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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Vernehme ich auch durchaus nichts, so bin ich deshalb doch nicht völlig ruhig; denn am Ende kann man mich auch ohne jegliches Geräusch überraschen. Ich bin zu der Annahme gezwungen, daß sich die Dinge noch in demselben Zustande wie vorher befinden, bin gezwungen mir vor Augen zu stellen, was ich doch nicht sehen kann. Da mich dies nöthigt, meiner Einbildungskraft freien Spielraum zu gewähren, so bin ich ihrer bald nicht mehr Herr, und gerade das, was ich zu meiner Beruhigung that, dient nur dazu, mich noch mehr in Unruhe zu versetzen. Höre ich Geräusch, so muß es von Dieben herrühren; höre ich nichts, so sehe ich Gespenster. Die Wachsamkeit, welche mir der Trieb der Selbsterhaltung einflößt, zeigt mir nur Furcht erregende Gegenstände. In der Vernunft allein liegt Alles, was mich beruhigen soll; jedoch der Instinct, der stärker ist als sie, führt eine ganz andere Sprache mit mir. Was kann der bloße Gedanke helfen, daß man nichts zu fürchten habe, wenn man sich fortwährend mit ihm beschäftigt?

Hat man indeß nur erst die Ursache des Uebels gefunden, so weist sie uns von selbst auf das Heilmittel hin. Ueberall ist die Gewohnheit die siegreiche Bekämpferin der Einbildungskraft; nur neue Gegenstände rufen sie wieder wach. Bei solchen Dingen, die man täglich erblickt, tritt nicht mehr die Einbildungskraft, sondern das Gedächtniß in Thätigkeit. Es ist deshalb ein richtiger Grundsatz: ab assuetis non fit passio (Gewohntes wird nicht zur Leidenschaft); denn nur am Feuer der Einbildungskraft entzünden sich die Leidenschaften. Die Furcht vor der Finsterniß läßt sich nicht durch Vernunftgründe vertreiben; ohne sich auf dieselben zu berufen, führe man vielmehr den, welchen man davon befreien will, oft ins Finstere. Ihr könnt davon überzeugt sein, daß alle Beweisgründe der Philosophie nicht so viel ausrichten werden, als diese Gewohnheit. Auf den höchsten Dächern werden die Dachdecker nicht vom Schwindel ergriffen, in ähnlicher Weise wird sich Jeder, welcher daran gewöhnt ist, furchtlos im Finstern aufhalten.

Hierdurch hat sich also zur Empfehlung unserer nächtlichen Spiele noch ein zweiter Vortheil herausgestellt. Damit diese Spiele aber in der That mit Erfolg gekrönt werden, kann ich Fröhlichkeit dabei nicht angelegentlich genug empfehlen. Es gibt nichts, was in so hohem Grade zur Traurigkeit stimmt, als Finsterniß; deshalb sperrt euer Kind auch niemals in einen gefängnißgleichen finsteren Raum. Lachend muß es in die Finsterniß treten und lachend aus derselben zurückkehren. So lange es sich im Finstern aufhält, muß der Gedanke an die Unterhaltung, die es verläßt, und an die Zerstreuungen, die es nachher aufsuchen wird, die phantastischen Einbildungen von ihm abwehren, die es dort vielleicht sonst beschleichen könnten.

Es gibt eine Grenze im Leben, über welche hinaus man trotz zunehmendem Alter wieder rückwärts geht. Ich fühle, daß ich diese Grenze überschritten habe; ich beginne nun, so zu sagen, eine umgekehrte Laufbahn. Die Leere des reifen Alters, die sich mir fühlbar macht, führt mir die süße Zeit der Jugend wieder vor Augen. Indem ich altere, werde ich wieder ein Kind, und ich erinnere mich lieber dessen, was ich im zehnten, als was ich im dreißigsten Jahre gethan habe. Verzeiht mir deshalb, lieben Leser, wenn ich bisweilen meine Beispiele meinen eigenen Erlebnissen entlehne; denn um dies Werk gut zu schreiben, muß ich mich ihm auch mit Lust und Liebe widmen können.

Ich war auf dem Lande bei einem reformirten Pfarrer, Namens M. Lambercier, in Pension. Zum Kameraden hatte ich einen Vetter, der reicher als ich war, und den man als Erben behandelte, während ich, der von dem Vater getrennt lebte, wie eine Art armer Waise betrachtet wurde. Mein großer Vetter Bernhard war durch und durch ein Feigling, besonders des Nachts. Ich machte mich über seine Furchtsamkeit so lange lustig, bis Herr Lambercier, der meiner fortwährenden Prahlereien überdrüssig wurde, sich vornahm, meinen Muth auf die Probe zu stellen. An einem sehr dunklen Herbstabende gab er mir den Kirchenschlüssel und befahl mir die Bibel zu holen, die er auf der Kanzel hatte liegen lassen. Um mich bei der Ehre zu fassen, fügte er einige Worte hinzu, die mich in die Unmöglichkeit versetzten, mich seinem Ansinnen zu entziehen.

Ich ging ohne Licht; hätte ich ein solches gehabt, würde es vielleicht noch schlimmer gewesen sein. Ich mußte über den Kirchhof und durchschritt denselben dreist, denn im Freien hatte ich noch nie des Nachts Furcht gehabt.

Als ich die Thüre öffnete, vernahm ich in dem hohen Kirchengewölbe einen Wiederhall, der mir wie Stimmen vorkam und meine römische Festigkeit schon bedenklich zu erschüttern begann. Nach Oeffnung der Thüre wollte ich nun eintreten. Kaum hatte ich jedoch einige Schritte gethan, so blieb ich stehen. Als ich die tiefe Finsterniß gewahrte, welche in diesem weiten Räume herrschte, wurde ich von einem so gewaltigen Schrecken erfaßt, daß sich mir die Haare sträubten. Ich ziehe mich zurück, springe hinaus und ergreife zitternd die Flucht. Auf dem Pfarrhofe finde ich einen kleinen Hund, Namens Sultan, dessen Liebkosungen mich wieder mit Muth erfüllen. Mich meiner Furcht schämend, kehre ich wieder um, während ich mich jedoch bemühe, Sultan, der mir nicht freiwillig folgen will, mitzuschleppen. Rasch gehe ich durch die Thür und trete in die Kirche ein. Kaum bin ich aber eingetreten, als mich von Neuem ein so heftiger Schrecken ergreift, daß ich völlig den Kopf verliere; und obgleich sich die Kanzel, wie ich sehr wohl weiß, auf der rechten Seite befindet, suche ich sie dennoch, da ich, ohne es zu merken, eine Wendung gemacht habe, lange Zeit auf der linken. Dabei verirre ich mich zwischen den Bänken und weiß schließlich nicht mehr ein und aus. Da ich weder die Kanzel noch die Thüre zu finden vermag, gerathe ich in eine unbeschreibliche Verwirrung. Endlich gewahre ich die Thüre, ich komme glücklich aus der Kirche heraus und entferne mich wie das erste Mal mit dem festen Entschlusse, dieselbe niemals, außer am hellen Tage, allein zu betreten.

Ich komme wieder bis an das Pfarrhaus. Im Begriffe einzutreten, höre ich, wie Herr Lambercier in ein lautes Gelächter ausbricht. Ueberzeugt, daß es mir gelte, und bestürzt, mich lächerlich gemacht zu haben, zögere ich, die Thüre zu öffnen. In dem kurzen Augenblicke, der darüber verfließt, vernehme ich, wie Fräulein Lambercier, die über mein langes Ausbleiben unruhig zu werden beginnt, der Magd befiehlt, die Laterne zu nehmen, und wie Herr Lambercier sich anschickt, mich abzuholen, von meinen beherzten Vetter begleitet, dem man nachher sicherlich alle Ehre des Wagestückes zuerkannt haben würde. Augenblicklich ist alle meine Furcht verschwunden; die Besorgniß allein erfüllt mich, auf meiner Flucht ertappt zu werden. Ich laufe, ich fliege fast nach der Kirche; ohne mich zu verirren, ohne lange umherzutappen, gelange ich bis an die Kanzel, steige hinauf, ergreife die Bibel und stürze die Treppe wieder herunter. Mit drei Sätzen befinde ich mich außerhalb der Kirche, deren Thüre ich sogar in der Eile zuzuschließen vergesse. Außer Athem trete ich in das Zimmer und lege die Bibel auf den Tisch, allerdings etwas verstört, aber doch mit freudig erregtem Herzen, daß ich der Hilfe, die man mir hatte bringen wollen, zuvorgekommen bin.

Man wird mich fragen, ob ich diese Anekdote aus meinem Leben etwa als nachahmenswerthes Vorbild oder als Beispiel jener Fröhlichkeit aufstelle, die ich für alle dergleichen Uebungen fordere. Keineswegs; aber ich theile sie als Beweis dafür mit, daß nichts geeigneter ist, Jemanden, der durch die Schatten der Nacht in Schrecken gesetzt ist, wieder zu ermuthigen, als das fröhliche Lachen und die ruhige Unterhaltung einer Gesellschaft, die aus einem Nebenzimmer herüberklingen. Ich wünschte deshalb auch, daß man sich des Abends nicht mit seinem Zöglinge allein unterhielte, sondern gerade viel Kinder von heiterem Temperamente versammelte; daß man sie Anfangs nicht einzeln, sondern stets mehrere zusammen ausschickte, und den Versuch mit einem allein nicht eher anstellte, als bis man schon im Voraus völlig sicher wäre, daß es sich nicht allzu sehr fürchten werde.

Ich kann mir nichts vorstellen, was so angenehm und zugleich so nützlich wäre, als solche Spiele, vorausgesetzt, daß man sie geschickt anzuordnen versteht. Ich würde in einem großen Saale aus Tischen, Sesseln, Stühlen, spanischen Wänden eine Art Labyrinth einrichten. In die Irrgänge desselben würde ich unter acht bis zehn leeren Schachteln eine andere, ihnen durchaus ähnliche hinstellen, die ganz mit Bonbons gefüllt wäre. Nun würde ich mit klaren, aber kurzen Worten genau die Stelle bezeichnen, an der sich die richtige Schachtel befände. Ich würde diese Auskunft in solcher Weise ertheilen, daß sie für Leute, welche aufmerksamer und weniger voreilig als Kinder Um sie in der Aufmerksamkeit zu üben, dürft ihr nur solche Dinge mit ihnen besprechen, für deren richtiges Verständniß sie ein fühlbares und augenblickliches Interesse haben. Vor Allem vermeidet jede Weitschweifigkeit; nie komme ein überflüssiges Wort über eure Lippen! Eben so wenig darf in euren Reden etwas Dunkles oder Zweideutiges vorkommen. wären, vollkommen ausreichte. Nachdem ich darauf die kleinen Helden, welche auf die Eroberung der Schachtel ausziehen wollten, hätte loosen lassen, würde ich sie nach einander hineinschicken, bis die richtige Schachtel gefunden wäre, was ich ihnen nach ihrer geringeren oder größeren Geschicklichkeit zu erleichtern oder zu erschweren suchen würde.

Stellt euch nun einen dieser kleinen Herkulesse vor, wie er mit einer Schachtel in der Hand voller Stolz auf seine Heldenthat ankommt. Die Schachtel wird auf den Tisch gestellt und feierlich geöffnet. Ich höre hier schon im Geiste das Gelächter und das spöttische Aufjauchzen der lustigen Schaar, wenn man anstatt des ersehnten Zuckerwerks, hübsch zierlich auf Moos oder Baumwolle gelegt, einen Maikäfer, eine Schnecke, ein Stück Kohle, eine Eichel, eine gelbe Rübe oder irgend einen ähnlichen Leckerbissen findet. Ein anderes Mal hängt man in einem frisch geweißten Zimmer dicht an der Wand irgend ein Spielzeug oder ein kleines Geräth auf, welches es zu holen gilt, ohne dabei die Wand zu berühren. Kaum ist der, welcher sich aufgemacht hat es zu holen, zurückgekehrt, so wird, wenn er die gestellte Bedingung auch nur im Geringsten übertreten hat, der weiß gefärbte Rand seiner Kopfbedeckung, seine Schuhspitze, sein Rockschooß, sein Aermel seine Ungeschicklichkeit verrathen. Doch genug und übergenug, um euch mit dem Geiste dieser Art Spiele vertraut zu machen. Wenn man euch erst Alles sagen muß, dann leset mich lieber nicht.

Wie sehr wird nicht ein so erzogener Mensch des Nachts anderen Menschen überlegen sein! Da seine Füße gewöhnt sind, auch im Dunkeln fest und sicher aufzutreten, und seine Hände die nöthige Uebung besitzen, alle Gegenstände, die ihn umgeben, durch Tasten leicht zu erkennen, so werden sie ihn selbst in der dichtesten Finsterniß ohne Mühe leiten. Seine Phantasie, die noch von den nächtlichen Spielen seiner Jugend erfüllt ist, wird ihm schwerlich Schrecken erregende Gegenstände vorgaukeln. Meint er Gelächter zu vernehmen, so wird ihn dasselbe nicht an Poltergeister mahnen, sondern an seine alten Jugendgespielen; malt ihm seine Einbildungskraft eine Gesellschaft vor, so wird er sich nicht in einen Hexensabbath, sondern in das Zimmer seines Erziehers versetzt wähnen. Da die Nacht in ihm nur heitere Ideen wach ruft, so wird sie ihm niemals Grauen erregen; anstatt sie zu fürchten, wird er sie lieben. Handelt es sich um ein militärisches Unternehmen, so wird er, sei es nun allein oder mit seinem ganzen Corps, stets auf dem Posten sein. In Saul's Lager wird er sich schleichen, es, ohne sich zu verirren, nach allen Seiten auskundschaften, wird, ohne Jemand zu erwecken, in des Königs Zelt dringen und zurückkehren, ohne bemerkt zu sein. Sollen Rhesus Rosse geraubt werden, so wendet euch dreist an ihn. Unter Leuten, die eine andere Erziehung erhalten haben, werdet ihr schwerlich einen Ulysses finden.

Ich bin Zeuge gewesen, wie Leute die Kinder durch überraschende Angriffe gewöhnen wollten, des Nachts vor nichts zu erschrecken. Diese Methode ist sehr schlecht; sie bringt gerade die umgekehrte Wirkung hervor, und dient nur dazu, die Kinder noch furchtsamer zu machen. Weder die Vernunft noch die Gewohnheit sind im Stande, die Vorstellung einer vorhandenen Gefahr, deren Umfang und Art man nicht zu erkennen vermag, noch auch die Furcht vor überraschen Angriffen, die man schon so oft erfahren hat, völlig zu verscheuchen. Wie könnt ihr euch denn aber versichern, daß euer Zögling von dergleichen Unfällen befreit bleibe? Das beste Mittel, durch welches man diesem Uebelstande vorbauen kann, scheint mir in Folgendem zu bestehen. »Du befindest dich dann,« würde ich zu meinem Emil sagen, »im Falle einer berechtigten Nothwehr; denn der Angreifer gibt dir nicht Gelegenheit zu beurtheilen, ob er dir Böses zufügen oder dich nur in Schrecken setzen will, und da er sich von vorn herein seinen Vortheil ersehen hat, so kannst du nicht einmal in der Flucht dein Heil suchen. Packe also unerschrocken den, der dich des Nachts überfällt, gleich viel ob Mensch oder Thier; drücke und halte ihn mit Aufgebot aller deiner Kräfte; sträubt er sich, so schlage ohne geringste Schonung zu; und was er auch immer sagen oder thun möge, laß deinen Fang niemals los, bevor du genau weißt, mit wem du es zu thun hast. Sobald du Aufklärung erhalten hast, wirst du wahrscheinlich einsehen, daß nicht viel zu befürchten war.« Jedenfalls wird diese Behandlungsweise die Spaßvögel abschrecken, ihren Versuch zu erneuern.

Obgleich das Gefühl unter allen Sinnen derjenige ist, den wir in unausgesetzter Uebung erhalten, so bleiben doch, wie bereits erwähnt, seine Urtheile stets unvollkommener und oberflächlicher als die irgend eines anderen, weil wir bei seiner Anwendung beständig auch noch das Gesicht zu Hilfe ziehen. Da nun das Auge den Gegenstand eher als die Hand erreicht, so urtheilt der Verstand fast stets ohne die Ermittelung des Tastsinnes abzuwarten. Indeß sind dafür die Urtheile des letzteren gerade aus dem Grunde auch die sichersten, weil sie die beschränktesten sind; denn da sie sich nur so weit erstrecken, als unsere Hände reichen können, so berichtigen sie die voreiligen Schlüsse der andern Sinne, die nur aus der Ferne ihren Maßstab an Gegenstände legen, welche sie kaum gewahren, während der Tastsinn Alles, was er wahrnimmt, auch richtig wahrnimmt. Berücksichtigt ferner, daß wir, da wir der Thätigkeit der Nerven auch die Muskelkraft beliebig beigesellen können, durch eine gleichzeitige Empfindung mit der Beurteilung der Temperatur, der Größe und Gestalt auch noch die Beurtheilung des Gewichtes und der Dichtigkeit verbinden. Weil uns demnach der Tastsinn von allen Sinnen am richtigsten über den Eindruck belehrt, welchen fremde Körper auf unsren eigenen auszuüben vermögen, so ist er derjenige, der am häufigsten angewendet wird und uns am unmittelbarsten die zu unserer Erhaltung nothwendigen Kenntnisse vermittelt.

Wenn nun ein geübtes Gefühl den Gesichtssinn ergänzt, weshalb sollte es nicht auch bis zu einem gewissen Grade das Gehör ergänzen können, da doch die Töne in den klingenden Körpern Schwingungen hervorbringen, die sich durch das Gefühl wahrnehmen lassen. Legt man die Hand auf ein Violoncello, so kann man ohne Beihilfe des Auges oder Ohres, nur an der Art und Weise, wie das Holz vibrirt und schwingt, unterscheiden, ob der Ton, den es hervorbringt, tief oder hoch ist, ob er von der Quinte oder der Baßsaite herrührt. Man möge den Sinn nur auf diese Unterschiede einüben, und unser Empfindungsvermögen wird, wie ich nicht zweifle, mit der Zeit so weit ausgebildet werden können, daß wir vermittelst der Finger ganze Lieder vernehmen. Bewährt sich diese Annahme, so ist auch klar, daß man sich Tauben leicht durch Musik verständlich machen könnte, denn da die Töne und das Tempo nicht weniger regelmäßiger Zusammenstellungen fähig sind, als die Aussprache und die Stimme, so können dieselben eben so als Elemente der Sprache gebraucht werden.

Es gibt Uebungen, welche den Tastsinn abstumpfen und schwächen, dagegen auch andere, welche ihn schärfen und zarter und feiner machen. Da die ersteren zu der beständigen Einwirkung harter Körper noch starke Bewegung und viel Kraftaufwand hinzutreten lassen, so machen sie die Haut rauh und schwielig und berauben sie ihres natürlichen Empfindungsvermögens; letztere hingegen erregen dieses Empfindungsvermögen beständig durch leichte und sich oft erneuernde Berührungen, so daß der Verstand, der seine ganze Aufmerksamkeit auf diese sich unaufhörlich wiederholenden Eindrücke richtet, sich dadurch die Fähigkeit erwirbt, alle ihre Modificationen richtig zu beurtheilen. Dieser Unterschied macht sich namentlich beim Spielen musikalischer Instrumente fühlbar. Das harte und feste Aufdrücken beim Violoncello, beim Contrabasse und selbst noch bei der Violine macht zwar die Finger geschmeidiger, verhärtet aber dafür die Spitzen derselben. Die leisere Berührung der glatten Tasten des Klaviers macht sie dagegen gleichzeitig geschmeidiger und empfindlicher. In dieser Hinsicht muß man demnach dem Klavier den Vorzug einräumen.

Da die Haut den ganzen Körper schützen muß, so ist es von Wichtigkeit, daß sie sich gegen die Einwirkungen der Luft abhärte und dem Wechsel derselben zu trotzen vermöge. Obgleich ich dies vollständig zugebe, möchte ich jedoch nicht, daß sich die Hand, weil man sie nöthigte, allzu knechtisch stets dieselben Arbeiten auszuführen, geradezu verhärtete, oder daß ihre fast hornartig gewordene Haut das feine Gefühl verlöre, welches uns die Körper, über die man mit der Hand streicht, erkennen läßt. Ist dies Gefühl abgestumpft, so kann es uns bisweilen je nach der Art, wie sich die Körper für uns anfühlen, bei Nacht manchen Schrecken einjagen.

Weshalb soll mein Zögling gezwungen sein, stets Rindsleder unter seinen Füßen zu tragen? Was für ein Unglück sollte es wol sein, wenn ihm seine eigene Haut im Nothfalle als Schuhsohle dienen könnte? Es ist augenscheinlich, daß an diesem Theile die Zartheit der Haut nie einen Nutzen stiften, wol aber oft Schaden bereiten kann. Als die Genfer mitten im Winter um Mitternacht in ihrer Stadt vom Feinde geweckt wurden, langten sie eher nach ihren Flinten, als nach ihren Schuhen. Hätte Keiner von ihnen barfuß gehen können, wer weiß, ob Genf dann nicht erobert worden wäre.

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