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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Eine Bestätigung der Nützlichkeit dieser Methode ergibt sich aus der weiteren Betrachtung der besonderen Geistesanlagen des Kindes, welche man entschieden kennen muß, um bestimmen zu können, welche moralische Überwachung und Führung ihm angemessen sei. Jeder Charakter hat seine eigenthümliche Haltungsweise, nach der er gelenkt werden muß, und es ist im Hinblick auf den glücklichen Erfolg der Mühe, die man aufwenden muß, von Wichtigkeit, daß er gerade in dieser und keiner andern Weise gelenkt werde. Als ein verständiger Mann mußt du deshalb lange Zeit die Natur belauschen, mußt deinen Zögling genau beobachten, bevor du das erste Wort zu ihm sprichst. Laß erst den Keim seines Charakters in voller Freiheit sichtbar werden, lege ihm nach keiner Richtung hin einen Zwang auf, damit du ihn von Grund aus kennen lernst. Denkst du etwa, diese Zeit der Freiheit sei für ihn verloren? Völlig im Gegentheil, so wird sie am besten angewandt werden, denn nur so wirst du lernen in einer weit kostbareren Zeit nicht einen einzigen Augenblick zu verlieren. Statt dessen wirst du, wenn du zu handeln beginnst, ehe du dir klar bist, was zu thun ist, dich blindlings vom Zufall leiten lassen; mancherlei Täuschungen ausgesetzt, wirst du stets von Neuem anfangen müssen und weiter vom Ziele entfernt sein, als wenn du gesucht hättest es mit weniger Eile zu erreichen. Handle deshalb nicht wie der Geizhals, der, weil er nichts verlieren will, Alles verliert. Bringe im frühesten Alter eine Zeit zum Opfer, welche du in einem vorgerückteren Alter mit Zinsen wiedergewinnen wirst. Ein verständiger Arzt gibt nicht gleich beim ersten Anblick des Kranken in unüberlegter Hast Arzneien, sondern er studirt erst die Natur desselben, bevor er ihm etwas verordnet. Er läßt sich mit der Behandlung Zeit, heilt ihn aber auch dafür, während der zu schnell einschreitende Arzt ihn tödtet.

Wohin in aller Welt sollen wir aber dies Kind versetzen, um es gleichsam als ein unempfindliches Wesen, als eine Art Automaten zu erziehen? Sollen wir es auf den Mond, auf eine wüste Insel bringen? Sollen wir es von allen menschlichen Wesen entfernt halten? Wird es in der Welt nicht unausgesetzt den Anblick und das Beispiel der Leidenschaften Anderer vor Augen haben? Wird es niemals andere Kinder seines Alters sehen? Wird es nicht seine Eltern, seine Amme, seine Wärterin, seinen Diener, vor Allem seinen Erzieher sehen, der doch schließlich auch kein Engel sein wird?

Dieser Einwurf ist nicht zu unterschätzen. Habe ich euch denn aber gesagt, daß eine natürliche Erziehung ein so leichtes Unternehmen sei? O ihr Menschen, liegt die Schuld denn etwa an mir, wenn ihr Allem, was an sich gut ist, Schwierigkeiten hinzugefügt habt? Ich kenne dieselben wohl, ich gebe sie zu; vielleicht sind sie unübersteiglich; aber so viel steht doch immer fest, daß man bei dem ernsten Streben, sie zu überwinden, sie auch in der That bis zu einem gewissen Punkte besiegt. Ich zeige nur das Ziel, das man sich stellen muß, ich behaupte nicht, daß derjenige, welcher ihm am nächsten kommt, das glücklichste Resultat erzielt hat. Fenelon hat in seiner Abhandlung über die Erziehung der Töchter sich dahin geäußert: »Wenn man ein Werk in der Absicht schreibt, eine bessere Erziehung anzubahnen, so geschieht es natürlich nicht, um wieder nur unvollkommene Regeln zu geben. Wahr ist es zwar, daß in der Praxis nicht Jeder wird so weit gehen können als unsere Gedanken auf dem Papiere. Indeß wenn man auch das Vollkommene nicht zu erreichen vermag, so ist es dennoch nicht unnütz es kennen gelernt und sich Mühe gegeben zu haben, es zu erreichen. Das ist das beste Mittel sich ihm zu nähern.«
Kap. 13. Anm. des H. Petitain.

Seid dessen eingedenk, daß man, ehe man wagen darf die Bildung eines Menschen zu übernehmen, sich erst selbst zu einem Menschen gebildet haben muß. Man muß in sich selbst das Muster finden, das jener sich stets vorhalten soll. So lange das Kind noch ohne Bewußtsein ist, hat man hinreichend Zeit, Alles, was in seine Nähe kommt, zuzubereiten, damit seine ersten Blicke nur auf solche Gegenstände fallen, deren Anblick ihm dienlich ist. Macht euch in Aller Augen achtungswerth, sucht euch zuerst die allgemeine Liebe zu erwerben, damit sich Jeder bemüht, euch zu gefallen. Ihr werdet nicht des Kindes Vorbild und dadurch sein Meister sein, wenn ihr nicht zugleich Vorbild und Meister seiner ganzen Umgebung seid und dazu wird euer Ansehen nie hinreichend sein, wenn es nicht auf die der Tugend gebührende Hochachtung gegründet ist. Es ist nicht die Rede davon, seine Börse zu erschöpfen und Geld mit vollen Händen auszustreuen, ich habe noch nie gesehen, daß sich Liebe erkaufen ließe. Vor Geiz und Härte muß man sich hüten und das Elend, welches man zu lindern vermag, darf man nicht blos beklagen; aber vergeblich werdet ihr eure Kästen öffnen, denn öffnet ihr nicht zugleich auch euer Herz, so werden die Herzen Anderer euch immer verschlossen bleiben. Eure Zeit, eure Sorgen, eure Zuneigung, euch selbst müßt ihr geben, denn sonst wird man, was ihr auch immer thun möget, doch stets herausfühlen, daß an dem Geldgeschenke euer Herz keinen Antheil hat. Es gibt Beweise von Theilnahme und Wohlwollen, die eine größere Wirkung hervorbringen und in der That mehr Nutzen stiften als alle Geschenke. Wie viele Unglückliche, wie viele Kranke bedürfen weit eher Trost als Almosen! Wie viele Unterdrückte gibt es, denen mit einem wirksamen Schütze mehr gedient ist als mit Geld! Versöhnet Alle, die in Unfrieden leben; beugt Processen vor; haltet die Kinder zur Pflicht, die Väter zur Nachsicht an; begünstigt glückliche Heirathen; wehret den Verfolgungen, bedienet euch des Ansehens, in welchem die Eltern eures Zöglings stehen, überall zu Gunsten des Schwachen, welchem man Gerechtigkeit verweigert und den der Mächtige bedrückt. Erklärt euch laut für den Beschützer der Unglücklichen. Seid gerecht, menschlich, wohlthätig! Gebet nicht nur Almosen, sondern verrichtet auch Liebeswerke; die Werke der Barmherzigkeit lindern mehr Leiden als das Geld. Liebet die Anderen, und sie werden euch lieben, dienet ihnen, und sie werden euch dienen; tretet ihnen als Bruder entgegen und sie werden eure Kinder sein.

Das ist zugleich ein neuer Grund, aus dem ich Emil auf dem Lande zu erziehen gedenke, fern von dem Bedientenpack, den niedrigsten Creaturen nach ihren Herren; fern von jenen abscheulichen Sitten der Städter, deren gleißnerischer Firniß, mit dem man sie übertüncht, sie für die Kinder verführerisch und ansteckend macht, während auf der andern Seite die Laster der Bauern, die in ungeschminkter Nacktheit und Rohheit auftreten, eher geeignet sind abzustoßen als zu verführen, sobald nicht etwa ihre Nachahmung irgend einen besonderen Vortheil verschafft.

Auf dem Lande wird ein Erzieher in weit höherem Grade Herr der Gegenstände sein, welche er dem Kinde vorzeigen will; sein Ruf, seine Unterredungen, sein musterhaftes Beispiel werden ihm ein Ansehen verschaffen, das sie ihm in der Stadt nicht würden verleihen können. Da er auf Jedermanns Vortheil bedacht ist, so wird sich auch wiederum Jeder beeifern, sich ihm gefällig zu erweisen, nach seiner Achtung zu streben und sich dem Schüler gegenüber so zu zeigen, wie man nach dem Wunsche des Lehrers wirklich sein sollte; und selbst wenn man seine Fehler nicht ablegt, wird man sich doch vor jedem öffentlichen Aergerniß hüten, und das ist ja Alles, was wir zur Erreichung unseres Zweckes bedürfen.

Höret auf, Andere für eure eigenen Fehler verantwortlich zu machen; das Böse, welches die Kinder sehen, verdirbt sie weit weniger als das Böse, welches ihr selbst ihnen einimpft. Denn gerade ihr unvermeidlichen Sittenprediger, Moralisten und Pedanten flößt ihnen für eine Idee, die ihr für gut haltet, gleichzeitig zwanzig andere ein, die schädlich sind. Erfüllt von den Gedanken, die euren Kopf durchkreuzen, bemerkt ihr die Wirkung nicht, welche ihr in dem ihrigen hervorbringt. Denkt ihr, daß unter dem langen Strom von Worten, mit dem ihr sie unaufhörlich langweilt, nicht ein oder das andere mit unterläuft, das sie falsch auffassen? Denkt ihr, daß sie eure langathmigen Erklärungen nicht in ihrer Weise auslegen, und daß ihnen nichts darin aufstößt, woraus sie sich ein ihrer Fassungskraft entsprechendes System bilden können, das sie euch bei gegebener Gelegenheit entgegenstellen werden?

Höret einmal ein Jüngelchen, welches man so dressirt hat! Laßt es plaudern, Fragen stellen, alle seine Faseleien nach Belieben auskramen, und ihr werdet euch über die sonderbaren Verdrehungen wundern, welche eure Reden in seinem Hirn erfahren haben. Ein solcher Knabe verwechselt Alles, dreht Alles um, langweilt euch und kann euch bisweilen durch seine unvorhergesehenen Einwürfe wahrhaft zur Verzweiflung bringen. Er zwingt euch zu schweigen oder ihm Schweigen zu gebieten. Und was muß er dann wol über das Schweigen seitens eines Mannes denken, der sich ihm gegenüber nur immer redselig gezeigt hat? Erringt er je diesen Vortheil über euch und wird er seines Sieges inne, dann ist es mit der weiteren Erziehung vorbei; von diesem Augenblicke an ist Alles zu Ende; er sucht sich nicht länger zu unterrichten, sondern euch nur noch zu widerlegen.

O ihr übereifrigen Lehrer, seid einfach, maßvoll, vorsichtig; beeilt euch niemals handelnd einzugreifen, es sei denn, daß es darauf ankommt, das unberechtigte Handeln Anderer zu verhindern. Ich werde es immer von Neuem wiederholen: schiebt, wenn es möglich ist, einen guten Unterricht auf aus Besorgniß, einen schlechten zu geben. Bebet vor dem Gedanken zurück, auf dieser Erde, welche die Natur zum ersten Paradiese des Menschen gemacht hatte, dadurch die Rolle des Versuchers zu spielen, daß ihr der Unschuld die Erkenntniß des Guten und Bösen beibringen wollt! Da ihr doch nicht verhindern könnt, daß sich das Kind durch Beispiele, welche ihm vor Augen treten, belehre, so beschränket eure ganze Wachsamkeit darauf, diese Beispiele seinem Geiste unter dem Bilde einzuprägen, welches demselben am wenigsten Nachtheil bereitet.

Die heftigen Leidenschaften machen auf das Kind, das Zeuge der von ihnen hervorgerufenen wilden Scenen ist, einen gewaltigen Eindruck, weil die Symptome, in denen sie sich zu erkennen geben, sehr in die Augen fallen und deshalb die Aufmerksamkeit desselben auf sich lenken. Namentlich machen sich die Aufwallungen des Zorns in einer so lärmenden Weise Luft, daß man unbedingt etwas davon bemerken muß, wenn man sich in der Nähe befindet. Man braucht nicht erst lange zu fragen, ob sich hier für einen Pädagogen eine Gelegenheit zeigt, eine hübsche Rede zu halten. Aber nur beileibe keine solche feierlichen Reden! Gar nichts, auch nicht ein einziges Wort darf darüber fallen! Lasset das Kind selbst kommen! Verwundert über die lärmenden Scenen, wird es nicht ermangeln euch zu fragen. Die Antwort ist einfach: es muß sie aus seinen Wahrnehmungen folgern. Es sieht ein erhitztes Gesicht, blitzende Augen, drohende Geberden, es vernimmt heftiges Geschrei, lauter Zeichen, das sich der Mensch nicht in seinem gewöhnlichen Gemüthszustande befindet. Saget ihm ernst, ohne Übertreibung, ohne Geheimnißkrämerei: der arme Mann ist krank, er hat einen Fieberanfall. Ihr könnt dabei die Gelegenheit benutzen ihm, indeß nur in kurzen Worten, eine Idee von den Krankheiten und ihren Wirkungen beizubringen, denn auch diese ruft ja die Natur hervor und sie bilden eines der Bande der Nothwendigkeit, welchen es sich unterworfen fühlen muß.

Wird sich nicht des Kindes bei dieser durchaus richtigen Vorstellung wahrscheinlich schon frühzeitig ein gewisser Widerwille bemächtigen, sich den Ausbrüchen der Leidenschaften, welche es als Krankheiten betrachten wird, zu überlassen? Und glaubt ihr nicht, daß eine solche bei passender Gelegenheit ihm beigebrachte Vorstellung eine eben so heilsame Wirkung hervorrufen wird als die langweiligste Moralpredigt? Und nun machet euch die Folgen dieser Vorstellung für die Zukunft klar! Ihr erlangt dadurch die Berechtigung, falls ihr je dazu gezwungen werdet, ein eigensinniges Kind als ein krankes zu behandeln, es sein Zimmer, ja wenn es nöthig ist, sein Bett hüten zu lassen, ihm Diät vorzuschreiben, es durch seine sich bildenden Fehler in Schrecken zu setzen und sie ihm verhaßt und furchtbar zu machen, ohne daß es je die Strenge, die ihr vielleicht zu seiner Heilung anwenden müßt, als Strafe ansehen kann. Ja, wenn es euch selbst einmal in einem Augenblicke der Hitze begegnet, eure Kaltblütigkeit und Mäßigung, deren ihr euch befleißigen müßt, zu verlieren, so gebet euch keine Mühe, euren Fehler zu verhehlen, sondern sagt ihm freimüthig, mit einem sanften Vorwurfe: Mein Lieber, du hast mich krank gemacht!

Außerdem ist es von Wichtigkeit, daß die naiven Aeußerungen, welche ein Kind bei den einfachen Vorstellungen, über die es verfügt, mitunter zum Vorschein bringt, niemals in seiner Gegenwart gelobt, noch in einer Weise erwähnt werden, daß dasselbe es wieder erfahren kann. Ein dem Kinde grundlos erscheinendes Gelächter kann die Arbeit von sechs Monaten vernichten und einen Schaden anrichten, der im ganzen Leben nicht wieder gut zu machen ist. Ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß man, um des Kindes Meister zu sein, sich selbst bemeistern muß. Ich stelle mir meinen kleinen Emil vor, wie er sich mitten in einem Streite, der zwischen zwei Nachbarinnen stattfindet, der wüthendsten nähert und im Tone des höchsten Mitleids zu ihr sagt: Meine liebe Frau, Sie sind krank, es thut mir sehr leid! Unfehlbar wird dieser glückliche Einfall nicht ohne Wirkung auf die Zuschauer bleiben, ja ihn vielleicht auch auf die streitenden Parteien nicht verfehlen. Ich aber werde ihn dann, ohne zu lachen, ohne ihn auszuschelten, ohne ihn zu loben, mit oder ohne Anwendung von Gewalt hinwegbringen, ehe er die erzielte Wirkung wahrzunehmen vermag oder wenigstens ehe er darüber nachdenkt, und werde mich beeilen seine Gedanken durch andere Gegenstände, die es ihn schnell wieder vergessen lassen, davon abzulenken.

Es liegt nicht in meinem Planes auf alle Einzelheiten einzugehen, sondern nur die allgemeinen Grundsätze darzulegen und sie in schwierigen Fällen durch Beispiele zu erläutern. Ich halte es für unmöglich, daß man ein Kind im Schooße der Gesellschaft bis zum Alter von zwölf Jahren bringen kann, ohne ihm eine Vorstellung von den Beziehungen des Menschen zum Menschen und von dem sittlichen Werthe der menschlichen Handlungen beizubringen. Es genügt, daß man sich Mühe gibt, es mit diesen nothwendigen Begriffen so spät wie möglich bekannt zu machen, und daß man sie, wenn sie unvermeidlich werden, auf das beschränkt, was für den Augenblick vorteilhaft ist, nur damit es sich nicht für den Gebieter über Alles halte und Anderen nicht gewissenlos oder unwissend Böses zufüge. Es gibt sanfte und ruhige Charaktere, die man ohne Gefahr lange in ihrer kindlichen Unschuld erhalten kann: aber es gibt auch heftige Naturen, deren Wildheit sich schon früh entwickelt und deren Ausbildung man beschleunigen muß, um nicht gezwungen zu werden, sie mit Gewalt in Unterwürfigkeit zu halten.

Unsere ersten Pflichten sind Pflichten gegen uns selbst. Auf uns selbst laufen unsre ersten Gefühle und Empfindungen zurück; alle unsere natürlichen Triebe beziehen sich zunächst auf unsere Erhaltung und auf unser Wohlsein. Demnach regt sich das erste Gerechtigkeitsgefühl in uns nicht in Folge der Gerechtigkeit, die wir unserer Umgebung schuldig sind, sondern in Folge der, die man uns schuldig ist, und es gehört ebenfalls zu den Verkehrtheiten unserer gewöhnlichen Erziehung, daß man mit den Kindern zuerst immer von ihren Pflichten und nie von ihren Rechten spricht, daß man also damit beginnt, ihnen das gerade Gegentheil von dem, was nöthig wäre zu sagen, Dinge, die sie nicht verstehen und welche ihnen kein Interesse einflößen können.

Wenn ich also ein solches Kind, wie ich es mir denke, zu leiten hätte, so würde ich mir sagen: Ein Kind vergreift sich nie an Personen, Man darf nie dulden, daß sich ein Kind an erwachsenen Personen wie an Untergebenen oder auch nur wie an seines Gleichen vergreife. Wenn es wagen sollte, Jemanden im Ernste zu schlagen, wäre es auch nur seinen Diener, ja wäre es selbst der Henker, so sorget, daß man ihm seine Schläge regelmäßig mit Wucher und zwar dergestalt wiedergebe, daß ihm die Lust zu einem neuen Versuche vergeht. Ich habe gesehen, wie unverständige Wärterinnen ein Kind erst eigensinnig machten, es zum Schlagen reizten, sich selbst von ihm schlagen ließen und dann über seine schwachen Schläge lachten, ohne daran zu denken, daß der kleine Wütherich eigentlich damit Todtschläge beabsichtigte, und daß derjenige, welcher als Kind schlagen will, als Erwachsener wird tödten wollen. sondern nur an Dingen, und bald lernt es durch die Erfahrung Jeden achten, dem es an Alter und Kraft nachsteht; aber die Dinge vertheidigen sich nicht selbst. Die erste Idee, die man in ihm erwecken muß, ist deshalb nicht sowol die der Freiheit als die des Eigenthums, und damit es sich diese Idee aneignen könne, muß es selbst etwas besitzen. Ihm nur zu sagen, daß dies seine Kleidungsstücke, sein Hausgeräth, seine Spielsachen seien, ist völlig bedeutungslos, da es, trotzdem es über alle diese Sachen frei verfügt, doch weder weiß warum, noch wie es sie bekommen hat. Ihm zu sagen, daß es sie besitze, weil man sie ihm geschenkt habe, ist auch nicht viel besser, denn um zu verschenken, muß man sich seines Besitzes bewußt sein. Es gibt also ein Eigenthumsrecht, das sich aus früherer Zeit, als das seinige, herschreibt, und doch will man ihm gerade den ersten Beginn und den Grund des Eigenthumsrechtes erklären. Dazu rechne man noch, daß das Schenken ein Vertrag ist, und daß das Kind doch unmöglich wissen kann, was ein Vertrag ist. Aus diesem Grunde wollen die meisten Kinder das, was sie erst verschenkt haben, wieder bekommen und weinen, wenn man es ihnen nicht zurückgeben will. Das lassen sie sich aber nicht mehr einfallen, sobald sie recht begriffen haben, was ein Geschenk ist; alsdann sind sie beim Verschenken nur bedachtsamer. Leser, erseht, ich bitte euch, aus diesem und hunderttausend anderen Beispielen, wie man sich stets einbildet, die Kinder gut erzogen zu haben, trotzdem man ihnen nur den Kopf mit Wörtern vollstopft, welche bei ihrem dermaligen Fassungsvermögen gar keinen Sinn für sie haben.

Es gilt also, bis auf den Ursprung des Eigenthums zurückzugehen; denn daraus muß sich die erste Idee desselben entwickeln. Das Kind, welches auf dem Lande lebt, wird sich einen Begriff von den ländlichen Arbeiten gebildet haben. Es bedarf dazu nur der Augen und einiger Muße; beides wird es haben. In jedem Alter, vor allen Dingen aber in dem seinigen regt sich die Lust zu schaffen, nachzuahmen, hervorzubringen, Proben seiner Kraft und Thätigkeit zu geben. Ehe es einen Garten zweimal hat bestellen, besäen und die Gemüse aufgehen und wachsen sehen, wird es seinerseits Gartenbau treiben wollen.

Den bereits entwickelten Grundsätzen zufolge kämpfe ich gegen diese Neigung nicht an; ich begünstige sie im Gegentheile, theile sein Interesse, arbeite mit ihm, nicht ihm, sondern mir zu Liebe; wenigstens glaubt es das Kind. Ich werde sein Gärtnergehilfe: bis es seine eigenen Arme gebrauchen lernt, bestelle ich für dasselbe das Land. Es nimmt darauf Besitz davon, indem es eine Bohne pflanzt; und sicherlich ist diese Besitznahme heiliger und ehrwürdiger, als die Besitzergreifung von Südamerika durch Nunez Balbao, welcher im Namen des Königs von Spanien seine Fahne an der Küste der Südsee aufpflanzte.

Täglich kommen wir nun, die Bohnen zu begießen, und sehen sie mit innigster Freude aufgehen. Ich erhöhe diese Freude noch dadurch, daß ich zu ihm sage: »Dies ist dein Eigenthum«; und indem ich ihm dabei den Ausdruck Eigenthum erkläre, rufe ich in ihm das Bewußtsein hervor, daß es seine Zeit, seine Arbeit, seine Mühe, ja selbst seine Person daran gewendet habe, daß in diesem Lande also gleichsam etwas von ihm selbst liege, das es gegen Jeden, wer es auch immer sei, mit demselben Rechte für sich in Anspruch nehmen könne, wie es seinen Arm aus der Hand eines Andern, der diesen wider seinen Willen zurückhalten wolle, zurückziehen dürfe.

Eines schönen Tages kommt Emil wieder ganz eilfertig an, die Gießkanne in der Hand. O, welch ein Anblick bietet sich ihm dar! Welch ein Schmerz erfüllt seine Seele! Alle Bohnen sind ausgerissen, das ganze Beet ist umgewühlt; kaum ist der Platz noch wiederzuerkennen. »Ach, was ist aus meiner Arbeit, meinem Werke, was aus der süßen Frucht meiner Mühen und meines Schweißes geworden? Wer hat mir mein Gut geraubt? Wer hat mir meine Bohnen genommen?« Das junge Herz empört sich. Das erste Gefühl erlittenen Unrechts hat seine Seele in bitteren Schmerz versenkt. Stromweise rinnen ihm Thränen über die Wangen. Das trostlose Kind erfüllt die Luft mit Seufzen und Wehgeschrei. Man nimmt Antheil an seiner Trauer und Entrüstung, man forscht nach, zieht Erkundigungen ein, stellt genaue Untersuchung gen an. Endlich entdeckt man, daß der Gärtner den Streich verübt hat. Man läßt ihn kommen.

Aber hier haben wir die Rechnung ohne den Wirth gemacht! Kaum erfährt der Gärtner den Grund unserer Klage, als er noch weit gewaltiger als wir zu klagen beginnt. »Wie, meine Herren, Sie sind es also, die alle meine Arbeit vereitelt haben? Ich hatte hier ein Beet maltesischer Melonen angelegt, deren Kerne mir als ein kostbarer Schatz geschenkt worden waren, und mit deren Früchten ich Sie, wenn sie reif sein würden, zu bewirthen gehofft hatte. Aber nun sehen Sie, was Sie angerichtet haben! Blos um ihre elenden Bohnen zu pflanzen, haben Sie mir meine Melonen, die schon aufgegangen waren, und die ich nie wieder ersetzen kann, zerstört. Sie haben mir einen unersetzlichen Schaden zugefügt und sich selber des Vergnügens beraubt, ausgezeichnete Melonen zu essen.«

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