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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Um das Mißgeschick, das über dem abenteuerlichen Zuge schwebte, zu vollenden, kam gerade in dem Augenblicke, in welchem mein Zögling heimkehrte, sein Vater die Treppe hinab, um auszugehen, und traf auf derselben mit ihm zusammen. Er mußte diesem erzählen, wo er her käme und weshalb ich nicht bei ihm wäre. n einem solchen Falle kann man von einem Kinde ohne Gefahr die Wahrheit verlangen; denn alsdann weiß es sehr wohl, daß es dieselbe nicht verhehlen kann, und daß es, wenn es eine Lüge zu sagen wagte, augenblicklich überführt werden würde. Das arme Kind hätte hundert Fuß in die Erde versinken mögen. Ohne sich darin zu gefallen, ihm einen langen Verweis zu ertheilen, sagte der Vater weit trockener, als ich erwartet hatte, zu ihm: »Wenn du wieder allein ausgehen willst, so ist dir das freilich unbenommen; da ich jedoch keinen Landstreicher in meinem Hause dulde, so sorge, wenn der Fall wieder vorkommen sollte, auch dafür, daß du nicht wieder zurückkehrst.«

Ich meinerseits empfing ihn ohne Vorwurf und ohne Spott, jedoch ernster als gewöhnlich. Um allem Argwohne desselben vorzubeugen, daß der ganze Vorgang etwa nur ein verabredeter Scherz gewesen sei, wollte ich ihn auch an demselben Tage nicht spazieren führen. Zu meiner großen Freude gewahrte ich am folgenden Tage, daß er mit triumphirender Miene an den nämlichen Leuten vorüberschritt, welche sich Tags zuvor über ihn lustig gemacht hatten, weil sie ihm allein begegnet waren. Man wird es begreiflich finden, daß er mir seitdem nicht mehr drohte, ohne mich auszugehen.

Durch diese und ähnliche Mittel setzte ich es in der kurzen Zeit, die ich bei ihm war, durch, daß er Alles that, was ich wollte. Ich brauchte ihm dazu nichts vorzuschreiben und nichts zu verbieten, bedurfte keiner Predigten, keiner Ermahnungen, keiner langweiligen Belehrungen. So lange ich mit ihm sprach, war er heiter und zufrieden, allein mein Stillschweigen beängstigte ihn; er merkte dann, daß irgend etwas nicht in der Ordnung war, und immer hatte er die Berichtigung der Sache selbst zu verdanken. Aber laßt uns wieder auf unseren Gegenstand zurückkommen.

Diese fortwährenden, der Leitung der Natur allein überlassenen Uebungen stumpfen demnach, während sie den Körper kräftigen, den Geist nicht nur nicht ab, sondern bilden in uns im Gegentheile die einzige Art von Vernunft, deren das Kindesalter fähig und die jeglichem Alter am nöthigsten ist. Sie lehren uns den rechten Gebrauch unserer Kräfte, die Beziehungen unseres Körpers zu den uns umgebenden Körpern und den Gebrauch der natürlichen Werkzeuge kennen, welche sich in unserem Bereiche befinden und unseren Organen entsprechen. Gibt es wol eine ähnliche Dummheit wie die eines beständig im Zimmer und unter den Augen seiner Mutter erzogenen Kindes, welches, ohne etwas von der Schwere und der Widerstandsfähigkeit erfahren zu haben, einen starken Baum ausreißen oder ein Felsstück aufheben will? Als ich zum ersten Male aus Genf herauskam, wollte ich ein galoppirendes Pferd einholen. Ich warf mit Steinen nach dem Berge Salève, der zwei französische Meilen von mir entfernt war. Alle Dorfkinder machten mich zur Zielscheibe ihres Spottes und schienen mich für einen wahren Idioten zu halten. Die Lehre vom Hebel lernt man im achtzehnten Jahre auf höheren Schulen; es gibt aber sicherlich keinen zwölfjährigen Bauernknaben, der mit einem Hebel nicht besser umzugehen wüßte, als der erste Mechaniker der Akademie. Was die Schüler auf dem Hofe des Gymnasiums von einander selbst lernen, ist ihnen hundertmal nützlicher als Alles, was man ihnen je im dumpfen Schulzimmer beibringen wird.

Betrachtet nur eine Katze, wenn sie zum ersten Male in ein Zimmer kommt. Sie untersucht, schaut umher, beriecht Alles, überläßt sich keinen Augenblick der Ruhe, traut keinem Dinge, bis sie Alles geprüft, Alles erforscht hat. Eben so benimmt sich ein Kind, wenn es zu gehen anfängt und dadurch gleichsam in die Welt eintritt. Der ganze Unterschied besteht darin, daß sich das Kind wie die Katze außer dem Gesichtssinne, welcher Beiden gemeinsam ist, noch eines andern Sinnes zur genauen Beobachtung bedienen, das Erstere des Tastsinnes, mit welchem es die Natur ausstattete, Letztere dagegen des ihr verliehenen feinen Geruchsinnes. Diese Anlage ist es gerade, welche je nach ihrer guten oder schlechten Ausbildung die Kinder gewandt oder unbeholfen, schwerfällig oder behend, leichtsinnig oder überlegend macht.

Da also der Mensch mit seinen ersten natürlichen Bewegungen den Zweck verfolgt, sich mit seiner ganzen Umgebung zu messen, und an jedem Gegenstande, den er gewahrt, alle die sinnlichen Eigenschaften zu prüfen, die auf ihn Bezug haben können, so ist sein erstes Studium eine Art Experimentalphysik, welches lediglich seine eigene Erhaltung im Auge hat und von dem man ihn durch speculative Studien abzieht, bevor er noch seine Stellung hienieden erkannt hat. So lange noch seine zarten und geschmeidigen Organe im Stande sind, sich nach den Körpern zu richten, auf welche sie einwirken sollen, so lange noch seine klaren Sinne von Illusionen frei sind, ist es die rechte Zeit, beide in den ihnen eigenthümlichen Functionen zu üben; ist es die rechte Zeit, die sinnlich wahrnehmbaren Beziehungen, in welchen die Körperwelt zu uns steht, kennen zu lernen. Da Alles, was in den menschlichen Verstand eindringt, durch die Sinne in ihn gelangt, so ist der erste Verstand des Menschen ein sinnlicher Verstand. Unsere ersten Lehrer der Philosophie sind unsere Füße, unsere Hände, unsere Augen. An Stelle derselben Bücher setzen, heißt nicht, uns vernünftig urtheilen lehren, es heißt vielmehr uns anhalten, uns auf den Verstand Anderer zu verlassen, heißt uns anleiten, viel zu glauben und nie etwas zu wissen.

Um eine Kunst zu üben, muß man damit anfangen, daß man sich die dazu nöthigen Werkzeuge anschafft, und um diese Werkzeuge nützlich anwenden zu können, muß man sie so haltbar machen, daß sie beim Gebrauche nicht zerbrechen. Um denken zu lernen, müssen wir folglich unsere Glieder, unsere Sinne, unsere Organe üben, welche die Werkzeuge unseres Verstandes sind, und um aus diesen Werkzeugen den größtmöglichen Vortheil zu ziehen, muß der Körper, der sie zur Verfügung stellt, kräftig und gesund sein. Weit entfernt also, daß sich der wahre Verstand des Menschen unabhängig vom Körper entwickelt, macht gerade erst die gute Constitution des Körpers die Operationen des Geistes leicht und sicher.

Indem ich mich nachzuweisen bemühe, wozu man die lange Muße der Kindheit anwenden soll, lasse ich mich auf Einzelheiten ein, die vielleicht lächerlich erscheinen werden. Ein seltsamer Unterricht, wird man mir einwenden, der sich nach deiner eigenen Kritik darauf beschränkt, das zu lehren, was Niemand erst zu lernen braucht! Weshalb die Zeit mit Belehrungen verschwenden, die doch regelmäßig von selbst kommen und weder Mühe noch Sorgfalt verlangen? Welches zwölfjährige Kind weiß nicht alles das, worin du das deinige unterrichten willst, und außerdem noch das, was es dem Unterrichte seiner Lehrer zu verdanken hat?

Sie irren sich, meine Herren! Ich lehre meinen Zögling eine sehr zeitraubende und schwierige Kunst, die den ihrigen sicherlich fremd ist, nämlich die Kunst nichts zu wissen, denn der Wissensschatz desjenigen, der nur das zu wissen glaubt, was er wirklich weiß, beschränkt sich auf gar wenige Gegenstände. Sie behaupten, Wissenschaft mitzutheilen. Ich will mir das gefallen lassen. Ich dagegen beschäftige mich nur mit dem zur Erwerbung derselben geeigneten Werkzeuge. Man erzählt sich, daß, als die Venetianer einem spanischen Gesandten einst ihren Schatz von Sanct Marcus unter Entfaltung einer großen Pracht zeigten, sich dieser jedes Beifallswortes enthielt, statt dessen unter den Tisch blickte und zu ihnen äußerte: » Qui non c'é la radice.« (Hier ist aber seine Wurzel nicht.) So oft ich einen Lehrer sehe, der seinen Schüler sein geringes Wissen auskramen läßt, vermag ich kaum der Versuchung zu widerstehen, ihm dasselbe zuzurufen.

Alle diejenigen, welche über die Lebensweise der Alten nachgedacht haben, schreiben ihren gymnastischen Uebungen jene körperliche und geistige Gewandtheit zu, durch welche sie sich vor der heutigen Menschheit so sichtlich auszeichnen. Die Art und Weise, wie Montaigne diese Ansicht unterstützt, beweist, in wie hohem Grade er von ihrer Wahrheit erfüllt war; unaufhörlich und auf tausenderlei Weise kommt er darauf zurück. Bei Besprechung der Erziehung eines Kindes sagt er: »Um seinen Geist zu kräftigen, muß man seine Muskeln stärken. Durch Gewöhnung an die Arbeit gewöhnt man es an den Schmerz; man muß es mit den ermüdenden Anstrengungen der Leibesübungen vertraut machen, um es gegen die Schmerzen der Verrenkungen, der Kolik und aller sonstigen Leiden abzuhärten.« Der weise Locke, der treffliche Rollin, der gelehrte Fleury, der pedantische de Croupas stimmen Alle, wie verschiedenen Grundsätzen sie auch im Uebrigen huldigen, doch in diesem einen Punkte überein, daß die körperliche Ausbildung der Kinder unter keinen Umständen vernachlässigt werden darf. Dies ist die verständigste ihrer Vorschriften, und trotzdem diejenige, welche am meisten übersehen wird und immer übersehen werden wird. Ueber ihre Wichtigkeit habe ich mich schon zur Genüge ausgesprochen, und da man darüber keine bessern Gründe und keine verständigern Regeln geben kann, als die Locke in seinem erwähnten Buche aufführt, so begnüge ich mich, auf dasselbe zu verweisen, während ich mir gleichzeitig die Freiheit nehme, seinen Beobachtungen noch einige eigene hinzuzufügen.

Die Glieder eines noch im Wachsthume begriffenen Körpers dürfen nur von bequemen und weiten Kleidungsstücken bedeckt sein; nichts darf ihre Bewegung und ihr Wachsthum stören; nichts darf zu eng sein, nichts zu fest an den Körper anschließen, nichts durch Binden znsammengepreßt werden. Ist die französische Kleidung schon für Erwachsene unbequem und ungesund, so ist sie für Kinder geradezu verderblich. Die stockenden und in ihrer Circulation gehemmten Säfte bleiben fast stehen, was vor allen Dingen bei einer unthätigen und sitzenden Lebensweise die größten Leiden hervorruft, ja sie verderben und erzeugen den Scorbut, eine Krankheit, die unter uns von Tage zu Tage häufiger auftritt, während sie den Alten fast ganz unbekannt war, da ihre Art sich zu kleiden und zu leben sie dagegen schützte. Die jetzt so häufige Husarenkleidung hilft diesem Uebelstande nicht ab, sondern vermehrt ihn eher; dafür daß sie den Kindern einige Bänder erspart, schnürt sie ihnen den ganzen Körper zusammen. Am meisten empfiehlt sich, sie so lange als möglich in einem Kinderröckchen gehen zu lassen, ihnen alsdann recht weite Kleidungsstücke zu geben und nicht darauf auszugehen, ihren schlanken Wuchs bemerkbar zu machen, was nur zu ihrer Entstellung beiträgt. Ihre leiblichen wie geistigen Mängel wurzeln fast alle in einer und derselben Ursache: man will sie vor der Zeit zu Erwachsenen machen.

Es gibt heitere Farben und düstere Farben; erstere sagen dem Geschmack der Kinder mehr zu; sie stehen ihnen auch besser, und ich sehe nicht ein, weshalb man einen so natürlichen Zug nicht beachten sollte. Allein von dem Augenblicke an, wo sie einem Stoffe nur um deswillen den Vorzug geben, weil er reicher ist, haben sich ihre Herzen schon dem Luxus und allen Launen eingesogener Vorurtheile ergeben, und dieser Geschmack hat sich sicherlich nicht in ihnen selbst gebildet. Man darf wahrlich den Einfluß nicht unterschätzen, welchen die Wahl der Kleider und die Motive zu dieser Wahl auf die Erziehung ausüben. Nicht nur versprechen blinde Mütter ihren Kindern allerlei Putzsachen als Belohnung, sondern man hört sogar, wie unverständige Erzieher ihren Zöglingen mit einem groben und einfachen Gewande wie mit einer Strafe drohen: »Wenn du nicht besser lernst, wenn du deine Kleidungsstücke nicht besser schonst, wird man dich wie jenen kleinen Bauerburschen anziehen.« Das ist eben so viel, als ob man ihnen sagte: »Wisse, daß der Mensch nur durch seine Kleider etwas gilt, und daß dein Werth von den deinigen abhängig ist.« Darf man dann in Erstaunen gerathen, wenn solche weise Lehren bei der Jugend einen dankbaren Boden finden, wenn in ihren Augen nur der Putz Werth verleiht, und sie das Verdienst nur nach dem Aeußeren beurtheilen?

Wenn ich einem in dieser Hinsicht verdorbenen Kinde den Kopf wieder zurecht zu setzen hätte, so würde ich dafür Sorge tragen, daß seine reichsten Kleider zugleich die unbequemsten wären, und daß es sich in denselben stets beengt, eingezwängt und auf tausenderlei Weise behindert fühlte. Ich würde es so einrichten, daß Freiheit und Frohsinn vor seiner äußeren Pracht fliehen müßten. Wollte es sich in die Spiele anderer, einfacher gekleideter Kinder mischen, müßte Alles aufhören, Alles sofort verschwinden. Kurz ich würde es so langweilen, ihm seinen Putz so verekeln, es in so hohem Grade zum Sklaven seines goldbetreßten Rockes machen, daß ihm derselbe wie eine Geißel seines Lebens erschiene und daß es das dunkelste Gefängniß mit weniger Schrecken als seinen glänzenden Putz erblicken sollte. So lange wir dem Kinde unsere Vorurtheile noch nicht eingeimpft haben, besteht sein Hauptwunsch stets darin, unbehindert und frei zu sein. Die einfachste, die bequemste Bekleidung, eine solche, die es am wenigsten beengt, hat in seinen Augen dann stets den Vorzug.

Der Körper läßt sich an Bewegung und noch mehr an Unthätigkeit gewöhnen. Bei letzterer Gewöhnung, die eine gleichmäßige und einförmige Circulation der Säfte gestattet, muß man den Körper vor ungünstiger Witterung bewahren; bei ersterer hingegen, die einen fortwährenden Uebergang von Bewegung zur Ruhe und von Hitze zur Kälte bedingt, muß man ihn gegen alle Witterungsverhältnisse abhärten. Daraus folgt, daß sich alle durch ihre Geschäfte an das Zimmer gefesselten und zu einer sitzenden Lebensweise verurtheilten Leute jederzeit warm kleiden müssen, um den Körper in einer in allen Jahreszeiten und in allen Tagesstunden fast gleichmäßigen Temperatur zu erhalten. Solche Leute dagegen, die in Wind und Wetter, in Regen und Sonnenschein gehen und kommen, in unausgesetzter Bewegung sind und den größten Theil ihrer Zeit unter freiem Himmel zubringen, müssen stets leicht gekleidet sein, um sich ohne Nachtheil an jeden Temperaturwechsel und an alle Wärmegrade zu gewöhnen. Ich würde den Einen wie den Anderen rathen, nicht besondere Kleider für die verschiedenen Jahreszeiten zu tragen. Bei meinem Emil werde ich wenigstens streng nach diesem Grundsatze verfahren. Damit will ich jedoch nicht gesagt haben, daß er wie die Stubenhocker im Sommer seine Winterkleider, sondern vielmehr, daß er wie die ächten Arbeitsleute im Winter seine Sommerkleider tragen soll. So kleidete sich Newton während seines ganzen Lebens und hat es dabei auf ein Alter von achtzig Jahren gebracht.

Eine dünne oder noch besser gar keine Kopfbedeckung in jeder Jahreszeit! Den alten Aegyptern war eine Kopfbedeckung völlig fremd; die Perser bedeckten ihr Haupt mit schweren Tiaren und bedecken es noch jetzt mit dicken Turbanen, welche Sitte nach Chardin das Klima des Landes unumgänglich nöthig macht. An einer anderen Stelle Brief an Herrn d'Alembert über die Schauspiele. habe ich auf den Unterschied aufmerksam gemacht, welchen Herodot auf einem Schlachtfelde zwischen den Schädeln der Perser und denen der Aegypter herausfand. Da also viel davon abhängt, daß die Knochen des Kopfes härter, fester, weniger zerbrechlich und porös werden, um das Gehirn nicht allein gegen Verletzungen, sondern auch gegen Erkältung, Entzündung und alle Einwirkungen der Witterung zu schützen, so gewöhnt eure Kinder daran, Sommer und Winter, Tag und Nacht stets in bloßem Kopfe zu bleiben. Wollt ihr ihnen jedoch der Reinlichkeit wegen und um ihre Haare in Ordnung zu halten während der Nacht eine Kopfbedeckung geben, so darf dieselbe nur in einer dünnen, feinen Mütze bestehen, ähnlich dem Netze, welches die Basken um ihre Haare schlingen. Ich bin mir wohl bewußt, daß bei der Mehrzahl der Mütter Chardin's Beobachtungen mehr Anklang als meine Gründe finden und sie deshalb auch glauben werden, überall persisches Klima zu entdecken, ich habe aber nicht deshalb einen Europäer zu meinem Zöglinge gewählt, um einen Asiaten aus ihm zu bilden.

Im Allgemeinen kleidet man die Kinder zu warm, besonders im frühesten Lebensalter. Es wäre besser, sie gegen die Kälte als gegen die Wärme abzuhärten. In Folge großer Kälte werden sie nie erkranken, wenn man sie derselben nur von früh auf aussetzt, während sie die jedes richtige Maß überschreitende Wärme unvermeidlich erschöpfen muß, da das noch allzu zarte und lockere Hautgewebe der Ausdünstung einen zu freien Durchgang gestattet. Deswegen sterben auch, wie man beobachtet hat, im August mehr Kinder als in jedem anderen Monat. Uebrigens geht aus einer Vergleichung der nordischen Völker mit denen des Südens unzweifelhaft hervor, daß das Ertragen heftiger Kälte ungleich mehr kräftigt als das Ertragen großer Hitze. Je mehr das Kind aber heranwächst und je stärker seine Fibern werden, desto mehr müßt ihr es auch nach und nach daran gewöhnen, den Strahlen der Sonne zu trotzen. Geht ihr dabei stufenweise zu Werke, so werdet ihr es ohne Gefahr selbst gegen die tropische Hitze abzuhärten vermögen.

Locke verfällt inmitten der männlichen und verständigen Vorschriften, die er uns ertheilt, in Widersprüche, die man von einem so überlegenden Denker nicht erwarten sollte. Derselbe Mann, welcher den Wunsch ausspricht, daß sich die Kinder im Sommer in eiskaltem Wasser baden mögen, verbietet ihnen, etwas Kaltes zu trinken, wenn sie erhitzt sind, oder sich an nassen Stellen auf den Boden zu legen. Als ob die Bauernkinder sich zum Setzen oder Hinlegen auch stets trockene Stellen aussuchten, und als ob man je gehört hätte, daß die Feuchtigkeit des Bodens einem von ihnen geschadet hätte! Hört man die Aerzte darüber reden, so sollte man freilich die Wilden sämmtlich für mit Rheumatismus behaftet halten.

Gleichzeitig verlangt er auch, daß ihre Schuhe zu allen Seiten Wasser durchlassen sollen; wird das nicht ebenfalls geschehen, wenn das Kind erhitzt ist? Und kann man nicht von den Füßen dieselben Schlüsse auf den Körper ziehen, die er von den Händen auf die Füße und von dem Gesichte auf den Körper zieht? Wenn du verlangst, würde ich ihm entgegnen, daß der Mensch ganz Gesicht sei, weshalb willst du mich tadeln, wenn ich verlange, daß er ganz Fuß sein soll.

Um die Kinder vom Trinken abzuhalten, sollen wir sie nach seinem Rathe daran gewöhnen, vor allen Dingen ein Stück Brod vor dem Trinken zu essen. Es ist doch in der That sehr befremdend, daß er einem durstigen Kinde zu essen geben will. Mit demselben Rechte könnte ich einem hungrigen Kinde zu trinken geben. Niemals wird man mich davon zu überzeugen vermögen, daß unsere ersten Bedürfnisse so regellos seien, daß man sie nicht befriedigen könnte, ohne sich einer Todesgefahr auszusetzen. Verhielte dies sich wirklich so, dann wäre das Menschengeschlecht hundertmal zu Grunde gegangen, ehe es gelernt hätte, was zu seiner Erhaltung erforderlich wäre.

So oft Emil Durst haben wird, soll man ihm zu trinken reichen. Man soll ihm reines Wasser geben, und zwar ohne alle Zubereitung, ja sogar ohne es erst verschlagen zu lassen, und wenn er über und über schwitzte, und wenn es mitten im Winter wäre. Nur in Bezug auf die Beschaffenheit des Wassers werde ich die höchste Sorgfalt anempfehlen. Flußwasser gebe man ihm sofort, wie es aus dem Flusse kommt; Quellwasser muß man aber erst einige Zeit an der Luft stehen lassen, ehe er dasselbe trinken darf. In der warmen Jahreszeit sind auch die Flüsse warm; anders verhält es sich mit den Quellen, die nicht mit der Luft in Berührung gestanden haben. Man muß deshalb so lange warten, bis das Wasser die Temperatur der Luft erreicht hat. Im Winter ist hingegen das Quellwasser in dieser Beziehung weniger gefährlich als das Flußwasser. Indeß ist es weder natürlich, noch ereignet es sich häufig, daß man im Winter, namentlich im Freien, in Schweiß geräth. Denn die kalte Luft, welche die Haut unaufhörlich berührt, treibt den Schweiß nach Innen zurück und verhindert die Poren sich weit genug zu öffnen, um ihm einen freien Durchgang zu gestatten. Nun liegt es durchaus nicht in meiner Absicht, daß Emil im Winter seine Kräfte beim warmen Kaminfeuer übe; sondern draußen, auf freiem Felde, mitten unter Eis und Schnee soll er sich Bewegung machen. So lange er sich nur durch Schneeballen erhitzt, mag er trinken, sobald er Durst empfindet; nachdem er getrunken hat, soll er nur fortfahren, sich zu bewegen, und man braucht dann keinen Nachtheil zu besorgen. Auch wenn er in Folge einer anderen Anstrengung in Schweiß geräth und Durst empfindet, trinke er selbst in dieser Jahreszeit kalt. Nur sorge man dafür, daß er sich sein Wasser selbst und zwar langsamen Schrittes aus einiger Entfernung holen muß. Durch die voraussichtliche Kälte wird er, wenn er beim Wasser ankommt, hinreichend abgekühlt sein, um es ohne Gefahr trinken zu können. Die Hauptsache aber bleibt, daß man diese Vorsichtsmaßregel trifft, ohne daß er etwas davon merkt. Ich wünschte lieber, daß er bisweilen krank wäre, als daß er fortwährend auf seine Gesundheit Acht gäbe.

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