Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Artur Landsberger: Emil - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleEmil
authorArtur Landsberger
firstpub1926
year1926
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleEmil
pages1-354
created20060430
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel,
in dem Emil die nähere Bekanntschaft eines Herrn
aus der Gesellschaft macht

Die Ereignisse jagten einander – in einem Tempo, daß Emil bis zum Abend nicht dazu kam, einen Blick in die Akten zu werfen. In den wenigen freien Augenblicken dachte er nicht ohne eine gewisse Wehmut an das Gleichmaß zurück, in dem er vor seinem »Übertritt in eine bürgerliche Existenz« gelebt hatte. So nannte er euphemistisch die Wandlung, die sich mit ihm vollzogen hatte.

So interessant es zweifellos wäre, ihm in seinen Gedankengängen zu folgen und einen Blick in die Welt zu werfen, in der er bis vor kurzem lebte – wir wollen den Ablauf der Ereignisse nicht aufhalten. Auch wirkt die Schilderung des Verbrechermilieus leicht romanhaft und ich möchte auf keinen Fall, daß jemand, den ich Emils Siegeszug miterleben lasse, ausruft: »genau wie im Film!« – Hoffentlich lassen Paula und Anton noch von sich hören, mit denen er bis zu dem gemeinsamen Einbruch bei Redlich ein in bezug auf Innigkeit, Aufrichtigkeit und Gemeinsamkeit der Interessen vorbildliches Familienleben geführt hatte. Denn wenn es vielleicht auch verständlich ist, daß Emil bei der Fülle der Gesichte einer ihm neuen Welt nicht viel Zeit fand, sich mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen, so müßte man doch annehmen, daß Paula und Anton – die mit Emil zusammen erst einen Menschen bildeten, dessen Kopf Emil, dessen Herz Paula und dessen Körper Anton war – ohne ihn nichts anzufangen wußten. Vor allem war von Paula zu erwarten, daß sie nicht Ruhe geben würde, bevor sie wußte, was aus ihm geworden war.

Da wir aber bis zum Augenblick nichts Genaues darüber wissen, so kehren wir in das Arbeitszimmer zurück, in dem Redlich noch immer mit einem roten Kopf umherlief und auf die Rückkehr Emils wartete. Redlich erwog ganz ernstlich den Gedanken, Emil wegen gemeingefährlicher Geisteskrankheit einsperren zu lassen. An sich konnte es ja nicht schwer sein, die Ärzte davon zu überzeugen, daß ein Mensch nicht normal sein konnte, der aus erster Frankfurter Kaufmannsfamilie stammte, Chef einer großen Firma war und plötzlich behauptete, jahrelang der Kopf einer der gesuchtesten Einbrecherbanden zu sein. Man würde ihn einsperren und sich gar nicht erst bemühen, derart sinnlose Behauptungen nachzuprüfen – zumal, wenn er, der Kommissionsrat Redlich, das Krankheitsbild und ein Bild von Emils Vergangenheit entwarf. Zeit war nicht zu verlieren. Emil war unberechenbar. Also stürzte er aus dem Zimmer, um mit einem befreundeten Arzt zu sprechen.

Während Emil sich in aller Eile umzog, fuhr der in der Stadt allgemein bekannte und geschätzte Hofrat Karz in seinem neuen Maybachwagen vor. Ein Häusermakler in ganz großem Stil. Wo in der Viermillionenstadt ein Neubau von besonderem Ausmaß erstand, hatte Heinrich Karz die Hand im Spiel. Er sah aus wie ein Neger. Nur ein wesentliches Merkmal fehlte: er war weiß. Aber er fiel dadurch nur noch mehr auf. Etwa wie ein weißer Elefant auffallen würde. Man sah ihn an und dachte: wie komisch, daß er nicht schwarz ist. Und dann stellte man ihn sich als schwarzen Steptänzer in grauem Frack und grauem Zylinder in einem Varieté vor.

Als Emil das Zimmer betrat, lag Hofrat Karz bereits in einem bequemen Lehnstuhl und rauchte eine Havanna. Er stand auch nicht auf, als Emil kam, sondern faßte ihn fest ins Auge und sagte:

»Morjen!«

»Morjen!« erwiderte Emil und fügte hinzu: »Ich hoffe, ich störe Sie nicht.«

Karz war etwas verblüfft, erhob sich und sagte:

»Ich darf annehmen, daß Ihnen mein Name bekannt ist.«

Emil schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein!«

»So! Na, also ich bin der Hofrat Karz« – und er wartete den Eindruck ab, den das auf Emil machen würde. Aber der erwiderte nur:

»Der, dessen Name immer auf den Gerüsten steht?«

»Eine sonderbare Charakteristik,« erwiderte Karz. »Ja, der bin ich. Aber wissen Sie nicht mehr von mir?«

»Man liest ja so allerhand in den Zeitungen.«

»Ich bin der Leiter eines der größten Konzerne der Nachkriegszeit.«

Emil verzog das Gesicht und lächelte.

»Warum lächeln Sie?« fragte Karz.

»Ich freue mich.«

»Worüber?«

»Weil es Ihnen dann voraussichtlich doch sehr gut geht.«

»Sie wissen also?«

» Zwölfzimmerwohnung am Kurfürstendamm, Villa in Wannsee, ein Landgütchen in der Mark, drei Autos und ein Bureau in der Stadt.«

»Herr! woher wissen Sie das?«

»Sie stehen vermutlich in unserer Kundenliste.«

»Sind Sie etwa auch über meine geschäftliche Tätigkeit unterrichtet?«

»Die dürfte höchstens den Staatsanwalt interessieren,« erwiderte Emil, und der Hofrat atmete erleichtert auf und sagte:

»Dann bin ich beruhigt.«

»Sie kommen ja wohl Ihres Einbruchs wegen?«

»Ja! Denken Sie, man hat meine gesamte Gemäldegalerie ausgeplündert. – Darunter befand sich ein Lippo Memmi, zwei Jan Steen, ein Greco, zwei Pierre Legros, ein halbes Dutzend Hübner und ein Dutzend Corinth – es kann auch umgekehrt sein – im ganzen jedenfalls achtundfünfzig Stück.«

»Sie sind demnach ein alter Sammler?«

»Ja! Ich habe vor zwei Jahren begonnen.«

»Sie sind versichert?«

»Hoch!«

»Dann würde ich den Fall doch auf sich beruhen lassen. Sie bekommen den Verlust ersetzt, kaufen sich drei Dutzend neue Bilder und haben die Reklame umsonst«

Der Hofrat sah ihn mißtrauisch an.

»Goldene Worte, die Sie da sprechen. – Meinen Sie es aber auch so?«

»Es kommt zunächst einmal darauf an, wie Sie es meinen. Denn Sie kommen zu mir, um mir ein Geschäft vorzuschlagen.«

»Sie sind ein phänomenaler Kaufmann.«

»Ich habe meinen Beruf – wie Sie Ihren haben.«

»Es kommt heutzutage nicht auf den Beruf an – sondern auf die Art, wie man ihn ausübt.«

»Darüber kann bei einem Mann in Ihrer Stellung doch kaum ein Zweifel sein.«

»An sich nicht – aber es gibt Fälle . . .«

»Ihr Fall liegt denkbar einfach. Sie sind bestohlen. Unser Beruf ist es, den Bestohlenen wieder zu ihren Sachen zu verhelfen. Ich kann Sie beruhigen. Sie sind bei uns gut aufgehoben. Es ist dafür gesorgt, daß kein Bild über die Grenze kommt.«

»Sie sagten doch vorhin,« erwiderte der Hofrat zögernd, »ich täte gut, den Fall auf sich beruhen zu lassen.«

»Das sagte ich, um mich zu vergewissern, wes Geistes Kind Sie sind.«

»Sie wußten doch, daß ich der Hofrat . . .«

»Eben deshalb. – Ich kenne auch die Versicherungssumme.«

»Wie ist das möglich?«

»Ein Betrieb wie der unsere muß über alles informiert sein. Wenn wir mit unseren Recherchen erst bei erfolgtem Einbruch einsetzen wollten, würden wir nicht weit kommen. Im übrigen finde ich nicht, daß die Versicherungssumme für diese Werte zu hoch ist.«

»Sie sind sicher, daß Sie die Bilder wiederbeschaffen können?«

»Wir oder ein anderer. Schließlich gelingt es der Polizei vielleicht doch mal . . .«

»Das muß verhindert werden.«

»Ich begreife nicht . . .«

»Sie müssen die Bilder in Ihre Hand bekommen.

»Ich? Wieso ich?«

»Ihre Gesellschaft. – Und wenn wir sie haben . . .«

». . . reden wir weiter.«

»Müssen sie verschwinden.«

»Sie wollen die Versicherungssumme haben! Bedaure! Einen derartigen Schwindel machen wir nicht mit! Wir haben zwar unsere eigenen Geschäftsusancen, die niemanden etwas angehen. Im übrigen aber sind wir eine reelle Firma.«

»Ich biete Ihnen dreimalhunderttausend Mark!«

»Halt!« rief Emil und rang nach Luft. Dann sagte er: »Sie leben wohl noch in der Inflation?«

»Dreimalhunderttausend Goldmark,« wiederholte Karz.

»Und – wofür – bieten – Sie das?« fragte Emil, der sich einem Schwindelanfall nahe fühlte.

»Für geräuschlose Beschaffung und ebenso geräuschloses Verschwinden der Bilder.«

»Mich bringt so leicht nichts aus der Ruhe,« sagte Emil. »Ich war in Situationen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, in denen die hartgesottensten Verbrecher den Kopf verloren. Bei diesem Angebot verwirren sich mir die Begriffe. Dreimalhunderttausend Mark! Da könnte man hier ja liquidieren.«

»Sie brauchen keinen Finger mehr zu rühren.«

». . . und sein Leben lang ein anständiger Mensch sein.«

»Auch das! Wenn Sie darauf gerade Wert legen.«

Emil stutzte, fuhr aus seinen Gedanken auf und fragte:

»Sie etwa nicht?«

»Was man heutzutage so anständig nennt,« erwiderte er. »Es ist ein weiter Begriff geworden. Man muß sich schon anstrengen, um es nicht zu sein.«

»Wer Geld hat, hat überhaupt nicht nötig, gegen das Gesetz zu verstoßen.«

»Was heißt nötig?« fragte Karz. »Wenn das Ehrlichsein eine Bedürfnisfrage wäre, hätten Sie recht. Bei den meisten Menschen aber ist das Bedürfnis, mehr zu haben als der andere, stärker als das Bedürfnis, ein anständiger Mensch zu sein. Daher das Kompromiß, das die Gesellschaft stillschweigend schloß, wonach es genüge, als anständig zu gelten

»Ich habe kein Verlangen nach diesen Kreisen.«

»Meine Kreise sind die beste Gesellschaft.«

»Sie sind wie Sie!«

»Nicht alle. Aber die meisten.«

»Und man weiß es voneinander?«

»Man legt keinen Wert darauf, es zu wissen. Hin und wieder ein kleiner Skandal – gewiß ganz nett! Und es gibt Kreise, die davon leben. Aber es ist eine gefährliche Sache. Ein Skandal bleibt oft nicht auf seinen Herd beschränkt. Er wächst sich aus – man wird mit hineingezogen. Wozu sich also in Gefahr begeben?«

»So also sieht das aus?« sagte Emil erstaunt und der Hofrat fuhr nicht weniger erstaunt fort:

»Ja, in was für einer Welt leben Sie denn?«

»In einer anderen. Die auch nicht schön ist. In der man auch in ständiger Gefahr lebt – die aber ohne Lüge ist.«

»So eine Welt gibt es nicht! – Wenigstens nicht unter gut erzogenen und gebildeten Menschen.«

In Emil ging eine Veränderung vor. Es war, als wenn er sich von etwas frei machte, was ihn beschwerte, so daß er nun wieder frei atmen konnte. Er lachte laut auf.

»Was ist Ihnen?« fragte der Hofrat.

»Ich bin Ihnen dankbar. Ich freue mich.«

»Wofür? Worüber?«

»Daß ich nicht zu den Gebildeten und gut Erzogenen gehöre.«

»Ja, wozu gehören Sie denn?«

»Zu den anderen! – Wenn Sie wüßten, wie wohl das tut – obschon es mit Gefahr verbunden ist.«

Der Hofrat sah ihn ängstlich an.

»Sie sind überarbeitet – Sie sollten ausspannen.«

»Das heißt, Sie halten mich für verrückt.«

»Aber nein! Ich empfehle Ihnen nur Schonung.«

»Ich nehme an, daß Sie nicht deshalb zu mir kamen.«

»Das Geschäftliche war ja wohl erledigt.«

»In welcher Form?«

Das Gesicht des Hofrates ließ erkennen, daß die Zurechnungsfähigkeit Emils für ihn tatsächlich nicht außer Zweifel stand. Das war auch der Grund, aus dem er jetzt bat:

»Wir machen es vielleicht schriftlich.«

Emil schob ihm ein Blatt Papier hin und sagte:

»Bitte!«

Hofrat Karz schrieb:

»Der endunterzeichnete Generaldirektor Aufrichtig verpflichtet sich, alle ihm verfügbaren Hilfsmittel zur Wiederbeschaffung der dem Herrn X durch Einbruch entwendeten Gemälde einzusetzen und sämtliche Gemälde sofort nach erfolgter Wiederbeschaffung zu vernichten. Für diese Tätigkeit verpflichtet sich der Endunterzeichnete X dem Generaldirektor Aufrichtig Mark dreihunderttausend zu zahlen, von denen hunderttausend bei Abschluß des Vertrages, weitere hunderttausend am Tage der Erfüllung, die restlichen vier Wochen nach Erfüllung zahlbar sind.«

»So,« sagte der Hofrat. »Dies Papier unterzeichnen Sie! Und da wir es besser nicht der Maschine anvertrauen, so haben Sie wohl die Freundlichkeit, es handschriftlich noch einmal abzuschreiben, damit auch Sie etwas in Händen haben.«

»Sehr lustig!« sagte Emil und begann zu lesen. »X sind vermutlich Sie!«

»Eine rein äußerliche Sache.«

»Dann gestatten Sie wohl, daß auch ich an Stelle meines Namens Y setze.«

»Ich habe leider nicht den Vorzug, Sie zu kennen.«

»So wenig wie ich Sie.«

»Über mich können Sie bei jeder Berliner Auskunftei Erkundigungen einziehen. Ich bin gut für den hundertfachen Betrag.«

»Wenn Sie aber nicht zahlen wollen?«

»Lesen Sie die Auskünfte. Ich habe zufällig eine von . . .« – er griff in die Tasche und zog ein Papier heraus – »von wo war sie doch?« – Er entfaltete das Blatt und las: »Richtig, vom Nordstern. Es interessiert einen doch, auch einmal zu hören, was man für ein Mensch ist und wie die Welt über einen denkt. – Also hier steht: Hofrat Karz gehört zu den prominenten und angesehenen . . .«

»Schiebern,« fiel ihm Emil ins Wort.

Der Hofrat sprang auf:

»Herr, was erlauben Sie sich?«

»Ich erlaube mir, die Wahrheit zu sagen.«

»Sie werden . . .« fauchte der Hofrat.

»Nein!« erwiderte Emil. »Ich werde nicht. Weder werde ich zurücknehmen, noch Ihnen Genugtuung geben. Aber Sie brauchen sich nicht zu erregen, es hat niemand außer Ihnen und mir gehört.«

Der Hofrat wandte sich um.

»Die Türen sind zu und mit Filz belegt,« beruhigte ihn Emil. »Bitte, setzen Sie sich, damit wir das Geschäft endlich zu Ende bringen.«

Der Hofrat machte noch ein paar Bewegungen mit dem Arm, die darauf schließen ließen, daß er gern noch etwas gesagt hätte.

»Es ist wirklich nicht nötig, Herr Hofrat,« beteuerte Emil. »Ich weiß im voraus alles, was Sie sagen wollen.«

Karz setzte sich, wies auf das Blatt und sagte:

»Wünschen Sie, daß ich weiter lese?«

»Wozu? Die Leute glauben Ihnen doch mehr als mir.«

»Wer?« fragte der Hofrat zaghaft.

»Die Auskunfteien. Ich könnte also berichtigen, soviel ich wollte – die würden doch bei ihrer Schilderung bleiben, wonach Sie der prominente, angesehene . . .«

»Sie glauben doch nicht etwa, daß diese Auskünfte von mir stammen?«

»Natürlich glaube ich das. Irgendwoher müssen die Leute den Schwindel doch haben.«

»Schwindel?«

»Und da nur Sie ein Interesse daran haben, so stammen die Auskünfte, wenn vielleicht auch indirekt, von Ihnen.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort . . .«

»Das ich dankend ablehne.«

»Sie beleidigen mich in einem fort«

»Sie irren sich. Ich gestatte mir nur den Luxus, nicht zu lügen.«

»Das . . . geht . . . aber . . . nicht. Ich kann mir unmöglich von Ihnen . . .«

»Solange wir zu zweit sind, sehe ich nicht ein, warum es nicht gehen sollte. – Also, wie ist es. mit dem Vertrag X-Y, sind Sie einverstanden?«

»Werden Sie zu Ihrem Y stehen?«

»Bevor ich mich entscheide, muß ich wissen, weshalb Ihnen an der Vernichtung der Bilder so viel liegt. Sind Sie gestohlen?«

»Herr!« rief der Hofrat und sprang auf. »Sie scheinen nicht zu wissen, mit wem . . .«

Emil schüttelte lächelnd den Kopf.

»So bleiben Sie doch endlich sitzen und seien Sie froh, daß Sie mal eine Viertelstunde lang nicht Theater zu spielen und sich nicht künstlich zu erregen brauchen.«

»Sie werfen mir Diebstahl an den Kopf und verlangen, daß ich dabei ruhig sitzenbleibe?«

»Ja,« erwiderte Emil vollkommen ruhig. »Ich habe Ihnen doch schon gesagt, es hört uns niemand. – Also bitte, setzen Sie sich.«

Und Karz sagte, indem er wieder Platz nahm:

»Die Bilder sind natürlich nicht gestohlen.«

»Was sind sie denn?«

»Um mich zu verstehen . . .«

»Ich verstehe Sie sehr gut«

»Es war im Jahre neunzehnhundert . . .«

»Wenn Sie mir ein Märchen erzählen wollen – bitte nach Geschäftsschluß.«

»Zur Zeit der Inflation . . .«

»Ich will wissen, was mit den Bildern ist?«

»Sie – sind – falsch!«

Emil riß den Mund weit auf.

»Wissen Sie das genau?«

Der Hofrat nickte mit dem Kopf.

»Und dann machen Sie uns die Arbeit?«

Das war, zum mindesten für Karz, nicht ganz verständlich. Er ging denn auch nicht weiter darauf ein.

»Wenn ein anderer als Sie die Bilder wiederbeschafft, sie in den Handel bringt . . .«

»Kommt der Schwindel raus und man verhaftet Sie wegen Versicherungsbetrugs.«

»Ich könnte ja auf die Versicherungssumme verzichten. Aber ich bin gesellschaftlich blamiert«

»Und Sie haben zwei Jahre lang den Betrug aufrechterhalten?«

»Hin und wieder hat mal einer die Echtheit angezweifelt. Man hat ihn überzeugt – Sie verstehen – daraufhin hat er erklärt, es sei ein Irrtum gewesen. Ich kann Ihnen sagen, die Kopien sind meisterhaft.«

»Ich weiß! Ich weiß!«

»Wie denn? – Sie kennen . . .?«

»Das sagte ich ja schon. Wir wissen genau Bescheid, wo Wertobjekte sind, die Einbrecher anziehen könnten. Über Ihre Galerie haben wir erst ganz vor kurzem ein Gutachten von einem Kenner, der in Ihrem Hause verkehrt, eingeholt . . . einem . . . ja, wie hieß er doch? – Es war ein Doppelname . . . Born – Born – richtig Boerne! Doktor Peter Boerner. Er hat dreihundert Mark liquidiert.«

»Ja, Verehrtester, da haben Sie Pech gehabt. Der Mann war befangen. Er gehört zu denen, die dank meinem –« er machte eine nicht mißzuverstehende Handbewegung – »warmen Zuspruch umlernten. Sie können doch unmöglich von einem Mann der Gesellschaft verlangen, daß er heute seiner Überzeugung nach sagt: ›nein‹ – morgen dank meinem Zuspruch: ›ja‹ – und übermorgen, weil Sie ihn darum bitten, wieder: ›nein‹ – Dann hätten Sie ihm mindestens das Dreifache bieten müssen.«

Emil sah nach der Uhr und sagte:

»Also, Herr Hofrat, jetzt ist es fünf Uhr dreißig.« – Er nahm den Hörer ab und rief: »Transportabteilung! – Ja? Hier Direktion. Wieviel Automobile haben Sie frei? – Genügt! – Fahren Sie sofort nach dem Lehrter Bahnhof. Um fünf Uhr achtundvierzig kommt der Bremer Zug mit unseren Leuten, die heute nacht den Hehlerautos die Beute aus dem Einbruch in die Grunewaldvilla abgejagt haben.«

Der Hofrat schob den Oberkörper über den Schreibtisch und brachte den Kopf dicht an den Apparat, um sich zu überzeugen, ob Emil tatsächlich telephonierte oder sich nur einen Scherz mit ihm erlaubte. Er hörte, wie eine tiefe Männerstimme »Jawohl, Herr Generaldirektor!« in den Apparat rief. Dann sprach Emil wieder:

»Die Autos fahren vom Lehrter Bahnhof aus nach dem Grunewald, Herthastraße eins, und stellen die Gemälde dem Eigentümer Herrn Hofrat Karz wieder zu.«

»Sie haben die Bilder schon?« fragte der Hofrat und sank auf seinen Sessel zurück.

»Ich nehme an, daß sie es sind,« erwiderte Emil, nahm den Hörer wieder ab und rief:

»Außenabteilung! – Hier Direktion. – Sagen Sie, haben unsere Leute, die heute nacht die Hehler im Auto in Richtung Bremen verfolgten, von unterwegs telephoniert, was für Bilder sie ihnen abgenommen haben? – Wieviel? – Achtundfünfzig – eins beschädigt?«

»Stimmt!« sagte Karz und wischte sich mit einem feinen Batisttuch den Schweiß von der Stirn. »Achtundfünfzig – und das beschädigte ist der Greco – es sind meine Bilder! – Gott sei Dank! – Ich atme wieder! – Sie sind ein Genie, Herr Generaldirektor! Und Sie werden jetzt Order geben, daß die Leute mir die Bilder nicht ins Haus bringen. Sie werden sie in einem Ihrer Depots unterstellen, achtgeben, daß kein Feuer ausbricht – Leinwand ist empfindlich – und dafür sorgen, daß, wenn durch Ihre Unvorsichtigkeit doch etwas passiert, das Feuer auf diesen einen Schuppen beschränkt bleibt. – So!« Er zog ein Scheckbuch aus der Tasche – »und nun gebe ich Ihnen einen Scheck über dreihunderttausend Mark – was sagen Sie nun?« – Er nahm eine Feder vom Schreibtisch und schrieb den Scheck aus. – »Leicht verdientes Geld für eine kleine Unvorsichtigkeit.«

Er reichte Emil den Scheck. Der betrachtete ihn und fragte:

»Wie hoch war doch die Versicherungssumme? Mir ist die Zahl entfallen.«

»Ziemlich erheblich,« erwiderte Karz.

»Die Summe will ich wissen.«

»Zwei Millionen und dreihundertfünfzigtausend Mark.«

»Großer Gott!« rief Emil und hielt sich am Schreibtisch fest. »Sie betrügen im Großen.«

»Was für ein häßliches Wort! Es ist ein Geschäft – vielleicht etwas anders als die üblichen . . .«

»Dann stimmt der Scheck wohl,« sagte Emil.

»Inwiefern?«

»Unsere Bedingungen lauten: zehn Prozent des wiederbeschafften Gutes. Sie haben uns überzahlt. Und zwar mit fünfundsechzigtausend Mark. – Falls das kein Versehen ist . . .«

»Es ist Absicht.«

Emil erhob und verbeugte sich.

»Vielen Dank im Namen der Firma und ihrer Angestellten.«

Er drückte auf einen Knopf, eine Sekretärin erschien, der er den Scheck mit den Worten überreichte :

»Geben Sie den Scheck bitte zur Kasse. Zweihundertfünfunddreißigtausend gehen auf Einnahmekonto, fünfundsechzigtausend auf Konto des Pensionsfonds der Angestellten« – und während die Sekretärin hinausging, fuhr er zu Karz gewandt fort: »Die nächtlichen Transportspesen und den Rücktransport nach dem Grunewald berechnen wir nicht besonders.«

Der Hof rat fuhr auf:

»Sie haben doch nicht im Ernst die Absicht, mir die Bilder . . .«

»Kein Wort mehr über diesen Punkt.«

»Dann geben Sie mir den Scheck wieder zurück.«

»Der Fall ist ordnungsmäßig erledigt – ich wüßte also nicht, wie ich dazu käme!«

»Das ist Betrug!« rief Karz. »Ich gehe zur Polizei!«

»Den Weg können Sie sich ersparen, Herr Hofrat! Sie stehen dem Kriminalkommissar Emil Aufrichtig gegenüber.«

Karz hielt sich am Schreibtisch fest.

»Wa . . .? Sie . . . sind . . . Krimi . . .?«

». . . nalkommissar!« ergänzte Emil. »Das Wort scheint Ihnen Unbehagen zu bereiten.«

»Ich . . . ich . . . habe . . . weit hinaufreichende Beziehungen.«

»Brandstiftung wird mit Zuchthaus bestraft.«

»Ich . . . kann . . . Ihnen . . . in Ihrer . . . Karriere . . . förderlich sein.«

»Der Anstifter wird wie der Täter bestraft.«

»In meinem – Hause . . . verkehrt . . . der Minis . . .«

»Auch der Versuch ist strafbar.«

»In . . . meinem . . . Konzern . . . ist ein Aufsichtsratsposten . . . zu . . . ver . . . geben.«

»Auch kann auf Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.«

»So ein Posten erfordert keine Arbeit und trägt an die dreißigtausend Mark im Jahre.«

»Herr, reden Sie sich hier nicht um Kopf und Kragen, sondern machen Sie, daß Sie hinauskommen.«

Der Hofrat zog sein Scheckbuch wieder heraus.

»Ein Blankoscheck,« murmelte er und bot Emil das Scheckbuch an. »Nehmen Sie!«

»Hinaus!« brüllte Emil und öffnete die Tür.

Der Hofrat griff nach seinem Zylinder und kroch wie ein geschlagener Hund zur Tür.

»Und lassen Sie sich ja nicht wieder bei mir blicken!« sagte Emil, als der Hofrat an ihm vorbeischlich. Dann schlug er hinter ihm die Tür zu, sagte: »Pfui Teufel!« und riß das Fenster auf.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.