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Einsam

Juhani Aho: Einsam - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorJuhani Aho
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleEinsam
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080505
projectid23680b2e
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VI.

Es ist heiliger Abend. Die Uhr zeigt ungefähr fünf. Die dicke, graue Wolkenmasse, hat sich im Westen und im Norden gelüftet und am Horizont einen klaren Streifen reinen Himmels zurückgelassen, der sich weiter ausbreitet und allmählich das ganze Himmelsgewölbe einnimmt. Die Nachmittagssonne kommt zum Vorschein, scheint über Paris und in mein Zimmer hinein. Ihr Licht ist gelblich und kalt, und das Bild des Fensters an der Wand erinnert mich an die Heimat – an Finnland, an die Weihnachtsabende dort in weiter Ferne, als ich von meinem Giebelfenster aus die schneeige Landschaft betrachtete, wo die kühle Sonnenscheine hinter dem düsteren Tannenwald versank.

Ich erinnere mich leichter, tastender Schritte, hinter der Tür wird geheimnisvolles Flüstern hörbar, eine Hand faßt nach dem Türschloß, und ins Zimmer hinein stürzt eine Schar von Brüdern und Schwestern, von denen der größte kaum so weit ist, daß er die Tür wieder schließen kann. Sie sind gekommen, um den Nachmittag bei mir zuzubringen, der ihnen nach Hereinbrechen der Dämmerung und in Erwartung des Weihnachtsbaumes so lang ward. Alle Spiele sind gespielt, man hat sich die Zeit mit Versteck und Blindekuh vertrieben, ist unter alle Tische und Betten gekrochen, und doch fehlen noch mehrere Stunden, bis die Tür zum großen Saal sich öffnen wird. Man weiß nicht, was man beginnen soll, die Spiele sind erschöpft, von vorne mag man nicht wieder anfangen, und mit schlaff herabhängenden Händen seufzt man in gemeinsamer Trostlosigkeit und kann sich nicht einmal entschließen, die Perlen von der Stirn und von der Nasenspitze zu trocknen.

Da aber kommt man plötzlich auf den Gedanken, daß oben im Giebelstübchen der große Bruder sitzt, und nun hat alles Leid ein Ende. Er kann lustig sein, er versteht es, die Zeit zu vertreiben, wenn er nur will. Er wirft sich auf das Bett, mit erneuten Kräften zündet man seine lange Pfeife an und klettert dann ins Bett, sich zu beiden Seiten von ihm gruppierend. Blaue Rauchwolken ziehen durch das Zimmer, und er erzählt Märchen, denen man mit verhaltenem Atem lauscht. Und man merkt nicht, wie das Bild des Fensters überm Bett verschwindet, wie die Dämmerung hereinbricht, sich über die Möbel legt, wie man nicht mehr unterscheiden kann, was sich auf dem Tisch befindet, wo die Nasen, Münder und Augen der anderen sind. Nur von Zeit zu Zeit schnaubt der Pfeifenkopf seine Ansichten dazwischen und die Tabaksfunken glühen. – »Erzähle mehr, erzähle mehr! – und dann? Wie kam es dann?«

Man denkt nicht mehr an Weihnachten und an den Tannenbaum, bis man plötzlich unten das Öffnen einer Tür und die Stimme der großen Schwester hört, welche die Treppe hinaufruft: »Kinder! Kommt – jetzt!« Im Bett wimmelt es plötzlich von Köpfen und Füßen. Aus der Pfeife fällt glühende Tabaksasche auf den Fußboden, ein Stuhl wird umgestürzt, die Tür bleibt offen stehen, und ehe sie sich schließen kann, ist man schon die Treppe hinab und hat die untere Tür knallend ins Schloß geworfen.

Das waren Zeiten, auch das, Zeiten, die längst gewesen und entschwunden sind. Die Eltern sind gestorben, die Brüder und Schwestern über die ganze Welt zerstreut, und ich denke darüber nach, wer jetzt wohl in meinem alten Giebelstübchen wohnt.

Es liegt ein eigenartig trübes Gefühl der Vereinsamung darin, daß es jetzt wieder Weihnachten ist, und daß man niemand hat, mit dem man das Fest feiern kann. Niemand weiter als diese unendlich große Stadt mit ihren Millionen Einwohnern, von denen ich keine Seele kenne, und von denen mich keine kennt. Ich bereite mich trotzdem mit einer gewissen Befriedigung darauf vor, heute abend einsam umherzustreifen.

Ich kleide mich langsam an, indem ich zum Fenster hinausschaue, und rufe mir bald dieses, bald jenes Ereignis aus meinem verflossenen Leben ins Gedächtnis zurück. Ich ziehe ein reines Hemd an, binde frisch gebügelte Kragen und Manschetten um, knüpfe mein Halstuch mit größter Sorgfalt und entnehme der Hutschachtel meinen hohen Zylinder, den ich mit einer Samtbürste sorgsam glätte. Handschuhe und ein Spazierstock mit silbernem Knopf vollenden meine Toilette.

Die Luft ist klar und ein wenig kalt. Ich gehe direkt nach dem großen Boulevard hinab. Lebhafter als sonst wimmelt die Volksmenge auf den Straßen. Die Schritte und Bewegungen der Frauen erscheinen mir elastischer als gewöhnlich, und der Gang der Männer ist vernehmbar wie das Brausen des Gießbaches bei heiterem Wetter, und die Peitschen der Kutscher knallen fröhlich, wie zu ihrem eigenen Vergnügen. Die kleinen, leichten Wagen und die schnell aufeinander folgenden Hufschläge der Pferde schmieden das Straßenpflaster gleich den Nagelhämmern in einer Fabrik, während die unglaublich großen Wagen, die hoch wie Häuser sind, und deren Pferde Elefanten gleichen, ein Getöse hervorbringen, das an das polternde Getreibe eines gewaltigen Dampfhammers erinnert. Und dies alles vereinigt sich zu einem Riesenlärm, der mit dem Gerassel der Räder anhebt, im Geklapper der Hufe schwillt, in dem Pfeifen der Droschkenkutscher gell zum Himmel aufsteigt, neues Leben aus dem Peitschengeknall saugt und zu einem mächtigen, schwellenden Getöse anwächst, das an den Wänden der Häuser in die Höhe steigt. Zuweilen tritt ein Hindernis ein, der Weg wird versperrt, und da schwemmt dieser Fluß, der Atem und Stimme hat, über seine Ufer und strömt zurück, und die anstoßenden Straßen wallen auf von gehemmten Fuhrwerken, von Pferdehufen und schwarzen Hüten, bis die Verbindung wieder hergestellt wird und man mit erhöhter Geschwindigkeit und vermehrtem Getöse weiterstürzt.

Aber auf den großen Boulevards, wo ich endlich strande, ist das Wagengerassel verschwunden. Die Gefährte sind auf das Holzpflaster gerollt und gleiten jetzt lautlos weiter. Man hört nur den dumpfen Schlag der Hufe, – es klingt fast, als trügen die Pferde wollene Socken über ihren Hufeisen. In all dieser Stille liegt trotzdem ein fieberhafter Eifer. Jeder Nerv ist angespannt, jedes Glied ist in Bewegung wie in einer Fabrik, wo sich das Treibrad verstohlen seufzend dreht, und die glatten Lederriemen schnurrend von Achse zu Achse gleiten. Es gibt keine einzelnen Pferde und keine einzelnen Wagen mehr. Auf jeder Seite der Straße erblickt man nur eine einzige, ununterbrochene Reihe, deren Anfang und Ende man nicht sieht.

Obwohl es noch verhältnismäßig hell ist, sind die Lampen in den Läden, in den Warenlagern und Cafés schon angezündet. Die Türen werden unablässig geöffnet und geschlossen und durch sie hindurch qualmen gleichsam Menschenstimmen, Lärm und eilige Geschäftigkeit. Die Fenster der Juweliere strahlen von Kostbarkeiten, Ringen, Armbändern, Uhren, Halsgeschmeiden; die Leuchter und Lampen wachsen zu Hunderten an im Reflex der großen Spiegel. Die schweren Seidenstoffe schwellen im elektrischen Licht, das noch durch Glasprismen verschärft wird. Die großen Basare sind von unten bis unter das Dach mit Spielsachen angefüllt. Aus den Buchläden fließen Bücher und Papiere gleich Lavaströmen auf die Trottoirs der Boulevards. In den Fenstern der Leinwandhandlungen schimmern die Kragen, Manschetten und Wäschegegenstände wie frischgefallener Schnee.

überall wimmelt es von Kauflustigen. Vor mir her geht eine Mutter mit ihren zwei kleinen Töchtern. Ich folge ihnen von Tür zu Tür, von Fenster zu Fenster und bleibe stehen, wo sie stehen bleiben und beschauen. Die Mutter sieht sich von Zeit zu Zeit gezwungen, etwas zu kaufen, worauf die Kleinen zeigen. Mit Paketen beladen, gehen alle drei schließlich durch eine Tür, die scheinbar zu ihrer Wohnung führt, und steigen die Treppen hinan; ich höre noch den Widerhall des hellen Kinderlachens, während ich draußen vor, der Haustür flehen bleibe.

Schon werden die elektrischen Kugeln in der Mitte des Boulevards angezündet, und auf den Trottoirs zu beiden Seiten der Straßen brennen die Gaslaternen trüber. Aber die letzten Strahlen des Tages haben noch die Übermacht, und ihr Licht erinnert an Augen, die geblendet sind und noch nicht klar zu sehen vermögen.

Ich gehe in ein Café, dessen Fenster mit Glasmalereien, verziert sind wie in einer mittelalterlichen Kirche. An der Tür strömt mir ein fast heimischer Duft entgegen. Ein eiserner Kamin mitten im Zimmer verbreitet eine angenehme Wärme. Ein Kellner beeilt sich, einen Überrock und Stock in seine Obhut zu nehmen. Er weist mir einen bequemen Platz im Sofa am Fenster an und holt mir die neueste Abendzeitung.

Ich bestelle einen Absinth, dies Getränk des Vergessens und der unbestimmten Phantasien, das die Macht besitzt, den einen Schleier nach dem andern vor unseren Augen fortzuziehen. Die elektrischen Flammen da draußen beginnen schon, über das Tageslicht zu siegen, sie haben jetzt einen wärmeren Schein, und es macht den Eindruck, als verbreiten sie einen blauen Samtnebel um sich. Die Omnibusse mit ihren großen, weißen Pferden und ihren feuerroten Annoncenplakaten rollen am Fenster vorüber. Rot, Blau und Weiß vermischt sich miteinander, und die Mischung befindet sich in beständiger Bewegung. Aber der Zeitungskiosk nähert sich nicht, ebensowenig wie der dunkle Zug des Boulevards und der lichtausstrahlende Kandelaber.

Ich halte die Zeitung in der Hand, mache mir aber nichts daraus, sie zu lesen. Weshalb bin ich nicht früher hierher gekommen, um meine Abende fortzuphantasieren am Rande dieses brausenden Stromes, – ja, wahrlich, am Rande eines Stromes. – – –

Aber dort oben wölbt sich der klare, durchsichtige Himmel gleich einem Bogen über der schwarzen Häuserreihe. Die Abendröte ist noch nicht völlig erloschen. Der Himmel ist bleich und kalt dort, wo er sich am Ende der Boulevards herabsinkt, und wird immer klarer, je mehr er sich der Erde nähert. Aber für mich schließt er dort noch nicht, er setzt sich gleich einem mächtigen Gewölbe nach Norden hin fort, immer weiter und weiter entfernt. Und je höher nach Norden er kommt, über Berg und Meer, desto kälter wird er, und Sterne erfunkeln an ihm. Daheim in Finnland herrscht eine scharfe Kälte. Der Schnee wird trocken und knirscht unter den Füßen. Die Bäume auf der Esplanade in Helsingfors stehen im weißen Schneegewande da, die reifbedeckten Telephondrähte hängen schwer herab, aus den Schornsteinen steigen weiße Rauchwolken auf, und die Schlittenglocken klingeln. –

Aber wer ist die junge Dame da, die so leicht einherschreitet mit einer dicken Boa, die ihr bis an die Füße reicht? Sie bleibt einen Augenblick vor dem Caféfenster stehen, – ihre Wangen sind rot, und in den Wimpern hängt der weiße Reif. Die feine, kalte Haut, – wenn ich sie doch mit meinen Lippen berühren dürfte. –

Und ob ich es nicht doch vielleicht noch einmal dürfen werde? Ich bin dessen ganz sicher und mache mir keine Sorgen. Ich warte, bis meine Zeit kommt. Ich werde auch noch einmal mein Glück finden!

Ist es die Wirkung des feinduftenden Absinths? – – Meine Stimmung ist plötzlich wie ausgetauscht. Ich finde, daß dies Leben, dies Paris ganz verwandelt ist. Mein Inneres schwillt vor Freude, und mein Herz wird weich. Ich habe dies alles bisher nicht so recht verstanden. Ich glaubte, diese Stadt sei ein tausendfüßiges Raubtier, und sie ist ja eine sanfte Schönheit, warmäugig und zart von Teint, die dir von selber um den Hals fällt, dich einwiegt und dich mit seidenweichen Händen streichelt. Und es scheint mir, als quöllen hier überall Lebenslust, feurige Gefühle und Freude aus warmen, unterirdischen Gewölben hervor. Die Entwicklung von Jahrhunderten sprudelt überall aus der Erde auf und legte sich wie ein feiner Regen stärkend und erfrischend über alle Gegenstände. Und die äußerste Spitze dieses Springbrunnenstrahls, dies jeden Augenblick wechselnde Schaumbündel, das ist die Pariserin, die dir überall begegnet, dieser weiche Hermelin, dies geschmeidige Eichhörnchen. Sie ist liebenswert wie ein Kind und würdig wie eine Köchin. Welche Honigsüße in ihren Bewegungen und in ihrer Stimme! Welche Elastizität in ihrem Gang! Wie sie imstande sein muß zu lieben, zu schmeicheln, sich dem hinzugeben, der sie einmal gewonnen hat!

Jetzt verstehe ich es, weshalb der Franzose so entzückt von seiner Hauptstadt ist. Ich verstehe es, daß er sich nach seinem Lande zurücksehnt, sobald er diese großen, farbenreichen Boulevards, die erleuchteten Fenster der Cafés, die Omnibusse nicht mehr sieht, sobald er diesen Asphalt nicht mehr unter seinen Füßen fühlt, auf dem man so bequem auf und nieder gehen und sich einbilden kann, daß dies der Mittelpunkt der Welt ist.

Könnte ich nicht mit all diesem verschmelzen, mich daran gewöhnen und den Rest meines Lebens hier bleiben? Wohl ist Finnland schön, wohl erweckt sein Himmel so schöne und reine Gefühle. Aber sie sind so matt, so schwach. Wohl sind die Sommernächte klar, aber es schweben in der Luft stets die kalten, eisigen Winde, die der Erdfrost in den Gründen der nimmer schmelzenden Sumpfstrecken ausatmet.

Wie tief der Schatten ist, wie weich
Im grünen Birkenhain,
Wie goldbestrahlt der Strand, wie reich,
Die Wellen klar und rein!
Wie süß es ist, unendlich süß,
Ein Herz zu wissen dort,
Daß dich in Treue nimmer ließ,
Sich sehnte fort und fort.

Hier aber ist Glut, aufregende Bewegung, brausendes Leben. Hier muß man sich verjüngen können, und wäre man noch so alt, hier muß man das Leben mehr genießen können als anderwärts.

Und abermals steht Anna vor mir, und ich muß an den Rat denken, den ihr Bruder mir gegeben hat. Und ich sinne darüber nach und frage mich selber, welchen Eindruck sie jetzt auf mich machen würde, wenn ich sie hier, dort auf der Straße, zwischen den andern erblickte. Wäre es nicht möglich, daß sie mir das nicht ist, was sie mir während so langer Zeiten in Gedanken gewesen? Sollte sie farbloser, unbedeutender sein? – Sollte der Bruder recht haben?

Ich denke nicht weiter darüber nach. Ich wandere an der großen Oper vorüber, biege in die Avenue de l'Opéra ein und gehe am Théâtre-Français vorbei. Von dort durch das Gewölbe des Louvres auf den Hof des uralten Königsschlosses, in dessen Mitte sich eine hohe, eiserne Säule mit zwei Querstangen erhebt, von denen elektrische Lampen herabhängen, die einen phantastischen Schein verbreiten. Ich gehe über die Seinebrücke und bleibe einen Augenblick stehen, um die kleinen Dampfboote zu betrachten, deren rote Laternen sich wie Aalfanglichter im Wasser spiegeln.

Ich habe meine Sorgen ganz abgestreift. Ich habe einen jener seltenen Tage völliger Gemütsruhe, an denen man an nichts weiter denkt, als den Augenblick zu genießen. Oft ist es vorgekommen, daß, wenn ich am Abend eines solchen Tages nach Hause gekommen bin, ein Telegramm oder ein Brief auf meinen Tisch gelegen und mich erwartet hat. Eine böse Ahnung durchbebt dann plötzlich mein Herz, und wenn ich den Umschlag mit zitternder Hand erbrochen habe, lese ich etwas, woran ich seit langen Zeiten nicht gedacht habe, dessen Eintreffen ich vielleicht befürchtete, das ich aber vollständig vergessen hatte. Und solche Stunden haben dennoch wichtige Wendepunkte in meinem Leben ausgemacht.

Nachdem ich in einem Lokal am linken Seineufer gegessen habe, kehre ich auf demselben Weg zurück, den ich gekommen bin, und kehre im Café de la Régence ein, um im Vorübergehen einige finnische Zeitungen zu durchfliegen.

Ich finde das bekannte Café fast leer. Die Kellner stehen müßig da, und die Billards schweigen unter ihren Bezügen. Die gewöhnlichen Stammgäste sind natürlich zu Hause in ihren Familien. Denn ein jeder, der nur einen Freund oder Bekannten hat, sucht dessen Gesellschaft heute abend auf. Nur einige alte Herren sitzen hier, lesen Zeitungen und rauchen ihre Pfeifen. Vielleicht sind es Ausländer, vielleicht Menschen wie ich, die kein anderes Heim haben als das Café.

In einiger Entfernung von mir, am anderen Ende desselben Tisches, sitzt ein junger Mann. Er saß dort schon, als ich kam. Er hat seinen Kaffee getrunken und sieht aus, als erwarte er jemanden. Er ist unruhig und sieht von Zeit zu Zeit nach der Uhr. Die verabredete Stunde ist gewiß verstrichen. Er beruhigt sich aber doch und rollt sich eine Zigarette. Nach einer Weile sehe ich durch das Fenster eine Dame an einem Omnibus vorbei über die Straße eilen und hierher kommen. Jetzt bemerkt auch der junge Mann sie, und sieht auch erfreut aus und klingelt dem Kellner, um zu bezahlen. Die Dame schlüpft durch die Tür und geht gerade auf ihn zu. Sie reden einen Augenblick miteinander, sie erklärt ihm etwas, man versteht sich und geht Arm in Arm hinaus.

Stelle dir vor, daß du auch jemand hast, auf den du wartest. Denk dir, daß sie es ist, daß du gerade sie hier erwartest! Ohne sich umzusehen, müßte sie schnellen Schrittes am Boulevard entlang gehen und bei der Oper hierher abbiegen. Jetzt ist sie schon auf der anderen Seite dieses kleinen, offenen Platzes, Place du Théâtre-Français. Sie wartet, bis einige Wagen vorübergefahren sind, um über die Straße zu gelangen. Ich sehe sie nicht, sie ist dort hinter dem Springbrunnen. – – –

»Guten Abend, sitzest du hier ganz allein?« Und ein Landsmann, den ich hier in Paris einige Male getroffen habe, legt mir die Hand auf die Schulter.

»Ja, freilich. – Nun, wie geht es denn?« Seine Gesellschaft interessiert mich nicht, und er hat nichts Besonderes zu berichten. Er weiß auch nicht mehr als die Zeitungen, nämlich, daß es unheilverkündende Zeiten daheim sind, daß man im Begriff steht, uns unserer Freimarken und unserer Münzen Zu berauben. Das ist natürlich traurig, und wir schütteln beide den Kopf und seufzen. Sein Bericht erinnert mich auch daran, daß es daheim Fennomanen und Svekomanen gibt, die augenblicklich um die hohen Anstellungen kämpfen. Er ist Fennomane, und die Svekomanen intrigieren gegen ihn.

Wir haben keine weiteren gemeinsamen Berührungspunkte und ziehen uns jeder hinter seine Zeitung zurück.

»Da sehe nur einer!« sagt er plötzlich. »Daheim tun sie nichts weiter als sich verloben!«

Er reicht mir die Zeitung, auf deren vorderster Seite ich eine mit fetten Buchstaben gedruckte Anzeige erblicke:

Anna Hjelm,
Tovio Rautio
,
Verlobte.

»Ach ja! freilich!« höre ich eine Stimme sagen.

»Du warst ja mit der Hjelmschen Familie bekannt. Wer ist Tovio Rautio? Ist das einer von den ostbottnischen Rautios.«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Das Mädchen blieb ja schnell hängen. Ich kenne sie freilich nur von Ansehen. Eine verteufelt niedliche Kleine! Ich sah sie im Theater, und auf der Esplanade erregte sie Aufsehen, wenn sie dort mit ihrem Bruder ging.«

» Garçon!«

»Willst du schon gehen?«

»Ich habe mich mit einem Bekannten verabredet.«

Ich sehe eine lange Reihe von Gaslaternen in einer Straße und sehe, wie sie sich in weiter Ferne mit einer anderen Reihe vereinigt. Ich höre das Rollen von Rädern und das Getrampel von Pferdehufen. Vor einem Ladenfenster wird ein eiserner Vorhang rasselnd herabgelassen. Aber der ganzen Fassade eines Hauses glänzen in großen Messingbuchstaben die Worte: » Hôtel du Louvre«. Ein großes Gebäude zur Linken, ein dunkles, schwarzes, finsteres Bild. Eine erleuchtete Uhr an der Spitze einer Säule. Die Zeiger derselben berühren sich.

Jetzt sitzen sie daheim in Annas Zimmer, auf ihrem kleinen Sofa. Es brennt kein Licht dadrinnen. Nur durch die halbgeöffneten Türen dringt der schwache Schein der Lampe. Wenn sie jetzt herauskäme, so würde ihr Haar in Unordnung sein, ihre Wangen würden glühen – – –

Ich gehe und gehe, ohne daran zu denken, wohin ich gehe.

In der Mitte eines freien Platzes, am Rande eines Wasserbassins befindet sich eine Gruppe grünlich schimmernder, schlüpfriger Wassertiere mit Menschenköpfen und Füßen und einem Fischschwanz. Sie glänzen von Feuchtigkeit und scheinen mich beim Scheine des Lichtes höhnisch anzugrinsen.

Welchen Weg habe ich nur in aller Welt eingeschlagen! Dies ist eine Seinebrücke, und auf der anderen Seite erblicke ich die Fassade der Deputiertenkammer! Dies ist ja die Place de la Concorde! Und ich wohne in Montmartre.

»Heda!«

Ein Wagenrad streift meinen Rockärmel. Mit genauer Not biege ich aus. Der Kutscher murmelt einige wütende Worte in den Bart.

Wenn du nicht willst, so will ich auch nicht!

Und der Trotz, den ich an jenem Abend empfunden, als ich Abschied nahm, kommt wieder bei mir zum Ausbruch und steigert sich, je mehr ich mich Montmartre nähere. Schnellen Schrittes gehe ich über den Marktplatz und an den Häusern entlang, die dunkle Schatten auf meinen Weg werfen. Gott sei Dank, daß endlich Klarheit in die Sache gekommen ist! Ein Glück, daß endlich der letzte Faden abgeschnitten wurde! Jetzt leisten die allen Wurzeln keinen Widerstand mehr! Grabe den Stamm in einen neuen Boden ein! Und dann ramme ihn dort so fest, daß die ganze Umgebung dröhnt und die alte Rinde abfällt!

Wie lächerlich diese Verlobungsanzeigen in den Zeitungen doch sind! Es fehlte nur, daß die Verlobungsanzeige des Bruders daneben stünde, mit ebenso großen Buchstaben. Vielleicht stand sie wirklich da! Wie rührend, Bruder und Schwester! – – – Und die Hochzeit würde natürlich am selben Tage gefeiert!

Man hält es für überflüssig, mich von der Sache in Kenntnis zu setzen. Wozu auch so viele Umstände machen! »Er wird es ja aus den Zeitungen ersehen!«

– Die Mutter und der Bruder sind natürlich ganz bezaubert von dem Schwiegersohn und Schwager.

Ich bin die Rue Blanche hinaufgegangen, die sich zwischen unansehnlichen Gebäuden hinschlängelt. Ehe ich mich's versehe, fällt mein Blick plötzlich bei der Mündung der Straße in Montmartres Abschluß auf die »Moulin Rouge«. Sie erglänzt röter denn je. Ihre roten, mit kleinen elektrischen Lampen versehenen Flügel bewegen sich in langsamem Takt und locken den Wanderer schon aus der Ferne heran, In den Fenstern brennen rote Flammen, und auch die Tür zwischen den Füßen der Mühle ist rot.

Von allen Seiten strömen Menschen herbei. Einzelne Fußgänger und ganze Scharen eilen vom Boulevard und den angrenzenden Straßenmündungen auf die Mühle zu. Ein Wagen nach dem andern hält davor und fährt dann weiter, anderen Platz machend. Gleich einem stets brausenden Wirbel zieht die Mühle Menschen an und verschlingt sie in ihren Schlund. Sie gehen gewohnheitsgemäß, sicher, vergnügt und lachend dahin, Männer und Frauen, wie auf einem Bilde an der Kirchenwand – eine frohe Menschenschar, die den breiten Weg direkt in die Hölle hineintanzt.

Dahin muß ich auch, gerade da will ich meinen Weihnachtsabend verleben. Ich bin ja verrückt gewesen, daß ich nicht früher dahingegangen bin. Ein Narr, der bisher fast mit Strenge an diesem Zufluchtsort der Freude vorübergegangen ist. Gleich einem elenden, buckeligen Pietisten bin ich die schmale Wendeltreppe hinaufgeklettert, die in mein sechstes Stockwerk unterm Himmel führte. Weshalb? Zu welchem Zweck?

Ich bleibe vor der Tür stehen und betrachte die Vorübergehenden. Aus einem Wagen lugt ein Frauenkopf, ein Knie folgt, und nun berührt ein kleiner, seidener Schuh das Trottoir. Die Seide des Kleides knittert und auf dem Haarknoten sitzt ein koketter, kleiner Samthut.

» Oh, oh, comme c'est chic!« höre ich eine Stimme aus dem weiter fort stehenden Haufen rufen.

Ich zögere unschlüssig. Was habe ich dort eigentlich zu suchen? Aber ein Schutzmann fordert mich auf, entweder hineinzugehen oder mich zu entfernen. Als die Tür sich öffnet, höre ich abgerissene Töne im Tanztakt, und sie ziehen mich halb wider meinen Willen hinein.

Ich stehe auf der obersten Stufe der breiten Treppe, die in den Tanzsaal hinabführt. Längst vergessene Sagen aus »Tausend und einer Nacht« gleiten an meinen Sinnen vorüber, Sagen von unterirdischen Festen, von goldenen Schlössern und Kristallpalästen, die mitten im Berge liegen, zu denen niemand den Weg kennt, und deren Türen nur ein »Sesam« öffnet.

Aber mir wölbt sich eine Decke mit verwegenen Gemälden. Dicht nebeneinander hängen leise flatternde Flaggen und Wimpel. Ich sehe Felsenhöhlen und grüne Wälder und bemerke im Anfang nicht, daß die Wände zur Hälfte aus Gemälden, zur Hälfte aus Spiegeln bestehen. Ich weiß nicht, was Wirklichkeit und was nur Reflex ist. Ich sehe lange Säulenreihen und unzählige elektrische Lampen.

Die Volksmenge, die sich dort unten bunt durcheinanderdrängt, scheint ein weites, unübersehbares Feld zu füllen. Die Menschen werden immer kleiner und kleiner. Sie bewegen sich auf und nieder zu den Tönen der Musik, sich bald hier, bald dort nach den Takten des Walzers wiegend. Die glatten Zylinderhüte glänzen und schimmern, und hier und da drängt sich dem Auge ein Bild von weißen Kragen und Krawatten, von nackten Schultern und verführerischen Frauennacken auf, die nur einen Augenblick im Gesichtskreis verweilen, eine Schwingung machen und sich in der Menge verlieren. Die Musik ist melancholisch, und eine plötzliche Niedergeschlagenheit bemächtigt sich meiner. Mir ist, als wandle mich eine Ohnmacht an, ich fühle mich müde, meine Knie schwanken. Ich könnte beinahe weinen. Aber aus dem allgemeinen Lärm heraus dringen einzelne, gelle Freudenrufe, und schallendes Gelächter dringt bis zu mir herauf. Die Paare drehen sich im Kreise, eng aneinander gepreßt, Männer und Frauen, Brust an Brust, fast wie ein Wesen. Die Hüte sinken in den Nacken, die Absätze fliegen in die Luft, weiße Röcke flattern unter den dunklen, ein kleiner, seidener Schuh wird in einer Linie mit den Köpfen in die Höhe geschnellt, und ein roter Strumpf wird bis über das Knie sichtbar.

Die Luft ist heiß und aufregend. In schweren Zügen wälzt sie sich zu mir heran, mit Dünsten, Parfüms und Schweiß geschwängert – als entstiege ein Rauch aus dem Ofen der brennenden menschlichen Leidenschaften.

Ich gehe hinab und mische mich unter die Menge. Ich sehe Augen blitzen und fühle, wie raschelnde Seide, weiche Arme und runde Schultern mich im Vorbeidrängen berühren.

Ich wandere von der einen Seite des Saales nach der andern, stehe neben den tanzenden Gruppen und betrachte die geschmeidigen Bewegungen von Händen und Füßen, Taillen und Hälsen.

Und zum erstenmal in meinem Leben überkommt mich die Lust, mich voll und ganz ins Leben hineinzustürzen, in vollen Zügen alles zu genießen, was sich mir bietet. Ich will mich treiben lassen, ich will auf dieser verführerischen, schlüpfrigen Oberfläche dahin gleiten, will mich blenden und berauschen lassen. Und ich fürchte das Erwachen nicht wie früher. Mag mich die Welt in ihre Gewalt bekommen, mag dies Paris mich zu Tode drücken, wenn es mich nur erst streicheln, mich auf seinen Händen tragen will. Ich habe ja die Mittel, ich kann ja meine eigene Hochzeit und die Wonne meiner Flitterwochen bezahlen! Möge mich der Strom fortführen, mögen mich die Wasser des Gießbaches schaukeln, ich schwinge meinen Hut und rufe den Freunden, die gar nicht existieren, ein Lebewohl zu, nehme Abschied vom Vaterlande, von seinen lieblichen Ufern, seinen Erlen, Birken, Eschen und dunklen Hainen. Und ich will das Brausen des Gießbaches nicht hören, will nichts von dem drohenden Tod wissen!

Ich habe keine Lust, mein ganzes Leben zu vertrauern. Ich habe auch Ansprüche an das Leben! Ich will genießen, ehe mein Blut erkaltet und mich die Kühle des herannahenden Alters erstarrt. Heute abend will ich herzen und küssen, ich will einen Ersatz haben für jahrelange Qual. Diese Lust dringt allmählich in mein Blut ein. Gierig atme ich ihre Glut. Mein Blick wird kühn und sicher, ich schaue und forsche, ich wähle mir aus der Menge Gestalten und Gesichtszüge aus, die mir gefallen könnten. Die fachmännische Sicherheit aus meinen Jugendtagen kehrt wieder, und Neigungen, die sich lange nicht geäußert haben, erwachen aufs neue. Ich habe durchaus nicht die Absicht, mir an der Ersten, Besten genügen zu lassen. Ich verwerfe die eine schnell, zögere ein wenig bei einer anderen, finde eine Weile Gefallen an einer Dritten, gebe auch sie wieder auf. Die eine ist zu stark geschminkt, die andere zu bleich, die dritte hat einen gewöhnlichen Zug um den Mund, die Augen der vierten sind zu glanzlos. Ich will den feinsten Duft haben, den besten, der hier zu finden ist.

Eine Frau mit ernstem Aussehen ist wiederholt an mir vorübergestreift. Ihr Wuchs ist üppig und tadellos, ihre Züge sind rein und fein, beinahe edel. Sie sieht wohlwollend und freundlich aus. Sie ist nicht gepudert, und ihre Lippen haben eine natürliche Frische. Ihre Kleidung ist einfach und dunkel, und auf der Rosette des Samtmuffs ist ein blaues, unschuldiges Veilchen befestigt. Sie nimmt nicht teil am Tanze und scheint keine Bekannte zu haben. Einmal geht sie an mir vorüber und berührt mich gleichsam aus Unachtsamkeit mit dem Ellbogen. Sie verschwindet in der Menge, und ich betrachte abermals die Tanzenden. Als aber die Musik aufhört, und der Kreis sich auflöst, steht sie wieder hinter mir, und als ich an ihr vorübergehe, sieht sie mir gerade ins Gesicht, und ich merke, daß ihre Augen groß sind und schöner als alle, die ich bisher gesehen habe.

Sie geht wieder, jetzt aber folge ich ihr. Vielleicht ist sie keine von den gewohnheitsmäßigen Besucherinnen dieses Lokals, vielleicht hat sie nur ein Zufall hierher geführt. Und ich male mir ein Verhältnis mit einer feinen Pariserin aus, wie ich es oft in Romanen gelesen habe.

Ich verliere sie nicht aus den Augen, und als sie stehen bleibt, bleibe ich hinter ihr stehen.

Natürlich, nicht ohne jegliche Einleitung, wendet sie sich nach mir um und fragt:

»Sie tanzen nicht?«

»Nein, leider nicht.«

»Ich auch nicht. Wollen Sie mich nicht zu einer Erfrischung einladen?«

Sie nimmt meinen Arm, und wir setzen uns an einen kleinen Tisch nahe der Wand. Und ich frage, was sie trinken will.

Sie ist durstig und will nur ein Glas Bier haben.

Als der Kellner gegangen ist, um das Verlangte zu holen, entsteht eine Pause. Ich ziehe mein Zigarettenetui aus der Tasche und biete es ihr an. Sie nimmt eine Zigarette, will aber kein Feuer haben. Sie steckt sie in den Busen und sagt, daß sie lieber zu Hause rauchen mag.

»Sie besuchen mich doch natürlich heute?«

Als ich ihr das zusage, stößt sie mich mit dem Knie an und trinkt auf meine Gesundheit.

»Ah, wie durstig ich bin!« und sie leert das halbe Glas in einem Zuge.

»Sie sind wirklich zu gut. Ich habe Sie lieb!« sagte sie.

Sie trinkt ihr Glas aus und wir gehen. Die Musik spielt wieder eine melancholische, wiegende Walzermelodie. Als wir die breite Treppe hinaufsteigen, sehe ich, wie sich der dunkle Haufen da unten wieder in Bewegung setzt. Auf der anderen Seite des Saales erhebt sich die Estrade der Musikanten, ich sehe die Bewegungen der Violinisten und den Taktstock des Dirigenten.

Weshalb überkommt mich plötzlich wieder Verlangen, zu weinen?

Weshalb erscheint mir alles so herzzerreißend traurig? Und weshalb wünsche ich mich weit fort von hier?

Aber sie hat sich fest an meinen Arm geklammert, und sie läßt mich nicht einmal los, als sie den Regenschirm aus der Hand der Garderobiere entgegennimmt.

Draußen hat es inzwischen angefangen zu regnen. An der Tür spannt sie den Regenschirm auf, gibt ihn mir zu halten, nimmt mit der rechten Hand ihr Kleid auf und schiebt die linke unter meinen Arm.

Ein feiner Sprühregen fällt herab. Er hat bisher nirgends richtige Pfützen zu bilden vermocht, aber überall breitet sich eine feine Schmutzschicht aus, die bewirkt, daß man bei jedem Schritt nahe daran ist, auszugleiten. Die Gasflammen und die vorüberfallenden Wagenlaternen spiegeln sich in der feuchten Straße wie in einem stillen Kanal. Die Pferdehufe klappern wie auf einer mit Wasser bedeckten Eisbahn.

Wir wandern dahin unter demselben Regenschirm. Sie hat die Führung und zieht mich mit sich fort. Ich frage, ob sie weit von hier wohnt, aber sie versichert:

»Ganz in der Nähe, ganz in der Nähe.«

An einer Straßenecke will sie, daß ich sie küssen soll.

»Küsse mich, mein Freund!«

Ich stelle mich ein wenig ungeschickt dabei an, aber ihre Wange ist so weich und ihre Haut ist so fein, als meine Lippen sie berühren, und ich küsse sie noch einmal, ohne daß sie mich dazu auffordert.

Und als die Gasflammen plötzlich ihren Schein unter den Rand ihres Hutes werfen, so kommt es mir vor, wie sie so zu mir aufblickt, daß sie eine flüchtige Ähnlichkeit mit Anna hat. Dieselben Wangen, dasselbe Profil, dieselbe ringelnde Locke am Ohr.

Sie redet die ganze Zeit zu mir, sie singt leise eine Melodie vor sich hin, während sie mich mit sich zieht. Aber ich gehe nicht mehr mit ihr, ich gehe mit der anderen. Mit Anna bleibe ich vor einer Tür stehen, und es ist ihre behandschuhte Hand, die an dem Messingknopf der Türglocke zieht. Wir haben da oben im sechsten Stockwerk eine kleine Wohnung, einen kleinen Haushalt, zwei Zimmer und eine Küche, schwere Gardinen vor Türen und Fenstern, einen Alkoven und meinen Schreibtisch mit ihrem Lehnstuhl daneben. Und während ich warte, daß die Tür geöffnet wird, durchlebe ich einige kurze Augenblicke lang wie beim Scheine eines plötzlichen Blitzes die Verwirklichung meiner schönsten Hoffnungen, alle meine Illusionen und Träume, wie man sagt, daß ein Sterbender es tun soll, kurz ehe das Leben ihn flieht.

Als die Tür geöffnet wird, erwache ich. Sie schlüpft in den Korridor hinein und holt ein Licht vom Türhüter. Sie eilt vor mir die Treppe hinauf, und ich schüttele das Wasser von meinem Regenschirm ab.

Ihr Zimmer scheint fein möbliert zu sein. Ein bequemes, breites Sofa, große, weiche Lehnstühle, dicke, dichte Gardinen vor den Fenstern und dem Alkoven. Eine gewisse anheimelnde Beleuchtung durch den roten Lampenschirm.

Ich habe meinen Überrock abgelegt und mich in einem Lehnstuhl ausgestreckt. Sie ist geschäftig als Wirtin in ihrem kleinen Haushalt, macht Feuer im Kamin an, kniet davor und ordnet dann den Tisch, und jedesmal, wenn sie an mir vorüberkommt, streichelt sie mich. Sie hat ihr steifes, zugeschnürtes Kleid mit einem weiten Morgenrock vertauscht, vor dem Spiegel ihr Haar aufgelöst und es mit einem roten Bande umwunden. Jetzt glaube ich auch in der Figur und in der Haltung des Kopfes etwas Bekanntes wiederzufinden.

Ich rufe sie zu mir, sie fällt mir um den Hals, setzt sich mir auf die Knie, küßt mich auf die Stirn und hält meinen Kopf zwischen ihren Händen, als wisse sie, was ich entbehre, woran ich denke. Ich wundere mich, woher sie es versteht, gerade so zu sein, wie ich sie haben will.

»Ja, aber weshalb bist du so traurig?« fragte sie.

Sie ist nicht dumm. Welche Erfahrung sie haben muß! Wie sie die Welt und die Menschen kennen muß! Wie sie es gelernt haben muß, sie zu verachten, während sie auf diese Weise bald mit dem einen, bald mit dem andern lebte! Sie ist natürlich einmal verliebt gewesen, auch sie, wahnsinnig und unglücklich, sie ist vielleicht betrogen worden und hat nun ihrerseits andere mit Füßen getreten. Und was wird sie nicht noch alles erleben!

»Weshalb siehst du mich so eigentümlich an? Sage mir doch, weshalb?«

»Du bist so schön!«

Es ist auch keine Spur von Roheit oder Gemeinheit an ihr zu entdecken. Sie ist lieb und gut und freundlich und will mich nur festhalten. Sie versichert mich, daß sie sich auf den ersten Blick in mich verliebt habe. Es kann keine Rede davon sein, daß ich sie gleich wieder verlassen darf. Ich muß lange bei ihr bleiben, und ich muß oft hierher kommen, sie ist jeden Tag zu Hause. Ich kann kommen, wenn ich will. Und morgen komme ich doch zum Frühstück, nicht wahr?

Ich werde ihrer merkwürdigerweise nicht überdrüssig. Ohne den geringsten Widerwillen zu empfinden, lasse ich mich von ihr küssen und streicheln.

Ich betrachte sie, wie sie dort ruht. Und wieder gleicht sie Anna. Vielleicht erscheint mir das nur so, weil ich diese Ähnlichkeit suche, weil ich mich absichtlich betrügen, mich in diesen Gedanken einlullen will. Und während ich das tue, empfinde ich ein angenehmes Gefühl befriedigter Rache, und ohne Erbarmen suche ich sie gewaltsam an die Stelle der anderen zu zwingen. Es schmerzt, aber ich schwelge in diesem Schmerz!

So hatte ich sie mir auch vorgestellt, neben mir, so wollte ich die Finger in ihrem Haar spielen lassen, so wollte ich sie ganz in der Nähe betrachten, ihr Antlitz, jeden geringsten Zug, ihre Stirn, ihre Augenbrauen, die Nase, den Mund und den Hals. Und so sollte der Lampenschein in ihren dunklen, feuchten Augen schimmern.

Sie fragt abermals weshalb ich sie so sonderbar ansehe, und ich erwidere, daß sie einer Frau gleicht, die ich vor langen Zeilen einmal geliebt habe.

»War sie schön?«

»Nicht so schön wie du!«

»Liebtest du sie?«

»Ein wenig, aber das ist jetzt vorüber.«

»Liebte sie dich?«

Und ohne weiteres denke ich mir eine Geschichte aus, wie sie mir untreu gewesen, und wie ich sie in den Armen eines anderen angetroffen habe.

»Habt ihr euch duelliert?«

»Wir hatten uns duelliert, und ich hatte ihn an der Hand verwundet.

»Du rächtest dich! – – – Um meinetwillen hat man sich auch duelliert«, sagte sie im Vorübergehen und fragt dann, ob ich die andere noch liebe.

»Nein, jetzt liebe ich dich.«

»Ja, aber nur für eine Weile.«

»Ich glaube, ich könnte dich lange genug lieben, wenn du in Finnland wärest.«

Sie bittet mich, sie nach Finnland zu führen, sie ist dieses Leben überdrüssig, Cafés und Tanz sind ihr verhaßt. Sie sehnt sich fort, weit fort von Paris.

»Aber weshalb lebst du denn hier?«

»Weil ich muß!«

Und wir geben uns beide der Illusion hin, daß wir zusammen von hier fort in meine Heimat reisen werden. Wir wissen ja alle beide, daß nichts daraus werden kann, aber wir tun so, als glaubten wir es, und wir sind ganz entzückt, wenn wir uns diese Möglichkeit einbilden. Nichts bindet sie hier, sie hat keinen eigentlichen Freund. Und wir fahren über das Meer, gehen am Tage auf dem Deck auf und nieder oder sitzen im warmen Sonnenschein, und des Nachts schlafen wir in derselben Kajüte, in der allerbesten, die auf dem ganzen Schiffe ist. Wir sind wie Neuvermählte.

»Ah, wir spielen Neuvermählte!«

Und wenn wir nach Helsingfors kommen, sage ich, daß sie meine Gattin ist, und wenn wir auf den Boulevards spazieren gehen –«

»Gibt es dort in deiner Heimat auch Boulevards?«

»Ja, dort gibt es auch Boulevards – – –«

»Und alle wenden sich dann um und betrachten sie und fragen, wer diese Frau wohl sein mag, die so schön gekleidet ist, so fein und so ›schick‹?«

»Du glaubst, daß ich dort Aufsehen erregen würde?«

»Ganz bestimmt.«

»Führe mich dorthin, teurer Freund! laß uns zusammen reisen, – morgen!«

»Im Sommer ziehen wir aufs Land, wo wir eine Villa haben!«

»Ja, ja, ein kleines Haus auf dem Lande!«

»Und wir fischen und rudern und segeln.«

Sie hat auf der Seine gerudert, sie hat einen Ruderanzug, den will sie mitnehmen.

Und dann versetze ich sie überall dahin, wohin ich früher in einsamen Stunden und zu stiller, nächtlicher Weile oben auf meiner Bodenkammer in Gedanken Anna versetzt habe, wo sie festgewachsen ist, und von wo ich sie jetzt losreiße, indem ich mich bemühe, das zerbrechliche Gewebe aller meiner feinsten Stimmungen zu zerstören. Und ich freue mich darüber, ich genieße das Bewußtsein, daß ich es tun kann. Und wenn ich an meine Liebe zu Anna denke und an die Art und Weise, wie ich jetzt meine Gefühle behandle, empfinde ich Verachtung für meine Schwäche, und ich sage halblaut zu mir selber: »War es nichts weiter! Wahrlich, das verlohnte sich der Mühe!«

Aber dann fange ich an, müde zu werden, und will das Ganze verschlafen. Ich blase das Licht aus, fühle aber, daß ich noch nicht schlafen kann. Ich werde nervös, ihr Kopf beschwert meinen Arm, und ihr Atem sengt. Ich wollte, daß sie sich umwendete und nach der Wand hin atmete.

Während ich noch überlege, wie ich ihr den Vorschlag machen kann, ohne sie zu verletzen, kommt sie selber auf den Einfall. Da ich sie in Verdacht habe, daß sie vielleicht meiner ebenso überdrüssig ist, wie ich ihrer, peinigt mich das ganze Verhältnis, und wenn ich daran denke, worüber ich soeben gesprochen habe, überkommt mich ein Gefühl unwiderstehlichen Ekels, und ich ziehe mich weit von ihr zurück.

Sie fängt bald an, wie eine Schlafende zu atmen, und ich versuche ebenfalls einzuschlafen. Aber die fremde Umgebung, das nächtliche Treiben auf der Straße und das Rasseln der Räder hindern mich daran.

Ich vernehme Stimmen und Schritte auf der Treppe, Unterhaltungen zwischen Männern und Frauen im Nebenzimmer und unterdrücktes Lachen. Am störendsten aber ist mir ihre Nähe. Ich fürchte, daß sie erwachen kann, daß sie anfangen wird, mich zu liebkosen, und ich stelle mich daher schlafend, sobald ich höre, daß sie sich bewegt.

Schließlich versinke ich in einen Halbschlaf. Und kaum ist das geschehen, als mich ein Alpdruck befällt. Ich träume, daß ich sie belausche, die dort liegt. Ich glaube, daß sie wacht und nur darauf wartet, daß ich einschlafen soll. Sie lauert auf einen günstigen Augenblick, um nach dem Stuhl zu schleichen, wo all mein Geld liegt. Aber es ist nicht meine neue Freundin, die ich belausche, sondern es ist Anna, oder vielmehr eine Mischung von ihnen beiden. Sie will mir mein Geld stehlen.

Ich will mich zwingen, aufzuwachen, vermag es aber nicht, sondern schlummere ein. Ich fürchte mich, daß sie vielleicht inzwischen aufgestanden sein kann. Ich erwache, indem ich mich mit einem wunderlichen Stöhnen aufrichte.

»Was hast du nur? Laß mich schlafen! Ich will schlafen!«

Ich wage nicht wieder einzuschlafen, ich will unter keiner Bedingung diesen Traum noch einmal träumen.

Und lange Stunden liege ich wach, höre die Uhr auf dem Marmorkamin ticken und die halben und ganzen Stunden schlagen. Das ganze Elend dieses Lebens. Die ganze Schwermut dieser meiner Verlassenheit bedrückt und peinigt mich. Und es scheint mir, als wäre es nicht allein mein eigenes Unglück, sondern auch das der ganzen Welt, das in dieser Stunde durch mich seinen Klageruf ausstoßen will über dieselbe Zerrissenheit und Unbill, unter der ich leide. Wie schmutzig, häßlich und lügenhaft dies alles ist. Und ich hatte einen Augenblick glauben können, daß mir dies Trost und Vergessenheit bringen würde.

Und noch immer sehe ich Anna vor mir. Ich sehe sie jetzt, diese Nacht, in ihrem Heim, den friedlichen Schlaf ihrer Unschuld in dem jungfräulich geschmückten Zimmer schlafend, in das der reine, bleiche Mondschein fällt; an den Fenstern glitzern frostige Eisbilder, und draußen breitet sich eine mondbeleuchtete Schneelandschaft aus. Nie, nie! Es ist für alle Ewigkeit vorbei, für alle Ewigkeit verloren!

Bald aber fängt sie an, im Schlaf zu stöhnen. Sie weint, schluchzt, seufzt und windet sich, als sei auch sie von einem bösen Geist besessen. Wer weiß, wovon sie träumt, was sie leidet, und ob nicht ihre Träume weit schrecklicher sind als die meinen. Und ich empfinde ein grenzenloses Mitleid mit ihr, ich stelle mir unser gemeinsames Unglück vor, wecke sie und schließe sie in meine Arme mit der Zärtlichkeit und dem Feuer der Hoffnungslosigkeit. Halb im Schlaf schmiegt sie sich an mich:

»Ich liebe dich, – ich liebe dich, – ich habe eine so entsetzliche Angst, – küsse mich! küsse mich!« –

Und abermals vergesse ich die Vergangenheit, ich will nicht daran denken, ich muß mich davon frei machen. – – –

Das Licht brennt ruhig und leuchtet gleichmäßig. Ich habe ein Glas Bier getrunken und eine Zigarre geraucht. Auf dem Rücken liegend und im Wachen phantasierend, Körper und Seele in einem von Erschlaffung erzeugten harmonischen Gleichgewicht, denke ich fast mit Verwunderung an meine Liebe zu Anna und an alle die, wie es mir scheint, kindischen Stimmungen, die ich um ihretwillen in der letzten Zeit durchlebt habe. Plötzlich kommt es mir vor, als sei sie nur das kleine Mädchen aus meiner Studentenzeit, dem ich auf dem Wege zur Schule begegnete und das mir nichts anderes war als ein bekannter Vogel, den ich von den anderen nur deswegen unterschied, weil er mir so oft über den Weg flog. Ich frage mich, was eigentlich all dieser Zwang, all diese Pein gewesen ist, die ich mir ihretwegen auferlegt habe. Habe ich wirklich so kindisch, so unentwickelt sein können? Wie habe ich mir nur plötzlich die Möglichkeit einer feinen, idealen Liebe, einer Familie, eines Heims, eines ehelichen Glückes vorstellen können, alles das, woran ich seit Jahren nicht mehr geglaubt hatte? Woher ist mir so plötzlich dieser Rückfall in die alte Krankheit gekommen? Die Welt ist realistisch und roh, man muß sie hart anfassen, sie gleicht einer Brennessel, welche die Hand verbrennt, die sie mild und liebkosend berührt.

Der Tag beginnt zu grauen. Sie hat schon lange wieder geschlafen, und diesmal ruhig. Der Schein des Lichts wird gelb und bleich, und der Tag dringt durch die Gardinen. Gestern abend schienen sie mir von dichter, schwerer Seide zu sein, jetzt sind sie an vielen Stellen zerfetzt und abgescheuert. Ich stehe auf und ziehe sie zurück. Der Bezug des Sofas ist verschossen, der Teppich und die Tischdecke sehen alt und verschlissen aus. Mit der ganzen unbarmherzigen Kraft der Wirklichkeit fällt das Sonnenlicht auf sie. Sie liegt ruhig da, der Kopf ist vom Kopfkissen herabgesunken. Sie verträgt das helle Tageslicht ebensowenig wie ihr Zimmer. Die künstlichen Locken, die ihr in die Stirn herabhängen, sind ausgefallen und stehen ab wie Disteln. Die Stirn ist mit Runzeln bedeckt, sie ist schwarz unter den Augen und hat einen schlaffen Zug um den Mund.

Ich selber sehe nicht viel besser aus, als ich mich im Spiegel beschaue. Die Züge sind schlaff, die Augen matt, das Haar ist zerzaust; der Bart steht ab wie Stoppeln, das Manschettenhemd ist zerdrückt.

Die Säume meines Beinkleides sind noch naß von gestern, der Zylinder ist an vielen Stellen gegen den Faden gestrichen, und der Kragen ist schmutzig.

Als sie hört, daß ich im Zimmer umhergehe, erwacht sie plötzlich.

»Gehst du schon?« fragt sie.

Sie scheint aus irgendeinem Grunde besorgt zu sein, unruhig folgt sie meinen Bewegungen mit den Blicken. Und als ich meinen Überrock bereits anhabe und meinen Hut bürste, kann sie es nicht unterlassen, zu fragen:

»Du gehst doch nicht, ohne mir eine Kleinigkeit zu schenken?«

Als sie die Goldmünze auf dem Kamin klirren hört, steht sie auf, sucht ihre Pantoffel, hüllt sich in den Morgenrock und begleitet mich hinaus. An der Tür will sie mich küssen, aber ich verhindere es, und ihr scheint nicht sonderlich daran gelegen zu sein. Wir haben genug voneinander bekommen.

Als ich die Treppen hinabgehe, auf denen man überall Decken klopft, sehe ich vor einer Tür zwei Paar Schuhe, ein größeres und ein kleineres, beide lehmig und zum Putzen hinausgestellt.

Draußen schlägt mir ein kalter, heller Weihnachtsmorgen entgegen. Aus einer nahegelegenen Kirche ertönt Glockengeläute.

Meine Pförtnerin, die mir auf der Treppe begegnet, wünscht mir fröhliche Weihnachten.

Von dem Fenster in meinem Zimmer sehe ich ganz Paris im Morgenlicht daliegen und die Dächer und die Kuppeln der Kirchen schimmern. Mechanisch wasche ich mich, ziehe reine Wäsche an und lege mich nochmals schlafen.

Und während ich dort liege und zu der Decke hinaufstarre, habe ich noch immer die eiskalte Stimmung, die mich dort bei jenem Frauenzimmer erfaßte. Eine angenehme Mattigkeit überkommt mich, behaglich recke ich meine Glieder, die ganz geschmeidig und angenehm schlaff sind. Das Blut fließt mir so ruhig in den Adern, die mir von allem Bodensatz gereinigt und befreit scheinen.

»Ha!« sage ich, als ich an Anna denke. »Das war es also! Tiefer gingen also die Wurzeln nicht!« Ich sage das laut, ich will hören, wie es klingt. Und meine Stimme widerspricht mir nicht. Beruhige dich nur! So ist das Leben! Nimm es so hin, wie es sich dir bietet!

Und in den reinen, zum Fest frisch aufgelegten Betttüchern ruhend, male ich mir kalt, ruhig und ironisch überlegen ein klares Bild meiner Zukunft aus. Es ist eine farblose Zeichnung, mit trockenen Linien, wie mit einem Lineal gezogen, – genau so wie meine augenblickliche Stimmung.

Es ist das Zimmer eines alten Junggesellen. In der Mitte steht ein Arbeitstisch mit Papieren in bester Ordnung und ein Bücherbord mit Büchern. Ein Ledersofa und in der einen Ecke ein abgenutztes Rückenkissen für die Ruhe des alten Junggesellen. Eine eiserne Bettstelle. Tabaksqualm im Zimmer. Sorgfältig gebürstete Kleider. Am Tage in der Schule. Zu Hause ein bequemer Schlafrock und Pantoffel. Eine alte Madame, die den Haushalt führt. Die meisten Abende im Wirtshaus, wo man eifrig die Tagesfragen diskutiert und anfängt, sich dem Konservatismus zuzuwenden. Das ist doch schließlich das sicherste. Auf einen bestimmten Glockenschlag nach Hause. Man liest in einem Buch, ehe man sich legt. An der Wand über dem Bett hängt ein getrockneter Lorbeerkranz, eine Erinnerung an die Doktorpromotion. Aber ohne das Bild in der Mitte. Im Sommer auf einer einsamen Insel, um zu fischen.

Ja, das ist alles! Und darüber hinaus geht keine einzige Illusion oder eine Hoffnung, die auf eine solche begründet ist. Der Himmel meines Lebens bleibt klar und kalt. Ich selber erstarre und erschlaffe. Eine völlige Leere umgibt mich, das Totengeläute der öden Einsamkeit klingt mir in die Ohren. Und ich halte mich jetzt für gewaffnet, das hinzuzunehmen, was das Leben mir bietet. Und ich wende mich nach der Wand, um zu schlafen.

Und da scheint es mir, als hafte in meinen Betttüchern ein Duft von heute morgen, von ihrem Haar, ihrer Haut, ihrem Zimmer. Sie will mich an sich ziehen, will mich küssen und liebkosen.

Und wie mit einem Schlage ist die Stimmung, die mich eben noch erfüllte, und die Betrachtungen, die sie im Gefolge hatte, verschwunden. Ein nagender Ekel bringt mein ganzes Gemüt in Aufruhr, und ein Schauer durchbebt mich von Kopf zu Fuß.

Ich liebe sie wieder, Anna, hoffnungsloser, sinnloser denn je zuvor. Aus der Tiefe meines ganzes Wesens rufe ich sie an, jetzt, in diesem Augenblick zu mir zu kommen, dort zur Tür hereinzukommen, sich mir ans Herz zu werfen, mich durch ihre Küsse zu reinigen, mich mit ihren Liebkosungen zu einem neuen Menschen zu machen. Ich wollte ihr diesen ganzen, häßlichen, widerlichen Traum erzählen. Sie würde mir vergeben, und ich würde von neuem anfangen zu leben.

Aber sie kommt nicht. Die Schritte auf der Treppe sind nicht die ihren. Es ist jemand so wie ich, er bleibt vor seiner Tür stehen und dreht den Schlüssel im Schloß herum.

Weshalb läßt sie mir keine Ruhe, nicht einmal in meinem Grabe? Weshalb kann ich sie nicht los werden, sie nicht vergessen, sie nicht beiseite schieben, wie so manche andere betrogene Hoffnung? Weshalb nicht in meinen Genüssen und dem Egoismus meiner Einsamkeit um Scheidung von ihr einkommen? Weshalb kann ich nicht in meiner eigenen Gleichgültigkeit erstarren?

Aber vergebens frage ich. Ich fühle, daß ich es nicht kann, nicht imstande dazu bin. Vielleicht wird sie auf eine kurze Weile aus meinem Sinn verschwinden, vielleicht für einen Abend, für eine Nacht. Diese hoffnungslos nüchternen, diese unmöglichen Morgenstunden werden sich immer gleich bleiben. Sie werden stets wiederkehren, diese selben Gefühle, dieses selbe schmerzliche Entbehren, dieser zehrende, nagende Lebensüberdruß. Ich mag leben, wo ich will, ich mag Trost suchen, worin ich will. Stets werde ich die Hand nach ihr ausstrecken, obwohl ich sie niemals finden werde. Ich mag versuchen, ihr Bild zu begraben, ihre Züge zu verschleiern, – stets wird das Wasserzeichen mit ihrem reinen Profil und der ringelnden Locke am Ohr hindurchscheinen.

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