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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Erstes Buch

Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; Alles entartet unter den Händen des Menschen. Er zwingt ein Land die Producte eines andren hervorzubringen, einen Baum die Früchte eines andern zu tragen; er vermischt und vermengt die Klimata, die Elemente, die Jahreszeiten; er verstümmelt seinen Hund, sein Pferd, seinen Sklaven; er stürzt Alles um, er verunstaltet Alles; er liebt das Unförmliche, die Mißgestalten; nichts will er so, wie es die Natur gebildet hat, nicht einmal den Menschen; man muß ihn wie ein Schulpferd für ihn abrichten; man muß ihn wie einen Baum seines Gartens nach der Mode des Tages biegen.

Sonst würde aber Alles noch schlechter gehen, und unser Geschlecht ist ein Feind alles halben Wesens. In dem Zustande, in welchem sich die Dinge nunmehr befinden, würde ein von seiner Geburt an sich unter den andern selbst überlassener Mensch der verunstaltetste und verderbteste von allen sein. Die Vorurtheile, der äußere Einfluß, der Zwang, das Beispiel, alle die socialen Verhältnisse, in welche wir uns versunken befinden, würden die Natur in ihm ersticken, ohne ihm einen Ersatz dafür zu bieten. Es würde ihr wie einem jungen Baume ergehen, den der Zufall mitten auf einem Wege aufschießen läßt und den die Wanderer bald zum Welken bringen, indem sie ihn von allen Seiten stoßen und nach allen Richtungen biegen.

An dich wende ich mich, zärtliche und vorsorgliche Mutter, Die erste Erziehung ist am wichtigsten, und diese erste Erziehung gebührt unstreitig den Frauen. Wenn der Schöpfer der Natur gewollt hätte, daß sie den Männern zukäme, würde er ihnen Milch zur Ernährung der Kinder gegeben haben. Redet deshalb in euren Abhandlungen über Erziehung immer vorzugsweise zu den Frauen; denn außer daß sie Gelegenheit haben die Kinder aus größerer Nähe als die Männer zu überwachen und daß sie auf diese stets einen größeren Einfluß ausüben, so ist auch der Erfolg für dieselben von ungleich größerer Wichtigkeit, da fast der größte Theil der Wittwen von dem guten Willen ihrer Kinder abhängig ist und deshalb im Guten oder im Schlechten von der Wirkung ihrer Erziehungsweise am empfindlichsten berührt wird. Die Gesetze, die sich beständig in so hohem Grade mit dem äußern Besitzstand und so wenig mit den Personen befassen, weil sie den Frieden und nicht die Tugend bezwecken, räumen den Müttern nicht die gebührende Gewalt ein. Gleichwol ist die Mutterschaft unbestrittener als die Vaterschaft; die Pflichten der Mütter sind mühseliger, ihre Sorgen und Mühwaltungen sind von höherem Gewicht für den geordneten Zustand der Familie; überhaupt haben sie mehr Zuneigung zu den Kindern. Es gibt Umstände, um derenwillen ein Sohn, der es an Ehrfurcht vor seinem Vater fehlen läßt, einigermaßen zu entschuldigen ist; wenn aber ein Kind, aus was für Veranlassung auch immer, so entartet wäre, seiner Mutter gegenüber die Ehrfurcht zu verläugnen, ihr, die es unter ihrem Herzen getragen, die es mit ihrer Milch genährt, die sich Jahre lang nur aus Sorge für dasselbe selbst vergessen hat: ein solches verworfenes Wesen sollte man schleunigst ersticken, wie ein Ungeheuer, unwürdig das Tageslicht zu sehen. Die Mütter verziehen, wie man sagt, ihre Kinder. Darin haben sie ohne Zweifel Unrecht, aber vielleicht in nicht so hohem Grade als ihr, die ihr sie verderbt. Die Mutter will ihr Kind glücklich sehen, will es sogleich glücklich sehen. Darin hat sie Recht: wenn sie sich in der Wahl der Mittel irrt, muß man sie belehren. Der Ehrgeiz, die Habsucht, die Tyrannei, die falsche Vorsorge der Väter, ihre Nachlässigkeit, ihre harte Gefühllosigkeit sind den Kindern hundert Mal unheilvoller als die blinde Zärtlichkeit der Mütter. Uebrigens bleibt mir noch zu erläutern übrig, welchen Sinn ich dem Namen Mutter beilege; und das soll weiter unten geschehen. die du dich von der großen Straße fern zu halten und das wachsende Bäumchen vor dem Widerstreit der menschlichen Meinungen zu bewahren verstandest! Pflege, begieße die junge Pflanze, ehe sie abstirbt; ihre Früchte werden dereinst deine Wonne sein. Bilde frühzeitig einen Schutzwall um die Seele deines Kindes; ein Anderer kann den Umfang desselben bestimmen, du selber aber mußt die Schranken setzen. Man versichert mir, Herr Formey, habe sich eingebildet, ich wollte hier von meiner Mutter reden, und habe dies in einem seiner Werke ausgesprochen. Das heißt denn doch mit Herrn Formey, oder mir einen grausamen Scherz treiben.

Man veredelt die Pflanzen durch die Zucht und die Menschen durch die Erziehung. Wurde der Mensch gleich groß und stark geboren, so würde ihm seine ausgebildete Gestalt und seine Kraft jedenfalls so lange unnütz sein, bis er gelernt hätte sich ihrer zu bedienen; sie würden ihm sogar schädlich sein, indem sie die Anderen abhielten an seinen Beistand zu denken; Aeußerlich ihnen gleich, und der Sprache sowie der Ideen, welche dieselbe ausdrückt, beraubt, würde er außer Stande sein, ihnen das Bedürfniß ihrer Hilfe verständlich zu machen, und nichts an ihm würde ihnen dies Bedürfniß kund thun. und sich selbst überlassen, würde er in Elend dahinsterben, bevor er seine Bedürfnisse kennen gelernt hätte. Man klagt über den Zustand der Kindheit; man begreift nicht, daß das menschliche Geschlecht schon ausgestorben wäre, hätte der Mensch nicht als Kind das Leben begonnen.

Wir werden schwach geboren und deshalb sind uns Kräfte nöthig; wir werden, von Allem entblößt, geboren, und deshalb ist uns Hilfe nöthig; wir werden mit unentwickelten Anlagen geboren, und deshalb ist uns Verstand und Urtheilskraft nöthig. Alles, was uns bei unserer Geburt fehlt, und was uns, wenn wir erwachsen sind, nöthig ist, wird uns durch die Erziehung gegeben.

Diese Erziehung geht von der Natur, oder von den Menschen, oder von den Dingen aus. Die innere Entwickelung unsrer Fähigkeiten und unsrer Organe ist die Erziehung der Natur; die Anwendung, welche man uns von diesen entwickelten Fähigkeiten und Organen machen lehrt, ist die Erziehung der Menschen; und in dem Gewinne eigner Erfahrungen in Bezug auf die Gegenstände, welche auf uns einwirken, besteht die Erziehung der Dinge.

Jeder von uns wird also durch dreierlei Lehrer gebildet. Der Schüler, in welchem sich ihre verschiedenen Lehren entgegen arbeiten, wird schlecht erzogen, und wird nie zu einer inneren Harmonie gelangen. Derjenige dagegen, bei welchem sie alle auf die nämlichen Punkte gerichtet sind und die nämlichen Zwecke erstreben, erreicht allein sein Ziel und lebt in voller Harmonie. Dieser allein ist gut erzogen. Herr Petitain bemerkt, daß sich diese Idee einer dreifachen Erziehung im Plutarch »Ueber die Erziehung der Kinder«, Kap. 4 wiederfindet.

Nun aber hängt von diesen drei verschiedenen Erziehungsarten die der Natur gar nicht, die der Dinge nur in gewisser Hinsicht von uns ab. Die der Menschen ist die einzige, die wirklich in unsrer Gewalt steht, indeß ist auch dies nur voraussetzungsweise der Fall, denn wer kann wol die Hoffnung hegen, die Gespräche und Handlungen aller derer, die ein Kind umgeben, ganz und gar zu leiten?

Insofern also die Erziehung eine Kunst ist, kann sie fast unmöglich zu einem günstigen Resultate führen, weil das zu ihrem Erfolge notwendige Zusammenwirken in Niemandes Gewalt steht. Höchstens kann man sich dem Ziele durch viel Mühe und Sorgfalt mehr oder weniger nähern, um es aber wirklich zu erreichen, dazu gehört viel Glück.

Was ist das für ein Ziel? Es ist das der Natur selbst; das ist soeben bewiesen. Da das Zusammenwirken der drei Arten zu einer vollkommenen Erziehung nothwendig ist, so muß man nach derjenigen, zu welcher wir nichts beizutragen vermögen, die beiden andern richten. Allein vielleicht knüpft sich an das Wort Natur ein zu allgemeiner Sinn; ich will ihn deshalb hier festzustellen suchen.

Natur, sagt man uns, ist nur Gewöhnung. Herr Formey versichert uns, daß man dies nicht mit solcher Bestimmtheit behauptet. Trotzdem scheint es mir in dem folgenden Verse, auf welchen ich mir zu antworten vornahm, auf das allerbestimmteste ausgesprochen:
»Natur, glaub' mir, ist lediglich Gewohnheit.«
Herr Formey, welcher seine Mitmenschen nicht stolz machen will, gibt uns bescheidener Weise den Maßstab seines eigenen Gehirns statt dessen der menschlichen Vernunft.

Was heißt das? Gibt es nicht etwa Gewohnheiten, welche man nur gezwungen annimmt und welche die Natur niemals ersticken? So verhält es sich zum Beispiel mit der Gewöhnung der Pflanzen, deren aufrechte Richtung man gewaltsam verändert. Die wieder ihrer Freiheit zurückgegebene Pflanze behält zwar die Neigung, die sie gezwungener Weise angenommen hat; aber der in ihr kreisende Saft hat deshalb seine ursprüngliche Richtung nicht aufgegeben, und wenn die Pflanze zu wachsen fortfährt, so kehren die neuen Triebe zu der senkrechten Richtung zurück. Eben so verhält es sich mit den Neigungen der Menschen. So lange man in den nämlichen Verhältnissen verharrt, kann man diejenigen, welche der Gewohnheit entspringen, selbst wenn sie unsrer innersten Natur widerstreben, bewahren, sobald aber die Lage wechselt, schwächt sich die Gewohnheit ab und das natürliche Wesen kommt wieder zum Vorschein. Die Erziehung ist sicherlich nur Gewöhnung. Gibt es nun aber nicht Leute, welche ihre Erziehung vergessen und verlieren, und andere, welche sie bewahren? Woher kommt dieser Unterschied? Muß man die Benennung Natur auf die der Natur conformen Gewöhnungen beschränken, so kann man sich dieses Hinundhergerede ersparen.

Mit Empfindungsvermögen werden wir geboren und von unsrer Geburt an sind wir den Einwirkungen der Gegenstände, die uns umgeben, in verschiedener Weise ausgesetzt. Sobald wir uns der erhaltenen Eindrücke, so zu sagen, bewußt werden, bildet sich in uns die Neigung die Gegenstände, welche sie hervorbringen, aufzusuchen oder zu fliehen, zuerst je nachdem sie angenehm oder unangenehm sind, später je nach der Uebereinstimmung oder dem Mangel an Uebereinstimmung, die wir zwischen uns und diesen Gegenständen finden, und endlich je nach den Urtheilen, die wir über dieselben nach der Vorstellung von Glück und Vollkommenheit fällen, welche uns die Vernunft gibt. Diese Neigungen oder Abneigungen erweitern und verstärken sich in dem Maße, wie wir empfänglicher und aufgeklärter werden; aber durch unsre Gewohnheiten beschränkt, werden sie sich unseren Ansichten mehr oder weniger anschließen. Vor dieser Aenderung sind sie das, was ich in uns die Natur nenne.

Auf diese ursprünglichen Neigungen müßte man also Alles zurückführen; und das würde möglich sein, wenn unsere drei Erziehungsarten nur verschieden wären: was aber soll man thun, wenn sie widerstreitend sind, wenn man, anstatt einen Menschen für sich selbst zu erziehen, ihn für die andren erziehen will? Dann ist die Uebereinstimmung unmöglich. Gezwungen, die Natur oder die socialen Einrichtungen zu bekämpfen, hat man sich zu entscheiden, ob man einen Menschen oder einen Bürger bilden will; denn beides kann man nicht zugleich thun.

Jede nur einen Theil umfassende Gesellschaft sondert sich, wenn sie strenge und fest geeinet ist, von der großen ab. Jeder Patriot ist gegen die Fremden abstoßend: in seinen Augen sind sie nur Menschen, sind sie nichts. Deswegen sind auch die Kriege der Republiken grausamer als die der Monarchien. Wenn aber der Krieg der Könige gemäßigt ist, so ist ihr Friede schrecklich: es ist besser ihr Feind als ihr Unterthan zu sein.

Dieser Uebelstand ist unvermeidlich, ist aber ohne Bedeutung. Die Hauptsache ist, den Leuten, mit welchen man zusammen lebt, eine freundliche Gesinnung zu beweisen. Dem Auslande gegenüber war der Spartaner ehrgeizig, habgierig, ungerecht; aber Uneigennützigkeit, Billigkeit, Eintracht herrschten innerhalb seiner Mauern. Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in Acht, die in ihren Schriften aus weiter Ferne Pflichten herholen, deren Erfüllung sie in Bezug auf ihre eigne Umgebung verächtlich zurückweisen. Ein solcher Philosoph liebt die Tartaren, um dessen überhoben zu sein, seine Nachbarn zu lieben.

Der natürliche Mensch ist ein Ganzes für sich; er ist die numerische Einheit, das absolute Ganze, das nur zu sich selbst oder zu seines Gleichen in Beziehung steht. Der bürgerliche Mensch ist nur eine gebrochene Einheit, welche es mit ihrem Nenner hält, und deren Werth in ihrer Beziehung zu dem Ganzen liegt, welches den socialen Körper bildet. Die guten socialen Einrichtungen vermögen den Menschen am ehesten seiner Natur zu entkleiden, ihm seine absolute Existenz zu rauben, um ihm dafür eine relative zu geben, und das Ich in die allgemeine Einheit zu versetzen, so daß sich jeder Einzelne nicht mehr für eine Einheit, sondern für einen Theil der Einheit hält und nur noch in dem Ganzen wahrnehmbar ist. Ein römischer Bürger war nicht Cajus, nicht Lucius, er war ein Römer; sogar das Vaterland liebte er mit Ausschluß seiner eigenen Persönlichkeit. Regulus gab sich für einen Karthager aus, als ob er das Eigenthum seiner Besieger geworden wäre. In seiner Eigenschaft als Fremder weigerte er sich seinen Sitz im römischen Senate einzunehmen; ein Karthager mußte es ihm erst befehlen. Er wurde unwillig darüber, daß man ihm das Leben retten wollte. Seine Ansicht drang durch, und jubelnd kehrte er zurück, um einen qualvollen Tod zu sterben. Das scheint mir freilich den Menschen, die wir kennen, nicht sehr ähnlich zu sehen.

Der Lacedämonier Phedaretes bewirbt sich um Aufnahme in den Rath der Dreihundert; er wird verworfen; voller Freude, daß es in Sparta dreihundert bessere Männer als ihn gibt, geht er wieder nach Hause. Plut. dict. not. des Lacéd. §. 60.

Ich nehme diese Aeußerung für wahr an, und es ist alle Ursache vorhanden, sie dafür zu halten. Fürwahr, ein echter Bürger!

Eine Spartanerin hatte fünf Söhne bei dem Heere, und harrte auf Nachrichten über die Schlacht. Ein Helote langt an; zitternd fragt sie ihn darnach. »Deine fünf Söhne sind gefallen.« »Verächtlicher Sklave, habe ich dich danach gefragt?« »Wir haben den Sieg erfochten!« Die Mutter läuft zum Tempel und danket den Göttern. Id. ibid. §. 5.]

Fürwahr, eine echte Bürgerin!

Wer in der bürgerlichen Ordnung den Naturgefühlen den Vorrang einräumen will, der weiß nicht, was er will. Stets im Widerspruch mit sich selbst, stets zwischen seinen Trieben und Pflichten hin und her schwankend, wird er nie ein echter Mensch noch ein echter Bürger sein. Er wird weder sich noch Andern zum Vortheil gereichen. Er wird einer dieser Dutzendmenschen unserer Tage, ein Franzose, ein Engländer, ein Spießbürger, er wird nichts sein.

Um etwas zu sein, um stets sich selbst treu und in sich eins zu sein, muß man handeln wie man spricht, muß man stets über die Partei, die man zu ergreifen, laut zu ergreifen hat, entschieden sein und beständig zu ihr halten. Ich erwarte, daß man mir ein solches Wunderkind zeige, um zu erfahren ob es ein Mensch oder ein Staatsbürger ist, oder wie dasselbe es anfängt, um Beides zugleich zu sein.

Aus diesen einander nothwendig entgegengesetzten Zielen ergeben sich zwei sich widersprechende Erziehungsweisen: eine öffentliche oder staatliche und gemeinsame und eine besondere und häusliche.

Wollt ihr euch eine Vorstellung von der öffentlichen Erziehung machen, so leset die Republik Plato's. Es ist kein politisches Werk, wie die sich einbilden, welche die Bücher nur nach den Titeln beurtheilen: es ist vielmehr die beste Abhandlung über Erziehung, die je geschrieben ist.

Wenn man auf ein Utopienland aller möglichen Träumereien hinweisen will, so führt man regelmäßig Plato's Erziehung an. Hätte aber Lykurg die seinige nur zu Papier gebracht, so würde sie mir noch wunderlicher vorkommen. Plato hat nur das Herz des Menschen geläutert. Lykurg hat ihn seiner Natur beraubt.

Die öffentliche Erziehung existirt nicht mehr und kann nicht mehr existiren, weil da, wo es kein Vaterland mehr gibt, es auch keine Bürger mehr geben kann. Diese beiden Wörter »Vaterland« und »Bürger« müssen aus den modernen Sprachen gestrichen werden. Den Grund kenne ich sehr wohl, will ihn aber nicht aussprechen, es ist für mein Thema von keiner Bedeutung.

Diese lächerlichen Anstalten, welche man Collegien Es gibt an mehreren Schulen, und namentlich an der Pariser Universität Professoren, welche ich liebe, welche ich hochachte und welche ich für sehr befähigt halte, der Jugend einen vortrefflichen Unterricht zu ertheilen, wenn sie nicht genöthigt würden, sich dem leidigen Herkommen anzuschließen. Ich fordere einen von ihnen hiermit auf, das Reformproject, welches er verfaßt hat, zu veröffentlichen. Man wird sich doch vielleicht endlich versucht fühlen, dem Nebel abzuhelfen, wenn man erst zur Einsicht gelangt ist, daß es Heilmittel gibt. nennt, kann ich nicht als öffentliche Erziehungsanstalten anerkennen. Eben so wenig rechne ich die Erziehung der Welt zu der öffentlichen, weil diese Erziehung dadurch, daß sie nach zwei entgegengesetzten Zielen strebt, beide verfehlt. Sie ist nur im Stande Zwitterwesen zu bilden, die Alles beständig auf Andere zu beziehen scheinen und doch nur Alles auf sich allein beziehen. Nun aber täuschen diese Gaukeleien, weil sie ein Gemeingut Aller sind, Niemanden. Es ist lauter verlorene Mühe.

Aus diesen Widersprüchen entsteht leider auch der, welchen wir unaufhörlich in uns selbst empfinden. Fortgerissen von der Natur und von den Menschen nach entgegengesetzten Richtungen, gezwungen uns zwischen diesen verschiedenen Antrieben zu theilen, schlagen wir einen Mittelweg ein, der weder zu dem einen noch zu dem anderen Ziele führt. Auf diese Weise während unseres ganzen Lebens in ununterbrochenem Kampfe mit uns selbst und hin und her schwankend, beschließen wir es, ohne es zu einer innern Harmonie gebracht und uns oder Anderen zum Nutzen gereicht zu haben.

Es bleibt nur noch die häusliche Erziehung oder die der Natur übrig. Aber was soll ein Mensch, der einzig und allein für sich erzogen ist, den andern werden? Wenn sich vielleicht das doppelte Ziel, welches man sich vorsetzt, in ein einziges zusammenziehen ließe, so würde man durch Beseitigung der Widersprüche in dem Menschen ein großes Hinderniß zu seinem Glücke aus dem Wege räumen. Man müßte, um darüber zu urtheilen, ihn ganz ausgebildet sehen; man müßte seine Neigungen beobachtet, seine Fortschritte gesehen, seinen Lebensgang verfolgt haben; mit einem Worte: man müßte den natürlichen Menschen kennen. Ich glaube, daß man nach Lectüre dieser Schrift einen guten Anfang zu diesen Forschungen gemacht haben wird.

Was haben wir nun zu thun, um diesen ausgezeichneten Menschen zu bilden? Unzweifelhaft viel: nämlich zu verhüten, daß etwas geschieht. Wenn es sich nur darum handelt, gegen den Wind zu segeln, so lavirt man; ist aber das Meer bewegt und man will auf der Stelle bleiben, so muß man den Anker auswerfen. Nimm dich wol in Acht, junger Pilot, daß dein Ankertau nicht nachlasse und dein Anker nicht schleppe und das Schifflein nicht forttreibt, ehe du dich dessen versiehst.

In der gesellschaftlichen Ordnung, wo alle Stellen genau bestimmt sind, muß Jeder für die seinige erzogen werden. Wenn ein für seine Stelle gebildetes Individuum dieselbe aufgibt, taugt es zu nichts mehr. Die Erziehung ist nur in so weit von Vortheil, als das Vermögen der Eltern mit dem Berufe in Übereinstimmung steht, zu welchem sie ihr Kind bestimmen; in jedem anderen Falle ist sie dem Zögling nur schädlich, und wäre es auch nur durch die vorgefaßten Meinungen, welche sie ihm eingeflößt hat. In Aegypten, wo der Sohn genöthigt war, sich dem Stande seines Vaters zu widmen, hatte die Erziehung wenigstens ein sicheres Ziel; unter uns jedoch, wo nur die Rangstufen bleiben und die Menschen unaufhörlich wechseln, weiß Niemand, ob er nicht, wenn er seinen Sohn für die seinige erzieht, demselben schadet.

In der natürlichen Ordnung, in der die Menschen alle gleich sind, ist ihr gemeinsamer Beruf, zuerst und vor Allem Mensch zu sein und wer für diesen gut erzogen ist, kann diejenigen, welche mit demselben in Einklang stehen, nicht schlecht erfüllen. Ob man meinen Zögling für die militairische, kirchliche oder richterliche Laufbahn bestimmt, darauf kommt wenig an. Bevor die Eltern ihn für einen Beruf bestimmen, beruft die Natur ihn zum menschlichen Leben. Die Kunst zu leben soll er von mir lernen. Qui se totam ad vitam instruxit, non desiderat particulatim admoneri, doctus in totum, non quomodo cum uxore aut cum filiis viveret, set quomodo bene viveret. Senec. ep. 94. Wenn er aus meinen Händen hervorgeht, wird er freilich, das gebe ich zu, weder Richter, noch Soldat, noch Priester sein, er wird zuerst Mensch sein. Alles, was ein Mensch sein muß, das Alles wird er, wenn es darauf ankommt, eben so gut wie irgend Jemand sein können, und das Schicksal wird ihn vergeblich seinen Platz wechseln lassen, er wird immer an dem seinigen sein. Occupavi te, fortuna, atque cepi; omnesque aditus tuos interclusi, ut ad me aspirare non posses. Cic. Tuscul. V. cap. 6

Unser wahres Studium ist das der menschlichen Natur. Wer unter uns die Freuden und Leiden dieses Lebens am besten zu ertragen versteht, der ist meines Erachtens am besten erzogen, woraus folgt, daß die wahre Erziehung weniger in Lehren als in Uebungen besteht. Wir beginnen unsere Bildung mit dem Beginn unseres Lebens. Unsere Erziehung beginnt zugleich mit uns; unser erster Lehrer ist unsere Amme. Auch hatte das Wort »Erziehung« bei den Alten einen anderen Sinn, als den wir damit verbinden. Es bedeutete die Aufziehung. Educit obstetrix, sagt Varronius; educat nutrix, instituit paedagogus, docet magister. Daher sind die Aufziehung, die Erziehung, der Unterricht drei in ihrem Ziele eben so verschiedene Dinge, wie die Wärterin, der Erzieher und der Lehrer. Aber diese Unterscheidungen gereichen zu keinem Vortheile und um gut erzogen zu werden, darf das Kind nur einem einzigen Führer folgen.

Wir müssen unsere Gesichtspunkte deshalb verallgemeinern und in unserm Zögling lediglich den Menschen an sich, den allen Wechselfällen des menschlichen Lebens ausgesetzten Menschen betrachten. Wenn die Menschen durch die Geburt an den Boden eines Landes gefesselt wären, wenn die nämliche Jahreszeit das ganze Jahr hindurch dauerte, wenn Jeder im unveränderlichen Besitze seines Vermögens bliebe, so würde die eingeführte Methode in gewisser Hinsicht gut sein; das für seinen besonderen Stand erzogene Kind würde, da es denselben niemals aufgäbe, auch nie den Schwierigkeiten eines andern ausgesetzt sein. Aber kann man wol, in Anbetracht der Wandelbarkeit der menschlichen Dinge, in Anbetracht des unruhigen und nivellirenden Geistes dieses Jahrhunderts, welcher in jeder Generation einen allgemeinen Umsturz herbeiführt, kann man wol, frage ich, eine thörichtere Methode ersinnen als die, ein Kind so zu erziehen, als ob es einst nie aus der Thüre zu kommen brauchte, als ob es unaufhörlich von den Seinigen umgeben sein würde? Wenn der Unglückliche sich nur einen Schritt über den Boden erhebt, wenn er eine einzige Stufe hinabsteigt, ist er verloren. Dadurch lehrt man ihn nicht den Schmerz ertragen, sondern übt ihn vielmehr denselben zu empfinden.

Man denkt nur an die Erhaltung seines Kindes; das ist nicht genug; man muß es auch lehren sich erhalten, wenn es ein Mann geworden ist; die Schicksalsfrage ertragen, sich über Ueberfluß und Mangel hinwegsetzen und im Nothfalle auf Islands Eisfeldern oder auf dem brennenden Felsen Maltas leben. Vergebens wendet ihr Vorsichtsmaßregeln an, um es gegen den Tod zu schützen, es wird doch einmal sterben müssen; und wenn sein Tod auch nicht das Werk eurer Pflege und Verzärtelung sein sollte, so würden sie gleichwol schlecht angewandt sein. Longa est vita, si plena est. Impletur autem cum animus sibi bonum suum reddidit, et ad se potestatem sui transtulit. Quid illum octoginta anni iuvant per inertiam exacti? Non vixit ille, sed in vita moratus est... Actu illam metiamur, non tempore! Seneca, Ep. 93.

Es kommt nicht sowol darauf an, es gegen den Tod zu schützen, als vielmehr darauf, ihm die Kunst zu leben beizubringen. Leben heißt nicht athmen, sondern handeln, es heißt sich unsrer Organe, unsrer Sinne, unsrer Fähigkeiten, kurz sich aller derjenigen Theile von uns zu bedienen, die uns die Empfindung unseres Daseins verleihen. Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat. Mancher stieg erst im Alter von hundert Jahren in die Grube, der seit seiner Geburt wie todt war. Besser wäre es für ihn gewesen, er wäre in früher Jugend gestorben und hätte wenigstens bis zum Eintritt seines Todes gelebt.

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