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Elisabeth von England

Gertrude Aretz: Elisabeth von England - Kapitel 17
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authorGertrude Aretz
titleElisabeth von England
publisherBernina-Verlag Ges. m. b. H.
year1937
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Fünfzehntes Kapitel. An den Stufen des Thrones

Endlich ist Philipp im März 1557 bereit, nach London zurückzukehren. Maria schwelgt in Wiedersehensfreude. Wie bald aber wird sie wieder enttäuscht! Denn Philipp bleibt kaum drei Monate. In dieser kurzen Zeit ist der Krieg Englands mit Frankreich entschieden. Philipp beschäftigt trotz seiner Kriegsvorbereitungen immer noch lebhaft die Frage der Verheiratung seiner jungen Schwägerin. Aber auch persönlich erreicht er nichts. Und so gibt er den Plan mit dem Herzog von Savoyen langsam auf. Anfangs ist er auch in seinen politischen Plänen auf großen Widerstand bei den englischen Staatsmännern gestoßen. Sie weigern sich, in den Krieg gegen Frankreich einzutreten. Die Königin versucht alles, ihrem Gatten zu helfen. Da entschied oder erforderte ein Ereignis das Eingreifen Englands in die Ereignisse, in die es nur durch die spanische Heirat Marias verwickelt wurde.

Im April wurde wieder ein Anschlag auf das Leben Marias versucht. Die Bewegung nahm von Frankreich aus seinen Anfang und wurde mit französischem Geld unterstützt. Der englische Gesandte Wotton in Paris berichtete seinem Hof von einer Expedition gegen England, die sich so offensichtlich vorbereitete, daß man keinen Zweifel mehr hegen konnte, was die Franzosen beabsichtigten. Der Affront war zu augenscheinlich. Maria ließ ihre Truppen für ihren spanischen Gemahl gegen Frankreich marschieren, und England büßte in diesem Kampfe seinen wichtigsten Außenposten, Calais, ein. Durch diese Niederlage wurde der Stolz und der Ehrgeiz der freien Engländer auf eine harte Probe gestellt. Sie sahen jetzt ganz klar: die spanische Verbindung war eine riesige Gefahr für die Freiheit und die Entwicklung des englischen Reiches. Es stand ohne Frage bereits in dem Dienst der Weltpolitik der Spanier. Seine Stellung in der Welt war abhängig und unklar geworden. Bittere Feindseligkeit aus allen Teilen der Bevölkerung begleitete Marias Regierung. Um ihr Leben zu schützen, hatte sie auf Anraten Philipps und seiner Räte spanische Truppen ins Land gezogen. Der Staatsschatz wurde erschöpft. Ihre tyrannischen und grausamen Maßnahmen gegen religiös Andersdenkende trieben viele Protestanten außer Landes und beraubten England Tausender von fleißigen Händen. Abgründe auf allen Seiten taten sich auf durch die soziale Erregung und die kirchlich-religiösen Spaltungen, der größten Sorge Englands in damaliger Zeit.

Philipp hatte zwar den Engländern angeboten, Calais mit vereinten Kräften wiederzuerobern. Doch man traute dem Spanier nicht und ging auf seinen Vorschlag nicht ein. Man wollte nicht noch mehr Truppen und Geld für diesen verhängnisvollen Krieg opfern. So bleibt Calais französisch – und wird auch später nicht zurückerobert.

Maria blieb keineswegs unempfindlich gegen den Verlust nationalen Ansehens in der Welt. Auch sie war eine Tudor, und trotz aller Liebe zu dem Spanier Philipp fühlte sie als Engländerin tief jede Kränkung, die der Krone widerfuhr. Als sie am 8. Februar 1558 von dem Verlust Calais erfuhr, rief sie in wirklichem Schmerz und in aufrichtiger Verzweiflung aus: »Nach meinem Tode öffne man mein Herz. Man wird den Namen Calais darin eingegraben finden!«

Gerade in dieser Zeit aber glaubte sie sich noch einmal an die Hoffnung klammern zu können, Mutter zu werden. Philipp hatte sie im Juni des Vorjahres verlassen. Die wassersüchtigen Schwellungen ihres kranken Körpers täuschten sie auch diesmal. Diese dauernde Enttäuschung der zur Kinderlosigkeit Verurteilten, der Kummer über Philipps Entfernung und seine Kälte, das Gefühl ihrer Unpopularität und die Sorge um ihren Thron, der einer »Ketzerin« anheimfiel, wenn sie starb, versetzte Maria in tiefe Melancholie. Sie hatte nicht erreicht, was sie erhoffte, wenigstens nicht in dem Maße, wie sie es gewünscht hätte. Sie weinte Tage und Nächte hindurch. Sie lag stundenlang auf den Knien und betete, Gott möge ihr Philipp bald wieder schicken. Er kam nicht. Sie sah ihn, den sie so sehr liebte, nie wieder. Im August 1558 fühlte sie sich so krank, daß sie sich von Hampton Court eiligst nach St. James Palace transportieren ließ. Hier war sie der Regierung näher. Sie zog sich ganz in ihre Gemächer zurück und verließ sie niemals. Sie wußte, daß ihr Ende nicht mehr fern war. Philipp hatte ihr nach dem Siege von Saint-Quentin sein Bild geschickt. Es konnte ihr keine Hoffnung mehr geben. Alles war für sie zu Ende.

Die Nähe des Todes und die Ratschläge Philipps aus der Fremde stimmten sie vielleicht etwas milder gegen ihre Schwester. Elisabeth durfte sie bisweilen besuchen. Maria hatte auch nichts mehr dagegen, daß die Prinzessin in ihren Schlössern sich durch Feste unterhielt, die der frommen Katholikin im Grunde höchst zuwider waren. Elisabeths Hofhaltung wurde nach und nach freier, weniger düster und bedrückt. Jugend und Fröhlichkeit kamen wieder zu ihrem Recht. Schöne Frauen, elegante und einflußreiche Männer scharten sich um die Prinzessin. Sie war der Mittelpunkt einer hohen geistigen Sphäre, getränkt mit Gelehrsamkeit und philosophischer Weltanschauung. Immer war Elisabeth bemüht – in jedem Lebensalter – ihren Geist weiter zu bilden, ihr Wissen zu vermehren. Nachts las sie stundenlang gelehrte Bücher oder förderte ihre Kenntnisse in den alten und neuen Sprachen. Sie verschmähte schon lange nicht mehr die Eleganz der Kleidung. Wenn sie sich dem englischen Volk zeigte, das ihr jeden Tag begeisterter zuströmte, war sie immer aufs herrlichste gekleidet, obwohl es im Lande viel Armut gab. Doch die Londoner wollten ihre zukünftige Königin in Schönheit und Glanz sehen. Es war für sie keine Frage, daß nur Elisabeth und keine andere einmal das Land regieren werde.

Maria hingegen büßte täglich mehr an Interesse ein. Sie siechte kümmerlich dahin. Mit vierzig Jahren war sie eine alte Frau, ohne Hoffnung auf Glück oder Volksgunst. Die Bestimmung ihrer Thronfolgerschaft wurde immer dringender. Schließlich mußte Maria auf Drängen der beiden Häuser formell erklären, daß sie Elisabeth zu ihrer Thronerbin anerkannte und bezeichnete. Es ist ihr gewiß nicht leicht geworden, aber sie tat es am 6. November 1558. Sie stellte nur zwei Bedingungen: Elisabeth sollte katholisch bleiben und Marias Schulden bezahlen.

Elisabeths Verhalten bei dieser Gelegenheit wird von den Zeitgenossen verschieden geschildert. Die Hofdame der Königin, Jane Dormer, wurde von Maria beauftragt, der Prinzessin ihren Entschluß zu überbringen. Jane Dormer heiratete später den spanischen Grafen, späteren Herzog Feria, Philipps Gesandten und Vertrauten. Sie erzählt in ihren Memoiren, Lady Elisabeth habe fast mit fanatischer Leidenschaft beteuert, daß sie eine gläubige und überzeugte Katholikin sei und es bleiben werde. Der Erdboden solle sich unter ihr auftun und sie verschlingen, habe sie ausgerufen, wenn das nicht die volle Wahrheit sei. Wahrscheinlich kommt diese Schilderung des Benehmens Elisabeths in dieser für sie heiklen und gefährlichen Angelegenheit der Wahrheit näher als eine andere, obgleich die sich besser mit Elisabeths stolzem, hochfahrendem Charakter vereinbart. Vielleicht hat Elisabeth sich Lady Dormer gegenüber wirklich so benommen, wie diese Dame schildert, während sie sich ihren eigenen Leuten gegenüber kein Blatt vor den Mund nahm und sagte, als sie durch die Staatsräte von den Bedingungen der Königin in Kenntnis gesetzt worden war:

»Ich habe keinen Grund, der Königin für die Überlassung der Krone Englands zu danken, denn sie kann sie mir ebenso wenig übergeben als sie sie mir hat nehmen können. Es ist mein persönliches Erbrecht, sie zu erhalten. Hinsichtlich der Religion verspreche ich, nichts zu ändern, vorausgesetzt, man beweist mir, daß sie mit Gottes Wort übereinstimmt. Danach allein werde ich mich richten. Keine Forderung aber ist gerechter, als daß ich die Schulden der Königin bezahle. Ich werde mein möglichstes in dieser Beziehung tun.« Da Maria oder ihre Räte nach dieser Version noch eine dritte Bedingung an Elisabeths Thronbesteigung knüpfen, nämlich, den Staatsrat in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung bestehen zu lassen, so antwortet sie darauf sehr kühl: »Ich glaube, es steht mir genau so frei wie ihr, meine Räte zu wählen, wie ich es für gut halte.«

Diesen Ton wird Elisabeth nicht vor der Dame der sterbenden Königin angeschlagen haben. Aber ihrer Wesensart und ihrem ganzen Denken nach ist er ihr zuzutrauen. Aus Diplomatie allein mußte sie sich zurückhalten, denn noch lebte Maria, und Philipps Wohlwollen mußte Elisabeth sich zu erhalten suchen. Sie braucht Philipp vorläufig noch. Seine Sympathie für sie hat sich nicht vermindert. Elisabeth hat ihm anläßlich des Todes Karls V. im September einen gefühlvollen Brief der Teilnahme geschrieben, und er beschäftigt sich weiter mit ihrer Zukunft. Daß Maria endlich vernünftig geworden ist und ihre Schwester für die Thronfolge anerkannt hat, ist hauptsächlich seiner Fürsprache zu danken. Elisabeth in ihrem Innern aber weiß, das englische Volk würde sie auch ohne Philipps Dazwischentreten und ohne Marias Entschluß auf den Thron erhoben haben.

Philipp braucht in London eine Persönlichkeit, die die Engländer gewinnt, zur Weiterführung der englisch-flandrischen Allianz. Er schickt den oben erwähnten Don Gomez Suarez de Figueroa, Grafen Feria, als außerordentlichen Gesandten zu Maria mit einem persönlichen Brief. Es ist der 9. November. Maria ist glücklich, von Philipp eine Botschaft zu erhalten. Die letzte. Sie vermag sie nicht mehr selbst zu lesen. Am gleichen Tag tritt der Staatsrat zusammen. Feria unterbreitet ihm die im Gange befindlichen Unterhandlungen des Friedens mit Frankreich. Man begegnet den feurigen Auseinandersetzungen des Spaniers mit höchst lauem Interesse. Die Lords scheinen bereits mit ihrem Gedanken bei dem nahe bevorstehenden Regierungswechsel zu sein. Was gehen sie jetzt noch Philipp und seine Forderungen oder Ansprüche, seine Pläne und Politik an? Die Ärzte haben die Königin Maria schon aufgegeben. Sie wird nur noch ein paar Tage leben. Und was geschieht dann mit den Staatsräten? Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, mit seiner Zukunft unter der kommenden Regierung. Man munkelt bereits, Elisabeth werde Sir William Cecil zu ihrem Staatssekretär machen.

Feria hat auch für Elisabeth Aufträge von Philipp. Sie hält sich augenblicklich bei Admiral Lord Clinton zu Besuch auf. Der ritterliche Spanier verliert keinen Augenblick Zeit. Er eilt zu ihr und überbringt ihr die Grüße ihres Schwagers. Sie empfängt den Gesandten Philipps mit viel Liebenswürdigkeit, doch bereits mit einer Art kühler Distanz, als hätte sie schon über Gunst und Ungnade zu entscheiden. Feria selbst erzählt diese Zusammenkunft in seinen »Memorias«. Zuerst wird die Unterhaltung in spanischer Sprache geführt. Da aber Lady Clinton im Salon anwesend ist und sie nicht spanisch kann, bittet Elisabeth den Gesandten, sich des Englischen zu bedienen. Feria übermittelt ihr zuerst Philipps Wunsch, ihr jederzeit zu dienen und sie als seine liebe Schwester zu behandeln, sie zu schützen, wenn sie in Gefahr sei usw. Elisabeth dankt liebenswürdig. Auch sie versichert, sie halte große Stücke auf Philipp II. Sie habe nicht vergessen, daß er sie während ihrer Gefangenschaft beschützte. Außerdem sei die Freundschaft zwischen den beiden Häusern Burgund und England eine sehr alte und dann sei sie Philipp schon deshalb Freundschaft schuldig, weil er ihr so und so oft versichert habe, ihr stets ein guter Freund bleiben zu wollen. Feria war sehr zufrieden mit dieser guten Aufnahme. Plötzlich aber verdarb er selbst alles durch die unvorsichtige Bemerkung, Elisabeth verdanke nur Philipp allein ihr Thronrecht. Weder der Staatsrat noch die Königin hätten Anspruch auf dieses Verdienst. Da ist es mit Elisabeths Ruhe und Liebenswürdigkeit zu Ende. Sie platzt los in ihrem Zorn. Sie hält sich nicht mehr zurück. Was, einem fremden Herrscher solle sie ihren Thron verdanken? Nie und nimmer! Das Volk, die Massen hätten sie dahin gebracht, wo sie jetzt sei. Besonders die Londoner seien ihre Stütze. Sie verdanke weder dem König noch dem Adel etwas. Schon als Fünfzehnjährige sei sie sich ihrer Popularität bewußt gewesen, als sie Gefahr lief, in der Affäre Somerset bloßgestellt zu werden.

Sie redete sich jetzt allen Groll von der Leber, Ihre Schwester Maria kam nicht gut dabei weg. Elisabeth ließ sich in bitteren Worten gegen die Behandlung aus, die Maria ihr während der ganzen Zeit zuteil hatte werden lassen. Wie knapp sie an Geld und allem gehalten worden sei. Wie die bescheidenste Bürgerin habe sie leben müssen. Das war nun nicht gerade der Wahrheit entsprechend, denn Elisabeth besaß durch Testamentsbeschluß Heinrichs VIII. 3000 Pfund Sterling jährliche Rente. Aber sie war geizig und redete sich ihre Armut selbst ein, damit sie nicht zu Ausgaben gezwungen war, die man von ihr in ihrer hohen Stellung verlangte.

Über die verschiedenen Heiratsanträge, die man ihr in der letzten Zeit vorgeschlagen hatte, mokierte sie sich Feria gegenüber. Geradezu lächerlich sei es, sie mit einem fremden Prinzen verheiraten zu wollen. Und ohne Rücksicht auf den stolzen Kastilianer zu nehmen, der als Vertreter seines spanischen Herrschers vor ihr stand, sagte sie: »Ich bin gewarnt. Die Königin hat die Zuneigung ihres Volkes eingebüßt, weil sie einen Ausländer heiratete.« Der Gesandte ging über diese zwar wahre aber ihm gegenüber beleidigende Bemerkung Elisabeths hinweg. Als er sich von ihr verabschiedete, wußte er: die ließ sich von niemandem beherrschen! Auch sein mächtiger Gebieter hat nicht mehr Glück als die anderen Freier. Elisabeth nimmt zwar Philipps Werbung nach dem Tode Marias sehr liebenswürdig auf, verschanzt sich indes, wie immer, hinter der Entscheidung des Parlaments. Und wie die ausfiel, darüber konnte kaum ein Zweifel bestehen. Es wäre ihr außerdem nicht eingefallen, den Mann zu heiraten, durch den ihre Schwester sich die Gunst des englischen Volkes so gründlich verscherzt hatte. In ihrer spöttischen Weise gab sie Feria in einer ihrer Unterredungen zu verstehen, daß sie ja Philipp, weil er der Witwer ihrer Schwester sei, gar nicht heiraten könne. »Denn«, sagte sie, »ich würde dadurch das Andenken meines Vaters entehren, der seine erste Frau verstieß, weil sie die Witwe seines Bruders war.« Philipp tröstete sich übrigens sehr bald mit der 14jährigen Tochter Heinrichs II. und der Katharina von Medici. Er heiratete die Prinzessin von Valois, um das Bündnis mit Frankreich zu befestigen. Die englische Königin hatte sich für stark genug gehalten, die Hand des spanischen Herrschers auszuschlagen. Gleich im ersten Jahr ihrer Regierung verlangte und erhielt auch Feria seine Zurückberufung als spanischer Gesandter aus London.

Elisabeth kam die Schule des Lebens sowohl als auch die Zeit, in der sie das englische Volk unter dem Wechsel der verschiedenen Regierungen und Religionen kennen lernte, zustatten. Sie wußte, welcher Opfer es fähig war, welcher nicht, was für Ansprüche es stellte und was es ertragen konnte von seinem Herrscher, was nicht. Sie wußte, es gab wenige, selbst unter den Großen des Reichs, wenn sie sich auch in den Glaubenswechsel und die kirchlichen Veränderungen der letzten Herrscher gefügt hatten, die sich nicht danach sehnten, endlich vom spanischen Joche loszukommen. Die mittlere und untere Volksklasse aber lebte in dem größten Teile Englands völlig in ihren religiösen Empfindungen für die neue Lehre. Sie hatten um ihren Glauben die größten Leiden erduldet. Mit frommer Freude sahen sie daher dem Ende der blutigen Tyrannei Marias einer besseren Zeit mit Elisabeth, einer der Ihrigen, entgegen.

Marias Tage waren gezählt. Am 17. November 1558 starb sie. Niemand beklagte ihren Tod. Es war, als sei ein schwerer Alp von allen genommen. Und als wenige Tage darnach auch der mächtige Kardinal Pole durch den Tod abberufen wurde, stärkte das die Hoffnung der Protestanten um so mehr. Elisabeths Jugend, ihre Talente, ihre vielen menschlichen Eigenschaften, das erduldete Unglück, alles trug dazu bei, das Interesse und die Liebe zu erhöhen, mit der man die jungfräuliche Königin auf Englands Thron erhob. Das ganze Reich, das Maria mit unermüdlicher Zähigkeit der päpstlichen Macht wieder gegeben hatte, lag jetzt auf den Knien vor einer jungen Herrscherin, von der es überzeugt war, sie werde es zu Ruhm und Größe, zu Freiheit und Unabhängigkeit und in die neue Glaubenswelt führen, um die es fünfundzwanzig Jahre lang gekämpft hatte.

Niemals wurde eine Thronbesteigung in England ergreifender gefeiert. Die Londoner Bevölkerung wußte sich in ihrer Freude kaum zu mäßigen. Die Glocken aller Kirchen läuteten, Freudenfeuer brannten auf allen Plätzen, in den Straßen jubelten die Menschen. Protestanten und Katholiken schienen ein Volk.

Als Elisabeth in Hatfield die Nachricht von ihrer Erhebung erhielt, war sie weder davon noch vom Tode ihrer Schwester sichtlich berührt. In ihrem Innern war sie schon seit Monaten auf dieses Ereignis vorbereitet. Es entschlüpfte ihr weder ein Ausdruck der Freude über ihren Triumph, noch ein Wort des Schmerzes über das Ableben Marias. Sie fiel auf ihre Knie und betete aus dem Psalm: »A Domino factum est istud et est mirabile oculis nostris.« Diesen Spruch ließ die Königin später in ihr Petschaft gravieren.

Am 23. November reiste sie von Hatfield mit einem Gefolge von über tausend Rittern und Frauen ab. Sie übernachtete im Charterhouse, einem ehemaligen Karthäuserkloster. Am nächsten Tag zog sie in den Tower. Sie saß auf einem herrlich geschmückten Zelter in einem purpurfarbenen Samtmantel, der ihre schlanke Gestalt ganz umhüllte. Es war November und kalt. Der Weg von Charterhouse bis zum Tower war ganz mit feinem weißem Sand bestreut. Sänger und Musiker begleiteten den Zug der jungen Königin. Herolde und die hohen Staatsbeamten ritten voraus. Jauchzend und jubelnd strömte ihr das Volk zu, dessen Gunst sie immer mehr gewann. Es wurden so viele Freudenschüsse abgegeben, wie es London noch nicht erlebt hatte. Jeden Gruß, selbst den des geringsten Mannes, erwiderte Elisabeth mit freundlichem Lächeln. Kinder sagten Gedichte auf. Sie ließ ihr Maultier halten und reichte den Kleinen die Hand. So handelte sie nach dem von ihr seit ihrer Jugend gefaßten Grundsatz, das Volk durch Liebenswürdigkeit zu gewinnen, denn »keine Musik ist ihm so angenehm, wie die Leutseligkeit seines Fürsten«.

Als Elisabeth den Tower betrat, den sie vor noch nicht allzu langer Zeit als Gefangene verlassen hatte, war sie so ergriffen, daß sie auf die Knie niederfiel und Gott dankte, der sie aus allen Gefahren gerettet und sicher bis zum Throne geleitet hatte. Nur ihm und dem englischen Volk dankte sie für ihre Befreiung und ihre Erhebung.

Acht Tage blieb die junge Königin im Tower. Dann begab sie sich auf der Themse nach ihrer Residenz Somerset, um hier die Hoftrauer um Maria abzuwarten. Erst zum Weihnachtsfest bezog sie Whitehall. In den wenigen Tagen hatte sie es verstanden, ihre Beliebtheit beim englischen Volke noch zu verstärken. Das wunderbar ungezwungene Wesen dieser jungen Herrscherin stand in so großem und vorteilhaftem Kontrast zu der steifen herrischen Haltung ihrer Vorgängerin Maria, daß es plötzlich schien, als ströme ein warmer Hauch von Menschlichkeit und mitfühlendem Verständnis über das große Volk der Engländer hin. Es äußerte seine Freude immer stürmischer und sang das Lob seiner neuen Königin in höchster Begeisterung. In der Hauptstadt bereitete man mit fieberhaftem Eifer die große Zeremonie zur Krönung vor. Es sollte ein Fest von seltener Pracht und nie erlebtem Glanz werden. In den Werkstätten der Handwerker und Goldschmiede war Hochbetrieb. Nach der damaligen Mode und Sitte war die Kleidung bei derartigen Gelegenheiten nicht nur des Adels prachtvoll, sondern auch die vornehmen Bürger suchten sich im Prunk zu überbieten. Röcke aus Samt und Atlas, reich mit Gold, Silber und kostbarem Pelz verziert, schwere goldene Ketten, feder- und juwelengeschmückte Hüte der Männer, goldene und silberne Kleider der Frauen mit langen hermelinbesetzten Mänteln waren bei großen Feierlichkeiten zu sehen. Als Elisabeth am 15. Januar 1559 gekrönt wurde und sich der Krönungszug nach Westminster begab, schneite es und die Luft war ein wenig verdunkelt. Doch den Chronisten der Zeit schien es, als wenn all das Gold und Silber und die funkelnden Juwelen, mit denen Damen und Herren geschmückt waren, den Tag erhellten. Elisabeth saß in einem Goldbrokatkleid in einer mit Goldtuch ausgeschlagenen offenen Sänfte. Trompeter und Herolde in ihrer prachtvollen Staatskleidung aus rotem Damast gingen voraus. Die Frauen und Hofdamen der Königin saßen zu Pferd und die Herren waren in rotem Samt gekleidet. Auch später umgab sich Elisabeth stets mit einem Gefolge »schöner junger Ritterinnen«, wenn sie in der Öffentlichkeit erschien. Das erhöhte um vieles den Reiz der »jungfräulichen Königin« und war von ungemein starker Wirkung.

Bei der Krönung selbst und vor allem während des großen Krönungsmahls war die junge Königin sehr fröhlich. Sie gab sich so ungezwungen wie immer bei feierlichen Gelegenheiten, deren strenges Zeremoniell ihr nicht zusagte. Einige ihrer Zeitgenossen, natürlich aus dem katholischen Lager, fanden, daß sie »die Grenzen der Würde und königlichen Haltung« überschritt. Nichtsdestoweniger empfing die Menge ihre gekrönte Königin mit solcher Begeisterung und so tobendem Beifall, daß man meinte, die Menschen seien rein toll geworden. Elisabeth konnte zufrieden sein. Sie empfing, wie sie es immer erstrebte, ihre Krone buchstäblich aus der Hand des englischen Volkes und durch ihre eigene Klugheit.

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