Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Jacques Rousseau >

Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
Schließen

Navigation:

Nachdem wir uns davon überzeugt haben, daß der Magnet auch durch andere Körper hindurchwirkt, haben wir nichts Eiligeres zu thun, als eine Maschine zu construiren, die der, welche wir gesehen haben, ähnlich ist: einen ausgeschnittenen Tisch, ein in die Höhlung passendes ganz flaches Becken, welches einige Linien hoch mit Wasser gefüllt ist, eine mit etwas größerer Sorgfalt gearbeitete Ente u.s.w. Nachdem wir den Bewegungen derselben rings um das Becken oft unsere Aufmerksamkeit geschenkt haben, machen wir endlich auch die auffallende Beobachtung, daß die Ente, sobald sie sich in Ruhe befindet, fast immer nach der nämlichen Richtung schaut. Diese Beobachtung beschäftigt unser Nachdenken, wir untersuchen die erwähnte Richtung und kommen zu dem Ergebniß, daß sie von Süden nach Norden geht. Mehr bedarf es nicht; unser Kompaß ist gefunden oder doch so gut wie gefunden. Damit haben wir uns den Weg zur Physik gebahnt.

Es gibt auf der Erde verschiedene Himmelsstriche und in denselben wieder verschiedene Temperaturen. Je mehr wir uns dem Pole nähern, desto auffallender wird uns der Wechsel der Jahreszeiten. Alle Körper ziehen sich in der Kälte zusammen und dehnen sich in der Wärme aus. Diese Wirkung läßt sich an Flüssigkeiten am besten messen und fällt bei Spirituosen am meisten in die Augen. Dieser Erscheinung hat der Thermometer seine Entstehung zu verdanken. Der Wind trifft das Gesicht: die Luft ist folglich ein Körper, ein Fluidum; man fühlt sie, obgleich man kein Mittel besitzt, sie dem Auge sichtbar zu machen. Stellt man ein umgedrehtes Glas ins Wasser, so wird es das Wasser nicht völlig ausfüllen, wenigstens so lange man der Luft keinen Ausgang gestattet. Folglich ist die Luft widerstandsfähig. Drückt man das Glas noch tiefer hinein, so wird das Wasser zwar steigen, ohne jedoch den Raum völlig ausfüllen zu können. Die Luft kann demnach bis zu einem gewissen Punkte zusammengepreßt werden. Ein mit comprimirter Luft gefüllter Ball springt höher als ein mit irgend einem anderen Stoffe gefüllter; die Luft ist deshalb ein elastischer Körper. Erhebt man, wenn man ausgestreckt im Bade liegt, den Arm horizontal aus dem Wasser, so wird man den Eindruck erhalten, als ob ein ungeheures Gewicht auf demselben laste. Die Luft ist folglich auch ein schwerer Körper. Setzt man die Luft mit anderen Flüssigkeiten ins Gleichgewicht, so ist man im Stande ihr Gewicht zu messen; daher schreibt sich der Barometer, der Heber, die Windbüchse, die Luftpumpe. Alle Gesetze der Statik und der Hydrostatik können aus ganz alltäglichen Erfahrungen hergeleitet werden. Ich verlange durchaus nicht, daß man deswegen ein Cabinet für Experimentalphysik besuche; all dieser Apparat von Instrumenten und Maschinen behagt mir nicht. Der gelehrte Anstrich tödtet die Wissenschaft. Entweder schrecken alle diese Maschinen ein Kind nur zurück, oder ihre Gestalt theilt die Aufmerksamkeit desselben, welche sich allein auf die Experimente richten sollte.

Mein Wunsch ist, daß wir uns alle unsere Maschinen selbst verfertigen; mit der Construction eines Instruments will ich jedoch nicht eher vorgehen, als bis uns eine hinreichende Erfahrung zur Seite steht. Haben wir nun wie zufällig eine Erfahrung gemacht, so wünsche ich, daß wir auch das Instrument, welches uns dieselbe bestätigen soll, nach und nach erfinden. Lieber als die vollkommensten und genauesten Instrumente sind mir unsere hier und da vielleicht etwas mangelhaften, sobald nur unsere Ideen von dem, was sie sein sollen, und von den Wirkungen, die sie hervorbringen sollen, klarer und genauer sind. Behufs meines ersten Unterrichts in der Statik lege ich, anstatt erst nach einer Wage umherzuschicken, einen Stab quer über die Stuhllehne, messe, wenn sich der Stab im Gleichgewichte befindet, die Länge der beiden Arme desselben und hänge auf beide Seiten bald gleiche, bald ungleiche Gewichte, und finde dadurch, daß ich ihn nach Bedürfniß hin und her ziehe und schiebe, endlich, daß das Gleichgewicht durch das wechselseitige Verhältniß zwischen der Größe des Gewichtes und der Länge der Hebelarme hergestellt wird. Dadurch hat mein kleiner Physiker schon die Fähigkeit erhalten, Wagen zu berichtigen, noch ehe er solche gesehen hat.

Es erleidet keinen Widerspruch, daß die Begriffe von den Dingen, welche man sich auf diese Weise selbst erwirbt, viel deutlicher und zuverlässiger sind als diejenigen, welche man sich durch die Unterweisung Anderer aneignet. Man gewöhnt dadurch seine Vernunft nicht nur nicht, sich knechtisch einer fremden Autorität zu unterwerfen, sondern man macht sich auch fähiger, Beziehungen aufzufinden, Ideen zu associiren, Instrumente zu ersinnen, als wenn man Alles, so wie es dargeboten wird, hinnimmt und den Geist in Trägheit versinken läßt, wie ja auch der Körper eines Mannes, der sich von seinen Leuten von Kopf bis zu Füßen anziehen und von seinen Pferden fahren läßt, schließlich die Kraft und den Gebrauch seiner Glieder verliert. Boileau pflegte sich damit zu rühmen, daß er Racine die Kunst, schwer zu reimen, beigebracht hätte. Bei so vielen meisterhaften Methoden, die die Erleichterung des Studiums der Wissenschaften bezwecken, wäre es wahrlich außerordentlich nothwendig, daß uns Jemand auch eine zur Erschwerung desselben an die Hand gäbe.

Der klarste und sichtbarste Vortheil dieser langsamen und mühseligen Untersuchungen beruht darin, daß man bei all den speculativen Studien den Körper in seiner Thätigkeit und die Glieder in ihrer Geschmeidigkeit erhält und die Hände unablässig zur Arbeit und zu einem dem Menschen nützlichen Gebrauche ausbildet. Die vielen Instrumente, welche zu dem Zwecke erfunden sind, uns bei unseren Experimenten zu leiten und unseren Sinnen da, wo es ihnen an der nöthigen Genauigkeit gebricht, ergänzend zur Seite zu treten, haben den Uebelstand hervorgerufen, daß wir die Uebung der Sinne nun erst recht vernachlässigen. Der Winkelmesser befreit uns von der Mühe, die Größe der Winkel abzuschätzen. Das Auge, welches ganz gut im Stande wäre, die Entfernungen mit Genauigkeit zu bestimmen, verläßt sich auf die Kette, die sie statt seiner mißt; die Schnellwage, durch welche ich das Gewicht kennen lerne, erspart es mir, dasselbe mit der Hand abzuschätzen. Je sinnreicher unsere Werkzeuge sind, desto unausgebildeter und ungeschickter werden unsere Organe. Weil wir darauf ausgehen, uns äußerlich mit Hilfsmitteln zu umgeben, finden wir dieselben nicht mehr in uns selbst.

Sobald wir jedoch zur Herstellung dieser Maschinen die Geschicklichkeit aufbieten, die bisher für jene eintrat, sobald wir zu ihrer Anfertigung den Scharfsinn anwenden, der uns ihre Entbehrung bisher nicht fühlbar machte, so gewinnen wir, ohne daneben irgend einen Verlust zu haben, wir verbinden die Kunst mit der Natur und werden scharfsinniger, ohne an unserer Geschicklichkeit eine Einbuße zu erleiden. Wenn ich ein Kind, anstatt es fortwährend über den Büchern sitzen zu lassen, in einer Werkstatt beschäftige, so arbeiten seine Hände zum Vortheile seines Geistes: es wird ein Philosoph, trotzdem es sich nur für einen Handwerker hält. Endlich bringt diese Uebung auch noch andere Vortheile, deren ich weiter unten erwähnen werde; und man wird sehen, wie man sich von philosophischen Spielereien zu den wahren menschlichen Tätigkeiten zu erheben vermag.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß sich die rein speculativen Kenntnisse für die Kinder selbst dann nicht eignen, wenn sie sich schon dem Jünglingsalter nähern. Indeß muß man, ohne sie gerade sehr weit in die systematische Physik eindringen zu lassen, darauf hinzuwirken suchen, daß sich alle ihre Erfahrungen durch eine Art von Deduction an einander reihen, damit sie sie mit Hilfe dieser Verkettung in ihrem Geiste zu ordnen und, so oft es das Bedürfniß erheischt, in ihre Erinnerung zurückzurufen vermögen; denn es ist sehr schwer, daß nicht im Zusammenhange stehende Thatsachen und selbst Schlußfolgerungen lange im Gedächtnisse haften bleiben, sobald es an einem Anknüpfungspunkte fehlt, von dem aus man sie stets wieder in der Erinnerung wach rufen kann.

Bei dem Aussuchen der Naturgesetze beginne man beständig mit den gewöhnlichsten und sinnlich wahrnehmbarsten Erscheinungen und gewöhne seinen Zögling, diese Erscheinungen nicht für Gründe, sondern für Thatsachen zu halten. Ich nehme einen Stein und stelle mich, als ob ich ihn in die Luft legen wolle. Nun öffne ich die Hand, und der Stein fällt. Ich bemerke, daß Emil Alles, was ich thue, aufmerksam verfolgt und frage ihn: »Weshalb ist dieser Stein gefallen?«

Welches Kind würde diese Frage unbeantwortet lassen? Keins, selbst Emil nicht, wenn ich es nicht habe meine Hauptsorge sein lassen, ihn so vorzubereiten, daß er sich seines Unvermögens, eine Antwort geben zu können, bewußt ist. Sämmtliche werden sagen, daß der Stein fällt, weil er schwer ist. Was ist denn nun aber schwer? Das, was fällt. Der Stein fällt also, weil er fällt? Hier sitzt mein kleiner Philosoph ernstlich fest. Das ist seine erste Lection in der systematischen Physik, und möge er nun aus ihr für letztere einen directen Nutzen ziehen oder nicht, jedenfalls wird sie für die Ausbildung seines richtigen Urtheils vorteilhaft sein.

Je mehr die geistige Entwickelung des Kindes zunimmt, desto mehr zwingen uns andere wichtige Erwägungen, zu seinen bisherigen Beschäftigungen noch neue hinzutreten zu lassen. Sobald das Kind dahin gelangt, sich wenigstens in dem Umfange zu kennen, daß es begreift, was sein Wohlbefinden ausmacht, sobald es auch ausgedehntere Beziehungen in dem Grade zu fassen vermag, daß es das beurtheilen kann, was ihm ersprießlich ist, und was nicht, so ist es auch im Stande, den Unterschied zwischen Arbeit und Vergnügen herauszufühlen und letzteres nur als eine Erholung von der Arbeit zu betrachten. Alsdann können Gegenstände, welche einen wirklichen Nutzen gewähren, in den Kreis seiner wirklichen Studien hineingezogen werden, und nun tritt die Verpflichtung an dasselbe heran, ihnen einen beharrlicheren Fleiß zu widmen, als es bisher auf die bloßen Vergnügungen verwandte. Das Gesetz der Nothwendigkeit, welches sich immer wieder geltend macht, lehrt den Menschen schon früh, das zu thun, was ihm nicht gefällt, um dadurch einem Uebel vorzubeugen, daß ihm noch mehr mißfallen würde. Darin besteht der Vortheil der Voraussicht, und aus dieser gut oder schlecht geregelten Voraussicht entspringt alle menschliche Weisheit sowie alles menschliche Elend.

Jeder Mensch will glücklich werden; um aber dies Ziel zu erreichen, müßte er zunächst wissen, was das Glück denn eigentlich bildet. Das Glück des Naturmenschen ist eben so einfach wie sein Leben; es besteht in Gesundheit, Freiheit, Besitz des Notwendigen, mit einem Worte in dem Freisein von Leiden. Das Glück des moralischen Menschen trägt einen anderen Charakter; aber von diesem ist hier nicht die Rede. Ich kann nicht oft genug wiederholen, daß nur rein physische Gegenstände den Kindern Interesse einzuflößen vermögen, namentlich solchen, deren Eitelkeit noch nicht erweckt ist und welche nicht bereits durch das Gift der Meinung verderbt sind.

Wenn die Kinder ihre Bedürfnisse, noch ehe sie dieselben empfinden, voraussehen, so ist ihr Verstand schon weit vorgeschritten; sie beginnen den Werth der Zeit zu erkennen. Jetzt ist es von hoher Wichtigkeit, sie daran zu gewöhnen, diese auf nützliche Dinge zu verwenden. Freilich muß der Nutzen derselben ihrem Alter bemerkbar und ihrem Verstande einleuchtend sein. Alles, was auf die moralische Ordnung und auf das gesellschaftliche Herkommen Bezug hat, darf ihnen nicht so bald vorgeführt werden, weil sie noch nicht im Stande sind, es zu verstehen. Es ist eine leidige Thorheit, von ihnen zu verlangen, daß sie sich Dinge aneignen sollen, von denen man ihnen ganz im Allgemeinen sagt, daß sie zu ihrem Besten seien, ohne daß sie wissen, worin denn dies Beste bestehe, und von denen man ihnen die Versicherung ertheilt, sie würden als Erwachsene Vortheil davon haben, ohne daß sie für diesen angeblichen Vortheil, welchen sie noch gar nicht zu begreifen vermögen, gegenwärtig irgend ein Interesse fühlen.

Das Kind darf nie etwas auf das bloße Wort thun; nichts ist demselben gut, als das, wovon es selbst fühlt, daß es gut ist. Indem ihr euch beständig bestrebt, das Kind über die Grenzen seiner Einsichten hinauszudrängen, glaubt ihr mit großer Voraussicht zu verfahren, während es euch gerade an derselben gebricht. Um es mit einigen unnützen Werkzeugen auszurüsten, die es vielleicht niemals anzuwenden Gelegenheit haben wird, beraubt ihr es des Universalhilfsmittels des Menschen, nämlich der gesunden Vernunft, gewöhnt es, sich stets leiten zu lassen und stets nur eine Maschine in den Händen Anderer zu sein. Ihr verlangt, es soll gelehrig sein, so lange es noch klein ist; damit verlangt ihr aber nur, es soll leichtgläubig und ein Einfaltspinsel sein, wenn es groß ist. Ihr wiederholet ihm unaufhörlich: »Alles, was ich von dir begehre, ist zu deinem eigenen Besten, allein du bist noch nicht im Stande es einzusehen. Was kann es mir verschlagen, ob du meiner Aufforderung nachkommst oder nicht? Du arbeitest lediglich für dich allein.« Mit all diesen schönen Predigten, die ihr ihm jetzt haltet, um es weise zu machen, erreicht ihr nichts weiter, als daß ihr es den Geistersehern, Alchimisten, Marktschreiern, Betrügern und Narren aller Art leichter macht, es dereinst in ihren Schlingen zu fangen und auf ihre Thorheiten eingehen zu lassen.

Allerdings ist es für einen Mann von Belang, viele Kenntnisse zu besitzen, deren Nutzen ein Kind nicht zu begreifen vermag; aber muß denn durchaus und kann überhaupt ein Kind Alles lernen, was einem Manne zu wissen vorteilhaft ist? Versucht es, dem Kinde alles das beizubringen, was für sein Alter nützlich ist, und ihr werdet euch überzeugen, daß seine ganze Zeit damit mehr als ausgefüllt ist. Weshalb wollt ihr es zum offenbaren Nachtheil der Studien, die sich gerade gegenwärtig für dasselbe eignen, zu denjenigen eines Alters zwingen, von dem es so wenig sicher ist, ob es dasselbe erreichen wird. Aber, werdet ihr sagen, wird es denn noch Zeit sein, das, was man wissen muß, zu lernen, wenn der Augenblick gekommen ist, wo Alles auf die Anwendung desselben ankommt? Das weiß ich freilich nicht; aber so viel weiß ich wenigstens, daß es unmöglich ist, es früher zu lernen; denn unsere wahren und eigentlichen Lehrmeister sind die Erfahrung und das Gefühl, und der Mensch sieht deshalb auch nur in Bezug auf die Verhältnisse, in denen er sich schon befunden hat, richtig ein, was ihm dienlich und ersprießlich ist. Ein Kind weiß, daß es die Bestimmung hat, ein Mann zu werden; alle Begriffe, die es von dem Stande des Mannes haben kann, geben für dasselbe Gelegenheit zum Unterrichte; aber über diejenigen Begriffe dieses Standes, die über seine Fassungskraft hinausgehen, muß es in völliger Unwissenheit bleiben. Mein ganzes Buch ist nichts als ein fortlaufender Beweis dieses Erziehungsgrundsatzes.

Sobald wir dahin gelangt sind, unserem Zöglinge einen Begriff des Wortes »nützlich« zu geben, gewinnen wir ein nicht zu unterschätzendes Mittel mehr ihn zu leiten, denn dies Wort macht einen starken Eindruck auf ihn, selbstverständlich nur in der Voraussetzung, daß er damit einen seinem Alter entsprechenden Sinn verbindet und die Beziehung desselben auf sein gegenwärtiges Wohlbefinden deutlich einsieht. Auf eure Kinder macht dies Wort dagegen keinen Eindruck, weil ihr es euch nicht habt am Herzen liegen lassen, ihnen davon einen ihrer Fassungskraft angemessenen Begriff beizubringen, und weil sie sich schon aus dem Grunde, daß sich stets Andere damit beschweren, für Alles, was ihnen nützlich ist, zu sorgen, niemals genöthigt sehen, selbst daran zu denken, und folglich gar nicht wissen, was Nutzen ist.

»Wozu nützt das?« Das ist fortan das heilige Wort, das zwischen ihm und mir bei allen Handlungen unseres Lebens allein entscheidende Wort; das ist die Frage, welche meinerseits unfehlbar auf alle seine Fragen folgt, und welche mir zur Abwehr jener Menge alberner und langweilender Fragen dienen soll, mit denen die Kinder unaufhörlich und ganz zwecklos ihre Umgebung ermüden, mehr um über dieselbe eine Art Herrschaft auszuüben, als um einen wirklichen Nutzen davon zu haben. Derjenige, welchem man als wichtigste Lehre den Grundsatz eingeimpft hat, nichts Anderes als Nützliches wissen zu wollen, fragt wie Sokrates; er stellt keine Frage, ohne sich vorher über den Grund seiner Frage klar zu werden, weil er sehr wohl weiß, daß man ihn, bevor die Antwort erfolgt, darnach fragen wird.

Seht, was für ein mächtiges Werkzeug ich euch damit in die Hände gebe, um einen Einfluß auf euren Zögling auszuüben! Da er von nichts die Gründe kennt, so hängt es fast ganz von eurem Belieben ab, ihn zum Schweigen zu bringen. Welchen Vortheil verleihen euch dagegen eure Kenntnisse und eure Erfahrungen, da sie euch in den Stand setzen, ihm den Nutzen alles dessen, was ihr ihm vorschlagt, nachzuweisen. Das ist aber auch nöthig; denn gebet euch darüber keiner Täuschung hin: dadurch, daß ihr diese Frage an ihn stellt, lehrt ihr ihn auch gleichzeitig, sie seinerseits an euch zu stellen. Mit Sicherheit könnt ihr deshalb darauf rechnen, daß er künftighin, eurem Beispiele folgend, nicht verfehlen wird, bei Allem, was ihr ihm vorschlagt, stets zu fragen: »Wozu nützt das?«

Hierin liegt vielleicht der Fallstrick, welchen der Erzieher am schwersten zu vermeiden vermag. Sucht ihr euch in Beantwortung der Frage des Kindes nur aus der Sache zu ziehen und gebet ihr ihm dabei auch nur einen einzigen Grund an, den es nicht zu begreifen im Stande ist, so wird es, da es ihm nicht entgeht, daß ihr bei eurem Urtheil nur euren und nicht seinen Maßstab anlegt, sich auch dem Glauben hingeben, daß das, was ihr ihm sagt, zwar für euer Alter, aber nicht für das seinige gut sei; es wird euch kein Vertrauen mehr schenken, und damit ist Alles verloren. Aber wo ist der Lehrer, der die Antwort schuldig bleiben und seinem Zöglinge sein Unrecht eingestehen möchte? Alle machen es sich zum Gesetze, auch nicht einmal ihre offenbaren Fehler einzugestehen. Ich hingegen würde es mir zum Gesetz machen, mich selbst da, wo ich mich unstreitig im Rechte befinde, eines Irrthums schuldig zu bekennen, sobald ich meinem Zöglinge meine Gründe nicht klar machen könnte. Auf diese Weise würde ihm mein Verhalten, da es vor seinem Geiste beständig fehlerlos dasteht, nie verdächtig sein, und ich würde mir gerade dadurch, daß ich mir Fehler beilege, ein größeres Vertrauen bewahren, als es jenen gelingt, welche die ihrigen verdecken.

Zunächst bedenkt wohl, daß es nur selten eure Aufgabe sein darf, ihm vorzuschlagen, was er lernen soll. Es ist eine Sache, das Verlangen auszusprechen, den Stoff zu suchen und zu finden; eure Pflicht besteht nur darin, denselben seinem Verständniß näher zu bringen, jenes Verlangen geschickt in ihm zu erwecken und ihm die Mittel an die Hand zu geben, dasselbe zu befriedigen. Daraus ergibt sich, daß eure Fragen nicht allzu häufig, aber gut gewählt sein müssen, und daß ihr, da er weit öfter als ihr in die Lage kommen wird, Fragen zu stellen, euch auch weit seltener Blößen geben und weit öfter Gelegenheit bekommen werdet, ihm zu sagen: »Wozu ist das, wonach du mich fragst, zu wissen nütze?«

Da ferner wenig darauf ankommt, daß er dies oder jenes lernt, wenn er nur das Gelernte richtig begreift und anzuwenden versteht, so gebet ihm, falls ihr ihm über das, was ihr ihm mittheilt, keine befriedigende Erklärung geben könnt, lieber gar keine. Sagt unbedenklich zu ihm: »Ich kann dir hierauf keine genügende Antwort ertheilen; ich hatte Unrecht; laß uns nicht weiter davon reden.« War eure Belehrung wirklich übel angebracht, so schadet es gar nichts, sie völlig fallen zu lassen; war sie dagegen nicht am unrechten Orte, so werdet ihr bei einiger Umsicht bald wieder Gelegenheit finden, ihm den Nutzen derselben bemerkbar zu machen.

Lange Erläuterungen in förmlichen Reden haben durchaus nicht meinen Beifall; die jungen Leute achten wenig darauf und behalten sie selten. Auf die Sache, die Sache kommt es an! Ich kann nicht oft genug wiederholen, daß wir den Worten einen viel zu großen Spielraum gewähren. Mit unserer schwatzhaften Erziehung bilden wir nur Schwätzer.

Nehmen wir einmal an, daß mich mein Zögling, während ich mit ihm den Lauf der Sonne und die Kunst sich zu orientiren studire, plötzlich mit der Frage, wozu denn das Alles eigentlich diene, unterbreche. Was für eine schöne Rede ließe sich da halten! Wie hübsch könnte ich da die Gelegenheit ergreifen, ihn bei Beantwortung seiner Frage über allerlei Dinge zu belehren, zumal wenn wir bei unserer Unterredung Zeugen hätten. Ich habe häufig bemerkt, daß man bei dem gelehrten Unterrichte, den man den Kindern ertheilt, weniger daran denkt, sich diesen verständlich zu machen, als vielmehr darauf ausgeht, sich den Beifall der anwesenden Erwachsenen zu erwerben. Ich bin von der Richtigkeit dieser Behauptung vollkommen überzeugt, denn ich habe die Beobachtung an mir selbst gemacht.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.