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Else von der Tanne

Wilhelm Raabe: Else von der Tanne - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleElse von der Tanne
authorWilhelm Raabe
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007575-0
titleElse von der Tanne
pages1-41
created19990531
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Wilhelm Raabe

Else von der Tanne

oder
Das Glück Domini Friedemann Leutenbachers,
armen Dieners am Wort Gottes
zu Wallrode im Elend

Es schneiete heftig, und es hatte fast den ganzen Tag hindurch geschneit. Als es Abend werden wollte, verstärkte sich die Heftigkeit des Sturmes; das Gestäube und Gewirbel um die Hütten des Dorfes schien nimmer ein Ende nehmen zu wollen; verweht wurden Weg und Steg. Im wilden Harzwald, nicht weit von dessen Rande die armen Hütten in einem Häuflein zusammengekauert lagen, sauste und brauste es mächtig. Es knackte das Gezweig, es knarrten die Stämme; der Wolf heulte, wenn die Windsbraut eine kurze Minute lang Atem schöpfte; – man schrieb den vierundzwanzigsten Decembris im Jahr eintausendsechshundertundachtundvierzig.

Dominus Magister Friedemann Leutenbacher, der Pfarrherr zu Wallrode im Elend, hatte den ganzen Tag über an seiner Weihnachtspredigt gearbeitet und Speise und Trank, ja schier jegliches Aufblicken darob versäumt; das irdische Leben war so bitter, daß man es nur ertragen konnte, indem man es vergaß; aber der Prediger im Elend konnte es nicht vergessen: eine solche Weihnachtsrede hatte er noch nicht schreiben müssen. Er war nicht alt, der Pfarrherr zu Wallrode; er war im Jahr sechzehnhundertzehn geboren; allein dreißig Jahre seines Daseins mochten dreifach und vierfach gerechnet werden; eine solche Zeit des Greuels und der Verwüstung hatte die Welt nicht gesehen, seit das Imperium Romanum versank vor den wandernden Völkern. Nun war das zweite Imperium, das Römische Reich Deutscher Nation, auch zerbrochen, und wenngleich die Ruine zur Verwunderung aller Welt noch durch hundertundfünfzig Jahre aufrecht stand, so lösten sich doch bei jedem Sturm und Wind verwitterte, morsche Teile ab und stürzten mit Gekrach hernieder. So war es geschehen, als man den Frieden zu Münster und Osnabrück schloß, und zwei Drittel der Nation waren verschüttet worden durch den Dreißigjährigen Krieg.

Ehrn Friedemann Leutenbacher, der Pastor zu Wallrode im Elend, wußte davon zu sagen. Um seine Handgelenke trug er die blutigroten Spuren und Striemen der Stricke und Riemen, welche ihm die Raubgesellen des General Pfuhl, der sich rühmte, allein achthundert Dörfer verbrannt zu haben, anlegten, als sie ihn zwischen den Gäulen fortschleppten in den Wald. Des Gallas barbarisch Volk hatte ihn den schwedischen Trunk probieren lassen, und was Linnard Torstensohns fliegende Scharen an seinem armen Leibe und an seinen Pfarrkindern verübt hatten, das war nicht auszureden.

Es schneiete heftig, und es schien nimmer ein Ende nehmen zu können; die Dämmerung aber nahm wohl eine Stunde zu früh dem schreibenden Magister die Feder aus der Hand; es war ihm, als ob sie auch leise und unmerklich in sein Hirn gekrochen sei, als er aufblickte und einen Blick um sich her und durch das Fenster warf.

Da lag vor ihm der schlechte Fetzen groben Papieres, mit welchem letztern er in seiner Einsamkeit so sparsam umgehen mußte, da lagen die wenigen Bücher, welche der höhnischen Zerstörungslust der wilden streifenden Rotten entgangen waren, da lag vor allem die alte, zerfetzte Bibel, welche er im Jahre 1639 aus dem dritten Brande seiner Hütte gerettet hatte und welche an ihrem Einband und dem Rande der vergilbten Blätter Zeichen der leckenden Flammen trug: Und alles das Rüstzeug des Geistes war, seiner Äußerlichkeit nach, im vollkommenen Einklang mit allem, was den Pfarrer sonst umgab. Die schlechteste Hütte jetziger Zeit hätte mehr Gegenstände und Hilfsmittel der Üppigkeit aufzuweisen als dieses Pastorenhaus, auf dessen Dach der rote Hahn dreimal während dieses scheußlichen Krieges gesessen hatte, und nur die große weiße Katze, welche im Winkel neben dem Herde zusammengerollt lag, mochte sich behaglich darin fühlen.

Aber der Pfarrherr sah nichts von der Trostlosigkeit, die ihn umgab; er war im Elend aufgewachsen, und »Im Elend« hieß die hungerige Waldgegend, in welcher sein Pfarrdorf lag. Nur ein einziges Mal in seinem Leben hatte er während seiner Schulzeit zu Wittenberg freier Atem holen können; aber der Sonnenblick war so schnell vorübergeflogen, daß es wie ein ferner, ferner, unbestimmter Traum erscheinen mußte; – im Elend wäre Friedemann Leutenbacher längst verlorengegangen, wie das deutsche Volk, wenn Else von der Tanne nicht gewesen wäre.

Er hatte die Feder neben seiner Weihnachtspredigt niedergelegt, trat zu dem niedern Fenster und betrachtete in der Dämmerung die roten Narben um seine Handgelenke. Er war sehr betrübt und dachte, während er so stand, wie das deutsche Volk gleich ihm mit gefesselten Händen, zerschlagen und blutig, herausgeschleppt sei und niedergeworfen. Der Herr hatte gebrüllt aus der Höhe und seinen Donner hören lassen aus seiner heiligen Wohnung; er hatte ein Lied gesungen wie die Weintreter, über alle Bewohner des Landes; sein Hall war erschollen bis an der Welt Ende; und bis an der Welt Ende lagen die Erschlagenen und wurden nicht geklaget noch aufgehoben, noch begraben. Ehrn Friedemann Leutenbacher aber dachte noch viel mehr an Else von der Tanne, welche jetzt aus dem großen Walde fortgehen mußte, und er sprach mit den Worten des Propheten an diesem Abend vor Weihnachten des Jahres sechzehnhundertachtundvierzig:

»Er hat mein Fleisch und meine Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.

Er hat mich verbauet und mich mit Galle und Mühe umgeben.

Er hat mich in Finsternis gelegt wie die Toten in der Welt.

Er hat mich vermauert, daß ich nicht heraus kann, und mich in harte Fesseln gelegt.«

Dann seufzte er tief und schwer; durch das Gestöber im Dunkel glimmerten zwei oder drei Lichter seines Dorfes, doch da er wußte, welche tierische Verdummung, welche Schmach und welcher Jammer des Menschen um diese matten Flämmchen kauerten, so wandte sich sein Geist auch von ihnen ab, um angstvoll seufzend weiterzuirren; und immer finsterer ward die Nacht, immer heftiger der Sturm.

Die weiße Katze war aufgestanden, schlich durch die Stube, miauzte und kam, sich an den Beinen ihres Herrn zu reiben; Martina sah in das Gemach und fragte, ob sie die Lampe anzünden solle; aber der Pfarrer schüttelte den Kopf und sagte nein; – Martina machte leise die Tür wieder zu; – Ehrn Friedemann Leutenbacher blickte immer noch hinaus in die Dunkelheit: Er dachte immer noch an Else von der Tanne, und seine Seele war gefangener denn je.

Er dachte an Else von der Tanne, an ihre Hütte neben der hohen Tanne, an den sonnigen Sommertag, an welchem der Magister Konradus sein sechsjähriges Kind auf dem Arm in den Wald getragen hatte. Er dachte an ihre Stimme im Walde, er dachte daran, wie sie im Dickicht sang und Kränze wand, und dann dachte er daran, wie seine Pfarrkinder das schöne Mädchen für eine Hexe hielten, ihr auswichen, wenn sie ihr allein begegneten, sie verhöhnten, verspotteten und verfolgten, wenn eine Schar von ihnen im wilden Forst auf sie traf; er dachte an den Tag Sankt Johannes des Täufers und stöhnte laut und rang die Hände.

Es war eine so seltsame, so wunderliche Geschichte. Bannier hatte am vierundzwanzigsten September sechzehnhundertsechsunddreißig die Sachsen und Kaiserlichen bei Wittstock in grimmigster Feldschlacht geschlagen und war Herr in Deutschland. Achtzigtausend Feinde erwürgte er, und sechshundert Fahnen und Standarten gewann er während seiner Kriegsführung; aber das Volk nannte schaudernd die Jahre seines Kommandos die »Schwedenzeit«, und durch die Jahrhunderte klingt der unsägliche Jammer, den dieses Wort bedeutet, leise und schaurig fort.

In der Schwedenzeit erschien Else mit ihrem Vater zu Wallrode im Elend.

Es kamen Kinder, die gegen Ende des Septembers im Walde Holz gelesen hatten, heim und erzählten: an der hohen Tanne halte ein wunderlich Wesen, ein Gefährt, gezogen von einem schwarzen Roß und bewacht von einem wilden, gewaffneten Mann und vier Hunden, groß und grimm wie Wölfe. Und sie berichteten weiter, es sei ein Feuer angezündet unter der hohen Tanne, und neben dem Feuer sitze ein Mägdlein ganz holdselig, und der wilde Mann koche ihm ein Süppchen.

Da machten sich einige aus dem Dorf auf, das fremde Wesen auch zu sehen, und kehrten zurück und sagten aus: es sei also, das Feuer brenne und die vier Hunde seien auch vorhanden und das Mägdlein habe den Kopf auf den Leib des einen gelegt und schlafe, das schwarze Roß weide im Gebüsch und der fremde Mann haue Gestrüpp und baue eine Hütte für die Nacht, es seien aber keine Tataren.

Da ging auch der junge Pfarrer Friedemann Leutenbacher in den Wald hinaus und fand alles so, wie man ihm erzählt hatte; doch sah er nicht gleich den andern scheu aus der Ferne auf die Fremden; sondern er trat an sie heran, grüßte den finstern bärtigen Mann und wollte ihn fragen, weshalb er hier in der unfreundlichen Wildnis sein Nachtlager aufschlage und weshalb er nicht hinab ins Dorf und in das Pastorenhaus gestiegen sei, um mit dem vorliebzunehmen, was das Dorf im Elend bieten könne und die böse Zeit übriggelassen habe. Der fremde Mann jedoch erwiderte den frommen Gruß nicht, er sah nicht auf von seiner Arbeit, und die langen wüsten Haare verhingen ihm das Gesicht. Nur das schwarze Roß sah auf den Pastor, und drei von den greulichen Hunden richteten sich empor, reckten sich, knurrten und wiesen ihre weißen Zähne und blutroten Zungen. Der vierte, auf dessen struppigem Leibe das Köpfchen des schlafenden Kindes lag, blieb liegen; aber auch er murrte und wies die Zähne; der Pfarrer wußte nicht, was er ferner sagen und tun sollte; er stand zweifelnd und sah zu, wie unter den kunstfertigen Händen des Fremden die Hütte aus Gestrüpp und Gezweig sich erhob; er sah auf das zweiräderige Fuhrwerk und auf das niederglimmende Feuer neben der hohen Tanne. Vor allem aber sah er auf das schlafende Mägdlein, welches plötzlich ein Strahl der abendlichen Sonne, in rötlichem Glanz um den Stamm einer uralten Eiche schießend, traf und welches nunmehr in diesem Glanz und Blenden die Augen aufschlug. Es reckte sich auch und richtete sich empor, und in demselben Augenblick schoß der Wolfshund, dessen Leib ihm zum Kopfkissen gedient hatte, auf und fuhr mit Geheul gegen den Pfarrer.

Da rief das Kind, lieblich erschreckt:

»Marschalck! Marschalck! Zurück! Laß ab!«

Und Marschalck nahm die Vorderpfoten von der Brust des Pfarrherrn und ging zu den drei bösen Genossen; das Mägdlein erhob sich aber von der Erde, lächelte und trat auf Ehrn Friedemann Leutenbacher zu und sagte:

»Einen fröhlichen Abend wünsch ich dir! Er hat dich wohl schwer erschreckt, der arme Marschalck? Zürn ihm nicht, ich bitt dich.«

Sie wollte noch mehr sagen, und der Pastor von Wallrode im Elend wollte ihr antworten; da schritt aber der bärtige Mann mit seiner Axt her, faßte den Arm des Kindes, stellte sich dräuend vor den Pfarrherrn und schob ihn mit dem Stiel der Axt zurück und wies in den Wald, als wolle er sagen: Geh deines Weges, ich will nichts zu schaffen haben mit dir; ich will dein Lächeln und deine freundlichen Worte nicht! Geh hin, woher du gekommen bist und warne dein Volk, daß es uns nicht in den Weg komme.

Die Augen des Mannes leuchteten noch viel schrecklicher als die des zornigen Hundes, als dieser sich vor der Brust Friedemanns aufrichtete; und als der Pfarrherr noch ein gut Wörtlein sagen wollte, da erhob der Fremde so dräuend das blanke Beil, daß jener erschreckt zurückwich, um dem Schlage auszuweichen.

Das kleine Mädchen schrie auf und bedeckte die Augen mit den Händchen, und Ehrn Friedemann Leutenbacher, als er sah, daß sein guter Wille also verachtet werde, schritt seines Weges durch den Forst zurück, in tiefen Gedanken, und sprach daheim seinem Völklein zu: man möge den Fremden in Frieden gewähren und ziehen lassen; es sei eine Zeit Gottes, in welcher der Herr der Menschen Sinnen und Gedanken, Tun und Treiben arg durcheinanderwürfele auf seiner Tenne, eine Zeit, in welcher ein jeglicher, es sei Mann oder Weib, so viel mit sich selber zu tun habe, daß ein jeglicher wohltue, für sein armes Teil Frieden zu halten und jedem armen Bruder seinen Weg offenzulassen.

Die Gemeinde schüttelte die Köpfe; aber sie mußte wohl dem Wort ihres geistlichen Beraters folgen; fürchtete sich auch wohl ein wenig vor den vier starken Hunden und dem Feuergewehr des wilden Fremdlings; vermeinte auch, daß der letztere mit allem, was er mit sich führe, gehen werde, wie er gekommen sei, sintemalen er doch nicht hausen könne unter der hohen Tanne im Elend.

Als aber am andern Tage neugierige Seelen wieder zur hohen Tanne schlichen, da fanden sie das Wesen noch am alten Ort; sie hörten die Hunde in der Ferne bellen und vernahmen einen Büchsenkrach und sahen den unheimlichen Mann mit einem erlegten Rehbock aus dem Gebüsch kommen, das Kind sahen sie nicht; und darnach regnete es wohl zwei Wochen, und niemand kam so weit in den Wald; in der dritten Woche jedoch stieg der Fremdling mit seiner Büchse auf der Schulter, begleitet von einem der Hunde, in das Dorf hinab und setzte sich vor dem verbrannten Gemeindehaus auf einen Haufen verkohlter Balken. Da dauerte es nicht lange, daß das Volk aus den Hütten sich in einem weiten Kreis um ihn her versammelt hatte, und ein Knab' lief zum Pfarrherrn, um ihm anzuzeigen, was sich begeben habe und wie der Mann von der hohen Tanne gleich einem Tauben und Stummen vor dem Rathaus sitze. Mit Wunder erhub sich nun auch der Pastor von seiner Arbeit, trat auf die Gasse und ging mit dem Boten zum Gemeindeplatz, fand auch, daß es so war, wie ihm mit fliegendem Atem berichtet wurde.

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