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Else von der Tanne

Wilhelm Raabe: Else von der Tanne - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleElse von der Tanne
authorWilhelm Raabe
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007575-0
titleElse von der Tanne
pages1-41
created19990531
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Noch längere Zeit nachdem die Tochter leicht und heiter dem Geistlichen entgegengegangen war, blieb der Meister Konrad verschlossen und finster und gestattete erst allmählich, als der Einfluß des Gelehrten auf den Gelehrten zu wirken begonnen hatte, einen tiefern Einblick in die Geschichte seines Lebens. Das Unglück maß damals mit einem gewaltigen Maß, und kein Schrecken und Schmerz, welche den Menschen treffen mochten, waren so groß, daß sie nicht noch durch gräßlicheres Unheil überboten werden konnten. Seinen Namen nannte der Magister nie; doch von seinen Schicksalen erzählte er im Laufe der Jahre bruchstücksweise, und das Herz erzitterte, sie zu hören; wir können aber nur kurz davon Bericht geben, da wir nicht seine Geschichte beschreiben.

Er war ein Lehrer an der Domschule der unglücklichen Stadt Magdeburg gewesen, und mit seinem Hause waren sein Weib und seine beiden ältesten Kinder verbrannt am zehnten Mai des Jahres sechzehnhunderteinunddreißig. Ihn selber hatte das Geschick mit dem jüngsten Kind in die Domkirche unter die tausend jammervollen Menschen geschleudert, welchen nach drei Tagen der Todesangst der kaiserliche General, Johann Tzerklas von Tilly, das schenkte, was allein er ihnen nicht nahm, das Leben. Des Meisters Name stand auch unter dem Briefe, in welchem die letzten übriggebliebenen Bewohner der großen, zertrümmerten Stadt die stromabwärts liegenden Städte, Dörfer und Flecken bis nach Hamburg um Gottes und Jesu Christi willen baten, die sechstausend Leichname ihrer Mitbürger und Verwandten, welche der Feind, um die Gassen zu räumen, in die Elbe geworfen hatte, nicht den Tieren des Waldes und Feldes zu überlassen, sondern sie barmherzig und christlich zu bestatten, wenn der Fluß sie zu ihnen tragen würde. Vier Jahre wohnte der Magister Konrad unter den Trümmern. Auf die erste stumpfsinnige Betäubung folgte die gottlästernde Verzweiflung und dieser die unheilbare, herzzerfressende, täglich wachsende Melancholie. Das neue Leben, welches sich auf der schwarzgebrannten, blutgetränkten Stätte um ihn her kümmerlich und kläglich erhob, hatte keinen Sinn für ihn; die Geister der erschlagenen dreißigtausend Männer, Weiber und Kinder, welche in den Ruinen umgingen, machten diese winzige, trostlose Lebendigkeit selber zu einem Spuk; und der Schatten der versunkenen Stadt duldete kein Sonnenlicht über den neuen Wohnstätten, die aus rauchgeschwärzten Mauersteinen und halbverkohlten Balken langsam aufwuchsen. Und die Pest saß mit unter den Trümmern und wich nicht; neue Kriegesstürme brausten heran und drangen durch die alten Breschen der Wallonen und Kroaten und fuhren grimmig durch die offenen Pforten der Stadt, deren Torflügel seit dem zehnten Mai zu Boden lagen wie alles andere. Vergeblich versuchte es der Gelehrte, seinen Lehrstuhl wieder aufzurichten; in allem vernichtet, wich der Meister Konrad im vierten Jahre nach der Verwüstung gen Halberstadt und von dort in den Wald, um den Menschen, dem Greuel der Welt ganz zu entfliehen und sein Kind zu retten aus dem Chaos und der Sünde der Zeit. – Wir haben erzählt, wie ihm die Leute von Wallrode im Elend und ihr Pfarrer Friedemann Leutenbacher seine Hütte an der hohen Tanne bauen halfen und wie er sein Einsiedlerleben daselbst begann. – – –

 

Wollte dieser Schneesturm nimmer zu einem Ende kommen? Mächtiger und mächtiger sauste und brauste es und schüttete die weißen Lasten auf Forst und Dorf. Es knackte und knirschte das Gezweig, es krachten die Stämme; der Wolf heulte, wenn die Windsbraut Atem schöpfte, und durch all den Aufruhr der Natur klang dem Pfarrer Friedemann Leutenbacher ein Lied ins Ohr, Verse aus einem Liede, welches Else von der Tanne gesungen hatte:

Vierzehn lange, lange Wochen
Gab die Liga Sturm auf Sturm,
Vierzehn lange, lange Wochen
Trotzte Mauer, Wall und Turm.
Tapfre, fromme, teutsche Bürger
Schützten Glauben, Ehr' und Haus –
Dreißigtausend Ketzer-Leben
Rottet heut die Kirche aus.

Stadt gewonnen! all gewonnen!
Und des Kaisers Feldherr spricht:
Seit Jerusalem verloren,
Sah man solch Victori nicht!
Heilige Jungfrau, Mutter Gottes,
Dank und Gloria! Dir die Ehr'!
Seit man Troja hat gewonnen,
Sah man solchen Sieg nicht mehr!

Aber nicht bloß dieses Lied, nein, manch andere Weisen, deren Noten niemals eine Menschenhand auf Papier festgebannt hatte wie die Buchstaben eines Buches, sang Else von der Tanne! Else von der Tanne, die schönste Maid – Else von der Tanne, die von der Sünde und dem Greuel der Welt im Wald, im Elend unberührt geblieben war! Else von der Tanne, die reinste, heiligste Blume in der grauenvollen Wüstenei der Erde – Else von der Tanne, die Seele des großen Waldes! Der Pfarrer Friedemann Leutenbacher im Elend mußte beide Hände vor das Gesicht schlagen, er mußte bitter weinen: Die winterliche Sturmnacht mußte endlich doch zu ihrem Ende gelangen; aber die Nacht, welche sein Leben jetzt bedrohte, die konnte nicht enden, solange er noch unter den Lebenden wandelte.

Else von der Tanne hatte als Kind an seiner Seite gesessen und hatte um seine Knie gespielt, während er mit ihrem finstern Vater ernstes Gespräch über der Welt Lauf und Bedrängnis pflog. Er war so jung geblieben in seiner Verlassenheit, daß er mit ihr ein Kind sein konnte, daß in ihrem kindischen Herzen kein Ton anklingen konnte, der nicht in seiner Brust einen Widerhall fand. Gleich einem Träumenden kam er stets von einem solchen lieblichen Verkehr heim in seine öde Wohnung zu seinem armen, blöden, gequälten, mißtrauischen Volk. Es war ein ander Ding, mit dem kleinen Mädchen am Weiher mitten im dunkeln Forst zu sitzen, als allein mit der Furcht vor dem eigenen Bild im Wasser. Das lachende Gesichtchen des Kindes in der Flut war nicht gespenstisch. An der Seite Elses schauderte und fröstelte den Pfarrherrn nicht mehr vor den hohen Geheimnissen der Natur; – Else von der Tanne verstand die Sprache der Tiere, des Windes, des Lichtes ganz anders und viel besser als der Pfarrherr, und der Pfarrherr hatte viel mehr von dem Kinde zu lernen als das Kind von ihm.

Wie sich die junge Seele von Frühling zu Frühling mehr entfaltete, erschlossen sich auch mehr und höhere Geheimnisse in der Brust Friedemann Leutenbachers, und als Else von der Tanne die schönste der Jungfrauen geworden war, da war der Pfarrer im Elend mit ihr gewachsen und trotz seiner Jahre so jung wie sie. Es war entsetzlich – ein Schmerz sondergleichen, an diesen Glanz, diese Holdseligkeit des Lebens, welche auf ewig versinken sollten, in dieser winterlichen Sturmesnacht denken zu müssen.

Gestern noch war der Wald grün, gestern noch blühten alle Blumen, sprangen alle Quellen; gestern noch wandelte Else von der Tanne in der Anmutigkeit des Jahres, und so weit auch Friedemann Leutenbacher vom höchsten Bergesgipfel über die Herrlichkeit des blühenden, funkelnden Landes blicken mochte, nichts herrlicheres gab es, so weit das Auge und das Herz reichten, als Else von der Tanne.

Die schwarzen, schrecklichen Striche, welche die Heereszüge durch die Ebene gezogen hatten, waren ausgelöscht; die roten Narben um die Handgelenke des Pfarrherrn von Wallrode waren Zeichen der Verheißung wie der Griff des Engels an der Hüfte Jakobs auf der Stätte Pnuel, die da heißt: Ich habe Gott gesehen, und meine Seele ist genesen.

Gestern, gestern! Wer kann den Gram ermessen, welcher sich in dem kleinen Worte bergen kann? Es ist der gierige Schlund, der das gespenstische »morgen« gebiert, welches uns mit tausendfachen Schrecken ängstet, bis die finstere Höhle, die alles verschlingt, wodurch wir leben, uns selber in ihre Tiefen herabzieht.

Gestern wandelte Else von der Tanne im Lichte des Frühlings und des Lebens, und heute – heute schrieb der Pfarrherr zu Wallrode im Elend die Weihnachtspredigt für sein Dorf, durch welches Else von der Tanne getötet war.

Dies aber ist die Geschichte des Todes der Jungfrau.

In der fünften Woche nach Pfingsten des Jahres sechzehnhundertachtundvierzig, am Tage Johannis des Täufers, wollte Ehrn Friedemann Leutenbacher in seinem verwüsteten Kirchlein das Abendmahl austeilen, und am Tage vorher hatte ihm der Meister Konrad im Walde gesagt, daß er mit seinem Kinde herniedersteigen würde, um des heiligen Geheimnisses teilhaftig zu werden. Else aber hatte zu diesen Worten ihres Vaters genickt und lächelnd gesprochen:

»Ja, Herr Pfarrer, wir kommen herab aus dem Walde; und dann nehmen wir Euch nach dem heiligen Werke mit uns zurück. Es ist mein Geburtstag morgen, den müsset Ihr mir feiern helfen. Ihr müsset mir ein Sträußlein und einen Glückwunsch in Reimen bringen.«

Ehrn Friedemann hatte auch gelächelt und genickt und gesagt: er wolle schauen, daß er die Blumen zum Strauß und die Reime zum guten Wunsch mit den Blumen am Wege zum Walde finde.

Dann hatte er, als der Mond aufstieg, Abschied genommen und hatte, als er sich am Fels wendete, die zarte Gestalt im weißen Schein des Mondes stehen sehen und neben ihr das zahme Reh. Die letzte Nachtigall des Jahres hatte ihr letztes Lied gesungen, und als der Pfarrer aus dem Walde hervorgetreten war, lag über den Bergen jenseits des Dorfes ein fernes Gewitter, dessen Blitze er leuchten sah, dessen Donner er aber nicht hören konnte. Die ganze Nacht hindurch war er von bösen, angstvollen Träumen geplagt; und wenn er sich halb ermunterte, nachdem er erschreckt aus dem peinlichen Schattenspiel aufgefahren war, vermeinte er immerfort den heftigsten Regen auf seinem morschen Dach und vor seinem Fenster zu vernehmen. Das war jedoch nur Täuschung; nur ein nicht starker Wind rauschte die ganze Nacht, von Mitternacht an, in den Bäumen, und die aufsteigende frühe Sonne fand einen wolkenfreien Himmel, ihre Bahn daran durch einen schönen Sommertag zu laufen.

Die kleine Kirchenglocke hatten die Kroaten mit sich fortgeführt; sie konnte die Gemeinde nicht zusammenrufen. Ein Kind, vom Pfarrhaus geschickt, lief von Hütte zu Hütte und sagte an, daß der Pastor zum Dienste am Worte Gottes bereit sei.

Mit Sonnenaufgang hatten der Magister Konrad und Else ihre Hütte verlassen, ohne von dem Dorfkinde aufgefordert zu sein. Lieblich lag der Sonnenmorgen über dem Walde; lieblich erregten sich die Vögel in Baum, Strauch und blauer Luft; und jeder Quell sprang und lief freudiger und mutwilliger in den Johannistag hinein.

Das zahme Reh begleitete die schöne Herrin mit fröhlichen Sprüngen und schmeichelndem Anschmiegen durch den Forst; und der Meister und Vater mit seinem jetzt so weißen, ehrwürdigen Bart und seinem langen Stabe glich wahrlich wohl einem Zauberer, aber einem guten, der ein aus dem Bann und der Gewalt unheimlicher Mächte gerettetes Königskind durch den Forst geleitete.

Bis an den Rand des großen Waldes ging das Reh freudig mit der Herrin, wie im Tanz; doch als ein letzter lustiger Sprung unter den letzten Bäumen es plötzlich in das helle Sonnenlicht brachte, da fuhr es in jähem Schreck zusammen und zurück. Zitternd stand's und sah nach dem Dorf hinunter, und dann gebärdete es sich ganz seltsam und wollte in keiner Weise leiden, daß die Jungfrau fürderschreite und den grünen Schatten verlasse. Trotz aller Liebkosungen und Beschwichtungen wurde es immer heftiger und ungebärdiger, so daß es zuletzt vom Meister Konrad schier mit Gewalt verscheucht werden mußte. Ach, es redete nur seine Sprache, und die konnten oder wollten die stolzen Menschen nicht verstehen. Betrübt stand es unter den Bäumen und sah dem Meister und der schönen Else nach, wie sie auf dem gewundenen Wege durch die kümmerlich bestellten Felder gegen das Dorf schritten; dann stürzte es im wildesten Lauf durch den Wald und verlor sich im Dickicht, wie gejagt von Angst und Entsetzen.

Schon auf dem Feldwege trafen der Vater und die Tochter mit Leuten zusammen, die ihren Gruß nicht erwiderten, auf freundliche Worte nicht antworteten, sondern sich scheu und mißtrauisch abwendeten und zur Seite weiterschlichen. Deren Blicke und Gebärden warnten deutlicher, als die Augen des Rehes es vermochten; aber die Wanderer ließen sich auch durch sie nicht den Weg versperren, sondern wanderten langsam fürbaß, ein jedes tief versunken in seine eigenen Gedanken, ihrem Ziele zu.

An dem Kirchweg saß ein altes Weiblein, dessen Ruf im Dorfe auch bös war wegen teuflischen Willens und Vermögens, dessen Macht aber zu sehr gefürchtet wurde, als daß man sich an ihm vergriffen hätte. Diese alte Frau hob, als die Jungfrau vorüber schritt, das Haupt von den Knien, winkte mit der dürren Hand und rief mit heiserer Stimme:

»Hüt dich, hüt dich Mägdlein! Hüt dein jung Leben, Liebchen. Dein Schatten gehet vor dir, fall nicht über deinen Schatten! Wer fällt, fällt in seinen Schatten, und nicht alle stehen wieder auf.«

Der Meister Konrad schüttelte nur traurig den Kopf, doch Else von der Tanne nickte dankbar; – mit heiserer Stimme sang die Alte hinter ihr:

»Herzeleins pochend Weben
Kündet dir: Tod im Leben! –
Stirn so weiß und fein,
Denk: Schatten im Sonnenschein!«

Dann legte sie das Gesicht wieder auf die Knie. –

Auf dem Friedhofe vor der Kirche wartete die Gemeinde von Wallrode im Elend ihres Predigers. Die Alten schwatzten untereinander, die Jungen kosten und lachten oder neckten und höhnten einander, die Kinder jagten sich um die Gräber; aber als der Meister Konrad und Else sich zeigten, kam das alles zu einem plötzlichen Ende, und eine solche Bewegung entstand unter dem Volk, daß die Jungfrau jetzt fast ebenso angstvoll wie ihr Rehlein sich an den Vater drängte und dieser unwillkürlich seinen Stab zur Abwehr fester faßte.

»Die Hex'! die Hex'! der Hexenmeister!« ging es anfangs leise, dann immer lauter in die Runde. »Was wollen sie hier? Weshalb kommen sie herab aus ihrem Schlupfloch? Sie sollen bleiben, wo sie sind! Sie sollen nicht herniederkommen ins Dorf! Schlagt sie – treibet sie von dannen – räuchert sie aus!«

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