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Elisabeth. I. Band

Marie von Nathusius: Elisabeth. I. Band - Kapitel 7
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typefiction
authorMarie Nathusius
titleElisabeth. I. Band
publisherVerlag von Julius Fricke
printrunNeunte Auflage
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7. Ein gefährlicher Mensch.

Die Thüren des Ballsaales thaten sich auf, die Mutter ging voran, Elisabeth dicht hinter ihr, die Tanten folgten.

Welch ein Zauber von Licht und Duft und wunderbarem Rauschen und Flüstern! – Ja ein Zauber, Elisabeth war ganz und gar hingenommen, und zu Winas Entzücken schlug sie, während aller Augen auf sie gerichtet waren, die ihrigen sehr bescheiden nieder. Jetzt wurde sie verschiedenen älteren Damen vorgestellt, sie machte dabei ihre Verbeugungen, ganz wie es einem so jungen Mädchen beim ersten Erscheinen geziemt, und befand sich endlich glücklich an der Mutter Seite sitzend.

Jetzt wagte sie sich umzusehen, sie erhob etwas kühner das Haupt, sie grüßte hier und dort jemand Bekanntes, – dann fielen ihre Blicke auf das Ende des Saales, wo die Herren versammelt standen. Ja wirklich! des Großvaters Kürassiere aus Braunhausen, wenigstens drei oder vier: die Uniformen sahen prächtig aus, einer von den Herren aber ragte beinahe um eines Hauptes Länge über seine Kameraden hinaus.

Wer ist nur diese schöne Erscheinung? flüsterte Tante Wina der Frau vom Hause zu.

Ein wahrer Kriegsgott! lächelte Paula.

Elisabeth hörte die Antwort nicht, die Geigen wurden gestimmt, es kam eine Bewegung unter die Herren, die Herzen der jungen Mädchen und ebenso der Mütter klopften mächtig, denn – wer wird aufgefordert, wer bleibt sitzen?

Liebste Frau Geheimerath Kühneman, begann Elisens Nachbarin, eine gutmüthige oberflächliche Frau Doctorin, Sie werden es nun auch kennen lernen, was es heißt, eine Tochter auf Bälle führen. Es ist einem doch wahrhaftig nicht gleichgiltig, ob das Mädchen sitzen bleibt, ich versichere Sie, man ist nicht eher ruhig, als bis sie wenigstens zu vier bis fünf Tänzen engagirt ist.

Elise lächelte etwas von oben herab und sagte: Das soll mir wirklich gleichgiltig sein; wenn Elisabeth nicht viel tanzt, so ist es ihr desto gesunder. – Aber ganz gleichgiltig war es ihr doch nicht, und sie fühlte, wie ihre offenherzige Nachbarin, eine gewisse Unruhe, eine Spannung, so viel sie auch dagegen zu kämpfen suchte.

Jetzt begann die Musik, die Herren durchkreuzten den Saal, die Doctorin drückte der Geheimeräthin krampfhaft die Hand und flüsterte: Sehen Sie, liebste Kühneman, unsere bleiben sitzen!

Die beiden artigen Töchter saßen neben den Müttern mit gesenkten Augen, es war ein entsetzlicher Augenblick der Entscheidung. Das ist aber unerträglich unangenehm! dachte Elisabeth plötzlich. Ist es nicht ein Unsinn, eine rechte Demüthigung, hier wie auf einem Präsentirteller zu sitzen? Diese albernen dummen Herren, ich frage gar nichts danach, ob sie mich auffordern; ich möchte nur, ich wäre zu Hause und spielte mit den Kindern Schimmelspiel!

Mitten in ihrem Zürnen sah sie zwei dunkele Gestalten vor sich und: Herr von Kadden! sagte die eine Gestalt und entfernte sich schnell, während der Vorgestellte zum Tanz aufforderte. Als Elisabeth aufschaute, war es ihr, als sähe sie nur ein Paar dunkelblaue Augen, die ganz seltsam auf sie gerichtet waren, zugleich aber erkannte sie, daß diese Augen dem schlanken Kürassier angehörten, den die Tanten vorhin so bewundert hatten. Sie ging einige Minuten feierlich neben diesem fremden Manne her, dann flog sie wirbelnd mit ihm im Kreise umher. Jetzt ruhten sie und die Unterhaltung mußte beginnen.

Der Tänzer war noch jung, er schien nicht sehr fertig mit solcher Conversation und begann mit den einfachen Worten: Sie tanzen wohl gern? – Er sah dabei so gutmüthig und freundlich aus, daß ihn Elisabeth ruhig ansehen konnte.

Ich weiß es eigentlich nicht, entgegnete sie lächelnd, es ist ja mein erster Ball, den ich erlebe.

Der erste Ball? fragte er verwundert, und ich bin so glücklich Sie einzuführen. Sie werden hier in Berlin oft genug Gelegenheit zum Tanzen haben, fügte er hinzu.

Ich weiß noch nicht, ob ich das benutzen werde, entgegnete Elisabeth. – Er sah sie verwundert an. – Ich muß doch erst sehen, wie mir dieser Ball gefällt, fuhr sie fort.

Nicht gefallen? fragte er wieder verwundert.

Das junge Mädchen neben meiner Mama tanzt so wenig, sie ist auch jetzt nicht aufgefordert, in ihrer Stelle ginge ich gewiß nicht wieder auf einen Ball.

Das ist wahr, versicherte er treuherzig, es muß für junge Damen sehr unangenehm sein, sich so zu präsentiren und doch nicht gewählt zu werden.

Ja wirklich! versicherte Elisabeth und warf die Oberlippe etwas kühn in die Höhe: als ich vor dem Tanze dort saß, ärgerte ich mich über mich selbst, daß ich hergegangen, und wünschte, ich wäre zu Hause und spielte mit meinen Geschwistern um Pfeffernüsse.

Der Tänzer lachte und versicherte, sie würde nie wieder Gelegenheit zu solchem Aerger finden.

Warum nicht? entgegnete sie altklug, das wird sich vor jedem Tanz wiederholen.

Nein, gewiß nicht, fiel er hastig ein, wenn Sie mir z. B. erlaubten, daß ich Sie zu allen Tänzen engagirte –

Das wäre ja langweilig, entgegnete sie eben so schnell.

Ja freilich, das ist wahr, sagte er, indem sein bräunliches Gesicht sich noch dunkeler färbte; es ist zu viel verlangt.

Ich meine aber für meinen Tänzer, begann Elisabeth jetzt etwas verlegen; es war ihr plötzlich klar, daß sie Tante Winas Rath vergessen und viel zu viel und zu offenherzig geplaudert hatte. – Ihr Tänzer schwieg, sie hatte ihn gewiß beleidigt, und das hatte sie nicht gewollt. – Wenn ich einmal hergegangen bin, fuhr sie fort, so muß ich das Unangenehme auch kennen lernen, das ist mir gerade recht. Sie sah ihn bei den Worten mit ihren hellen Augen so fragend an, daß es ihm wie ein Zauber durch das Herz ging, die kleine Aufregung war vergessen.

So darf ich aber um einen Tanz um den anderen bitten? fragte er dringend.

Elisabeth lächelte und nahm es an. Sie wurde jetzt um eine Extratour gebeten, sie mußte es abschlagen, weil es die Mama streng verboten, ließ sich aber von demselben Herren zum folgenden Tanze engagiren.

Also für den nächsten Tanz ist auch gesorgt, sagte Herr von Kadden theilnehmend.

Nun wird es mich aber gewiß sehr aufregen, entgegnete Elisabeth lachend, ob meine Nachbarin da, Doctors Laura, wieder nicht aufgefordert wird; das arme Mädchen besucht seit zehn Jahren die Bälle, sie geht auf jeden Ball mit dem Wunsch und der Hoffnung zu tanzen, und wird meistens getäuscht. Ist das nicht eine schreckliche fixe Idee? Es ist ordentlich peinigend, neben Mutter oder Tochter zu sitzen.

Ich werde die Tänze, die ich noch frei habe, mit Doctors Laura tanzen, sagte Herr von Kadden ganz ernsthaft.

Das würde aber auch langweilig sein, sagte sie ungläubig.

Nein, im Gegentheil, das wird mir Vergnügen machen, entgegnete er kurz.

Die Reihe zum Tanzen war jetzt wieder an ihnen, und Elisabeth kehrte darauf zu ihrem Platze zurück. Tante Wina stand wie ein Stoßvogel vor ihr, sie mußte ja das Kind beaufsichtigen, führen und belehren. Aber liebe Elisabeth, wie kann man mit einem fremden Herrn so gesprächig sein! Dann mußt Du auch nie einen ganzen Tanz abwarten.

Elisabeth fühlte, daß die Tante Recht hatte, und sagte verlegen und entschuldigend: Er that aber gar nicht fremd.

Desto fremder mußt Du thun! eiferte die Tante. Sie lächelte dann so holdselig, strich der Nichte die Locken von der Stirn, und suchte durch dieses Zärtlichthun den Inhalt ihrer Worte zu verdecken. Die Tante war ja außerdem so entzückt von der schönen Nichte und von der Bewunderung, die sie augenscheinlich jetzt schon eingeerntet. Elisabeths Mutter war nicht entzückt, ihr Herz war sehr schwer, sie fühlte recht gut, daß Elisabeths lebhaftes frisches Wesen sich wenig nach der Tante Belehrungen richten würde, im Grunde waren ja auch diese Belehrungen ganz und gar dem System entgegen, nach dem Elisabeth von den Großeltern und auch von der Mutter erzogen war, denn an Lehren hatte es die Mutter nie fehlen lassen. Und doch hatte die Tante Recht, auf einem Balle darf man nicht sein, wie man ist, da muß man, um anständig und schicklich zu sein, ein fremdes Wesen annehmen. Wenn Elisabeth mit irgend einem bekannten und befreundeten Herrn so gesprochen hätte, so war sie nicht zu tadeln, es war ganz natürlich so, aber diese harmlose Offenheit zu einem wildfremden Mann – was kann daraus entstehen? Die Mutter hatte das Paar während des Tanzes mit Spannung verfolgt, sie hatte ihre holde liebe Tochter hineingeführt mitten in den höchsten Zauber, den die Welt einem jungen Mädchen bieten kann. Wird sie sich nicht davon hinnehmen lassen? Das ist die bange Frage des Mutterherzens. – Du Thörin! warum führst du sie in solche Gefahr? Ja warum? Es war ihr, wenn sie die Augen des jungen Mannes beobachtete, die zuweilen so sanftmüthig von den langen dunkelen Wimpern bedeckt waren, und dann wieder so lebhaft aufblitzten, als ob diese Augen Einfluß auf ihr Familienglück und ihren Frieden haben müßten. Sie tröstete sich aber: Heute Abend siehst du überall Gespenster, wie viele hundert Mädchen gehen auf Bälle, ohne daß es ihnen schadet.

Freilich, wie viele gehen hin, wo man den geheimen Wurm, der an ihrer Seele nagt, nicht merkt. Sie heirathen dann, und in einer oberflächlichen oder unglücklichen Ehe wird nicht weiter nach den Folgen der Ballbesuche gefragt. Die Töchter werden von solchen Müttern auch wieder hingeführt, weil ein Ball doch immer ein anregender Lichtpunkt in einem solchen armseligen elenden Familienleben ist.

Elisabeth hatte kaum einige Minuten gesessen, als sie zum zweiten Tanze geholt wurde. Die Frau Doctorin hatte der Geheimeräthin Hand wieder krampfhaft gefaßt, ihre Laura senkte die goldenen Aehren ihres Hauptes nieder und schaute mit klopfendem Herzen auf ihre weißen Glacé-Handschuh, als der schlanke Kriegsgott vor ihr stand und sie zum Contretanze abholte. Er stellte sich mit seiner Dame gerade Elisabeth vis à vis und sah so vertraulich lächelnd hinüber, daß es der Mutter heiß im Herzen ward. Jetzt wechselten die Paare, Elisabeth stand der Mutter zugewendet, und wirklich auch sie sah ähnlich lächelnd nach dem vis à vis.

Der Tanz war zu Ende, Elisabeth kehrte zurück, und wieder wie ein Stoßvogel stand Wina vor ihr, ihre schwarzen scharfen Augen hatten das sonderbare Zulächeln ebenfalls bemerkt. Was hattest Du nur mit Herrn von Kadden? fragte Wina und nahm damit der Mutter die Frage ab.

Das ist ein seltsamer Mensch, lachte Elisabeth, er sagte mir vorhin, er wolle alle freien Tänze mit Laura tanzen; ich glaubte es eigentlich nicht, und er lachte etwas, als er sie mir vis à vis brachte.

Wie unvorsichtig ist es aber mit dem Mädchen so oft zu tanzen! zürnte Wina.

Warum denn? fragte Elisabeth.

Er kann ihr etwas in den Kopf setzen, denn so oft tanzt man mit einem jungen Mädchen nicht ohne ein besonderes Interesse.

Elisabeth erröthete und setzte der Tante eifrig aus einander, daß er es thue, um dem armen Mädchen einmal ein Vergnügen zu machen. Die Tanten dagegen, denn Paula war auch herzugetreten, sie fanden das beide doch sehr unpassend und unvorsichtig, bis Elisabeth etwas ärgerlich sagte: Nun sie wird doch noch im Zweifel bleiben, wem seine Aufmerksamkeit gilt, denn er will immer abwechselnd mit mir und Laura tanzen.

Wie entsetzlich ist das! fuhr Wina auf. Mit niemand anders? Wie rücksichtslos gegen die Tochter vom Hause, und welch ein Gerede wird das geben, er macht Dich und Laura lächerlich, Du wirst mit Laura zusammen eine komische Figur spielen. Es ist eine Malice von ihm, ein junges Mädchen, die zum ersten Mal erscheint, in ein Gerede zu bringen. Du unglückliches Kind, Du bist jedenfalls Schuld daran durch Deine unpassende Vertraulichkeit! schloß sie ihre scharfe flüsternde Rede.

Der Mensch sieht aber auch wirklich furchtbar aus! seufzte Paula, – als der Gefürchtete plötzlich vor Elisabeth stand und sehr freudig, zugleich aber mit dem bekannten Lächeln ihre Hand ergriff.

Elise hatte nun ihre Noth, die aufgeregten Tanten zu beruhigen, es waren ja das ungereimte Befürchtungen und es war ihr auch ziemlich gleich, ob Elisabeth mit Laura zusammen im Tagesgespräch diese kleine Rolle spielte, sie fürchtete nicht die Malice des jungen Mannes, sondern etwas Schlimmeres. Wina aber samt der Schwester schoben zu der Frau vom Hause und schütteten der ihr Herz aus und zogen Erkundigungen ein über den furchtbaren Mann. Das sieht ihm ganz ähnlich! lachte Frau von Bauer; wir nehmen ihm das nicht übel, und es ist auch wirklich keine Malice dahinter, es ist ein äußerst gutmüthiger liebenswürdiger und gescheiter Mensch, aber er ist entsetzlich heftig. Wissen Sie, daß er bei seinen Kameraden nur der Hitzkopf heißt, weil er im Streiten, Schlagen und Schießen wahrhaft tollkühn ist und in seiner großen Heftigkeit leicht Händel bekommt.

Welch ein furchtbarer Mensch! seufzte Paula. Sehen Sie nur unser liebes Kind in seinen Armen.

Wenn die Sachen so stehen, versicherte Wina weise, so werde ich Elisabeth warnen, höchst vorsichtig zu sein, sie mag ruhig die engagirten Tänze mit ihm tanzen.

Ja man hat oft genug gehört von Duellen, fiel Paula ein, die aus Unvorsichtigkeit junger Damen entstanden!

Frau von Bauer beruhigte die Damen so gut sie konnte, und diese ergaben sich in ihr Schicksal, warteten aber in fieberhafter Spannung das Ende des Tanzes ab.

Jetzt hatten sie Elisabeth wieder in ihrer Mitte, und jetzt berichteten sie von den eingezogenen Erkundigungen, und überflutheten die arme Elisabeth mit einem Heer von Vorsichtsmaßregeln gegen diesen tollkühnen, allezeit schlagfertigen Hitzkopf. – Elisabeth war ganz verblüfft. Sie vielleicht die Ursache eines Duelles! Sie sollte vorsichtig aber doch höflich sein! Sollte schweigsam und doch nicht zu wortkarg sein! Einen großen Abstand mit ihrem früheren Betragen durfte er nicht bemerken, um nicht mißtrauisch zu werden! Kurz und gut, sie war verwirrt von den vielen Worten, es ging ihr wie ein Mühlrad im Kopfe herum, und es war gut, daß sie den nächsten Tanz mit einem anderen Herren zu tanzen hatte und sich erst wieder besinnen konnte.

Während dessen tanzte Herr von Kadden wirklich wieder mit Laura und stand darauf mit seinen freudigen strahlenden Zügen vor Elisabeth. Jetzt war sie anders zu ihm.

Herrlich! flüsterte Wina der Schwester zu.

Excellent! entgegnete Paula.

So fein und so gehalten! triumfirte Wina.

Er wird ihre Erziehung bewundern, versicherte Paula.

Aber da – plötzlich lachte sie ganz ungehalten, während er sich zu ihr beugte, als ob er zu inquiriren habe.

So war es auch. Elisabeth versuchte ernsthaft und zurückhaltend zu sein, er merkte es in seiner Lebendigkeit nicht gleich, doch endlich, ja es war zu auffallend. Habe ich Sie beleidigt? fragte er leise und sah sie dabei so vertrauend und bittend an, daß ein unwillkürliches Nein aus ihren Lippen flog. – Was ist aber? forschte er weiter. Sie lächelte nur, aber er forschte weiter, und sie konnte nicht widerstehen, sie verieth ihm scherzend, warum man sie zur Vorsicht gemahnt.

Man hat also über mich geredet? fragte er hastig und dunkel zog es über seine Stirn. Elisabeth war jetzt um eine Antwort verlegen und schalt sich sehr voreilig. Meine Kameraden vielleicht? fragte er noch einmal.

Nun war es schon mit dem Duell richtig, – dachte Elisabeth. O nein, sagte sie schnell, nur meine alten Tanten fürchten sich entsetzlich vor Duellen.

Mit denen kann ich mich aber nicht duelliren, sagte er plötzlich scherzend, und Elisabeth lachte herzlich.

Sie kamen jetzt auf ein sehr anziehendes Kapitel: Elisabeth konnte nicht begreifen, wie man sich überhaupt duelliren könne, und er sollte ihr zugeben, daß den Duellen meistens nur sehr nichtige Ursachen zu Grunde lägen, sehr oft unüberlegte Heftigkeit. Sie sprach mit großer Weisheit, und er schien Respect vor ihr zu haben, denn er hörte aufmerksam.

Kennen Sie aber das Gefühl nicht, begann er darauf, wenn es plötzlich in der Brust so heiß und unruhig wird, und immer heftiger wogt und drängt und immer höher steigt und den Athem nehmen möchte?

O ja, das kenne ich wohl von meiner Jugend her, entgegnete Elisabeth lachend, diese Gefühle gingen immer vorher, wenn ich mich mit meinen Brüdern faßte, wie wir es nannten. Wenn man älter wird, bekämpft man es natürlich.

Bekämpfen? fragte er verwundert, dann sind Ihnen diese Gefühle unbekannt; bekämpfen kann man sie nicht, dadurch würde die Sache nur schlimmer. Bei mir ist das einzige Mittel, wenn ich einige Minuten sehr heftig toben darf, dann ist es gut.

Sind Ihnen die Folgen dieser Heftigkeit nicht sehr unangenehm? fragte Elisabeth wieder sehr weise.

Nun, ich habe da ein herrliches Auskunftsmittel gefunden, entgegnete er vergnügt: wenn man nur eine Person hat, an der man seinen Aerger zuweilen auslassen kann, so ist man zu den anderen Leuten sanftmüthig, es kann das ordentlich zur Gewohnheit werden. Da habe ich nun einen vorzüglich guten Burschen, mit dem habe ich ausgemacht, daß er sich meine Heftigkeit ruhig gefallen läßt; die Ohrfeigen, die er bei solcher Gelegenheit davon trägt, werden ihm reichlich vergütet, und wir leben ganz vergnügt und brüderlich zusammen.

Das finde ich entsetzlich, sagte Elisabeth kopfschüttelnd, Sie müßten es doch bekämpfen, man kann das freilich nicht durch eigene Kraft. – Sie stockte hier, weil sie fühlte, daß sie auf ein so ernsthaftes Gebiet nicht gerathen dürfe.

Er hatte aber doch verstanden, was sie sagen wollte, und entgegnete schnell und lächelnd: Nicht durch eigene Kraft? Wodurch denn?

Durch eine höhere Macht, entgegnete Elisabeth verlegen.

Junge Damen kämpfen wohl mit einer höheren Macht, fuhr er ebenso lächelnd fort, wie ich auch als Kind sicher glaubte, ein Engel wache an meinem Bette und ginge mit mir spazieren, damit mir nichts Schlimmes passiere.

Elisabeth sah ihn groß an. Also wirklich, das ist ein Mensch, der keinen Glauben hat, ein Spötter, und dabei ein so schwacher Mensch, daß er seinen Bedienten für Geld prügelt. Meinen Sie, daß keine höhere Kraft uns bewegen kann als die eigene Willenskraft? fragte sie eifrig.

Die eigene Willenskraft liegt einem Manne wohl am nächsten, entgegnete er bestimmt. Aber ich will mich auch gern eines Besseren belehren lassen, fügte er lächelnd hinzu.

Ich habe meinen Großeltern zu Liebe meine Heftigkeit zu bekämpfen gesucht, fuhr Elisabeth ebenso eifrig fort, noch als ziemlich großes Mädchen konnte ich gleich mit den Füßen stampfen und um mich schlagen; die Liebe zu den Großeltern ist also eine größere Kraft als mein eigner Wille.

Ich habe aber weder Großeltern noch Eltern, ich habe nur eine Schwester, und die ist ganz einverstanden mit dem Auskunftsmittel was ich gefunden, und räth mir, ja dabei zu bleiben.

Da hätte sie Ihnen etwas Besseres rathen können, entgegnete Elisabeth kurz.

Sie hält aber auch nichts von den Engel-Theorien, setzte er mit demselben leichten spöttischen Lächeln hinzu.

Das reizte Elisabeth mächtig, sie fühlte es heiß am Herzen wallen, und weil es sich nicht paßte mit dem Fuße zu stampfen, sagte sie sehr stolz: Ich finde es für einen Soldaten ziemlich feige, sich einen Prügeljungen zu halten, anstatt seine Leidenschaften zu bekämpfen. Haben Sie wohl je in einer Lebensgeschichte von großen Männern Aehnliches gefunden? – Sie merkte nicht, wie ihm das sehr unangenehm zu hören war, und fuhr ebenso eifrig fort: Ich würde doch eher rathen, wenn es einmal nicht möglich ist, solches Aufbrausen zu bekämpfen, gleich beim Beginnen fortzueilen und ganz allein gegen sich selbst zu toben.

Der Tänzer an ihrer Seite antwortete nicht, es lag eine sehr ernste Wolke auf seinem erglühten Gesicht. Elisabeth war selbst erschrocken über ihre Rede, und es war ihr lieb, daß die Musik verstummte und sie wieder ihren Platz neben der Mutter nehmen konnte.

Du hattest aber einmal das Tanzen versäumt, sagte diese ruhig.

Ja, Mama, begann Elisabeth in höchster Aufregung (beide Tanten hatten sich neugierig vor die Sprecherin gestellt), wir waren in einem höchst ernsthaften Gespräch; das ist aber ein schrecklicher Mensch, ein wirklicher Spötter.

Unbegreiflich wie Bauers ein solche Person einladen können! seufzte Wina.

Meinst Du, daß viele von den Tänzern dort anders über Religion denken? fragte Elise.

Sie lassen es sich wenigstens nicht merken, versicherte Paula, haben etwas Anständiges und Rücksichtsvolles, wie allerliebst ist Herr von Stottenheim! – Herr von Stottenheim war ein etwas älterer sehr gewandter Lieutenant, der sich Paulas Gunst durch eine halbstündliche Unterhaltung gewonnen.

Gerade von dem weiß ich durch meinen Schwager, den Oberförster, daß er sehr weltlich und oberflächlich ist, entgegnete Elise, und die Offenheit und Harmlosigkeit des Herrn von Kadden ist nicht das Schlimmste.

Ja, Mama, er ist sehr offenherzig und gutmüthig, versicherte Elisabeth verständig, ihm wäre vielleicht noch zu helfen, wenn er besser belehrt würde.

Wina wollte eben auffahren, als der Besprochene dicht an ihnen vorüber ging und Fräulein Laura aufforderte. Wirklich, er bleibt dabei! flüsterte Wina. Solch ein absurder Mensch! es ist der Gesellschaft schon aufgefallen, ein Herr scherzte vorhin ganz laut über die Wahl dieser beiden Tänzerinnen. Wenn man nur einen Grund wüßte, ihm das nächstemal Elisabeth zu versagen, diese Unterbrechung wäre allein Rettung.

Wina, ich bitte Dich! unterbrach sie Paula ängstlich, fange keine Händel mit diesem Menschen an.

Ja, seufzte Wina, wir sind nun einmal dazwischen, und Elisabeth muß mit ihm tanzen; aber ich begreife Bauers nicht.

Beide Tanten wußten nicht, wie durch ihr Geplauder der Schwägerin Herz immer schwerer wurde, aber für jetzt war nichts zu ändern. Elisabeth tanzte diesen Tanz mit Herrn von Stottenheim. – Es ist doch wunderbar, dachte sie, mit diesem Herrn wird es dir gar nicht schwer, zurückhaltend und schweigsam zu sein, auf alle seine Worte hat man gleich eine so hübsche passende Antwort bereit. Endlich sprach er von ihrem Großvater, dem alten vortrefflichen Herr von Budmar, der ganz in seiner Nachbarschaft wohne.

Ja, entgegnete Elisabeth, und Sie wissen, daß er auch Kürassier gewesen ist in demselben Regiment.

Und ein rechter Glanzpunkt des Regiments! versicherte er verbindlich.

Ein braver und ein frommer Soldat, entgegnete Elisabeth unwillkürlich mit denselben Worten, mit denen ihn neulich ein alter Bekannter genannt.

Diese beiden Eigenschaften gehören auch nothwendig zusammen, versicherte Herr von Stottenheim äußerst pathetisch. – Elisabeth sah ihn verwundert an. – Gnädigstes Fräulein, fuhr er fort, glauben Sie, daß unter der rauhen Außenseite eines Kriegers nicht auch edele, zarte Gefühle schlummern können? – Elisabeth lächelte und er fuhr in der Art fort zu sprechen, wie er glaubte, daß es einer Enkelin des Herrn von Budmar, dessen Richtung ihm wohl bekannt war, gefallen möchte, bis der Tanz von Neuem begann und der Unterhaltung ein Ende machte.

Nein, Mama, begann Elisabeth wieder zu berichten, den Herrn von Stottenheim mußt Du vom Großpapa und von edlen und frommen Empfindungen reden hören!

Er ist ein gewandter Mann und weiß von allem zu reden, entgegnete die Mutter ruhig.

Ja, er ist ein Heuchler, fuhr Elisabeth fort, und das ist viel schlimmer.

Du siehst, in welcher Gesellschaft wir uns befinden, lächelte die Mutter: wenn Du alle Deine Tänzer examiniren könntest, Du würdest nicht viel Erfreuliches erfahren. Elisabeth nickte und flüsterte lächelnd: Mama, mein Ideal finde ich hier nicht.

Die Mutter lächelte auch, es waren ihr diese Worte ordentlich ein Trost, obgleich sie den Versicherungen ihres lebhaften Töchterchens nicht sehr viel trauen konnte.

Jetzt wurden die Geigen wieder gestimmt, und Elisabeth konnte mit dem besten Willen ihr Herz nicht ruhig philosophiren. Wird der zürnende Tänzer dich auffordern, oder nicht? dachte sie; und wie unerträglich, wenn er dann schweigend neben dir steht! – Die Musik begann, ihre Nachbarinnen wurden zum Tanze geholt, Herr von Kadden blieb ungestört mit einem älteren Herrn im Gespräch. Nur wenige Minuten aber, da standen drei Herren vor ihr und baten um den Tanz. Es entstand mit Tante Wina und Paula zusammen eine wichtige Berathung, ob Elisabeth mit einem andern tanzen dürfe oder nicht.

Herr von Kadden scheint sein Engagement vergessen zu haben, sagte Wina.

Aber ich bitte Euch, wartet noch, bat Paula ängstlich, fangt mit dem Menschen keinen Streit an.

Ich finde es äußerst rücksichtslos von ihm, versicherte der Sohn des Hauses, einer von den drei engagirenden Tänzern, ärgerlich; ich werde hingehen und ihn erinnern.

Elisabeth verbat sich das ernstlich, sie wünschte diesen Tanz zu ruhen, und ihre Mutter war eben dabei, ihre Zustimmung zu dieser Ruhe zu geben, als Herr von Kadden in den Kreis trat, sehr ernsthaft und ohne ein Wort der Höflichkeit sein Recht in Anspruch nahm und seine Dame holte.

Der junge Herr von Bauer fand dies ganze Wesen sehr unpassend, Wina zuckte ärgerlich die Achseln, und Paula flehte nach allen Seiten hin um Sanftmuth, wegen dieses gefährlichen Menschen.

Das Paar, das der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit war, flog einigemal im Reigen mit herum. Dann stand Elisabeth schweigend neben ihrem Tänzer, der mit festgeschlossenem Munde und düsteren Blicken ebenso schweigsam blieb. Das ist aber ein heftiger Mensch, dachte Elisabeth, und verdient seinen Spitznamen mit Recht. Wie kann man auf einem Balle so sein, wie kann er sich von einem jungen Mädchen so beleidigen lassen! Es war als ob er etwas sagen wollte, er konnte sich nicht überwinden; Elisabeth aber fühlte deutlich, daß seine Hand zitterte, als er sie zum Tanze ergriff. Sie konnte unmöglich noch einmal so neben ihm stehen und unmöglich noch einmal mit ihm tanzen; sie verbeugte sich, als die Tour vorüber war, ein Zeichen, daß sie auf ihren Platz zurück geleitet zu sein wünschte.

Jetzt möchte ich am liebsten nach Hause fahren, sagte Elisabeth dringend, ich habe wirklich genug.

Den nächsten Tanz mit Herrn von Bauer mußt Du noch tanzen, bestimmte Wina, aber dann vor dem Cottillon fort.

Ja wohl, ja wohl, stimmte Paula bei, es ist mir heute ordentlich unheimlich hier.

Wina strafte sie mit einem scharfen Blick, sie war zwar auch nicht befriedigt, aber die Klugheit verbot das merken zu lassen, es sollten doch mehr Bälle und hoffentlich schönere folgen.

Der nächste Tanz war ein Contretanz, Herr von Bauer holte Elisabeth, und richtig – Herr von Kadden stand mit Laura ihnen gegenüber. Welche Malice! flüsterte Wina und biß die Lippen auf einander.

Da trat die Frau des Hauses lachend heran. Herr von Kadden ist wie immer eigenthümlich, das Interesse für ihr schönes Nichtchen sucht er mit Fräulein Laura zu verbergen, er giebt der Sache einen Anschein des Scherzes.

Also meinen Sie nicht, daß es Malice ist? fragte Paula.

Malice und Herr von Kadden? Nein, das reimt sich nicht zusammen, versicherte Frau von Bauer; er ist, wie ich Ihnen sage, etwas rasch von Entschlüssen, etwas eigenthümlich.

Alles nicht sehr angenehme Eigenschaften, fiel Wina ein, und begann nun der liebenswürdigen Wirthin feine Vorwürfe über das Einladen eines solchen Herren zumachen.

Während dessen tanzte Elisabeth, aber wie im Traume, ohne aufzusehen. Sie fühlte die dunkelblauen Augen auf ihr ruhen, und drängte eine dunkele Macht mit Gewalt von sich zurück. Warum kannst du ihn nicht ansehen? Du willst ihn ruhig ansehen, entschloß sie sich fest. Die Damen hatten gewechselt, er mußte ihr die Hand reichen sie blickte auf und sah wieder nur die Augen, die ganz traurig und bittend auf sie gerichtet waren. Sie konnte ihn nicht ruhig ansehen, es ward ihr bange, sie sehnte sich, alles möchte ein Ende haben.

Wenigstens der Tanz hat ein Ende! dachte sie beruhigt, als sie bei der Mutter und den Tanten saß, um sich abzukühlen. Der Vater kam jetzt auch näher, sie wären alle gern fortgefahren, aber der Wagen war noch nicht da. Sie beschlossen, in ein anstoßendes Kabinet zu gehen, um allen Fragen nach Elisabeth auszuweichen, denn die Geigen wurden schon wieder gestimmt. – In dem Augenblick stand Herr vor Kadden vor ihnen, nicht ernsthaft und unhöflich, nein sehr bescheiden bat er um den versprochenen Cotillon. Elisabeths Mutter entgegnete freundlich, daß Elisabeth nicht die Erlaubniß hätte sich zu engagiren, da gleich Anfangs beschlossen war, diesen Tanz nicht abzuwarten. Herr von Kadden bat aber so dringend und bat so treuherzig nur um zwei Touren, daß der Vater, der es harmlos hörte, und von der Aufregung der Tanten nichts wußte, die Erlaubniß zu den zwei Touren gab. Dahin gingen sie beide, und Elisabeth auch mit fröhlichem Herzen, obgleich sie sich das nicht gestehen wollte.

Ich mußte noch einmal mit Ihnen tanzen, flüsterte er leise, ich mußte Sie um Verzeihung bitten.

Elisabeth schwieg.

Zum Beweis, daß Sie mir verziehen haben, sagen Sie mir, daß ich sehr albern gewesen bin, bat er dringend.

Sie mußte lächeln. – Da werde ich mich hüten, sagte sie.

Nun ist es gut, entgegnete er zufrieden, damit haben Sie mir verziehen, und haben mir zugestanden, daß ich wirklich albern gewesen bin.

Nein, nicht albern, unterbrach sie ihn: zum Fürchten.

Zum Fürchten? fragte er erstaunt; aber es dauert nur immer einige Minuten, setzte er gutmüthig hinzu.

O nein länger, sagte sie belehrend.

Ja diesmal, weil ich mich nicht aussprechen konnte. Aber jetzt, fuhr er freudig fort, habe ich mich entschlossen, daß mein Bursche nie wieder eine Ohrfeige von mir haben soll. Freilich, schloß er scherzend, wenn der gute Junge sich über den Ausfall dieser Accidenzien beklagt, so haben Sie es auf Ihrem Gewissen.

Für eine überwundene Ohrfeige würde ich ihn immer doppelt zahlen! rieth Elisabeth, und ihre hellen Augensterne strahlten wieder im harmlosen Vergnügen.

Ja, das will ich auch thun, versicherte Herr von Kadden, damit ich mich nicht allein des gewonnenen Sieges freue. Ich werde aber, begann er jetzt leiser, nicht allein mit meinem guten Willen kämpfen, ich werde eine andere Macht zur Hilfe haben.

Elisabeth erröthete und schlug die Augen nieder. Sie konnte nicht wissen, was es heißen sollte, und dachte auch nicht darüber nach, aber die dunkele Macht stand wieder vor ihr; sie war wie im Traume, als er sie zum Tanze führte, und war wie im Traume, als der Vater zu ihr kam und freundlich den Wagen meldete. Sie folgte dem Vater und wurde dann völlig von den Tanten durch den Saal escortirt, damit der kühne junge Mann sich nicht noch einmal nahen, vielleicht gar als Hilfe beim Umthun der Mäntel erscheinen möchte. Er stand aber ruhig in der Saalthür, als sie hinausgingen, und grüßte nur ehrerbietig, wie es sich gehörte.

Im Wagen wurde die Unterhaltung nur von den beiden Tanten geführt, Mutter und Tochter saßen sich schweigend gegenüber und schauten in die Nacht. Beiden schwebte ein Bild vor der Seele, und beiden mit einem bangen Vorgefühl. Ein aufmerksames Mutterherz hat ein besonderes Zartgefühl und hat ein geheimes Verständniß mit dem Tochterherzen. War es denn ein Unrecht, wenn Elisabeth sich in einen Mann verliebte, der ihr mit Bewilligung der Eltern so nahe geführt wurde? Elise erinnerte sich, daß ihre Mutter einst sagte: Die jungen Männer, die mit meinen Töchtern tanzen dürfen, müssen mir auch als Schwiegersöhne nicht ganz unwillkommen sein. Welch ein schrecklicher Gedanke, daß einer von diesen Männern sollte Elisabeth als sein Eigenthum fordern! Elisabeth eine Weltdame – sie ist schön, lebendig, gütig und fröhlich, ganz dazu angelegt! Dieser elende Ball, der selbst die Tanten nicht befriedigt hatte, – es wäre von größter Unwichtigkeit geblieben, wenn sie ausgeschlagen, das fühlte sie immer deutlicher. Warum hatte sie nicht längst ausgesprochen: ich führe meine Tochter nicht in die sogenannte Gesellschaft ein, – das wäre einfach, würdig und passend zu der Richtung gewesen, die sie vertreten wollte. Dieser Kreis ihrer Bekannten würde sich gar nicht gewundert haben, nur etwas raisonnirt, aber nicht lange, und das war wirklich ohne Bedeutung. Die Bekannten wunderten sich auch nicht, daß sie hingekommen, die Welt ist oberflächlich, sie nimmt alles, wie es ihr gegeben wird, und lobt und tadelt, wie es ihr gerade einfällt, oder wie ein Tonangeber den Anfang macht. – Dies soll eine Erfahrung für das ganze Leben sein, dachte Elise. Welche Gelöbnisse machte sie dem Herrn auf dieser dunkeln Fahrt durch den Thiergarten.

Die Mutter war mit Elisabeth allein im Zimmer, sie hatten die Hüllen abgeworfen, Elisabeth trat vor den Spiegel. Erschrocken ging sie zurück. Mama, habe ich auf dem Ball auch so ausgesehen? fragte sie hastig.

Ja freilich, entgegnete die Mutter zerstreut.

Elisabeth nahm sie bei der Hand, ging mit ihr zum Spiegel und sagte: Sieh nur! – Das war allerdings kein erquicklicher Anblick, Kleid und Bänder und Blumen zerknittert, die Locken verwirrt, die Züge bleich und vertanzt. Nein, mein Kind, sagte die Mutter hastig, die kalte Fahrt hat Dich bleich gemacht, Du warest auf dem Ball erhitzt; nun aber schnell zu Bett, morgen ist mein Töchterlein wieder frisch und ist wieder die alte.

Elisabeth umarmte die Mutter und – brach plötzlich in einen Thränenstrom aus.

Liebes Kind! tröstete die Mutter, aber es war ihr weh, entsetzlich weh in der Brust: – Du bist jetzt angegriffen und aufgeregt, Du kannst das Tanzen und das lange Aufsein nicht vertragen.

Ich gehe nie wieder auf einen Ball! schluchzte Elisabeth.

Und ich führe Dich nie wieder dahin, fügte die Mutter bewegt hinzu.

Elisabeth ging zur Ruhe, von der Mutter liebreich beruhigt, und schlief bald ein.

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