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Einsam

Juhani Aho: Einsam - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorJuhani Aho
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleEinsam
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080505
projectid23680b2e
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II.

Ich habe sie gekannt, als sie noch ganz klein war. Das erstemal sehe ich sie, als mich der Bruder in die Familie einführt und mich als seinen besten Freund vorstellt. Die Mutter ist eine stille, freundliche Witwe, von mildem, sanftem Aussehen und mit ergrauendem Haar. Sie scheint nur für ihre Kinder zu leben.

Man bringt Kaffee, und den Brotkorb trägt ein kleines, helläugiges Mädchen, das mir offen in die Augen sieht und sich nicht im geringsten bemüht, seine Lachlust zu bezwingen. Ihre Verneigung besteht aus einem kurzen, ruckweisen Knicks, gleichsam aus Zwang gemacht und aus Gnade geschenkt, der aber seine bestimmte Zeit hat, ebenso wie die kurzen Kleider. Zwei schwarze Flechten reichen ihr bis in die Taille hinab. Du wirst sicher viele Herzen brechen, wenn du nur erst erwachsen bist, denke ich im Vorübergehen.

Wir werden gute Bekannte. Ich besuche die Familie oft, und die Kleine geht um dieselbe Zeit zur Schule, wie ich auf die Universität gehe. Entweder hole ich sie ein, oder ich mäßige meine Schritte, wenn ich sie um die Straßenecke biegen sehe. Oft, wenn ich sie nicht bemerkt habe, bekomme ich einen Schneeball in den Rücken. Und wenn ich mich dann nach ihr umwende, ballt sie schon lachend einen zweiten in ihren rotgefrorenen Händen zusammen. Sie ist so morgenfrisch, den Hut auf dem einen Ohr, während der Muff an einer Schnur an der Seite hängt wie eine Jagdtasche. Zuweilen geschieht es, daß ich ihr um acht Uhr begegne, wenn ich von einem Trinkgelage heimkehre, das die ganze Nacht gewährt hat. Sie ahnt nicht, woher ich komme, springt an mir vorüber und pufft mich im Vorbeigehen. Wenn ich dann nach Hause komme und mich entkleide, alles, was mir von der durchwachten Nacht anhängt, abwasche und mich auf mein unberührtes Bett lege, steht sie in Gedanken einen Augenblick vor mir, gleich einem kleinen, reinen Vogel, den man kennt und den man oft vor sich über den Weg huschen sieht.

Sie ist offenbar stolz auf ihren erwachsenen Kavalier, der sie oft gar bis an die Schultüre begleitet. Wenn sie mir begegnet, läßt sie es sich nicht nehmen, mir eine Verbeugung zu machen, und ich lüfte den Hut wie vor einer erwachsenen Dame. Und oft springt sie aus dem Mädchenschwarm auf der anderen Seite der Straße auf mich zu und gibt mir ihre Bücher zu tragen, um sich vor ihren Freundinnen mit ihrer Bekanntschaft zu brüsten. Wenn es ihr einfällt, kann sie wohl sagen: »Kommen Sie doch, bitte, bald einmal zu uns!« Natürlich steht mein Name in ihrem Stammbuch und daneben ein Gedicht, und ich glaube, daß ich zu jener Zeit ihr »Ideal« war.

Ich verlobe mich, und als ich mit meiner Braut die erste Visite mache, ist sie nicht zu bewegen, in den Salon zu kommen. Die Mutter will sie hereinholen, aber sie antwortet nur: »Nein, ich komme nicht!« und ritzt Bilder auf die betauten Fensterscheiben. Ich sehe das alles durch die Türspalte und höre die Mutter schelten: »Anna, besudele das Fenster doch nicht so!«

Meine Braut sitzt am Sofatisch und besieht Photographien. Ich empfinde eine augenblickliche Schwäche in meinen Gefühlen. Ihre Züge erscheinen mir, von vorn gesehen, so grob und alltäglich.

Am nächsten Tage erzählt mir der Bruder lachend, daß meine Braut, die Lehrerin an der höheren Töchterschule ist, in Annas Augen »häßlich« und »hochmütig« sei, und daß niemand in ihrer Klasse sie »ausstehen« könne. »Wie kann man auch nur einen solchen Geschmack haben!«

Auf mehrere Jahre verschwindet sie aus meinen Augen und Gedanken. Ich mache mein Examen, ziehe aufs Land und komme nur selten nach Helsingfors. Ich habe aus dieser Zeit kein anderes Bild von ihr als das eines heranwachsenden, gewöhnlichen Schulmädchens in den oberen Klassen der finnischen höheren Mädchenschule. Sie ist schüchterner als früher, und wenn der Bruder sie einmal mit irgendeiner »Flamme« neckt, so geht sie beleidigt fort und zeigt sich nicht mehr.

Vor einem Jahre sehe ich sie zum erstenmal in ihrer jetzigen Gestalt. Ich habe genug von den Verhältnissen und dem Leben auf dem Lande und in den kleinen Städten, wo ich seither Lehrer gewesen bin. Meine Verlobung ist längst aufgehoben, neue Verbindungen sind wieder abgebrochen. Es bietet sich mir eine Gelegenheit, ins Ausland zu reisen, und ich komme im Frühling nach Helsingfors, um Französisch zu lernen. Ich komme dorthin mit der inneren Leere, die in der Einsamkeit des Landes, in den entlegenen Winkeln der kleinen Städte, wo die Lebenskraft gleichsam eintrocknet, entsteht, und unter welcher der Geist schwindet und leidet. Alle Bande waren zerrissen, meine Eltern waren gestorben, und ich hatte keine Angehörigen, die mir nahe standen. Ich hatte gegen niemand Verpflichtungen, und ich konnte sorgenfrei leben, konnte noch einmal nach einem langen Zwischenraum das Leben in der großen Welt genießen, ehe ich mich ganz dem Alter übergab. Ich kam mit ungefähr denselben Gefühlen wie das erstemal als junger Student.

Ich gehe geradeswegs nach dem alten, bekannten Hause und schelle. Ein erwachsenes junges Mädchen öffnet die Tür. Ich habe noch das deutliche Gefühl, daß ihre Züge, ihre Augen, ihr langes Haar, ihr rundlicher Busen, ihr schlanker Wuchs, – daß dies alles sich in diesem einen Augenblick mit einem einzigen Schlage in meine Sinne einbrennt, wie in die Platte des Photographen.

Ich verliebe mich auf der Stelle in sie. Mit den zähen Gefühlen eines gereiften, erfahrenen Mannes klammere ich mich an ihr fest. Sie scheint mir alles das zu besitzen, was ich bisher vergebens gesucht habe. Nicht ein einziger kleiner Zug, nicht eine Bewegung, auch nicht ein Tonfall in ihrer Stimme, der mich stört oder verletzt. Wenn ich früher liebte, habe ich oft eine Erschlaffung in meinen Gefühlen empfunden, eine Art von Intervallen. Ich konnte Fehler an diesen anderen finden, konnte sie kühl beurteilen, und immer hatte ich eine Ahnung, daß meine Liebe verschwinden würde, – wie sie es auch tat. Und ich war mir stets klar darüber, weshalb ich diese andere liebte. Jetzt kann ich die Gründe nicht finden, ich kann meine Meinung nicht definieren. Sie ist nur so, wie sie ist. Sie hat sich beim ersten Atemzug in mein Blut geschlichen, hat sich durch jede Ader, jeden Nerv gedrängt wie ein junger Wein, der verjüngt und Kraft gibt.

»Ah! Guten Tag!« ruft sie und streckt erfreut ihre Hand aus.

Die Äußerung, daß sie ja schon eine erwachsene Dame ist und daß ich sie kaum wiedererkannt hätte, schwebt mir auf der Zunge. Aber ein gewisses Etwas hindert mich daran. Ein dunkles Bedürfnis, mich selbst zu überreden, daß der Altersunterschied doch nicht so groß ist. Höchstens fünfzehn Jahre, – was ich in aller Geschwindigkeit ausrechne, während ich hinter ihr in den Salon trete.

Sie läuft hinaus, um die Mutter zu rufen, wendet sich in der Tür um und sieht mich an. Diese Bewegungen und Wendungen geschehen gleichsam in mir, und mein Blut gerät bei einer jeden in Wallung.

Ich habe dieselben Empfindungen wie vor Jahren, als ich mich zum ersten Male verliebte. Meine Liebe ist ebenso gefühlvoll, und mein Benehmen ebenso kindlich. Ich suche sie wie durch Zufall überall zu treffen, wo ich nur kann, ersinne alle möglichen Vorwände, um die Familie zu besuchen, und des Abends, ehe ich schlafen gehe, wandle ich oft vor ihrem Fenster auf und nieder. Ich vernachlässige alle meine Beschäftigungen, kümmere mich nicht um meine Vorbereitungen zur Reise oder um die Erlernung der Sprache, um derentwillen ich eigentlich hierhergekommen bin. Die Stunden bei meiner Lehrerin sind ungefähr ebenso wie früher in der Schule. Ich bemühe mich, mit so wenig wie möglich durchzukommen.

Der Frühling kommt, die See geht auf, und ich müßte mit einem der ersten Dampfer nach Lübeck fahren. Ich schiebe die Reise bis auf weiteres auf. Im Süden ist es jetzt zu warm, Paris ist während der ersten Ausstellungswochen zu überfüllt und so weiter.

Hin und wieder machen wir Spaziergänge zu zweien, schauen vom Observatoriumsberg auf das Meer hinab, das blaut und glänzt, und auf den Hafen, in den die Boote hineingleiten, wo die Segel flattern, und der von den weißschimmernden Häusern am Strandmarkt eingefaßt ist. Wir sitzen des Vormittags vor der Kapelle, wo sich die Menschen in farbigen Sommerkleidern um den Springbrunnen drängen. Kleine Mädchen verkaufen frischgepflückte Blumen, und jedesmal, wenn wir dort sind, erlaubt sie, daß ich ihr einen blauen Veilchenstrauß überreiche. Sie steckt ihn an ihre Brust, atmet den süßen Duft ein und vergißt die Blumen im selben Augenblick. Aber ich bin glücklich und kann meine Augen nicht von den Veilchen wenden, die dort im Knopfloch an ihrem Busen ruhen.

Wüßte ich nur, ob sie mich liebt oder ob sie schon einen anderen hat. Und plötzlich überkommt mich eine Angst, auf so lange Zeit fortzureisen, irgendwohin dort hinter den Horizont jenseits der Berge und der fernen Meere!

»Manchmal habe ich gar keine Lust, Finnland zu verlassen«, sagte ich eines Tages.

Sie aber bemerkte nichts in meiner Stimme oder in meinen Blicken. Sie grüßte einen vorübergehenden langen, hübschen Studenten dort am Springbrunnen, befeuchtete ihre Lippen mit dem Glase und sagte ganz sorglos, indem sie die ganze Zeit den Studenten nicht aus den Augen läßt:

»Aber warum denn nur? Es muß doch schön sein, hinauszureisen und die weite Welt zu sehen – – –«

»Es ist auch wohl zu viel verlangt, daß sie sich jetzt schon in mich verliebt haben sollte«, tröstete ich mich. Aber der Gedanke, daß sie hierbleibt und vielleicht verlobt ist, wenn ich zurückkomme, quält mich mehr und mehr. Ich bin eifersüchtig auf alle, denn ich sehe, daß man bereits anfängt, aufmerksam auf sie zu werden. Oft wenden sich die Spaziergänger um und sehen ihr nach. Die Helsingforser Herrenwelt hat in ihr eine aufgehende Schönheit entdeckt. Sie selber hat das auch bemerkt. Zuweilen treibt die allzu deutliche Bewunderung der Vorübergehenden eine zarte Röte auf ihre Wangen. Ich beobachte sie von der Seite, folge jeder Bewegung, jedem Farbenwechsel in ihrem Antlitz. Ohne jegliche Veranlassung fängt sie plötzlich an, fröhlich und lebhaft zu plaudern, was gemacht erscheint und mir nicht recht gefallen will. Oder sie ist zerstreut und behandelt mich kurz, als wolle sie mich reizen.

Eine Woche lang trage ich mich mit dem festen Entschluß, ihr meine Gefühle zu offenbaren. Aber ich schiebe es von Tag zu Tag auf, und an einem der ersten Sonntage im Juni stehen sie im Begriff, aufs Land zu reisen.

Die Eisenbahnstation wimmelt von Schülern, sie ist mit ihrem Bruder vorangeeilt. Ich puffe mich mit der Mutter durch die Menge, ihnen nach, allerlei Handgepäck tragend, das mit ins Coupé soll. Es klingelt zum dritten Male, und ich habe noch immer keinen endgültigen Abschied nehmen können, bei dem ich durch meinen Blick und meinen Händedruck ihr meine Gefühle zu erkennen zu geben hoffe. Der Mutter sage ich in aller Eile Lebewohl, und gerührt wünscht sie mir glückliche Reise. Aber Anna steht bereits am Coupéfenster, umgeben von einem Schwarm zurückbleibender Freundinnen, die ich nicht beiseite schieben kann. Erst als der Zug sich in Bewegung setzt und ich trübselig seiner immer schneller werdenden Fahrt nachschaue, bemerkt sie mich, nickt mir munter und glücklich zu und zieht sich ins Coupé zurück.

Welch ein Sonntag in der heißen Stadt, die fast ausgestorben ist! Wie ich mich auf der Esplanade langweile, wo es von Burschen, Gardisten und Dienstmädchen wimmelt! Und wie mich das ewige Schmettern der russischen Hörner vor der Kapelle ermüdet! Dort ist das Gedränge so groß, daß man kaum hindurchkommen kann.

Ich streife am südlichen Hafen umher und komme nach Skatudden. Lange sitze ich dort, betrachte das Meer und die Segelboote auf dessen Oberfläche, was mich, ich weiß nicht weshalb, noch trauriger stimmt. Und als ein Dampfboot voller Lustreisenden mit seinen wehenden Flaggen ins Meer hinaussteuert, ist es mir unmöglich, länger dort zu sitzen – ich kehre in die Stadt zurück.

Ich komme auf den Einfall, mich nach ihrer Wohnung zu begeben. Unter dem Vorwande, daß ich einen Auftrag auszurichten habe, lasse ich mir die Schlüssel von dem Wirt geben. Die Fenster in den Zimmern sind alle mit Kreide geweißt, die Gemälde, die Spiegel und die Kronleuchter sind in weiße Schleier gehüllt. Am Riegel auf dem Vorsaal hängt ein vergessener Hut. Das Klavier ist geschlossen. Ich berühre es, und es gibt einen Ton von sich wie ein Schlafender, den man in seiner Ruhe stört. Klopfenden Herzens betrete ich ihr Zimmer. Das Bett ist leer, im Ofen liegt Papier und eine leere Pappschachtel. Auf dem Toilettentisch entdecke ich einen alten, zerrissenen Handschuh. Ich stecke ihn zu mir. Ich sage mir selbst, daß dies töricht und lächerlich ist. Die ganze Welt würde mich auslachen, wenn sie wüßte, daß ich jetzt hier bin. Aber das ist mir einerlei! Ich weiß nur, daß ich sie liebe – wahnsinnig, hoffnungslos.

Ich liege lange auf dem Sofa im Salon. Zuweilen fährt ein Wagen unten auf der Straße, und das ganze Haus erzittert. Dann ist alles still, ich höre nur das Summen der Fliegen.

Sie liebt mich nicht, ich bin ihr völlig gleichgültig. Sie dachte nicht einmal daran, mir Lebewohl zu sagen. Aber obwohl ich dessen so sicher bin, hoffe ich doch noch. Und ich versuche mich noch immer damit zu trösten, daß ich ihr nichts gesagt habe, und daß sie infolgedessen meine Gefühle nicht kennt. Wenn sie sie kennte? Ob ich ihr schreiben soll? Und während ich dort liege, fange ich an, mir einen Brief an sie auszudenken. Ich will ihr meine Gefühle darlegen, ich will sie mit meinen Worten erweichen, will sie in die Tiefe meines Herzens schauen lassen, und sie wird vielleicht weich werden, wird mir vielleicht eine schwache Hoffnung geben.

Nach drei Tagen habe ich den Brief fertig, aber ich kann mich nicht entschließen, ihn abzusenden, ich wage es nicht, alles aufs Spiel zu setzen. Und so schreibe ich denn statt dessen an ihren Bruder und teile ihm mit, daß ich mich entschlossen habe, erst im Herbst ins Ausland zu reisen. Wie ich erwartet habe, ladet er mich zu sich aufs Land ein.

Mich in die bequeme Sofaecke eines Coupés zweiter Klasse zurücklehnend, betrachte ich durch das offene Fenster die grünen Fluren, die frischbelaubten Birken, die pflügenden Landleute auf dem Felde und die Eisenbahnstationen, die gleichsam zum sommerlichen Fest aufgeputzt find. Einige sind frisch angestrichen und ausgebessert, und im Vorüberfahren schlägt mir ein Geruch von frischer Ölfarbe und Asphalt entgegen. Wenn der Zug hält, erschallt aus dem Walde das Gezwitscher der Buchfinken, und in der Ferne ruft der Kuckuck.

Alle Trostlosigkeit und Verzweiflung ist dahin. Ich bin ganz sicher, daß sie mich lieben wird. Ich fühle in mir selber eine Kraft, der sie nicht wird widerstehen können. »Mit der Kraft meines Geistes«, wiederhole ich mir in Gedanken. Und dann kann ich mich gleichzeitig wieder einigermaßen ruhig in den Gedanken finden, daß sie mich nicht liebt. Die hierdurch entstandene Sicherheit vermehrt meine Zuversicht und stärkt meine Hoffnung. Vor allen Dingen muß ich kühl sein und gegen meine allzu große Reizbarkeit ankämpfen. Ich habe mir einen neuen Sommeranzug machen lassen, in dem meine kurze, untersetzte Gestalt ein wenig proportionierter erscheint.

Aber trotz alledem zittere ich nervös, als ich mich am Nachmittage der ersehnten Station nähere. Als der Zug pfeifend seine Ankunft meldet, zucke ich zusammen. Ich habe telegraphiert, und sie sind alle drei auf dem Bahnhof, um mich abzuholen.

Ich bin ein wenig unbeholfen mit meiner Reisetasche in der Hand. Der Bruder erkundigt sich nach Neuigkeiten aus Paris und ich kann nur verlegen lachen.

Anna ist noch schöner als sonst in ihrer leichten Sommerkleidung. Sie ist barhäuptig, hat aber einen Sonnenschirm, um sich gegen die Sonne zu schützen. Sie und der Bruder gehen voraus, ich komme mit der Mutter hinterdrein. Ich hoffe, daß sie am Kreuzweg auf uns warten werden, aber sie öffnet nur das Heck, das zu dem Wege über die Eisenbahnschienen führt, läßt es offen stehen und sieht sich nicht einmal nach uns um.

»Wir wohnen hier ganz einsam, beinahe wie in einer Wüste«, sagt die Mutter. »Es ist uns sehr angenehm, daß Sie kommen. Wir haben uns alle sehr gefreut, als wir Ihr Telegramm erhielten.«

Daß sie sich alle gefreut halten, versetzte mich in gute Laune. Bei dem nächsten Heck wendet Anna sich um und ruft der Mutter eine Frage über die Schlüssel zum Teekasten zu:

»Sie liegen auf dem Tisch im Anrichtezimmer!« muß ich im Namen der Mutter zurückrufen.

Und dies tröstet mich vollkommen. Daß sie vorausging, war also keine Äußerung ihrer Stimmung, wie ich gefürchtet hatte. Sie geht nur voraus, um den Teetisch zu ordnen.

Wir sitzen lange beim Abendbrot. Sie geht geschäftig als Wirtin umher und setzt sich erst, als sie ihren Tee trinken will, auf den Platz mir gerade gegenüber. Die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und die Wangen in den Händen, hört sie mich an, obwohl ich jedesmal, wenn sie sich bewegt, glaube, daß sie gehen will. Ich spreche, bin guter Laune und schildere treffend, wie ich selber meine, Helsingfors im Sommer, mein Leben auf dem Lande und die lächerlichen Zustände in den kleinen Städten. Es gelingt mir, sie in dieselbe Stimmung zu versetzen, sie faßt jede feine Nuance auf, und es will mir scheinen, als betrachte sie mich mit einem eigentümlich neugierigen Glanz in ihrem Blick.

»Ja, er kann erzählen«, sagt sie. »Es wird amüsant, seine Berichte zu hören, wenn er aus dem Ausland zurückkommt.«

Wie ich dich grenzenlos liebe! Wenn ich von dort heimkehre, so bereite ich dir ein kleines, schönes Nest. Wie zufrieden und glücklich du sein wirst! Und du kannst es nicht unterlassen, mich wiederzugeben! Von keinem anderen und nirgends kannst du es besser bekommen. Ich bezaubere dich mit der Wärme der Umgebungen, mit der ganzen Zärtlichkeit meiner eigenen Natur, alles soll so behaglich für dich werden, du sollst dich so wohl bei mir fühlen!

Und ich wollte sie nicht berühren, wollte sie nur auf die Stirn küssen. Das Gefühl, mit dem ich sie liebe, ist der reinste Idealismus – so scheint es mir.

Und während ich in der hellen Sommernacht oben in der Bodenkammer, die mir angewiesen ist, wache, überzeuge ich mich mehr und mehr davon, daß dies feine Gefühl, diese fast geistige Liebe mir ein Recht verleiht, sie zu besitzen. Ich, der ich an nichts glaube, bin in dieser Beziehung abergläubisch. Und ich nehme mir vor, ihrer würdig zu werden, indem ich ihr von diesem Tage an treu bin, im Auslande, in Paris, überall. Nach diesem Entschluß fühle ich mich wie ein unschuldiger Jüngling, und es kommt mir vor, als könne ich mit gutem Gewissen versichern, daß ich es bin. Ein reines Leben zu führen, ist mir fortan eine sittliche Pflicht, obwohl ich früher stets die Achseln zu zucken pflegte, wenn man über dergleichen sprach.

Im Laufe des Sommers wiege ich mich in den Traum ein, daß sie wirklich schon die Meine ist, daß sie mich liebt, und daß wir nur nicht miteinander darüber sprechen, wiewohl wir es beide wissen. Ich begreife nicht, daß dies einzig und allein die Folge unserer Umgebung ist. Der Bruder ist ein wenig träge und liegt am liebsten in der Hängematte und liest Romane. Die Mutter hat immer irgend etwas in der Wirtschaft zu tun. Und auf diese Weise werde ich Annas einziger Verkehr, mit dem sie in Ermangelung von etwas Besserem fürlieb nehmen muß.

Den ganzen Sommer bleibe ich bei ihnen. Ich denke nicht mehr an meine Reise, ich denke an nichts mehr als an die Gegenwart, in der ich jetzt lebe und in der ich alles habe, was ich wünsche.

Welche glücklichen Tage! Welch ein in die Wirklichkeit übertragener Traum! Jeden Abend durchlebe ich in der Einsamkeit meines Zimmers noch einmal alles das, was sich am Tage zugetragen hat. Es ist in den Hauptzügen jeden Tag dasselbe, nur mit geringer Abwechslung.

Am Morgen eile ich von meiner Bodenkammer hinab. Gewöhnlich schlafen alle die andern noch; wenn ich die Treppe hinunter und über den Vorsaal gehe, komme ich an ihrer Tür vorüber und lausche. Von da drinnen dringt kein Laut an mein Ohr. Ich öffne die Haustür, und der helle Sonnenschein strömt mir entgegen. Die Veranda ist noch ganz feucht dort, wo sie im Schatten liegt, und auf dem Rasenplatz glitzert der Tau. Ich setze mich in eine Ecke mit dem Rücken nach der Sonne zu, die noch nicht brennt, sondern nur wärmt. Ich habe ein Buch, aber ich lese nicht darin. Da ist das Fenster ihres Zimmers. Nur eine Gardine ist davor gezogen. Ich erblicke einen Stuhl und auf der Rücklehne ihre Kleidertaille. Ich will nicht dahin sehen, aber ich sehe es doch. Die Gardine verhüllt ihr Bett. Aber es ist mir, als könne ich sie schlafen sehen, die eine Hand unter dem Kopf, und die andere schlaff über den Rand des Bettes herabhängend, so daß die Finger fast den Bettvorleger berühren.

Ich gehe an den Strand hinab. Der ganze weite Fjord ist noch spiegelblank. Die Bretter der Brücke schwanken unter meinen Tritten. Ein Fischschwarm huscht dicht an den Rand des steil abfallenden Ufers, kehrt aber bald neugierig wieder zurück. Das Segelboot, das ich in Ordnung gebracht habe, hat sich seit gestern nicht gerührt. Im Boot liegen Angelruten und Zugnetze bereit. Auf der andern Seite der Landzunge ist die Eisenbahnstation. Das weiße Boot des Bahnhofsinspektors glänzt im Sonnenschein am Strande. Ein Güterzug steht dort und wartet. Er hat wohl eine Stunde dort gestanden. Die Rauchsäule aus dem Schornstein der Lokomotive steigt ruhig und langsam in die Höhe. Es gibt nichts Eiliges hier in der Einsamkeit. Endlich ertönt dahinten ein schriller Pfiff, der von den Ufern widerhallt, und der Zug setzt sich keuchend in Bewegung. Als ich wieder nach dem Hause zurückkehre, höre ich noch lange das in der Ferne verklingende Gerassel der Räder.

Sie ist noch nicht aufgestanden. Ich sitze wenigstens noch eine Stunde an meinem früheren Platz in der Ecke der Veranda. Ich tue so, als läse ich, aber ich weiß nicht, was ich lese: Möge sie nur ruhig schlafen, ich habe keine Eile, sie ist dennoch die Meine, den ganzen langen Tag, heute wie gestern.

Endlich vernehme ich leise Schritte aus ihrem Zimmer. Im Fenster wird etwas Weißes sichtbar, das sich hastig zurückzieht. Ein entblößter Arm streckt sich nach der Kleidertaille aus, die über der Stuhllehne hängt, und die Gardine fällt wieder herab.

Ich durchlebe eine schwere, lange, zagende halbe Stunde, die mich eine Ewigkeit dünkt. Vielleicht glaubt sie, daß ich mich hierher gesetzt habe, um zu sehen – ich beruhige mich erst, als ich sie leise eine Melodie summen und dann mit heller Stimme singen höre. Ich stehe auf und gehe auf der Veranda auf und nieder. Ihre Tür öffnet sich, und sie kommt heraus, munter wie ein Vogel. Die Wangen sind gerötet wie bei einem kleinen Kinde, das gerade aus der Wiege genommen ist.

»Guten Morgen!«

»Guten Morgen!«

Sie stellt die Kaffeekanne auf den Tisch in der Veranda: wir lassen uns nicht Zeit, auf die andern zu warten, sondern trinken unsern Kaffee zu zweien. Sie ist meine kleine, junge Frau, wir haben unseren eigenen kleinen Haushalt, wir leben hier, weit abgeschieden von allen anderen, zufrieden und glücklich. Wie gern möchte ich darüber sprechen, wie gern eine kleine Anspielung von dem machen, was meine Gedanken erfüllt: aber ich fürchte, daß der geringste Laut, das entfernteste Geräusch das scheue Reh von meiner Seite jagen wird. In Gegenwart anderer spreche ich ganz ruhig über Liebe und Gefühle. Sobald wir unter vier Augen sind, berühren wir nur alltägliche Dinge.

Wir beraten das Programm des Tages.

Zuerst muß das Netz, das wir gestern abend gestellt haben, nachgesehen werden. Ich schiebe das Boot hinaus, und sie hilft mit den Rudern nach. Sie will rudern, und ich setze mich ans Steuer. Wir gleiten in dem stillen Morgen durch das Rohr dahin, und das Plätschern der Ruder ist deutlich vernehmbar. Das Wasser glitzert auf den Ruderblättern und tröpfelt auf die klare Wasserfläche nieder, sobald sie mit dem Rudern innehält und etwas sagt. Wir sprechen über die Fischerei und wo wir morgen unsere Netze auswerfen wollen. Wir haben bald den Fischgrund und die Laichplätze ausgekundschaftet. Wir werfen die Netze gegenseitig auf unser Glück aus. Sie ist ganz entzückt und jubelt vor Freude, als sie sieht, daß die Netzleine stramm ist – ein Zeichen, daß ich einen großen Fisch herausziehe. Und sie gibt sich den Schein, als sei sie ganz ärgerlich, als der Fisch gerade in dem Augenblick, da ich ihn in das Boot ziehen will, sich loszappelt und in die Tiefe hinabtaucht. Sie schilt mich und sagt, ich sei so ein, – so ein – – aber ich bin glücklich darüber. Sie kommt mir dadurch gleichsam näher, wird vertrauter mit mir. – Und wie geschäftig sie ist, wenn das Netz ausgebreitet wird und sie sich das Recht vorbehält, den Fang herauszunehmen und die in Unordnung geratenen Maschen des Netzes zu entwirren! Ich darf ihr nicht helfen, sie will es alles selber tun, und sie ist so eifrig dabei, mit den bis an die Ellenbogen zurückgestreiften Ärmeln, den aufgeschürzten Röcken. Sie ist so geschäftig, daß sie sich nicht einmal Zeit läßt, das Haar aus der Stirn zu streichen, sondern es mit den Armen hinter das Ohr schiebt. Ich stehe ein wenig entfernt von ihr, rauche eine Zigarette und sage beinahe jedesmal: »Nein, wir sind doch ohne Zweifel die tüchtigsten Fischer auf der Welt«, – was eine stehende Redensart geworden ist.

Des Nachmittags segeln wir häufig. Im Anfang fuhr der Bruder mit, aber er machte sich nicht lange etwas daraus. Trotzdem fragt Anna gewöhnlich der Form halber:

»Willst du heute ein wenig mit uns segeln?«

»Ich habe keine Zeit!«

»Du hast keine Zeit? Darf ich mir die Frage erlauben, welche wichtige Arbeit dich heute am Mitfahren hindert?«

»Ich lese, wie du siehst.«

»Zeige mir, was für ein Buch es ist. – Oblomoff!«

»Du verstehst es nicht, aber es ist die feinste Psychologie, die ich jemals gelesen habe.«

»Das weiß ich, – und du selber bist gerade so ein Oblomoff.«

»Vielleicht hast du mehr recht, als du glaubst.«

»Aber wir segeln! Nur gut, daß nicht alle solche Faulenzer sind wie du.«

Auf dergleichen nichtssagende, gewöhnliche Äußerungen von Sympathie lege ich stets ein besonderes Gewicht und suche sie zu meinem Vorteil auszulegen.

Ich sitze am Steuer, und sie gibt acht auf die Schote. Sie sitzt ganz dicht neben mir auf derselben Bank und lauscht meinen Befehlen, die ich mit sicherer, gebieterischer Stimme erteile. Sie hat sich ein blaues, loses Kostüm genäht, und auf dem Kopf hat sie einen kleinen Matrosenhut, dessen seidene Bänder im Winde flattern. Von dem großen, weißen Segel, auf das der blendende Sonnenschein fällt, hebt sich ihr schwarzes Haar und ihr feines Profil ab, das zu betrachten ich nicht ermüde.

Es weht stark. Sie befestigt die Schote nicht am Knopf, sondern behält das Tau in der Hand, bereit, es loszulassen, sobald ein Windstoß kommt. Sie umschließt es kräftig mit den Händen und stützt sich mit den Absätzen gegen den Boden des Bootes. Sie lehnt sich hintenüber, um dem schwankenden Boot Gleichgewicht zu verleihen. Ihre Taille ist nicht in ein Korsett eingezwängt, ihre Hände sind sehnig, und der Spann ihrer Füße ist hoch. Ich beuge mich vornüber, halte die Steuerpinne in der einen Hand und die Leine des Rahsegels in der andern und spähe an ihrem Nacken vorbei und unter dem Segel hindurch nach dem Kurs. Eine Welle nach der andern schäumt heran, das Boot hebt und senkt sich, und Anna, wie sie dort auf ihre Weise sitzt, das Segel und der ganze vordere Teil des Bootes, – das alles wird zu einem Ganzen, zu einem lebenden Wesen, das ich leite und über die blaue Fläche führe nach einer Felseninsel oder einem weißschimmernden Seezeichen dort hinten am Horizont. Zuweilen bricht sich eine hohe Welle an dem Bug des Bootes und spritzt bis in den hinteren Teil des Fahrzeuges. Sie bekommt einen Sprühregen ins Gesicht und über die Schultern. Sie schreit auf und lacht auf einmal, verändert aber ihre Stellung nicht und läßt sich keine Zeit, die Tropfen von ihren Wangen zu trocknen.

Gegen Sonnenuntergang flaut der Wind ab, und mit einer schwachen seitlichen Brise gleiten wir langsam heimwärts. Die Klüverschote ist festgebunden, und leicht, geschmeidig, fast als sei er geschmiert, zerteilt der Bug des Bootes das Wasser, ohne Wellen aufzuwirbeln. Sie hat sich weiter nach vorn gesetzt, an den Fuß des Mastes, den Rücken mir zugewendet, und blickt vor sich hin über die Oberfläche des Fjords, zuweilen die Hand ins Wasser steckend. Sie summt eine Melodie vor sich hin und scheint in ihre eigenen Gedanken versunken zu sein, ganz als sei sie allein. – Wenn ich wüßte, was sie denkt, wenn ich nur ahnen könnte, wie sie über mich denkt! Ist sie nicht ein einziges Mal während dieser unserer gemeinsamen Fahrten auf ben Gedanken gekommen, daß sie mich vielleicht liebt, und daß ich sie liebe? Und ich habe das nicht ein einziges Mal in ihren Zügen gelesen, ich kann nicht eine einzige Bewegung, nicht einen einzigen Übergang in der Stimme zu meinem Vorteil auslegen.

Ich werde niedergeschlagen und traurig und kann nicht umhin, Anspielungen auf meine Abreise zu machen. – »Wo mag ich im nächsten Sommer um diese Zeit sein? – Wie mag es hier bei Ihnen aussehen, wenn ich wieder heimkehre?« – Dazu sagte sie nur: »Es ist ja auch wahr, Sie wollen fortreisen! Wie lange gedenken Sie eigentlich wegzubleiben?« – »Mindestens zwei Jahre, ach!« Und das ist alles. Und es spricht sich in ihrer Stimme keine größere Verwunderung ans, als wenn es sich darum handelte, auf ein paar Tage in das nächste Kirchdorf zu fahren. Diese Abendstunden, in denen das Segel nicht mehr schwellt und das Boot sich kaum vom Fleck rührt, sind oft sehr peinlich für mich. Unser Unterhaltungsstoff ist erschöpft, sie scheint sich zu langweilen, sie sehnt sich, an Land zu kommen, obwohl sie es nicht sagt. Das ist gleichsam meine Schuld, ich halte sie in der Gefangenschaft, und das quält mich. Aber ich bemühe mich, unbekümmert auszusehen, als bemerke ich es nicht, als ob wir nicht die geringste Eile hätten. Und wenn das Segel schlaff herabhängt, greife ich zu den Rudern und rudere an den Strand, während sie das Steuer hält.

Wenn wir nicht auf dem Wasser sind, sitzen wir gewöhnlich mit den andern auf der Veranda. Wie alle verliebten Männer, die nicht mehr in der ersten Jugend stehen, bemühe ich mich, aufmerksam zu sein und ihr kleine Gefälligkeiten zu erweisen. Es wird ihr ganz zur Gewohnheit, daß ich ihr stets das Überzeug anhelfe und es später mitsamt dem Regenschirm und den Galoschen in meine Obhut nehme. Ich gleiche einem Waffenträger, dem sein Herr befehlen kann, was er will, ohne ihm auch nur dafür zu danken. Eines Tages sitzen wir nach Tische da draußen. Die Damen nähen. Der Bruder hat sich einen Schaukelstuhl aus dem Salon geholt, und ich bewundere Annas geschickte Bewegungen bei der Arbeit. Sie sucht ihre Schere. – »Ich wollte sie Ihnen gern holen, wenn ich nur wüßte, wo sie ist.« – »Sie liegt auf dem Tische in meinem Zimmer.« Ich stehe auf, um sie zu holen. Da aber sagt die Mutter: »Du bist zu anspruchsvoll, Anna. Du läßt dir zu sehr aufwarten, du, die du so viel jünger bist!« – Und der Bruder fügt hinzu: »In deiner Stelle würde ich nicht so aufmerksam sein, – hol dir deine Schere selber, Anna!« – »Das tue ich auch«, sagt sie und eilt ein wenig beleidigt an mir vorüber, ohne sich um meine Einwendungen zu kümmern.

Der Vorfall wirkte peinlich auf mich, da ich schon im voraus unter dem zwischen uns bestehenden Altersunterschied leide.

Obwohl ich mit der Absicht hierher gekommen bin, ihr meine Liebe zu gestehen, vergeht der ganze Sommer mit der Erwägung, was wohl am besten ist. Am Schlusse derselben bin ich genau so zweifelhaft wie am Anfang.

Eines Sonntags im August, kurz vor unserer Rückkehr in die Stadt, habe ich freilich noch einen etwas glücklicheren Tag, der mir einen schwachen Hoffnungsschimmer gibt.

In einem benachbarten Kirchspiel ist ein Fest veranstaltet, und dorthin fahren wir, Anna und ich. Die andern machten sich nichts daraus. Wir steigen an unserm Ufer auf einen kleinen Dampfer, und die Mutter und der Bruder bleiben zurück. Wir stehen auf dem Deck, ich habe einen Regenmantel über dem Arm und bilde mir ein, daß wir sie verlassen, um gleich Neuvermählten fortzureisen. Ich mache meine eigenen Hoffnungen in Gedanken zur Wirklichkeit. Sie, die dort an meiner Seite steht und mit ihrem roten Sonnenschirm winkt, ist meine junge Frau. Die Hochzeit hat soeben stattgefunden, und wir reisen zum erstenmal zusammen aus der Heimat fort.

Der Tag ist hell und schön, es weht ein warmer, südlicher Wind. Der Dampfer ist mit unbekannten Leuten angefüllt, und wir sitzen die ganze Zeit beieinander. Gegen unsere Gewohnheit fehlt es uns heute nicht an Unterhaltungsstoff, denn wir kritisieren das Publikum und lachen über die mitreisenden Musikanten, die falsch spielen. Man sieht uns von der Seite an, man weiß, daß wir aus der Hauptstadt sind, aber die Herren und Damen scheinen unbefangen und gleichgültig zu sein. Wir haben ein Gesicht, als ständen wir den andern gleichsam gegenüber, und dies erhöht unsere Sicherheit. Sorglos miteinander plaudernd, vielleicht absichtlich, als ob die andern gar nicht existierten, steigen wir bei der Pfarrhofsbrücke ans Land; dort wimmelt es von Studenten in weißen Mützen und Damen in Nationaltrachten. Ich reiche Anna meine Hand, sie springt vom Dampfer herunter, und der flüsternde Zuschauerhaufen öffnet sich uns. Ihre Kleidung ist ja auch ungewöhnlich geschmackvoll und fein im Vergleiche zu denen der andern, ihr Benehmen ist würdevoll und ihr Gang leicht. Ich schwelge in der Aufmerksamkeit, die sie zu erregen scheint. Auf dem Strandwege begegnet uns ein Mann in einer Friesjacke, scheinbar ein Volksschullehrer. Als er Anna erblickt, scheint ihm plötzlich eine Offenbarung aus einer andern Welt aufgegangen zu sein. In seiner Überraschung strauchelt er, bleibt stehen, weicht zur Seite aus und ist nahe daran, in den Graben zu fallen.

Von unserer Promenade nach dem Festplatz habe ich folgendes Bild in meiner Erinnerung: Wir gehen nebeneinander her. Es weht uns frisch entgegen, sie beugt sich ein wenig vornüber, beschützt ihr Antlitz mit dem Sonnenschirm und hält ihren Hut mit der andern Hand fest. An der Brust trägt sie eine Blume, die ich soeben am Rande des Weges gepflückt habe, ihre Röcke flattern, und der Wind preßt sie fest gegen ihre Knie. Mein Herz bebt, ich möchte sie ganz und gar besitzen, aber gleichzeitig empfinde ich einen Schmerz, denn ich weiß ja nicht, ob sie mich liebt. In einer Woche muß ich sie verlassen, und wer weiß, wie nahe der ist, der sie mir vielleicht entreißen wird!

Auf dem Festplatz fangen wir wieder an, unsere Umgebung zu kritisieren. Wir können uns kaum bezwingen, daß wir nicht laut über einen Redner lachen, über eben denselben Volksschullehrer, dem wir vorhin begegneten, und der mit angenommenem Seminaristenpathos über die ersten Grundlagen des Vaterlandes und des Volkes spricht, welches letztere er schließlich ermahnt, sich während des Festes anständig zu benehmen und sich nach Beendigung desselben schleunigst nach Hause zu verfügen, ein jeglicher in seine Heimstatt.

Ein junger Student steht in unserer Nähe, hört unsere Kritik und betrachtet erst uns und dann den Redner bedeutungsvoll, womit er andeuten will, daß er nicht ist wie diese andern, daß er derselben Ansicht ist wie wir und das Lächerliche in dem Ganzen sehr aufzufassen vermag. Einen ungemischten Genuß gewährt uns der Gesang, der von der stutznäsigen, kurzhaarigen, weißgekleideten, mit einer großen, gelben Blume am Hut versehenen Volksschullehrerin des Kirchspiels geleitet wird. Anna gibt ihr den Namen »die Prinzessin«, und zeigt sie mir später während des Tanzes. Der Anblick ist wirklich unübertrefflich. Sie senkt den Kopf lieblich aus die Seite, hüpft wie eine Mücke und glänzt vor Seligkeit und Hitze. Früher würde ich nie das Herz gehabt haben, über so etwas zu lachen, jetzt aber bemühe ich mich, unaufhörlich neue, lächerliche Seiten bei allem zu entdecken.

Wir trennen uns keinen Augenblick voneinander. Wir streifen zusammen über den Festplatz, kaufen uns gegenseitig Lose, genau so, wie wir unsere Netze auf unser gegenseitiges Glück auszuwerfen pflegen. Wir haben ein deutliches Gefühl, daß wir die Helden des Tages sind und daß sich alle die Köpfe zerbrechen, wer wir nur sein mögen. Es scheint mir – und das ist mir ein angenehmer Gedanke –, als ob man uns für ein Brautpaar hält.

Wir sitzen auf einer Wippe. Anna hat eine Tüte mit Bonbons, die ich ihr gekauft habe. Ein kleines Mädchen steht vor uns und hält sich an dem Kleide ihrer Mutter. Beide schauen uns ganz ungeniert an, jeder Bewegung der Hand nach dem Munde folgend.

»Komm einmal her. Kleine, ich will dir Bonbons schenken!«

Die Mutter schiebt das Töchterchen vor und befiehlt ihr, uns die Hand zu geben.

»Wie heißt du?«

»Sag' jetzt schnell, wie du heißt, dann bekommst du Bonbons.«

»Kajsa.«

»Du mußt aber den Finger aus dem Mund nehmen, Kajsa!«

Und dann bekommt sie eine ganze Hand voll Konfekt.

»Kannst du nun auch wohl hübsch ›Danke‹ sagen? Du bist aber doch wirklich –«

Und die Mutter wendete sich selber an Anna, um zu danken.

»Haben Sie schönen Dank, Fräulein – oder sind Sie vielleicht die Frau des Herrn da?«

Ich fühle, wie ich errötete, und werde ganz verlegen, Anna aber lacht herzlich, als sei dies eine ungemein dumme und ganz unmögliche Kombination. Ich fange auch an zu lachen, aber es kommt nicht so recht natürlich heraus.

Erst spät am Abend treten wir unsere Rückfahrt an. Der Salon des Schiffes ist voll von trinkenden Herren, und die Luft dort ist erstickend und qualmig. Es ist bereits ein wenig kühl. Anna hüllt sich in ihren warmen, wollenen Schal, und wir suchen uns einen Platz auf Deck in der Nähe der Maschinenluke, aus der eine angenehme Wärme aufsteigt. Da sehen wir die rötlichen Schatten des Maschinisten und des Heizers jedesmal, wenn die Ofentür geöffnet wird. Die Fahrt dauert mehrere Stunden. Anna ist müde und fängt an, schläfrig zu werden. Jetzt sitzen wir da, ohne ein Wort zu sagen, dicht nebeneinander, des Gedränges wegen. Ich fühle, daß ihr Kopf in meinen Armen ruht. Ich kann ihre Züge nicht so recht unterscheiden. Nur wenn der Schornstein von Zeit zu Zeit einen Strom von Funken auf die andere Seite des Dampfers hinübersendet, sehe ich in ihrem Licht, daß sie die Augen geschlossen hat. Hin und wieder öffnet sie sie, und sie sind so groß und dunkel.

Der Horizont fängt an, sich zu lichten, und die Funken verschwinden. Der silberbleiche Schein des Mondes vom westlichen Himmel spiegelt sich in dem stillen Meer. Das Fahrwasser wird enger, und die hohen, steilen Ufer erheben sich zu beiden Seiten fast unnatürlich groß in dieser eigentümlich gemischten Beleuchtung des Mondes und des in der Ferne dämmernden Tages. Ich wage nicht, mich zu rühren, aus Furcht, sie zu stören. Ich bin jetzt sicher, daß sie mich liebt. Und ich verstehe nicht, die Schlußfolgerung zu ziehen, daß sie, wenn sie mich wirklich liebte, unmöglich so ruhig an meiner Seite schlummern könnte. Erst als der Dampfer pfeift, ehe er an unserem heimischen Strand anlegt, erwacht sie, sie rückt von mir fort und zieht das Tuch fester um ihre Schultern; sie zittert in der Morgenkühle. Sie ist schlechter Laune, springt, ohne meine Hilfe anzunehmen, auf die Landungsbrücke hinab und geht ins Haus hinein, ohne auf mich zu warten.

Die Mutter empfängt uns mit warmem Kaffee. Ich hoffe, daß wir noch ein Weilchen zusammenbleiben und über das Fest reden werden, ich erwarte, daß sie berichten soll, wie fröhlich wir gewesen, wie uns niemand kannte, und wie wir alle kritisierten. Aber sie scheint es vergessen zu haben.

»Nun, habt ihr einen angenehmen Tag verlebt?« fragt die Mutter.

»Ach ja!« antwortet sie.

Und gähnend, ohne mir auch nur einen einzigen Blick zu gönnen, geht sie auf ihr Zimmer, verschlafen »Gute Nacht« murmelnd.

Es währt lange, bis ich in meinem Bett auf der Bodenkammer, die gerade über ihrem Zimmer liegt, Schlaf finde. Die Sonne ist bereits aufgegangen und scheint durch das geöffnete Fenster. Von der See her ertönt Ruderschlag, und auf der Wiese wird eine Sense gewetzt. Unten im Hofe vernehme ich Schritte, und die Küchentür knarrt. Auf der Sonnenseite des Daches fangen die Sperlinge an zu zwitschern.

Es wird nichts daraus. Sie liebt mich nicht. Ich bin ihr nichts. Ihre Freundlichkeit gestern war ganz zufällig. Ich bin kindisch, daß ich soviel Gewicht auf dergleichen lege. Und ich beschließe, schon am folgenden Tage abzureisen.

Als ich am folgenden Tage meinen Koffer packen will, ist sie wieder freundlich. Sie kommt in mein Zimmer hinauf und hilft mir. Die Hoffnung erwacht von neuem. Ich sage ihr, daß ich sie liebe. Sie läuft davon, fort aus meinen Augen.

Sie liebt mich nicht. Sie hat mich wie einen guten Freund, einen älteren Bruder, fast wie einen Onkel betrachtet.

Wie meine Gegenwart ihr peinlich gewesen sein muß! Denn ich war unvernünftig genug, nicht zu reisen. Ich bleibe und fahre dann mit demselben Zug wie sie und setze mich immer in dasselbe Coupé wie sie. Ich versuche sogar, mich ihr gerade gegenüber zu setzen. Und ich kann es nicht lassen, sie unablässig anzusehen. Sie weiß nicht, wohin sie den Blick wenden soll. Sie versucht zu lesen, zum Fenster hinauszusehen. Schließlich steigt sie auf den Stationen aus und steht auf dem Bahnsteig, bis die Mutter sie wieder hereinruft.

Wie widerwärtig ich ihr gewesen sein muß! Vielleicht ekelt sie sich geradezu vor mir alten Toren?


»Es wird geschlossen!« ertönt die Stimme des Kellners dicht bei meinem Ohr. Ich erwache aus meinen Erinnerungen. Ich habe meinen Grog ausgetrunken, ohne es zu wissen. Ich habe die eine Gasflamme nach der andern auslöschen sehen. Ich entsinne mich dunkel, daß die Gäste aus dem Nebenzimmer durch den Saal gegangen sind. Der kleine, kahlköpfige Herr saß noch vor kurzem in einiger Entfernung von mir mit seiner halben Flasche Wein. Der eine der Senatskanzlisten zog seine Weste herunter, als er ging und glättete seinen Kragen.

Der Kellner steht mit der Serviette überm Arm hinter mir und fängt an, die Gläser wegzuräumen. Ich bin jetzt ganz allein in dem großen Saal. Eine einsame Gasflamme brennt über meinem Kopf und spiegelt sich in dem Spiegel an der entgegensetzten Wand, wo schon alles dunkel ist. Die Tischtücher sind fortgenommen, und von dem Sexatisch ist nur noch ein kahles, unangestrichenes Brett zurückgeblieben.

Ich stehe auf und gehe in den Vorsaal hinaus, wo ebenfalls nur noch eine einzige Gasflamme brennt, die darauf wartet, daß ich gehen soll. Man hilft mir den Überrock an. Ich nehme meinen Hut und fahre mir vor dem Spiegel mit der Bürste übers Haar. Selbst hier in der halben Beleuchtung sehe ich, daß es sich bedenklich lichtet. Bald werde ich kahlköpfig sein. Meine Züge sind bleich und leblos und schlaff, und meine Stirn ist tief gefurcht.

Ja, was soll sie sich wohl aus mir machen? Ich fühle, daß ich am glücklichsten sein würde, wenn sie mit Mitleid und mit Bedauern an mich dächte.

Die ganze, große Restauration liegt da wie ein öder Berg. Aus seinen zahlreichen Höhlen wird auch nicht ein Laut hörbar. An die Korridorwand ist eine schwarze Hand gemalt, und darunter steht mit fetten Buchstaben: Speisesaal.

So reise ich denn also, so reise ich denn also ins Ausland, nach Paris: Freilich hatte ich mir dies ein wenig anders vorgestellt, aber in Wirklichkeit ist das Leben wohl immer so, denke ich, indem ich die Straße hinabgehe. An einer Ecke sehe ich die erleuchtete Uhr des Nikolaikirchturms, die auf zwei zeigt.

Ich beschließe, diese Nacht gar nicht mehr zu Bett zu gehen. Ob ich in der Stadt umherstreifen oder auf den Observationsberg steigen soll? Als ich aber mechanisch den Weg über den Marktplatz einschlage, ist es mir zu unbequem, die Richtung zu verändern, so wandere ich denn an dem Obelisk vorüber, an den Strand hinab, vorbei an dem kaiserlichen Palast, wo ein schwarzer, unförmiger Schiffsrumpf liegt und lange Straßen sich vom Himmel abheben. An der anderen Seite des Hafens spiegelt sich eine Reihe Gaslaternen in dem stillen Wasser. Zwischen der Brücke und der Seile des Fahrzeugs steigt der Rauch auf. Ich stolpere an der Schiffswache vorbei und begebe mich in die Kajüte hinab, wo ich mir im Hintersalon eine Koje reserviert habe.

– Ach, Gott, wie schwer doch das Leben ist!

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