezweifle, daß es lange geschehen kann. Darin liegt, sollte ich meinen, einer der größten Vortheile des Einschnürens.

Man behauptet, die ihrer Freiheit überlassenen Kinder könnten ihnen schädliche Lagen einnehmen und unwillkürlich Bewegungen machen, die die Kraft und schöne Form ihrer Glieder zu gefährden im Stande wären. Das sind nichts wie hohle Redensarten unserer heutigen Afterweisheit, welche noch nie in der Erfahrung ihre Bestätigung gefunden haben. Unter jener Menge von Kindern, welche bei Völkern, die sich rühmen können verständiger als wir zu handeln, in dem freien Gebrauche ihrer Glieder aufgezogen werden, sieht man kein einziges, welches sich Schaden thäte oder durch eigene Schuld verkrüppelte; bei ihrer zarten Jugend fehlt es ihren Bewegungen noch an jener Kraft, die sie allein gefährlich machen könnte, und nehmen sie auch auf kurze Zeit eine unnatürliche Lage ein, so zwingt sie doch der Schmerz, dieselbe bald wieder zu ändern.

Wir sind noch nie auf den Einfall gerathen, die jungen Hunde oder Katzen in ein Stechkissen einzuschnüren: zeigt sich aber wol, daß diese Vernachlässigung irgend einen Nachtheil für sie herbeiführt? Die Kinder sind schwerfälliger, das stelle ich nicht in Abrede; dafür sind sie aber auch verhältnißmäßig schwächer. Sie vermögen sich ja kaum zu rühren, wie sollten sie sich also Schaden zufügen können? Legte man sie auf den Rücken, so würden sie, außer Stande sich umzuwenden, in dieser Lage wie die Schildkröte sterben müssen.

Aber noch nicht zufrieden damit, daß sie ihre Kinder nicht mehr stillen, gehen die Frauen in ihren Wünschen sogar so weit, gar keine Kinder mehr zu bekommen: die Folge davon ist nur zu natürlich. Sind der Mutter ihre Pflichten erst lästig, dann findet man auch bald Mittel, sie gänzlich von sich abzuschütteln. Man wünscht seine eheliche Pflicht so zu erfüllen, daß man keine Frucht zu befürchten braucht, um sich beständig dem Genusse hingeben zu können, und mißbraucht den zur Vermehrung des Geschlechts eingepflanzten Trieb. Diese Unsitte, an welche sich noch andere Ursachen der Entvölkerung reihen, deutet uns das Schicksal an, welches Europa bevorsteht. Die Wissenschaften, die Künste, die Philosophie und die Sitten, welche es hervorruft und erzeugt, werden es früher oder später in eine Wüste verwandeln. Es wird von wilden Thieren bewohnt werden: der Unterschied hinsichtlich seiner Bevölkerung wird nicht sehr in die Augen fallen.

Zu wiederholten Malen habe ich Gelegenheit gehabt die kleinen Kunstgriffe junger Frauen zu beobachten, welche sich stellen, als ob sie ihre Kinder selbst stillen wollen. Sie verstehen es so vortrefflich einzurichten, daß sie nur dem Zwange nachzugeben scheinen, wenn sie von ihrem Vorhaben abstehen; unendlich fein wissen sie es so zu drehen, daß die Gatten, die Aerzte, besonders aber die Mütter, Einspruch dagegen erheben müssen. Wehe dem Manne, der es wagen sollte zu gestatten, daß seine Frau ihr Kind selbst stillte; er wäre ein verlorener Mann! Man würde ihn überall als einen Mörder verschreien, der sie aus dem Wege räumen wolle. Kluge Gatten, ihr müßt die väterliche Liebe dem Frieden zum Opfer bringen. Ein glücklicher Umstand ist es, daß man auf dem Lande doch Frauen findet, die enthaltsamer als die eurigen sind. Ein noch glücklicherer Umstand würde es für euch sein, wenn eure Frauen die Zeit, welche sie dadurch gewinnen, nicht mit Anderen vertändeln.

Die Pflicht der Frauen ihren Kindern gegenüber ist keinem Zweifel unterworfen; weil sie sich derselben jedoch entziehen, so läßt sich die Frage auswerfen, ob es für die Kinder einerlei sei, von der mütterlichen Milch oder der einer anderen Frau genährt zu werden. Da die Entscheidung über diese Frage einzig und allein den Aerzten Der eigenthümliche Bund der Frauen und Aerzte ist mir immer als eine der auffallendsten Sonderbarkeiten von Paris vorgekommen. Den Frauen verdanken die Aerzte ihren Ruf und durch die Aerzte setzen die Frauen ihrerseits ihre Wünsche durch. Es läßt sich daraus leicht schließen, was für eine Art Geschicklichkeit ein Pariser Arzt bedarf, um seinen Ruhm zu begründen. zukömmt, halte ich sie für endgiltig und offenbar zu Gunsten der Frauen entschieden. Auch meiner Ueberzeugung nach ist es unbestritten besser, daß das Kind die Milch einer gesunden Amme, als die einer verdorbenen Mutter trinkt, sobald sich nur irgend wie die Entstehung eines neuen Uebels aus dem Blute, dem es sein Dasein zu verdanken hat, befürchten ließe.

Soll denn aber diese Frage nur von der physischen Seite aus betrachtet werden? Und bedarf denn das Kind weniger der treuen Pflege einer Mutter als ihrer Brust? Andere Frauen, Thiere sogar, werden ihm die Milch, welche sie ihm entzieht, geben können, für die mütterliche Sorgfalt findet sich jedoch kein Ersatz. Wer ein fremdes Kind statt seines eigenen nährt, kann nur eine schlechte Mutter sein; wie sollte eine solche nun eine gute Amme sein? Sie wird es werden können, aber freilich nur langsam; die Gewohnheit wird allmählich die Natur verändern müssen, und das schlecht gepflegte Kind wird hundertmal umkommen können, ehe seine Amme die Zärtlichkeit einer Mutter für dasselbe empfindet.

Aber sogar wenn diese günstige Wendung endlich eintritt, dient sie nur zur Quelle eines neuen Uebelstandes, der allein schon jeder fühlenden Frau den Muth rauben sollte, ihr Kind von einer andern säugen zu lassen, der nämlich, daß sie das heilige Mutterrecht theilen oder vielmehr ganz auf dasselbe verzichten muß, mit ansehen muß, wie ihr Kind eine fremde Frau eben so sehr oder gar noch mehr liebt als sie; empfinden muß, daß die Zärtlichkeit, welche es seiner eigenen Mutter bewahrt hat, nur eine Art Gnade ist, während die, welche es seiner Pflegemutter erzeigt, mehr den Charakter einer schuldigen Dankbarkeit an sich trägt: denn schulde ich, wo ich mütterliche Sorgfalt erfahren habe, nicht kindliche Anhänglichkeit?

In eigentümlicher Weise sucht man diesem Uebelstande abzuhelfen; man flößt nämlich den Kindern Geringschätzung gegen ihre Ammen ein, indem man dieselben auf die Stufe gewöhnlicher Mägde herabdrückt. Wenn die Dienste der Amme nicht mehr erforderlich sind, so entzieht man das Kind ihrer Pflege oder verabschiedet sie. Man nimmt sie schlecht auf, um sie von einem öfteren Besuche ihres Säuglings zurückzuschrecken. Nach Verlauf weniger Jahre sieht er sie nicht mehr, kennt er sie nicht mehr. Die Mutter, welche glaubt, den Platz derselben im Herzen des Kindes einnehmen zu können und sich einbildet ihre frühere Vernachlässigung durch ihre Grausamkeit wieder gut zu machen, gibt sich einer Täuschung hin. Anstatt einen verdorbenen Säugling in ein zärtliches Kind zu verwandeln, übt sie ihn vielmehr in der Undankbarkeit; sie hat ihm ein Beispiel gegeben, woraus er lernen wird, dereinst diejenige, welche ihm das Leben gab, mit derselben Geringschätzung zu behandeln, wie diejenige, die ihn mit ihrer Milch genährt hat.

Gern würde ich bei diesem Punkte noch länger verweilen, wenn es nur nicht so entmuthigend wäre, nützliche Gedanken immer und immer vergeblich zu wiederholen. Weit mehr, als man denkt, steht damit im engsten Zusammenhange. Wollt ihr, daß Jedermann wieder seiner ersten und heiligsten Pflicht eingedenk sei, nun dann beginnt bei den Müttern; ihr werdet über die Veränderungen erstaunen, welche ihr damit bewirkt. Aus dieser ersten Verderbniß ist nach und nach alles übrige Unheil hervorgegangen: alle sittliche Ordnung leidet darunter; die Natürlichkeit erlischt in Aller Herzen, das Innere der Häuser verliert an Leben, das ergreifende Schauspiel einer heranwachsenden Familie vermag keine Anziehung mehr auf die Männer auszuüben, flößt den Fremden keine Achtung ein; man erweist der Mutter, deren Kinder man nicht sieht, weniger Rücksicht. Das innige Familienleben lockert sich; die Gewohnheit verstärkt die Bande des Blutes nicht mehr; es gibt keine Väter, keine Mütter, keine Kinder, keine Brüder, keine Schwestern mehr; kaum kennen sich alle untereinander, wie sollten sie sich also lieben? Jeder denkt nur an sich. Wenn das Haus nur eine traurige Einöde ist, dann muß man seinen Vergnügungen wol außerhalb desselben nachgehen.

Wenn sich jedoch die Mütter dazu verstehen, ihre Kinder selbst zu nähren, so werden sich die Sitten von selbst bessern, werden die natürlichen Gefühle in Aller Herzen wieder erwachen; der Staat wird sich wieder bevölkern; schon diese erste Folge, diese Folge allein, wird Alles wieder vereinigen. Der Reiz des Familienlebens ist das beste Gegengift gegen den Verfall der Sitten. Der fröhliche Lärm der Kinder, den man für störend und lästig hält, wird mit der Zeit angenehm; er macht Vater und Mutter einander unentbehrlicher, einander lieber; er knüpft das eheliche Band, das sie vereinigt, enger und fester. Wenn ein Geist gegenseitiger inniger und lebhafter Zuneigung die Familienglieder aneinander kettet, dann bilden die häuslichen Sorgen die liebste Beschäftigung der Frau und den angenehmsten Zeitvertreib des Mannes. Auf diese Weise würde schon die Beseitigung dieses einzigen Fehlers bald eine allgemeine Besserung herbeiführen, würde die Natur bald wieder in alle ihre Rechte eintreten. Mögen die Frauen nur erst wieder Mütter werden, dann werden die Männer auch bald wieder Väter und Gatten sein.

Aber leider sind das verlorene und überflüssige Worte! Nicht einmal der Ueberdruß an den weltlichen Vergnügungen führt zu den geschilderten Freuden zurück. Die Frauen haben aufgehört Mütter zu sein und werden es nie wieder werden, weil sie es nicht mehr sein wollen. Schon wenn sie es wollten, würden sie es kaum im Stande sein. Da heute zu Tage einmal die grade entgegengesetzte Sitte die Oberhand gewonnen hat, würde jede, die den Versuch wagte, den Widerspruch aller derer zu bekämpfen haben, mit denen sie in Berührung kommt, sind sie doch Alle gegen ein Beispiel verbündet, das die Einen nicht gegeben haben und die Andern nicht befolgen wollen.

Gleichwol finden sich bisweilen noch junge Frauen von unverdorbener Natur, die in diesem Punkte der Herrschaft der Mode und dem Geschrei ihres Geschlechts zu trotzen wagen und mit tugendhafter Unerschrockenheit diese so süße Pflicht erfüllen, die ihnen die Natur auferlegt. Wären doch die verlockenden Güter, die denen zu Theil werden, welche sich dieser Pflicht hingeben, im Stande ihre Zahl zu vermehren! Unter Hinweis auf Schlußfolgerungen, die sich schon aus dem geringsten Nachdenken ergeben, und auf Beobachtungen, deren Nichtigkeit mir bisher Niemand hat in Abrede stellen können, wage ich es, diesen ihren Mutterberuf so treu erfüllenden Frauen eine aufrichtige und beharrliche Zuneigung ihrer Männer, eine wahrhaft kindliche Zärtlichkeit ihrer Söhne und Töchter, die allgemeine Hochachtung und Wertschätzung, glückliche Niederkünfte ohne Unfälle und Folgen, eine feste und kräftige Gesundheit und endlich das Glück zu verheißen, sich dereinst von ihren eigenen Töchtern nachgeahmt und als Vorbild für die anderer Eltern hingestellt zu sehen.

Keine Mutter, kein Kind! Zwischen ihnen sind die Pflichten gegenseitig, und werden sie von der einen Seite schlecht erfüllt, so werden sie auch von der anderen vernachlässigt. Das Kind muß seine Mutter lieben, noch ehe es weiß, daß ihm dies die Pflicht gebietet. Wird die Stimme des Blutes nicht durch Gewährung und treue Abwartung gestärkt und gesteigert, so erlischt sie schon in den frühesten Jahren, und das Herz stirbt, so zu sagen, noch ehe es geboren wird. Schon von den ersten Schritten an sagen wir uns von der Natur los.

Zu demselben Resultate gelangen wir jedoch auch auf dem entgegengesetzten Wege, dann nämlich, wenn eine Frau ihre Muttersorgen, anstatt sie zu vernachlässigen, übertreibt, wenn sie ihr Kind vergöttert, wenn sie seine Schwäche vermehrt und nährt, um es nicht zum Gefühle derselben gelangen zu lassen, und wenn sie in der Hoffnung es den Naturgesetzen entziehen zu können, alle schmerzlichen Berührungen von ihm fern hält, ohne zu bedenken, daß sie dasselbe grade dadurch, daß sie es für den Augenblick vor geringem Ungemach behütet, für die Zukunft nur um so größeren Unfällen und Gefahren aussetzt, und wie barbarisch eine Vorsicht ist, die nur den Erfolg haben kann, ihm auch unter den Mühen und Arbeiten, die das Mannesalter erheischt, die Schwäche des Kindesalters zu erhalten. Thetis tauchte, nach der Sage, ihren Sohn, um ihn unverwundbar zu machen, in die Fluten des Styx. Diese Allegorie ist schön und deutlich. Die grausamen Mütter, von denen ich rede, handeln anders: dadurch daß sie ihre Kinder in die Weichlichkeit eintauchen, härten sie sie nicht gegen die Leiden ab, sondern machen sie erst recht empfänglich für dieselben, öffnen ihre Poren allerlei Uebeln, denen sie sicherlich als Erwachsene zum Opfer fallen werden.

Hierbei muß bemerkt werden, daß ein Jahr vor Veröffentlichung des Emil ein berühmter Arzt, Desessarts, eine Abhandlung über die körperliche Erziehung der Kinder in den ersten Lebensjahren in Paris bei Th. Hérissaut hatte erscheinen lassen, in welcher er mit großem Nachdruck und sogar mit glänzender Beredtsamkeit auf die Gefahren des Einwindelns für die Kinder, sowie auf die der übertriebenen Vorsichtsmaßregeln, welche man trifft, um dieselben auch vor dem geringsten Schmerz zu bewahren, und überhaupt auf alle die traurigen Folgen einer verweichlichenden Stubenerziehung hinweist. Er stützt sich ungefähr auf die nämlichen Thatsachen und Beobachtungen, die Rousseau im Emil anführt. Noch früher hatte schon Buffon, sowol über das Stillen seitens der Mütter, als auch über die schädlichen Folgen des Einwindelns durchaus dieselben Ideen entwickelt. Kurz, dieses ganze System der ersten Erziehungsweise ist nicht weniger genau festgestellt und hat sogar in einem ziemlich hervorragenden dichterischen Werke Ausdruck gefunden, nämlich in einem lateinischen Gedichte des Heil. Saint-Marthe, welches im Jahre 1698 erschien und den Titel Paidotrophia führte. Aber, wie Buffon selbst sagte: » Es ist wahr, gesagt haben wir das Alles, aber Rousseau allein befiehlt es und erzwingt sich Gehorsam.«
Uebrigens scheinen zu der Zeit, in welcher Rousseau seinen Emil schrieb, alle Fragen, welche mit der Erziehung im ersten Kindesalter in Verbindung stehen, die besten Geister beschäftigt und zu demselben Ergebnisse ihres Nachdenkens geführt zu haben. Die Harlemer Akademie der Wissenschaften hatte auf die Lösung dieser Fragen einen Preis ausgesetzt, welcher einem Genfer Namens Ballexerd zuerkannt wurde, dessen Werk unter dem Titel »Dissertation über die physische Erziehung der Kinder« in Paris veröffentlicht wurde und im nämlichen Jahre wie der Emil erschien. Die völlige Uebereinstimmung der Ansichten und Grundsätze ließ in Rousseau den Verdacht entstehen, daß man es hier lediglich mit einem Plagiat seines eigenen Werkes zu thun hätte, und scheute sich nicht, ihn in dem elften Buche seiner Bekenntnisse (Bd. I. S. 304) unumwunden auszusprechen. Wir haben die Nichtigkeit dieser Vermuthung durchaus nicht bestätigen können, denn mag die Uebereinstimmung auch noch so groß sein, so läßt sie sich doch auch noch anders als durch ein Plagiat erklären, da auch sonst schon andere Werke zuvor durchaus die nämlichen Ideen verfochten.
Anm. des H. Petitain.

Die erste Regel ist, die Natur zu beobachten und dem Wege zu folgen, den sie vorzeichnet. Sie übt stetig und ununterbrochen die Kinder; sie härtet ihren Körper durch die mannigfaltigsten Prüfungen ab; sie macht sie schon früh mit Schmerzen und Beschwerden vertraut. Das Zahnen setzt sie fieberhaften Erscheinungen aus, heftiges Leibschneiden ruft bei ihnen krampfartige Zufälle hervor, anhaltender Husten droht sie zu ersticken; die Würmer quälen sie; Vollblütigkeit verdirbt ihre Säfte, Magensäure belästigt sie und ruft gefährlichen Ausschlag hervor. Fast das ganze erste Lebensalter ist eine Reihe von Krankheiten und Gefahren; die Hälfte aller Kinder, die geboren werden, stirbt noch vor dem achten Lebensjahre. Im Kampfe mit diesen Prüfungen gewinnt aber das Kind Kräfte, und versteht es erst einmal das Leben richtig anzuwenden, so wird auch der Lebensgrund fester und gesicherter.

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