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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Dennoch wirst du finden, daß es ihm an Geist nicht fehlt. Freilich besitzt er nur so viel, um in dem Tone, von dem ich bereits oben geredet habe, mit den Frauen zu schwatzen. Kommt er aber einmal in die Lage, mit seiner eigenen Person eintreten zu müssen, in einer schwierigen Angelegenheit Partei zu ergreifen, so wirst du ihn hundertmal beschränkter und alberner finden, als den Sohn des gröbsten Bauern.

Mein Zögling dagegen, oder vielmehr der der Natur, der schon frühzeitig angehalten ist, sich so viel als möglich selbst zu genügen, ist nicht daran gewöhnt worden, zu Anderen seine Zuflucht zu nehmen, noch weniger vor ihnen sein großes Wissen auszukramen. Dafür beweist er aber Urtheil, Vorsicht und Ueberlegung bei Allem, was sich unmittelbar auf ihn bezieht. Er schwatzt nicht, sondern handelt; er weiß kein Wort von dem, was in der Welt vorgeht, versteht aber das, was ihm dienlich ist, gar wohl zu thun. Da er in beständiger Bewegung ist, so sieht er sich genöthigt, vielerlei zu beobachten und viele Wirkungen kennen zu lernen. Er erwirbt sich frühzeitig eine große Erfahrung; er erhält seinen Unterricht von der Natur und nicht von Menschen; er unterrichtet sich um so lieber, da er nirgends die Absicht gewahrt, ihn unterrichten zu wollen. So wird sein Körper und sein Geist gleichzeitig geübt. Da er stets seinem eigenen Sinne und nicht dem Anderer folgt, so geht die körperliche wie geistige Anstrengung beständig Hand in Hand. Je stärker und kräftiger er wird, desto verständiger und urteilsfähiger wird er. Das ist der richtige Weg, dereinst das zu besitzen, was man für unvereinbar hält, und was dennoch fast alle große Männer gleichmäßig besessen haben, nämlich Kraft des Körpers und der Seele, die Vernunft eines Weisen und die Stärke eines Athleten.

Junger Erzieher, ich predige dir eine schwierige Kunst; du sollst lernen ohne Vorschriften die Erziehung zu leiten, und deine Aufgabe durch Nichtsthun zu erfüllen. Ich gebe zu, daß diese Kunst für dein Alter Schwierigkeiten hat; sie ist nicht geeignet, deine Talente von vorn herein glänzen zu lassen, noch dir bei den Vätern ein großes Ansehen zu verschaffen, aber sie ist die einzige zum Ziele zu gelangen. Nie wirst du im Stande sein, Weise zu bilden, wenn du sie nicht vorher in ihrer natürlichen Wildheit hast aufwachsen lassen. Dieser Erziehung huldigten die Spartaner. Anstatt die Kinder an die Bücher zu fesseln, hielt man sie zuerst an, ihr Essen zu stehlen. Waren deswegen etwa die Spartaner, wenn sie erwachsen waren, geistig unbefähigt? Wer kennt nicht die Kraft und das Salz ihrer Erwiderungen? Zu allen Zeiten für die Erringung des Sieges herangebildet, vernichteten sie ihre Feinde in jeder Art der Kriegsführung, und die redseligen Athener fürchteten ihre schlagfertigen Worte nicht weniger als ihre Hiebe.

Bei der mit so großer Sorgfalt geleiteten Erziehung befiehlt der Lehrer und meint deshalb zu herrschen; in der That herrscht aber das Kind. Es bedient sich der Zumuthungen, die du an dasselbe stellst, um von dir das zu erlangen, was ihm gefällig ist, und läßt dich stets eine Stunde Fleiß mit acht Tagen Nachgibigkeit bezahlen. Jeden Augenblick mußt du mit ihm einen Vertrag eingehen. Diese Verträge, die du nach deiner Weise vorschlägst, und die es nach der seinigen ausführt, wenden sich stets zu Gunsten seiner Launen, besonders wenn man sich die Ungeschicklichkeit zu Schulden kommen läßt, zu seinem Vortheile das als Bedingung aufzustellen, was es zu erlangen sicher ist, möge es nun die Bedingung, welche man ihm dafür auferlegt, erfüllen oder nicht. Gemeiniglich liest das Kind weit besser in der Seele des Lehrers, als der Lehrer in dem Herzen des Kindes. Und das muß so sein; denn allen Scharfsinn, welchen das sich selbst überlassene Kind zur Erhaltung seiner Person angewendet hätte, bietet es nun auf, seine Freiheit aus den Banden seines Tyrannen zu retten, während es für diesen, der kein so dringendes Interesse hat, das Kind zu durchschauen, oft vorteilhafter ist, es aus seiner Faulheit oder Eitelkeit nicht aufzurütteln.

Schlage mit deinem Zöglinge den entgegengesetzten Weg ein; möge er immerhin glauben, der Herr zu sein, wenn du es nur stets in der That bist. Keine andere Unterwürfigkeit ist so vollkommen, als diejenige, welche den Schein der Freiheit bewahrt; dadurch nimmt man den Willen selbst gefangen. Steht das arme Kind, welches nichts weiß, nichts kann, nichts kennt, nicht völlig in deiner Gewalt? Verfügst du nicht vermöge des Verhältnisses, in welches du zu ihm getreten bist, über seine ganze Umgebung? Hängt es nicht von dir ab, in jeder Weise auf dasselbe bestimmend einzuwirken? Liegen nicht seine Arbeiten, seine Spiele, seine Vergnügungen, seine Strafen ohne sein Wissen sämmtlich in deinen Händen? Allerdings soll es nur thun, was es selbst will; aber es darf nur das wollen, was mit deinem Willen übereinstimmt; es darf nicht einen einzigen Schritt thun, den du nicht vorausgesehen hast; es darf den Mund nicht öffnen, ohne daß du weißt, was es sagen will.

Alsdann wird es die körperlichen Uebungen, welche sein Alter erfordert, betreiben können, ohne daß sein Geist darunter leidet; alsdann wirst du sehen, wie es nicht seine Schlauheit darauf richtet, sich einer unbequemen Herrschaft zu entziehen, sondern wie es sich vielmehr ausschließlich damit beschäftigt, aus seiner ganzen Umgebung den größten Vortheil für sein augenblickliches Wohlsein zu ziehen; alsdann wirst du dich über die Feinheit seiner Erfindungsgabe wundern, mit der es sich alle ihm erreichbaren Gegenstände anzueignen und sich von ihnen einen wahrhaften Genuß zu verschaffen sucht, ohne erst der Beihilfe seiner Phantasie zu bedürfen.

Dadurch, daß du ihm auf diese Weise seinen freien Willen lässest, nährst du seine Launenhaftigkeit keineswegs. Da es nur das thut, was ihm dienlich ist, wird es bald auch nur das thun, was es thun soll, und obgleich sich sein Körper in fortwährender Bewegung befindet, so wirst du doch da, wo es sich um sein augenblickliches und fühlbares Interesse handelt, sich die ganze Vernunft, deren es fähig ist, viel besser und auf eine ihm weit entsprechendere Weise entfalten sehen, als bei reinen Verstandesübungen.

Da es folglich nie sieht, daß du darauf ausgehst, ihm entgegenzutreten, da es kein Mißtrauen in dich setzt und dir nichts zu verbergen hat, so wird es dich auch nicht hintergehen und belügen; es wird sich ohne Bedenken so zeigen, wie es ist. Du wirst es ganz nach deinem Gefallen studieren und die Lehren, die du ihm geben willst, in volle Uebereinstimmung mit seiner ganzen Umgebung setzen können, ohne daß es auf den Gedanken kommt, man wolle es belehren.

Eben so wenig wird es ihm einfallen, deine Sitten mit neugieriger Mißgunst auszuspähen, noch wird es sich ein heimliches Vergnügen daraus machen, dich auf einem Fehler zu ertappen. Der Uebelstand, dem wir dadurch vorbeugen, ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Eine der ersten Bemühungen der Kinder ist, wie schon gesagt, darauf gerichtet, die Schwächen ihrer Erzieher zu entdecken. Diese Neigung führt zur Bosheit und hat nicht etwa ihre Quelle in derselben; sie entspringt vielmehr dem Bedürfnisse, sich einer Autorität zu entziehen, die ihnen lästig fällt. Der schwere Druck des Joches, welches man ihnen auflegt, flößt ihnen den Wunsch ein, dasselbe abzuschütteln, und die Fehler, die sie an ihren Lehrern finden, verschaffen ihnen dazu die besten Mittel. Hierdurch entsteht nun bei ihnen die leidige Gewohnheit, die Menschen um ihrer Fehler willen zu beobachten, und am Auffinden derselben ihre Lust zu haben. Es liegt auf der Hand, daß dadurch wieder eine Quelle des Lasters in Emil's Herzen verstopft wird. Da er kein Interesse daran hat, Fehler an mir zu entdecken, so wird er sich auch nicht versucht fühlen sie an mir, und noch weniger an Andern aufzufinden.

Diese vorgeschlagene Methode scheint schwierig, weil man ihr zu wenig Aufmerksamkeit schenkt; aber sie sollte es im Grunde nicht sein. Mit Recht darf man bei euch die Einsichten voraussetzen, welche euch befähigen, den von euch erwählten Beruf auszuüben; man darf annehmen, daß ihr mit dem natürlichen Entwickelungsgange des menschlichen Herzens vertraut seid und daß ihr nicht nur den menschlichen Charakter im Allgemeinen, sondern auch den jedes einzelnen Menschen zu erforschen vermögt, daß ihr im Voraus wißt, worauf sich der Wunsch eures Zöglings richten werde, sobald ihr ihm alle die Gegenstände vor Augen vorüberführt, welche seinem Alter Interesse darbieten. Macht uns nun aber der Besitz der Werkzeuge und die Kenntniß ihres Gebrauches nicht zu Herren des Erfolges?

Ihr beruft euch zur Begründung eures Einwandes auf den Eigensinn der Kinder; allein mit Unrecht. Der Eigensinn der Kinder ist niemals eine Mitgift der Natur, sondern das Ergebniß einer schlechten Zucht. Die Ursache liegt in ihrer Gewohnheit zu gehorchen oder zu befehlen, und ich habe schon hundertmal gesagt, daß sie weder das Eine noch das Andere thun dürfen. Den Eigensinn habt ihr also eurem Zöglinge lediglich selbst beigebracht, und es ist also ganz recht, daß ihr die Strafe eurer Fehler tragt. Aber, werdet ihr sagen, wie läßt sich diesem Uebel abhelfen? Bei besserer Leitung und vieler Geduld ist es noch möglich.

Ich hatte einst in Stellvertretung einige Wochen lang die Erziehung eines Kindes übernommen, welches nicht nur gewohnt war beständig seinen Willen durchzusetzen, sondern auch seine ganze Umgebung zwang, sich demselben zu fügen, und das folglich voller Grillen und Launen war. Das Kind war der Sohn der Frau Dupin. Vergl. die »Bekenntnisse«, 7. Buch. Anmerkung des Herrn Petitain.

Gleich am ersten Tage wollte es, um meine Nachgibigkeit auf die Probe zu stellen, um Mitternacht aufstehen. Während ich ruhig im tiefsten Schlafe liege, springt es aus seinem Bette, zieht seinen Schlafrock an und ruft mich. Ich stehe auf und zünde Licht an. Weiter wünschte es nichts. Nach einer Viertelstunde stellt sich der Schlaf wieder bei ihm ein und es legt sich, mit dem Resultate der angestellten Probe zufrieden, wieder hin. Zwei Tage darauf wiederholt es dieselbe mit dem gleichen Erfolge und ohne das geringste Zeichen von Ungeduld meinerseits. Als es mich aber, bevor es sich wieder niederlegte, umarmte, sagte ich ganz trocken zu ihm: »Mein lieber Freund, das ist zwar recht schön, versuche es jedoch nicht noch einmal.« Diese Warnung erregte seine Neugier, und schon am nächsten Tage verspürte es wahrscheinlich Lust zu sehen, ob ich es wol wagen würde, mich seinem Willen zu widersetzen, und unterließ deshalb nicht, wieder um die nämliche Stunde aufzustehen und mich zu rufen. Ich fragte, was es wünschte. Es schützte vor, nicht schlafen zu können. »Das ist schlimm!« versetzte ich und verhielt mich darauf ganz ruhig. Es bat mich Licht anzuzünden. »Weshalb?« entgegnete ich und beobachtete wieder Schweigen. Der lakonische Ton meiner Antworten begann es in Verlegenheit zu setzen. Es tappte im Finstern nach dem Feuerstahl umher und machte einige ungeschickte Versuche, Feuer anzuschlagen. Ich konnte mich des Lachens nicht erwehren, als ich hörte, wie es sich dabei auf die Finger schlug. Als es sich endlich überzeugt haben mochte, daß es nicht zum Ziele kommen würde, brachte es mir den Feuerstahl an das Bett. Ich sagte ihm jedoch, es sollte mich in Ruhe lassen und drehte mich auf die andere Seite. Nun fing es an, wie unsinnig im Schlafzimmer auf und ab zu laufen, wobei es schrie, sang, Lärm machte und Tischen und Stühlen Stöße versetzte, allein sorgfältig bemüht war, sich nicht wehe zu thun, obgleich es nicht unterließ, bei jedem laut aufzuschreien, da es sich wol der Hoffnung hingeben mochte, mich dadurch zu beunruhigen. Aber alles dies war vergeblich, und ich begriff recht wohl, daß es sich gerade deshalb, weil es auf schöne Ermahnungen oder auf Zornausbrüche gerechnet hatte, in meine Kaltblütigkeit nicht finden konnte.

Indeß entschlossen, meine Geduld durch Halsstarrigkeit zu überwinden, setzte es seinen Lärm mit solchem Erfolge fort, daß ich endlich doch in Harnisch gerieth. Da mir mein Gefühl jedoch sagte, daß ich durch Jähzorn und Hitze Alles verderben würde, schlug ich einen anderen Weg ein. Ich stand ohne ein Wort zu sagen auf, suchte den Feuerstahl und fand ihn nicht. Ich frage meinen Zögling danach und er gibt ihn mir mit unverkennbarer Freude, endlich über mich triumphirt zu haben. Ich schlage Feuer, zünde das Licht an, nehme den kleinen Trotzkopf an der Hand und führe ihn ruhig in eine Nebenkammer, deren Fensterladen fest verschlossen waren und in welcher sich keine zerbrechlichen Gegenstände befanden. Hier lasse ich ihn ohne Licht, verschließe die Thüre und gehe, ohne ihm ein einziges Wort zu sagen, wieder zu Bett. Man braucht nicht erst zu fragen, ob ein tüchtiger Lärm losbrach; darauf hatte ich mich gefaßt gemacht und ließ mich deshalb auch dadurch nicht aus meiner Ruhe bringen. Endlich legt sich der Lärm; ich lausche und höre, wie er sich in das Unvermeidliche findet. Das gibt auch mir meine volle Ruhe wieder. Am andern Morgen trete ich schon bei Tagesanbruch in seine Kammer ein und finde meinen kleinen Eigensinn auf einem Ruhebette liegend in tiefsten Schlummer versenkt, der für ihn nach den aufregenden Anstrengungen gewiß ein großes Bedürfniß war.

Damit war die Sache freilich noch nicht abgethan. Die Mutter erfuhr, daß ihr Kind zwei Drittel der Nacht außer seinem Bette zugebracht hätte. Nun war Alles verloren; in ihren Augen war das Kind schon so gut wie todt. Da diesem die Gelegenheit günstig schien, sich zu rächen, so stellte es sich krank, ohne vorauszusehen, daß es dabei nichts gewinnen würde. Der Arzt wurde gerufen. Zum Unglück für die Mutter war derselbe ein loser Schelm, der, um mit ihrer Angst seinen Scherz zu treiben, Alles aufbot, sie zu vermehren. Mir flüsterte er jedoch ins Ohr: »Lassen Sie mich nur machen; ich verspreche Ihnen, daß das Kind auf lange Zeit von seiner Lust den Kranken zu spielen geheilt werden soll.« In der That wurde nun eine strenge Diät und sorgfältiges Hüten des Zimmers angeordnet und dem Apotheker ein reicher Verdienst zugewendet. Mit Seufzen sah ich, wie diese arme Mutter, mich allein ausgenommen, von ihrer ganzen Umgebung getäuscht wurde, und wie sie mich gerade um deswillen mit ihrem Hasse verfolgte, weil ich mich nicht dazu verstehen konnte, sie zu betrügen.

Nach ziemlich harten Vorwürfen erklärte sie mir, ihr Sohn wäre schwächlich und der einzige Erbe seiner Familie; man müßte ihn um jeden Preis zu erhalten suchen und es wäre deshalb ihr Wille, daß man ihm nicht entgegenträte. Darin war ich mit ihr nun völlig einverstanden, allein sie meinte unter dem »nicht entgegentreten«, daß man sich ihm in allen Beziehungen fügen sollte. Ich sah ein, daß ich gegen die Mutter denselben Ton wie gegen den Sohn anschlagen müßte. »Gnädige Frau,« sagte ich ziemlich kalt zu ihr, »ich verstehe mich nicht auf die Erziehung eines Erben, und was noch mehr ist, ich will es auch nicht lernen. Treffen Sie also danach Ihre Einrichtungen!« Man bedurfte meiner noch einige Zeit, der Vater schlug sich ins Mittel, die Mutter schrieb an den Lehrer, er möchte seine Rückkehr beschleunigen, und das Kind faßte, da es zur Einsicht gekommen war, daß ihm weder die Störung meines Schlafes noch seine simulirte Krankheit einen Vortheil brächte, endlich den Entschluß, selbst zu schlafen und wieder gesund zu werden.

Man kann sich nicht vorstellen, mit wie vielen ähnlichen wunderlichen Einfällen der kleine Tyrann seinen unglücklichen Erzieher gequält und sich endlich völlig unterworfen hatte, denn die Erziehung geschah unter den Augen der Mutter, die eine Auflehnung gegen den Willen des Erben nicht gestattete. In welcher Stunde er auch immer auszugehen wünschte, stets mußte sein Erzieher bereit sein, ihn zu führen, oder vielmehr ihm zu folgen, und mit großer Umsicht wählte er regelmäßig den Augenblick, wo er diesen am meisten beschäftigt sah. Er wollte sich nun dieselbe Herrschaft über mich anmaßen und sich am Tage für die Ruhe rächen, welche er mir gezwungener Weise des Nachts gewähren mußte. Ich gab mich gutmüthig zu Allem her, und lieferte ihm zunächst den augenscheinlichen Beweis, welche Freude es mir bereitete, mich ihm gefällig erweisen zu können; als aber nachher die Frage, ihn von seinen Grillen zu heilen, an mich herantrat, schlug ich ganz andere Wege ein.

Zunächst mußte ich ihm sein Unrecht fühlbar machen, und das ließ sich unschwer erreichen. Da ich aus Erfahrung wußte, daß die Kinder stets nur das Gegenwärtige ins Auge fassen, so verschaffte mir meine Voraussicht leicht einen Vortheil über ihn. Ich selbst trug Sorge, daß ihm zu Hause ein Vergnügen bereitet wurde, welches seinem Geschmacke außerordentlich zusagte, und in dem Augenblicke, wo ich sah, daß er sich demselben mit voller Lust hingab, schlug ich ihm einen Spaziergang vor. Er weigerte sich mit aller Entschiedenheit; ich bestand darauf, aber er hörte gar nicht mehr auf mich; ich mußte nachgeben, und er merkte sich genau dieses Zeichen meiner Unterwerfung.

Am folgenden Tage kam nun die Reihe an mich. Diesmal hatte ich dafür gesorgt, daß er sich langweilen mußte, während ich äußerst beschäftigt schien. Das war mehr als genügend, ihn nach meinem Plane zu bestimmen. Er ermangelte nicht den Versuch zu machen, mich von meiner Arbeit loszureißen, damit ich sofort mit ihm spazieren gehen möchte. Ich weigerte mich; er bestand darauf. »Nein,« sagte ich zu ihm, »dadurch daß du mich zwangest, gestern deinem Willen nachzugeben, hast du mich auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, den meinigen zu behaupten; ich will nicht ausgehen.« »Nun gut!« erwiderte er lebhaft, »so werde ich ganz allein gehen.« »Wie du willst,« versetzte ich und nahm meine Arbeit wieder auf.

Er kleidet sich an, etwas beunruhigt zu sehen, daß ich es geschehen lasse, ohne eine Miene zu machen, mich gleichfalls anzuziehen. Endlich ist er fertig und kommt, von mir Abschied zu nehmen; ich empfehle mich ihm ebenfalls. Nun sucht er mir durch Beschreibung der Wege, die er einzuschlagen gedenke, Besorgniß einzuflößen. Nach seinen Worten hätte man glauben sollen, er wollte bis ans Ende der Welt laufen. Ohne mich zu rühren, wünsche ich ihm eine glückliche Reise. Seine Verlegenheit verdoppelt sich. Indeß zeigt er doch eine leidliche Fassung und befiehlt beim Weggehen seinem Diener, ihm zu folgen. Dieser, welchem seine Rolle schon vorgeschrieben ist, erwidert, er habe keine Zeit, er sei durch Arbeiten für mich in Anspruch genommen und müsse mir mehr gehorchen als ihm. Das war für den Knaben ein wahrhaft vernichtender Schlag. Es mußte ihm unbegreiflich erscheinen, daß man ihn allein gehen ließ, ihn, der sich in seinem Kreise für die wichtigste Persönlichkeit hielt und der Ansicht war, daß Himmel und Erde an seiner Erhaltung Antheil nähmen. Allmählich beginnt er zum Bewußtsein seiner Schwäche zu kommen; es beschleicht ihn die Ahnung, daß er sich inmitten von Leuten, die ihn nicht kennen, allein fühlen werde; er sieht die Gefahren voraus, welche er laufen wird. Nur der Trotz läßt ihn sein Unrecht nicht eingestehen. Langsam und sehr betroffen steigt er die Treppe hinab. Endlich tritt er auf die Straße hinaus, während er sich über das Schlimme, das ihm zustoßen kann, durch die Hoffnung tröstet, daß man mich dafür verantwortlich machen werde.

Darauf hatte ich gerechnet. Alles war schon im Voraus vorbereitet, und da es sich hierbei um eine Art öffentlichen Auftritts handelte, so hatte ich die Einwilligung des Vaters erbeten und erhalten. Kaum hatte er einige Schritte gethan, als er schon rechts und links allerlei Worte vernahm, die ihm galten. »Nachbar, sieh' den hübschen jungen Herrn, wo mag er so allein hingehen? Er wird sich verlaufen; ich werde ihn lieber einladen, bei uns einzutreten.« – »Nachbarin, seid wohl auf eurer Hut! Seht ihr nicht, daß es ein lockeres Bürschchen ist, welches man aus dem Hause seines Vaters gejagt hat, weil es nicht hat gut thun wollen? Taugenichtse muß man sich aufzunehmen hüten. Laßt ihn laufen, wohin er will!« – »Nun gut! Gott geleite ihn! Es würde mir doch leid thun, wenn ihm ein Unglück zustieße.« Ein wenig weiter trifft er auf Gassenjungen, die mit ihm in ungefähr gleichem Alter stehen, ihn necken und sich über ihn lustig machen. Je weiter er geht, in desto größere Verlegenheiten stürzt er. Er bemerkt, daß ihn, der allein und schutzlos dasteht, alle Welt zur Zielscheibe ihres Spottes macht, er erfährt zu seiner großen Ueberraschung, daß seine Achselschleife und seine goldenen Aermelaufschläge nicht hinreichen, ihn in allgemeine Achtung zu setzen.

Inzwischen folgte ihm einer meiner Freunde, welchen er nicht kannte und dem ich seine Überwachung anvertraut hatte, Schritt für Schritt, ohne daß er es gewahrte, und trat rechtzeitig an ihn heran. Diese Rolle, welche der des Gelegenheitsmachers Strigani in dem Molière'schen Lustspiele »Der Herr von Pourceaugnac« ähnlich war, erforderte einen Mann von Geist und wurde mit vollendeter Kunst durchgeführt. Ohne dem Kinde Furcht einzujagen und es dadurch einzuschüchtern, brachte er es doch zu so vollkommener Einsicht seines unbesonnenen Streiches, daß er es schon nach Verlauf einer halben Stunde folgsam und so beschämt zurückbrachte, daß es die Augen nicht aufzuschlagen wagte.

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