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Elisabeth Wandscherer die Königin

Joseph von Lauff: Elisabeth Wandscherer die Königin - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleElisabeth Wandscherer die Königin
publisherVerlag von K. F. Koehler
addressLeipzig
year1931
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100823
projectida22f1c29
status1
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Erstes Kapitel

Eine dumpfe, langatmige, grausige Glocke schlug an – hoch von Sankt Lamberti herunter.

Dann eine Stimme, als hätte der furchtbare Thomas von Celano seine eigene Weise gesungen:

»Dies irae, dies illa
Solvet saeclum in favilla,
Teste David cum Sibylla.«

Hierauf Stille, atemberaubende Stille. Aber sie währte nicht lange, denn aus dem Kirchspiel Über dem Wasser tönte es gleichfalls herüber, nur schwerer und unbarmherziger.

Dann aufs neue das Psalmodieren:

»Tuba mirum spargens sonum
Per sepulchra regionum,
Coget omnes ante thronum.«

»Dum, ding, dong!«

Auch von Sankt Ludgeri schaukelte sich der Ruf einer heulenden Glocke über die Stadt hin, die unter diesem mißfarbigen Läuten erschauerte: »Dum, ding, dong! Dum, ding, dong!« und in dieses mißfarbige Läuten hinein wiederum und zum letzten Male die Stimme, die Stimme des furchtbaren Thomas von Celano:

»Mors stupebit et natura
Cum resurget creatura,
Judicanti responsura ...«

und es war, als wenn sich die Sonne verfinsterte, die Vögel im Laubgewind irre wurden und die Äpfel, die an den Bäumen reiften, zu Sodomsäpfeln wurden und in Staub und Asche zerfielen.

Ich weiß nicht, wo ich mich befinde, woher ich komme. Ich weiß nur: ich bin allein und sitze in einem geräumigen Zimmer, das nackt und kahl ist wie die Hand des Todes. Nichts heimelt mich an. Jegliches ist von einer müden Traurigkeit eingebettet. Es riecht nach Krepp und faden Kirchhofsblumen. Es ist öde und leer um mich wie in der Thebais, wo selbst die Steine nicht wissen, was sie mit ihrem trostlosen Dasein anfangen sollen. Kein Mobiliar, keine Schildereien an den fahlen Tapeten, nichts, was imstande wäre, die Sinne zu erfreuen und eine freundliche Note in die Seelen und die Herzen der Menschen zu tragen. Nur an der mir gegenüberstehenden Wand hängt ein Spiegel, in dessen Scheibe matte Reflexe wohnen und düstere Schatten zu wandeln scheinen, aber es ist mir so, als wären aus diesem Spiegel die grausigen Glockentöne gekommen, als hätte inmitten des unheimlichen Glases Thomas von Celano gestanden und sein erschütterndes, niederziehendes und dennoch gewaltiges › Dies irae, dies illa‹ gesungen.

Nein, ich weiß nicht, wo ich mich befinde, woher ich gekommen. Es ist alles und jedes verwunschen um mich, mit dunklen Floren umhangen, von dem Hauch der Verwesung umschauert. Nur weiß ich: ich befinde mich irgendwo in Münster, der Bischofsstadt, der Stadt mit den vielen Kapellen und Kirchen, den hochgegiebelten Häuserzeilen, dem Pumpernickel, den endlosen Firmelkindern und Rosenkränzen, die nicht müde werden, ihre Pockholzkügelchen gegeneinander klimpern zu lassen ... aber ich ahne nicht, in welcher Straße ich bin, welches Haus ich bewohne, in welchem Zimmer ich mich aufhalte und was die dumpfen Glockenschläge und die traurigen Weisen des Thomas von Celano vorstellen sollen.

Ich bin wie im Traume, in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen, und dieser Zustand zwischen Schlafen und Wachen wird von langsamen, fahlen Larven durchkrochen. Es ist ein Ziehen von Prozessionsraupen, ein Dahinschleichen ohne Anfang und Ende. Eine graue, quälende, herzbeklemmende Dämmerhelle liegt um mich, jene Dämmerhelle, die in den arktischen Kreisen wohnt, wo die Sonne bei Tages- und Nachtzeit sich am tiefen Horizont herumschleicht, ohne die Kraft aufzubringen, sich wieder gen Himmel zu schrauben. Mein Geist ist entangelt, meine Seele formt Bilder und Spiegelungen, denen ich nicht mehr zu folgen vermag. Trotzdem sehe ich mit Augen, die alles Gegenständliche deutlich erkennen lassen, und höre mit Ohren, die imstande sind, das Fallen der kleinsten Stecknadel in sich aufzunehmen.

Eine eigenartige Stumpfheit ergriff mich. Ich ähnelte dem heiligen Dionysius Areopagita, dem letzten Endes nichts weiter übrigblieb, als seinen abgehauenen Kopf unter den Arm zu nehmen und damit nach St. Denis in Paris zu pilgern. Um mich schlängelten sich schattenhafte Kreise, Wandelsterne, Feuerfliegen. Ich wollte mich erheben, an das matterleuchtete Fenster treten, um mich zu vergewissern, in welchem Stadtteil, in welcher Straße ich mich eigentlich befände, aber meine Glieder verlähmten. Ich dachte daran, meine Stimme zu erheben, nötigenfalls zu rufen, um Hilfe zu schreien, allein meine Zunge versagte, wie sie dem Hohenpriester Zacharias am Brandaltare des Herrn versagte, als sein Weib ihm dartat, sie sei schwangeren Leibes geworden.

Endlich gelang mir's, einen Schrei auszustoßen, von dem ich wähnte, er könne wie ein Mauerbrecher Türme ins Wanken bringen, Berge versetzen, und dennoch war dieser Schrei nur ein Nichts, ein winziger Hauch, kaum fähig, das langgestielte Blatt einer Espe auf die andere Seite zu legen. Dafür begann es aufs neue von Sankt Lamberti zu läuten, mit den nämlichen Intervallen wie kurz zuvor: mit denselben Greueltönen, die einem die Seele zerfleischten, als stießen furchtbare Schaufarenrufe hoch von Sion herunter. »Sion! Sion!« Die Dämmerhelle verlor sich, wurde zum Dunkel, das Dunkel zur Finsternis. Ich sah keine Hand mehr vor Augen. Gleichzeitig begann es in der mit gegenüberstehenden Spiegelscheibe aufzubegehren. In ihrer Tiefe flämmerte eine zehnpfündige Wachskerze auf einem messingenen Kirchenleuchter, eine bleiche, tropfende Wachskerze, die sich langsam vorwärts bewegte. Sie trat aus dem Spiegel, wandelte über die Dielen, drängte sich dicht an meine Seite, um dort stehenzubleiben. Ein mattes Licht zehrte am Docht, brachte aber so viel Helligkeit auf, die taube Finsternis aus dem grauen Zimmer zu scheuchen. Das karge Armseelchen knisterte mit dem Knistern eines Sargdeckels, bei dessen Anfertigung der Schreiner allzu frische Tannenbretter verwandt hatte ... und in dieses Knistern hinein – nochmals die Weise des furchtbaren Thomas von Celano:

»Liber scriptus proferetur,
In quo totum continetur,
Unde mundus judicetur.«

Meine Starre ließ nach. Neben mir hob es sich auf. Ich spürte einen heißen Atem über mich gehen, die unangenehme Berührung von kalten Fingerspitzen. Als ich den Kopf wandte, sah ich in das bleiche, strenge Gesicht eines Mönches hoch mir zu Häupten. Er trug weißes Habit, darüber schwarze Kutte und schwarze Kapuze. Es mußte ein Dominikaner sein, ein Schirmer der Inquisition, denn neben ihm standen zwei Doggen, die Zeichen des Ordens, ähnlich denen, wie sie die Wappenzimiere der Grafen von Zollern aufweisen.

Der Wachsstock erhob sich hoch im Raume, gespensterte mit seinem mageren Flämmchen, als wäre am Docht das Zünglein einer Natter gebunden.

Der Mönch regte sich nicht.

Mir grauste in seiner Nähe, denn er kam mir vor, als hätte er mir irgendeine Botschaft von Peter von Arbues oder Torquemada zu überbringen. Ich irrte mich. Er war nicht von Peter von Arbues oder Torquemada entsendet. Sein Gesicht war ein Cherubsgesicht, das eines heilig Gesprochenen, nur entstellt von dem Schmerze der Welt und ihren unbarmherzigen Geschehnissen.

Drei oder vier Minuten vergingen.

Mir war es, als wenn ich auf einem Marterstuhl säße, als sänke der Boden unter mir fort, als griffen Dämonen nach mir, um mich rettungslos in eine purpurblaue Tiefe zu ziehen. Dabei brüllte es aus weiter Ferne herüber: »Sion, Sion! Tut Buße! Der Tag des Gerichts ist gekommen!«

Gleichzeitig fingerte es mit Totenlampen von der Decke herunter, legte sich mir eine eisige Hand auf die Schulter.

Ich glaubte mich dem Wahnsinn nahe zu sein. Ich sah das Haus mit den eisernen Stäben vor den Fenstern, das graue, düstere Haus, wo die Unseligen wohnen, die Grimassen und Gesichter schneiden, die im Geiste mit Prinzessinen Buhlschaft treiben, mit Zepter und Kronen spielen und sich für Könige halten ... und war ein Grausen um mich wie das Grausen zwischen den gekalkten Wänden dieses grauen und furchtbaren Hauses.

»Rettet mich! Helft mir!«

Der Mönch beugte sich vor, immer tiefer und tiefer.

Sein kalter Atem hauchte mich an.

Dann sprach er: »Schweige, du Erdenwurm. Hundert Jahre sind mir wie ein Tag. Ich bin mit Sinnen begabt, die die übrigen Menschen nicht haben. Ich sehe Gesichter, die mit Tränen überschüttet sind. Entzündet wie rote Wunden sind meine Erinnerungen. Sie haften mir an wie die roten Wunden am gekreuzigten Leib des Erlösers. Hörst du: Sion, Sion! Tut Buße! Der Tag des Gerichts will kommen! Das ›Dies irae‹ posaunt über Münster. Die Vergangenheit reißt die Augen auf vor eitel Entsetzen. Ich sage dir nochmals: Hundert Jahre sind mir wie ein Tag. Ein Ahasver – ich ging durch diese Jahre hindurch, nur, ich habe den Herrn nicht von meiner Türe verwiesen, habe mich nicht geweigert, sein Kreuz auf mich zu nehmen, bin schuldlos durch all diese Jahre gegangen ... und so möchte ich dir eine kleine Geschichte aus der großen Geschichte erzählen, als der Prophet und König von Sion das Kruzifix umkrallte, es gegen die Wolken stieß und dem Volke gebot: Auf die Knie und betet an den Gesalbten des Herrn, der da gekommen ist, die Welt zu befreien! Willst du sie hören,denn ich bin Zeuge dieser Geschichte gewesen?!«

»Ich höre.«

»Und willst du das Weib sehen, das durch diese Geschichte ging, schön wie der junge Morgen auf den Bergen, das Diadem um die weißen Schläfen gezirkt, mit Hermelin und Purpurmantel umkleidet, auf dessen blonder Flechtenkrone das Tageslicht und das Scheinen des Abends länger verweilte, als auf den blonden Flechtenkronen anderer Weiber?«

»Auch dieses.«

Der Mönch reckte sich auf. Sein Gesicht war zu einer Maske geworden. Er stammelte, und es war mir so, als wenn sich in dieses Stammeln Tränen verlören.

Endlich sagte er: »Und willst du wissen, was mit diesem Weibe geschehen?«

»Ich will es.«

»So horche«, und er deutete mit der Hand in die Tiefe des Raumes.

Der Wachsstock bewegte sich dieser Tiefe entgegen. Das matte Flämmchen begann stärker zu leuchten, erregter zu flackern.

»Und sehen sollst du!«

Die Stimme des Mönches war heiser geworden, aber in dieser heiseren Stimme lag die grenzenloseste Not und das tiefste Leid aller Tage und Zeiten.

»Siehe und horche!«

Noch einmal erging die dringlichste Mahnung.

Da sah ich: ich sah das Haupt eines Weibes, und dieses Haupt war von unsagbarer Schönheit. Es hatte ein Medaillengesicht wie nicht mehr zu finden. Ich sah entblößte Schultern und Brüste, von einem zarten Goldflaum umgittert ... und die Brüste waren wie die, von denen es heißt: sie verstören die Sinne und lassen Vater und Mutter und alle Wonnen der Erde vergessen.

Das Weib kniete am Boden. Rauhe Fäuste hatten Brust und Schultern blank und bloß gelegt. Der weiße Nacken blühte gleich dem Kelch einer Lilie.

Mit Sternenschönheit ging es über sie, und dennoch war es kein Flimmern von Sternen, sondern das kurze Aufblitzen eines breitgelegten Schwertes, scharf wie eine Rasierklinge. Und das Licht auf dem Wachsstock erlosch, erlosch, als hätte es niemals zwischen Decke und Dielen geflämmert.

Um mich lag die Finsternis mit den schweren Gliedmaßen eines furchtbaren Tieres. Aus solchen Finsternissen werden Götzenbilder geschaffen.

Nun mußte etwas Entsetzliches kommen, ein Geschehen, fähig, einem das Gesicht in den Nacken zu drehen ... und also geschah es.

Ein nadelfeines Sirren durchzischelte den düsteren Raum, der kein Leben mehr hatte.

Ich fühlte gleich: das war die Sichel des Todes gewesen.

Dann war es mir so, als begänne es schwer und langsam zu tropfen.

Es erinnerte an das Tropfen von geschmolzenem Blei in eine Messingschale, die den Schall seltsam verstärkte ... und eine Stimme ertönte, die Stimme des Mönches: »Das ist das Blut der Elisabeth Wandscherer, der erwählten Königin von Sion. Und diese Elisabeth Wandscherer ...«

Er hielt plötzlich inne, als bangte er sich, den Schleier von einem furchtbaren Geschehen zu nehmen.

Ich lag in Totenstarre. Dann wachte ich auf. An der Seite des Mönchs schritt ich durch die Straßen Münsters.

 

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