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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Die beiden ersten geographischen Anhaltspunkte, die es genau kennen lernen muß, werden die Stadt, in welcher es wohnt, und das Landhaus seines Vaters sein; hieran reihen sich die zwischen beiden liegenden Orte, darauf folgen die Flüsse in der Nachbarschaft, endlich der Stand der Sonne und die Art und Weise, sich zu orientiren. Hierin liegt der Vereinigungspunkt. Es muß sich nun selbst eine ganz einfache Karte entwerfen, welche zunächst nichts als jene erwähnten zwei Ausgangspunkte enthält, und denen es nach und nach die übrigen nach der Reihenfolge hinzufügt, wie es ihre Lage und Entfernung erfährt oder selbst abschätzt. Ihr könnt daraus schon sehen, welch einen Vortheil wir ihm bereits früher verschafften, als wir uns sein Augenmaß auszubilden bemühten.

Trotz alle dem wird man das Kind ohne Zweifel ein wenig leiten müssen, aber ja nur sehr wenig und vor allen Dingen so, daß es demselben nicht fühlbar wird. Irrt es sich, so laßt es ruhig geschehen, verbessert seine Fehler durchaus nicht; wartet es still ab, bis es im Stande ist, sie selbst einzusehen und wieder gut zu machen, oder richtet es bei günstiger Gelegenheit höchstens so ein, daß es durch dieselben empfindlich berührt werde. Wenn es sich niemals einer Täuschung hingäbe, würde es sicherlich nicht gut auffassen lernen. Uebrigens kommt es durchaus nicht darauf an, daß es mit voller Genauigkeit die Topographie des Landes, sondern darauf, daß es das Mittel kenne, sich über dieselbe zu unterrichten. Es verschlägt wenig, ob es die Karten im Kopfe habe, wenn es nur gründlich versteht, was sie darstellen, und wenn es nur einen deutlichen Begriff von der Kunst hat, sie zu entwerfen. Daran könnt ihr schon den Unterschied zwischen dem Wissen eurer Zöglinge und der Unwissenheit des meinigen bemerken. Jene kennen die Karten, und er entwirft sie. Dadurch gewinnen wir wieder neue Ausschmückungen für sein Zimmer.

Bleibet stets eingedenk, daß der Geist meines Unterrichts nicht darin besteht, dem Kinde vielerlei Dinge beizubringen, sondern darin, sich niemals andere als deutliche und klare Begriffe in seinem Kopfe festsetzen zu lassen. Wenn Emil auch gar nichts wüßte, würde es doch wenig verschlagen, vorausgesetzt, daß er sich nicht irrthümlichen Anschauungen hingäbe; und ich suche seinen Geist nur deshalb mit immer neuen Wahrheiten bekannt zu machen, um ihn vor Irrthümern zu bewahren, die sich sonst an ihrer Stelle einnisten würden. Die Entwickelung der Vernunft und Urtheilskraft geht nur langsam vor sich, während sich die Vorurtheile massenhaft herbeidrängen; und gerade vor diesen muß man ihn bewahren. Wenn ihr indeß die Wissenschaft an und für sich ins Auge fasset, so fahret ihr in ein Meer ohne Grund, ohne Ufer und voller Klippen hinaus, aus dem ihr euch nie wieder zurückfinden werdet. Wenn ich einen Menschen sehe, der, voll heißer Liebe zu den Wissenschaften, sich durch den Reiz derselben verführen läßt und, unvermögend sich zu beherrschen, von einer zu der andern eilt: so kommt es mir vor, als sehe ich ein Kind, welches am Meeresufer Muscheln sammelt und sich mit ihnen gleich Anfangs beladet, darauf jedoch, durch den Anblick immer neuer in Versuchung gebracht, einige wieder wegwirft und andere aufhebt, bis es schließlich, von ihrer Menge überbürdet und außer Stande noch eine Wahl zu treffen, alle wegwirft und leer zurückkehrt.

Während des ersten Lebensalters verstrich die Zeit langsam; aus Besorgniß, sie übel anzuwenden, gingen wir nur darauf aus, sie zu vertreiben. Jetzt tritt das Gegentheil ein, denn wir haben nicht Zeit genug, um Alles auszuführen, was ersprießlich sein würde. Erwäget, daß die Leidenschaften im Anzuge sind, und daß euer Zögling, sobald sie an die Thüre klopfen, ihnen seine Aufmerksamkeit ausschließlich schenken wird. Das friedliche Alter des erwachenden Verstandes dauert so kurz, vergeht so schnell, muß zu so viel andern notwendigen Dingen ausgenützt werden, daß es geradezu eine Thorheit wäre, zu verlangen, sie solle auch noch hinreichend sein, das Kind gelehrt zu machen. Es kommt weniger darauf an, es in den Wissenschaften zu unterrichten als darauf, ihm Geschmack an denselben einzuflößen und ihm die Methoden beizubringen, sie zu erlernen, sobald sich dieser Geschmack erst mehr entwickelt haben wird. Dies ist sicherlich ein Hauptgrundsatz jeglicher guten Erziehung.

Jetzt ist auch die rechte Zeit gekommen, in der man das Kind nach und nach daran gewöhnen muß, einem und demselben Gegenstande eine ununterbrochene Aufmerksamkeit zu schenken; aber diese Aufmerksamkeit darf nie etwa erzwungen werden, sondern muß stets aus eigener Lust und Liebe hervorgehen. Sorgfältig muß man darüber wachen, daß sie dem Kinde nicht zur Last falle oder ihm gar Langeweile verursache. Haltet deshalb beständig das Auge offen, und stehet, was auch immer die Folge davon sein möge, von Allem ab, noch ehe es eine Beute der Langenweile wird; denn es ist durchaus nicht so wichtig, daß es etwas lerne, als vielmehr daß es nichts mit Widerwillen verrichte.

Legt euch das Kind Fragen vor, so antwortet nur gerade so viel als nöthig ist, seine Wißbegierde rege zu erhalten, nicht aber sie völlig zu befriedigen. Vorzüglich beobachtet aber augenblicklich die größte Zurückhaltung, wenn ihr wahrnehmt, daß es nicht fragt, um sich zu unterrichten, sondern nur um zu faseln und euch mit albernen Fragen zu belästigen, denn dann steht so viel fest, daß es ihm nicht mehr um die Sache, sondern lediglich darum zu thun ist, euch durch seine Fragen zu tyrannisiren. Man muß dabei weniger die Worte, die es spricht, als vielmehr den Beweggrund beachten, der es zum Sprechen treibt. Diese Warnung, welche bisher weniger nöthig war, wird von der äußersten Wichtigkeit, sobald das Kind selbst zu urtheilen beginnt.

Es gibt eine Kette von allgemeinen Wahrheiten, vermittelst welcher alle Wissenschaften von gemeinsamen Principien ausgehen und sich erst nach und nach aus denselben entwickeln. An diese Kette halten sich die Philosophen; um sie handelt es sich jedoch hier nicht. Es gibt indeß noch eine andere, wesentlich von dieser ersteren verschiedene, durch welche jeder einzelne Gegenstand nothwendig einen anderen nach sich zieht und auf den, der ihm folgt, hinweist. Letztere Ordnung nun, welche durch eine ununterbrochene Neugier die Aufmerksamkeit, die alle diese Gegenstände erfordern, wach erhält, ist es, der die meisten Menschen folgen, und die vorzugsweise den Kindern vorteilhaft ist. Damit wir uns beim Entwurfe unserer Karten zu orientiren vermochten, mußten wir Mittagslinien ziehen. Zwei Durchschnittspunkte zwischen den am Morgen und Abend gleich großen Schatten liefern für einen dreizehnjährigen Astronomen eine ausgezeichnete Mittagslinie. Aber diese Mittagslinien verwischen sich immer wieder; es erfordert Zeit, sie stets von Neuem zu ziehen. Sie nöthigen uns dazu, beständig an dem nämlichen Orte zu arbeiten. So viel Mühe, so viel Zwang müßten dem Kinde endlich langweilig werden. Wir haben es vorausgesehen und treffen deswegen schon im Voraus Vorkehrungen.

Da habe ich mich wiederum auf weitschweifige und kleinliche Einzelheiten eingelassen. Ich höre, lieber Leser, schon dein Murren, allein ich trotze ihm. Ich kann es nicht über mich gewinnen, deiner Ungeduld den nützlichsten Theil dieses Buches zum Opfer zu bringen. Fasse deinen Entschluß, wie du dich meiner Weitschweifigkeit gegenüber zu verhalten gedenkst, denn was mich anlangt, so habe ich den meinigen hinsichtlich deiner Klagen schon gefaßt.

Bereits seit langer Zeit hatten wir, mein Zögling und ich, die Wahrnehmung gemacht, daß Bernstein, Glas, Siegellack und verschiedene andere Körper, sobald sie gerieben werden, Strohhalme anziehen, während anderen diese Eigenschaft fehlt. Zufällig finden wir einen, dem eine noch merkwürdigere Kraft inne wohnt, nämlich die, in einiger Entfernung, und noch dazu ohne erst gerieben zu werden, Eisenfeilspäne und andere Eisenstückchen anzuziehen. Wie lange gewährt uns diese Eigenschaft Zeitvertreib, ohne daß wir irgend etwas Weiteres darin erblicken. Endlich entdecken wir aber auch, daß sie sich dem Eisen selbst mittheilt, wenn es in einer bestimmten Richtung mit einem Magnete gestrichen wird. Eines Tages besuchen wir den Jahrmarkt Ich habe mich des Lachens nicht enthalten können, als ich des Herrn Formey feine Kritik über diese kleine Erzählung las. »Dieser Taschenspieler,« sagt er, »der die Nacheiferung eines Kindes übelnimmt und seinem Lehrer deshalb in allem Ernste Vorwürfe macht, ist ein Geschöpf aus der Welt des Emil.« Der geistreiche Herr Formey hat sich nicht vorstellen können, daß diese kleine Scene abgekartet und der Taschenspieler über die Rolle, die er zu spielen hatte, unterrichtet war; denn das hatte ich allerdings nicht ausdrücklich hinzugesetzt. Aber wie oft habe ich dagegen nicht schon erklärt, daß ich nicht für Leute schreibe, denen man Alles sagen muß! Ein Taschenspieler zieht mit einem Stückchen Brod eine Ente von Wachs an, welche auf einem Wasserbecken schwimmt. Trotz unserer großen Ueberraschung glauben wir doch nicht, daß wir es mit einem Hexenmeister zu thun haben, denn wir wissen gar nicht, was ein Hexenmeister ist. Da uns schon oft Wirkungen, deren Ursachen wir nicht kennen, Verwunderung abgenöthigt haben, so übereilen wir uns nicht, ein Urtheil zu fällen, sondern bleiben ruhig in unserer Unwissenheit, bis sich uns eine Gelegenheit darbietet, von derselben frei zu werden.

Nach Hause zurückgekehrt, verfallen wir, da sich das Gespräch immer wieder von Neuem um die Ente auf dem Jahrmärkte dreht, endlich auf den Gedanken, das Kunststück nachzumachen. Wir nehmen eine taugliche Nadel, die stark magnetisch ist und umhüllen sie mit weißem Wachs, dem wir, so gut wir es vermögen, die Gestalt einer Ente zu geben suchen, so daß die Nadel durch die ganze Länge des Körpers geht und die Spitze den Schnabel bildet. Nun setzen wir die Ente auf das Wasser, halten einen Schlüsselring in einiger Entfernung von dem Schnabel, und sehen mit leicht begreiflicher Freude, daß unsere Ente dem Schlüssel gerade eben so folgt, wie die auf dem Jahrmarkte dem Stücke Brod folgte. Nach welcher Richtung hin die Ente auf dem Wasser Halt macht, wenn man sie in Ruhe läßt, das zu beobachten wird sich ein anderes Mal Gelegenheit darbieten. Da wir augenblicklich mit unserem Gegenstande vollauf beschäftigt sind, verlangen wir nichts weiter.

Noch an dem nämlichen Abende kehren wir mit einem Stücke gut präparirten Brodes in der Tasche auf den Jahrmarkt zurück, und sobald der Taschenspieler sein Kunststück gemacht hat, sagt mein kleiner Gelehrter, der kaum noch an sich zu halten vermag, zu ihm, daß dies Kunststück nicht schwierig sei und er es eben so gut machen könne. Er wird beim Worte genommen. Sofort zieht er das Brod, in welchem das Stückchen Eisen verborgen ist, aus der Tasche. Während er sich dem Tische nähert, klopft ihm das Herz. Fast zitternd hält er der Ente das Brod hin; sie kommt und folgt ihm. Das Kind jauchzt vor Wonne auf und hüpft vor Freude. Bei dem Händeklatschen und den Beifallsäußerungen der versammelten Menge schwindelt ihm den Kopf; es ist außer sich. So betroffen der Gaukler auch scheint, so nähert sich ihm derselbe doch, um es zu umarmen und zu beglückwünschen. Er bittet es, ihn auch am folgenden Tage mit seiner Gegenwart zu beehren, indem er hinzufügt, er werde dafür Sorge tragen, eine noch größere Menschenmenge um sich zu versammeln, um seiner Geschicklichkeit Beifall zu spenden. Mein kleiner Naturforscher, dessen Stolz erwacht ist, macht Miene, sein Geheimniß auszuplaudern; aber augenblicklich verschließe ich ihm den Mund und führe ihn, von Lobsprüchen überhäuft, hinweg.

Das Kind zählt mit lächerlicher Ungeduld die Minuten bis zum nächsten Tage. Alle, die ihm begegnen, ladet es ein. Es wünschte, die ganze Menschheit könnte Zeuge seines Ruhmes sein. Es kann kaum die Stunde erwarten und möchte die Uhr vorstellen. Wir fliegen förmlich nach dem Orte des Zusammentreffens; der Saal ist bereits gefüllt. Beim Eintreten zieht Freude in sein junges Herz ein. Andere Taschenspielerkunststücke sollen vorhergehen; der Künstler übertrifft sich selbst und macht wahrhaft überraschende Dinge. Das Kind steht von allem dem nichts. Es ist in fortwährender Unruhe, schwitzt und vermag kaum zu athmen. Es vertreibt sich die Zeit damit, sein Stückchen Brod in der Tasche mit vor Ungeduld zitternder Hand unaufhörlich zu betasten. Endlich kommt sein Kunststück an die Reihe, und mit einer gewissen Feierlichkeit kündigt es der Künstler dem Publicum an. Etwas verlegen tritt Emil hervor und zieht sein Brod heraus. .... Doch welch ein Wechsel der menschlichen Dinge! Die gestern so zahme Ente ist heute völlig wild geworden. Anstatt den Schnabel dem Brode zuzukehren, dreht sie ihm den Schwanz zu und entflieht. Sie weicht dem Brode und der Hand, die es darbietet, mit derselben Sorgfalt aus, mit der sie ihnen zuvor gefolgt war. Nach tausend vergeblichen und regelmäßig belachten Versuchen fängt das Kind sich zu beschweren an, klagt, man suche es zu täuschen, man habe der ersten Ente eine andere untergeschoben, und richtet an den Taschenspieler die Aufforderung, diese an sich zu locken.

Ohne ein Wort zu erwidern, nimmt der Taschenspieler ein Stück Brod und hält es der Ente hin. Augenblicklich folgt die Ente dem Brode und schwimmt hinter der Hand her, die es zurückzieht. Jetzt nimmt das Kind dasselbe Stück Brod, aber weit entfernt zu einem besseren Resultate als zuvor zu gelangen, muß es vielmehr mit ansehen, wie die Ente seiner gleichsam spottet und rings um den Rand des Beckens flieht. Ganz verlegen entfernt es sich endlich und wagt sich dem Gelächter nicht länger auszusetzen.

Jetzt nimmt der Taschenspieler das Stück Brod, welches das Kind mitgebracht hatte, und gelangt durch dasselbe zu dem nämlichen Resultate wie durch das seinige. Vor Aller Augen zieht er sogar das Eisen hervor; ein neues Gelächter auf unsere Kosten! Darauf zieht er sogar die Ente mit dem bloßen Brode eben so gut wie zuvor an. Dieselben Dienste leistet ihm ein in Aller Gegenwart von dritter Hand abgeschnittenes Stück Brod, ja selbst sein Handschuh und seine Fingerspitze. Endlich tritt er mitten in das Zimmer und kündigt in jenem feierlichen Tone, wie er dergleichen Leuten eigen zu sein pflegt, an, daß die Ente seiner Stimme eben so gut wie seinen Bewegungen gehorchen werde. Er redet sie an und die Ente ist folgsam; er befiehlt ihr nach rechts zu schwimmen, und sie schwimmt nach rechts, zurückzukommen, und sie kommt zurück, sich umzudrehen, und sie dreht sich um. Befehl und Ausführung der Bewegung sind eins. Der erhöhte Beifall erhöht nur unsere Beschämung. Unbemerkt schleichen wir uns fort und schließen uns in unser Zimmer ein, ohne aller Welt, wie wir uns doch vorgenommen hatten, unsern Erfolg auszuposaunen.

Am nächsten Morgen klopft es an unsere Thür. Ich öffne, und der Taschenspieler steht vor mir. In bescheidenen Worten beschwert er sich über unser Benehmen. Was hätte er uns gethan, das uns hätte Veranlassung geben können, seine Kunststücke herabzusetzen und ihn dadurch möglicher Weise um seinen Broderwerb zu bringen? Welche große Merkwürdigkeit läge denn in der Kunst, eine Ente von Wachs anzuziehen, um diese Ehre auf Kosten des Unterhalts eines ehrlichen Mannes erkaufen zu wollen. »Fürwahr, meine Herren, hätte ich irgend etwas Anderes gelernt, um mir dadurch meinen Lebensunterhalt zu verdienen, so würde ich meinen Ruhm schwerlich in dieser Kunst suchen. Sie konnten sich doch leicht vorstellen, daß ein Mann, der sein ganzes Leben damit zugebracht hat, sich in diesem elenden Gewerbe zu üben, etwas mehr davon verstehen muß als Sie, die Sie sich verhältnißmäßig nur wenige Zeit damit beschäftigen. Wenn ich Ihnen meine Meisterstücke nicht sofort von Anfang an gezeigt habe, so liegt der Grund einfach darin, weil man sich nicht beeilen muß, unbesonnener Weise gleich Alles, was man weiß, aufzutischen. Stets trage ich Sorge, meine besten Kunststücke für eine besondere Gelegenheit aufzusparen, und außer diesen hebe ich noch immer einige andere auf, um der vorwitzigen Jugend damit entgegentreten zu können. Uebrigens, meine Herren, will ich Sie mit dem Geheimnisse, welches Sie in so große Verlegenheit setzte, herzlich gern bekannt machen, muß Sie indeß bitten, es nicht zu meinem Nachtheile zu mißbrauchen und ein anderes Mal zurückhaltender zu sein.«

Darauf zeigt er uns seine Maschine, und wir gewahren zu unserer äußersten Ueberraschung, daß sie nur aus einem starken und gut armirten Magnet besteht, welchen ein unter dem Tische verborgenes Kind unbemerkt hin und her bewegte.

Der Mann steckt seine Maschine wieder ein, und nachdem wir ihm unsern Dank und unsere Entschuldigungen ausgesprochen haben, wollen wir ihm ein Geschenk einhändigen. Er lehnt es ab. »Nein, meine Herren, Sie haben sich mir gegenüber nicht so tadelfrei gezeigt, daß ich Geschenke von Ihnen annehmen könnte. Sie sollen sich mir wider Ihren Willen verpflichtet fühlen; das sei meine einzige Rache. Mögen Sie daraus lernen, daß es in allen Ständen Edelmuth gibt. Ich lasse mir wol meine Kunststücke bezahlen, nicht aber die Lectionen, die ich ertheile.«

Beim Weggehen wendet er sich noch direct an mich und ertheilt mir ganz laut einen Verweis. »Gern,« sagt er, »will ich dieses Kind entschuldigen; es hat nur aus Unwissenheit gefehlt. Sie jedoch, mein Herr, der Sie seinen Fehler einsehen mußten, weshalb haben Sie ihn denselben begehen lassen. Da Sie zusammen leben, so liegt Ihnen, als dem Aelteren, die Pflicht ob, ihm mit Rath und That zur Seite zu stehen. Ihre Erfahrung muß ihm als Autorität gelten, so daß es sich durch dieselbe leiten läßt. Sollte es sich dereinst, wenn es erwachsen ist, über seine Jugendfehler Vorwürfe machen, so wird es unzweifelhaft die Schuld derer, auf welche Sie es nicht aufmerksam gemacht haben, Ihnen zuschieben.« Habe ich wol einen Leser voraussetzen dürfen, der so beschränkt wäre, bei dieser Unterredung nicht zwischen den Zeilen herauszulesen, daß der Erzieher selbst ihm diesen Verweis Wort für Wort und in ganz bestimmter Absicht vorgeschrieben hatte? Hat man Ursache mich für so beschränkt zu halten, daß ich im Stande wäre, einem Taschenspieler diese Sprache als die ihm natürliche in den Mund zu legen? Ich glaubte den Beweis geliefert zu haben, daß mir wenigstens das doch ziemlich dürftige Talent nicht abgeht, die Leute in dem Geiste ihres Standes reden zu lassen. Man vergleiche noch das Ende des folgenden Abschnittes. Hieß dies nicht für jeden Andern als Herrn Formey Alles sagen?

Er geht und läßt uns Beide in größter Bestürzung zurück. Ich tadle mich meiner weichlichen Nachgibigkeit willen, ich gelobe dem Kinde, dieselbe ein anderes Mal seinem Besten zum Opfer bringen zu wollen und es vor seinen Fehlern zu warnen, bevor es dieselben begehe. Denn nun nähert sich die Zeit, wo in unseren gegenseitigen Verhältnissen eine Aenderung eintreten und der Ernst des Lehrers an die Stelle der kameradschaftlichen Nachgibigkeit treten muß. Diese Veränderung darf nur stufenweise vor sich gehen. Alles muß man voraussehen, und zwar schon aus weiter Ferne voraussehen.

Am nächsten Tage begeben wir uns abermals auf den Jahrmarkt, um uns das Kunststück, dessen Geheimniß wir erfahren haben, noch einmal anzusehen. Mit tiefer Ehrfurcht nähern wir uns dem Sokrates der Taschenspieler; kaum wagen wir die Augen zu ihm aufzuschlagen. Er überhäuft uns jedoch mit Artigkeiten und weist uns unsern Platz in so auszeichnender Weise an, daß wir uns nur noch mehr gedemüthigt fühlen. Darauf macht er seine Kunststücke wie gewöhnlich, nur verweilt er mit offenbarem Vergnügen bei der Ente, wobei er uns öfter mit ziemlich stolzer Miene anblickt. Wir wissen Alles, verrathen uns aber auch nicht durch das leiseste Zeichen. Wenn mein Zögling auch nur den Mund zu öffnen wagte, so wäre er werth, vernichtet zu werden.

Alle Einzelheiten dieses Beispiels sind von ungleich höherer Wichtigkeit, als es den Anschein haben möchte. Wie viel Lehren sind in dieser einzigen enthalten! Welche demüthigenden Folgen zieht die erste Regung der Eitelkeit nach sich! Junger Lehrer, sorge dafür, daß dir diese erste Regung nicht entgeht! Verstehst du es so einzurichten, daß für deinen Zögling daraus gleichfalls Demüthigungen und Unannehmlichkeiten hervorgehen müssen, Diese Demüthigungen und Unannehmlichkeiten sind also von mir und nicht von dem Taschenspieler ausgegangen. Da Herr Formey sich noch bei meinen Lebzeiten meines Buches bemächtigen und es drucken lassen wollte, wobei er ohne Weiteres meinen Namen wegnahm und den seinigen an dessen Stelle setzte, so hätte er sich doch wenigstens die Mühe nehmen sollen, ich will nicht gerade sagen es selbst zu verfassen, aber doch es zu lesen. dann kannst du versichert sein, daß sobald keine zweite folgen wird. »Aber was für künstliche Vorkehrungen!« wird man einwenden. Ich räume es ein, und dies Alles nur – um uns eine Boussole zu verschaffen, die uns die Mittagslinie vertreten kann.

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