Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gertrude Aretz >

Elisabeth von England

Gertrude Aretz: Elisabeth von England - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorGertrude Aretz
titleElisabeth von England
publisherBernina-Verlag Ges. m. b. H.
year1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130831
projectid4830a947
wgs9555
Schließen

Navigation:

13. Maria die Katholische, Königin von England
Nach einem Gemälde von Adrian van der Werff

Elftes Kapitel. Philipp

Die Ankunft des spanischen Bräutigams in London hatte sich aus verschiedenen Gründen verzögert. Erstens lag der englischen Regierung selbst viel daran, daß die Ruhe im Lande völlig, oder wenigstens einigermaßen wieder hergestellt war, ehe sich der unerwünschte Fremdling sehen ließ. Zweitens fehlte es Philipp an dem nötigen Geld, um standesgemäß als Sohn des mächtigen Kaisers Karl V. mit einem glänzenden Gefolge in London auftreten zu können. Ehe er die dazu erforderlichen Summen zusammengebracht hatte, verging Zeit. Persönlich hatte er es auch nicht allzu eilig. Die Ehe mit einer um vieles älteren Frau ohne äußere Schönheit, ohne besonderen Scharm oder besonderer Anziehungskraft des Geistes lockte ihn wenig. Seine angeborene Trägheit trug gleichfalls ihren Teil dazu bei, daß er erst in der zweiten Hälfte des Juli 1554 in Southhampton eintraf.

Maria zog ihm bis Winchester, dem Bischofsitz Gardiners, entgegen. Fünf Tage später fand hier ihre Trauung mit dem Langersehnten statt. An Elisabeth in Woodstock dachte man nicht. Sie war von den Hochzeitfeierlichkeiten ausgeschlossen. Sie erfuhr nur heimlich vom Hörensagen durch ihre Diener, die mit der Außenwelt in Berührung kamen, davon.

Das Königspaar zog am 19. August mit ungeheurer Prachtentfaltung in London ein. Philipps spanische Grandezza, die dem Volke des Nordens wenig zusagte, trat infolge einiger kluger Instruktionen vonseiten Renards, anfangs nicht sehr in den Vordergrund. Der Gesandte machte ihn auf viele Eigenarten des englischen Volkscharakters, seine Sitten und Gebräuche aufmerksam, während Maria nicht im entferntesten daran dachte, für ihren fremden Gemahl um die Liebe des Volkes zu werben. Seit dem Siege über die Revolte Wyatts glaubte sie es ganz in ihrer Gewalt zu haben. Als sie mit Philipp durch London zog, konnte sie wohl einen Augenblick glauben, es sei so. Die Londoner ließen es an diesem Tage an dem vorschriftsmäßigen Jubel über die Vermählung ihrer Königin nicht fehlen. Der gratis in Menge unter das Volk verabreichte Alkohol, die vielen herrlichen Speisen, die überall in den Straßen auf Tischen für jedermann angerichtet waren, die Belustigungen, die alle unentgeltlich genossen werden konnten, und die Freudenfeuer auf den offenen Plätzen versetzten allein schon in einen Taumel des Glücks. Man vergaß unter dem Trubel, im Rausch der Genüsse für kurze Zeit den Groll und die Abneigung gegen diese Verbindung.

Jede Kirchengemeinde schickte pflichtgemäß eine Prozession, die das Te Deum sang. In Cheapside glänzte ein großes vergoldetes und herrlich geschmücktes Kreuz. Fast in jeder Straße hingen bildliche Darstellungen der berühmtesten englischen Herrscher und Helden. Im großen und ganzen war es ein sehr gelungenes Schaugepränge, kaum durch einen unliebsamen Zwischenfall gestört. Nur ein Maler hatte sich bei der Darstellung Heinrichs VIII. ein wenig versehen. Als Gardiner an diesem Bilde vorbeiritt, bemerkte er zu seinem Schrecken, daß Heinrich ein Buch in der Hand hielt mit der Aufschrift: Verbum Dei. Der Verfertiger des Bildes wurde zur Rechenschaft gezogen. Er spielte den Harmlosen und mußte sofort die Bibel mit ein Paar Handschuhen übermalen. Abgesehen von so unbedeutenden Zwischenfällen ging alles programmmäßig gut vonstatten.

Als jedoch die Engländer in den nüchternen Alltag zurückversetzt waren, kehrte auch die Unzufriedenheit über die fremden Eindringlinge wieder. Man ärgerte sich über Philipps und seines großartigen Gefolges prahlerisches Auftreten, über seine gekünstelten Manieren, über das Breitmachen der Spanier in der Stadt. Überall wo Engländer und Spanier zusammentrafen, gab es Streit und blutige Schlägereien. Als dann bald nach der Heirat die alten Gesetze gegen die Ketzerei wieder stark in Kraft traten, stieg die Unzufriedenheit unter den protestantisch Empfindenden noch mehr.

Maria kümmerte sich nicht darum. Sie war glücklich. In dem einen Jahr ihrer Regierung hatte sie alles erreicht, was sie wollte. Sie hatte die Rebellen zweimal zum Schweigen gebracht, sie hatte dem Katholizismus wieder Geltung verschafft, sie hatte einen Mann, den sie liebte, bekommen! Nun erlebte sie noch die Genugtuung, daß das Parlament am 30. November 1554 einstimmig den Legaten des Papstes, den Kardinal Pole, akkreditierte und somit die Oberherrschaft des Heiligen Vaters über die Kirche anerkannte. Pole erteilte dem ganzen englischen Volke die Absolution. Keine Stimme, weder im Ober- noch im Unterhaus erhob sich dagegen. Man verlangte nur von Papst Julius III. eine Bulle, die die Besitzer von Kirchengütern sicherstellte. Denn mancher hatte sich in den früheren Regierungen durch die Beschlagnahme der Klostervermögen bereichert. Jetzt wollte man die Schätze nicht wieder herausgeben.

Maria machte dieser Sieg sehr stolz, hartherzig und – unvorsichtig. In ihrem tödlichen Haß gegen alles Protestantische nahm sie die grausamsten Verfolgungen gegen die Ketzer auf. Mit unmenschlicher Strenge wurden die Proselyten bestraft. Die Scheiterhaufen von Smithfield brannten wieder Tag und Nacht, Galgen und Marterpfähle trugen ihre unglücklichen Opfer wochenlang zum abschreckenden Beispiel zur Schau. Ihr eifrigster Helfer dabei war Edmund Bonner, Bischof von London. Sie hatte ihn mit Gardiner zusammen aus dem Tower befreit.

Von dieser Zeit an nannte man Maria nur noch »die Blutige«. Sogar die Katholiken, ihre eigene Partei, billigten derartig grausame Verfolgungen der Andersgläubigen nicht. Viele Bischöfe erklärten feierlich, sie hätten an einer solchen Barbarei keinen Teil. Die englische Bevölkerung, die keinen Einwand gegen die Einführung des Katholizismus erhoben hatte, wurde jetzt von Abscheu und Ekel gegen die Methode erfaßt, durch die man sie zwingen wollte, katholisch zu werden. Es war dem englischen Nationalempfinden zuwider, daß diese grauenhaften Dinge nicht nur im Schutze der einigen Kirche vorsichgingen, sondern auch, daß sie durch den Einfluß der im Lande sich breitmachenden Fremden gestärkt wurden. Durch solche Maßnahmen schadete Maria nicht nur sich selbst und der Kirche, sondern auch ihrem Gatten. Da sie Philipp sehr bald ziemlich viel Einfluß in ihre Regierungsgeschäfte einräumte und ihre Maßnahmen im Grunde seinem grausamen Herzen recht wohl taten, machte man auch ihn für alles verantwortlich. Und der Haß gegen den Fremden, der sich anmaßte, als unumschränkter Herrscher im Lande, das er gar nicht kannte, aufzutreten, wurde immer größer.

Philipp selbst bekam es in seinem harten Herzen mit der Angst zu tun. Vielleicht war er auch eine Nuance weniger grausam als Maria, jedenfalls versuchte er manche ihrer Urteile und Maßnahmen zu mildern. Das Hauptmotiv dieser relativen Milde war aber wohl nur das Bestreben, sich Volksbeliebtheit zu verschaffen. Es ist ihm indes in keiner Weise gelungen, das Interesse der Engländer für sich zu gewinnen. Weder dadurch, daß auf seinen Rat viele noch immer im Tower sitzende Gefangene von Maria befreit wurden, noch daß er sich später für Elisabeth verwendete. Man wußte oder fühlte: alle diese Handlungen entsprangen nicht seinem Edelmut, sondern dem Zwange der Verhältnisse und einer ganz kalten Berechnung.

Abgesehen davon, daß weder Philipp noch Maria durch ihre Ehe besonders glücklich waren, paßten sie doch als Charaktere sehr gut zu einander. Beide waren ehrgeizig, habgierig und grausam, beide prachtliebend und Maria dazu verschwenderisch, wenn es galt, sich als fromme Christin der Kirche gegenüber zu zeigen. Die Kirchen und Klöster, von denen sie einige wieder herstellte, wurden von ihr mit reichen Gewändern, goldenen und silbernen Gefäßen und anderem Schmuck bis zum Überfluß ausgestattet und beschenkt. Die prachtvollen öffentlichen Kirchenfeste, die glanzvollen kirchlichen Zeremonien und Umzüge bei jeder Gelegenheit, die Prozessionen hatten an Prachtverschwendung noch nichts Ähnliches gesehen. Sie schwelgte in ihrem frommen Sinn förmlich in derartigen Feiern und es störte sie dabei wenig, daß zwischenhinein die Leute, die Andersgläubigen, am Marterpfahle laut jammerten und vor Qual aufschrien oder auf einem nahen Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrannten.

Marias Liebe zu Philipp wurde täglich größer. Sie hätte alles darum gegeben, wenn sie bei ihm auf die gleiche Leidenschaft gestoßen wäre. Der französische Gesandte Noailles behauptete zynisch, sie wäre sogar fähig, Gott zu beleidigen, wenn sie damit Philipp einen Gefallen tun könne. Ihr sehnlichster Wunsch war, ein Kind! Ein Kind, das nicht nur dieser Ehe die Weihe geben, sondern auch endgültig Maria von der Angst um ihre Thronfolge befreien sollte. Vier Monate nach ihrer Hochzeit glaubte sie sich Mutter zu fühlen. Eine immense Freude kam in ihr Herz. Sie eröffnete sich sofort dem neueingeführten päpstlichen Legaten Pole, und es wurden in allen Kirchen Dankgebete gesprochen und Te Deums gesungen. Gott hatte den Schoß der Königin gesegnet. Ein Sohn würde dem Throne geboren werden.

Währenddessen lebt Elisabeth in Woodstock weiter als »ehrenvoller Häftling«. Am Hofe beraten Maria und Philipp mit ihren Räten hin und her, wie man sich am besten von ihr befreien kann. Ob es ratsam sei, ihr die volle Freiheit zu schenken, oder sie zu verheiraten, oder sie an einen fremden Hof in Obhut zu geben. Maria möchte sie am liebsten außerhalb Englands, auf dem Kontinent, wissen. Sie hat schon an die Königin Marie von Ungarn gedacht, die als Statthalterin der Niederlande in Brüssel Hof hält. Aber Philipp ist mehr für eine Heirat. Auf jeden Fall zieht er die Möglichkeit in Betracht, Elisabeth mit dem Herzog von Savoyen zu verheiraten. Seinem Vater, Karl V., war seinerzeit diese Verbindung unbequem, ihm aber kommt sie gelegen, doppelt gelegen. Auf diese Weise verbannt er auf anständige Weise seine junge Schwägerin aus ihrem Lande, befreit Maria von der Gefahr und Angst um ihren Thron durch die Protestanten und verpflichtet einen Fürsten zu Treue und Anhänglichkeit teils durch die zustande gebrachte Familienbande, teils durch in Aussicht gestellte Reichtümer und Würden. Auch Renard hat seine Ansicht geändert. Er ist jetzt nicht mehr für den Tod, sondern für eine Ehe Elisabeths. Aber Maria wünscht diese Heirat ihrer Schwester nicht. Sie würde die Thronfolge Elisabeths doch nicht ausschließen. Es muß ein anderer Ausweg gefunden werden. Vorläufig hat Elisabeth noch keine Kenntnis von allen diesen Plänen. Daß Philipp sich schon damals mit dem Gedanken getragen habe, selbst sie zu heiraten, ist nach der Lage der Dinge ausgeschlossen und durch kein zeitgenössisches Zeugnis oder Dokument bestätigt. Im Gegenteil. Er dachte damals ernstlich daran, sie durch eine Verbindung mit einem fremden Fürsten vom Hofe zu entfernen.

Inzwischen ist Graf Noailles wieder am Werk. Er und die französische Partei haben alles Interesse, die Ehe mit dem Herzog von Savoyen zum scheitern zu bringen. Sie brauchen die Prinzessin in England. Sie denken immer noch für Elisabeth an Courtenay. Sie muß daher rechtzeitig gewarnt werden, damit sie ja nicht etwa aus Verzweiflung, nur um endlich frei zu sein, einen Schritt unternimmt, der in Frankreichs Politik nicht paßt.

Noailles läßt ihr daher durch einen »ihr sehr Nahestehenden« – wahrscheinlich durch Vermittlung des unentwegten Intendanten Parry – sagen, es wäre die größte Dummheit, die sie begehen könne, wenn sie einwillige, einen entthronten Fürsten zu heiraten, aus dem Philipp und der Kaiser ihr Werkzeug zu machen gedächten. Sie beabsichtigten damit nur, sie der Krone von England zu berauben. Dieser Warnung hätte es für Elisabeth kaum bedurft. Sie denkt nicht daran, einen Prinzen zu heiraten, der sie ins Ausland führt. Und wenn die Spanier glauben, sie durch ein Machtwort der Königin entweder mit Liebe oder Gewalt »zu einer Heirat zwingen zu können«, so kennen sie Elisabeth schlecht. Sie wünscht zwar nichts sehnlicher, als möglichst bald aus ihrer bedrückenden und unfreien Situation herauszukommen, aber nicht um diesen Preis.

Ihre Feinde sind immer noch zahlreich. Sie hat kaum einen Fürsprecher bei Maria. Und findet sich einer, so hört die Königin lieber auf die Einflüsterungen der Gegner. Ungefähr um diese Zeit, als man darüber noch im unklaren ist, was mit Elisabeth geschehen soll, bietet sich Lord Williams of Thame an, die junge Prinzessin von Woodstock weg und in seinem Landhaus aufzunehmen. Elisabeth wäre dort ausgezeichnet untergebracht gewesen. Da Lord Williams Katholik und am Hofe Marias gut angeschrieben steht, glaubt man, sein Anerbieten werde angenommen. Nichts! Maria lehnt ab. Vielleicht erinnert sie sich, daß man gerade in diesem Hause Elisabeth im Jahre vorher so hoch geehrt hat. Sie ist im höchsten Grade mißtrauisch und braucht lange, ehe sie zu einem Entschluß kommt. Philipp entwickelt sich allmählich zu Elisabeths Fürsprecher bei Maria.

14. König Philipp II. von Spanien
Lithographie von G. Sensi nach einem Gemälde von Tizian

Seine Räte, hauptsächlich Renard, reden ihm täglich von der Ehre, die er sich durch die Befreiung der Prinzessin erwerben könne. Renard hat ja früher schon prophezeit, die spanische Heirat der Königin werde viel Feindschaft im Lande erregen. Er muß seinem jungen Gebieter so viel wie möglich helfen, aus dieser unangenehmen Situation herauszukommen. Keine andere Tat sei so geeignet, die Vorurteile des englischen Volkes gegen ihn verschwinden zu lassen. Da Philipp selbst und auch die Königin darauf hinarbeiten, daß er zum König gekrönt werde, ist er bald überzeugt, die Befreiung Elisabeths werde ihm schneller dazu verhelfen, diesen Plan im Parlament durchzusetzen. Er erneuert daher seine Fürsprache bei Maria, und Elisabeth hat einen Freund am Hofe.

Die Versöhnung mit ihrer Schwester läßt indes noch auf sich warten. Maria bildet sich weiter ein, sie sei guter Hoffnung. Sie fühlt sich sehr schlecht und legt sich sogar zeitweise ins Bett, obwohl die Ärzte die Schwangerschaft nicht mit Bestimmtheit feststellen. Nichtsdestoweniger wird alles zu der bevorstehenden Geburt des ersehnten Kindes vorbereitet. Maria und ihre Frauen befürchten bei ihrem Alter eine schwere Niederkunft. Die Königin selbst beschäftigt der Gedanke: was wird werden, wenn sie im Wochenbett stirbt und auch das Kind nicht lebt? Vor allem aber denkt sie an ihres geliebten Philipp Schicksal. Sie weiß, er ist verloren, wenn sie nicht mehr lebt. Der Haß des englischen Volkes gegen den Spanier wird sich ungehemmt entfesseln. Es muß etwas getan werden, das ihn davor schützt. Maria denkt an ihre Schwester. Es ist doch vielleicht besser, Elisabeth an den Hof kommen zu lassen, sozusagen als versöhnendes Mittel zwischen König und Volk.

Bevor indes der Häftling aus Woodstock befreit wird, tut Philipp ein anderes »gutes Werk« in seinem höchst persönlichen Interesse. Es gelingt ihm, Maria zu bewegen, die noch im Tower sitzenden Teilnehmer am Aufstand Wyatts zu befreien. Unter ihnen befindet sich auch James Croft und Nicolas Throckmorton. In einer öffentlichen Bekanntmachung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sie diese Gnade einzig und allein dem König Philipp verdanken. Gleichzeitig erfülle man damit den Wunsch Kaiser Karls V. Man wird sich erinnern, daß Wyatt und seine Mitverschworenen ein Jahr vorher gerade auf Karls und seiner Räte Betreiben hin aufs fürchterlichste von Maria bestraft und gefoltert wurden. Des Kaisers Politik schlug jetzt andere Wege ein. Zu Marias Gesandten John Mason sagte er, eine Regierung müsse so sein, daß sich Fürst und Volk verständen und gegenseitig liebten. Der hartherzige Philipp hat nach diesem Grundsatz weder als Gatte der Königin von England noch viel weniger später als König von Spanien gehandelt. Seine »guten« Taten wogen die vielen schlechten nicht auf.

Als Eduard Courtenay in Fotheringay erfuhr, welche Gnade den Verschwörern Wyatts durch Philipp widerfahren war, richtete er im Februar 1555 durch Vermittlung eines seiner einflußreichen Freunde ein Schreiben an ihn. Er bat den König, bei der Königin vorstellig werden zu wollen, damit auch er freigelassen werde wie die anderen. Philipp entledigt sich auch dieser Aufgabe. Am 8. April darf Courtenay der Königin und dem König die Hand küssen. Man schickt ihn zuerst zu Karl V. nach Flandern, später, zur Vollendung seiner Studien, nach Italien. Das Königspaar hält die Anwesenheit des gefährlichen jungen Mannes in London doch für zu gewagt, zumal Marias Niederkunft erwartet wird und man nicht wissen konnte, wie sie verläuft. Endlich war auch Maria mit Philipp darüber einig, Elisabeth nicht aus dem Lande zu schicken, sondern sie nach London zu rufen.

Anfang April übersiedelte der Hof nach Hampton Court. Die Komödie mit der Schwangerschaft der Königin wird weitergespielt. Sie kränkelt und sieht der ereignisvollen Stunde mit immer größerer Angst entgegen. Ihre Umgebung sucht sie durch Erzählung ähnlicher Fälle, in denen sogar noch ältere Frauen als Maria ihr erstes Kind glücklich zur Welt gebracht hatten, zu beruhigen. Man bringt ihr sogar ein paar gesunde Säuglinge als Beweis dafür. Aber die Angst vor dem Tode verläßt sie nicht. Ende April glaubt sie ihre Stunde gekommen. Es verbreitet sich bereits die Kunde, die Königin sei von einem Thronerben entbunden worden. Die Glocken läuten und in den Kirchen spricht man Dankgebete. Ein paar Stunden darauf wird alles dementiert. Die Londoner Bevölkerung belustigt sich schließlich über diese eingebildete Mutterschaft einer eitlen, hysterischen und verliebten Frau. Maria macht sich lächerlich. Gleichzeitig wird aber auch der Verdacht rege, daß man dem englischen Thron ein falsches Kind als Erben unterschieben will.

Während in Hampton Court der ganze Hof mit Spannung dem Ende dieser schlechtgespielten Komödie entgegensieht, trifft in Woodstock bei Bedingfield der Befehl Marias ein, Elisabeth auf schnellstem Weg an den Hof zu bringen. Mit ihrer Dienerschaft und der üblichen Bewachung. Sie bleibt also die Gefangene der Königin und Sir Henry ihr Wächter bis zuletzt. Sie freut sich dennoch, dem Zwang in Woodstock enthoben zu sein, denn sie hofft in Hampton Court ihre völlige Freiheit zu erlangen. Über ein Jahr ist sie in Gefangenschaft gehalten worden. Vielleicht in einer Anwandlung von triumphierendem Übermut, endlich über die vielen Intrigen den Sieg davongetragen zu haben, ritzt sie, ehe sie Woodstock verläßt, ein paar Worte in die Fensterscheibe ihres Zimmers:

Trotz großem Verdacht,
Wird kein Beweis erbracht.
Glaubt was ihr wollt,
Elisabeth ist rein wie Gold.

Wenn sie das wirklich in die Scheiben schnitt, hört man die junge Prinzessin förmlich darüber lachen, daß es ihrer Geschicklichkeit gelungen ist, keinen Beweis ihrer Schuld aufkommen zu lassen. Jedenfalls sind ihr diese Abschiedsworte von Woodstock zuzutrauen. Sie sind ganz elisabethanisch.

Die Reise bis Hampton Court nimmt vier Tage in Anspruch. Auf dem Wege kommen ungefähr sechzig ihrer früheren Diener ihr entgegen. Sie sind glücklich, nach so langer Trennung ihre Herrin begrüßen zu können. Elisabeth ist gerührt von der Treue der Leute. Sie will sie zu sich rufen und mit ihnen sprechen. Da merkt sie, daß sie noch Gefangene ist. Sir Henry verbietet aufs strengste jede Annäherung. Im Namen der Königin schickt er die Leute weg. Elisabeth darf kein Wort an sie richten.

Gegen Ende des Monats erreicht die eigenartige, bewaffnete Reisegesellschaft mit der jungen Prinzessin in der Mitte, Hampton Court. Nicht durch das Hauptportal, sondern durch eine Nebentür hält Elisabeth Einzug in das Schloß. Hinter ihr schließt man das Tor ab. Sie darf ihre Zimmer weder verlassen, noch jemand bei sich empfangen. Ihre Bewachung ist also noch nicht zu Ende.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.