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Artur Landsberger: Emil - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleEmil
authorArtur Landsberger
firstpub1926
year1926
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleEmil
pages1-354
created20060430
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel,
in dem Emil seine neue Familie kennenlernt

Emil überlegte gerade, auf welche Weise er sich für die Gründungsversammlung der A.-G. noch ein paar gut aussehende Aktionäre verschaffen könne, als Redlich hereingestürzt kam und rief:

»Jetzt ist dies Fräulein Aufrichtig aus Frankfurt tatsächlich da und wünscht einen von uns zu sprechen.«

»Ausgezeichnet!« erwiderte Emil. »Ich bin jetzt gerade in der richtigen Stimmung. Der Herr Polizeipräsident hat mir das Rückgrat gestärkt. Die neue Verwandtschaft kann stolz auf mich sein.«

»Du willst also wirklich?«

»Aber ja! – Sie möchte sich einen kleinen Augenblick gedulden – ich will nur schnell noch telephonieren.«

»Du kannst sie doch unmöglich in diesem Aufzug empfangen,« sagte Redlich, worauf Emil, der gerade vor einem Spiegel stand, ausrief:

»Wahrhaftig! Ich bin ja noch immer im Bademantel. – Aber ich finde, er steht mir ausgezeichnet. Und schließlich einer Verwandten gegenüber braucht man nicht so förmlich zu sein.«

»Du willst sie also so empfangen?«

»Ja! Ich verspreche mir davon sogar einen Erfolg.«

Redlich rief den Diener, der den Frühstückstisch abtrug, während Emil telephonierte.

»Lützow 1984. – Ist dort die Filmbörse? – Hier Redlich und Aufrichtig. – Hören Sie, ich brauche drei vorzüglich aussehende Herren – aber keine Schießbudenfiguren! Menschen mit Benehmen – verstanden? Cut, Bügelfalte und hohen Hut – was kostet das? – doppelte Taxe? – auch recht! – Nein doch! – umgekehrt! nichts von intellektuell. Ich sage Ihnen doch, so blöd wie irgend möglich – sie sollen Aktionäre in einer Generalversammlung vorstellen – gute Haltung – angenehmes Äußere, verbindliches Lächeln – am liebsten taubstumm. – Haben Sie nicht? Schade! – Ob die Leute was können müssen? – reiten? – Haben Sie schon mal eine reitende Generalversammlung gesehen? – Na also! – Richtig! Sie haben still zu sitzen und so zu tun, als ob sie von dem, was man ihnen erzählt, etwas verständen. Herren! Keine Garnitur, die aussieht, als wenn sie aus einem Modeschaufenster entsprungen wäre, auch keine Varieténummer, bei deren Anblick man das Gefühl hat, daß sie jeden Augenblick einen Schrank, einen Stuhl und womöglich einen selbst ergreifen, um mit einem Ball zu spielen. – Haben Sie mich also endlich verstanden? – ich verlasse mich darauf.«

Er hing den Hörer an und läutete, woraufhin der Diener die Tür öffnete und Fräulein Amalie Aufrichtig ins Zimmer ließ.

Es ist begreiflich, daß Emil auf diese erste Begegnung mit einem Mitglied seiner neuen Verwandtschaft gespannt war. – Nun, Fräulein Aufrichtig bot keinerlei Überraschung. Sie war nicht jung, nicht alt, weder hübsch noch häßlich. Sie hatte ein nichtssagendes Gesicht, aber man sah ihr an, daß sie aus guter Familie war. Ein kleiner Stich ins Altjungfernhafte wurde durch Güte und Geschmack der Kleidung ausgeglichen. Die Sorgfalt, die sie auf die Pflege ihres Äußeren verwandte, gab ihr zwar keine persönliche Note, verriet aber, daß sie trotz ihrer – ja, wie alt mochte sie nur sein? – Jahre, noch nicht endgültig auf das verzichtet hatte, was man in diesen Kreisen Glück nennt, was im besten Falle aber eine zur Gewohnheit gewordene eheliche Gemeinschaft war. Und nun mag sich jeder nach seinem Geschmack ein Bild von ihr machen.

Emil fand sie nicht aufregend, aber passabel. Er trat ihr mit ausgesuchter Höflichkeit entgegen, wies auf seinen Bademantel und sagte:

»Verzeihen Sie, gnädige Frau – seit sechs Uhr versuche ich, mich anzukleiden – es ist mir nicht möglich – jeden Augenblick ein neuer Klient.«

»Ich störe also – aber Sie werden begreifen . . .«

»Ich begreife durchaus – bitte, nehmen Sie Platz!«

»Ich bin so erregt, ich stehe lieber!«

Emil, der sich gerade setzen wollte, blieb stehen und sagte:

»Dann gestatten Sie, daß auch ich . . .«

»Also, denken Sie, man ist bei mir eingebrochen! – Die Polizei . . .«

»Halt!« fiel er ihr ins Wort. »Liegt Ihnen daran, Ihre Sachen wiederzuerhalten oder an der Ergreifung der Täter?«

»An meinen Sachen natürlich.«

»Dann sorgen Sie vor allem dafür, daß die Polizei nichts erfährt.«

»Ja – wieso?« fragte sie erstaunt.

»Weil die Polizei durch Anschläge, Aussetzung von Belohnungen, Haussuchungen die Hehler beunruhigt.«

»Ja – und . . .?«

»Die Folge davon ist, daß die gestohlenen Sachen weiterverschoben und in Sicherheit gebracht werden.«

»Und Sie? Wie machen Sie es?«

»Keine Vernehmungen, keine Protokolle – weder Reden noch Papier – einfach: Sachkenntnis und schnelles Zugreifen.«

»Ja, wozu existiert da die Polizei?«

»Sagen Sie das nicht, sie hat sich bei der Durchführung des Impfzwanges und der Hundesperre durchaus bewährt.«

»Wenn ich Ihnen also meinen Fall vortragen darf?«

»Ich bitte darum.«

»Also denken Sie, ich lege mich immer um zehn Uhr schlafen.«

»Wie denn? Sie gehen jeden Abend . . .?«

». . . um zehn Uhr ins Bett!«

»Ja, wozu leben Sie dann?«

»Seitdem mein Mann tot ist.«

»Oh, gnädige Frau sind junge Witwe?«

»Seit zehn Jahren.«

»Nicht möglich.«

»Wieso?«

»Dann müssen Sie ja als Kind geheiratet haben.«

»Sehr höflich. Aber ich glaube doch, daß ich gerade heute scheußlich aussehe.«

»Wie müssen Sie sonst aussehen, wenn Sie das scheußlich nennen.«

»Ich hatte natürlich weder Zeit noch Ruhe . . . in solcher Erregung achtet man nicht darauf.«

»Ich muß Ihnen sagen, daß diese Erregung Ihnen ganz vorzüglich steht.«

»Oh! – So höflich ist man mir schon lange nicht begegnet.« – Sie nahm einen Handspiegel heraus, den ihr Emil sofort abnahm.

»Sie gestatten, daß ich halte?«

»Wirklich sehr freundlich,« sagte sie und machte sich vor dem Spiegel zurecht – mit einer Sorgfalt, die sie schon lange nicht mehr auf sich verwandt hatte.

»So!« sagte sie, als sie fertig war, und Emil rief:

»Herrlich! Fast zu viel!«

Daraufhin griff sie noch einmal hastig nach dem Spiegel – wischte etwas Puder ab, wandte sich dann wieder an Emil und fragte:

»Ist es so besser?«

»Wenn Sie gestatten?« erwiderte er und tupfte mit der Hand in ihrem Gesicht herum. Dann sagte er:

»So!« und hielt ihr den Spiegel hin. »Wenn Sie sich bitte überzeugen wollen?«

Sie erwiderte lächelnd:

»Sie haben recht! Sie haben eine Art, einen zu beruhigen. Ich staune über mich selbst.«

»Ich bitt' Sie, gnädige Frau! Sie werden sich eines Einbruchs wegen doch nicht echauffieren? Dazu sind wir da, um die Folgen – und damit den Grund zur Erregung abzuwenden.«

»Das ist gewiß sehr lieb von Ihnen. Aber mir ist von meinem Toilettentisch weg – während ich nebenan bei offener Tür schlief, mein Kollier im Werte von zehntausend Goldmark gestohlen worden.«

»Ich schätze es auf das Doppelte,« erwiderte er.

»Sie? . . . Wieso Sie?«

»Gnädige Frau vergessen, daß Perlen um hundert Prozent im Werte gestiegen sind.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Die große Perle in der Mitte ist allein sechstausend Mark wert.«

»Sie . . . Sie . . . wissen?«

Emil griff in die Tasche, holte das Kollier heraus und legte es vor sie auf den Tisch.

»Das ist es!« rief sie.

»Der Einbruch muß vor zwölf Uhr nachts erfolgt sein, denn nach Angabe meiner Beamten, die alle Hehlernester nachts über beobachten, sind die Einbrecher bereits um zwölf Uhr dreißig mit ihrer Beute in der Grenadierstraße gewesen.«

»Das ist ja kaum glaublich!«

»Um zwölf Uhr fünfzig verließen sie den Hehler, dem meine Beamten zehn Minuten später die Beute wieder abjagten.«

Amalie, die von einem Staunen ins andere fiel, sagte:

»Ja, wie ist denn das möglich?«

»Passion, gnädige Frau! Der eine hat sein Vergnügen daran, daß er sich einen Rennstall hält, der andere fährt in seiner Yacht um die Welt, ich finde meine Befriedigung darin, meinen Mitmenschen im Kampfe gegen das Verbrechertum zu helfen.«

»Wie edel!«

»Egoismus, Verehrteste! Es wirkt auf mein Gemüt! Und stimmt mich heiter!«

»Es zeugt jedenfalls von hoher Gesinnung.«

»Eher von Kinderstube. Der Stall, aus dem man stammt und in dem man aufwächst, bestimmt unseren Charakter.«

»Sie sind demnach von altem Adel?«

»Von bürgerlichem Adel. Und ich bin stolz darauf.« – Er tat erschrocken. »Ja, vergaß ich im geschäftlichen Eifer etwa, mich vorzustellen?«

»Ich glaube wohl!«

»Verzeihen Sie!« rief er und sprang auf, stell sich vor:

»Aufrichtig! Emil Aufrichtig!«

»Wie? – doch nicht etwa aus . . .«

»Ich stamme nicht aus Berlin.«

»Ich auch nicht.«

»Der Stammsitz meiner Familie ist Frankfurt am Main.«

»Doch nicht etwa ein Abkomme von Jakob Ephraim Aufrichtig?«

»Mein Urgroßvater!«

»Nicht möglich!«

»Sie kennen ihn?«

»So alt bin ich denn doch nicht,« erwiderte Amalie. »Er starb im Jahre achtzehnhundertsiebenundzwanzig!«

»Stimmt! – Ja, woher wissen Sie so gut in meiner Familie Bescheid?«

»Weil es die meine ist.«

»Wie? . . . was? . . . Sie sind . . .? Ja, jetzt erinnere ich mich auch Ihres Namens . . .!«

»Wenn Jakob Ephraim der Urgroßvater war, dann sind Sie ein Enkel von Martin Aufrichtig.«

»Der bin ich.«

»Also ein Sohn vom Onkel Ferdinand?«

»Das ist mein Vater.«

»Ein Neffe demnach von Manfred Aufrichtig?«

Emil wurde kalt und heiß. Wie war es möglich, das alles zu behalten? Er sagte laut:

»Der gute Onkel Manfred!«

»Er ist mein Vater!«

»Nicht möglich. – Ja, dann bin ich ja . . .«

»Mein Großneffe.«

»Stimmt! – Also Sie sind die Tante Amalie! – Als ich noch so ein Bub war, hat die Mama schon von Ihnen erzählt«

»Wir hingen sehr aneinander – Ella und ich . . .«

»Ella? – wieso Ella?«

»Ihre Mama!«

»Die gute Mutter!«

Amalie seufzte auf. Emil seufzte noch tiefer.

»Ja wissen Sie denn?« fragte Amalie.

»Natürlich weiß ich – alles weiß ich.«

»Ich denke, man hat es den Kindern damals verschwiegen?«

Emil entgleiste:

»Das hätten Sie vorher sagen sollen,« meinte er und Amalie fragte erstaunt:

»Wie, bitte?«

»Ich meine . . . ich . . . ich . . . leide noch heute darunter.«

»Seit wann kennen Sie denn das Schicksal Ihrer Mutter, meiner armen Tante Ella?«

»Sprechen wir nicht davon.«

»Sie haben recht. Ich will die alten Wunden nicht wieder aufreißen.«

»Wenn Sie wüßten!«

»Ich kann mir denken!«

»Ich mir leider nicht,« dachte Emil.

»Wie Sie als Sohn darunter gelitten haben müssen.«

»Ich leide noch! und wie!« erwiderte Emil und litt jetzt wirklich.

»Sie gingen nach Penang damals?«

»Penang?«

»Hat man uns etwa belogen? Man hat uns erzählt, daß Ihr Vater mit Ihnen und Ihrer Schwester nach dem Unglück nach Penang fuhr.«

»Ja! ja – da waren wir! – Tage, Wochen, monatelang!« erwiderte Emil, ohne eine Ahnung zu haben, wo Penang lag.

»Er lebt noch?« fragte Amalie.

»Sie wissen nicht?«

»Niemand von uns hat mehr etwas von ihnen gehört«

»Großartig!« entfuhr es Emil, und als ihn Amalie daraufhin entgeistert ansah, wiederholte er: »Großartig geht es ihm!«

»Er war ein Genie! – leider nur ein zu großer Optimist.«

»Sagen Sie nichts gegen Papa! Er war wie er war – zu mir und meiner Schwester . . .« – er hatte vergessen, wie sie hieß.

»Zu Erna?«

»Ja! Was Sie für ein Gedächtnis haben!«

»Sie war ein so schönes Kind.«

»Sie ist es noch.«

»Sie muß doch heute an die fünfundzwanzig sein?«

»Ist sie! Ist sie!«

»Verheiratet?«

»Ja! – das heißt . . .«

»Am Ende nicht glücklich?«

»Doch! doch! aber Sie können sich denken: in – Pe . . . lang – in Berlin lebt es sich besser.«

»Was ist ihr Mann?«

»Allerhand!«

»Er hat keinen festen Beruf?«

»Wie das so bei uns in Pelang ist.«

»Furchtbar heiß, nicht wahr?«

»Entsetzlich – im Sommer vor allen Dingen.«

»Seit wann sind Sie von da fort?«

»Seit ein paar Wochen.«

»Wie? Man fährt ja doch wohl zwei Monate?«

»Für gewöhnlich. Aber wir haben einen Teil der Reise im Flugzeug zurückgelegt.«

»Übers Meer? – Wie interessant.«

»Sehr interessant!« – Und er dachte: Wenn ich nur eine Ahnung hätte, wo das Nest liegt!

»Und warum haben Sie sich nicht in Frankfurt sehen lassen? Wir hätten Sie mit offenen Armen empfangen.«

»Ich wollte mir erst eine Position erringen.«

»Daran erkennt man einen Aufrichtig!«

»Ich weiß, was ich meinem Namen schulde.«

»Wie mein seliger Vater! – Als ob ich ihn vor mir sehe.«

»Das hat man mir oft gesagt.«

»Daher waren Sie mir auch gleich so sympathisch.«

»Und ich fühlte mich in der ersten Minute zu Ihnen hingezogen.«

Amalie war gerührt. Sie trat dicht an Emil heran und sagte:

»Da wir nun doch miteinander verwandt sind . . .«

»Ich fühle es!«

»So wollen wir ›du‹ zueinander sagen.«

Sie hielt ihm beide Hände hin. Er ergriff sie.

»Darf ich?« fragte er und küßte sie auf den Mund, noch ehe sie eine Antwort gab. Aber sie hielt so still, daß man sah, sie hätte nicht ›nein‹ gesagt.

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