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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Uebrigens verfolge ich dabei keine andere Absicht, als daß diese Uebung wie alle übrigen meinem Zöglinge nur Vergnügen bereiten sollen. Ich will sie ihm dadurch nur noch um so angenehmer zu machen suchen, daß ich unausgesetzt daran Theil nehme. Er soll keinen anderen Nebenbuhler als mich haben; werde ich es auch ununterbrochen sein, so wird es ihm dennoch nicht zum Nachtbeil gereichen; dies wird seinen Beschäftigungen ein gewisses Interesse einflößen, ohne Eifersucht zwischen uns zu erregen. Ich werde den Bleistift gerade so wie er halten und Anfangs eben so ungeschickt führen. Und wäre ich ein Apelles, so würde ich mich ihm gegenüber doch nur als einen elenden Farbenkleckser zeigen. Zuerst werde ich einen Mann zeichnen, wie ihn wol die Diener an die Wände malen: ein Strich stellt jedes Bein, ein Strich jeden Arm vor, und die Finger übertreffen die Arme an Dicke. Erst lange nachher fällt dem Einen oder dem Andern von uns dieses Mißverhältniß auf. Wir bemerken, daß ein Bein eine gewisse Dicke hat und daß diese Dicke nicht überall gleich ist; daß die Länge des Armes in einem ganz bestimmten Verhältnisse zu dem Körper steht u.s.w. Bei diesen Fortschreiten werde ich höchstens gleichen Schritt mit ihm halten oder ihn doch nur in geringem Grade übertreffen, daß es ihm stets leicht werden wird, mich einzuholen oder mich wol gar zu überflügeln. Darauf nehmen wir Farben und Pinsel; wir bemühen uns das Colorit der Gegenstände und ihre ganze äußere Erscheinung eben so gut wie ihre Gestalten wieder zugeben. Wir werden austuschen, malen, sudeln; aber bei allen unseren Sudeleien werden wir nicht aufhören, die Natur zu belauschen; wir werden nie anders als unter den Augen dieser Meisterin arbeiten.

Wir waren um Ausschmückung unseres Zimmers in Verlegenheit; jetzt fehlt es uns nicht mehr daran. Ich lasse unsere Zeichnungen einrahmen, lasse sie mit schönem Glase bedecken, damit sie nicht berührt werden können, und damit Jeder von uns, da er sieht, daß sie unverändert in dem Zustande bleiben, in welchem sie unter unserer Bleifeder oder unserem Pinsel hervorgegangen sind, ein Interesse daran habe, seine Arbeiten nicht zu vernachlässigen. Ich hänge sie in bestimmter Ordnung im Zimmer ringsherum auf, jede Zeichnung zwanzig-, dreißigmal wiederholt und an jedem Exemplare den Fortschritt seines Zeichners von dem Augenblicke an nachweisend, wo das Haus fast nur ein unförmliches Viereck war, bis dahin, wo seine Façade, seine Seitenansicht, seine Verhältnisse, seine Schatten in vollster Wahrheit hervortreten. Es ist nicht anders möglich, als daß diese Abstufungen uns stets solche Bilder vorhalten, die für uns selbst interessant, für Andere sehenswerth sind und uns zu immer regerem Wetteifer anspornen. Die ersten, ungeschicktesten dieser Zeichnungen erhalten sehr prächtige, reich vergoldete Rahmen, durch welche sie hervorgehoben werden; sobald aber die Abbildung genauer wird und die Zeichnung wirklich gut ist, so gebe ich ihr nur einen ganz einfachen schwarzen Rahmen. Jetzt ist sie sich selbst der höchste Schmuck und bedarf keiner anderen Verzierung mehr; es würde Schade sein, wenn die Einfassung die Aufmerksamkeit, welche der Gegenstand allein verdient, zum Theil auf sich lenkte. Deshalb strebt Jeder von uns nach der Ehre eines schmucklosen Rahmens; und wenn Einer von uns über die Zeichnung des Anderen seinen Tadel aussprechen will, so verurtheilt er sie zur Strafe des goldenen Rahmens. Vielleicht werden diese goldenen Rahmen eines Tages unter uns zum Sprichwort, und wir werden uns wundern, wie viele Menschen sich Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem sie solche Rahmen für ihre Gemälde wählen.

Ich habe oben die Behauptung aufgestellt, daß die Geometrie für das Verständniß der Kinder zu hoch sei; allein das ist unsere eigene Schuld. Wir berücksichtigen nicht, daß ihre Methode nicht die unserige ist, und daß das, was für uns die Kunst zu schließen bildet, für sie nur die Kunst zu sehen sein darf. Anstatt ihnen unsere Methode aufzuzwingen, sollten wir uns lieber entschließen die ihrige anzunehmen; denn unsere Art und Weise, die Geometrie zu lernen, nimmt unsere Einbildungskraft in eben so hohem Grade in Anspruch wie unser Urtheilsvermögen. Sobald der Lehrsatz genannt ist, muß man den Beweis mit Anstrengung seiner Einbildungskraft ausfindig machen, d. h. man muß finden, aus welchem bereits bekannten Satze er sich folgern läßt, und muß aus allen Folgerungen, die man aus diesem Satze ziehen kann, gerade diejenige wählen, um die es sich handelt.

Bei dieser Methode wird sich auch der schärfste Denker, wenn er nicht erfinderisch ist, nicht zu helfen wissen. Was ist nun die Folge davon? Daß man uns die Beweise dictirt, anstatt sie uns selbst finden zu lassen; daß der Lehrer, anstatt uns denken zu lehren, für uns denkt und nur unser Gedächtniß übt.

Zeichnet genaue Figuren, combinirt sie, legt sie auf einander, prüft ihre Verhältnisse. Ihr werdet auf diese Weise, indem ihr stufenweise von Beobachtung zu Beobachtung fortschreitet, die ganze elementare Geometrie entwickeln, ohne daß von Definitionen, Problemen oder einer anderen Beweisform, als der durch einfache Deckung die Rede ist. Ich für mein Theil beanspruche durchaus nicht, Emil die Geometrie zu lehren, er soll vielmehr mich darin unterrichten. Ich werde die Verhältnisse suchen, und er wird sie finden, denn ich werde sie dergestalt suchen, daß ich ihm Gelegenheit gebe, sie zu finden. Anstatt mich z. B. zum Beschreiben eines Kreises eines Zirkels zu bedienen, werde ich ihn mit einem am Ende eines Fadens befestigten Stifte, der sich um einen festen Punkt dreht, zeichnen. Wenn ich darauf Anstalten treffe, die Radien unter einander zu vergleichen, so wird mich Emil verspotten und mir begreiflich machen, daß derselbe fortwährend gleichmäßig gespannte Faden unmöglich ungleiche Abstände vom Mittelpunkt mit seinem Stifte gezeichnet haben kann.

Will ich einen Winkel von sechzig Graden messen, so beschreibe ich von seinem Scheitelpunkte aus nicht einen Kreisbogen, sondern einen ganzen Kreis, denn bei Kindern darf man nie etwas stillschweigend voraussetzen. Ich finde nun, daß der zwischen den beiden Schenkeln des Winkels liegende Theil des Kreises genau den sechsten Theil desselben bildet. Hierauf beschreibe ich von dem nämlichen Scheitelpunkte aus einen anderen größeren Kreis und ich finde, daß dieser zweite Kreisbogen wiederum der sechste Theil seines Kreises ist. Ich ziehe einen dritten concentrischen Kreis, an dem ich die gleiche Probe mache, und stelle an immer neuen Kreisen so lange dieselbe Probe an, bis Emil, aufgebracht über meine Beschränktheit, mir klar zu machen sucht, daß jeder zwischen den Schenkeln desselben Winkels liegende Bogen, er sei nun groß oder klein, immer den sechsten Theil des zugehörigen Kreises bilden müsse u. s. w. Damit ist uns sofort die Anwendung des Transporteurs oder Winkelmessers ermöglicht.

Um zu beweisen, daß Nebenwinkel zwei Rechte betragen, beschreibt man einen Kreis. Ich richte es im Gegentheil so ein, daß Emil es zuerst im Kreise selbst bemerkt, und darauf sage ich zu ihm: »Wenn man nun den Kreis wegwischte und nur die geraden Linien stehen ließe, würde dadurch in der Größe der Winkel eine Aenderung eintreten?« u. s. w.

Man vernachlässigt die Genauigkeit der Figuren, man setzt sie voraus und richtet sein Hauptaugenmerk auf die Beweisführung. Bei uns wird hingegen von Beweisführung niemals die Rede sein; wir werden es für unsere wichtigste Aufgabe halten, recht gerade, recht genaue, recht gleiche Linien zu ziehen, ein vollkommen richtiges Quadrat und einen ganz runden Kreis zu zeichnen. Um die Richtigkeit der Figuren zu prüfen, werden wir sie nach allen ihren wahrnehmbaren Eigenschaften untersuchen, was uns gleichzeitig Gelegenheit geben wird, täglich an ihnen neue zu entdecken. Wir biegen nach dem Durchmesser die beiden Halbkreise und nach der Diagonale die beiden Hälften des Quadrats zusammen; wir vergleichen nun unsere beiden Figuren, um zu sehen, bei welcher sich die Ränder am genauesten decken und die Zeichnung also am richtigsten ist. Daran knüpft sich eine Erörterung der Frage, ob sich auch bei Parallelogrammen, Trapezen u. s. w. diese gleiche Theilung ergeben müsse. Bisweilen werden wir uns bemühen, den Erfolg des Versuches, noch ehe er angestellt ist, im Voraus zu bestimmen, die Gründe dafür aufzufinden u. s. w.

Für meinen Zögling ist die Geometrie nur die Kunst, sich des Lineals und Zirkels richtig zu bedienen. Er soll dieselbe nicht etwa mit dem Zeichnen verwechseln, bei welchem er weder das Eine noch das Andere dieser Hilfsmittel anwenden darf. Lineal und Zirkel müssen unter Verschluß gehalten werden, und ich werde ihm den Gebrauch derselben nur selten und auch dann nur auf kurze Zeit gestatten, damit er sich nicht etwa an das Sudeln gewöhnt. Aber wir werden unsere Figuren hin und wieder mit auf einen Spaziergang nehmen und von dem, was wir gemacht haben oder machen wollen, plaudern.

Es wird mir unvergeßlich bleiben, wie ich in Turin die Bekanntschaft eines jungen Mannes machte, welchem man in seiner Jugend das Verhältniß des Umfangs zu dem Flächeninhalte dadurch beigebracht hatte, daß man ihm täglich unter Waffelkuchen in allerhand geometrischen Figuren, aber dabei von gleichem Umfange, mit andren Worten unter isoperimetrischen Man nennt solche Figuren isoperimetrisch, die einen gleich großen Umfang haben. Es hat sich herausgestellt, daß unter all diesen Figuren der Kreis die größte Oberfläche enthält. Das Kind hat demnach Waffeln von kreisrunder Gestalt wählen müssen.
Anmerkung des Herrn Petitain.
Kuchen die Auswahl freigestellt hatte. Das kleine Leckermaul hatte die Kunst des Archimedes erschöpft, um herauszufinden, bei welcher Figur es am meisten zu essen gäbe.

Wenn ein Kind mit dem Federballe spielt, so übt es gleichzeitig Auge und Arm und erhöht die Sicherheit und Gewandtheit derselben; peitscht es jedoch einen Kreisel, so nimmt zwar seine Kraft zu, da es von derselben Gebrauch machen muß, aber ohne daß es dabei etwas lernt. Ich habe mehrmals die Frage aufgeworfen, warum man den Kindern nicht dieselben Geschicklichkeitsspiele gestattet, welche die Erwachsenen haben: das Ballspiel, das Laufspiel, das Billard, das Bogenschießen, den Windball, die musikalischen Instrumente. Man hat mir erwidert, daß einige dieser Spiele ihre Kräfte überstiegen, während für die anderen ihre Glieder und Organe noch nicht die nöthige Ausbildung besäßen. Ich vermag diese Gründe nicht als richtig anzuerkennen. Ein Kind hat nicht die Statur eines Erwachsenen und trägt nichts desto weniger fortwährend Kleider, die denselben Schnitt wie die älterer Personen zeigen. Ich will nicht, daß es mit unseren gewöhnlichen Billardstöcken auf einem drei Fuß hohen Billard spiele, ich will nicht, daß es unsere Ballhäuser besuche und seine kleine Hand mit dem Ballnetze des Ballmeisters beschwere; sondern ich wünsche nur, daß es in einem Saale spiele, dessen Fenster man wohl verwahrt hat, und sich anfänglich nur weicher Bälle bediene. Seine ersten Raketten oder Ballnetze sollen von Holz, später von Pergament und zuletzt erst von Darmsaiten sein, welche nach Maßgabe der fortschreitenden Zunahme seiner Kräfte gespannt sind. Ihr zieht den Federball vor, weil er weniger ermüdet und das Spiel mit ihm ungefährlich ist. Ihr habt aber aus zwei Gründen Unrecht. Der Federball ist ein Spiel für Frauen; ihr werdet indeß nicht eine einzige finden, die nicht vor einem auf sie zufliegenden Balle die Flucht ergriffe. Ihre weiße Haut darf keine blaue Flecke erhalten, und ihr Gesicht erwartet etwas anderes als Quetschungen. Können wir aber wol, die wir geschaffen sind, stark zu sein, uns dem Wahne hingeben, daß wir es leicht und mühelos erreichen werden? Und wie sollen wir uns wol die Fähigkeit erwerben, uns ernstlich zu vertheidigen, wenn wir niemals angegriffen werden? Die Spiele, bei welchen man sich, ohne Gefahr zu laufen, ungeschickt benehmen kann, spielt man stets mit einer gewissen Schlaffheit und Trägheit. Ein Federball, welcher herabfällt, thut Niemandem wehe; aber nichts verleiht den Armen eine größere Gelenkigkeit als die Nothwendigkeit, den Kopf zu schützen, nichts schärft den Blick in so hohem Grade als die Nothwendigkeit, die Augen zu behüten. Von einem Ende des Saales zum andern springen, den Flug eines noch die Luft durchschneidenden Balles richtig berechnen und ihn mit starker und sicherer Hand zurückschleudern; solche Spiele sind zwar geeignet, Männer heranzubilden, passen aber später nicht mehr für dieselben.

Die Fibern eines Kindes, wendet man dagegen ein, sind noch zu weich. In der That haben sie weniger Schnellkraft, sind aber dafür desto geschmeidiger; ihr Arm ist schwach, aber es ist und bleibt doch immer ein Arm; man muß mit demselben verhältnißmäßig alles das ausrichten können, was man mit jeder anderen ähnlichen Maschine auszurichten vermag. Den Händen der Kinder fehlt freilich noch jegliche Geschicklichkeit, aber gerade aus dem Grunde wünsche ich, daß man sie geschickt mache. Ein Mann, der nur eben so wenig Uebung gehabt hätte wie sie, würde ihnen sicherlich in diesem Punkte nicht überlegen sein. Den richtigen Gebrauch unserer Organe lernen wir erst durch ihre Anwendung kennen. Nur eine lange Erfahrung lehrt uns, aus uns selbst Vortheil zu ziehen, und diese Erfahrung ist das wahre Studium, an das man uns nicht früh genug gewöhnen kann.

Alles, was geschieht, ist ausführbar. Nun ist aber nichts gewöhnlicher als der Anblick geschickter und wohlgestalteter Kinder, die an Gewandtheit der Glieder mit jedem Erwachsenen wetteifern können. Fast auf allen Jahrmärkten sieht man solche junge Künstler auftreten, auf den Händen gehen, springen und auf dem Seile tanzen. Wie viele Jahre lang haben nicht Kindertruppen durch ihre Ballettänze Zuschauer in das italienische Schauspiel gezogen! Wer hat in Deutschland und Italien nicht von der Pantomimentruppe des berühmten Nicolini gehört? Hat wol irgend Jemand bei diesen Kindern weniger vollendete Bewegungen, weniger anmuthige Stellungen, ein weniger scharfes Ohr, einen weniger leichten Tanz als bei völlig ausgebildeten Tänzern bemerkt? Mögen auch anfänglich ihre Finger dick, kurz und wenig beweglich, ihre Hände fleischig und zum Anfassen wenig geschickt sein, hindert dies denn etwa, daß manche Kinder in einem Alter, wo andere noch nicht einmal den Bleistift oder die Feder zu halten im Stande sind, schreiben und zeichnen können? Ganz Paris erinnert sich noch der kleinen Engländerin, welche in einem Alter von zehn Jahren wahre Wunderwerke auf dem Klaviere verrichtete. in kleiner siebenjähriger Knabe hat später in derselben Kunst noch Erstaunlicheres geleistet.

Im Hause eines höheren Beamten bin ich einst Augen- und Ohrenzeuge gewesen, wie der Sohn desselben, ein kleines achtjähriges Bürschchen, den man beim Dessert wie eine Bildsäule mitten unter die Tafelaufsätze auf den Tisch stellte, auf einer Violine, die fast eben so groß als er selbst war, so ausgezeichnet spielte, daß er selbst Künstler durch die vorgetragenen Stücke in Erstaunen setzte.

Alle diese und noch hunderttausend andere Beispiele beweisen, wie mir scheint, daß die Untüchtigkeit, die man bei Kindern für die Leibesübungen der Erwachsenen voraussetzt, nur eingebildet ist, und daß, wenn man sie in einigen durchaus nicht weiter kommen sieht, der Grund lediglich darin liegt, daß man sie nie recht darin geübt hat.

Man wird den Einwand machen, daß ich hier hinsichtlich des Körpers in den Fehler der zu frühzeitigen Ausbildung verfalle, den ich hinsichtlich der geistigen Entwicklung der Kinder oben selbst gerügt habe. Es waltet hierbei jedoch ein großer Unterschied ob, denn der eine dieser Fortschritte ist nur scheinbar, der andere ist wirklich. Ich habe nachgewiesen, daß die Kinder den Verstand, den sie zu haben scheinen, nicht besitzen, während sie Alles, was sie zu thun scheinen, auch wirklich thun. Ueberdies muß man dabei immer im Auge behalten, daß dies Alles nichts weiter ist oder sein soll als Spiel, als eine leichte und freiwillige Leitung der Bewegungen, welche die Natur von ihnen verlangt, als eine Kunst, ihnen ihre Vergnügungen durch Abwechselung angenehmer zu machen, ohne daß ihnen je der geringste Zwang den Anschein einer Arbeit verleihe; denn mögen sie sich nun diesem oder jenem Zeitvertreibe hingeben, wo wäre der, aus dem ich nicht am Ende einen Gegenstand der Belehrung für sie machen könnte? Und sollte ich es nicht vermögen, nun, so ist ihr Fortschritt, wofern sie sich nur ohne Nachtheil belustigen und die Zeit vertreiben, augenblicklich in keiner Sache von Wichtigkeit. Sollen sie aber durchaus dies oder jenes lernen, so ist es, möge man es anfangen, wie man will, völlig unmöglich, ohne Zwang, Aerger und Langeweile zum Ziele zu gelangen.

Was ich über die beiden Sinne, deren Anwendung am häufigsten und am wichtigsten ist, gesagt habe, kann zugleich als Beispiel für die Uebung der anderen Sinne dienen. Der Gesichts- wie der Tastsinn können eben so wohl auf ruhende wie auf in Bewegung befindliche Körper angewandt werden; da indeß nur eine Erschütterung der Luft einen Eindruck auf den Sinn des Gehörs hervorbringen kann, so vermag auch nur ein Körper, der sich in Bewegung befindet, ein Geräusch oder einen Ton hervorzurufen, und wenn Alles in Ruhe wäre, so würden wir auch nie etwas hören. Des Nachts, wo wir uns nur so viel bewegen, als es uns beliebt, und wo uns nur solche Körper Besorgniß einflößen können, die sich bewegen, ist uns deshalb ein wachsames Ohr sehr vorteilhaft, um aus dem Eindrucke, der auf uns ausgeübt wird, beurtheilen zu können, ob der ihn verursachende Körper groß oder klein, entfernt oder nahe, ob seine Bewegung stark oder schwach ist. Die in Schwingung gerathene Luft findet einen Widerstand, wird zurückgeworfen und bildet dadurch ein Echo, welches den Eindruck wiederholt und uns den schallenden oder klingenden Körper an einem anderen Orte vernehmen läßt als dort, wo er sich wirklich befindet. Wenn man auf einer Ebene oder in einem Thale das Ohr auf den Boden legt, so hört man die Stimme der Menschen und den Tritt der Pferde schon aus weit größerer Entfernung, als wenn man aufrecht stehen bleibt.

Wie wir das Gesicht mit dem Gefühl verglichen haben, so ist es gut, es in gleicher Weise mit dem Gehör zu vergleichen und zu untersuchen, welcher von den beiden Eindrücken, vorausgesetzt daß sie beide gleichzeitig von dem nämlichen Körper ausgehen, am frühsten bei seinem Organe anlange. Gewahrt man den Blitz einer Kanone, so kann man dem Schusse noch entgehen, hört man jedoch den Knall, so bleibt dazu keine Zeit mehr übrig, die Kugel ist schon da. Die Entfernung eines Gewitters läßt sich nach der Zeit, die zwischen Blitz und Donner verstreicht, bestimmen. Richtet es so ein, daß das Kind mit allen diesen Erfahrungen vertraut werde; daß es diejenigen, die ihm zugänglich sind, selbst mache und die übrigen durch Folgerungen finde. Es wäre mir jedoch hundertmal lieber, wenn es sie gar nicht kennen würde, als daß ihr sie ihm erst sagen müßtet.

Wir haben ein Organ, welches dem Gehöre genau entspricht, nämlich das Sprachorgan; dagegen besitzen wir kein dem Gesichtssinne entsprechendes und sind deshalb nicht im Stande die Farben wie die Töne wiederzugeben. Dadurch ist uns ein weiteres Mittel an die Hand gegeben, den ersteren Sinn auszubilden, indem wir das active und passive Organ sich gegenseitig üben lassen.

Wir können beim Menschen dreierlei Stimmen unterscheiden, nämlich die sprechende oder articulirte, die singende oder melodische und die pathetische oder accentuirte, welche den Leidenschaften als Sprache dient und den Gesang und die Rede beseelt. Das Kind besitzt diese dreierlei Stimmen eben so gut wie der Erwachsene, obgleich ihm das Vermögen fehlt, sie in gleicher Weise zu vereinen; es hat, wie wir, das Lachen, das Schreien, die Klage, den Ausruf und das Seufzen, allein es versteht nicht, die Modulationen der beiden anderen Stimmen damit zu verbinden. Diejenige Musik wird die vollkommenste sein, welche diese drei Stimmen am besten vereinigt. Zu solcher Musik sind die Kinder unfähig; ihrem Gesange fehlt es immer an Seele. In gleicher Weise fehlt es ihrer Sprache bei der sprechenden Stimme an dem Accente. Sie schreien, aber accentuiren nicht, und da in ihrer Rede die Betonung zurücktritt, so entbehrt ihre Stimme des Nachdrucks. Unser Zögling wird noch schlichter, noch einfacher reden, weil die Leidenschaften in ihm noch nicht erwacht sind und also auch ihre Stimme nicht mit der seinigen vermischen können. Verlangt deshalb nicht von ihm, daß er Rollen aus Trauerspielen oder Lustspielen vortragen soll, noch unterrichtet ihn im sogenannten Declamiren. Er wird viel zu vernünftig sein, um Dinge, die er nicht verstehen kann, zu betonen, und um danach zu streben, Gefühle, die sich noch nie in ihm geregt haben, zum Ausdruck zu bringen.

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