Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Jacques Rousseau >

Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
Schließen

Navigation:

Zweites Buch.

Mit Beginn der zweiten Lebensperiode, in welche jetzt das Kind eintritt, hat eigentlich die Kindheit schon ihr Ende erreicht, denn die Wörter infans und puer sind nicht gleichbedeutend. Das erstere ist unter dem zweiten mit einbegriffen und bedeutet ein Kind, welches noch nicht sprechen kann, weshalb auch der Ausdruck des Valerius Maximus » puer infans« seine volle Berechtigung hat. Allein ich werde mich unserem Sprachgebrauche anschließen und mich des Wortes Kindheit nach wie vor bis zu dem Lebensalter bedienen, für welches unsere Sprache bezeichnendere Benennungen hat.

Wenn die Kinder zu sprechen beginnen, weinen sie weniger. Dieser Fortschritt ist natürlich; eine Sprache verdrängt die andere. Warum sollten sie wohl, wenn sie mit Worten auszudrücken vermögen, daß sie leiden, zum Schreien ihre Zuflucht nehmen, falls ihre Schmerzen nicht zu heftig sind, als daß sie sich durch Worte ausdrücken lassen? Fahren sie dann doch noch zu weinen fort, so liegt die Schuld an den Personen ihrer Umgebung. Hat Emil erst einmal gesagt: »Mir ist unwohl«, so werden ihm fortan nur die heftigsten Schmerzen Thränen auszupressen im Stande sein.

Wenn das Kind schwächlich und empfindlich ist, so daß es von Natur um nichts in Geschrei ausbricht, so suche ich diese ewige Thränenquelle dadurch zu verstopfen, daß ich es sich vergeblich abschreien lasse. So lange es weint, gehe ich unter keinen Umständen zu ihm; ich eile aber zu ihm, sobald es sich beruhigt hat. Bald wird es sein Betragen ändern und mich durch Schweigen oder höchstens dadurch rufen, daß es einen einzigen Schrei ausstößt. Nur nach der wahrnehmbaren Wirkung beurtheilen die Kinder die Bedeutung der Zeichen, für sie gibt es keine andere Art und Weise. Mag sich ein Kind noch so wehe thun, so wird es doch, wenn es allein ist und keine Hoffnung hat gehört zu werden, in höchst seltenen Fällen weinen.

Wenn es fällt, sich den Kopf stößt, Nasenbluten bekommt oder sich in die Finger schneidet, werde ich ihm durchaus nicht mit bestürzter Miene sofort zu Hilfe eilen, sondern mich wenigstens eine Zeit lang ruhig verhalten. Das Uebel ist einmal geschehen, das Kind muß den Schmerz aushalten; all mein Eifer würde nur dazu dienen, es noch mehr zu erschrecken und seine Empfindlichkeit zu vermehren. Im Grunde genommen wird der Schmerz, den man bei einer Verletzung empfindet, weniger von der Wunde als von der Furcht erregt, die uns der Anblick derselben einflößt. Diese letztere Bangigkeit werde ich ihm wenigstens ersparen; denn sicherlich wird es sich in der Beurtheilung seines Schadens nach mir richten. Sieht es mich unruhig herbei eilen, um es zu trösten und es zu beklagen, so wird es sich für verloren halten; sieht es mich dagegen meine Kaltblütigkeit bewahren, so wird es auch die seinige bald wieder gewinnen und den Schaden für geheilt halten, sobald es den Schmerz nicht mehr empfindet. Unter solchen Erfahrungen entwickelt sich schon in diesem Alter in der Brust des Kindes Muth und Unerschrockenheit; durch furchtloses Ertragen leichterer Schmerzen lernt man stufenweise auch die großen ertragen.

Weit entfernt, meinen Emil sorgfältig vor jeder Verletzung, die er sich zufügen könnte, zu behüten, würde es mir vielmehr höchst unlieb sein, wenn er sich niemals wehe thäte und aufwüchse, ohne den Schmerz kennen zu lernen. Leiden und dulden ist das Erste, was er lernen muß, und was zu verstehen ihm am nöthigsten sein wird. Es hat fast den Anschein, als ob die Kinder nur klein und schwach wären, um diesen wichtigen Unterricht ohne Gefahr erhalten zu können. Fällt das Kind der ganzen Länge nach hin, so bricht es sich doch nicht das Bein; schlägt es sich mit einem Stocke, so bricht es sich doch nicht den Arm, greift es nach einem scharfen Messer, so packt es doch nicht fest zu und verwundet sich deshalb auch nicht tief. Mir ist kein Beispiel bekannt, daß man je ein sich selbst überlassenes Kind sich hat tödten, zum Krüppel machen oder einen erheblichen Schaden zufügen sehen, vorausgesetzt, daß man es nicht leichtsinniger Weise an erhöhte Plätze oder ohne Aufsicht in die Nähe des Feuers gesetzt oder gefährliche Instrumente in seinem Bereiche gelassen hat. Was soll man wol zu diesem Arsenal künstlicher Mittel sagen, mit denen man ein Kind umschanzt, um es auf alle Weise gegen den Schmerz zu waffnen, und durch die man nichts Anderes erreicht, als daß es, wenn es erwachsen ist, demselben ohne Muth und ohne Erfahrung Preis gegeben ist, sich beim ersten Nadelstich schon für eine Beute des Todes hält und ohnmächtig wird, sobald es einen einzigen Blutstropfen vergießt?

Ein Beleg für unsere pedantische Lehrwuth ist der leidige Umstand, daß wir uns nicht einmal enthalten können, den Kindern selbst das beizubringen, was sie aus sich selbst weit besser lernen würden, und daß wir darüber das verabsäumen, was wir allein sie lehren können. Gibt es wol etwas Thörichteres als die Mühe, die man sich gibt, sie gehen zu lehren? Hat man etwa schon je einen Erwachsenen gesehen, der deshalb nicht hätte gehen können, weil ihn seine Wärterin einst vernachlässigt hatte? Wie viele Leute sieht man dagegen, die lebenslang einen schlechten Gang behalten, den man ihnen schon am Gängelbande beigebracht hat.

Emil wird weder Fallhüte, noch Laufkörbe, noch Kinderwagen, noch solche Gängelbänder bekommen; von dem Augenblicke an, wo er einen Fuß vor den andern setzen kann, wird man ihn nur noch an gepflasterten Stellen halten und ihm schnell darüber hinweghelfen. Es gibt nichts Lächerlicheres und Unsichereres als den Gang solcher Leute, welche man zu lange am Gängelbande geführt hat. Dies ist ebenfalls eine von den, gerade wegen ihrer allgemein anerkannten Richtigkeit, als trivial bezeichneten Beobachtungen, welche aber trotzdem in mehr als einem Sinne richtig sind.

Anstatt ihn in ungesunder Stubenluft verkümmern zu lassen, wird man ihn täglich mitten auf eine Wiese führen. Dort mag er laufen und sich lustig umhertummeln; meinetwegen mag er alle Tage hundertmal dabei hinfallen, das ist nur desto besser, denn dadurch wird er um so eher wieder aufstehen lernen. Das wohlthuende Gefühl der Freiheit wiegt viele Wunden auf. Mein Zögling wird sich gewiß oft stoßen, aber gleichwol wird er immer fröhlich und guter Dinge sein. Wenn die Eurigen sich weniger oft wehe thun, so sind sie dafür auch nie Herren ihres eigenen Willens, sind stets gefesselt, fühlen sich stets gedrückt. Ich zweifle, daß der Vortheil auf ihrer Seite liegt.

Auch noch ein anderer Fortschritt, nämlich die Entwickelung und Zunahme ihrer eigenen Kräfte, nöthigt sie jetzt weniger oft zum Weinen. Da sie jetzt mehr durch sich selbst vermögen, bedürfen sie fremder Hilfe desto weniger. Mit ihrer Kraft entwickelt sich gleichzeitig die Einsicht, die ihnen die Fähigkeit verleiht, dieselbe richtig zu leiten. Auf dieser zweiten Stufe beginnt eigentlich erst das individuelle Leben; nun erst gelangt das Kind zum Bewußtsein seiner selbst. Die Erinnerung erweitert die Empfindung der Identität über alle Augenblicke seines Daseins; es wird nun in Wirklichkeit ein einheitliches Wesen, das sich stets als dasselbe fühlt, und wird folglich jetzt erst des Glückes und Elendes fähig. Es ist deshalb von Wichtigkeit, daß man es von nun an als ein moralisches Wesen betrachte.

Obgleich man über das äußerste Ziel des menschlichen Lebens, so wie über die Wahrscheinlichkeit, die man in jedem Lebensalter hat, dieses Ziel zu erreichen, annähernde Berechnungen besitzt, so ist doch nichts ungewisser als die Lebensdauer jedes einzelnen Menschen; dieses höchste Lebensziel erreichen nur sehr wenige. Gerade bei seinem Beginne ist das Leben den größten Gefahren ausgesetzt; je kürzere Zeit man gelebt hat, desto weniger darf man hoffen, sein Leben zu erhalten. Von allen Kindern, die geboren werden, erreicht höchstens die Hälfte das Jünglingsalter, und euer Zögling wird also wahrscheinlich das Mannesalter nicht erreichen.

Was soll man also von der jetzigen barbarischen Erziehung denken, welche die Gegenwart einer ungewissen Zukunft opfert, die einem Kinde allerlei Fesseln anlegt und es gleich vom ersten Augenblicke an unglücklich macht, um ihm in weiter Ferne ich weiß nicht was für ein vermeintliches Glück zu bereiten, das es vermuthlich nie genießen wird? Wie könnte man, selbst für den Fall, daß diese Erziehung hinsichtlich ihres Zweckes vernünftig wäre, es ohne Unwillen mit ansehen, wie diese armen unglücklichen Wesen einem unerträglichen Joche unterworfen und gleich Sträflingen zu ununterbrochenen Arbeiten verurtheilt sind, ohne sich der sicheren Hoffnung hingeben zu können, daß sie dereinst aus diesen vielen Mühen auch Nutzen ziehen werden? Die Jahre des Frohsinnes vergehen ihnen unter Thränen, Züchtigungen, Drohungen, kurzum in voller Sklaverei. Man peinigt das unglückliche Kind um seines Wohles willen und will nicht einsehen, daß man dadurch den Tod herbeiruft, dessen Beute es mitten unter diesen traurigen Vorkehrungen werden wird. Wer vermag zu berechnen, wie viel Kinder als Schlachtopfer der überspannten Weisheit eines Vaters oder eines Lehrers dahinsterben? Glücklich sind alle zu preisen, welche solcher Grausamkeit entgehen! Der einzige Vortheil, den sie aus den ihnen zugefügten Leiden ziehen, liegt darin, daß sie sterben, ohne den Verlust eines Lebens zu beklagen, von dem sie nur die Qualen kennen gelernt haben.

Menschen, seid menschlich, das ist eure erste Pflicht; seid es gegen alle Stände, gegen alle Lebensalter, gegen Alles, was der menschlichen Natur eigen ist. Kennt ihr noch eine Weisheit außer der Humanität? Liebet die Kindheit, begünstigt ihre Spiele, ihre Vergnügungen, ihren liebenswürdigen Instinct. Wer von euch hätte sich nicht bisweilen nach diesem glücklichen Alter zurück gesehnt, wo das Lächeln stets auf den Lippen schwebt und Ruhe und Frieden die Seele erfüllt? Weshalb wollt ihr diese kleinen Unschuldigen um den Genuß einer Zeit, die so flüchtig ist und eines so kostbaren Gutes, das sie nicht mißbrauchen können, rücksichtslos bringen? Weshalb wollt ihr ihnen diese ersten, so schnell entfliehenden Jahre, die ihnen nie wiederkehren werden, um deswillen mit Bitterkeit und Schmerzen vergällen, weil sie euch nicht wiederkehren können? Väter, kennt ihr den Augenblick, wo der Tod eurer Kinder wartet? Hütet euch, daß ihr nicht einst bereuen müßt, ihnen die kurzen Augenblicke, welche die Natur ihnen schenkt, geraubt zu haben; traget Sorge, daß sie die Freude des Daseins, sobald sie dieselbe empfinden können, auch unverkürzt genießen; traget Sorge, daß sie, zu welcher Stunde Gott sie auch abberufen möge, nicht sterben, ohne das Glück des Lebens gekostet zu haben.

Wie viele Stimmen werden sich gegen mich erheben! Ich höre schon von Weitem den Schrei der Entrüstung, den jene falsche Weisheit ausstoßen wird, welche uns unaufhörlich nur außer uns liegende Ziele vorsteckt, die Gegenwart beständig für nichts achtet und unablässig einer Zukunft nachjagt, die bei jedem Fortschritte, den wir machen, nur desto weiter vor uns flieht. Sie hat es stets mit Verhältnissen zu schaffen, die den unsrigen ganz fremd sind, und macht uns nur mit solchen vertraut, in denen wir uns nie befinden werden.

Man wird mir dagegen einwenden, daß gerade diese Lebensperiode die richtige Zeit sei, die bösen Neigungen des Menschen zu verbessern; in dem Alter der Kindheit, wo die Strafen weniger fühlbar seien, müsse man sie gerade vervielfältigen, um ihrer im Alter der Vernunft überhoben zu sein. Allein wer bürgt euch denn dafür, daß die Ausführung dieses Planes auch völlig euren Wünschen entspricht, und daß alle diese schönen Lehren, mit denen ihr den schwachen Geist eines Kindes überladet, ihm dereinst nicht mehr Schaden als Nutzen bereiten werden? Wer bürgt euch dafür, daß ihr ihm durch all das Weh, das ihr ihm so häufig zufügt, irgend etwas erspart? Weshalb bereitet ihr ihm mehr Leiden, als sein Zustand zuläßt, ohne sicher zu sein, daß diese gegenwärtigen Leiden den zukünftigen vorbeugen? Und wie wollt ihr mir beweisen, daß diese bösen Neigungen, von denen ihr es heilen zu wollen vorgebt, sich bei ihm nicht gerade erst durch eure übel angebrachten Sorgen herausgebildet haben, anstatt eine Mitgift der Natur zu sein? Unheilvolle Fürsorge, die ein Wesen in der wohl oder übel gegründeten Hoffnung es einst glücklich zu machen, es für die Gegenwart unglücklich macht! Wenn diese oberflächlichen Schwätzer jedoch Zügellosigkeit mit Freiheit, und ein Kind, das man glücklichen machen strebt, mit einem Kinde, welches man verzieht, verwechseln, so will ich ihnen die Unterschiede nachweisen.

Um nicht Hirngespinnsten nachzujagen, dürfen wir nicht vergessen, was uns in unserer Eigenschaft als Menschen zusagt und dienlich ist. Die Menschheit hat ihren Platz in der Ordnung der Dinge; die Kindheit hat wieder den ihrigen in der Ordnung des menschlichen Lebens. Man muß den Mann im Manne und im Kinde das Kind betrachten. Jedem seinen Platz anweisen und auf demselben befestigen, die menschlichen Triebe in Bahnen lenken, die der Natur des Menschen nicht zuwider laufen, ist Alles, was wir für sein Wohlsein zu thun vermögen. Das Uebrige hängt von Zufälligkeiten ab, die nicht in unserer Gewalt stehen.

Absolutes Glück oder Unglück kennen wir nicht. Alles ist in diesem Leben gemischt; man genießt in demselben kein Gefühl ganz rein, verharrt nicht zwei Augenblicke in demselben Zustande. Geistig wie körperlich befinden wir uns in fortwährenden Schwankungen. Gutes wie Böses ist unser gemeinsames Erbtheil, wenn auch in verschiedenem Maße. Der Glücklichste ist derjenige, welcher am wenigsten Noth und Sorgen zu erfahren hat, der Unglücklichste, wer am wenigsten Freude empfindet. Trotz aller Verschiedenheit des Erdenlooses ist es doch darin bei Allen gleich, daß wir mehr bittere als freudvolle Stunden durchzumachen haben. Hienieden ist deshalb das Glück des Menschen nur ein negativer Zustand; man kann es lediglich nach der geringeren Anzahl der zu erduldenden Uebel bemessen.

Von jedem Schmerzgefühl ist der Wunsch, davon erlöst zu werden, unzertrennlich; mit jeder Vorstellung eines Vergnügens geht der Wunsch, dasselbe zu genießen, Hand in Hand. Jeder Wunsch setzt eine Entbehrung voraus, und alle Entbehrungen, deren man sich bewußt wird, sind schmerzlich; aus diesem Grunde besteht unser Unglück in dem Mißverhältniß zwischen unseren Wünschen und unserer Fähigkeit, dieselben zu befriedigen. Ein empfindendes Wesen, das die Fähigkeit besäße, alle seine Wünsche zu erfüllen, würde ein absolut glückliches Wesen sein.

Worin besteht also die menschliche Weisheit oder der Weg zum wahren Glück? Nicht etwa darin, unsere Wünsche herabzustimmen; denn wenn dieselben nicht bis zu unserem Vermögen, sie zu befriedigen, gingen, würde ein Theil unserer Kräfte müßig bleiben, und wir würden uns unseres Seins nicht nach jeder Richtung hin erfreuen können; auch nicht darin, unsere Fähigkeiten zu erweitern; denn wenn sich damit gleichzeitig unsere Wünsche in noch höherem Grade steigerten, würden wir nur desto elender werden; sondern darin, daß wir unsere Wünsche, wenn sie das gehörige Maß zu überschreiten beginnen, ganz unserer Fähigkeit, sie zu befriedigen, anpassen und unser Wollen mit unserem Können in völligen Einklang bringen. Deshalb wird die Seele nur dann ruhig bleiben und der Mensch sich wohl befinden, wenn alle Kräfte gleichmäßig in Thätigkeit sind.

So hat es die Natur, die Alles aufs Beste macht, von Anfang an eingerichtet. Unmittelbar flößt sie uns nur die zu unserer Erhaltung nothwendigen Triebe ein und rüstet uns mit den zu ihrer Befriedigung hinreichenden Kräften aus. Alle übrigen hat sie im Grunde unserer Seele gleichsam als Reserve aufgestellt, um sie sich dort je nach Bedürfniß entwickeln zu lassen. Nur in diesem primitiven Zustande stehen Wollen und Können im richtigen Gleichgewichte. Sobald indeß die virtuellen Kräfte des Menschen allmählich in Thätigkeit treten, erwacht die Einbildungskraft, die lebhafteste und thätigste von allen, und eilt ihnen allen vorauf. Die Einbildungskraft erweitert für uns im Guten wie im Bösen die Grenzen der Möglichkeit und erregt und unterhält folglich die Begierden durch die Hoffnung ihrer Befriedigung. Aber das Ziel derselben, das man anfangs schon erfassen zu können glaubt, flieht schneller, als man ihm zu folgen vermag; sobald man es erreicht zu haben glaubt, verwandelt es sich unter den Händen und zeigt sich in noch weiterer Ferne. Der durchmessenen Strecke schenken wir, da sie sich unseren Blicken entzieht, keine Beachtung, und die, welche wir noch zurückzulegen haben, vergrößert sich und dehnt sich unaufhörlich weiter aus. So muß man sich erschöpfen, ohne je das Ziel erreichen zu können, und je mehr wir der Genußsucht fröhnen, desto mehr flieht uns das wahre Glück.

Je weniger sich dagegen der Mensch von seinem natürlichen Zustande entfernt hat, desto geringer ist der Unterschied zwischen seinen Wünschen und seinen Fähigkeiten, dieselben zu befriedigen und desto weniger ist er folglich von dem wahren Glück entfernt. Er wird nie weniger unglücklich sein, als wenn er von Allem entblößt scheint, denn nicht im Mangel an sich besteht das Unglück, sondern darin, daß man sich des Mangels bewußt wird.

Die wirkliche Welt hat ihre Grenzen, die nur in der Einbildung bestehende ist unbegrenzt. Da wir nun die erstere nicht zu erweitern vermögen, so laßt uns die letztere einengen, denn allein aus dem zwischen ihnen herrschenden Zwiespalte entstehen alle die Leiden, die uns wahrhaft unglücklich machen. Mit Ausnahme der Kraft, der Gesundheit und eines guten Gewissens beruhen alle Güter dieses Lebens auf Ansichten; mit Ausnahme der körperlichen Schmerzen und der Gewissensbisse beruhen alle Uebel in der Einbildung. Das ist, wird man sagen, ein allgemein allerkannter Satz; ich räume es ein; allein die praktische Anwendung desselben ist nicht allgemein, und gerade um die praktische Verwerthung handelt es sich hier ausschließlich.

Was will man mit der Behauptung sagen, der Mensch sei schwach? Das Wort Schwäche bezeichnet eine Beziehung, eine Beziehung des Wesens, auf welche man es anwendet. Dasjenige Wesen, dessen Kraft größer ist als seine Bedürfnisse erheischen, ist stark, und wäre es nur ein Insect oder ein Wurm; dasjenige dagegen, dessen Bedürfnisse größer sind als die zu ihrer Befriedigung erforderliche Kraft, ist ein schwaches Wesen, und wäre es ein Elephant oder ein Löwe, ein Eroberer oder ein Held, ja wäre es sogar ein Gott. Der abtrünnige Engel, welcher seine Natur verkannte, war schwächer als der glückliche Sterbliche, der seiner Natur gemäß in Frieden lebte. Der Mensch ist sehr stark, sobald er sich damit begnügt, nur das zu sein, was er ist; er ist sehr schwach, wenn er sich über die Menschheit erheben will. Bildet euch deshalb nicht etwa ein, daß ihr durch Ausbildung eurer Fähigkeiten auch gleichzeitig eure Kräfte erhöht; ihr schwächt sie im Gegentheile, wenn sich euer Stolz höhere Ziele steckt, als sie zu erreichen vermögen. Lasset uns den Radius unseres Kreises genau abmessen und im Mittelpunkte desselben wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes bleiben; dann werden wir uns immer selbst genug sein und uns nicht über unsere Schwäche zu beschweren brauchen, weil wir sie nie empfinden werden.

Alle Thiere haben genau die zu ihrer Erhaltung nötigen Fähigkeiten; der Mensch allein ist mit höheren Kräften ausgerüstet. Ist es nicht eigenthümlich, daß gerade diese höhere Begabung die Wurzel seines Unglücks ist? Noch in jedem Lande haben die Arme eines Menschen mehr als die notdürftigsten Subsistenzmittel zu erwerben vermocht. Wäre der Mensch weise genug, diesem Ueberschuß gar keinen Werth beizulegen, so würde er stets das Notwendige haben, da er niemals zu viel hätte. Die großen Bedürfnisse, behauptet Favorin, seien eine Folge der großen Besitzthümer, und oft sei das beste Mittel sich das, woran man Mangel leide, zu verschaffen, daß man das wieder hingebe, was man besitze. Noct. Attic. Lib. IX, cap. 8.

Dadurch, daß wir uns ewig abmühen, unser Glück zu erhöhen, verwandeln wir es selbst in Unglück. Jeder Mensch, der nur den Wunsch zu leben hätte, würde glücklich leben, und folglich würde er auch gut und rechtschaffen sein, denn welchen Vortheil könnte es ihm wol bringen, schlecht zu sein?

Wären wir unsterblich, würden wir höchst unglückliche Wesen sein. Es ist unzweifelhaft hart, zu sterben, allein süß ist es, die Hoffnung hegen zu dürfen, daß man nicht ewig leben werde, und daß ein bessres Leben die Leiden des gegenwärtigen enden werde. Wer Man wird begreifen, daß ich hier nur von solchen Menschen, die Ueberlegung haben, nicht aber von allen Menschen rede. würde wol, wenn man ihm die Unsterblichkeit auf Erden anböte, dieses traurige Geschenk annehmen wollen? Welche Hilfe, welche Hoffnung, welcher Trost würden uns wol gegen die Härte des Schicksals und gegen die Ungerechtigkeiten der Menschen noch bleiben? Der Unwissende, dem es an Voraussicht fehlt, fühlt den Werth des Lebens wenig und fürchtet eben so wenig es zu verlieren; der aufgeklärte Mensch kennt werthvollere Güter, welche er um deswillen dem Leben vorzieht. Nur die Halbwisserei und Afterweisheit stellen uns den Tod, indem sie unsere Blicke nur auf ihn, aber nicht auf das lenken, was hinter ihm liegt, als das größte aller Uebel dar. Die Notwendigkeit zu sterben ist für den Weisen nur ein Grund, die Leiden des Lebens zu ertragen. Wenn man nicht sicher wäre es einmal zu verlieren, so würde seine Erhaltung fürwahr den Preis nicht werth sein, den man dafür zu zahlen hat.

Unsere moralischen Uebel beruhen alle, ein einziges, das Laster, ausgenommen, auf Einbildung, und dieses eine hängt von uns ab. Unsere physischen Uebel zerstören entweder sich selbst oder sie zerstören uns. Die Zeit oder der Tod sind unsere Heilmittel dagegen; aber wir leiden um so mehr, je weniger wir zu leiden verstehen, und wir bereiten uns durch das Bestreben unsere Krankheiten zu heilen mehr Qualen, als uns die ruhige Erduldung derselben zuzufügen im Stande wäre. Lebe naturgemäß, sei geduldig und lasse dich nicht mit Aerzten ein! Du wirst dadurch zwar dem Tode nicht entfliehen, wirst aber auch nur einmal seine Schrecken empfinden, während jene deine Einbildungskraft täglich beunruhigen und ihre lügnerischen Künste dir allen Lebensgenuß rauben, anstatt deine Tage zu verlängern. Ich muß mir immer wieder die Frage vorlegen, welch wahres Gut die ärztliche Kunst dem Menschen eigentlich bereitet hat. Einige von denen, die sie heilt, würden sterben, das ist eine ausgemachte Wahrheit; dafür würden aber auch Millionen, die sie tödtet, am Leben bleiben. Mensch, spiele, wenn du gescheidt bist, nicht in dieser Lotterie, wo dir alle Aussichten fehlen! Leide, stirb oder genese, vor Allem aber lebe bis zu deiner letzten Stunde.

Alle menschliche Einrichtungen sind voller Narrheit und Widersprüchen. Je mehr unser Leben an Werth verliert, desto mehr beunruhigen wir uns über dasselbe. Die Greise beklagen die Flüchtigkeit desselben mehr als die jungen Leute; sie wollen die Früchte der Vorbereitungen nicht verlieren, welche sie getroffen haben, um es recht zu genießen. Es ist freilich ein grausames Schicksal mit sechzig Jahren zu sterben, wenn man eigentlich noch gar nicht zu leben angefangen hat. Man ist der Ansicht, daß der Mensch einen lebhaften Erhaltungstrieb besitze, und das ist unleugbar; aber man will nicht begreifen, daß dieser Trieb, in der Weise wie wir ihn fühlen, großenteils das Werk der Menschen ist. Von Natur bemüht sich der Mensch um seine Erhaltung nur in so weit, als die Mittel dazu in seiner Macht stehen; sobald ihm dieselben ausgehen, wird er dagegen gleichgültig und gefühllos und stirbt, ohne sich vergeblich zu quälen. Die Natur selber predigt uns als erstes Gesetz die Ergebung in unser Schicksal. Die Wilden sträuben sich eben so wie die Thiere nur im geringen Grade gegen den Tod und erdulden ihn fast ohne Klage. Ist dieses Gesetz aufgehoben, so entwickelt sich daraus ein anderes, welches wir mit unserer eigenen Vernunft daraus herleiten können; aber nur Wenige verstehen die richtigen Schlüsse zu ziehen, und diese erkünstelte und unnatürliche Resignation ist niemals so völlig und entschieden als die erste.

Vorsorge! O diese Vorsorge, die uns unaufhörlich in uns fremde Bahnen leitet und uns oft für Lebensstellungen vorzubereiten sucht, die wir nimmermehr erreichen werden, sie ist gerade die wahre Quelle aller unserer Leiden. Welch' eine Sucht für ein so vergängliches Wesen, wie der Mensch, beständig in die Ferne zu schauen, in eine Zukunft, die sich nur selten wirklich so gestaltet, und darüber die Gegenwart zu vergessen, deren er doch sicher ist! Diese Sucht ist aber um so trauriger, als sie mit dem Alter stetig wächst, und die beständig mißtrauischen, vorsorglichen und geizigen Greise lieber für den Augenblick auf das Notwendige verzichten, als in einem Alter von hundert Jahren das Überflüssige entbehren. Deshalb hat Alles in unseren Augen Werth, deshalb klammern wir uns an Alles an. Zeiten und Orte, Menschen und Dinge, kurz, Alles, was ist, und Alles, was sein wird, hat für Jeden von uns eine gewisse Wichtigkeit. Die Folge davon ist denn, daß unser eigenes Ich nur den kleinsten Theil unseres Selbst bildet. Jeder dehnt sich gleichsam über die ganze Erde ans und wird im Verhältnisse zu dem Umfange dieser ganzen großen Oberfläche entsprechend reizbar und empfindlich. Ist es deshalb zu verwundern, wenn sich unsere Leiden auf allen verletzbaren Punkten vervielfältigen? Wie viele Fürsten gerathen doch über den Verlust eines Landes, welches sie niemals gesehen haben, fast in Verzweiflung! Wie viele Kaufleute braucht man nur in Indien anzurühren, um in Paris ein allgemeines Klagegeschrei hervorzurufen!

Ist es etwa die Natur, welche den Menschen ihrem Wesen so fremde Bahnen vorzeichnet? Ist sie es, welche will, daß Jeder sein Schicksal von Anderen erfahre und es bisweilen erst zuletzt erfahre, so daß schon Mancher glücklich oder elend gestorben ist, ohne je gewußt zu haben, daß er es war? Ich sehe einen frischen, heitern, kräftigen, gesunden Mann vor mir; man fühlt sich in seiner Gegenwart froh und glücklich; Zufriedenheit und Wohlsein lacht uns aus seinen Augen entgegen, als ein verkörpertes Bild des Glückes steht er da. Plötzlich langt ein Brief mit der Post an; der glückliche Mann betrachtet ihn; der Brief trägt seine Adresse, er öffnet, er liest ihn. Mit einem Male verändern sich seine Mienen; er erblaßt, er fällt in Ohnmacht. Wieder zu sich gekommen, weint, tobt, seufzt er, reißt sich die Haare aus, bricht in lautes Klagen aus und scheint von krampfartigen Zuckungen befallen. Thörichter, welches Leid kann dir dieses Papier bereitet haben? Welches Gliedes hat es dich beraubt? Zu welchem Verbrechen hat es dich verführt? Kurz, welche Veränderung hat es in dir bewirkt, um dich in den Zustand, in welchem ich dich erblicke, versetzen zu können?

Wenn dieser Brief sich verirrt, wenn eine wohlmeinende Hand ihn in das Feuer geworfen hätte, so würde meiner Ansicht nach das Schicksal dieses zugleich glücklichen und unglücklichen Menschen ein eigenthümliches Problem sein. Sein Unglück, werdet ihr sagen, war ein wirkliches. Nun gut, aber er fühlte es nicht. Worin bestand es also? Sein Unglück, wendet ihr ein, war ein eingebildetes. Ich verstehe; nach eurer Meinung sind also Gesundheit, Heiterkeit, Wohlsein, Seelenfrieden nichts als Gebilde der Phantasie! Dann freilich ist die Wirklichkeit aus unserm Dasein verbannt und wir stehen nur unter der Herrschaft des Scheins. Verlohnt es sich dann der Mühe, sich in so hohem Grade vor dem Tode zu fürchten, vorausgesetzt, daß das bleibt, worin wir leben und weben?

O Mensch, suche dein wahres Glück in dir selbst, und du wirst dich nicht mehr elend fühlen! Halte an dem Platze aus, den dir die Natur in der Kette anweist, dann wird nichts dich aus demselben zu entfernen vermögen. Sträube dich nicht gegen das harte Gesetz der Notwendigkeit und erschöpfe nicht im thörichten Versuche, derselben Widerstand entgegenzusetzen, die Kräfte, die dir der Himmel nicht zur Erweiterung und Verlängerung, sondern nur zur Erhaltung deines Daseins, wie es ihm gefällt und so lange es ihm gefällt, gegeben hat. Deine Freiheit und deine Macht erstrecken sich nur über das Gebiet deiner natürlichen Kräfte und nicht darüber hinaus, alles Uebrige ist nur Sklaverei, Illusionen, Blendwerk. Sogar die Herrschaft trägt einen knechtischen Charakter, sobald sie sich auf Vorurtheile gründet, denn dann hängst du wieder von den Vorurtheilen derer ab, die du durch Vorurtheile beherrschest. Um sie nach deinem Gefallen zu lenken, mußt du dich auch von ihrem Gefallen und Bedünken lenken lassen. Sie brauchen nur einmal ihre Denkweise zu ändern, und du wirst dann sofort deine Handlungsweise ändern müssen. Die Personen, welche in deiner Nähe leben, brauchen nur zu verstehen, die Meinungen des Volkes, welches du beherrschen sollst, oder der Günstlinge, die dich wirklich beherrschen, oder die deiner Familie, oder deine eigenen zu leiten, und diese Veziere, diese Höflinge, diese Priester, diese Soldaten, diese Diener, diese Klatschschwestern, ja die ganze Stufenleiter bis zu den Kindern hinab, werden dich, und wenn du an Geist ein Themistokles wärst, Dieser kleine Knabe, den ihr dort seht, sagte Themistokles zu seinen Freunden, ist der Gebieter Griechenlands, denn er regiert seine Mutter, seine Mutter regiert mich, ich regiere die Athener, und die Athener regieren die Griechen. O welche kleinliche und unbedeutende Staatslenker würde man oft in den größten Reichen nachweisen können, wenn man vom Fürsten stufenweise bis zur ersten Hand hinabsteigen wollte, welche die Staatsmaschine in Bewegung setzt. inmitten deiner Legionen wie ein Kind leiten. Trotz aller Anstrengungen wird deine wirkliche Autorität nie weiter als deine wirkliche Macht reichen. Sobald du durch die Augen Anderer sehen mußt, so muß sich auch folgerecht dein Wille in ihren Willen fügen. Meine Völker sind meine Unterthanen, sagst du stolzen Gefühls. Aber was bist denn du? Der Unterthan deiner Minister. Und was sind deine Minister ihrerseits? Die Unterthanen ihrer Beamten, ihrer Maitressen, die Diener ihrer Diener. Erobert Alles, raubet Alles und streuet dann das Geld mit vollen Händen aus, lasset Batterien auffahren, errichtet Galgen und Räder, erlasset Gesetze und Verordnungen, vermehrt die Spione, die Söldlinge, die Henker, die Gefängnisse und die Ketten, – und doch, wozu nützt euch dies Alles, ihr armen Menschenkinder? Ihr werdet deshalb nicht besser bedient, noch weniger bestohlen oder hintergangen, nicht unumschränkter werden. Ihr werdet beständig sagen: »Wir wollen«, und trotzdem beständig das thun, was Andere wollen.

Der allein führt seinen Willen aus, welcher sich zur Vollstreckung desselben nicht fremder Arme zu bedienen braucht, woraus folgt, daß das höchste aller Güter nicht die Autorität, sondern die Freiheit ist. Der wahrhaft freie Mann will nur, was er vermag, und handelt nach eigenem Gefallen. Das ist mein Fundamentalgrundsatz. Es handelt sich dabei nur darum, ihn auf die Kindheit anzuwenden, und alle Regeln der Erziehung lassen sich daraus ableiten.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.