Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Jacques Rousseau >

Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
Schließen

Navigation:

Die Stunde ist abgelaufen, die Glocke schlägt; welche Veränderung! Augenblicklich trübt sich sein Blick, seine Fröhlichkeit verschwindet. Lebe wohl, Freude, lebt wohl, ihr munteren Spiele! Ein ernster und verdrießlich ausschauender Mann ergreift es bei der Hand, sagt zu ihm strenge: »Kommen Sie, junger Herr!« und führt es fort. In dem Zimmer, in welches sie hineintreten, erblicke ich Bücher. Bücher! Welch trauriger Zimmerschmuck für sein Alter! Das arme Kind läßt sich fortschleppen, wirft noch einen schmerzlichen Abschiedsblick auf seine Umgebung, schweigt und geht mit Thränen im Auge, die es nicht zu vergießen wagt und mit einem Herzen voller Seufzer, die es sich furchtsam zurückzuhalten bemüht.

O du, der du nichts Aehnliches zu fürchten hast, du, für den keine Zeit des Lebens eine Zeit der Marter und der Langenweile ist, du, der du den Tag ohne Unruhe und die Nacht ohne Ungeduld nahen siehst, und die Stunden nur nach deinen Zerstreuungen zählst, komm, du mein glücklicher, mein liebenswürdiger Zögling, und tröste uns durch deine Gegenwart über den Fortgang jenes Unglücklichen; komm .... er kommt in der That, und bei seinem Nahen empfinde ich eine Regung der Freude, die er augenscheinlich theilt. Es ist ja sein Freund, sein Kamerad, es ist ja der Genosse seiner Spiele, an den er herantritt. Mein Anblick verkündet ihm mit Sicherheit, daß er nicht mehr lange ohne Zeitvertreib sein wird. Niemals hängen wir von einander ab, aber wir fühlen uns beständig in voller Übereinstimmung und sind am liebsten unter uns allein.

Seine Gestalt, seine Tracht, seine Haltung verkündigen Sicherheit und Zufriedenheit. Sein Gesicht strotzt von Gesundheit; sein fester Schritt verleiht ihm ein Ansehen von Kraft. Seine Gesichtsfarbe, die bei aller Zartheit doch nichts Kränkliches an sich hat, verräth keine weibische Schlaffheit. Luft und Sonne haben ihr bereits das ehrenvolle Gepräge seines Geschlechts aufgedrückt; seine noch gerundeten Muskeln fangen allmählich an festere Gesichtszüge zu zeigen. Seine Augen, die zwar noch nicht vom Feuer des Gefühls belebt sind, haben wenigstens noch ihre ganze ursprüngliche Heiterkeit; noch hat sie kein langanhaltender Gram verdüstert, noch haben keine endlosen Thränen seine Wangen gefurcht. In seinen schnellen, aber sicheren Bewegungen drückt sich die Lebhaftigkeit seines Alters, seine unerschütterliche Entschlossenheit und seine durch vielfache Hebungen erworbene Erfahrung aus. Trotz seines offenen und freien Wesens ist er weder anmaßend noch eitel. Sein Kopf, den man nicht gezwungen hat, sich fortwährend über Bücher zu bücken, sinkt ihm nicht bis auf die Brust hinab; man braucht ihn nicht beständig zu erinnern: »Hebe den Kopf in die Höhe!« da er ihn weder aus Scham noch aus Furcht je hat senken müssen.

Räumen wir ihm einen Platz in der Gesellschaft ein! Prüfen Sie ihn, meine Herren, fragen Sie ihn ohne Scheu. Sie können unbesorgt sein, er wird Sie weder mit Zudringlichkeit, noch mit Schwatzhaftigkeit, noch mit unbescheidenen Fragen belästigen. Fürchten Sie nicht, daß er sich Ihrer bemächtigen und verlangen werde, Sie sollten sich ausschließlich mit ihm allein beschäftigen, und daß sie ihn nicht wieder los werden könnten.

Erwarten Sie aber von ihm auch keine schönen Redensarten, oder daß er Ihnen zum Besten gebe, was ich ihm in den Mund gelegt habe; erwarten Sie nur naive und einfache Wahrheit, ohne Ausschmückung, ohne Künstelei, ohne Eitelkeit. Er wird Ihnen das Böse, das er begangen oder gedacht hat, mit demselben Freimuth eingestehen, mit welchem er Ihnen seine guten Handlungen und Gedanken erzählt, ohne sich auch nur im Geringsten um den Eindruck zu kümmern, den seine Mittheilungen auf Sie machen könnten. Er wird in die Worte denselben einfachen Sinn hineinlegen, der ihnen Anfangs beigelegt ist.

Man hegt gewöhnlich voll den Kindern eine günstige Meinung und muß es bei den zahllosen Albernheiten, die fast immer die Hoffnungen wieder zerstören, welche man an einige zufällig ihnen entschlüpfte glückliche Gedanken geknüpft hatte, beständig bedauern. Wenn nun mein Zögling selten zu solchen Hoffnungen berechtigt, so wird er dafür auch niemals dieses Bedauern hervorrufen, denn niemals sagt er ein unnützes Wort und erschöpft sich nicht in einem Geschwätz, von dem er doch weiß, daß Niemand darauf hört. Seine Ideen sind beschränkt, aber klar. Weiß er nichts auswendig, so weiß er dafür viel aus Erfahrung; liest er unsere Bücher weniger gut als ein anderes Kind, so versteht er desto besser in dem Buche der Natur zu lesen. Sein Geist liegt nicht auf seiner Zunge, sondern wohnt in seinem Kopfe. Er besitzt weniger Gedächtniß als Urtheilskraft; er spricht nur eine einzige Sprache, versteht aber auch, was er sagt, und wenn er es auch nicht so gut sagt wie Andere, so ist er dafür im Thun gewandter als sie.

Er weiß, nicht, was Routine, Herkommen, Gewohnheit ist. Was er gestern gethan, hat keinen Einfluß auf sein heutiges Thun. Der Reiz der Gewohnheit entspringt der dem Menschen angeborenen Trägheit, und diese Trägheit steigert sich, sobald man sich ihr überläßt. Was man schon einmal gethan hat, geht leichter von Statten. Auf gebahntem Wege kommt man schneller vorwärts. Auch kann man bemerken, daß die Herrschaft der Gewohnheit über alte und träge Leute ungemein groß ist, während sie über die Jugend und lebhafte Menschen nur eine geringe Macht ausübt. Nur für schwache Seelen eignet sich diese Herrschaft, die sie noch dazu von Tage zu Tage mehr schwächt. Die einzige Gewohnheit, welche den Kindern nützlich ist, besteht darin, daß sie sich ohne Mühe der Vernunft zu unterwerfen lernen. Jede andere Gewohnheit ist ein offenbarer Fehler.

Er folgt nie einer Formel, gestattet weder der Autorität noch dem Beispiele einen Einfluß und handelt und spricht nur nach eigenem Gefallen. Erwartet deshalb von ihm weder eingelernte Reden noch einstudirte Manieren, aber beständig den treuen Ausdruck seiner Ideen und ein Betragen, welches in seinen Neigungen wurzelt.

Ihr werdet finden, daß er nur eine geringe Zahl moralischer Begriffe besitzt, die sich auf seinen gegenwärtigen Zustand beziehen, dagegen keine über das gegenseitige Verhältniß der Menschen unter einander; wozu sollten ihm dieselben auch dienen, da ja ein Kind noch kein thätiges Glied der Gesellschaft ist? Redet mit ihm von Freiheit, Eigenthum, sogar von Verträgen, bis dahin geht noch sein Verständniß. Er weiß, weshalb das Seinige ihm gehört, und weshalb das, was nicht das Seinige ist, ihm nicht gehört. Darüber hinaus weiß er aber nichts mehr. Redet zu ihm von Pflicht, von Gehorsam, so weiß er nicht, was ihr damit sagen wollt; befehlt ihm etwas, so wird er euch nicht verstehen. Sagt ihr jedoch zu ihm: »Wenn du mir diesen Gefallen erwiesest, würde ich dir bei passender Gelegenheit Gleiches mit Gleichem vergelten«, so wird er sich sofort beeilen, euerer Aufforderung nachzukommen, denn er kennt keinen höheren Wunsch, als sein Machtgebiet auszudehnen und sich Rechte an euch zu erwerben, die in seinen Augen unverletzlich sind. Vielleicht ist es ihm auch gar nicht unlieb, eine gewisse Stellung einzunehmen, mitgezählt zu werden und etwas zu gelten. Bestimmt ihn indeß dieser letztere Beweggrund in der That, so hat er freilich die Grenzen der Natur bereits überschritten, und ihr habt ihm vorher die Thore der Eitelkeit nicht gut genug versperrt.

Bedarf er seinerseits irgend eines Beistandes, so wird er ihn vom ersten Besten, der ihm in den Wurf kommt, erbitten; er würde ihn vom Könige eben so gut wie von seinem Diener verlangen. Noch sind in seinen Augen alle Menschen gleich. An der Form seiner Bitte bemerket ihr sogleich, daß er sich dessen bewußt ist, Niemand habe ihm gegenüber eine Verpflichtung; er weiß, daß die Erfüllung seines Verlangens eine Gefälligkeit ist. Er weiß aber auch, daß die Menschlichkeit zur Bewilligung seiner Bitte drängt. Seine Ausdrücke sind einfach und lakonisch. Seine Stimme, sein Blick, seine Geberden verrathen, daß er sowol an Erhörung als an Verweigerung gewöhnt ist. Es spricht sich in seinem Benehmen weder die kriechende und knechtische Unterwürfigkeit eines Sklaven aus, noch redet er in dem gebieterischen Tone eines Herrn, sondern es prägt sich in ihm ein bescheidenes Zutrauen zu seines Gleichen, die edle und rührende Güte eines freien, aber empfindenden und schwachen Wesens aus, welches den Beistand eines eben so freien, aber starken und wohlwollenden Wesens erbittet. Wenn ihr seine Bitte erfüllt, so wird er euch nicht danken, aber er wird fühlen, daß er in eurer Schuld steht. Schlaget ihr sie ihm ab, so wird er sich nicht beklagen, nicht darauf bestehen, weil er doch weiß, daß dies vergeblich wäre. Er wird nicht zu sich sagen: »Man hat mir meine Bitte verweigert«, sondern er wird sich sagen: »Es konnte nicht sein«, und wie ich schon gesagt habe, man lehnt sich gegen eine Nothwendigkeit, die man einmal als richtig erkannt hat, nicht auf.

Laßt ihn in der Freiheit allein; sehet zu, wie er handelt, ohne ihm etwas zu sagen; beobachtet, was er thun und wie er sich dabei benehmen wird. Da er nicht erst den Beweis zu liefern braucht, daß er auch wirklich frei ist, so thut er auch nichts aus bloßem Leichtsinne und nur zu dem Zwecke, einmal einen Act seines freien Willens auszuüben, weiß er es doch sehr wohl, daß er stets sein eigener Herr ist. Er ist munter, gewandt, behend; in seinen Bewegungen drückt sich die ganze Lebhaftigkeit seines Alters aus, aber ihr werdet keine einzige bemerken, welche zwecklos wäre. Was er auch immer thun mag, nie wird er etwas unternehmen, was seine Kräfte überstiege, da er sie erprobt hat und genau kennt. Seine Mittel werden sich stets seinen Zwecken anpassen, und selten wird er handeln, ohne des Erfolgs gewiß zu sein. Sein Auge ist aufmerksam und scharf; er wird nicht rathlos zu den Anderen umherlaufen und sie über Alles, was er erblickt, befragen, sondern er wird es selbst untersuchen und sich, ehe er danach fragt, Mühe geben, das, was er wissen will, selbst zu finden. Geräth er in unvorhergesehene Verlegenheiten, so wird er sich weniger als ein Anderer beunruhigen; ist Gefahr damit verbunden, so wird er ebenfalls weniger erschrecken. Da seine Einbildungskraft noch in Unthätigkeit verharrt, und man nichts gethan hat, dieselbe zu erregen, so sieht er nur, was wirklich vorhanden ist, schätzt die Gefahr richtig und behält immer kaltes Blut. Die Nothwendigkeit hat ihm zu oft ihre Gewalt gezeigt, als daß er noch gegen sie ankämpfen sollte. Er trägt ihr Joch von seiner Geburt an, ist deshalb vollkommen daran gewöhnt und ist stets auf Alles gefaßt.

Ob er sich beschäftigt oder belustigt, gilt ihm gleich. Seine Spiele sind seine Beschäftigungen; er kennt zwischen ihnen keinen Unterschied. An Alles, was er unternimmt, geht er mit einem Interesse, welches uns ein Lächeln abnöthigt, und mit einer Freiheit, die uns wohlthuend berührt, da sich uns darin zugleich die Richtung seines Geistes wie der Umfang seiner Kenntnisse kund gibt. Ist nicht der Anblick dieses Alters ein liebliches Schauspiel? Ist es nicht reizend, ein hübsches Kind zu sehen mit lebhaftem und munterem Auge, zufriedener heiterer Miene, offenem lachendem Gesichte, das unter seinen Spielen die ernstesten Sachen verrichtet oder unbedeutende Spielereien mit dem größten Eifer betreibt?

Habt ihr Lust, ihn nun auch nach einem Vergleiche mit Anderen zu beurtheilen? Bringet ihn in einen Kreis anderer Kinder und laßt ihn gewähren. Ihr werdet bald sehen, welches das wahrhaft gebildetste ist und sich der Vollkommenheit dieses Alters am meisten nähert. Unter den Stadtkindern ist keines gewandter als er; aber er übertrifft sie Alle an Stärke. Mit den Bauernkindern nimmt er es an Stärke auf, während er ihnen an Gewandtheit überlegen ist. Ueber Alles, was nicht über die kindliche Fassungskraft hinausgeht, schließt, urtheilt und sieht er besser voraus als sie Alle. Gilt es, etwas zu unternehmen, zu laufen, zu springen, schwere Gegenstände aus dem Wege zu schaffen, Massen aufzuheben, Entfernungen zu schätzen, Spiele zu erfinden, Preise davonzutragen, dann gewinnt es fast den Anschein, als ob sich die Natur seinen Befehlen füge, so leicht weiß er Alles seinem Willen zu unterwerfen. Er ist zur Leitung und Führung seiner Spielgefährten wie geschaffen; das dazu nöthige Recht und die Autorität werden bei ihm durch Talent und Erfahrung ersetzt. Gebt ihm jedes beliebige Kleid, jeden beliebigen Namen, darauf kommt wenig an, er wird sich doch überall zum Führer, zum Haupte der Anderen aufwerfen; sie werden stets seine Überlegenheit herausfühlen. Ohne befehlen zu wollen, wird er der Herr sein; und sie werden, ohne sich darüber klar zu werden, gehorchen.

Er ist zur Reife der Kindheit gelangt; er hat das Leben eines Kindes gelebt und seine Vollkommenheit nicht auf Kosten seines Glückes erkauft; sie haben sich vielmehr beide mit einander und durch einander entwickelt. Während seine Verstandeskräfte allmählich bis zu dem Grade, der seinem Alter angemessen ist, ausgebildet sind, war er so glücklich und frei, wie seine Lage es gestattete. Sollte die Blüte unserer auf ihn gesetzten Hoffnungen durch die Sichel des Todes dahingerafft werden, so werden wir nicht gleichzeitig sein Leben und seinen Tod zu beweinen haben und unsere Schmerzen nicht noch durch die Erinnerung an diejenigen erhöhen müssen, die wir ihm bereitet haben; wir werden uns sagen können: »Wenigstens hat er seine Jugend genossen; durch unsere Schuld ist ihm nichts von Allem entzogen, was ihm die Natur verliehen hatte.«

Diese erste Erziehung führt freilich den großen Uebelstand mit sich, daß nur scharfblickenden Menschen der Vorteil derselben einleuchtend ist, während gewöhnliche Augen in einem mit so großer Sorgfalt erzogenen Kinde nur einen Schlingel erblicken. Ein Lehrer hat sein eigenes Interesse stets mehr im Auge als das seines Schülers. Er läßt es sich angelegen sein, den Nachweis zu führen, daß er seine Zeit nicht verliere, und daß er das Geld, welches man ihm zahlt, wohl verdiene. Die Kenntnisse, welche er ihm beibringt, lassen sich leicht auskramen und, so oft man will, in Parade vorführen; es verschlägt dabei wenig, ob das, was er ihn lehrt, auch nützlich ist, wenn es sich nur leicht bemerkbar macht. Ohne Wahl und Unterschied häuft er hunderterlei Dummheiten in seinem Gedächtnisse auf. Handelt es sich dann um eine Prüfung des Kindes, so läßt man es seine Waare auskramen; es prunkt mit seinem Wissen, man ist zufrieden, und dann packt es seinen Ballen wieder zusammen und geht. So reich ist mein Zögling freilich nicht, er kann keine Waaren zur Schau auslegen, er hat nichts aufzuweisen als sich selbst. Allein ein Kind läßt sich eben so wenig als ein Erwachsener in einem einzigen Augenblicke durchschauen. Wo wären wol die Beobachter, welche die Züge, die es gerade charakterisiren, auf den ersten Blick aufzufassen vermöchten? Es gibt solche, aber nur wenige; und von hunderttausend Vätern gehört vielleicht noch nicht ein einziger in diese Classe.

Ein endloses Ab- und Ausfragen ist Jedermann, vorzüglich jedoch den Kindern langweilig und widerwärtig. Schon nach Verlauf weniger Minuten ermattet ihre Aufmerksamkeit, sie hören schließlich gar nicht mehr auf das, wonach ein hartnäckiger Examinator fragt und antworten nur noch auf gut Glück. Diese Art, sie zu prüfen, ist unnütz und pedantisch; oft enthüllt uns ein einziges, ihnen unwillkürlich entschlüpftes Wort ihren Verstand und Geist besser, als es lange Unterredungen thun könnten; indeß muß man darauf Acht geben, daß ihnen dieses Wort nicht blos in den Mund gelegt oder etwas Zufälliges ist. Man muß selbst eine feine Urtheilskraft besitzen, um die eines Kindes richtig schätzen zu können.

Ich habe den verstorbenen Lord Hyde erzählen hören, daß einer seiner Freunde, der nach einer Abwesenheit von drei Jahren aus Italien zurückgekehrt war, die Fortschritte seines Sohnes, eines neun- bis zehnjährigen Knaben, prüfen wollte. Eines Abends gehen sie mit demselben und seinem Lehrer auf einem ebenen Felde, auf dem sich Schüler damit belustigen, Papierdrachen steigen zu lassen, spazieren. Plötzlich sagt der Vater ganz beiläufig zum Sohne: »Wo mag wol der Drachen stehen, dessen Schatten wir hier sehen?« Ohne zu stocken, ohne nur den Kopf zu erheben, antwortet das Kind: »Ueber der Landstraße.« Und in der That, setzte Lord Hyde hinzu, befand sich die Landstraße zwischen der Sonne und uns. Auf dieses Wort umarmte der Vater seinen Sohn und ging, indem er damit die Prüfung schloß, ohne ein Wort zu sagen, fort. Am folgenden Morgen schickte er dem Erzieher eine Anweisung auf eine lebenslängliche Pension außer seinem festen Gehalte.

Was für ein Mann, dieser Vater! Und zu welchen Hoffnungen berechtigte solch ein Sohn! Der Graf von Gisors, der einzige Sohn des Marschalls von Belle-Isle. Die so eben angeführte Frage ist gewiß dem Alter ganz angemessen, und die Antwort ist sehr einfach, aber man erwäge, welche Klarheit der kindlichen Beurtheilungskraft sie voraussetzt! In ähnlicher Weise bändigte der Zögling des Aristoteles jenes berühmte Pferd, welches kein Bereiter hatte zügeln können.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.