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Elisabeth von England

Gertrude Aretz: Elisabeth von England - Kapitel 7
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authorGertrude Aretz
titleElisabeth von England
publisherBernina-Verlag Ges. m. b. H.
year1937
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Fünftes Kapitel. Die Wandlung

So kalt Elisabeth bei dem soeben Erlebten äußerlich geblieben ist, in ihrem Innern tobt doch der Sturm des wilden Schmerzes. Niemand ahnt, was sich in ihrer Seele abspielt. Wenige in ihrer Umgebung versuchen tiefer ihre Wesensart zu ergründen. Die meisten halten sie gerade in dieser Zeit für äußerst oberflächlich. Ihr Umschwenken ins Extreme, ins Prüde, Keusche und Fromme wird als Heuchelei und raffinierte Verstellung betrachtet. Ihr sehr Nahestehende können beobachten, wie ihr wahres Temperament immer wieder hervorbricht, das sie nie ganz zu bändigen vermag. Ihr Leichtsinn, ihr Hunger nach Vergnügungen, nach Abwechslung habe sich bisweilen Luft gemacht in Ausbrüchen leidenschaftlicher Ausgelassenheit oder tobenden Zorns darüber, daß sie sich nicht beherrschen konnte. Dann habe sie in einem Atem gelacht und geweint, geschmeichelt und verflucht. Stundenlang aber konnte sie auch wieder vor ihren Büchern sitzen, als sei die Außenwelt für sie gestorben. Sie lernte, als gälte es, in allernächster Zeit das schwierigste Examen zu bestehen. Ihre Lehrer sind voll Bewunderung. Besonders Roger Ascham sieht in »seiner herrlichen Lady Elisabeth« ein fast himmlisches Wesen, das »mehr durch den Glanz seiner Tugenden und Kenntnisse, als durch die Glorie seiner königlichen Abkunft strahlt«. Elisabeth besitzt seiner Meinung nach so treffliche Gaben, daß ihr nur das allergrößte Lob gebühre.

Tatsache ist, daß sie sich nach dem Erlebten lange Zeit von allen weltlichen Vergnügungen fernhält. Sie arbeitet wirklich an ihrem inneren Menschen, verzichtet auf alle Äußerlichkeiten in der Kleidung und in ihrer Lebensweise. Sie trägt ein sehr sittsames Wesen zur Schau, gleichsam als wolle sie alle Gerüchte, die man über sie verbreitet hat, Lügen strafen. Sie ist fast immer ernst. Das fröhliche, oft kecke Lachen der Prinzessin, das die Dienerschaft so oft gehört hatte, wenn Seymour seine »väterlichen« Späße mit ihr trieb, oder wenn Kate Ashley eine lustige Geschichte erzählte, ist verstummt. In Lady Tyrwhitts Gegenwart will Elisabeth nicht lachen. Aber sie bemüht sich sichtlich, die neue Erzieherin durch ihr Benehmen zufriedenzustellen. Sie begeht nie einen Taktfehler, läßt sich nie gehen, ist bescheiden und zurückhaltend in ihren Worten und Gebärden. Ihre jungfräuliche Bescheidenheit fällt sogar an dem strengdenkenden Hofe ihres Bruders aus dem Rahmen, so auffallend ist sie. Elisabeth lehnt alles ab, was ihre Person in den Vordergrund stellen kann. Sie kleidet sich ganz einfach, beinahe klösterlich. Aller Tand, aller Schmuck ist ihr plötzlich zuwider. Es ist, als kasteie sie sich um der Sünden willen, die sie, so jung, begangen. Ihre Frömmigkeit erregt geradezu Aufsehen. Jane Greys Lehrer Aylmer stellt Elisabeth seiner Schülerin und allen Damen des Hofes, ja ganz Englands, als nachahmenswertes Beispiel hin. An den Schweizer Reformator Heinrich Bullinger schreibt er in höchster Begeisterung über die Frömmigkeit und Einfachheit der Prinzessin. Trotzdem wollte sie die Damen ihrer Umgebung nicht zwingen, ebenso einfach zu erscheinen. Die anderen können sich mit Gold und Edelsteinen behängen, so viel sie wollen. Der Prunk an anderen stört Elisabeth nicht. Sie zwingt sie auch nicht, mit ihr zu beten und zu arbeiten. Jeder darf um sie herum so leben, wie er es gewöhnt ist.

Meist lebt Elisabeth jetzt in Hatfield und Ashridge, fast immer mit ihren Büchern beschäftigt. Der Hof in London nimmt kaum Notiz von ihr. Plötzlich erkrankt die Prinzessin. Man kann nicht feststellen, was ihr eigentlich fehlt. Sie fühlt sich schwach und elend. Sie leidet innerlich unter der indirekten Ungnade ihres Bruders, des Königs. Man hält sie von ihm fern, seit die Intrige Seymour ihr das Mißtrauen des Protektors und der Räte zugezogen hat. Elisabeths Seele ist krank, ihr Stolz beleidigt. So sehr lastet alles, was sie durchgemacht hat und noch durchmacht, auf ihr, daß sich ihr junges Gemüt verdüstert. Niemand vermag sie aus ihrer Traurigkeit zu reißen. Auch die Bücher setzen sie nicht mehr über ihre Stimmung hinweg. Vielleicht hat Lady Tyrwhitt den guten Einfall gehabt, durch ihren Mann den König von dem wahren Zustand seiner geliebten Schwester zu unterrichten. Als er erfährt, wie krank Elisabeth ist, schickt er ihr sofort seinen Leibarzt zur Pflege. Er gibt ihr auch Kate und Parry wieder. Und das trägt wohl am meisten dazu bei, daß sie wieder gesundet. Ist es nicht der beste Beweis, daß Eduard ihr verziehen hat? Elisabeth erholt sich zusehends. Ihre Jugend tut das Übrige zur völligen Genesung. Nach einem Jahr ist sie wieder ganz hergestellt. Aber sie ist eine andere geworden. Die furchtbare Gefahr, in der sie und ihre Vertrauten geschwebt haben, die zweideutige Lage, in die sie die Geschichte mit Seymour gebracht hat, dienen Elisabeth zur Warnung.

Ihre Studien sind durch die Krankheit eine Zeitlang unterbrochen worden. Sie nimmt sie jetzt umso eifriger wieder auf. Sie muß vieles nachholen. Auch mit Lady Tyrwhitts Anwesenheit ist sie ausgesöhnt, seit Kate wieder da ist. Es zieht Ruhe in Elisabeths Herz ein, seit sie weiß, daß Lady Ashley und Parry nichts mehr zu befürchten haben. Der König ist ihr wie früher geneigt. Er nennt Elisabeth nur noch »seine süße Schwester Bescheidenheit«. Das Vorgefallene erwähnt er nie. Sein Vertrauen und seine Bewunderung hat sie eigentlich nie verloren. Er hat immer an ihre Unschuld geglaubt. Ihre Talente und Fortschritte erregen die Aufmerksamkeit vieler gelehrter Männer an seinem Hof. Man sagt ihm viel Lobenswertes über seine Schwester. Sie treibt eifrig Griechisch und Lateinisch. Vor allem zeigt sie das größte Interesse für Religion und die Wissenschaften. Sie ist in jeder Beziehung eine korrekte Protestantin, wodurch sie noch mehr des jungen Königs Achtung und Zuneigung gewinnt. Elisabeths Zärtlichkeit für Eduard zeigt sich in jeder Weise durch viele kleine Aufmerksamkeiten, die sie ihm erweist, und durch ihre außerordentlich bescheidene Ergebenheit. Nie vergißt sie, daß er der König ist. Sie ist klüger als ihre Schwester Maria, die den kleinen königlichen Bruder oft ihre geistige Überlegenheit fühlen läßt, wenn die vielleicht auch nur in ihren 31 Jahren besteht. Jede Gunst von Eduards Seite betrachtet Elisabeth als besondere Gnade. Sie versteht mit dem sanften Jüngling umzugehen. Sie kennt ihn von ihrer Kindheit an. Sie weiß, was er gern hat, worüber er sich freut, nie verletzt sie ihn durch ein Wort, eine Geste. Er steht ihr geistig am nächsten. Er hat die gleiche Bildung wie sie. Wenn er ihr eine Unterhaltung gewährt, ist sie selig. Sie bewundert seine Kenntnisse, den reichen Schatz seines Wissens, der allerdings bei einem so jungen Mann erstaunlich ist. Ganz fassungslos vor Dankbarkeit und Glück aber ist Elisabeth, als er eines Tages von ihr ein Bild verlangt. So viel Auszeichnung von seiner Seite hat sie nicht verdient! Der Brief, den die damals Sechzehnjährige als Antwort auf die königliche Bitte schreibt, ist indes nicht nur der Ausdruck wirklicher Freude, sondern man merkt deutlich daraus, wie Elisabeth auf das Herz des Bruders zielt, der als König mächtig genug ist, sie ganz zu sich hinaufzuziehen oder sie fallen zu lassen.

»Gleich dem reichen Mann«, beginnt Elisabeth ihr Schreiben, »der täglich Reichtum zu Reichtum häuft und zu einem Geldsack einen andern legt, bis alles Maß überschritten ist, so kommen mir Eure Majestät vor. Nicht zufrieden mit all den Wohltaten und Beweisen von Güte, die Sie mir bisher erwiesen haben, wollen Sie sie nun noch dadurch mehren, daß Sie mich um etwas bitten und etwas von mir wünschen, wo Sie doch fordern und befehlen könnten. Übrigens wäre die Sache an sich nicht des Forderns wert, denn sie bekommt nur Wert, weil Eure Hoheit sie fordern. Ich meine mein Bild. Könnte ich dadurch meine Ergebenheit für Sie so gut ausdrücken, daß ich im Bilde vor Ihnen stehe, so wäre ich Ihnen längst zuvorgekommen und hätte es Ihnen nicht erst gegeben als Sie es wünschten, sondern hätte es Ihnen angeboten. Wohl müßte ich über dieses Geschenk erröten, meine Gesinnung aber – ihrer werde ich mich bei dieser Gabe nie zu schämen brauchen. Die schönen Farben dieses Gemäldes können mit der Zeit verblassen, der Witterung unterliegen, durch Zufall unscheinbar werden, meine Gesinnung hingegen wird keine Zeit mit ihren flüchtigen Schwingen überflügeln. Kein dunkles Gewölk wird sie verdüstern, noch wird der Zufall sie mit leichtem Fuß vernichten. Zwar ist der Beweis dafür klein und die Gelegenheit dazu unbedeutend, aber es wird doch wohl noch einen Tag geben, an dem ich vielleicht durch Taten beweisen kann, was ich jetzt nur in Worten ausdrücke. Übrigens bitte ich Eure Majestät demütig, wenn Sie mein Bild betrachten, nie zu vergessen daran zu denken, wie meine Seele wünscht, daß ich nicht nur im Bilde, gleichsam schattenhaft, sondern auch persönlich öfter bei Ihnen wäre. Doch glaube ich, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen Eure Majestät nur geringe, ich aber um so größere Freude daran haben würden. Ich sehe jedoch ein, daß es jetzt nicht an der Zeit ist, diesem Wunsch zu willfahren, und deshalb will ich dem Ausspruch des Horaz folgen: Feras, non culpes, quod vitari non potest.

7. Elisabeth von England, Jugendbildnis
Zeitgenössischer Stich

Dieser letzte Satz zeigt eigentlich schon die ganze Elisabeth. Was nicht zu ändern ist, trage es, tadle nicht. Trotzdem sie eine leicht erregbare Natur ist, ein zu Widerspruch, Zorn und Leidenschaft geneigter Charakter, zwingt sie schon in der Jugend ihr Temperament zu stoischer Ruhe, wie sie es später so oft als Königin tun muß und tut. Das Leben hat bereits an ihr gerüttelt, aber nur die Reife und der Ernst ihres Wesen deuten darauf hin, daß sie Furchtbares durchgemacht hat. »Gleichwie der Schiffer auf stürmischer See die Segel einzieht und auf besseren Wind wartet, so ziehe auch ich, mein edelster König, mein Hauptsegel der Freude und des Trostes ein und hoffe auf einen Tag, an dem mich ein günstiger Wind ebenso in den Hafen leiten wird, wie mich ungestüme Wellen zurückgetrieben haben«, schreibt sie in dieser Zeit einmal an den Bruder. Er hat sie noch immer nicht endgültig an den Hof gerufen.

Sie muß nicht mehr allzu lange warten. Nachdem sie ihre Krankheit überstanden und etwas über ein Jahr völlig zurückgezogen in Hatfield gelebt hat, nimmt sie Eduard VI. wieder zu sich. Er umgibt sie mit der größten Achtung und Auszeichnung. Als Elisabeth durch Londons Straßen nach St.-James-Palace reitet, da befindet sich des Königs Schwester in großer, glänzender Gesellschaft. Viele Ritter, Lords und Edle reiten in ihrem Zuge, mehr als hundert reichgeschmückte junge Edelfrauen, alle zu Pferd, begleiten sie. Der Weg vom Parktor bis zum Palast ist mit feinem weißem Sand bestreut. Eine tausendköpfige Menge jubelt ihr zu, und an den Stufen des Schlosses empfangen sie Ritter und Edle mit großer Zeremonie. Die ersten Tage ihrer Anwesenheit am Hofe werden ausgefüllt mit prächtigen Turnieren und glänzenden Festlichkeiten.

Elisabeth ist vollständig rehabilitiert. Sie erhält eine eigene Hofhaltung, mit Parry von neuem als Intendanten. Ihrer Stellung entsprechend, versieht der König sie reichlich mit einer Rente von 5890 Pfund Sterling, abgesehen von kostbaren Geschenken. Sie hätte sich alle Genüsse ihrer Zeit leisten können. Aber so beherrscht ist sie bereits mit sechzehn Jahren, – oder ist es schon der Geiz, der bekanntlich später manche Handlung in ihrem Leben leitet? – daß sie einen Teil ihres Einkommens zurücklegt. Eduard hat ihr auch Hatfield geschenkt, in dem sie beide einst gemeinsam frohe Kindertage erlebt haben.

Elisabeth lebt sowohl in Hatfield als in Ashridge ziemlich bescheiden. Der König beschenkt sie zwar mit kostbaren Kleidern und Juwelen. Aus der Erbschaft ihres Vaters besitzt sie gleichfalls herrliche Sachen und Edelsteine. Sie trägt sie nicht. Weder Gold noch anderes Geschmeide noch kostbare Edelsteine schmücken ihre Gestalt. Sie verachtet in dieser Zeit allen weltlichen Prunk. Sie lebt nur ihren puritanischen Vorschriften, so daß sie bald bei den Reformierten als Vorbild der Einfachheit gilt. Jedem empfiehlt man Mylady Elisabeth zur Nacheiferung, besonders jenen »Töchtern der Edelleute und deren Frauen, die in beschämender Weise gleich Pfauen geputzt und geschmückt sind«, heißt es in dem damals von dem Geistlichen Aylmer veröffentlichten »Hafen für getreue Untertanen«. Elisabeths tugendhaftes Beispiel soll auf ihre koketten Zeitgenossinnen mehr gewirkt haben als alle frommen Vorschriften des Petrus und Paulus. Obwohl sie keiner irgendwelche Vorschriften gibt, sind die Damen ihres Hofes alle so einfach gekleidet wie sie. Als eines Tages die reizende Jane Grey von Elisabeths Schwester Maria einen herrlichen Schmuck, ein prachtvolles Kleid aus Gold und Samt mit goldenen Tressen zu Geschenk erhält, fragt Jane Grey betroffen:

»Was soll ich damit?«

»Es tragen«, raten ihr die Hofdamen.

»Nein«, sagt sie, »es wäre ja eine Schande, Mylady Maria gegen Gottes Gebot zu folgen und Mylady Elisabeth zu verleugnen, die Gottes Geboten folgt.«

Elisabeths zur Schau getragener Puritanismus ist nicht ganz ohne Berechnung. Sie, die sich später an Prunkkleidern, Ketten, Ringen und Spangen, Edelsteinen und kostbaren Stoffen nicht genug tun kann, verfolgt bereits mit eisernem Willen ein Ziel. Ihre Schwester ist verschwenderisch. Maria liebt alles Glanzvolle, Prunkhafte. Sie hat es zur Verschönerung ihrer verblühten Jugend nötig. Außerdem ist sie als halbe Spanierin prachtliebend und sehr für äußerliche Aufmachung. Ein Grund mehr für Elisabeth, die Jüngere, die Protestantische, die Vollblutengländerin, daß sie das Gegenteil von dem tut, was die katholische Schwester liebt und zur Schau trägt. Beide sind als thronberechtigt anerkannt, eigentlich aber schließt das eine Recht das der anderen aus, wenn es zu einem Thronwechsel kommt. So jung Elisabeth ist, sie rechnet bereits mit der immer mehr anwachsenden reformierten Partei, die einmal alles von ihr zu hoffen und zu erwarten hat. Vor allem aber liegt ihr daran, des jungen Königs Zufriedenheit in jeder Beziehung zu erwerben. Sie rechnet mit seinem Hof, dem sie sowohl mit dem Beispiel der Frömmigkeit als auch mit Gelehrsamkeit vorangehen will.

Eduard selbst ist mit dreizehn Jahren bereits ein Wunder an Wissen und vorbildlich religiösem Empfinden. Seine Frömmigkeit aber ist echt. Er ist ein aufrichtig überzeugter Protestant, zum Unterschied von Elisabeth, die aus Klugheit und Vorsicht später oft in religiösen Dingen sich schwankend zeigt. »Seien Sie Ihr Lebenlang glücklich«, sagt einmal Erzbischof Cranmer zu des Königs Gouverneur, »daß Sie einen solchen Schüler besitzen. Denn er hat mehr Theologie in seinem kleinen Finger als wir alle zusammen in unserm ganzen Körper.« Eduard besaß viele Talente. Er sprach fließend italienisch und französisch, schrieb und sprach lateinisch, verstand griechisch schon so weit, daß er die Philosophen lesen und übersetzen konnte. Literatur, Künste und Wissenschaften interessierten ihn aufs höchste. Er saß viele Stunden des Tages in seinem Studierzimmer, um seine Kenntnisse immer mehr zu erweitern. Die Jugend seines Hofes wurde von seinen ernsten Neigungen und Studien angesteckt. Sie sah in ihrem jungen Herrscher den Meister. Dennoch werden auch die ritterlichen Spiele der Zeit nicht vernachlässigt. Jagd und Turniere nehmen oft Tage und Wochen in Anspruch, in denen ganz England auf den Beinen ist. Doch die Frivolität von einst, die Rohheit der Sitten Heinrichs VIII., die Prunkgelage, die tolle Ausgelassenheit sind verschwunden. Die Frauen am Hofe Eduards befleißigen sich eines züchtigen Lebenswandels. Der Jüngling-König ist noch nicht in dem Alter, daß er sich für Frauen interessiert. Infolgedessen spielen Liebesintrigen um ihn keine Rolle. Eduards Hof steht im Zeichen geistiger und religiöser Vervollkommnung. Manche Frau in seiner Umgebung ist trotz ihrer Jugend und Schönheit gelehrter als alle Männer zusammen. Auch Elisabeth ist von Frauen umgeben, deren Wissen und Kenntnisse, deren Geist und Intelligenz hoch über dem Durchschnitt stehen. Die Damen ihrer nächsten Umgebung, wie Kate Ashley, Lady Tyrwhitt, Mildrad, die Tochter Anthony Cooks und spätere Gattin Elisabeths Ministers Cecil sind neben der noch ganz jungen Jane Grey die gebildetsten Frauen ihrer Zeit. Die erste Erzieherin des jungen Königs war die Mutter des späteren großen Wissenschaftlers Sir Francis Bacon. Noch viele andere, wie die Herzogin von Suffolk, Lady Clarke, die schönen Töchter des Herzogs von Somerset und Lady Pembroke sind Zierden des Hofes. Auch Maria Tudor ist keine dumme Frau, vielleicht nicht so reich begabt, nicht so verschwenderisch mit Talenten ausgestattet wie Elisabeth, ihre jüngere Schwester. Doch sie besitzt Scharfsinn und Energie. Sie hat durch Katharina von Aragon die besten Lehrer bekommen. Auch ihre Erziehung ist die einer hochgeborenen Frau der Zeit gewesen.

Der Ernst und die Einfachheit an Eduards Hofe werden dennoch hier und da von prachtstrotzenden Festen und Empfängen unterbrochen, wenn es gilt, fremde Herrscher und Gesandte zu empfangen. Als im Oktober 1551 die verwitwete Königin von Schottland, Maria von Lothringen, die Mutter Maria Stuarts, aus Frankreich nach Edinburg reist und ihren Weg über London nimmt, bereitet ihr Eduard VI. einen glänzenden Empfang. Die schottische Königin ist von einem sehr eleganten Hofstaat französischer Damen begleitet. Alle sind nach der neuesten Mode frisiert und gekleidet. Die englischen Edelfrauen und Fräulein wollen ihnen nicht nachstehen und erscheinen ebenfalls gelockt und frisiert, mit Diamanten und reichen Kleidern angetan, ganz französisch. Nur Elisabeth ändert nichts an ihrer Kleidung. Sie erscheint, wie immer, jungfräulich züchtig und einfach. Ihre schlanke Mädchengestalt, ihr rotgoldenes Haar, ihr regelmäßiges, wenn auch nicht schönes, so doch sehr ausdrucksvolles Gesicht mit den wundervollen klugen Augen, vor allem aber ihr äußerst majestätischer Gang, fallen schon damals auf. Die elfenbeingetönte Haut erhöht den Reiz ihrer zarten Glieder. Ihre liebenswürdige Bescheidenheit gewinnt ihr aller Herzen. Sie kennt schon sehr gut die kleinen Künste, die sie später mit so großer Virtuosität anwendet, um die Gunst des Volkes zu gewinnen. Vorläufig liegt ihr hauptsächlich daran, daß man in ihr eine tugendhafte Jungfrau und eine überzeugte Protestantin sieht.

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