Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Jacques Rousseau >

Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
Schließen

Navigation:

Haltet ihn an, einfach und deutlich zu reden, richtig zu articuliren, genau und ohne Ziererei auszusprechen, lehrt ihn den grammatikalischen Accent und die Prosodie kennen und befolgen, beständig laut genug sprechen, um verstanden zu werden, aber nie lauter, als durchaus nöthig ist, ein Fehler, der bei den in öffentlichen Anstalten erzogenen Kindern sehr häufig vorkommt: kurz, duldet nach jeder Richtung hin nichts Überflüssiges.

Lasset euch ferner angelegen sein, beim Gesange seine Stimme rein, gleichmäßig, geschmeidig und wohlklingend, sein Ohr für Tact und Harmonie empfänglich zu machen, aber auch nicht mehr. Die die Naturlaute nachahmende und theatralische Musik ist für sein Alter noch nicht geeignet; ich wünschte nicht einmal, daß er Worte sänge; wollte er solche durchaus singen, so würde ich mich bemühen, besondere Lieder für ihn zu dichten, die für sein Alter interessant und eben so einfach wie seine Ideen wären.

Hatte ich wenig Eile, ihm die Buchstabenschrift lesen zu lehren, so kann man sich wol denken, daß ich mich eben so wenig beeilen werde, ihn in die Kunst, Noten zu lesen, einzuweihen. Wir wollen seinem Gehirne jede allzu mühsame Aufmerksamkeit ersparen und uns nicht beeilen, seinen Geist an conventionelle Zeichen zu fesseln. Ich will einräumen, daß dies mit Schwierigkeit verbunden zu sein scheint; denn wenn die Kenntniß der Noten zum Singen zunächst auch nicht nothwendiger erscheint als die der Buchstaben zum Reden, so ist hierbei doch der Unterschied vorhanden, daß wir beim Reden nur unsere eigenen, beim Singen dagegen nur fremde Ideen zum Ausdruck bringen, und um letztere richtig wiederzugeben, muß man sie doch lesen können.

Indeß kann man sie erstens auch hören, anstatt sie zu lesen, und ein Gesang haftet im Ohre noch weit treuer als im Auge. Zum richtigen Verständniß der Musik reicht es ferner nicht aus, dieselbe nur wiederzugeben, man muß auch componiren können; und lernt man beides nicht zu gleicher Zeit, so wird man sie nie gut verstehen. Uebt euren kleinen Musiker zunächst in der Composition ganz regelmäßiger und tactmäßiger Tonsätze, darauf laßt sie ihn durch einen höchst einfachen Uebergang unter einander verbinden und endlich ihre verschiedenen Verhältnisse zu einander durch correcte Eintheilung bezeichnen, was durch die richtige Wahl des Rhythmus und der Pausen geschieht. Vor Allem aber verschont ihn mit gekünstelten, leidenschaftlichen und zu gefühlvollen Gesängen. Stets sei die Melodie einfach und singbar, stets werde sie aus den Haupttönen der betreffenden Tonart gebildet und stets klinge der Grundton derartig hindurch, daß er ihn hindurchzuhören und ohne Mühe zu begleiten vermag, denn um Stimme und Ohr zu bilden, darf er nie ohne Klavierbegleitung singen.

Um die Töne besser zu markiren, articulirt man sie bei der Aussprache; daher stammt die Sitte, die Noten beim Singen durch gewisse Silben zu bezeichnen. Um die einzelnen Töne zu unterscheiden, muß man ihnen und ihren Intervallen bestimmte Namen geben; daher die Namen der Intervalle und auch die Buchstaben des Alphabets, mit denen man die Tasten des Klaviers und die Noten der Tonleiter zu bezeichnen pflegt. C und A bezeichnen feste, unveränderliche, stets durch dieselben Tasten hervorgebrachte Töne. Mit ut und la ist es schon anders. Ut ist regelmäßig der Grundton einer Durtonart oder der Mittelton einer Molltonart. La jedoch ist beständig der Grundton einer Molltonart oder die Sexte einer Durtonart. So bezeichnen demnach die Buchstaben die unveränderlichen Grenzen der Verhältnisse unseres musikalischen Systems, während die Silben die homologen Grenzpunkte der ähnlichen Verhältnisse in den verschiedenen Tonarten markiren. Die Buchstaben bezeichnen die Tasten des Klaviers und die Silben die Intervallen der Tonleiter. Die französischen Musiker haben sich sonderbarer Weise an diese strenge Unterscheidung nicht im Geringsten gekehrt; sie haben die Bedeutung der Silben mit der Bedeutung der Buchstaben vermischt und verschmolzen, und indem sie dadurch die Zeichen der Tasten unnützer Weise verdoppelten, haben sie keine übrig gelassen, welche nur zur Bezeichnung der Töne der Tonleiter dienen könnten. So ist es gekommen, daß für sie ut und C stets eins und dasselbe ist; und doch sind es nicht identische Begriffe und dürfen es nicht sein, denn wozu sollte dann C dienen? Auch bereitet ihre Art zu solfeggiren erhebliche Schwierigkeiten, ohne irgend welchen Nutzen zu schaffen oder dem Geiste irgend eine klare Idee zu geben, da nach dieser Methode z.B. die beiden Silben ut und mi eben sowol eine große als auch eine kleine, eine übermäßige oder verminderte Terz bedeuten. Welch seltsamer Unstern trägt wol die Schuld, daß das Land, in welchem man in der ganzen Welt die schönsten Bücher über Musik verfaßt, gerade dasjenige ist, in welchem man sie am schwersten lernt?

Laßt uns bei unserm Zöglinge eine einfachere und klarere Methode zur Anwendung bringen. Für ihn sollen nur zwei Tonarten existiren, deren Verhältnisse stets die nämlichen sind und stets durch dieselben Silben bezeichnet werden. Ob er nun singe oder irgend ein Instrument spiele, so soll er seine Tonleiter von jedem der zwölf Töne aus, die ihm als Grundton dienen können, zu bilden verstehen, und ob man nun aus D oder C oder G u.s.w. modulire, so soll, je nach der Tonart, das Finale stets ut oder la sein. Auf diese Weise wird er auch immer verstehen. Die für einen richtigen Gesang und ein richtiges Spiel wesentlichen Verhältnisse der Tonart werden seinem Geiste stets gegenwärtig, sein Vortrag wird richtiger und sein Fortschritt schneller sein. Es gibt nichts Sonderbareres, als was die Franzosen Solmisiren nach der Natur nennen; das heißt weiter nichts als die eigentlichen Begriffe von der Sache trennen, um völlig fremdartige an ihre Stelle zu setzen, die nur zu verwirren im Stande sind. Nichts ist natürlicher, als in Folge einer Transposition zu solmisiren, sobald die Tonart transponirt wird. Aber nun genug über Musik! Unterrichtet euren Zögling in derselben, wie ihr wollt; vorausgesetzt, daß sie ihm nie etwas Anderes als ein Vergnügen sei.

Wir sind jetzt bereits über die Beschaffenheit der fremden Körper durch ihre Beziehungen zu dem unsrigen hinreichend unterrichtet; wir kennen ihre Schwere, ihre Gestalt, ihre Farbe, ihre Dichtigkeit, ihre Größe, ihre Entfernung, ihre Temperatur, ihre Ruhe oder Bewegung. Wir sind über diejenigen belehrt, deren Annäherung oder Entfernung uns vorteilhaft ist, so wie über die Art und Weise, die wir beobachten müssen, um ihren Widerstand zu besiegen oder ihnen selbst einen Widerstand entgegenzusetzen, der uns vor ihren schädlichen Einwirkungen bewahrt. Aber das ist freilich noch nicht genug. Unser eigener Körper erschöpft sich unaufhörlich und muß deshalb unaufhörlich wieder erneuert werden. Obgleich wir die Fähigkeit besitzen, fremde Substanzen in unsere eigene Substanz zu verwandeln, so ist die Wahl derselben doch keineswegs gleichgiltig. Nicht Alles eignet sich für den Menschen als Nahrungsmittel, und unter den Stoffen, die dazu tauglich sind, gibt es wieder mehr oder weniger zuträgliche. In wie fern sie das sind, hängt von der Körperbeschaffenheit seines Geschlechts, von dem Klima, das er bewohnt, von seinem besonderen Temperament und der Lebensweise ab, die sein Stand ihm vorschreibt.

Wir würden vor Hunger oder an Gift sterben, wenn wir behufs Wahl der uns dienlichen Nahrungsmittel so lange warten müßten, bis uns die Erfahrung sie kennen und wählen gelehrt hätte; aber der Allgütige, welcher das Vergnügen der empfindungsfähigen Wesen zu einem Mittel ihrer Erhaltung gemacht hat, gibt uns dadurch, daß etwas unserm Gaumen zusagt, zugleich zu erkennen, daß es auch unserm Magen zuträglich ist. Im Stande der Natur gibt es für den Menschen keinen zuverlässigeren Arzt als seinen eigenen Appetit; und ich zweifle keinen Augenblick daran, daß, so lange derselbe in seinem ursprünglichen Zustande verharren würde, die wohlschmeckendsten Speisen ihm auch die gesündesten wären.

Ja noch mehr. Der Schöpfer der Dinge sorgt nicht allein für die Bedürfnisse, die er uns eingepflanzt hat, sondern auch noch für diejenigen, die wir uns selbst bereiten. Damit unsere Begierde mit dem Bedürfnisse stets Hand in Hand gehe, hat er Fürsorge getroffen, daß zugleich mit unserer Lebensweise auch unser Geschmack wechselt und sich verändert. Je mehr wir uns von dem Naturzustande entfernen, desto mehr verlieren wir unseren natürlichen Geschmack, oder wird vielmehr die Gewohnheit in uns zur zweiten Natur, welche die ursprüngliche so vollständig verdrängt, daß diese Niemand von uns mehr kennt.

Hieraus ergibt sich, daß der natürlichste Geschmack auch der einfachste sein muß, denn dieser verwandelt sich am leichtesten, während er bei Ueberreizung und Aufregung durch die Einwirkungen unserer Phantasie eine unveränderliche Form annimmt. Ein Mensch, der nicht immer an der Scholle klebt, wird sich ohne Mühe in die Lebensweise jedes Landes schicken; wer sich aber nur in einem bestimmten Lande einheimisch fühlt, wird sich nie mit den Sitten eines fremden Landes befreunden können.

Dies scheint mir in jedem Sinne seine Wahrheit zu haben, vorzüglich aber auf den Geschmack im eigentlichen Sinne des Wortes seine Anwendung zu finden. Milch ist unsere erste Nahrung; nur sehr allmählich gewöhnen wir uns an Speisen von schärferem Geschmacke. Anfänglich flößen sie uns geradezu Widerwillen ein. Obst, Gemüse, Kräuter und endlich auch noch etwas gebratenes Fleisch ohne Gewürz und Salz bildeten die Gastmahle der ersten Menschen. Hor., lib. 1. ep. 2.

Trinkt ein Wilder zum ersten Male Wein, so verzieht er sicherlich das Gesicht, und sein Magen vermag ihn nicht zu vertragen; und selbst unter uns wird sich Jeder, dem der Genuß gegohrener Getränke bis zu seinem zwanzigsten Jahre fremd geblieben ist, nie mehr an dieselben gewöhnen können. Keinem von uns würde es in den Sinn kommen, Wein zu trinken, wenn man ihn uns nicht schon in jungen Jahren gegeben hätte. Je einfacher unser Geschmack ist, desto allgemeiner ist er; zusammengesetzte Speisen erregen am häufigsten und am allgemeinsten Widerwillen. Sieht man wol je, daß sich Jemand von Wasser oder Brod angeekelt fühlt? Darin liegt ein unverkennbarer Wink der Natur, darin ist auch uns eine Richtschnur vorgezeichnet. Laßt uns deshalb dem Kinde seinen ursprünglichen Geschmack so lange als möglich erhalten; seine Nahrung sei einfach und natürlich, sein Gaumen gewöhne sich nur an wenig gewürzte Speisen und bilde sich keinen besonderen Geschmack.

Ich will hier nicht erst untersuchen, ob diese Lebensart gesunder ist oder nicht; das gehört nicht zu der Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Um ihr den Vorzug zu geben, ist für mich die Ueberzeugung hinreichend, daß sie die naturgemäßeste ist und sich jeder andern am leichtesten anzubequemen vermag. Diejenigen, welche behaupten, man müsse die Kinder an solche Nahrung gewöhnen, welche sie später als Erwachsene genießen werden, gehen meinem Dafürhalten nach von einer falschen Voraussetzung aus. Weshalb soll ihre Nahrung die gleiche sein, während sich in ihrer Lebensweise so große Verschiedenheiten zeigen? Ein von Arbeit, Sorgen und Anstrengungen erschöpfter Mann bedarf nahrhafter Speisen, die seinem Gehirn neuen Lebensgeist zuführen; ein Kind indeß, welches sich nur fröhlich umhertummelt und dessen Körper noch einem steten Wachsthum unterworfen ist, verlangt eine reichliche Nahrung, aus dem es unaufhörlich Nahrungssaft ziehen kann. Außerdem hat der völlig ausgebildete Mann bereits seine Stellung, seinen Beruf, seinen festen Wohnsitz; wer aber will mit Sicherheit voraussehen, was das Schicksal dem Kinde aufgespart hat? Nach keiner Richtung hin dürfen wir Letzterem eine so ausgeprägte Form geben, daß es für dasselbe mit zu großer Mühe verbunden ist, sie nach Bedürfniß zu ändern. Laßt uns nicht die Schuld tragen, daß es in fremden Ländern Hungers sterbe, wenn es nicht in seinem Gefolge überallhin einen französischen Koch mit sich schleppt, oder daß es eines Tages versichere, man verstehe nur in Frankreich zu essen. Beiläufig gesagt, wirklich ein schmeichelhaftes Lob! Ich meinerseits möchte gerade umgekehrt sagen, daß die Franzosen allein nicht zu essen verstehen, da es erst einer ganz besonderen Kunst bedarf, ihnen die Speisen schmackhaft zu machen.

Unter unsern verschiedenen Sinneswahrnehmungen berühren uns die, welche sich auf den Geschmack beziehen, im Allgemeinen am unmittelbarsten. Auch muß uns ungleich mehr daran gelegen sein, uns über diejenigen Substanzen, die in unsern eigenen Körper übergehen sollen, ein richtiges Urtheil zu bilden, als über solche, die sich nur in unserer Umgebung befinden. Tausenderlei Dinge sind dem Gefühle, dem Gehöre und dem Gesichte gleichgiltig, während es für den Geschmack fast nichts Gleichgiltiges gibt. Ferner ist die Thätigkeit dieses Sinnes eine rein physische und materielle. Er ist der einzige, welcher die Einbildungskraft niemals erregt, wenigstens derjenige, an dessen Wahrnehmungen sie am wenigsten betheiligt ist. Wie oft findet man dagegen, daß die Nachahmung und die Einbildungskraft den Eindrücken aller übrigen etwas Geistiges beimischen! Auch sind weichliche und wollüstige Herzen, leidenschaftliche und wirklich reizbare Charaktere, die sich durch die übrigen Sinne leicht erregen lassen, gewöhnlich wenig geneigt, diesem zu huldigen. Aber gerade aus dieser Erfahrung, die den Geschmack unter die übrigen Sinne zu stellen scheint und die Neigung, ihm zu fröhnen, so verächtlich macht, möchte ich den Schluß ziehen, daß es sich als das zweckmäßigste Mittel empfiehlt, die Kinder durch die Bedürfnisse ihres Mundes zu leiten und zu regieren. Will man einmal eine äußere Triebfeder in Anwendung bringen, so will ich mich immer noch lieber auf die Leckerhaftigkeit als auf die Eitelkeit stützen, da erstere ein natürlicher Trieb ist, der es nur mit dem Sinne selber zu thun hat, letztere jedoch ein Erzeugniß der Einbildungskraft, welches den Launen der Menschen und jeglichem Mißbrauche unterworfen ist. Leckerhaftigkeit ist die Leidenschaft der Kindheit, die verschwindet, sobald sich andere zeigen; sie vermag keiner Concurrenz gegenüber Stand zu halten. Ja, glaubt es mir, das Kind wird nur zu früh aufhören, an das, was es genießt, zu denken, und wenn sein Herz erst allzu sehr beschäftigt ist, wird ihn sein Gaumen schwerlich noch beschäftigen. Sobald es erwachsen ist, werden tausend stürmische Gefühle die Lebhaftigkeit mit einem Male verscheuchen und erst die Eitelkeit recht anstacheln, denn letztere Leidenschaft zieht allein von allen anderen Gewinn und verschlingt sie endlich alle. Ich habe bisweilen solche Leute, denen gute Bissen über Alles gingen, die schon beim Erwachen an nichts als an die Tafelgenüsse im Laufe des Tages dachten und eine Mahlzeit mit größerer Genauigkeit beschrieben als Polybius ein Gefecht, genau beobachtet und dabei stets gefunden, daß alle diese angeblichen Männer nichts weiter als vierzigjährige Kinder ohne Kraft und Festigkeit waren, fruges consumere nati. Hor., lib. 1. ep. 2. Das Laster der Gefräßigkeit kann nur bei solchen vorkommen, denen aller geistiger Gehalt abgeht. Die Seele des Feinschmeckers ist mit seinem Gaumen identisch, die Schöpfung hat ihn nur zum Essen bestimmt. In seiner beschränkten Unfähigkeit ist er nur bei Tische an seinem Platze; sein Urtheil geht über die Schüsseln nicht hinaus. Gönnen wir ihm diese Rolle im Leben; er führt sie besser durch als eine andere, besser für uns und für sich.

Es verräth große Unerfahrenheit, wenn man sich der Besorgniß hingibt, daß die Leckerhaftigkeit bei einem befähigten Kinde einwurzeln könne. In der Kindheit denkt man freilich nur an die Speise, die man ißt, im Jünglingsalter nehmen indeß die Gedanken eine andere Richtung; da sind alle Speisen gleich gut, da ist man von ganz anderen Dingen in Anspruch genommen. Fern liegt mir indeß der Gedanke, daß man eine so niedrige Triebfeder in unverständiger Weise in Anwendung bringen oder zu der Ehre, eine gute Handlung zu vollbringen, durch einen guten Bissen anspornen solle. Da aber einmal die ganze Kindheit nur Scherz und Spiel ist und sein soll, so sehe ich auch nicht ein, weshalb man nicht auf rein körperliche Uebungen einen materiellen und für den Genuß bestimmten Preis setzen dürfte. Wenn ein Knabe auf Majorka im Gipfel eines Baumes einen Korb hängen sieht und ihn mit seiner Schleuder herabwirft, ist es dann nicht mehr als billig, daß er davon einen Vortheil habe, und ihm ein gutes Frühstück die Kraft wieder ersetze, die er zur Erlangung des Korbes hat anwenden müssen? Dieser Gebrauch hat sich bei den Majorkanern schon seit vielen Jahrhunderten verloren; er stammt aus jenen Zeiten, wo sie als Schleuderer im Rufe standen.

Wenn sich ein spartanischer Knabe auf die Gefahr hin, hundert Peitschenhiebe zu erhalten, gewandt in eine Küche schleicht, einen lebendigen jungen Fuchs stiehlt, ihn unter seinem Gewände davonträgt, trotzdem er zerkratzt, zerbissen und mit Blut überströmt wird, wenn er sich sogar, um sich nicht der Schande der Entdeckung auszusetzen, die Eingeweide zerreißen läßt, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen, ohne einen einzigen Schrei auszustoßen, ist es dann nicht billig, daß er das schwer Erbeutete zu seinem Nutzen verwende und es verzehre, nachdem er von demselben beinahe selbst verzehrt worden ist? Niemals darf eine gute Mahlzeit als eine Belohnung gelten; weshalb sollte sie aber nicht mitunter die Frucht der Mühe sein, der man sich zu ihrer Erlangung hat unterziehen müssen? Emil sieht in dem Kuchen, den ich auf den Stein gelegt habe, nicht eine Belohnung für seinen Schnelllauf; sondern er ist sich nur dessen bewußt, daß das einzige Mittel, den Kuchen zu erhalten, darin besteht, schneller als ein Anderer das Ziel zu erreichen.

Dies widerspricht keineswegs den Grundsätzen, die ich vorhin über die Einfachheit der Speisen ausgesprochen habe; denn bei Befriedigung des Appetits der Kinder handelt es sich nicht um Erregung ihrer Sinnlichkeit, sondern um Stillung eines Naturtriebes, und dies läßt sich durch die gewöhnlichsten Mittel von der Welt erzielen, wenn man nicht absichtlich auf die Verwöhnung ihres Gaumens ausgeht. Ihr durch stetes Wachsthum erregter Appetit ist für sie eine sichere Würze, die ihnen viele andere ersetzt. Obst, Milchspeisen, irgend eine Backwaare, die das gewöhnliche Brod an Wohlgeschmack übertrifft, in Verbindung mit der Kunst, dies Alles sparsam zu vertheilen, reichen vollkommen aus, Heere von Kindern bis ans Ende der Welt zu führen, ohne daß man ihnen Geschmack an gaumkitzelnden Speisen einflößt oder Gefahr läuft, ihren Gaumen abzustumpfen.

Zu den Beweisen, daß der Geschmack an Fleisch dem Menschen nicht natürlich ist, gehört die Gleichgültigkeit der Kinder gegen alle Fleischspeisen, so wie die Vorliebe, welche sie für vegetabilische Kost, wie Milchspeisen, Gebackenes, Obst u. s. w. an den Tag legen. Es muß nun vor allen Dingen darauf Gewicht gelegt werden, diesen ursprünglichen Geschmack nicht in andere Bahnen zu lenken und die Kinder nicht zu Fleischessern zu machen, denn wenn auch ihre Gesundheit nicht darunter leiden sollte, so wäre es doch mit Rücksicht auf ihre Charakterbildung bedenklich. Denn wie man auch immer diese Erfahrung erklären mag, so steht doch so viel fest, daß die starken Fleischesser im Allgemeinen grausamer und wilder als andere Menschen sind. Die englische Barbarei ist bekannt. Ich weiß sehr wohl, daß die Engländer ihre Humanität und den gutmüthigen Charakter ihrer Nation, die sie good natured people nennen, im hohem Grade rühmen. Aber mögen sie es auch, so viel sie wollen, ausschreien, so findet diese Behauptung doch nirgends einen Wiederhall. Die persischen Feueranbeter, die Gebern, sind dagegen die sanftesten Menschen. Die Banianen, welche sich noch strenger als die Gebern jeglicher Fleischspeise enthalten, sind fast eben so sanft als diese; da indeß ihre Moral weniger rein und ihr Cultus weniger vernünftig ist, so können sie sich mit jenen an Rechtschaffenheit nicht messen.

Alle Wilden sind grausam; aber nicht ihre Sitten tragen die Schuld, sondern ihre Grausamkeit ist lediglich die Folge ihrer Nahrungsmittel. Sie ziehen in den Krieg, als ginge es auf die Jagd, und treten gegen die Menschen auf, als hätten sie Bären vor sich. In England dürfen sogar die Schlächter, und selbst die Wundärzte, nicht als Zeugen zugelassen werden. Einer der beiden englischen Uebersetzer dieses Buches hat mir hier einen Irrthum nachgewiesen, und Beide haben ihn verbessert. Schlächter und Wundärzte werden als Zeugen angenommen; aber Erstere werden nicht als Geschworene oder Pairs bei Criminalfällen zugelassen; Letztere dagegen haben auch diese Berechtigung.

Große Bösewichter härten sich durch den Genuß von Blut zum Morden ab. Homer schildert die Cyklopen, die Fleischesser waren, als entsetzliche Menschen, die Lotophagen dagegen als ein so liebenswürdiges Volk, daß man, sobald man mit ihnen in Verkehr getreten war, sogar sein eigenes Vaterland vergaß und nur den Wunsch hatte, unter ihnen leben zu können.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.