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Elisabeth von England

Gertrude Aretz: Elisabeth von England - Kapitel 15
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authorGertrude Aretz
titleElisabeth von England
publisherBernina-Verlag Ges. m. b. H.
year1937
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Dreizehntes Kapitel. Neue Gefahren in Hatfield

Die Enttäuschung der Engländer über Marias Heirat, ihre Unfruchtbarkeit, ihre erbarmungslose Härte, ihre ganz auf Spanien und die Kirche Roms eingestellte Politik, stärken die Partei Elisabeths. Ihre Popularität wächst von Tag zu Tag. Zumal Maria in Mißtrauen und Furcht wieder zu Gewaltmaßregeln greift und keinen Tag hingehen läßt, ihr grausames Urteil über Vergehen zu fällen, die oft nicht einmal genau festgestellt werden können. Entweder sind es aufsässige Reden oder Flugschriften, die ihren Zorn erregen. Zum Unglück gehen solche Dinge meist von Personen aus, die Elisabeths Umgebung angehören, oder ihr in irgendeiner Weise nahe stehen. Denn wenn sie sich auch selbst sehr klug und vorsichtig benimmt, ihre Diener und Vertrauten tun es nicht immer. So wandert heute der, morgen der in den Tower, ohne daß Elisabeth etwas daran ändern kann. Sie waren eben nicht klug und vorsichtig gewesen. Sie hatten ihren Mund nicht halten können. Es war ihre Schuld, wenn sie dafür büßen mußten. Sie selbst läßt sich durch nichts beirren, durch nichts von der eingeschlagenen Taktik in der Verfolgung ihres Ziels abbringen. Doch es ist für Elisabeth eine schwere Zeit. Ein gefährliches Hin- und Hertasten auf schlüpfriger Bahn. Je mehr Maria darüber nachdenkt, kinderlos zu bleiben und ihr Land einer Jüngeren überlassen zu müssen, die es sofort wieder dem Katholizismus entreißen wird, desto größer ist ihre Gereiztheit und ihr Mißtrauen.

Im November 1555 eröffnete die Königin das Parlament und bezog wieder St.-James-Palace. Es störte sie, Elisabeth inmitten der mit der Parlamentseröffnung verbundenen Feierlichkeiten in London zu wissen. Sie hätte sie daran teilnehmen lassen müssen. Das wollte sie nicht. Sie fürchtete dabei Ausschreitungen der Bevölkerung zu Elisabeths Gunsten. So gestattete sie ihrer Schwester, sich nach Hatfield zurückzuziehen. Es war ein lange gehegter Wunsch Elisabeths. Sie liebte dieses Schloß, den Schauplatz ihrer Kindheit mit dem Bruder Eduard. Hier war sie zum erstenmal nach ihrer Freilassung aus Woodstock, wenn auch nicht ganz ihr eigener Herr, so doch wenigstens nicht unter unmittelbarer Kontrolle der Königin. Sie hatte Kate Ashley, Thomas Parry, ihren Lehrer Roger Ascham, den italienischen Sprachlehrer Battista Castiglione und andere bei sich. Sie konnte sich wieder ungestört ihren Büchern, ihren Studien widmen. Wenn sie auch den katholischen Gottesdienst beibehalten mußte, so war sie doch nicht fortwährend gezwungen, an prunkvollen Kirchenfesten, Prozessionen und Te Deums teilzunehmen. Dennoch vermeidet sie auch jetzt alles aufreizende, um der Königin nicht Gelegenheit zu geben, den Verdacht bestätigt zu finden, daß sie eine »Ketzerin« geblieben ist und nur eins im Auge hat: den englischen Thron.

Mit ihren jungen hellen Augen beobachtet Elisabeth freudig die immer mehr zunehmende Macht ihrer Popularität. Doch sie entzieht sich absichtlich dem öffentlichen Interesse. Man soll sie nicht noch einmal verdächtigen, mit der Zuneigung der Engländer zu liebäugeln. Als sie am 18. Oktober 1555 von Maria die Erlaubnis erhält, mit ihrem Reisegefolge durch London nach Hatfield zu ziehen, ist die Begeisterung und der Jubel der Bevölkerung so stürmisch, daß Elisabeth es für diplomatisch hält, ein paar Herren ihrer Suite abzusenden, um die Menge zurückzuhalten und ihr etwas mehr Ruhe anzuempfehlen. Sie erreicht das zwar nicht. Das Volk wird in seiner Begeisterung für Mylady Elisabeth nur noch stürmischer, noch aufgeregter. Doch Elisabeth hat getan, was sie konnte. Maria kann ihr nicht vorwerfen, zu diesem Jubel absichtlich beigetragen zu haben. Die Königin erfährt natürlich von dieser abwehrenden Geste ihrer Schwester, ist aber dennoch nicht beruhigt.

Elisabeth in Hatfield wartet ab. Sie weicht aus, wo sie kann. Es gelingt ihr, allen Stolz, alles Aufbäumen gegen die Gewalt der verhaßten Schwester, gegen deren Launen und Schliche niederzudrücken, sich zu beherrschen, zu lügen und zu heucheln, wenn es nottut. Sie ist in dieser Beziehung in eine gute Schule gegangen und lernt immer noch dazu. Und trotz allem Schein von Unterwürfigkeit geht sie ihren eigenen Weg. Wenn sie sich beugt, wenn sie der momentanen Macht gehorcht, so geschieht es nur aus der genauesten Berechnung ihrer Situation. Niemals ist sie am Hofe ihrer Schwester das gewesen, wofür man sie halten konnte und wofür sie gehalten werden wollte: ein sanftes ergebenes junges Mädchen, das sich allem fügt. Alles, was sie tut, geschieht in wohlüberlegter Klugheit. Mancher Staatsmann könnte von ihr lernen.

Ab und zu wird sie von Maria an den Hof nach London befohlen, um an Kirchenfesten teilzunehmen. Die Königin hatte eine neue Enttäuschung im Parlament erlitten. Es hatte stürmische Szenen wegen des von ihr befürworteten Antrags über die Verfolgung der protestantischen Flüchtlinge auf dem Kontinent gegeben. Das Gesetz war nicht durchgegangen. Auch andere wichtige Vorlagen Marias wären beinahe gescheitert. Im November 1555, wenige Wochen nach der Eröffnung des Parlaments, verlor die Königin ihre beste Stütze, den Kanzler Gardiner, Bischof von Winchester. Elisabeth hatte einen Feind weniger in der Nähe ihrer Schwester. Die Protestanten atmeten auf, als er tot war. Ihm hatten sie am meisten die blutigen Verfolgungen ihrer Glaubensgenossen zu verdanken. Nur Maria beklagte den Verlust ihres tatkräftigsten Staatsmannes. Wenn nur Philipp wenigstens bei ihr gewesen wäre. Sie sehnte sich halbtot nach ihm. Ihn halten indes die Ereignisse auf dem Kontinent fest. Und, wie sie erfährt, auch manche junge und schöne Flamländerin. Ihre Eifersucht zerfrißt und zermürbt sie. Sie ist empört, daß Philipp und seine Ratgeber sie so wenig an ihren politischen Handlungen teilnehmen lassen und sie nicht bei allem um Rat fragen, während sie Philipp unumschränkte Einmischung in ihre Regierungsgeschäfte gewährt. Im Dezember ist sie wieder zur Auflösung des Parlaments gezwungen. Das Unterhaus hat sich zu widerspruchsvoll benommen. Einige der wildesten Abgeordneten wanderten in den Tower. Alle diese Dinge gaben Maria immer mehr zu denken. Sie fühlte, wie sich ihre Feinde wieder erhoben. Es wurde tatsächlich von neuem konspiriert.

Elisabeth in Hatfield ist der Gefahrenzone noch nicht entronnen. Sie ist wieder einmal der Pol, um den sich alles dreht. Vielleicht sogar die von manchem Unterrichtete. Die geplante Verschwörung geht wieder vom französischen Gesandten Noailles aus. Er bringt Marias Feinde, darunter auch einige Mitglieder des Unterhauses dazu, gegen sie einen Putsch anzuzetteln. Man beabsichtigt, die verliebte Königin zu ihrem Gemahl nach Flandern auf Reisen zu schicken. Während ihrer Abwesenheit soll Elisabeth auf den Thron gesetzt werden und Eduard Courtenay mit ihr. Die Verschwörer sind hauptsächlich: ein Vetter des Herzogs von Northumberland, Henry Dudley; Vizeadmiral Sir Anthony Kingston; ein Vetter Eduard Courtenays, Sir William Courtenay; Sir Henry Peckham, Francis Werne und einige aus der Revolte Wyatts. Es war alles zum Aufmarsch bereit. Da wurden sie dem mächtigen Freund Marias, dem Kardinal Pole, verraten. Im März 1556 fand also wieder ein Blutgericht statt. Unter den zum Tode Verurteilten befand sich der Hofbeamte Elisabeths, Francis Werne (oder Verney) und einer ihrer Offiziere, Henry Peckham. Es war merkwürdig, daß immer gerade Elisabeths Leute ihre Hand im Spiele gegen Maria hatten. Werne wurde später begnadigt.

Man macht Hausdurchsuchungen in ihren Schlössern. In Somerset-House, ihrer Winterresidenz, entdeckt man einen ganzen Koffer voll Flugblätter und Karikaturen gegen den König und die Königin, eine Menge antikatholischer Bücher. Der Koffer gehört Kate Ashley, Elisabeths langjähriger Ehrendame. Sein Inhalt aber ist gewiß nicht allein Kates Eigentum. Sie wandert ein zweites Mal für ihre Herrin ins Gefängnis. Diesmal ins Fleetgefängnis. Ein anderes Mitglied der Hofhaltung Elisabeths, ihr italienischer Lehrer Castiglione, sieht den Kerker des Tower zum dritten Mal. Elisabeth selbst behelligt man diesmal nicht persönlich. Maria muß sehr vorsichtig sein, denn die Volksmeinung wendet sich immer drohender gegen sie. Die Königin beschränkt sich darauf, das Londoner Palais ihrer Schwester militärisch bewachen zu lassen und ihr Thomas Pope, einen sehr gütigen, ehrenhaften Mann als Majordomus nach Hatfield zu senden. Er hatte ihr bereits während ihrer Haft in Whitehall und Woodstock zur Seite gestanden. Kate Ashley darf indes nicht mehr zu Elisabeth. Maria hat genug von dieser Dame, die äußerlich einen so harmlosen und wohlwollenden Eindruck machte und doch immer in alle Intrigen verwickelt zu sein schien. Kate bleibt drei Monate eingesperrt. Man vermag ihr jedoch wiederum nichts nachzuweisen. Auch mit den anderen Verschworenen kann nicht so ohne weiteres verfahren werden wie einst mit den Genossen Wyatts. Einige gehören den ersten Familien Englands an. Maria will und darf sie sich nicht zu Feinden machen. Andere entkamen noch glücklich nach Frankreich, ehe Justizia ihre Hand auf sie legen konnte. Nur die Verschwörer zweiten Ranges, deren man habhaft wird, besteigen das Blutgerüst.

Immer wieder geistert der Herzog von Devonshire, Eduard Courtenay, durch Elisabeths unruhige Jugend. Die nach Frankreich entflohenen Teilnehmer an der unterdrückten Verschwörung Anthony Kingstons, unter anderen Henry Dudley und seine Freunde, sind weiterhin, wahrscheinlich mit finanzieller Unterstützung des französischen Königs Heinrich II., tätig, Maria zu stürzen. Der Krieg Englands mit Frankreich ist nicht mehr fern. Die Mittel, deren sie sich bedienen, um in England Stimmung gegen die Regierung zugunsten Elisabeths zu machen, sind oft recht unzulänglich. Sie dienen nur dazu, Elisabeth zu kompromittieren. So schickt man einen jungen Mann nach Ipswich in der Grafschaft Suffolk, einem stark protestantisch gesinnten Mittelpunkt. Er soll dort als falscher Courtenay auftreten. Er sah tatsächlich dem Herzog von Devenshire sehr ähnlich. Es werden Briefe und Proklamationen unter die Bevölkerung verteilt, in denen wieder Elisabeths Name und der des Herzogs ganz unverfroren genannt werden. Und schließlich läßt sich der falsche Courtenay, ein gewisser Clebury oder Cleabury, öffentlich mit ihr »als ihren geliebten Gemahl zum König und zur Königin« ausrufen. Dies geschieht im Sommer 1556. Im September ist der falsche Herzog von Devonshire, der »Mystifikateur«, den Weg so vieler gegangen, die für Elisabeth Propaganda machten. Er wurde gefoltert und hingerichtet.

Die Königin Maria ist über die Frechheit und den Mut, mit welchem die protestantische Partei arbeitete, maßlos wütend. Doch sie muß ihren Zorn mäßigen. Philipp und alle raten ihr dazu, die Zeiten nicht wieder heraufzubeschwören, in denen sie ihre Schwester einfach verhaften und einsperren ließ. Wenn es nach ihr gegangen wäre – dann freilich hätte für Elisabeth vielleicht die letzte Stunde geschlagen. Maria denkt indes aufs neue daran, sie ins Ausland abzuschieben. Philipp soll sogar mit der Absicht umgegangen sein, seine 22 jährige Schwägerin mit seinem 10 jährigen Sohn Don Carlos zu verheiraten. So absurd diese Idee scheint, zu jener Zeit fragte man bei politischen Familienalliancen nicht nach so krassen Unterschieden. Es wäre jedenfalls ein Mittel gewesen, Elisabeth auf gute Art nach Spanien zu bringen. Diesem Plan, der bereits ein Jahr zuvor auftaucht, steht Elisabeth mit ihrer klugen undurchdringlichen Haltung gegenüber. Sie spricht sich weder dafür noch dagegen aus. Einer der vornehmsten Granden Philipps, Don Diego Dagende, gibt sich die größte Mühe in fast täglichen Besuchen von der Prinzessin eine Entscheidung zu erhalten. Sie versteht es, auszuweichen. Sie will sich die mächtige spanische Partei nicht verscherzen. Und man sucht nach neuen Plänen, sie loszuwerden.

Inzwischen muß aber die Königin in der Verschwörung Kingsdon und der Intrige Clebury in irgend einer Weise zu ihrer Schwester Stellung nehmen. Der Staatsrat übernimmt es, zuerst an Thomas Pope in höchst rücksichtsvoller Weise zu schreiben, er möchte, wie er es für gut halte, Mylady Elisabeth von den schändlichen Dingen in Kenntnis setzen, die man sich mit ihrem Namen erlaubt habe. Wenige Tage später schreibt ihr auch Maria. Der Brief klingt fast wie eine Entschuldigung. Es liegt ein kostbarer Ring bei und die Einladung der Königin an Elisabeth, doch bald an den Hof nach London zu kommen.

Elisabeth traut dem Frieden noch nicht. Sie entschuldigt sich und verspricht ihren Besuch für später. Geschickt geht sie auf alles ein – ohne sich zu binden. Voll Abscheu spricht sie in ihrer Antwort an die Königin von den Teilnehmern des letzten Komplotts, von den Machenschaften und Intrigen um Maria. Sie bedauert, daß es keine Wundärzte gäbe, die ihr Herz zergliedern könnten, damit Maria ihre Gedanken darin lese. Warum gibt es nur Ärzte, die die inneren Ursachen des kranken Körpers aufzudecken vermögen, und nicht solche, die auch in des Menschen Herz sehen können? Das Herz Elisabeths ist so rein! Es schlägt nur für ihre Königin! Wenn Maria hineinblicken könne, verflögen alle ihre Bedenken, und keine Bosheit der Welt vermöge sie dann von der Überzeugung abzubringen, wie aufrichtig Elisabeth zu ihr stehe. Die Kennerin der antiken Geschichte, die Leserin des Cicero und des Sophokles, vergißt auch nicht das Beispiel der Alten als Vorbild hinzustellen. Sie möchte vor Scham erröten, wenn sie an die Furcht der Römer vor dem Senat denkt und sie mit der Handlungsweise vergleicht, die sich »teuflisch gesinnte Menschen unter dem Namen von Christen erlauben – in Wahrheit sind es Juden, die sich gegen ihren gesalbten König erheben«.

Auf diese, etwas dick aufgetragene schmeichelnde Weise verteidigt sich die gelehrte Prinzessin gegen die mit Recht immer noch mißtrauische Maria. Elisabeth bezeichnet sogar den Teufel als ihren Feind. »Er ist ja der Feind aller guten Christen«, meint sie und fügt sarkastisch hinzu: »Ich wollte jedoch, er erfände bald etwas anderes mich zu quälen.«

Maria läßt jetzt alles gelten, was Elisabeth zur Verteidigung ihrer Unschuld vorbringt. Für die Königin ist es auch eine gewisse Beruhigung, daß Eduard Courtenay in Italien dem Typhus am 18. September 1556 erlegen ist. So ist wenigstens einer der Volkslieblinge von der Schaubühne verschwunden. Für Elisabeth hingegen könnte der Tod Lord Devonshires neue Gefahr bedeuten. Zum mindesten wird sie sich jetzt vor ausländischen Heiratsanträgen kaum retten können. Und sie will und kann doch nicht einen solchen Plan ins Auge fassen. Sie wird in dieser Beziehung von Sir William Cecils hervorragendem Verstand am besten geleitet, denn schon steht der kluge Freund, ihr späterer erster Minister, als Lord Burleigh berühmt, ihr mit seinem Rat zur Seite.

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