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Else von der Tanne

Wilhelm Raabe: Else von der Tanne - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleElse von der Tanne
authorWilhelm Raabe
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007575-0
titleElse von der Tanne
pages1-41
created19990531
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Als der Fremde seiner ansichtig wurde, stand er schnell auf, schritt dem Pfarrherrn entgegen und lüftete ein wenig den Filzhut, bot sodann ganz höflich die Zeit und sprach auf lateinisch:

»Domine, mich verlangt, dir zu sagen, daß es mir leid ist um den Tag, an welchem wir zuerst uns sahen. Die Zeit sprach aus mir und mein Schicksal; verzeihe mir. Non sum impostor, nec proditor, nec erro, nec magus, nec thraso, ich bin kein Betrüger oder Verräter, kein Landstreicher oder Schwarzkünstler, kein Schnarchhans. Ich bin ein Sohn deines Volkes und wie das Vaterland im Elend. Ich komme aus der Ferne und will bei Euch wohnen; will eine Hütte im Walde bauen für mein Kind – hilf mir, daß es so geschehe, ich will es auch den Leuten deines Dorfes lohnen.«

Staunend über solche Rede, hub der junge Pfarrherr die Hände; diese Sprache hatte er nicht erwarten können. Sie trug den Fremden so hoch hinaus über die armen Menschen, unter welchen der Prediger bis jetzt seine Tage verbringen mußte, daß Ehrn Friedemann fast die Antwort vergaß und sich erst besann, als ihn der Fremde recht ungeduldig ansah. Nun redete auch er in lateinischer Zunge zu dem Fremden und meinte: hocherfreulich müsse ihm die Ankunft und Absicht eines solchen Mannes sein; doch verwunderlich erscheine letztere ihm auch. Der Winter sei vor der Tür; und hart, rauh und langdauernd sei er in diesem Lande, und es sei doch wohl nicht gut und barmherzig, ein zart klein Kind allen Gefahren und Beschwerden der Wildnis auszusetzen. Das Dorf sei arm, sprach der Pfarrherr, und habe arg und viel gelitten von der langen, schrecklichen Kriegesnot, doch biete es zuletzt immer noch einen bessern Schutz und Zufluchtsort als der wilde Forst; es stehe mehr denn eine Hütte leer, deren solle der Herr die Wahl haben, und er – Friedemann Leutenbacher – wolle in allem helfen und zu Rat und Handen sein, wo und wie er könne.

Auf diese Rede schüttelte der Fremde nur den Kopf und antwortete: er sei dankbar, doch sein Entschluß stehe fest; sein Sinn sei nicht angetan, unter den Menschen zu wohnen, sein Kind aber müsse bei ihm wohnen im Wald und könne es auch.

Ganz verdutzt hatten die Bauern von Wallrode während dieses Zwiegesprächs gestanden. Ihre Blicke wanderten zwischen ihrem Pfarrherrn und dem Fremden hin und her, sie kratzten sich hinter den Ohren und stießen einander in die Seiten und schlossen ihren Kreis immer enger. Jetzt aber setzte ihnen Ehrn Friedemann Leutenbacher auseinander, was der fremde Mann wünsche und verlange, und nun erhob sich ein Gemurmel in der Gemeinde, welches allmählich zum lauten Geschrei wurde.

Die einen sagten, man müsse dem ausländischen Herrn helfen, da er Geld biete und wenig verlange; die andern vermeinten, dem Ding sei nicht zu trauen und das Wesen gefalle ihnen gar nicht. Letztere hatten den Kopf voll von allerlei unheimlichen Bedenken und meinten: sie traueten niemanden mehr, nicht dem Nachbar, nicht dem Verwandten, ja kaum noch dem Herrgott. Sie fluchten, wenn sie an die erduldeten Leiden und das gegenwärtige Elend dachten, und sie waren leider so im Recht, daß sie niemand darum strafen konnte.

Man könne nicht wissen, sagten sie, welchem neuen Unheil dieser fremde Mensch mit seiner seltsamlichen Begleitung vorangehe. Die Welt sei nun einmal wie ausgewechselt und so falsch, schlecht und blutig, daß ein jeglicher sich hüten solle und daß keiner mehr auf sich lade, als er müsse.

Sie redeten noch mancherlei und erhitzten sich immer mehr, bis sie wieder vor den begütigenden Worten des Pfarrherrn still wurden. Das Ende vom Widerstreit aber war, daß man den Fremden aufforderte, seinen Namen, Stand und früheren Wohnort anzugeben und darzutun, in welcher Weise er imstande sei, den guten Willen und die Hilfleistung des Dorfes Wallrode im Elend zu erkaufen.

Da sprach der Mann, er wolle sich nennen der Magister Konradus, mehr aber sei nicht zu wissen nötig, und werde er auch nichts weiter sagen. Was aber den zweiten Punkt anbelange, so solle man angeben, was man fordere für das, was er wünsche; nämlich eine Hütte und Frieden.

Als er bei diesen Worten in die Ledertasche an seiner Seite griff und vier Goldstücke hervorzog und sie in der hohlen Hand zeigte, da stießen die Bauern die Köpfe zusammen und berieten von neuem. Die Vorsichtigen, die Furchtsamen und die Schreier wurden überstimmt; es wurde beschlossen, dem Magister Konradus die erbetene Hilfe zu leisten und ihn an der hohen Tanne in Frieden wohnen zu lassen, solange er selber Friede halte.

Besiegelt wurde der Pakt durch einen Handschlag zwischen dem Pfarrherrn Friedemann Leutenbacher und dem Fremden, die Hütte wurde erbaut, aus altem Gebälk und Brettern, aus Rasen und Steinen – ein wüstes Ding, selbst solang es noch neu war. Der Magister Konradus aber wohnte in der Hütte an der hohen Tanne mit seinem Kind, und die vier gewaltigen Hunde hielten Wacht davor. Das schwarze Roß stand unter einem Wetterdach. – –

Zwölf lange, unruhvolle, mühselige, martervolle Jahre war's her, und es ist schon gesagt, wie die Welt, das Dorf Wallrode im Elend und der Pfarrer zu Wallrode, Ehrn Friedemann Leutenbacher, während dieser Zeit gelitten hatten. Aber über die verborgene Stelle im wilden Walde, über die Hütte an der hohen Tanne, in welcher der Magister Konradus mit seinem Kinde lebte, hatte das Geschick schützend seine Hand gehalten. Wie oft auch die Kriegsfurie diesen abgelegenen Erdenwinkel mit ihren Schrecken erreicht hatte, die Hütte an der hohen Tanne war stehengeblieben, und ihre einzigen Feinde waren die Jahre und die Witterung gewesen; die Leute aus dem Dorfe hatten es nicht gewagt, sie niederzulegen; obgleich sie oft genug den besten und bösesten Willen dazu hatten.

Nun dachte der Pfarrherr zu Wallrode im Elend, Herr Friedemann Leutenbacher, an diesem vierundzwanzigsten des Decembers sechzehnhundertachtundvierzig in Wonne und Schmerz daran, wie viele Fäden zwischen seiner Hütte und der Hütte an der hohen Tanne hin und wider liefen und wie sein Leben ein anderes geworden seit den Herbsttagen nach der blutigen Wittstocker Schlacht.

Er hatte in einer Wüste, einer Wildnis gelebt und nicht geahnet, daß es Blumen gebe in der Welt und daß der Boden dazu geschaffen sei, sie zu tränken und zu speisen und ihre Pracht und Schönheit als seinen Schmuck zu tragen. Nun hatte eine Wunderhand aus fremdem Lande in die Wildnis und Wüste ein grün Zweiglein getragen und es in die schwarze, traurige Erde gesteckt, und Ehrn Friedemann hatte in Verwunderung gestanden und zugesehen und die Bedeutung nicht gewußt. Aber ein jeglicher Tag, der kam, brachte dem Zweiglein sein Tröpfchen Segen, und jeglicher Tag, der kam, tat das Seine, das Wunder in der Wüste zur Vollendung zu bringen. Kein Wintersturm hatte dem schwanken, zarten Reis etwas an; keine Windsbraut, die den Forst mit Gewalt durchfuhr und die höchsten Tannen und Eichen brach, durfte diesem Reislein ein Leid antun; es wuchs in der Verborgenheit und wußte nicht, wie die Welt vor dem Wald aussah.

Durch die Wipfel der hohen Bäume sah die linde Sonne, die auch nichts von dem großen Kriege um den Glauben und dem Niederfall des Reiches wußte, lächelnd hernieder; und als es wieder einmal Frühling geworden, da war der Zauber vollendet, über Nacht war das Zweiglein zu einem Rosenstock worden und stand um und um mit verschlossenen Knospen, die des Sommers harrten. –

Der Magister Konrad hatte sich in seiner Hütte seltsam eingerichtet. Der Karren, welcher seine Habseligkeiten in den Wald trug, schien ebenfalls ein Wunderkarren zu sein. Es befanden sich darauf mehr Dinge, als man auf den ersten Blick glauben konnte, Hausgerät, bunte Teppiche, Bücher und Instrumente von wunderlicher Form, Tiegel und Gläser, die nicht zum Hausgebrauch dienen konnten – alles wohl verpackt. Als nun die Bauern von Wallrode ihre Arbeit und Hilfleistung an der hohen Tanne vollendet hatten, als die Hütte stand, zog der Fremde ein und richtete sein Wesen darin zurecht; vergeblich suchte er aber dabei die neugierigen Augen des Dorfes auszuschließen. Was er in dieser Hinsicht tun konnte, tat er freilich, und seine vier Rüden halfen ihm natürlich wacker dabei; aber selbst das wenige, was über seinen Haushalt unter die Leute kam, genügte, ihnen die Köpfe mit den merkwürdigsten Phantasien zu füllen. Die Übertreibung gesellte sich dazu, und die, so nichts gesehen hatten und alles nur vom Hörensagen kannten, nicht weniger als die, denen durch Zufall oder Gunst ein Einblick gestattet worden war, trugen dunkle, bedenkliche Gerüchte um, welche von Tag zu Tage, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahre sich ungeheuerlicher färbten und sich widriger festhängen um die dunkeln Herde von Wallrode im Elend. Da war bald niemand, alt oder jung – der Pfarrherr ausgenommen – im Dorfe, der nicht bereuete, einst seine Hand zum Aufbau der Hütte geliehen zu haben; da war bald niemand, welcher nicht mit Freuden seine Hand geboten hätte, sie wieder niederzuwerfen.

Die Stelle bei der hohen Tanne wurde verrufen, und was das heißen wollte um die Zeit, als der Dreißigjährige Krieg seinem Ende zuging, das mag sich jeder deuten, der weiß, was das böse Wort heute noch im Munde und Herzen des Volkes wiegt. Ach, es konnte ja niemand zu Wallrode im Elend, außer dem Pfarrherrn Friedemann Leutenbacher, wissen, daß es so viele tausend gute Gründe gab, die den Menschen mit dem, was ihm noch aus einer bessern Zeit, von einem besseren Selbst blieb, in die Einsamkeit trieben! – Nur um Ungeheuerliches, Furchtbares, Tag- und Lichtscheues zu brüten und zu schaffen, konnte sich der Fremde auf solche absonderliche Weise an solchem unheimlichen Orte verborgen haben; – das war die Meinung des Dorfes.

Zuletzt fanden der Magister Konradus und sein liebliches Kind, nachdem die Rüden bis auf den tapfern Marschalck, der auch nicht mehr sah und nicht mehr stark war, abgestorben waren, in dem Grauen, welches sich um ihr Leben in der Verborgenheit, um die Hütte an der hohen Tanne geisterhaft legte, den einzigen Schutz. Ja, dieses Grauen gab ihnen bessern Schutz, als der Pastor Leutenbacher mit allen seinen Ermahnungen, Warnungen und Bitten den armen, rohen, unwissenden Seelen in seiner Gemeine abringen konnte.

Daß der Pfarrherr von dem »fremden Volk« zuerst und am giftigsten verzaubert worden sei, wußte jedes Kind im Dorfe. Es war ihm »angetan«; selbst Gott der Herr, der doch alle Dinge gemacht hatte, konnte ihm kaum noch helfen.

Wahrlich lag auf dem Pfarrherrn Friedemann Leutenbacher ein Zauber, und ein gewaltiger! je mehr seine Nachbarn im Elend, seine Pfarrkinder sich mit Scheu und Abscheu von dem Wesen im Walde abwendeten, desto mehr und heftiger fühlte er sich dazu hingezogen, und wenn solches ein Zauber war, so war es doch kein Wunder.

Der Pfarrer im Elend hatte, im Gegensatz zu seiner Zeit, immerdar aufs innigste mit der Natur verkehrt; der arme hatte ja aus seinem und seiner Umgebung Jammer nie eine andere Zufluchtsstätte gehabt als den Wald, und wenn er wenig wußte von der gelehrten Kunst, jedes schöne Leben in Forst und Feld zu zergliedern und bei seinem lateinischen oder griechischen Namen zu nennen, so hielt er sich an die Namen, die Adam den Dingen gegeben, und ließ sie in jedweder Stimmung nach Adams Weise auf sich wirken. Er sah die Zeiten des Jahres – er sah den Nebel, den Regen, den Schnee, den Sonnen- und Mondenschein kommen und gehen. Er lehnte am knorrigen Stamme der Eiche im Schatten und blickte in das glänzende Land, dessen Brand- und Blutstätten, dessen verwüstete Felder und Fluren in der allgemeinen Schönheit, welche der Mensch der Erde, seinem theatro, nimmer zu nehmen vermag, verschwanden und untergingen. Er lag den sonnigen Tag über im Gras am Bergeshang und blickte über die schwarzen Lettern seines Neuen Testamentes in die geheimnisvolle Finsternis des Tannenwaldes und hörte die Tannen leise singen im Hauch des Windes. Weithin war er mit seiner Gegend vertraut, und jeden Fels und Stein, jeden Quell, jeden dunkelklaren Weiher im Forst kannte er und kam zu ihnen, mit ihnen zu verkehren wie mit Freunden und Verwandten – heute mit diesem, morgen mit dem, wie sein Herz und die bange oder leichtere Stimmung des Tages ihn trieben. Den dritten Teil seiner Predigten verfertigte er im Walde; – er trug seine Seele hinein und gab sie ihm.

Aber wenn der Mensch seine Seele gibt, so muß er auch eine Seele wieder empfangen, wenn sich nicht der hohe Segen zum bittersten Unheil verkehren soll, und es ist einerlei, ob die Seele einem Weibe, einer Dichtung oder einem großen Werk und Plan zum besten der Brüder des Erdentages gegeben werde. Nun war der Wald nur schön, erhaben, lieblich, feierlich: Eine Seele hatte er nicht wiederzugeben, wie das Weib, wie die grau gefärbte Tafel, wie das arme Blatt weißen Papiers. Einsam blieb der Pfarrherr Friedemann Leutenbacher im Schatten wie im Sonnenschein; selbst die Schönheit, Milde und Lieblichkeit der Natur mußten erdrückend werden.

Seit langen Jahren wagte Friedemann nicht mehr, das Echo mit seiner Stimme zu lustigem Gegenruf zu erwecken; er fürchtete sich vor der Stimme des Waldes, die seiner Verlassenheit spottete. Oft fuhr er schaudernd zurück vor seinem Bild im Quell oder im dunkeln, geheimnisvollen Waldteich; oft fuhr er erschreckt zusammen, wenn plötzlich fern der Wind sich erhob, über die Wipfel fuhr und sie mit dem Saum seines Gewandes geisterhaft streifte. Dem Pfarrherrn von Wallrode fröstelte oft in der heißesten Glut des Juli auf dem sonnigsten Wiesenflecke, und der Duft, welchen der wolkenlose Sommermittag den Tannen und Fichten entlockte, und der, wenn man nicht einsam ist, berauschend wie junger Wein wirkt, füllte ihm Herz und Hirn mit so jäher Angst und unsäglicher Beklemmung, daß er aus dem Bereich desselben im Lauf entfliehen mußte, um dann, atmend im freien Felde stehend, die pochenden Schläfen mit der Hand zu drücken.

Weil dem Walde die Seele fehlte und weil Undine, die sich nach einer Seele sehnte, nur ein schönes Märchen ist, konnte der Pfarrherr von Wallrode im Elend nur den dritten Teil seiner Predigten im Walde machen. Das erbarmungswürdige, halb tierische Leben um seine leere, halbzertrümmerte Behausung her hatte doch wieder mehr dafür zu geben als die Natur. Als nun von dem Frühling des Jahres sechzehnhundertsiebenunddreißig an dem Walde eine Seele wuchs, da huben für den Pfarrer im Elend das Wunder und der Zauber an.

Den Herbst und Winter des Jahres sechsunddreißig hindurch hatte der Magister Konrad jeden Verkehr mit dem Pfarrherrn schroff und mißtrauisch von sich gewiesen, und scheu, selber halb furchtsam, hatte Ehrn Friedemann Leutenbacher, dessen Grüße kaum erwidert wurden, die Gegend der hohen Tanne gemieden und seine Schritte nach andern Richtungen gelenkt. Aber gegen Ende des Frühlings siebenunddreißig trat eines Abends, als die Sonne dem westlichen Horizont schon ziemlich nahe war, der fremde Mann dem Geistlichen jach in den Weg, grüßte ihn zum erstenmal höflich, wenn auch finster, und fragte ihn, ob er nicht eine Stelle wisse und kundgeben wolle, wo das Kräutlein Hyperium, sonsten auch Sankt Johanniskraut genannt, in guter Menge wachse und zu finden sei. Er mußte seine Frage eindringlicher wiederholen; denn so verwundert war der Pfarrherr über das plötzliche Entgegentreten aus dem Gebüsch und das Anreden, daß er des Fremden Meinung zuerst ganz und gar überhörte. Wohl aber wußte er, wo Gott ein jegliches heilkräftig, gesund, balsamisch oder giftig Kräutlein in seinem Walde wachsen ließ – sei es in der Sonne, sei's im Schatten, sei's am Felsgestein, sei's am Quell. Auch das Kraut Hyperium kannte er nach Stand und Nutzen, schritt mit dem Magister zur Stelle und half ihm pflücken. Da mußte zuletzt doch ein Wort das andere geben und die beiden Männer aus ihrer gegenseitigem Einsamkeit hinaus- und einander entgegenführen. Der Pfarrherr erfuhr, daß das kleine Mädchen seit dem harten Winter in der Hütte krank liege und sich trotz des neuen Frühlings und der schönern Tage nicht wieder erholen und zurecht werden könne. Der Fremde erfuhr, daß Ehrn Friedemann Leutenbacher ein Mann sei, mit welchem sich wohl in jeder Sache ein gut Wort reden und ein guter Rat halten lasse. So waren die beiden, ihnen selber fast unvermerkt, nahe an die Hütte gekommen, und mußte es geschehen, daß der Magister Konrad den Pfarrherrn einlud, einzutreten unter das Dach, so er hatte aufrichten helfen, und das kranke Mägdlein anzusehen. Zum erstenmal stand der Pfarrherr in dem Raume, vor dessen Gerät und Bewohnern dem Dorf Wallrode so sehr grauete. Er sah die Bücher und wenigen mathematischen und physikalischen Instrumente, und er sah die kleine, kranke Else, die mit großen, dunkelblauen, fieberkranken Augen ihn von ihrem Lager aus anblickte und, nachdem sie seine Gestalt und Miene erkundet hatte, lächelte und ihn lieblich nickend grüßte. Die Bücher und Instrumente zogen den Pfarrherrn von Wallrode wohl recht an, gleich alten trefflichen langentbehrten Bekannten aus längst vergangener Zeit; aber mit noch größerer Wehmut und Rührung würde er sie gegrüßt haben, wenn des Mägdleins Augen es gelitten hätten. Dem Zauber, der aus diesen beiden dunkeln Kindesaugen auf den Mann, den Diener am Worte Gottes, den Gelehrten, den Menschen, der so viel litt und erfuhr, strahlte, war nicht zu widerstehen; – von dieser Stunde, von diesem Augenblick an, war Friedemann Leutenbacher an die Hütte des Magisters Konradus gebannt; von diesem Augenblick an bekam der große Wald eine Seele, und der Pfarrherr brauchte nicht mehr aus ihm zu fliehen, weil er sich fürchtete in seiner Einsamkeit. Dieses Kind bedeutete für den Mann aus dem Elend die Offenbarung eines Daseins, welches er nicht kannte, nach welchem er nur ein dumpfes, schmerzenvolles, unbestimmtes Sehnen im Herzen trug. Dieses Kind wußte nichts von der grausen Last, die auf der Erde und dem Herzen des Pfarrers von Wallrode im Elend lag. –

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