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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Ich kehre zur Praxis zurück. Ich habe bereits ausdrücklich gesagt, daß euer Kind nie deshalb etwas erhalten darf, weil es dasselbe verlangt, sondern nur, weil es dessen bedarf, Es ist leicht einzusehen, daß, wie der Schmerz oft eine Notwendigkeit, so das Vergnügen bisweilen ein Bedürfniß ist. Deshalb gibt es eigentlich nur ein einziges Verlangen der Kinder, dem man entgegentreten muß, nämlich das, sich Gehorsam zu verschaffen. Daraus folgt denn, daß man bei allen ihren Forderungen vor Allem auf den Beweggrund, der sie zu ihren Wünschen getrieben hat, achten muß. Bewilligt ihnen, so weit es irgend möglich ist, Alles, was ihnen ein wirkliches Vergnügen gewähren kann; schlaget ihnen jedoch stets das ab, was sie nur aus launischen Gelüsten, oder um ihren Willen durchzusetzen, verlangen. ferner daß es nichts blos aus Gehorsam thun soll, sondern weil es die Notwendigkeit erheischt. Deshalb müssen die Wörter gehorchen und befehlen und noch mehr die Ausdrücke Pflicht und Schuldigkeit aus seinem Wörterbuche gestrichen werden; dagegen muß den Wörtern Kraft, Notwendigkeit, Ohnmacht und Beschränkung darin ein großer Platz eingeräumt werden. Vor dem Alter der Vernunft vermag man mit Ausdrücken wie »moralische Wesen« oder »gesellschaftliche Beziehungen« keinen richtigen Begriff zu verbinden. Man muß deshalb die Anwendung solcher Wörter, die dergleichen Ideen ausdrücken, möglichst vermeiden, weil zu befürchten ist, daß das Kind denselben anfangs falsche Ideen unterlege, die später wieder auszurotten es uns an Einsicht und Macht gebricht. Die erste falsche Idee, die es in sich aufnimmt, bildet in ihm den Keim des Irrthums und des Lasters; gerade auf diesen ersten Schritt muß man demnach vorzugsweise sein Augenmerk richten. Sorget dafür, daß, so lange es nur unter den Eindrücken sinnlicher Gegenstände steht, sich auch alle seine Ideen nur in der Sinnenwelt bewegen; sorget, daß es rings um sich her, nach allen Richtungen hin, nur die physische Welt wahrnehme; sonst könnt ihr dessen sicher sein, daß es entweder gar nicht auf euch hören oder sich von der moralischen Welt, von der ihr zu ihm redet, völlig phantastische Vorstellungen machen wird, Vorstellungen, die ihr nie wieder bei ihm werdet verwischen können.

In der Forderung, durch Vernunftgründe auf die Kinder einzuwirken, gipfelt sich Lockes Hauptgrundsatz, welchem ! man heut zu Tage vielfach huldigt. Der Erfolg desselben scheint mir jedoch wenig zu seinen Gunsten zu sprechen; und mir wenigstens ist nie etwas Einfältigeres vorgekommen, als ein in dieser Weise erzogenes Kind. Von allen Fähigkeiten des Menschen entwickelt sich die Vernunft, die gleichsam nur der Inbegriff aller anderen ist, am schwierigsten und spätesten, und nun will man sich dieser bedienen, um die ersteren zu entwickeln! Das Meisterstück einer guten Erziehung besteht in der Bildung eines vernünftigen Menschen, und trotzdem vermeint man das Kind durch die Vernunft erziehen zu können! Das heißt beim Ende anfangen, das heißt das Werk zum Werkzeuge machen wollen. Wenn die Kinder auf vernünftige Vorstellungen hörten, brauchten sie nicht erzogen zu werden; da man aber von ihrem zartesten Alter an mit einer ihnen unverständlichen Sprache zu ihnen redet, gewöhnt man sie daran, sich mit Worten abspeisen zu lassen, an Allem, was man ihnen sagt, zu mäkeln, sich für eben so weise als ihre Lehrer zu halten, streitsüchtig und eigensinnig zu werden, und bei allem dem erlangt man, was man bei ihnen durch Vernunftgründe zu erlangen denkt, doch nur durch Erregung ihrer Lüsternheit, ihrer Furcht oder ihrer Eitelkeit, ohne welche Mittel man nicht zum Ziele kommt.

Ich füge hier ein Formular bei, auf welches sich fast alle moralische Belehrungen, die man den Kindern gibt oder geben kann, zurückführen lassen.

Der Lehrer. Das darf man nicht thun.

Das Kind. Und warum darf man es nicht thun?

Der Lehrer. Weil es unrecht ist.

Das Kind. Unrecht? Was heißt unrecht thun?

Der Lehrer. Thun, was man dir verbietet.

Das Kind. Welchen Nachtheil kann es mir bereiten, wenn ich thue, was man mir verbietet?

Der Lehrer. Du erhältst Strafe, weil du ungehorsam gewesen bist.

Das Kind. Ich werde es schon so einrichten, daß man es nicht erfährt.

Der Lehrer. Man wird dich beobachten.

Das Kind. Ich werde mich verstecken.

Der Lehrer. Man wird dich ausfragen.

Das Kind. Ich werde lügen.

Der Lehrer. Man darf nicht lügen.

Das Kind. Weshalb darf man nicht lügen?

Der Lehrer. Weil es unrecht ist, u.s.w.

In diesem unvermeidlichen Cirkel wird man sich stets bewegen müssen. Sobald ihr euch aus demselben entfernt, versteht euch das Kind nicht mehr. Sind das nicht sehr nützliche Lehren? Ich wäre in der That gespannt zu erfahren, was man an die Stelle dieses Gesprächs setzen könnte? Sogar Locke würde dabei unfehlbar in Verlegenheit gerathen sein. Das Gute und das Böse zu unterscheiden, den Grund der menschlichen Pflichten zu erkennen, übersteigt die Fähigkeiten eines Kindes.

Die Natur will, daß die Kinder, ehe sie Männer werden, Kinder sein sollen. Wenn wir diese Ordnung umkehren wollen, so bringen wir vorzeitige Früchte hervor, denen es an der gehörigen Reife wie an dem rechten Geschmacke fehlt und die in Kurzem verdorben werden. Die Kindheit hat eine nur ihr eigene Art und Weise zu sehen, zu denken, zu empfinden; nichts kann ungereimter sein, als das Bemühen, ihr dafür die unsrige unterzuschieben; ich könnte von einem zehnjährigen Kinde eben so gut verlangen, daß es fünf Fuß groß wäre, als daß ich von ihm ein richtiges Urtheil begehrte. Wozu sollte ihm denn auch die Vernunft in diesem Alter dienen? Sie ist der Zügel der Kraft, und das Kind bedarf dieses Zügels nicht.

Indem ihr eure Zöglinge von der Pflicht des Gehorsams zu überzeugen sucht, begnüget ihr euch doch mit dieser angeblichen Ueberzeugung nicht, sondern nehmet noch zu Gewalt und Drohungen, oder was schlimmer ist, zu Schmeicheleien und Versprechungen eure Zuflucht. Obgleich sie also eigentlich nur ihr eigenes Interesse dabei im Auge haben oder durch Gewalt gezwungen werden, stellen sie sich gleichwol, als ob sie sich durch Vernunftgründe hätten überzeugen lassen. Sie sehen sehr wohl ein, daß ihnen Gehorsam vorteilhaft und Widersetzlichkeit nachtheilig ist, sobald ihr das Eine oder das Andere bemerkt. Allein da ihr nichts von ihnen verlangt, was ihnen nicht unangenehm wäre, und da es außerdem immer peinlich ist, sich nach dem Willen Anderer richten zu müssen, so führen sie den ihrigen im Geheimen doch aus, in der vollen Ueberzeugung recht zu handeln, wenn ihr Ungehorsam nur verschwiegen bleibt, aber auch zugleich bereit, im Falle der Entdeckung ihr Unrecht einzugestehen, aus Furcht, sonst eine härtere Strafe zu erhalten. Da sich in ihrem Alter die Pflicht nicht durch Vernunftgründe klar machen läßt, so wird es auch keinen Menschen auf der Welt geben, dem es gelingen würde, sie in Wahrheit für dieselbe empfänglich zu machen. Trotzdem wird ihnen die Furcht vor Strafe, die Hoffnung auf Verzeihung, fortwährendes Bestürmen mit Fragen, Verlegenheit beim Antworten jedes Geständniß entreißen, das man nur verlangt, und man glaubt sie überzeugt zu haben, während man sie nur ermüdet oder eingeschüchtert hat.

Was folgt daraus? Zunächst flößt ihr ihnen dadurch, daß ihr ihnen eine Pflicht auferlegt, die sie als solche nicht empfinden, Widerwillen gegen eure Tyrannei ein, und verscherzet ihre Liebe; sodann lehrt ihr sie heucheln, lügen und trügen, um dadurch von euch Belohnungen zu erpressen oder sich Strafen zu entziehen; endlich liefert ihr ihnen dadurch, daß ihr sie gewöhnt, einen geheimen Beweggrund durch einen scheinbaren zu verdecken, selbst das Mittel, euch unaufhörlich zu hintergehen, euch in Unkenntniß ihres wahren Charakters zu erhalten und euch und Andere gelegentlich mit leeren Worten abzuspeisen. Die Gesetze, werdet ihr entgegnen, üben, obgleich sie für das Gewissen verbindlich sind, bei den Erwachsenen ebenfalls einen Zwang aus. Das räume ich ein. Aber was sind denn diese Menschen anders als durch die Erziehung verdorbene Kinder? Und das ist es gerade, was man verhüten muß. Kindern gegenüber geziemt sich Gewalt, Männern gegenüber Vernunft; das bringt die Ordnung der Natur mit sich; der Weise bedarf keiner Gesetze.

Behandelt euren Zögling, wie es sein Alter verlangt. Weiset ihm von Anfang an seine Stellung an, und haltet ihn so fest darin, daß er nicht einmal den Versuch wagt, aus derselben herauszutreten. Bevor er weiß, was Weisheit heißt, wird er dann schon die wichtigste Lehre derselben ausüben. Befehlet ihm nie etwas, was in aller Welt es auch sein möge, durchaus gar nichts. Laßt nicht einmal die Vorstellung in ihm aufkommen, daß ihr beanspruchtet, irgend eine Autorität über ihn zu besitzen. Er braucht nur das Bewußtsein zu haben, daß er schwach ist und ihr dagegen stark seid, daß er in Folge seiner, von der eurigen so wesentlich verschiedenen Lage notwendiger Weise von euch abhängig ist. Dies muß er wissen, muß er lernen, muß er empfinden. Frühzeitig schon fühle er auf seinem stolzen Haupte das schwere Joch, welches die Natur dem Menschen auferlegt, das drückende Joch der Nothwendigkeit, unter welches sich jedes endliche Wesen beugen muß. Er erblicke diese Nothwendigkeit aber in den Verhältnissen, nie in den Launen der Menschen; Man darf sicher sein, daß das Kind jeden Willen, der mit dem seinigen nicht übereinstimmt und dessen Grund es nicht erkennt, als Laune betrachten wird. Von Allem aber, was den Einbildungen eines Kindes zuwiderläuft, wird es nie den Grund begreifen. zum Zügel, der ihn in Schranken hält, diene die Kraft, nicht die Autorität. Verbietet nicht erst lange, was er unterlassen soll, sondern hindert ihn einfach an der Ausführung desselben ohne weitläuftige Auseinandersetzungen und Erörterungen. Was ihr ihm erlaubt, erlaubet ihm auf sein erstes Wort, ohne euch erst dazu auffordern und bitten zu lassen, vor Allem aber ohne sie an Bedingungen zu knüpfen. Er merke es euch an, daß ihr ihm eine Erlaubniß mit Freuden ertheilt, ihm aber nur mit Widerstreben etwas abschlagt. Alle eure Verweigerungen müssen jedoch unwiderruflich sein; keine unausgesetzte Bestürmung mit derselben Bitte darf euch schwankend machen; das einmal ausgesprochene Nein muß dem Kinde als eine eherne Mauer gelten, welche es, hat es dagegen seine Kräfte erst fünf- oder sechsmal erschöpft, nicht mehr niederzureißen versuchen wird.

Auf diese Weise werdet ihr es geduldig, sanft, gelassen und ruhig machen, selbst wenn es seinen Wunsch nicht erfüllt sieht; denn es liegt in der Natur des Menschen, zwar die durch die Verhältnisse bedingte Nothwendigkeit, nicht aber den Eigenwillen Anderer geduldig zu ertragen. Die Erklärung: »Es ist nichts mehr da«, ist eine Antwort, der gegenüber sich ein Kind noch nie widerspenstig gezeigt hat, falls es dieselbe nicht etwa für eine Lüge hielt. Uebrigens gibt es dabei keinen Mittelweg: entweder muß man gar keine Anforderungen an das Kind stellen, oder es von Anfang an an unweigerlichen Gehorsam gewöhnen. Die schlechteste Erziehung besteht in der gewährten Freiheit, zwischen seinem und eurem Willen zu schwanken, und in einem unaufhörlich zwischen ihm und euch stattfindenden Kampfe um die Herrschaft. Hundertmal lieber würde es mir sein, wenn das Kind dieselbe beständig ausübte.

Sehr eigentümlich ist es, daß man, seitdem man sich mit der Erziehung der Kinder beschäftigt, noch kein anderes Mittel zu ihrer Leitung gefunden hat, als den Wetteifer, die Eifersucht, den Neid, die Eitelkeit, Erregung der Begierde, knechtische Furcht, lauter höchst gefährliche Leidenschaften, die ihre Seele in fortwährender Gährung erhalten und sie zu verderben vermögen, sogar noch ehe der Körper sich vollständig entwickelt hat. Mit jeder vorzeitigen Belehrung, mit der man die Köpfe der armen Kinder beschweren will, pflanzt man ein Laster in den Grund ihrer Herzen. Unverständige Lehrer glauben Wunder zu leisten, wenn sie alle möglichen Unarten in ihnen hervorrufen, um ihnen den Begriff des Gutseins beizubringen, und dann sagen sie uns gravitätisch: »So ist der Mensch!« Ja, so ist der Mensch, welchen ihr gebildet habt!

Man hat alle Mittel versucht, eins ausgenommen, und zwar gerade das einzige, welches im Stande ist ein glückliches Resultat herbeizuführen: die zweckmäßig geregelte Freiheit. Man darf nicht das Amt, ein Kind zu erziehen, übernehmen, wenn man nicht versteht, es durch die bloßen Gesetze des Möglichen und Unmöglichen zu leiten, wohin man will. Da ihm die Grenze des Einen eben so unbekannt ist wie die des Anderen, so kann man sie rings um sich her nach Belieben erweitern oder verengern. Man fesselt es, treibt es vorwärts, hält es zurück allein durch das Band der Nothwendigkeit, ohne daß es darüber murrt; durch die bloße Macht der Verhältnisse macht man es fügsam und willig, ohne daß je ein Laster Gelegenheit fände, in ihm emporzukeimen; denn nie entzünden sich die Leidenschaften, wenn sie erfolglos bleiben.

Ertheilet eurem Zöglinge keine Art mündlicher Belehrung, die Erfahrung allein muß sie ihm geben; belegt ihn mit keiner Art Strafe, denn er weiß nicht, was es heißt, ein Versehen begangen zu haben; laßt ihn niemals um Verzeihung bitten, denn er vermag euch nicht zu beleidigen. Sich keines moralischen Gesetzes bei seinen Handlungen bewußt, kann er auch nichts thun, was moralisch schlecht wäre und Strafe oder Verweis verdiente.

Ich sehe schon, wie der erschreckte Leser dieses Kind nach den unsrigen beurtheilt. Er irrt sich. Der fortwährende Zwang, in welchem ihr eure Zöglinge erhaltet, erregt ihre Lebendigkeit noch mehr; je gezwungener sie sich unter euren Augen fühlen, desto wilder sind sie von dem Augenblicke an, wo sie sich selbst überlassen sind; sie müssen sich doch für den harten Zwang, in welchem ihr sie haltet, wenn sie irgend können, entschädigen. Zwei Stadtkinder werden auf dem Lande mehr Schaden anrichten, als die ganze Dorfjugend. Schließet ein junges Herrchen und einen Bauerjungen zusammen in ein Zimmer ein; bevor sich noch letzterer von der Stelle bewegt hat, wird der erstere schon Alles auf die Erde geworfen, Alles zerbrochen haben. Der Grund kann nur darin liegen, daß der Eine sich beeilt, den seltenen Augenblick völliger Freiheit zu mißbrauchen, während der Andere, der seiner Freiheit stets sicher ist, keine Ursache findet, sofort davon Gebrauch zu machen. Und gleichwol sind die Bauerkinder, bei deren Erziehung Liebkosungen und Härte wechseln, noch weit von dem Zustande entfernt, in welchem man, wenn es nach mir geht, die Kinder halten muß.

Stellen wir als unbestreitbaren Grundsatz auf, daß die ersten natürlichen Triebe stets gut sind; es gibt im menschlichen Herzen keine angeborene Verderbtheit; kein einziger Fehler findet sich darin, von dem sich nachweisen ließe, wie und wodurch er in dasselbe eingedrungen ist. Die einzige Leidenschaft des Menschen, welche als eine Mitgift der Natur betrachtet werden kann, ist die Selbstliebe oder die Eigenliebe im weiteren Sinne. Diese Eigenliebe an sich oder in Beziehung auf uns ist gut und nützlich, und da mit ihr durchaus keine nothwendige Beziehung auf Andere verbunden ist, so ist sie in dieser Hinsicht von Natur indifferent. Nur durch die Anwendung, welche man von ihr macht, und durch die Beziehungen, welche man ihr gibt, wird sie gut oder böse. Bis zu dem Momente, wo der Führer der Eigenliebe, nämlich die Vernunft, hervorzutreten vermag, ist es folglich von Wichtigkeit, daß ein Kind nichts deshalb thue, weil es gesehen oder gehört werden kann, mit einem Worte nichts aus Rücksicht auf Andere thue, sondern lediglich das, was die Natur von ihm verlangt, und dann wird es nur Gutes thun.

In den Augen des Geizes gewinnt Manches einen bösen Anstrich, was in den Augen der Vernunft nicht böse ist. Läßt man der Ausgelassenheit der Kinder völlig freien Lauf, so ist es freilich rathsam, alles aus ihrer Nähe zu verbannen, wodurch sie theuer zu stehen kommen könnte, und nichts Zerbrechliches und Kostbares in ihrem Bereiche zu lassen. Ihre Stube muß mit starken und dauerhaften Möbeln ausgestattet sein; kein Spiegel, kein Porcellan, keine Luxusgegenstände darf man darin antreffen. Was meinen Emil anlangt, den ich auf dem Lande erziehe, so wird sein Zimmer nichts enthalten, was es von einer Bauernstube unterscheiden könnte. Zu welchem Behufe es mit so großer Sorgfalt ausschmücken, da er sich nur so wenig Zeit darin aufhalten darf? Allein ich irre mich; er wird es selbst ausschmücken, und wir werden bald sehen womit.

Hat das Kind, aller eurer Vorsichtsmaßregeln ungeachtet, einige Unordnung hervorgebracht oder irgend ein nützliches Stück zerbrochen, so straft es nicht für eure eigene Nachlässigkeit und scheltet es nicht aus; kein einziges Wort des Vorwurfs darf es von euch vernehmen; laßt es nicht einmal ahnen, daß es euch Verdruß bereitet hat; thut gerade so, als ob das Geräth von selbst zerbrochen wäre; mit einem Worte, seid überzeugt viel gethan zu haben, wenn ihr euch überwinden könnt, nichts zu sagen.

Soll ich es wagen, an dieser Stelle die erste, wichtigste und nützlichste Regel aller Erziehung auseinander zu setzen? Sie besteht nicht darin, Zeit zu gewinnen, sondern Zeit zu verlieren. Verzeiht mir, ihr oberflächlichen Leser, meine Paradoxien; unwillkürlich muß man bei reiflichem Überlegen welche machen, und was ihr auch dazu sagen mögt, ich will lieber für einen paradoxen Mann gelten, als ein Mann voller Vorurtheile sein. Die gefährlichste Zeit des menschlichen Lebens ist die von der Geburt bis zu dem Alter von zwölf Jahren. Das ist die Zeit, in welcher Irrthümer und Laster emporkeimen, ohne daß man bis dahin ein Mittel besäße, sie wieder auszurotten, und wenn sich das Mittel dann endlich findet, so wurzeln dieselben schon so tief, daß man sie nicht mehr herauszureißen vermag. Wenn die Kinder plötzlich von der Brust der Mutter in das Alter der Vernunft hinübersprängen, dann könnte die Erziehung, die man ihnen heute zu Tage gibt, angemessen sein; nach dem natürlichen Entwickelungsgange bedürfen sie aber eine gerade entgegengesetzte. Erst wenn ihre Seele im Vollbesitze aller ihrer Kräfte wäre, sollten die Kinder eine Bethätigung derselben verlangen; denn unmöglich kann sie, so lange sie noch blind ist, den Schein der Fackel, die ihr derselben darbietet, wahrnehmen, und in dem unermeßlichen Reiche der Ideen einen Weg verfolgen, den die Vernunft nur so flüchtig andeutet, daß kaum die schärfsten Augen im Stande sind ihn zu erkennen.

Die erste Erziehung muß demnach rein negativ sein. Sie besteht nicht in Belehrungen über Tugend und Wahrheit, sondern in der Bewahrung des Herzens vor Lastern und in der Abwehr aller dem Verstande nachtheiligen Irrthümer. Wenn ihr bei der Erziehung nichts thätet und auch Andere nichts thun ließet, wenn ihr euren Zögling gesund und kräftig bis zum zwölften Jahre bringen könntet, ohne daß er im Stande wäre seine rechte Hand von der linken zu unterscheiden, so würden sich ihm vom Beginn eures Unterrichtes an die Augen seines Verständnisses der Vernunft öffnen. Da er ohne Vorurtheile, ohne angenommene Gewohnheiten wäre, würde er nichts an sich haben, was dem Erfolge eurer Bemühungen hinderlich entgegentreten könnte. Bald würde er unter euren Händen der Weiseste der Menschen werden und obgleich ihr anfänglich nichts gethan hättet, würdet ihr trotzdem in erziehlicher Hinsicht ein wahres Wunder gethan haben.

Thut das gerade Gegentheil der herkömmlichen Erziehung und ihr werdet fast immer das Richtige treffen. Da man aus einem Kinde nicht ein Kind, sondern einen Gelehrten bilden will, so meinen Väter und Lehrer nicht früh genug damit anfangen zu können es auszuschelten, zu bekritteln, zu tadeln, zu liebkosen, zu bedrohen, ihm Versprechungen zu geben, Lehren zu ertheilen und Vernunft zu predigen. Macht es besser. Seid vernünftig und suchet euren Zögling nicht mit Vernunftgründen zu überreden, vor Allem nicht um ihm Gefallen an dem einzuflößen, was ihm mißfällt; denn wenn man in solcher Weise in alle Angelegenheiten, welche ihn unangenehm berühren, stets die Vernunft mit hineinzieht, so macht man sie ihm dadurch schließlich langweilig und lästig und schwächt ihr Ansehen schon frühzeitig bei einem Geiste, der noch nicht im Stande ist, sie zu verstehen. Uebet seinen Körper, seine Organe, seine Sinne, seine Kräfte, aber seine Seele erhaltet so lange wie möglich in Unthätigkeit. Hütet euch ihn mit Ansichten bekannt zu machen, ehe er Verstand genug besitzt, sie zu würdigen. Tretet fremden Eindrücken entgegen und haltet sie von ihm fern, und suchet, um der Entstehung des Bösen vorzubeugen, das Wachsthum des Guten nicht allzusehr zu beschleunigen, denn das kann erst dann erreicht werden, wenn die Vernunft ihn erleuchtet. Haltet jeden Aufschub für einen Vortheil; es ist ein großer Gewinn, wenn man sich ohne zu straucheln dem Ziele nähert. Lasset die Kindheit in den Kindern erst die volle Reife erreichen. Kurz, welche Belehrung sich auch immer bei ihnen herausstellen wird, hütet euch sie ihm heute zu geben, wenn ihr sie ohne Gefahr bis morgen aufschieben könnt.

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