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Elisabeth. I. Band

Marie von Nathusius: Elisabeth. I. Band - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorMarie Nathusius
titleElisabeth. I. Band
publisherVerlag von Julius Fricke
printrunNeunte Auflage
year1870
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6. Vorbereitungen zum Ball.

Den Nachmittag vor dem Ball war im Kühnemanschen Hause große Aufregung, besonders in der Kinderstube. Auf einen Ball gehen, so etwas war noch nicht dagewesen.

Die kleinste Charlotte hatte es auch nicht begriffen, was das zu bedeuten hatte. Auf einen Ball will Elisabeth gehen? fragte sie kopfschüttelnd: das ist wohl ein recht großer Ball?

O nein! belehrte das etwas ältere Mariechen, es ist nur ein Familienball.

Ach so – ein Familienball. Aber kullert der denn nicht immer? fragte Charlottchen weiter. – Ein allgemeines Gelächter ward dem armen Charlottchen zur Antwort.

Ein Ball ist eine große Gesellschaft, nahm Mariechen wieder belehrend das Wort.

Und weil die Leute dort tanzen und springen und alles kunterbunt durcheinander geht, fügte Fritz hinzu, darum heißt es ein Ball.

Dem kleinen Charlottchen schien ein wunderliches Bild durch den Kopf zu gehen, sie sah ganz nachdenklich Schwester Elisabeth an.

Ich weiß nur gar nicht, warum Elisabeth Tanzstunde gehabt hat und wir nicht, begann Karl, ein lustiger und begabter Junge, mit dem die Eltern aber nicht immer zufrieden sein konnten.

Weil Ihr dumme Jungens seid, entgegnete Elisabeth scherzend.

Du willst aber heute mit Herren tanzen, die auch dumme Jungens waren, wenn sie es nicht noch sind, fuhr Karl fort.

Bst! drohte Elisabeth, Du hörtest doch von Papa, daß Herr von Bauer dem Großpapa seine Kürassiere aus Braunhausen her bestellt hat?

Kürassiere? fragte Charlottchen wieder erstaunt.

Ja ein ganzes Regiment! versicherte Karl.

Aber Elisabeth, begann Charlottchen warnend, warum gehst Du nur dahin, wo ein Ball ist, und wo auch Soldaten sind?

Charlottchen ist bange, sie nehmen Elisabeth gefangen, lachte Karl. – Charlottchen nickte.

Es sind ja Freunde, belehrte Mariechen, und Papa und Mama gehen ja auch mit und bringen Elisabeth wieder mit.

Fritz, der älteste Bruder, ein sehr vernünftiger und guter Junge, dem Großvater, dessen Namen er trug, auch sehr ähnlich, trat jetzt zu Elisabeth und sagte: Ich weiß doch gar nicht, Elisabeth, wie Du gern auf diesen Ball gehen kannst? Würdest Du es Ostern geglaubt haben? Er erinnerte an Ostern, weil sie da zusammen confirmirt waren; sie hatten von einem gläubigen Prediger vorzüglichen Unterricht gehabt, und Elisabeth mit ihrer warmen Empfindung war ganz davon hingenommen. Aber was diese schöne Confirmation und darauf ein längerer Aufenthalt bei den Großeltern in ihr angeregt, war durch die weichlichen ästhetischen Tanten und durch das Schwanken der Mutter in Gefahr gerathen. Die Eltern gehen aber mit mir hin, entgegnete Elisabeth halblaut.

Sie würden sehr froh sein, wenn Du sagst, Du möchtest nicht, sagte Fritz wieder. – Elisabeth sah ihn nachdenklich an. – Und wenn Du es jetzt noch sagst! fuhr er hastig fort.

Ja, ja, rief Karl, und für das Geld, was der Wagen kostet, und für das Trinkgeld, was Papa geben muß, hole ich einen Haufen Pfeffernüsse und Zuckersachen, wir spielen alle zusammen Schimmelspiel.

Ja, ja, riefen die Kinder jubelnd, das wäre weit schöner.

Aber Kinder, seid doch nicht albern! nahm Elisabeth gereizt das Wort, denkt doch an die Tanten und mein weißes Kreppkleid mit den blauen Schleifen. – Der Sturm beruhigte sich und Elisabeth schlüpfte während der Zeit hinaus in das Wohnzimmer, wo sie ganz allein war.

Sie setzte sich an das Clavier, ohne zu spielen, ihr junges Herz war gedankenschwer. Dieser Ball, der ihr von den Tanten als etwas ganz unschuldiges und passendes vorgestellt war, hatte, obgleich sie es nicht merken ließ, ihr doch genug Bedenken gemacht. Fritzens Erinnerung an Ostern brachte sie jetzt ganz aus dem Gleichgewicht. Was hatte sie Ostern gelobt! Wie hatte sie ihr Herz da ganz ihrem Heiland hingegeben! Und das war so selig und wunderschön, sie hatte es niemand beschreiben können und auch wollen, nur die Großmutter, die so gut verstand, einem das Herz weich zu machen, hatte sie es merken lassen, und die Großmutter hatte innigen Theil daran genommen. Wenn die Großmutter wüßte, daß du einen Ball besuchen willst, dachte sie, und mit Offizieren umherspringen, wie Mariechen sagte! – O es wurde ihr angst und bange! Sie griff nach einem Notenbuche, saß erst stumm davor, dann griff sie einzelne Noten, dann sang sie ganz leise:

Herr ich lieb Dich, Herr ich lieb Dich,
Ach, von Herzen lieb ich Dich!
Laß mich nicht von Dir abwenden,
Und von falscher Lieb verblenden;
Eitler Lieb will mich entschlagen,
Daß aus Herzensgrund kann sagen:
Herr ich lieb Dich, Herr ich lieb Dich!
Ach, von Herzen lieb ich Dich!

Nein, weiter konnte sie nicht singen, sie fühlte es, der Herr wollte sie nicht hören, wie konnte sie singen: »Eitler Lieb will mich entschlagen« – eben im Begriff sehr untreu zu sein? Lieber Herr! fügte sie seufzend hinzu, ich werde mich nicht wieder darauf einlassen; jetzt muß ich wohl der Tanten Kleid anziehen; aber behüte mich nur und verzeihe mir, o laß mich einst selig werden! – Thränen tropften leise auf ihre Hände, sie wagte kaum zu bitten und wußte kaum was sie bitten wollte, – aber wollte doch das Herz dem Herrn geben, und saß so weinend und schwankend wie ein schwaches Rohr. Sie hätte jetzt die Tanzlust gern daran gegeben, wenn ihr nur jemand geholfen hätte.

Während die Tochter hier mit schwachem sehnendem Herzen weinte, ruhete nebenan im Kabinett die Mutter und weinte recht bittere Thränen. Sie hatte kaum gewußt, wie es eigentlich im Herzen der Tochter aussah, sie hatte aber gebetet, so oft und so dringend, für ihre Kinder und besonders für die heranwachsende Tochter; jetzt fuhr es wie ein Blitz durch ihre Seele, was dieser Gesang bedeuten solle: »Herr, ich lieb dich, Herr, ich lieb dich.« Sie will den Herrn lieben, will sich gern der eitlen Lieb entschlagen, und die ungetreue Mutter ist ihr hinderlich dazu.

Wie kann ein betendes Mutterherz so viel Eitelkeit in sich verbergen! Die Tochter ist so schön, spricht es, soll sie im Verborgenen verblühn? Sie kann ja ihr irdisches Glück machen, ohne das himmlische zu versäumen. Es kommen gerade in diese Gesellschaft so viele vornehme Leute, es wäre doch schön, wenn die theure Tochter in diesem Kreise einen vornehmen Mann, aber auch einen würdigen Mann kennen lernte; man wird ja nicht zugeben, daß sie einen unwürdigen wählt. Wo soll sonst ein Mädchen überhaupt Männer kennen lernen als in größeren Gesellschaften? – Wenn sich vor solchen Gedanken ein Mutterherz schämt und sie nicht aufkommen lassen will, dann naht sich der Verführer auf eine andere Weise: Wo soll sich eine Tochter bilden, als im Verkehr mit Menschen, wo soll sie fest und selbständig werden als eben hier? Einseitigkeit und Hochmuth sind Fehler, denen am besten im Umgang mit anderen Menschen, besonders mit fremden und uns überlegenen Menschen Abbruch gethan wird; also kann es unter Umständen recht gut sein eine Tochter aus dem Hause hinaus in die Welt zu führen, und es wäre doch sehr traurig, wenn sie nicht so fest wäre und über solchen Gefahren stände. – – Solche Welt-Klugheit wird sich rächen. Nein Mutterherz, du kannst für deine Tochter nicht beten, wenn du nicht glaubst, ja so recht selig und fest überzeugt bist, der Herr, der jedes Haar auf unserem Haupte gezählt hat, der werde auch deiner Tochter den zu ihrem Heil erwählten Mann zuführen, ohne dein Sinnen und ohne deine menschlichen Gedanken, und deine Tochter wird gebildet, selbständig und verständig werden auch ohne die Mittel, welche ordinäre Weltklugheit dir räth. Der Herr wird Rath schaffen, wenn du nur getreu vor ihm wandelst. – Mit so vieler mütterlicher Thorheit und Eitelkeit im Herzen darfst du aber nicht beten und um Hilfe bitten. Glaubst du nicht, daß die Fehler, die du in deinem Herzen hegst, – noch so verborgen hegst, – sie werden dich an deinen Kindern strafen? – Ja das ist eben das Wunderbare und Geheimnißvolle, du magst mit Wort und Lehre deine geheimen Fehler ganz eifrig und geschickt verbergen, sie werden sich an den Kindern dennoch offenbaren. Das ist der Fluch des Welt-Geistes, der sich nicht durch schöne Worte bannen läßt. Die Kinder wissen nicht, wie es im Herzen der Mutter aussieht, ihr Wissen und Verstand kann ganz anders denken, aber sie fühlen es, es liegt hemmend auf ihrem eigentlichen Seelenleben. Eben so aber ist es mit dem Gottes-Geiste, wenn er da still und verborgen im Herzen wohnet und Gewalt darin hat, so wird er Zeugniß von sich geben ohne viel Worte und Lehren, er wird eben so geheimnißvoll Segen um sich verbreiten. Wenn ein Mutterherz immer nur recht um Kraft bitten könnte, diese verborgene Eitelkeit ihres Herzens, die gar oft im tugendlichen Gewande zu erscheinen wagt, zu überwinden, wenn es mit rechter Freudigkeit beten könnte: Ich wünsche für meine Kinder kein Ansehen vor der Welt, weder daß sie klug, oder schön, oder vornehm und liebenswürdig vor der Welt sind, – ob die Söhne Carriere machen oder ob die Töchter sich verheirathen, ich wünsche nur, daß du, Herr, sie ansiehest, daß du ihnen, Herr, hier schon deinen Frieden, dein Glück schenkst und sie einst ewig selig machst. Ein so ganz demüthiges armes Mutterherz muß den Kindern die beste Mauer gegen Eitelkeit und Weltlust sein. Und dennoch wird es herrlich auch die Erfahrung machen: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird euch alles andere zufallen. Das heißt, es wird euch zufallen was nöthig ist, und Kinder, deren Aufmerksamkeit von Jugend auf nicht auf besondere irdische Genüsse gewendet ist, legen daran einen anderen Maaßstab, als Kinder der Welt.

Alle diese Gedanken kannte Elisabeths Mutter, es waren ja nur die innigsten Rathschläge und Segenswünsche ihrer eigenen theuren Mutter, und es war eben die geheimnißvolle Macht eines treuen Mutterherzens, die ihr eigenes nicht ruhen ließ in den Versuchungen, die das Stadtleben und der Familienkreis, in den sie hineingerathen, ihr entgegen führten. Sie weinte jetzt, sie weinte über sich und ihre Kinder, denn ehe sie Elisabeths Gesang gehört, stand sie auch an der Kinderstubenthür, von dem lauten Lachen der Kinder herbei gelockt, und hörte ihre Gespräche von den Soldaten, Karls Vorschlag, Zuckerwerk zu holen, und Elisabeths Entgegnung auf Fritzens Mahnung: »Die Eltern gehen aber mit mir hin.«

Die Eltern – das konnte die Mutter fast auf sich allein beziehen, denn ihr Mann würde, wenn sie es gewünscht hätte, sie und die Tochter von solcher Geselligkeit dispensirt haben. Er fügte sich, was das Familienleben anbetraf den Wünschen seiner Frau gern, er hatte sie und die Kinder zu herzlich lieb; ja er würde sicher heute Abend aus eigener Bequemlichkeit ein fröhliches allgemeines Schimmelspiel dem Balle vorgezogen haben. Ein Unrecht in dieser Geselligkeit zu finden, hatte er sich bis jetzt nicht entscheiden können, weil für ihn keine Gefahr darin lag. Daß er seine Pflichten als Oberhaupt des Hauses darin übersah, lag in einer gewissen Ruhe und Behaglichkeit, und in der ganz anderen Lebensanschauung von Jugend auf, die ihn nicht zu den inneren Conflicten kommen ließ, welche seiner Frau so viel Glück und Frieden raubten. – Ist es denn so sehr schwer eine gewissenhafte Mutter zu sein? fragte sie sich jetzt traurig, ich fühle mich in einem Labyrinthe, ich kann mich nicht heraus finden, und den Herrn darf ich darum nicht fragen.

In dem Augenblicke klingelte die Flurthür. Sie stand schnell auf, trocknete ihre Thränen und trat in das Wohnzimmer. Elisabeth hatte dasselbe gethan, und beide begegneten sich im Vorsaal, um die eintretenden Tanten zu empfangen. Wie seltsam war das, es währte gar nicht lange, daß beide mit den Tanten geredet hatten, als es beiden beinahe war, als hätten sie nur unruhig geträumt. Die Tanten waren so vergnügt, und was sie sagten, klang so einfach und verständig. Das ist die Gewalt des Weltgeistes, der alles so glatt und verständig und dem alten Adam so angenehm hervorzubringen weiß.

So habe ich also bis jetzt an Elisabeths Kleide genäht, sagte Tante Wina unter anderem, ich habe die Achseln ganz und gar wieder aufgetrennt, habe sie ausgelassen, nun wird die ganze Taille dadurch leichter und kindlicher sein. Unserer Schneiderin fehlt wirklich der rechte Esprit, sie macht einem achtzehnjährigen Mädchen ein Kleid gerade so fest und adrett als einem vierzigjährigen, trotz meines Predigens.

Aber seht! sagte Tante Paula entzückt, als die Schwester das weiße luftige Gewand aus dem großen Korbe nahm: ist es nicht entzückend, ist es nicht himmlisch?

Es ist wenigstens sehr geschmackvoll und einfach, und gerade für unsere Elisabeth, fügte Wina hinzu.

Elisabeths Augen leuchteten hell auf bei diesem herrlichen Anblick. Die Mutter aber schaute theilnahmlos auf das Geschenk der Tanten.

Wina, mit den scharfen schwarzen Augen, deutete augenblicklich dieses Schweigen nach ihrer Weise; sie dachte aber auch: Wie kann man nur so schwankend, so wunderlich sein, ja sie weiß selbst nicht was sie will! Und in dem Gefühl des guten Rechtes und der Ueberlegenheit nahm sie die Gelegenheit wahr, ihre herrlichen Grundsätze auf eine feierliche eindringliche Weise auszusprechen. Hier also, meine liebe Elisabeth, wandte sie sich zu dieser, überreiche ich Dir Dein erstes Ballkleid, nun freue Dich darüber, freue dich recht herzlich, denn es kömmt der Jugend zu, sich über solche Dinge zu freuen, es kömmt der Jugend zu, harmlos und fröhlich zu sein. Dabei, meine liebe Elisabeth, sollst Du doch ernsthaft sein und auf Gottes Wegen gehen, Du sollst Deine ernsten heiligen Stunden haben; aber alles zu seiner Zeit, und wie schon Paulus sagt, nichts zur Unzeit.

Die Mutter stand wie auf Kohlen bei dieser Rede, aber sie hatte nicht das Recht etwas dagegen zu sagen: zuweilen auf Gottes Wegen gehen, zuweilen nicht, das schien ja ihr eigenes Motto zu sein. Aber anhören konnte sie solch Geschwätz nicht länger und zu Winas großem Mißvergnügen unterbrach sie es plötzlich und sagte: Ich habe heftiges Kopfweh heute. – Das war keine Unwahrheit, sie hatte stundenlang im Kabinett geruht.

Arme Elise! entgegnete die theilnehmende Paula; aber ich habe es Dir gleich angesehen, daß es nicht ganz richtig mit Dir war.

Willst Du nicht lieber hier bleiben? fragte Wina. O nein, lächelte Elise etwas ironisch, dann müßte ja dies herrliche Ballkleid auch hier bleiben.

Du würdest uns also Deine Tochter nicht anvertrauen? fragte Wina scharf.

Ich weiß nicht, entgegnete Elise, Du wirst aber natürlich finden, daß eine Mutter ihre Tochter gern selbst auf den ersten Ball führt.

Beide Tanten mißverstanden die Schwägerin in gleicher Weise, sie dachten nur, die Mutter wünsche den Eindruck zu sehen, den die Tochter bei ihrem ersten Erscheinen machen werde. – Das glaube ich Dir, entgegnete Wina mit einem feinen Lächeln.

Noch dazu eine solche Tochter! fügte Paula neckend hinzu.

Die Mutter ging, der Kinder Abendbrot zu bestimmen. Die Uebrigen traten jetzt in die Kinderstube, hier sollte die Toilette vor sich gehen. Auch die beiden Tanten, um das Fahren zu vereinfachen, waren in den Hauskleidern hergegangen, und wollten sich hier erst in die Staatskleider werfen. Wina, die völlig davon überzeugt war, daß dieser erste Ball im Leben der Nichte ein wichtiger Abschnitt und ein passender Zeitpunkt zum Ermahnen und zum Erziehen für sie sei, nahm mit Eifer und Würde das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf und fügte zu Paulas letzten Worten hinzu:

Ich finde, dieses Töchterlein könnte noch in vielen Stücken anders sein. – Elisabeth sah sie groß an. – Ja Elisabeth, fuhr die Tante fort, gerade so wie Du mich jetzt ansiehst, möchte ich, könntest Du nicht aus Deinen großen Augen sehen, Du hast so etwas Zuversichtliches, das steht einem jungen Mädchen nicht gut.

Wie ein Veilchen so bescheiden, mit gesenktem Haupte, mußt Du stehen, fügte Paula hinzu.

Ja, liebe Elisabeth, fuhr Wina feierlich fort, bedenke daß Du heute in der Welt zuerst erscheinst, daß viele Augen auf Dich gerichtet sind, nun bitte ich Dich, sei zurückhaltend in Worten und Mienen. Eine gewisse Kargheit in Worten ist weit anziehender, als wenn man gleich den Mund so voll nimmt. Du mußt auch in Deinen Bewegungen gehaltener sein. Ich rede nicht von Steifheit, nein, die Lebendigkeit muß von einem edlen feinen Zügel gehalten werden, die Lebendigkeit muß lieblich sein.

Ich mag es nun sehr gern, wenn ein junges Mädchen etwas verlegen ist, versicherte Paula.

Ihr müßt sie erst zu einem Schauspieler schicken, rieth Fritz, der bis jetzt stumm in der Ecke gegessen, humoristisch, aber nicht sehr übel gemeint.

Ich verbitte mir das, junger Herr! strafte Wina, ich meine nicht, daß Elisabeth diese Bescheidenheit und Demuth spielen soll, sie soll sie wirklich im Herzen haben. Wenn sie heute damit beginnt und sich vielleicht auch etwas dazu zwingt, so kann ihr das gar nicht schaden.

Elisabeth hielt den Kopf jetzt etwas höher, warf die Oberlippe auf und sagte kurz: Ich bin nun gerade so, wie ich bin, und werde heute Abend nicht anders sein.

So? fragte Wina scharf, und was ist Dir das Urtheil der Welt?

Das ist mir gar nichts! entgegnete Elisabeth stolz.

Nun wirklich, eine schöne Erziehung! fuhr Wina heftig auf; zu meiner Zeit würde man sich davor entsetzt haben. Woher kömmt aber diese Verwirrung? Wenn den Kindern gesagt wird, nichts auf das Gerede der Menschen zu geben. Im Gegentheil, Kinder müssen von Jugend auf sich geniren lernen, sie müssen ihre Augen auf die Erwachsenen gerichtet haben, und Tadel und Anerkennung müssen ihnen zu Herzen gehen.

O welche Verwirrung der Begriffe! dachten Fritz und Elisabeth, Fritz aber kam diesmal der Schwester zuvor und sagte ganz bedächtig, aber auch ganz freundlich: Liebe Tante, uns ist nicht gelehrt, uns über das Urtheil guter, frommer Menschen hinwegzusetzen, sondern über das Urtheil der Welt, das ist ein großer Unterschied. Das letztere kann man nicht früh genug lernen, und dieser Abschnitt ward in unserer Religionsstunde sehr gründlich genommen. Die Menschenfurcht, die Gewohnheit, von Kindheit an Rücksichten auf die Welt zu nehmen, ist für Tausende das Hinderniß zur Seligkeit. Ja denke Dir, Tante, Tausende von Menschen, die den Herrn Jesus lieb haben, ihm gern dienen möchten, thun es nicht, aus Furcht vor den Menschen, aus den elendesten Rücksichten. Nun sage mal, ist das nicht wirklich des Teufels Macht, die hinter solchen Rücksichten steckt, die Tausende in das ewige Verderben lockt? Also auf das Urtheil der Welt etwas zu geben, ist geradezu auf dem Wege nach der Hölle sein.

Fritz übertreibe nicht so! rief Wina ärgerlich.

Ich übertreibe wirklich nicht, versicherte Fritz treuherzig, denn eigentlich, Tante sollen wir nicht einmal auf das Urtheil frommer Menschen etwas geben.

Hat das auch Euer Herr Pastor gesagt? fragte Wina höhnend.

Ja freilich, fuhr Fritz fort, so lange wir vom Urtheil der Menschen abhängen, fehlt uns der rechte Friede, denn auch die besten Menschen sind schwankend in ihren Urtheilen und können sich auch irren; wir sollen nur uns immer mit dem Herrn berathen, ob wir recht oder unrecht thun, darum giebt Er uns die klarste Antwort auf unsere Gebete. Und es kommt hinzu: wenn wir allein das Urtheil des Herrn vor Augen haben, so bringt uns das nicht bloß Frieden, sondern auch die Liebe guter frommer Menschen ganz von selbst.

Wina war zu gescheit und die Sache war zu klar, sie konnte nichts dagegen sagen, ja sie war auch im Stande einmal gelegentlich Aehnliches zu sagen, sie nahm sich schnell zusammen und hatte einige Phrasen des Weltgeistes, der zuweilen sehr edel und hochtrabend einherstolzirt, bei der Hand. Das versteht sich von selbst, Fritz, begann sie, das Bewußtsein des eigenen Rechtthuns befriedigt allerdings –

Halt! rief Fritz: Tante! dies Bewußtsein darf keine Christenseele haben, das führt auch geradezu in die Hölle.

Fritz, sei nicht absurd! versetzte die Tante ärgerlich.

Das will ich Dir klar beweisen, fuhr Fritz im Schüler-Eifer fort! Ich nehme das Beispiel, was unser Herr Pastor nahm. Denke Dir ein rechtschaffenes Kind, es ist fleißig, es macht keine dummen Streiche, es ist reinlich, nascht nicht, lügt nicht –

Ist höflich und bescheiden, fügte Wina hinzu.

Ja freilich, höflich und bescheiden, wiederholte Fritz, und von sehr guten Manieren, aber nur gegen fremde Leute, gegen seine Eltern aber ist es trotz aller Tugenden lieblos und undankbar. Diese Liebe, die es jeden Tag fühlt, durch die es eigentlich nur lebt, läßt es lau, es denkt eben mehr an Lernen und Klugwerden und Geachtetsein von den fremden Gästen, die in das Haus kommen, als die Eltern so von ganzem Herzen zu lieben und ihnen zu danken für alle die Wohlthaten, die es von ihnen empfängt. Denke Dir, wie abscheulich ist so ein kaltherziges, undankbares Kind trotz seiner Tugenden, und ist es nicht ein fortwährender Kummer für die Eltern, ein solches Kind im Hause zu haben? Müssen sie nicht sehr zürnen über solche Tugenden, die das Herz des Kindes ihnen so entfremden? Müssen sie nicht ein Kind vorziehen, was weniger klug und gescheit ist, auch nicht so fleißig, auch zuweilen seine Kleider nicht so ackurat hält, und darum auch von den Gästen nicht so hoch geschätzt wird, wenn es dagegen aber die Eltern herzlich lieb hat, ihnen immer diese Liebe zu zeigen sucht, auch so dankbar ist für jede Wohlthat und nur spricht: Liebe Eltern, ich verdiene es wohl nicht, daß Ihr so gütig gegen mich seid, ich kann Euch auch keine Wohlthat wieder erweisen, aber ich will Euch immer mehr lieb haben, und ich will Euch zur Liebe auch immer mehr meine Fehler ablegen. Sage mal, Tante, wird ihnen ein solches Kind nicht weit lieber sein, als ein so selbstgerechter Schlingel, der da sagt: Die Menschen loben mich und sagen, ich bin ein rechtschaffener Junge, warum sollten meine Eltern nicht mit mir zufrieden sein? ich bedarf der Gnade und der Liebe meiner Eltern nicht; das Gefühl, daß ich ein rechtschaffener Junge bin, giebt mir Frieden und Beruhigung. Sage mal Tante, müßte ein solcher Bursche nicht aus dem Hause geworfen werden, bis er sich eines Besseren besinnt? Und wenn er in seinem Hochmuth und seiner Blindheit für die Güte und Barmherzigkeit der Eltern (diese Blindheit ist eben nur eine Folge des Hochmuths) wenn er sich nicht entschließen kann zur Demuth und Buße und zum Bitten, dann muß er nothwendig verstoßen bleiben. Das Vaterhaus aber ist das Himmelreich, darinnen wir ganz ohne unser eigen Verdienst schon mit der Taufe aufgenommen sind und darinnen uns eben nur die Liebe und Gnade des Vaters hält. Ein Kind, das diese Wahrheit fühlt, kann nicht sagen: Das Gefühl meiner Rechtschaffenheit befriedigt mich, sondern es sagt: Ich müßte doch immer traurig und unruhig sein, weil ich nie so bin, wie ich sein müßte; das Gute, was ich oft thun will, unterlasse ich aus Trägheit und Zerstreutheit, und zum Bösen, was ich eigentlich nicht thun will, lasse ich mich leicht verleiten. Ich bin dennoch nicht traurig, weil mein lieber Vater im Himmel mich aus Gnade selig machen wird. Die Gnade und das Erbarmen ist aber, daß er seinen eingebornen Sohn in die Welt gesandt hat, weil es denn kein anderes Mittel gab uns zu erlösen von Sünde und Tod. Dieser Liebesrath ist ein Geheimniß. Wie zwischen Eltern und Kindern ein Geheimniß der Liebesmacht besteht, was wir mit dem Verstande nicht begreifen und erklären können, wohl aber fühlen und erleben, eben so ist diese geheimnißvolle Liebesmacht zwischen Kindern Gottes und ihrem Heiland und Erlöser, der für uns gelebt hat und gestorben ist, und uns eine höhere Weltordnung als die jetzt sichtbare, das ist, das ewige selige Leben in seinem Himmelreiche offenbart hat.

Wina staunte den gelehrten Neffen an, sie ließ sich das aber nicht merken. Ebenso wenig daß ihre Weisheit nun zu Ende sei. Es versteht sich ganz von selbst, daß Kinder ihre Eltern lieb haben, sagte sie kurz, das schließt nicht aus, auch gegen Freunde und Familien-Mitglieder artig und rücksichtsvoll zu sein. Jetzt aber ersuche ich die jungen Herrn das Zimmer zu verlassen, wir wollen Toilette machen! fügte sie hinzu.

Dem Befehle wurde Folge geleistet, und das Werk ward begonnen und mit gehöriger Umständlichkeit beendet. Der Wagen fuhr natürlich zu früh vor, der Vater klopfte einigemal ungeduldig an die Thür, bis die Mutter entschieden ein Ende machte, und die rauschenden, leicht beschuhten Damen im Wagen Platz fanden.

Während der Fahrt herrschte tiefes Schweigen. Die Mutter hatte Kopfweh, Tante Wina war verstimmt über die verschrobene Bildung der jetzigen Jugend, Tante Paula sann, wie dem unangenehmen Schweigen abzuhelfen sei, und Elisabeths Herz hatte noch nie so geklopft als unter diesem weißen Kreppkleide. Der Weg führte durch den Thiergarten. Gedankenvoll schaute sie auf die vorüberziehenden Bäume, die ihre grauen kahlen Aeste weit ausstreckten und vom trüben Licht der Laternen beleuchtet oft wunderliche Figuren machten. Also wirklich noch wenige Minuten und du wirst auf einem Balle sein! dachte sie und eine leichte fieberhafte Bewegung rieselte durch ihre Nerven bei dieser Vorstellung. Sie hatte ein Recht, sich in weit größerer Spannung zu befinden als viele andere Mädchen, denn sie hatte einen Ball nur immer als etwas Ungewöhnliches, Fernliegendes nennen hören. Ob es recht oder unrecht sei, darüber war sie gänzlich in Verwirrung gerathen. Mit ihrer bisherigen Lehr- und Erziehungs-Weise stimmte es keineswegs, aber die Eltern gingen doch mit ihr, damit beruhigte sie das bange Gefühl in ihrer Seele und hielt sich desto fester an den Ausspruch der Tante: Der Jugend kommt es zu, fröhlich zu sein, man kann deswegen doch ernst sein, aber alles zu seiner Zeit.

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