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Eingekerkerte und Ausbrecher

Heinrich Conrad: Eingekerkerte und Ausbrecher - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
booktitleEingekerkerte und Ausbrecher
authorHeinrich Conrad
titleEingekerkerte und Ausbrecher
seriesRARA - Eine Bibliothek des Absonderlichen
volume6
publisherVerlag Robert Lutz - Stuttgart
printrun2
senderhille@abc.de
created20040701
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Masers de Latude

Masers de Latude wurde 1725 bei Montagnac in Languedoc geboren. Mit dreiundzwanzig Jahren trat er als Überzähliger ins Heer. Um Karriere zu machen versuchte er, die Protektion der Marquise de Pompadour zu erlangen, indem er sie vor einem, von ihm fingierten, Mordanschlag warnte. Der plumpe Schwindel wurde entdeckt, und der Warner zur Strafe in die Bastille gesteckt. Latude musste dort und in anderen Staatsgefängnissen oft unter den unerhörtesten Leiden und Entbehrungen 35 Jahre lang schmachten. Er hat verschiedene Male Fluchtversuche unternommen, nach deren glücklichem Gelingen er jedoch stets wieder ergriffen wurde. — Die folgenden Schilderungen sind den Denkwürdigkeiten Latudes entnommen, die er nach seiner Freilassung im Frühjahr 1784 veröffentlicht hat; sie werden demnächst in meiner Verdeutschung unter dem Titel »Ein Opfer der Pompadour« erscheinen.

C.

I.

Um mich aus meinem Trübsinn zu reißen, gab Berryer mir abermals einen Gefährten in mein Zimmer. Mein Mitgefangener stand ungefähr im gleichen Alter wie ich, er war tatkräftig, feurig und geistvoll; sein Verbrechen sogar war fast das nämliche wie das meine und er litt auch unter der gleichen Verfolgung. Er hatte an die Marquise von Pompadour geschrieben, ihr gesagt, wie das Volk über sie dächte und ihr Ratschläge gegeben, wie sie die Liebe des Landes gewinnen und das Vertrauen des Königs sich erhalten könnte; er forderte sie auf, da einmal das französische Volk vor ihren Wagen gespannt sei, so möge sie sich der Achtung desselben würdig erweisen.

Der junge Allègre — so hieß mein Zimmergenosse — beweinte seit drei Jahren in der Bastille das Unglück, diese Ratschläge gegeben zu haben: die stolze Buhldirne hatte ihm einen ebenso unversöhnlichen Haß geschworen wie mir und ließ ihn ebenso schwer dessen Wirkungen fühlen.Antoine Allègre hatte in Marseille eine Schule gehalten, und wurde ›als Verleumder der Grossen und Minister‹ am 31. Mai 1750 in die Bastille gesetzt.

Allègre hatte ebenfalls die Teilnahme des guten Berryer zu erwecken gewußt; wir beide bestürmten ihn, von gleicher Ungeduld beseelt, unermüdlich mit Briefen und Eingaben; er teilte uns jeden neuen Schritt mit, den er für uns tat, und konnte uns manchmal sogar einige Hoffnung machen. Aber eines Tages brachte er uns die niederdonnernde Nachricht: unsere Verfolgerin, der ewigen Klagen müde, habe ihm gesagt, ihre Rache sei ewig, und ihm verboten, von uns in Zukunft auch nur zu sprechen. So konnte denn nur noch der Sturz oder der Tod dieser Furie unseren Leiden ein Ende machen.

Mein Leidensgefährte ließ sich von seinen Schmerzen gänzlich niederschmettern; in mir aber vollzog sich eine ganz andere Wirkung; die Nachricht gab mir den Mut und die Kraft der Verzweiflung. Junge Männer wie wir hatten unter solchen Umständen nur zwischen zwei Entschlüssen die Wahl: Sterben oder Fliehen!

Wenn man auch nur einen schwachen Begriff von der Bastille hat, von ihrer Mauer, ihren Türmen, ihrer Hausordnung und den unglaublichen Vorsichtsmaßregeln, mit denen der Despotismus sie vielfältig umgeben hat, um seiner dort schmachtenden Opfer ganz sicher zu sein: so kann einem allerdings ein Fluchtplan, ja der bloße Gedanke daran, sehr wohl als eine Ausgeburt des Fieberwahns erscheinen. Trotzdem war ich vollständig Herr meiner Vernunft, als ich diesen Plan faßte.

Nicht eine Minute durfte man daran denken, aus der Bastille durch die Tür hinauszukommen; dieser Weg war ausgeschlossen, denn es gab für ihn nicht eine einzige physikalische Möglichkeit. Es blieb also nur der Weg durch die Luft. Nun hatten wir wohl in unserem Zimmer einen Kamin, dessen Rohr oben auf dem Turm ausmündete; aber dieses Rohr war, wie alle in der Bastille, voll von Gittern und Eisenstäben, die an mehreren Stellen angebracht waren und kaum dem Rauch freien Durchzug ließen. Wären wir wirklich oben auf dem Turm angekommen, so hatten wir zu unseren Füßen einen Abgrund von fast zweihundert Fuß Tiefe; der Graben unten wurde von einer sehr hohen Mauer begrenzt, die ebenfalls überstiegen werden mußte. Wir waren allein, hatten weder Werkzeuge noch Materialien und wurden jeden Augenblick bei Tage und bei Nacht ausspioniert. Außerdem waren wir von Schildwachen behütet, die die Bastille in einer solchen Menge umgaben, als ob sie das feste Schloß belagerten.

Alle diese Hindernisse und Gefahren konnten mich von meinem Plan nicht abbringen, und ich teilte ihn meinem Kameraden mit. Er sah mich an, als ob er mich für verrückt hielte, und sank in seine dumpfe Betäubung zurück. Ich mußte mich also allein mit meinem Vorhaben beschäftigen, es durchdenken, die furchtbare Menge von Hindernissen in Erwägung ziehen, die sich der Ausführung entgegensetzten, und für ein jedes das Mittel zur Beseitigung ausfindig machen.

Wir mußten im Kamin in die Höhe kriechen, trotz den vielen eisernen Gitterstangen. Wir mußten, um uns von der Höhe des Turms in den Graben hinunterzulassen, eine Leiter von hundertachtzig Fuß Länge haben; eine zweite Leiter, und zwar sogar von Holz, um aus dem Graben über die Mauer zu kommen. Wenn ich mir die Materialien dazu beschaffte, so mußte ich sie vor allen Späherblicken verbergen können. Ich mußte geräuschlos arbeiten, die zahlreichen Wächter täuschen, sie mehrere Monate lang taub und blind machen. Ich mußte alle die Hindernisse, die täglich, ja stündlich, in immer wechselnder Gestalt unfehlbar auftauchten, voraussehen und beseitigen. Diese Hindernisse mußten sich nacheinander entwickeln, das eine mußte aus der Beseitigung des anderen entstehen, ich konnte sie nicht vorauswissen, und trotzdem mußte ich sicher sein, sie sofort beim Auftauchen zu beseitigen.

Dies alles — ich habe es vollbracht.

Noch einmal schwöre ich, ich sage nur die vollständige Wahrheit. Doch zu den Einzelheiten meines Werkes!

Meine erste und wichtigste Sorge mußte es sein, einen Ort zu entdecken, wo wir alle unsere Werkzeuge und Materialien — deren Beschaffung allerdings lediglich von unserer Geschicklichkeit abhing — vollkommen sicher verstecken könnten, Nach langem Nachdenken hatte ich endlich einen Einfall, der mir sehr glücklich schien. Ich hatte bereits mehrere Zimmer in der Bastille bewohnt, und in jedem hatte ich, wenn die Räume über und unter mir bewohnt waren, von beiden her das Geräusch vernommen, das ihre Inhaber machten. In dem augenblicklich von uns bewohnten Zimmer dagegen hörte ich zwar die Bewegungen des Gefangenen, der über mir wohnte, jedoch durchaus nichts von dem Nachbarn unter mir, obwohl ich ganz bestimmt wußte, daß dieses untere Stockwerk bewohnt war. Ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ein doppelter Boden, geschieden durch einen Zwischenraum, vorhanden wäre. Es galt, mich davon zu überzeugen.

In der Bastille war eine Kapelle, worin täglich eine, Sonntags drei Messen gelesen wurden. Die Erlaubnis, der Messe beiwohnen zu dürfen, war eine ganz besondere Vergünstigung, die nur ausnahmsweise bewilligt wurde. Wir hatten sie durch Herrn Berryer erhalten, ebenso der Gefangene, der in Nummer 3, also in dem Zimmer unter uns wohnte.

Ich beschloß, beim Zurückkommen von der Messe den Versuch zu machen, einen Blick in dieses Zimmer zu werfen, und verabredete mit Allègre ein Mittel, mir diesen Besuch zu ermöglichen: er sollte sein Besteck in ein Schnupftuch wickeln; wenn wir auf der Höhe des zweiten Stocks angelangt wären, dieses Schnupftuch aus der Tasche ziehen und es so einrichten, daß dabei das Besteck die Stufen hinabkollerte. Dann sollte er dem uns begleitenden Schließer, namens Daragon, sagen, er möchte das Besteck wieder heraufholen. Die kleine List glückte ausgezeichnet. Während Daragon hinter dem Besteck herlief, steige ich schnell nach Nummer 3 hinauf, ziehe den Türriegel zurück, messe mit den Augen die Höhe bis zur Decke und bemerke, daß sie höchstens zehn und einen halben Fuß beträgt. Ich schließe die Tür wieder, und zähle beim Weitersteigen die Stufen von diesem Zimmer bis zum unsrigen; es sind zweiunddreißig. Ich messe die Höhe von einer derselben, berechne danach das Ganze, und finde, daß zwischen der Decke des unteren Zimmers und dem Fußboden des unsrigen eine Entfernung von fünf und einem halben Fuß sein muß. Dieser Raum konnte nicht von Holz ausgefüllt sein und noch weniger von Steinen, weil dies ein ungeheures Gewicht ergeben haben würde. Ich schloß daraus, es müßte eine sogenannte Trommel vorhanden sein, ein leerer Raum von vier Fuß Höhe von einer Balkenlage zur anderen.

Man schließt uns ein und schiebt die Riegel vor; ich falle Allègre um den Hals, trunken vor Hoffnung und Freude, und küsse ihn leidenschaftlich.

»Freund!« rufe ich, »Mut und Vertrauen! Wir sind gerettet!« Ich teile ihm meine Berechnungen und Beobachtungen mit. »Wir können unsere Stricke und anderen Materialien verbergen; weiter brauchte ich nichts; wir sind so gut wie frei!«

»Was ?« sagte er. »Sie haben Ihre Träumereien immer noch nicht aufgegeben? Stricke? Materialien? Wo sind die? Wo sollen wir die herbekommen?«

»Stricke haben wir mehr als wir brauchen. Dieser Koffer — hierbei zeigte ich auf meinen — enthält mehr als tausend Fuß.«

Ich sprach voll Feuer. Ganz erfüllt von meiner Idee, hingerissen von dem Schwunge, den meine neuen Hoffnungen meiner Phantasie gaben, erschien ich ihm besessen. Er sah mir fest ins Gesicht und sagte im rührendsten Ton und voll zärtlicher Teilnahme: »Lieber Freund! Kommen Sie zu sich, dämpfen Sie das Fieber, das Sie verzehrt. Ihr Koffer, sagen Sie, enthält mehr als tausend Fuß Stricke ? Ich weiß ebensogut wie Sie was darin ist: nicht ein einziger Zoll!«

»Nicht ? Habe ich nicht eine große Menge Wäsche ? Zwölf Dutzend Hemden, viele Handtücher, Strümpfe, Nachtmützen und andere Sachen? Können diese uns nicht zu Stricken dienen ? Wir fasern sie einfach auseinander und haben so viele Stricke, wie wir nur wünschen.«Hierzu macht Latude selbst folgende Anmerkung: »Viele Leute werden dies für eine Übertreibung erklären, sie begreifen nicht, wie man eine solche erstaunliche Menge Wäsche bei sich haben kann, und behaupten, ich lege sie mir erst nachträglich bei, weil sonst meine ganze Erzählung sich als Fabel herausstellen würde. Dieser Einwurf ist besonders von Engländern erhoben worden, als vor einigen Jahren die Erzählung meiner zweiten Flucht als Einzelbericht erschien und ins Englische übersetzt wurde. Mein hochachtbarer Freund, C. de Pougens, der damals in London war, hat mir erzählt, es sei ihm unmöglich gewesen, die Engländer, mit denen er darüber gesprochen, zum Glauben an meine Darstellung zu bekehren. Sie hätten die Möglichkeit dieser Tatsache rundweg geleugnet und daraus geschlossen, dass auch alles andere erdichtet wäre. Das scheint auch ganz erklärlich, weil es dortzulande Brauch ist, auch in der bestversehenen Garderobe nur eine geringe Menge Wäsche zu führen. Auch für Pariser Verhältnisse trifft dies so ziemlich zu. Aber in der Provinz verfällt man, wie ich versichern kann, genau in das entgegengesetzte Extrem. Dort ist es Brauch, sehr beträchtliche und manchmal geradezu erstaunliche Vorräte aufzustapeln. Wenn man nun bedenkt, dass ich auf dem Lande aufgewachsen bin, dass meine Eltern, als ich von ihnen Abschied nahm, um in die Welt zu gehen, mich für eine voraussichtlich lange Abwesenheit ausrüsteten, so wird man mir gewiss zugeben, dass meine Behauptung durchaus nicht unwahrscheinlich ist, zumal wenn man erfährt, dass ich während meiner kurzen Dienstzeit in Bergen op Zoom zu ganz geringen Preisen grosse Mengen Leibwäsche gekauft hatte, die von der kurz vorher stattgefundenen Plünderung der Stadt herrührte.«

Allègre erfaßt blitzschnell meinen ganzen Plan und alle meine Gedanken; Hoffnung und Freiheitsliebe sterben niemals im Menschenherzen, und in dem seinigen hatten sie nur in einem Betäubungsschlummer gelegen. Bald war er ganz Feuer und Flamme. Aber er hatte noch alle Einwürfe vorzubringen, die ich selbst mir bereits im Stillen widerlegt hatte. »Womit,« fragte er mich, »sollen wir alle die Eisenstangen herausreißen, mit denen unser Kaminrohr versehen ist? woher nehmen wir das Material für die nicht zu entbehrende Holzleiter? Woher die Werkzeuge, um alle diese Gegenstände anzufertigen? Wir besitzen ja nicht die glückliche Kunst, das, was wir brauchen, aus der Erde zu stampfen.«

»Lieber Freund,« antwortete ich, »das Genie ist schöpferisch, und wir besitzen das Genie, das die Verzweiflung verleiht; dieses wird uns die Hände führen. Noch einmal sage ich's: wir werden uns frei machen!«

Wir hatten einen Klapptisch, der durch zwei eiserne Haspen befestigt war. Wir lösten diese ab und versahen sie mit einer Schneide, indem wir sie auf einer Fliese des Fußbodens wetzten. Aus einem Feuerstahl verfertigten wir in weniger als zwei Stunden ein gutes Messer, mit dessen Hilfe wir zwei Handgriffe für unsere Haspen machten. Diese gebrauchten wir hauptsächlich, um alle Eisenstäbe aus unserem Kamin herausreißen zu können. Abends, als die Schließer uns den letzten Besuch für den Tag abgestattet hatten, standen wir auf und hoben mittelst unserer Haspen eine Fliese aus dem Fußboden. Wir arbeiteten mit einem solchen Eifer, daß wir in weniger als sechs Stunden ihn durchbrochen hatten. Da sahen wir, daß alle unsere Voraussetzungen richtig gewesen waren, denn wir fanden zwischen den beiden Decken einen leeren Raum von vier Fuß Tiefe. Wir legten die Fliese wieder an ihre Stelle und es war nicht zu bemerken, daß sie jemals davon entfernt gewesen war.

Nachdem diese Vorbereitungsarbeiten in Ordnung waren, trennten wir zwei Hemden samt ihren Säumen auf und zogen alle Fäden einen nach dem anderen daraus heraus; wir knüpften diese aneinander und erhielten eine gewisse Anzahl Strähnen, aus denen wir zwei große Büschel machten, jedes von fünfzig Fäden zu sechzig Fuß Länge. Wir drehten sie zusammen und erhielten einen Strick von ungefähr fünfundfünfzig Fuß. Hieraus verfertigten wir eine zwanzig Fuß lange Strickleiter, vermöge deren wir uns im Kamin in der Schwebe erhalten konnten, um alle Stäbe und eisernen Spitzen daraus zu entfernen. Diese Arbeit war die mühseligste von allen; sie kostete uns volle sechs Monate, eine Qual, die mich noch in der Erinnerung schaudern macht. Wir konnten nur mit zusammengekrümmtem Körper und in den unbequemsten Stellungen arbeiten. Länger als eine Stunde konnten wir diese Lage niemals aushalten und jedesmal, wenn wir herunterkamen, waren unsere Hände blutüberströmt. Die Eisenstäbe waren in einem über alle Begriffe harten Mörtel befestigt, den wir nur dadurch etwas aufweichen konnten, daß wir in die von uns bereits gebohrten Löcher mit unserem Munde Wasser hineinbliesen.

Um einen Begriff zu geben, wie mühselig dies war, genügt es, wenn ich sage, daß wir zufrieden waren, wenn wir in einer ganzen Nacht um eine Linie tiefer gekommen waren! Jedesmal wenn wir eine Stange losgebrochen hatten, mußten wir sie wieder in ihrem Loch befestigen, damit man bei den zahlreichen Besichtigungen, die in unserem Zimmer abgehalten wurden, nichts entdeckte; zugleich aber mußten wir sie im Augenblick, wo wir unsere Flucht bewerkstelligen wollten, sofort entfernen können.

Nach sechs Monaten dieser entsetzlichen, aber geduldig durchgeführten Arbeit, machten wir uns an die Holzleiter, die wir nötig hatten, um vom Graben auf die Mauerbrüstung und von da in den Garten des Gouverneurs zu gelangen. Sie mußte zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß lang sein. Wir machten sie aus unserem Brennholz, dessen Scheite durchweg achtzehn bis zwanzig Zoll lang waren. Wir brauchten auch Flaschenzüge und viele andere Dinge, die wir ohne Hilfe einer Säge nicht machen konnten: ich machte eine aus einem eisernen Leuchter mit Hilfe der zweiten Hälfte unseres Feuerstahls, dessen erste Hälfte uns zur Herstellung unseres kleinen Messers gedient hatte. Mit diesem Messerchen, der Säge und den Haspen, zerkleinerten wir unsere Brennscheite, wir versahen sie mit Löchern und Zapfen, um ein Stück an dem anderen befestigen zu können. An den Stellen, wo die Stücke zusammenpaßten, wurden die Löcher für die Sprossen gebohrt; diese gingen also durch die Zapfen hindurch und wurden mit zwei Pflöcken befestigt, so daß sie sich nicht lockern konnten. Diese Leiter hatte nur einen Arm; sie war mit zwanzig Sprossen in Abständen von je fünfzehn Zoll versehen. Jedes Stück der Leiter war mit der zugehörigen Sprosse durch ein Stückchen Bindfaden zusammengebunden, so daß wir sie auch nachts leicht zusammensetzen konnten. Sobald ein neues Stück fertig war, verbargen wir es in unserer ›Trommel‹.

Mit unseren primitiven Werkzeugen verfertigten wir uns nach und nach alles, was man in einer gut eingerichteten Werkstatt braucht: Zirkel, Winkelmaß, Lineal, Haspeln, Flaschenzüge, Leitersprossen usw. Selbstverständlich wurde alles sofort sorgfältig in unserem Magazin verstaut.

Bei unserem Vorhaben hatten wir eine ganz besondere Gefahr zu vermeiden, der wir nur durch größte Vorsicht begegnen konnten. Abgesehen von den sehr häufigen Besuchen, die uns von Schließern oder Offizieren der Bastille gerade in den Augenblicken abgestattet wurden, wo wir sie am wenigsten erwarteten, war es auch noch üblich, die Handlungen und Unterhaltungen der Gefangenen ohne deren Wissen zu belauschen. Vor den Blicken konnten wir uns schützen, indem wir unsere Hauptarbeiten nur nachts ausführten und alle Spuren derselben sorgfältig verwischten, denn ein Spänchen, ein kleines bißchen Sägemehl konnten uns verraten. Aber wir mußten auch die Ohren unserer Spione täuschen.

Es war nicht anders möglich, als daß wir uns fortwährend von unserem Gegenstand unterhielten; dies mußte in so unverfänglicher Weise geschehen, daß ein Verdacht nicht aufkommen konnte oder jedenfalls sofort wieder zerstreut wurde. Wir erfanden zu diesem Zweck eine besondere Sprache, indem wir allen Sachen, die wir in Gebrauch hatten, eigentümliche Namen gaben. Die Säge nannten wir ›Faun‹, die Haspel ›Anubis‹, die Haspen ›Tubalkain‹, nach dem Namen des ersten Menschen, der den Gebrauch des Eisens erfand; unser Loch unter dem Fußboden, worin wir alle unsere Sachen aufbewahrten, hieß ›Polyphem‹, in Anspielung auf die Höhle des berühmten Kyklopen; unsere Holzleiter hieß ›Jakob‹, wobei wir natürlich an die in der Heiligen Schrift erwähnte dachten; die Sprossen nannten wir ›Ableger‹, unsere Stricke ›Tauben‹ (wegen ihrer Weiße), eine Strähne Faden ›Brüderchen‹, das Messer ›Wauwau‹ usw. Kam jemand in unser Zimmer und einer von uns beiden bemerkte, daß irgend etwas nicht fortgepackt war, so sprach er nur das Wort ›Faun‹, ›Anubis‹, ›Jakob‹ oder dgl. aus; der andere warf sein Schnupftuch oder eine Serviette darüber und ließ den Gegenstand verschwinden.

Wir waren beständig auf unserer Hut und es glückte uns auch wirklich, die Wachsamkeit aller unserer Argusse zu täuschen.

Nachdem die ersten Vorbereitungen in der von mir erzählten Weise gelungen waren, beschäftigten wir uns mit der großen Leiter, welche mindestens hundertachtzig Fuß lang sein mußte. Wir zerfaserten also unsere ganze Wäsche: Hemden, Handtücher, Nachtmützen, Strümpfe, Unterhosen, Taschentücher, kurz alles, was uns leinene oder seidene Fäden liefern konnte. Sobald ein Bündel fertig war, verbargen wir es im ›Polyphem‹, und als wir einen genügenden Vorrat hatten, verwandten wir eine ganze Nacht darauf, den Strick zu flechten: Ich möchte den geschicktesten Seiler herausfordern, einen kunstgerechteren zu liefern!

Oben um die Bastille läuft rings herum ein um drei oder vier Fuß vorspringender Rand; während des Abstiegs mußte daher unsere Leiter in der Luft sehr bedeutend hin und her schwanken; der schwindelfreiste Kopf hätte dadurch in Verwirrung kommen können. Dies war ein sehr bedenklicher Übelstand, weil einer von uns abstürzen und zerschmettert werden konnte. Wir fanden eine Abhilfe, indem wir einen zweiten Strick von ungefähr dreihundertsechzig Fuß Länge anfertigten. Dieser Strick sollte über einen Flaschenzug laufen oder vielmehr über eine Blockrolle ohne Rad, um zu verhindern, daß er sich zwischen dem Rad und den Seilen des Blocks verfinge; hierdurch hätte nämlich der Absteigende sich plötzlich mitten in der Luft schwebend finden können, ohne Möglichkeit, hinunter oder wieder hinauf zu kommen. Außer diesen beiden Hauptstricken machten wir noch mehrere andere von geringerer Länge, um unsere Leiter an eine Kanone festbinden zu könnenDas Dach der Bastille war mit Geschützen bestückt. und für andere unvorhergesehene Fälle.

Als alle diese Stricke fertig waren, maßen wir sie und fanden, daß wir vierzehnhundert Fuß besaßen. Hierauf fertigten wir zweihundertundacht Sprossen an, für die Strickleiter sowohl wie für die hölzerne. Wir mußten ferner daran denken, daß die Leitersprossen während unseres Herabsteigens durch die Reibung an der Mauer ein sehr beträchtliches Geräusch verursachen würden. Wir versahen deshalb jede Sprosse mit einem Überzug, den wir aus dem Futter unserer Schlafröcke, Jacken und Westen gewannen. Auf alle diese Vorbereitungen verwandten wir eine ununterbrochene Arbeit von achtzehn Monaten, Aber das war noch nicht alles. Wir besaßen die Mittel, oben auf den Turm hinauf und von dort in den Graben hinunter zu gelangen. Um aus diesem herauszukommen, gab es zwei Möglichkeiten. Entweder stiegen wir auf die Mauerbrüstung, von dort in den Garten des Gouverneurs hinunter und von da weiter in den Graben der Porte Saint-Antoine. Aber diese Mauerkrönung, die wir überschreiten mußten, war stets mit Schildwachen gespickt. Wir konnten allerdings eine sehr dunkle und regnerische Nacht für unser Vorhaben aussuchen, denn in einer solchen gehen die Posten nicht hin und her. Aber es konnte regnen in dem Augenblick, wo wir in unseren Kamin hineinkrochen, und ruhiges und klares Wetter sein, im Augenblick, wo wir auf der Mauer ankamen. Wir konnten einer der Hauptronden begegnen, die fortwährend über den Wallgang patrouillierten; dann hätten wir uns nicht verstecken können, weil sie immer Laternen bei sich führen, und wir wären auf ewig verloren gewesen.

Die zweite Möglichkeit bot mehr Schwierigkeiten, aber weniger Gefahren; sie bestand darin, das Mauerwerk zu durchbrechen, das den Graben der Bastille von dem Graben der Porte Saint-Antoine trennt. Ich überlegte mir, daß infolge der vielfachen Seineüberschwemmungen, die jedesmal diesen Graben mit Wasser füllen, das im Mörtel enthaltene Salz vollständig aufgeweicht sein mußte, so daß dieser Mörtel unschwer zu zerbrechen wäre, und daß wir uns also durch die Mauer würden hindurcharbeiten können. Wir brauchten nichts weiter als eine Zwinge, um damit Löcher in den Mörtel zu bohren. Diese Löcher sollten als Angriffpunkte dienen für zwei Brechstangen, die wir dem Gitterwerk unseres Kamins entnehmen konnten. Mit diesen beiden Brechstangen konnten wir die Steine ausheben und uns einen Weg bahnen. Wir entschlossen uns für dieses letztgenannte Vorgehen. Die Zwinge verfertigten wir aus einer Haspe meines Bettes, die wir mit einem Holzgriff in Kreuzform versahen.

Der Leser, der die Einzelheiten dieser interessanten Arbeiten mit uns verfolgt hat, teilt ohne Zweifel alle Gefühle, die uns dabei beseelten. Ich vermute, wenn er auch nicht wie wir von Furcht und Hoffnung bewegt wird, so sehnt er doch den Augenblick herbei, wo wir endlich den Versuch der Flucht wagen können.

Wir setzten sie auf Mittwoch, den 25. Februar 1756 fest. Der Fluß war damals gerade ausgetreten, im Bastillengraben und in dem der Porte Saint-Antoine, durch welche hindurch wir uns den Weg der Rettung suchen mußten, standen vier Fuß Wasser. Ich tat in einen ledernen Mantelsack, den ich besaß, einen vollständigen Anzug für jeden von uns beiden, damit wir uns im Fall des glücklichen Gelingens unseres Vorhabens umkleiden könnten.

Kaum hatte man uns unser Mittagessen gebracht, so begannen wir unsere große Strickleiter fertig zu machen, d. h. wir setzten die Sprossen in sie ein. Wir verbargen sie unter unseren Betten, damit der Schliesser sie nicht bemerken könnte; denn er hatte uns bis zum Abend noch mehrere Besuche abzustatten.

Hierauf setzten wir unsere Holzleiter zusammen, zerlegten sie aber des bequemeren Fortbringens wegen wieder in drei Stücke und steckten unsere Eisenstangen, womit die Mauer durchbrochen werden sollte, in ihre Hülsen, um ihr Klirren zu verhindern. Wir versahen uns mit einer Flasche ScubacKornbranntwein, worin Safran aufgelöst ist, um uns zu erwärmen; dieser Schnaps tat uns ausgezeichnete Dienste und belebte unsere Kräfte, als wir neun Stunden lang, bis an den Hals im Wasser stehend, zu arbeiten hatten. Nachdem dies alles vorbereitet war, warteten wir sehnlichst auf den Augenblick, wo man uns das Abendessen bringen würde. Endlich erschien der ersehnte Moment.

Ich stieg zuerst in den Kamin hinauf. Ich hatte einen Rheumatismus im linken Arm, aber über diesen Schmerz setzte ich mich hinweg. Bald sollte ich heftigere verspüren! Ich hatte nicht daran gedacht, die Vorsichtsmaßregeln anzuwenden, deren die Schornsteinfeger sich bedienen; der Ruß, den ich beim Hinaufkriechen loslöste, hätte mich beinahe erstickt. Die sonst üblichen Schutzleder an Knien und Ellbogen hatte ich nicht; alle meine Glieder wurden daher zerschunden, das Blut strömte mir über Beine und Hände. In diesem Zustande kam ich oben auf der Spitze des Schornsteins an. Sobald ich oben war, ließ ich ein Knäuel Bindfaden ablaufen, an dessen Ende Allègre einen Strick befestigte; dieser Strick hielt meinen Mantelsack, den ich an mich zog und auf der Plattform niederlegte. Auf dieselbe Art beförderten wir die Holzleiter, die beiden Brechstangen und alle unsere anderen Pakete hinauf, zuletzt unsere große Strickleiter. Das letzte Ende derselben ließ ich im Kamin herabhängen; ich befestigte sie mit einem dicken Stock, den ich quer über den Schornstein legte, so daß mein Freund hinaufsteigen konnte, ohne sich blutig zu schürfen. Hierauf kletterte auch ich endlich von meinem Schornstein herab, auf dem ich in sehr unbequemer Stellung gehockt hatte, und wir befanden uns beide auf der Plattform der Bastille. Dort setzten wir zunächst alle unsere Gerätschaften instand; vor allen Dingen machten wir aus unserer Strickleiter eine Rolle; dies ergab eine Masse von vier Fuß Durchmesser und einem Fuß Dicke. Wir wälzten sie auf der Plattform entlang bis zum Schatzturm, der uns für unsere Zwecke am geeignetsten erschien, und befestigten sie an einem Geschütz. Nachdem wir die lange Leiter vorsichtig die Mauer entlang hatten abrollen lassen, brachten wir auch unseren Flaschenzug an der Kanone an und versahen ihn mit dem dreihundertundsechzig Fuß langen Strick. Ich band mir diesen um den Leib und Allègre ließ ihn durch die Rolle gleiten, während ich hinabstieg. Trotzdem aber schoß ich bei jeder Bewegung, die ich machte, in der Luft hin und her; der bloße Gedanke daran kann einem die Haare sträuben, man kann sich also denken, wie mir zumute war, der ich leibhaftig über dem Abgrund hing. Endlich jedoch kam ich ohne Unfall unten im Graben an; sofort ließ Allègre mir meinen Mantelsack und alle anderen Gegenstände herunter; ich fand zum Glück ein trockenes Plätzchen, das das Wasser des Grabens überragte, wo ich die Sachen niederlegen konnte. Hierauf folgte mein Gefährte mir auf dem halsbrecherischen Wege, aber er hatte einen bedeutenden Vorteil vor mir, indem ich aus allen Kräften das untere Ende der Strickleiter festhielt, wodurch die Schwankungen fast ganz aufhörten. Als wir beide unten waren, konnten wir uns eines leichten Bedauerns nicht erwehren, daß wir unsere Leiter und die anderen Sachen nicht mitnehmen konnten. Sie sind in der Tat seltene und kostbare Denkstücke der menschlichen Geschicklichkeit und vollgültige Proben der Geisteskräfte, die durch den Freiheitsdrang des Menschen entfaltet werden können.»Am 16. Juli 1789«, erzählt Latude in einer Anmerkung, »zwei Tage nach der Einnahme der Bastille, fand ich mich in dieser ein. Ich sah dort mit unbeschreiblichem Vergnügen meine grosse Strickleiter wieder, ebenso auch die Holzleiter und den grössten Teil der anderen von mir beschriebenen Werkzeuge. Sie waren in den Archiven unter einer Art Falltür aufbewahrt worden; man hatte sie wie eine Kostbarkeit aufgehoben, die Staunen und Bewunderung zu erregen geeignet ist. Beigefügt war ein Protokoll, das am 27. Februar 1756 aufgenommen und vom Kommissar Roc ebrune unterzeichnet war. Es bestätigt vollkommen den Vorgang, wie ich ihn geschildert habe. Ich fand dort auch Briefe von Ministern und andere, meine Person betreffende Schriftstücke, von denen ich noch werde zu sprechen haben. Mein ganzer Fluchtapparat wurde in den Sitzungssaal des Gemeinderats geschafft und auf Anordnung desselben mir als wohlerworbenes Eigentum zugesprochen. Er ist später im «Salon» ausgestellt worden, wo er die allgemeine Aufmerksamkeit erregt hat.«

Es regnete nicht und wir hörten die Schildwache höchstens sechs Klafter von uns entfernt auf und ab gehen; es war also ausgeschlossen, die Mauerkrönung zu ersteigen und von dort in den Garten des Gouverneurs zu gelangen; wir beschlossen daher, uns auf unsere Brechstangen zu verlassen und uns durch die Mauer hindurchzuarbeiten. Sofort begaben wir uns an die Stelle, wo diese Mauer die beiden Gräben der Bastille und der Porte Saint-Antoine voneinander trennt, und machten uns ans Werk. Gerade an dieser Stelle mündete leider ein kleiner Graben von sechs Fuß Breite und anderthalb Fuß Wassertiefe ein; hierdurch wurde der Wasserstand bedeutend erhöht; während es an allen anderen Stellen nur bis an unsere Hüften reichte, ging es uns hier bis an die Achseln. Erst wenige Tage vorher waren die bis dahin gefrorenen Gräben aufgetaut; das Wasser war daher noch voll von kleinen Eisstückchen; wir blieben darin volle neun Stunden, unsere Körper von der ungeheuer schweren Arbeit erschöpft und unsere Glieder vom Frost erstarrt.

Kaum hatten wir mit unserer Arbeit begonnen, so sah ich, zwölf Fuß über unseren Köpfen, eine Hauptronde herankommen, und der Schein ihrer Stocklaterne fiel genau auf die Stelle, wo wir arbeiteten. Um der Entdeckung zu entgehen, blieb uns nichts anderes übrig, als unterzutauchen, und dieses Manöver mußten wir jedesmal wiederholen, wenn sie wieder vorbeikamen, d. h. jede halbe Stunde. Man wird mir verzeihen, wenn ich hier einen anderen Zwischenfall berichte, der mir anfangs einen tödlichen Schrecken einjagte, schließlich mir aber nur komisch vorkam. Ich erzähle ihn, weil ich versprochen habe, alle Einzelheiten getreulich zu schildern, und weil man vernünftigerweise doch nur darüber lächeln kann: eine Schildwache, die in geringer Entfernung von uns auf der Mauerkrone auf und ab ging, kam an unsere Arbeitsstelle und stand plötzlich genau oberhalb meines Kopfes still; ich glaubte schon, wir seien entdeckt und verspürte eine entsetzliche Herzbeklemmung. Aber bald hörte ich, daß der Soldat nur Halt gemacht hatte, um Wasser zu lassen, oder vielmehr, ich fühlte es, denn nicht ein einziger Tropfen ging bei meinem Kopf und meinem Gesicht vorbei. Als die Schildwache wieder fort war, mußte ich meine Mütze fortwerfen und meine Haare auswaschen. Neun Stunden lang brachen wir unter beständigem Zittern und Zagen Steine los, und endlich, nach unsäglicher Mühe, hatten wir durch die vier und einen halben Fuß dicke Mauer ein Loch gemacht, das groß genug war, um unsere Körper durchzulassen. Wir schoben und zogen uns gegenseitig hindurch. Schon wollten unsere Seelen frohlocken, als eine unvermutete Gefahr uns plötzlich beinahe das Leben gekostet hätte. Wir wateten durch den Graben der Porte Saint-Antoine, um von hier aus die Landstraße von Bercy zu gewinnen; kaum hatten wir fünfundzwanzig Schritte gemacht, so gerieten wir in den in der Mitte fließenden Kanal und hatten zehn Fuß Wasser über unseren Köpfen und zwei Fuß tief Schlamm unter unseren Füßen; dieser Schlamm hielt uns fest, so daß wir den Rand des Kanals, obwohl dieser nur sechs Fuß breit ist, trotz aller Anstrengung nicht erreichen konnten. Allègre warf sich auf mich und hätte mich beinahe zum Fallen gebracht; dann wären wir verloren gewesen, wir hätten nicht mehr die Kraft gehabt, uns wieder hochzuarbeiten und wären in dem Moderschlamm umgekommen. Sobald ich fühlte, daß Allègre mich anpackte, gab ich ihm einen so heftigen Faustschlag, daß er mich loslassen mußte; mit einem gewaltigen Ruck schnellte ich mich empor und gelangte auch glücklich aus dem Kanal heraus; dann streckte ich meinen Arm aus, packte Allègre an seinen Haaren und zog ihn an mich. Bald waren wir außerhalb des Grabens und mit dem Glockenschlage fünf standen wir auf offener Landstraße.

Von gleichem Gefühl fortgerissen, stürzten wir einander in die Arme und hielten uns innig umschlungen. Dann warfen wir uns auf die Knie, um Gott, der uns durch so viele Gefahren gnädig hindurchgeführt hatte, im Gebet unseren Dank darzubringen. Doch solche Augenblicke lassen sich wohl nachfühlen — sie zu beschreiben, sind Worte zu schwach.

Nachdem wir diese Pflicht erfüllt, dachten wir daran, die Kleider zu wechseln; da sahen wir, was für eine glückliche Vorsicht es gewesen war, trockene Kleider in einem wasserdichten Mantelsack mitzunehmen! Die Nässe hatte also unsere Glieder erstarrt, und wir fühlten den Frost jetzt mehr als während unserer neunstündigen Arbeit im Eiswasser. Keiner von uns beiden wäre imstande gewesen, sich aus- und wieder anzukleiden, und wir mußten uns wechselseitig diesen Dienst erweisen. Endlich bestiegen wir einen Fiaker und ließen uns zu Herrn de SilhouetteDer bekannte Generalkontrolleur der Finanzen, unsterblich geworden durch die nach ihm benannten Schattenrissporträts ›schwarz wie seine Seele und leer wie seine Kasse‹, wie es in Brachvogels ›Narziss‹ heisst., dem Kanzler des Herzogs von Orleans, fahren. Ich kannte ihn sehr gut und war einer freundlichen Aufnahme sicher. Zum Unglück befand er sich in Versailles.

Wir suchten nun Zuflucht bei einem ehrenwerten Manne, den ich gleichfalls kannte; es war ein Goldschmied, namens Fraissinet aus Béziers. Er erzählte mir, daß ein gemeinsamer Freund von uns, Dejean, der aus meinem Heimatsort Montagnac stammte, sich mit seiner Gemahlin in Paris aufhielte. Diese Nachricht gab mir vollends allen Lebensmut zurück. Dejean war der Sohn eines im ganzen Languedoc von allen Protestanten als ihr Oberhaupt verehrten Mannes; mein Freund hatte die Tugenden seines Vaters geerbt. Ich erfuhr bald, daß auch seine Gattin sie in vollem Maße besaß. Sie fragten wenig nach der Gefahr, die darin lag, zwei Menschen fortzuhelfen, die nicht nur aus der Bastille, sondern sogar dem Haß der königlichen Geliebten zu entfliehen gewagt hatten. Doch waren sie so vorsichtig, uns nicht in ihr Haus aufzunehmen, sondern bei ihrem Schneider, einem gewissen Rouit, unterzubringen; dieser wohnte nämlich in Abbaye Saint-Germain, wo man vor den Nachforschungen der Polizei sicherer war. Dejean und seine Frau kamen jeden Tag zu uns heraus, um uns Hilfe und Trost zu bringen.

Für die Marquise de Pompadour war es ein harter Schlag, gleich zwei Opfer auf einmal zu verlieren. Ihr Herz, das ein so großes Bedürfnis hatte, sich an unseren Qualen zu weiden, mußte einen großen Zorn empfinden, als sie vernahm, daß unsere Flucht sie eines so kostbaren Genusses beraubt hatte. Zudem mußte sie auch unsere Vergeltung fürchten; wir konnten dem Publikum alle jene Greuel schildern, die sie an uns begangen und unter denen noch so viele andere unglückliche Opfer litten. Wir konnten alle unsere Mitbürger in die von uns erlittenen Qualen einweihen, und ganz Frankreich hätte unser Entzücken über die wiedergewonnene Freiheit geteilt. Sie wußte dies, und das ist auch der Grund, warum sie niemals einem Menschen, den sie in den Kerker gestoßen hatte, die Freiheit zurückgab; in den engen Wänden der Verließe erstickte sie alle Seufzer und wütenden Verwünschungen.

Da wir diese ihre Befürchtungen genau kannten und wußten, auf welche Weise sie sie gewöhnlich zu beruhigen suchte, so zweifelten wir nicht daran, daß man uns mit Aufgebot aller Kräfte nachspürte. Ich verspürte dieses Mal keine Anwandlungen, mich ihr zu Füßen zu werfen und ihre Gnade anzurufen, und ich schreckte nicht vor dem Gedanken zurück, mein Vaterland zu verlassen. Aber es wäre zu unvorsichtig gewesen, gleich in der allerersten Zeit uns ins Freie zu wagen. Fast einen vollen Monat blieben wir unter der Obhut der Freundschaft versteckt; es wurde abgemacht, daß wir nicht zusammen abreisen sollten, damit, wenn einer von uns das Unglück haben sollte, ergriffen zu werden, dies dem Kameraden als Warnungszeichen dienen könnte.

Allègre brach zuerst auf und begab sich als Bauer verkleidet nach Brüssel, wo er glücklich und ohne Unfall ankam; er gab mir auf eine zwischen uns verabredete Art Kenntnis davon, und sofort machte ich mich auf den Weg zu ihm. Ich nahm den Taufschein meines Wirts, der ungefähr von meinem Alter war, und versah mich mit gedruckten Prozeßeingaben und alten Aktenstücken, um einen glaubhaften Vorwand angeben zu können, falls ich etwa unterwegs nach meinem Reisezweck befragt werden sollte.

Eines Nachts verließ ich in Bediententracht Paris und wartete in der Entfernung einiger Meilen von der Hauptstadt auf die Postkutsche nach Valenciennes, in der ich zum Glück noch einen leeren Platz fand. Mehrere Male wurde ich von reitenden Wegepolizisten angehalten, untersucht und ausgefragt. Ich antwortete, ich reiste nach Amsterdam, um dem Bruder meines Herrn die Aktenstücke zu überbringen, die ich bei mir hätte. Mit Hilfe dieser List entkam ich denn auch glücklich den Nachstellungen der gegen mich aufgebotenen Häscher.

Indessen ging das nicht immer ganz leicht. In Cambrai antwortete ich dem Gefreiten, der mich verhörte, auf seine Frage, woher ich wäre: ich stammte aus Digne in der Provence. Er bemerkte mir darauf, an diesem Ort habe er selbst zehn Jahre verbracht; er erkundigte sich nach mehreren der angesehensten Einwohner; zu meiner Verlegenheit hatte ich nicht einmal ihre Namen je gehört; ich wußte nicht, was ich sagen sollte, denn es war kaum glaublich, daß ein Mann aus Digne die genannten Leute wirklich nicht kannte. Zum Glück fiel mir die Fabel von dem Delphin ein, auf dessen Rücken sich ein aus einem Schiffbruch entronnener Affe geflüchtet hatte. Das Seetier fragte seinen Reiter, ob er den Piräus kenne; dieser antwortete ganz frech: »Piräus ist einer meiner besten Freunde.« Der Delphin sah sich um, bemerkte, daß er nur einen Affen trug und warf ihn ins Meer. — Ich machte mir diese Lehre zunutze, gab keine bestimmte Antwort und tat, als suchte ich in meinem Gedächtnis die Namen der von dem Beamten genannten Personen. Ich stellte mich sehr erstaunt, daß ich mich nicht gleich auf sie besinnen könnte und fragte endlich, von welcher Zeit er denn eigentlich spreche. »Ich war vor achtzehn Jahren dort,« versetzte er. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich bemerkte ihm, vor achtzehn Jahren wäre ich ein ganz kleiner Junge gewesen, die von ihm erwähnten Persönlichkeiten müßten lange gestorben sein. Er gab sich damit zufrieden und sprach von anderen Sachen; doch war mir nicht behaglich zumut und ich ergriff die erste beste Gelegenheit, ihm meinen Kratzfuß zu machen und mich zu entfernen.

In Valenciennes nahm ich die Brüsseler Postkutsche. Auf halbem Wege zwischen Valenciennes und Mons steht neben der Straße ein großer Pfahl, der auf der einen Seite das französische, auf der anderen das österreichischeBelgien (mit Ausnahme des Bistums Lüttich) war bekanntlich damals habsburgisch. Wappen trägt; er bezeichnet die Grenze der beiden Staaten. Als wir an dieser Stelle vorbeikamen, ging ich gerade, um mir ein bißchen Bewegung zu machen, neben unserem Wagen her. Einem unwillkürlichen Drange folgend, stürzte ich mich auf die fremde Erde und küßte sie voll Entzücken. Endlich konnte ich in Frieden atmen — oder glaubte es wenigstens! Meine Mitreisenden waren über ein solches Benehmen sehr erstaunt und fragten mich nach dem Grunde. Ich schützte vor, ich wäre ein paar Jahre vorher gerade um diese Stunde einem großen Unglück entronnen und verfehlte daher niemals, in dem nämlichen Augenblick Gott meine ganze Dankbarkeit kund zu tun.

Am nächsten Abend kam ich endlich in Brüssel an. Ich hatte hier im Jahre 1747 die Winterquartiere verbracht und kannte es also schon. Ich stieg im Gasthaus Coffi am Rathausplatz ab, wo Allègre mir Rendezvous gegeben hatte. Ich fragte den Wirt nach meinem Freund; er antwortete, er wisse nicht, was aus ihm geworden sei. Ich tat einige andere Fragen, ich wurde dringlich, er zögerte verlegen. Nun wurde mir alles klar. Ich begriff, was meinem unglücklichen Genossen zugestoßen war, und was mir ohne Zweifel bevorstand. Ich bewahrte mir aber ein ruhiges Gesicht und ging nach draußen, um mir meinen Schmerz und meinen Schreck auszuweinen. Ich hatte hinterlassen, ich wünschte ein Zimmer und würde erst um zehn Uhr zum Nachtessen zurückkehren, weil ich noch einige Geschäfte zu erledigen hätte. Ich verließ aber im selben Augenblick die Stadt.

Allègre würde mich ohne Zweifel im Gasthause erwartet haben; er kannte ziemlich genau den Zeitpunkt meiner mutmaßlichen Ankunft. Er würde daher, falls er hätte ausgehen müssen, ganz bestimmt mir einen Zettel hinterlassen haben, worin er milden Grund und die Dauer seiner Abwesenheit mitgeteilt hätte. Sein völliges Stillschweigen, die verlegenen und zweideutigen Antworten des Wirtes, dies alles sagte mir nur zu deutlich, daß er entdeckt war und mir ohne Zweifel bald dasselbe Schicksal bevorstände.

Ich belegte daher, ohne Zeit zu verlieren, einen Platz in dem Antwerpener Marktschiff, das Punkt neun Uhr abging. Um die Abfahrt abzuwarten, trat ich in eine nahe gelegene Schenke ein, wo ich einen jungen Savoyarden traf, der die gleiche Reise machen wollte; seine Frau und einige Verwandte waren anwesend, um ihm das Geleite zu geben. Als er hörte, daß ich mit ihm fahren würde, suchte dieser Savoyarde, seines Zeichens Schornsteinfeger, meine Bekanntschaft zu machen. Es war kein Wunder, daß er mich für einen geeigneten Kameraden hielt, denn ich trug, wie erwähnt, Bedientenkleider; übrigens war er selbst durchaus anständig und reinlich gekleidet. Wir wurden bald sehr vertraut. Er ging nach Amsterdam, wo ich mir ebenfalls eine sichere Zuflucht suchen wollte; da er sehr gut holländisch sprach, bot er sich mir als Dolmetsch und Führer an.

Wir speisten zusammen, meine Gesellschaft entzückte ihn, aber ich selbst war weit entfernt, mich der glücklichen Seelenruhe zu erfreuen, die er zu genießen schien. Wir fuhren ab. Unterwegs fragte ich ihn nach den letzten Brüsseler Neuigkeiten, und man kann sich mein Erstaunen denken, als er als besonders interessant das traurige Abenteuer berichtete, von dessen beiden Helden ich selbst der eine war! Obwohl ich nicht ganz unvorbereitet war, erschauerte ich doch vor Entsetzen, und das Blut erstarrte mir in den Adern.

Er erzählte mir, von den beiden aus der Bastille entsprungenen Gefangenen sei der eine vor kurzem nach Brüssel gekommen und bei Coffi abgestiegen. Nachdem er zuerst Bauernkleidung getragen, habe er plötzlich sein Kostüm gewechselt und sei viel mit höheren Offizieren und anderen Leuten von Stande spazieren gegangen, habe auch mit ihnen gespeist. Ein Justizbeamter habe Befehl empfangen, ihn zu verhaften und ihn in sein eigenes Haus geführt, unter dem Vorwande, ihn nach Stand und Namen befragen zu müssen. Er habe ihn dort bis zum anderen Morgen in einem Zimmer eingesperrt gehalten und ihn dann dem Groß-Profoß von Brüssel übergeben. Dieser habe ihn unter guter Bewachung bis an die Tore von Lille geführt, wo ein französischer Polizeigefreiter, der schon von Brüssel an in ihrem Gefolge war, den Gefangenen amtlich in Empfang nahm. Allègre wurde, wie später Latude, in die Bastille zurückgebracht und mit Ketten gefesselt ins Verliess geworfen. Er verfiel daselbst in Tobsucht und man verbrachte ihn nach der Irrenanstalt Charenton, wo er, als Latude seine Denkwürdigkeiten veröffentlichte, bereits 26 Jahre lang als unheilbar tobsüchtig in einem unterirdischen Verliess in Ketten lag. Mein Savoyarde hatte diese Einzelheiten von einem ihm befreundeten Bedienten des an der Sache beteiligten Justizbeamten erfahren. Er bat mich um strenge Diskretion, da solche auch ihm abverlangt sei; es sei nämlich wichtig, daß sich das Gerücht von dem Vorfall nicht verbreite, weil man auch den zweiten Flüchtling noch zu fangen hoffe, den man im selben Gasthof erwarte.

Welche Gefühle stürmten auf mich ein! Und doch mußte ich, um bei meinem Reisegefährten keinen Verdacht zu erregen, ein heiteres und ruhiges Gesicht zeigen, obwohl mir das Herz blutete und die Besinnung mir zu schwinden drohte. Mein Entschluß mußte schnell gefaßt werden; wenn man mir aufgelauert hatte, so hatte man unfehlbar auch meinen Weg bald erkundet; der Wirt mußte mich unbedingt erkannt haben, und das genügte, um mich in Gefahr zu bringen, jede Minute verhaftet zu werden. Wenn unsere unbarmherzige Verfolgerin die Macht gehabt hatte, den unglücklichen Allègre im Ausland verhaften zu lassen, so war es klar, daß ihre Wut keine Hindernisse fand, ich also in derselben Gefahr schwebte. Ich mußte daher einen anderen Weg nehmen, um die Häscher auf meiner Spur zu täuschen, die nicht anders glauben konnten, als daß ich nach Amsterdam ginge.

Ebenso wichtig war es, meinem Savoyarden jeden Verdacht zu benehmen. Ich fragte ihn daher, ob das Rotterdamer Schiff bei Bergen op Zoom vorbei käme. Er verneinte dies. Ich wußte es besser als er, spielte aber den Erstaunten, sagte, ich hätte in diesem letzteren Ort den Betrag eines Wechsels einzukassieren, und sprach ihm mein herzliches Bedauern aus, daß ich die Reise nicht mit ihm fortsetzen könnte. Wir gaben uns gegenseitig das Versprechen, uns in Amsterdam wieder zu sehen. In Antwerpen, wo das Schiff Halt machte, trennte ich mich von ihm, nachdem ich ihm, zum Trost für den Verlust der Reisegesellschaft, einiges von meinem Vorrat an Brot, Schinken und Branntwein abgegeben hatte. Meine Freigebigkeit entzückte ihn, und er wollte mich aus Dankbarkeit durchaus ein Stück Weges nach Bergen op Zoom begleiten, da das Schiff längeren Aufenthalt hatte.

Kaum hatte ich ihn aus dem Gesicht verloren, so schlug ich einen anderen Weg ein und marschierte ohne Unterbrechung, bis ich auf holländischem Gebiet war. Ich war innerlich überzeugt, daß ich bei der Ankunft des Schiffes in Amsterdam einen Gefreiten der Brüsseler Polizei zu meinem Empfang würde vorgefunden haben, der schon Mittel gefunden hätte, mich festzunehmen. Das Unglück meines armen Allègre bewies mir, daß die Pompadour sich durch kein Bedenken zurückhalten ließ.Nicht lange danach wurde Latude in Amsterdam auf Betreiben der Pompadour von einer französischen Polizeimannschaft aufgehoben. Der Senat der Generalstaaten hatte seine Einwilligung erteilt, nachdem die Pompadour 217000 Livres Bestechungsgelder ausgegeben hatte.

II.

(An Händen und Füßen gefesselt wurde Latude von Amsterdam in die Bastille zurückgebracht und dort ins Verließ geworfen.)

Ich wurde meiner Kleider entledigt, und, wie das erstemal, mit halbverfaulten Lumpen bedeckt; man legte mir Fesseln an Hände und Füße und stieß mich in ein Kerkerloch, wo ich ein paar Hände voll Stroh erhielt. Zu Wächtern wurden mir gerade die Leute bestellt, denen ich einmal entwischt war, und die mit drei Monaten Gefängnis für das Verbrechen bestraft waren, meine Flucht nicht verhindert zu haben.

Ich will meine Leser nicht durch eine neue Schilderung meiner gräßlichen Lage ermüden; sie werden sie sich selbst leicht vorstellen können.

Vierzig Monate hintereinander blieb ich in meinen Fesseln, dem ganzen Elend meines Schicksals und der Tyrannei meiner unerbittlichen Verfolger preisgegeben. Ich teile an anderer Stelle den Wortlaut eines Berichtes mit, den ein Wundarzt in amtlichem Auftrag über meinen Gesundheitszustand erstattete; man wird schaudern über die Leiden, die ich damals zu erdulden hatte. Aber jetzt habe ich genug von Henkern und Folterqualen gesprochen; gehen wir einen Augenblick zu den Tröstungen, ja zu den Freuden über, die ich in diesem Verließ genossen habe.

Gewiß, Freuden! Ich verschaffte mir welche. Begreiflicherweise wurden sie mir nicht von Menschen zuteil; wie hätte ich auch dergleichen von ihnen erwarten können! Ich fand sie in Gesellschaft von Tieren, die uns als die abstoßendsten und ekelhaftesten erscheinen; ich fand sie, indem ich an ihren Spielen und Freuden teilnahm, ja, ich darf sagen, indem es mir gelang, ihre Liebe zu erwerben.

Lange Zeit hatte ich zu meinen schlimmsten physischen Leiden die Qual gerechnet, daß ich unaufhörlich von einer Menge Ratten belästigt wurde, die meiner Nahrung nachstellten und in meinem Strohlager Wärme suchten. Manchmal liefen sie mir, während ich schlief, über das Gesicht und zuweilen bissen sie mich sogar, so daß ich empfindliche Schmerzen davon hatte. Da ich außerstande war, sie zu verjagen und also notgedrungen mit ihnen leben mußte, so beschloß ich, sie mir zu Freunden zu machen. Bald ließen sie mich bei ihren Spielen zu und ich verdanke ihnen die einzige glückliche Zerstreuung, die mir in meiner fünfunddreißigjährigen Leidenszeit beschieden war. Ich will erzählen, wie unser interessanter Verkehr zustande kam.

Die Verließe der Bastille sind achteckig. In dem von mir bewohnten war in einer Höhe von zwei und einem halben Fuß über dem Boden eine Schießscharte ; sie war ungefähr zwei Fuß hoch und achtzehn Zoll breit, verengerte sich aber immer mehr, so daß sie an der Außenseite der Gefängnismauer nur noch etwa drei Zoll breit war. Durch dieses Loch erhielt ich das bißchen Licht und Luft, das man mir vergönnte; der Grundstein desselben diente mir zugleich auch als Tisch und Sitz, wenn ich es auf meinem verfaulten und übelduftenden Stroh nicht mehr aushalten konnte und mich an diese Scharte schleppte, um ein wenig frische Luft zu atmen; um das Gewicht meiner Ketten nicht so sehr zu fühlen, legte ich dann meine Arme und Ellbogen auf diesen Stein.

Als ich eines Tages so saß, sah ich am Eingang der Schießscharte eine große Ratte erscheinen. Ich rief sie, sie sah mich an, ohne Furcht zu verraten; ich warf ihr vorsichtig, um sie nicht durch eine allzu hastige Bewegung zu erschrecken, ein Stückchen Brot hin, sie kam, nahm das Brot, lief ein kleines Stückchen weiter weg, um es zu verzehren, und schien ein zweites von mir zu wünschen. Ich warf es ihr zu, aber ein wenig mehr in meine Nähe, ein drittes noch näher und so noch mehrere andere. Dies dauerte so lange, als ich ihr noch Brot zu geben hatte, dann als sie ihren Hunger befriedigt hatte, schleppte sie alle Krumen, die sie nicht aß, in ein Loch.

Am anderen Morgen kam sie wieder; ich war wieder ebenso freigebig; ich gab ihr sogar ein wenig Fleisch, das sie noch besser zu finden schien als das Brot; diesmal fraß sie in meiner Gegenwart, was sie den Tag vorher nicht getan hatte. Am dritten Tage waren wir schon so vertraut geworden, daß sie mir die Gaben, die ich ihr reichte, aus den Fingern nahm.

Ich weiß nicht, wo sie vorher ihr Nest gehabt hatte; aber sie schien sich ein anderes suchen zu wollen, um mir näher sein zu können; sie sah an jeder Seite der Scharte ein ziemlich tiefes Loch, sie untersuchte beide und schlug ihr Heim in dem zur Rechten auf, das sie für bequemer halten mochte. Am fünften Tage schlief sie zum erstenmal in ihrer neuen Wohnung. Am anderen Morgen machte sie mir zu recht früher Stunde ihren Besuch und ich reichte ihr ihr Frühstück; als sie tüchtig gefressen hatte, verließ sie mich, und ich sah sie erst am Tage darauf wieder, wo sie wie gewöhnlich kam. Aber ich bemerkte, als sie aus ihrem Loch hervorkam, daß sie nicht mehr allein war; ich sah ein Weibchen, das nur seinen Kopf hervorstreckte und genau zu beobachten schien, was wir wohl miteinander machten.

Vergeblich rief ich sie, warf ihr Brot und Fleisch-Stückchen hin; sie war augenscheinlich viel zu schüchtern und holte sie sich nicht. Nach und nach aber wagte sie sich doch aus ihrem Loch heraus und nahm die Bissen, die ich ihr bereitlegte. Zuweilen stritt sie sich mit ihrem Männchen darum, und, wenn sie gewandter oder stärker gewesen war als dieses, so zog sie sich mit ihrer Beute in ihr Versteck zurück. Der Gemahl holte sich dann bei mir Trost und fraß, um sie zu bestrafen, den Brocken, den ich ihm gegeben, in ziemlicher Entfernung von ihrem Loche auf, so daß sie ihn ihm nicht streitig machen konnte. Dabei zeigte er ihn ihr, um sie herauszufordern; er setzte sich auf seine Hinterbeine, hielt wie ein Affe sein Stückchen Brot oder Fleisch zwischen den Vorderpfoten und knabberte mit ganz stolzer Miene daran herum. Eines Tages fühlte sein Weibchen sich augenscheinlich durch seine herausfordernde Stellung in ihrer Eitelkeit gekränkt, sie vergaß ihre sonstige Zurückhaltung, stürzte sich auf ihn und packte mit ihren Zähnen den Bissen, den er zwischen den seinigen hielt. Keins von beiden wollte loslassen, und das Weibchen zog auf diese Weise das Männchen nach sich in ihr Loch hinein.

Sobald man mir mein Mittagessen gebracht hatte, rief ich sie stets sofort heran. Das Männchen kam schnell herbei, das Weibchen gewöhnlich langsam und zaghaft; endlich aber entschloß auch sie sich, zu mir zu kommen, und bald fraß sie mir aus der Hand. Einige Zeit darauf stellte sich ein dritter Gast ein; dieser machte nicht so viele Umstände, sondern betrachtete sich schon bei seinem zweiten Besuch als zur Familie gehörig. Diese dritte Ratte schien sich so behaglich zu fühlen, daß sie auch ihre Kameraden an meiner Freundschaft und meinen Geschenken teilnehmen lassen wollte. Am folgenden Tage brachte sie noch zwei mit, diese führten mir im Lauf der Woche noch fünf andere zu, so daß in weniger als vierzehn Tagen unsere Gesellschaft aus zehn großen Ratten und mir bestand.

Ich gab einer jeden ihren besonderen Namen, den sie bald behielten und unterschieden. Wenn ich sie rief, kamen sie sofort, um aus meiner Schüssel oder von meinem Teller zu essen. Doch fand ich ihr etwas zu freies Benehmen schließlich unbequem, da sie manchmal etwas unsauber waren, und mußte ihnen deshalb beiseite anrichten.

Ich hatte sie so zahm gemacht, daß sie sich unter dem Halse krauen ließen; dies schien ihnen sogar angenehm zu sein; niemals aber wollten sie ihren Rücken berühren lassen. Zuweilen amüsierte ich mich an ihren Spielen und spielte selbst mit. Ich warf ihnen ein Stückchen sehr heißes Fleisch hin; die gierigsten liefen danach, verbrannten sich, schrien und ließen es wieder fahren, während die weniger leckeren, die ruhig gewartet hatten, es nahmen, nachdem es kalt geworden war und sich damit in einen Winkel zurückzogen, wo sie sich darein teilten. Manchmal hielt ich Brot oder Fleisch hoch und ließ sie danach springen. Unter ihnen war ein Weibchen, das ich wegen seiner besonderen Behendigkeit Rapino genannt hatte; diese machte mir ganz besonders viel Vergnügen. Sie war ihrer Überlegenheit über die anderen so sicher, daß sie sich um das hingesetzte Futter niemals bekümmerte. Sie saß vor mir in der Stellung eines Jagdhundes, der ein Stück Wild belauert. Wenn ich einen Brocken wegwarf, ließ sie ruhig ein anderes Tier danach laufen, aber im Augenblick, wo es ihn erreicht hätte, schnellte sie sich mit einem gewaltigen Satz empor und fing mit ihrem Schnäuzchen den Bissen in der Luft auf. Wehe dem anderen Tier, wenn Rapino der Sprung mißlang! Denn unfehlbar packte sie es alsdann am Kragen und biß es mit ihren nadelscharfen Zähnen, daß es aufquiekte und seine Beute fahren ließ, auf die Rapino sich dann stürzte.

Mit solchen einfachen und unschuldigen Spielen hatte ich das Glück, mehr als zwei Jahre lang meine entsetzliche Langeweile zu zerstreuen; oft fühlte ich mich sogar glücklich; ein wohltätiger Gott hatte ohne Zweifel dies neue Zaubermittel für meine Einbildung erfunden; in diesen glücklichen Augenblicken existierte für mich keine Außenwelt mehr!

Wenn meine Erinnerung sich manchmal mit den Menschen und ihren Grausamkeiten beschäftigte, so sah ich sie nur wie in einem Traum. Mein geistiger Horizont reichte nicht weiter als die Mauern meines Kerkers; meine Sinne, mein Herz und mein Geist waren in diesen Kreis gebannt. Ich befand mich da im Schoße meiner Familie, sie interessierte mich, sie liebte mich. Warum sollte ich mich in eine andere Welt wünschen, wo ich nur Mörder und Henker fand?

Leider hielten diese süßen und wohltätigen Betrachtungen nicht immer meinen Mut empor; dann bezahlte ich teuer für das kostbare Selbstvergessen, für die Betäubung meiner Leiden. Doch ein glücklicher Zufall verschaffte meinem Geist neue Mittel, sich frei zu machen; es gelang mir dadurch auch, meine kleinen Zöglinge neue Kunststückchen zu lehren und meine Unterhaltungen auf diese Art zu vervielfältigen.

Eines Tages wurde mein Strohlager gewechselt und ich bemerkte in dem neu gebrachten ein Stückchen Rohr. Diese Entdeckung versetzte mich in eine Bewegung, die ich nicht auszudrücken vermag; sofort kam mir der Gedanke, mir eine Flöte oder Querpfeife zu machen, und erfüllte mich mit Entzücken. Ich hatte in meinem Kerker noch keine anderen Töne gehört als das Klirren der Riegel und Ketten; mit einer Flöte würde ich durch eine sanfte und rührende Weise das Grauen dieser Geräusche verscheuchen können; ich konnte meine Seufzer in Töne umsetzen und so die allzu langsam hinschleichenden Stunden des Elends verkürzen. Welch' überreiche Quelle der Genüsse würde mir eine Flöte bieten!

Aber wie sollte ich sie machen? Meine Hände waren von zwei dicken Eisenringen umschlossen, die durch eine Stange aus demselben Metall miteinander verbunden waren; ich konnte sie zwar bewegen, aber natürlich nur mit unendlicher Mühe. Ich hatte zudem kein einziges Werkzeug, meine Wächter hätten mir um alle Schätze der Welt nicht auch nur ein einfaches Stückchen Holz gegeben. Es fiel mir ein, die Schnalle loszulösen, die meinen Hosengurt zusammenhielt; mit meinem Fußeisen gelang es mir, diese Schnalle auseinander zu biegen und eine Art Meißelchen daraus zu machen; aber dieses war so schwach, daß ich nur mit vieler Mühe endlich das Rohr damit zuschneiden, von dem Mark befreien und ihm die richtige Form geben konnte. Nachdem ich mehrere Monate lang daran gearbeitet und fortwährend von neuem versucht hatte, kam ich endlich glücklich damit zustande. Ich sage ›glücklich‹, denn für mich war es wirkliches Glück. Diese Flöte ist sogar noch jetzt mein Glück. Seit vierunddreißig Jahren besitze ich das kleine Instrument; seit vierunddreißig Jahren habe ich es nicht eine Minute lang von mir gelassen. Es hat lange meine Kümmernisse verscheucht, es vergrößert heute noch meine Freuden. Es verschönert mir meine letzten Lebenstage und ich will dafür sorgen, daß es nach meinem Tode in die Hände eines unserer Freiheitsapostel gelegt werde. Möge es in einem der Freiheitstempel aufbewahrt werdenLatudes Denkwürdigkeiten erschienen in der Blütezeit der französischen Revolution. und als Denkzeichen der Gewalttaten des Despotismus dienen!

Die Zeit, die ich diesen wichtigen Arbeiten widmen mußte, hatte mich ein wenig von meinen häuslichen Angelegenheiten abgelenkt, und ich hatte meine kleine Familie vernachlässigt; in dieser Zwischenzeit hatte sie sich bedeutend vermehrt, und es war noch kein Jahr vergangen, so zählte sie sechsundzwanzig Glieder. Ich war sicher, daß keine fremden dabei waren; denn wer sich eindrängen wollte, wurde übel zugerichtet. Sie mußten sich erst mit meinen Freunden auf Leben und Tod schlagen. Diese Kämpfe waren für mich ein unterhaltendes Schauspiel. Sobald die beiden Kämpen einander gegenüberstanden, schienen sie zuerst mit einem einzigen Blick die Kräfte des Gegners abzuschätzen; dann knirschte die stärkere mit den Zähnen, die schwächere schrie auf und wich zurück, ohne sich aber umzudrehen, damit der Gegner nicht auf sie spränge und sie bisse. Die stärkere Ratte greift aber auch nicht von vorne an, weil sie sich dabei der Gefahr aussetzen würde, daß die andere ihr die Augen ausreißt. Ihr Verfahren ist sehr sinnreich und spaßhaft anzusehen: sie verbirgt ihren Kopf zwischen den Vorderpfötchen und schlägt zwei oder drei Purzelbäume, bis sie mit ihrem Rücken den Kopf der Gegnerin berührt. Diese sucht zu fliehen, die andere benutzt diesen Augenblick, um sie zu packen und klammert sich an ihr fest. Zuweilen ist die Beißerin sehr erbittert. Wenn andere Ratten bei dem Kampf anwesend sind, so bleiben sie ruhige Zuschauer; niemals kämpfen zwei gegen eine.

Ich habe die Bemerkung gemacht, daß diese Tiere anscheinend sehr kalter Natur und wenig zur Liebe aufgelegt sind; ich habe sie mit der größten Aufmerksamkeit beobachtet und viele Nächte darauf verwandt, sie zu belauern; niemals habe ich sie sich verbinden gesehen.

Mit großer Freude hätte ich mir auch einige Spinnen zähmen mögen; aber ich war nicht so geschickt wie der unglückliche Pellisson.Pellisson, Geschichtsschreiber Ludwigs des Vierzehnten und Mitglied der Französischen Akademie, büsste seine Anhänglichkeit an Fouquet, dessen erster Rat er 1657 war, mit einer fünfjährigen Haft in der Bastille. Um sie zu fangen, hatte ich mir ein sinnreiches Mittel ausgedacht: Ich band eine Fliege an eins meiner langen Haare fest und hielt sie in der Schwebe über einem Loch, worin ich wußte, daß eine Spinne war; diese kam heraus und packte die Fliege. Nun konnte ich sie herumtragen, wie ich wollte, denn die Spinne konnte nicht an dem Haar emporklimmen und auch nicht ihre Fliege loslassen; so blieb sie also in meiner Gewalt.

Dann band ich das Haar an eine Querstange meines Kerkergitters fest und stellte einen Becher voll Wasser darunter; die Spinne spann einen Faden zu diesem hin, so daß sie herab und hinauf steigen konnte; wenn sie an das Wasser kam, stieg sie wieder zu ihrer Fliege hinauf, und auf diese Weise konnte ich sie lange Zeit halten. Aber trotz aller Versuche gelang es mir nie, mir eine zur Freundin zu machen.

Ich habe mich so lange bei der Erzählung dieser unschuldigen Ergötzlichkeiten aufgehalten, weil sie mir die glücklichsten Stunden meiner Gefangenschaft vergegenwärtigen. Die Menschen wurden mir dadurch ferne gerückt, jedoch vergaß ich sie nicht ganz und gar. Zuweilen erinnerte ich mich ihrer und mit ihnen auch ihrer Quälereien und Grausamkeiten. Dann mußte ich nach neuen Zerstreuungen suchen; und da bot sich meinem Geist eine Beschäftigung dar, der ich mich mit aller Kraft hingab.

Meine tatkräftige Seele hatte immer das Bedürfnis, Pläne zu erdenken und auszuführen: wäre ich frei und eigener Herr meiner Fähigkeiten gewesen, so würde ich meinen Drang an nützlichen Objekten versucht haben; in Ketten und Banden konnte er mir nur dazu dienen, Mittel zu finden, wie ich diese zerbrechen könnte. Nun glaubte ich einen Plan erdacht zu haben, der nach diesen beiden Richtungen zugleich zum Ziele führen konnte; wenigstens dachte ich, mir schmeicheln zu können, wenn ich meinem Vaterlande einen Dienst erweise, so würde meine Freiheit der Lohn dafür sein. Meine Betrachtungen waren folgende: Schon früher war es mir aufgefallen, daß in unserer Armee Offiziere und Unteroffiziere nur mit Hellebarden bewaffnet waren, die während des größten Teils des Gefechts und zuweilen während seiner ganzen Dauer völlig unnütz waren, so daß der Mut ihrer Träger kaum Betätigung finden konnte. Aus dieser schlechten Einrichtung gingen sehr viele böse Folgen hervor. Im Gefecht bedient man sich nicht immer der blanken Waffe, und es kommt doch erst sehr spät zum Nahkampf. Was fangen bis dahin alle Unteroffiziere mit ihren Piken und Hellebarden an? Diese bilden aber nicht nur den zwanzigsten Teil der Armee, sondern sie sind auch die Blüte und Auslese derselben: ohne Zweifel weiß ein Sergeant, der nur durch Tapferkeit und lange Dienstjahre zu seinem Grade kommt, besser mit seinem Gewehr umzugehen und mehr damit zu nützen und dem Feind mehr damit zu schaden, als ein einfacher Rekrut oder ein notdürftig eingeübter Soldat, den der furchtbare Anblick des Gemetzels zagen macht, und der nur mit unsicherer Hand einen nutzlosen Flintenschuß abfeuert! Wie war es möglich, daß man nicht längst hieran gedacht hatte? Welchen Vorteil mußte Frankreich in der ersten Schlacht haben, wenn es auch seine Unteroffiziere mitfeuern ließ! Wie stolz mußten wir sein, dem preußischen Heros eine Lehre und ein Beispiel geben zu können!

Mich quälte der brennendste Wunsch, meinem König und dem Kriegsminister diese Ideen mitteilen zu können. Dies mußte aber sehr geheim geschehen, denn es war sehr wichtig, daß mein Plan bis zur Ausführung nicht bekannt wurde. Es galt, die Feinde mit der vollendeten Tatsache zu überraschen.

Aber worauf schreiben? Wie es anfangen, die Gedanken meines Herzens dem Urteil der zuständigen Persönlichkeiten zu unterbreiten? Während meiner ersten Gefangenschaft hatte Herr Berryer auf seine eigene Verantwortung hin angeordnet, man solle mir Schreibzeug und Papier geben. Dieser Gunst war ich jetzt beraubt; es war sogar ausdrücklich verboten worden, mir diese Hilfsmittel zu reichen. Ich mußte also in meinem eigenen Kopfe, und ich darf wohl sagen, in meinem Mut und in meiner Geschicklichkeit die Mittel finden, den neuen Plan zu entwickeln und ihn ohne Feder und Papier niederzuschreiben. Und es gelang mir.

Um das mir fehlende Papier zu ersetzen, sammelte ich lange Zeit so viele Brotkrumen, als ich ersparen konnte. Ich zerrieb sie in den Händen, machte mittelst Speichel einen steifen Brei daraus, schlug diesen platt und formte ihn zu Täfelchen von ungefähr sechs Zoll im Geviert und zwei Linien Dicke. Diese wurden mit der Zeit vollkommen hart und glatt. Als Federn dienten mir die dreieckigen Gräten, die sich unter dem Bauch des Karpfens finden. Sie sind breit und stark und brauchen nur gespalten zu werden, um sich vorzüglich zum Schreiben zu eignen. Nun fehlte mir nur noch Tinte; mein Blut konnte sie ersetzen, und ich bediente mich desselben.

Ich zog Fäden aus dem Saum meines Hemdes, umschnürte damit so eng wie möglich das Vorderglied meines Daumens, um es aufschwellen zu lassen, und stach mit dem Dorn einer meiner Schnallen hinein, aber jeder Stich lieferte mir nur wenige Tropfen Blut, und ich mußte das Verfahren daher sehr oft erneuern. Bald waren alle meine Finger voll von Stichen, es erfolgte eine Entzündung und starke Anschwellung, die mich besorgt machte. Zudem gerann das Blut, sowie ich einen Buchstaben geschrieben hatte, und ich mußte die Feder von neuem eintauchen. Ich half diesen beiden Übelständen ab, indem ich in meinem Becher das Blut mit ein paar Tropfen Wasser mischte. Das gab eine recht lesbare Tinte, und ich konnte nun eine Denkschrift aufsetzen, worin ich meine eben mitgeteilten Gedanken entwickelte.

Aber dies war noch nicht genug. Meine Abhandlung mußte ins Reine geschrieben werden, und zwar auf Papier, um dem Minister vorgelegt zu werden. Ich konnte diesen Dienst weder von einem meiner Kerkermeister, noch von den Bastillenoffizieren erwarten. Sie würden meine Täfelchen zerbrochen, auch mir meine Arbeit gestohlen haben, indem sie sich selbst mit meinem Einfall gebrüstet hätten. Sonst kam aber kein Mensch zu mir; nur ein Schließer durfte bis zu meiner Gruft dringen. Ich mußte mir also wiederum durch List helfen. Ich verlangte den Major zu sprechen; und da die Herren es gewöhnlich nicht sehr eilig haben, sich nach den Wünschen ihrer Gefangenen zu erkundigen, so trug ich mein Gesuch in sehr entschiedenem Tone vor, um nicht allzu lange warten zu müssen. Sobald er mein Verließ betreten hatte, fragte ich ihn, ob es die Absicht der Marquise de Pompadour sei, meinen Leib und meine Seele zugleich zum Teufel zu schicken.

»Sie sehen,« sagte ich ihm, »ich habe keine Hoffnung mehr, die furchtbaren Qualen, die ich erleide, noch lange auszuhalten; ich bitte, man möge mir zum mindesten die Gnade erweisen, die man auch den größten Verbrechern niemals vorenthält.«

Er versprach mir, man würde auch mir diese Gnade nicht verweigern, und er würde mir augenblicklich den Beichtvater der Bastille zuschicken. Nun muß man wissen, daß der Beichtvater dieses Ortes ein Beamter ist; der Priester, der diese Funktionen versah, gehörte zum Stabe der Festung, folglich war er nicht mehr als ein Spion. In dieser verruchten Höhle, wo man alles wagte, scheute man sich also nicht, selbst unsere geheiligtsten Mysterien zu entweihen, und man fand Gottesdiener, die erbärmlich genug waren, ihr erhabenes Amt zu prostituieren, und barbarisch genug, um sich zu Helfershelfern so vieler Greuel zu erniedrigen!

Der Mann, dem damals dieses Amt oblag, war der Jesuitenpater Griffet, übrigens in der wissenschaftlichen Welt durch etliche schätzbare Werke bekannt. Er kam. Aber er beschäftigte sich nicht mit dem Anlaß, wegen dessen ich ihn scheinbar hatte rufen lassen, er erwähnte nicht einmal das Wort »Beichte«, sondern stellte mir tausend Fragen über mein ganzes bisheriges Leben, meine geglückten Fluchtunternehmungen und die Mittel, die ich angewandt hatte, um den Erfolg zu erzielen. Ich suchte ihn nach Möglichkeit für mich zu interessieren; als ich glaubte, dies sei mir gelungen, sprach ich von meinem Projekt. Ich bat ihn inständigst, er möchte es lesen, und, wenn er es billigte, mir die Möglichkeit verschaffen, es zuständigen Ortes zur Kenntnis zu bringen. Er willigte ein und ich übergab ihm die sechs Tafeln, auf denen die Abhandlung geschrieben stand. Als er die mit meinem Blut hergestellten Schriftzüge sah, fühlte er sich von Bewunderung, gemischt mit Schauder, hingerissen.

»Wäre doch Ihr Herr,« sagte er mir, »ein Kardinal von Richelieu oder ein Friedrich von Preußen! Sie würden Ihren Erfindungsgeist anspornen, belohnen, anstatt ihn in einem Kerker zu ersticken.«

Ich antwortete ihm, unsere Minister hätten von diesen beiden Männern nur ihren grausamen Despotismus; eigentümlich sei ihnen nur die Erbärmlichkeit, die aus der Schwachheit und absoluten geistigen Unbedeutendheit entspringen — doch es handle sich zwischen uns vor allem um meinen Vorschlag. Er billigte ihn, nachdem er meine Gründe gelesen hatte, und versprach mir, ihn sofort dem Polizeipräsidenten mitzuteilen und diesen um die Erlaubnis zu bitten, mir zur Herstellung einer geziemenden Reinschrift Tinte, Feder und Papier zu verabfolgen.

Seine Bitte wurde genehmigt; man brachte mir alles Erforderliche, und am 14. April 1758 wurde meine Denkschrift dem König vorgelegt. Ohne Zweifel las er sie, und ohne Zweifel leuchtete die Richtigkeit meiner Beobachtungen ein, denn man machte sofort Gebrauch davon. Von diesem Zeitpunkt an bewaffnete man, genau wie ich es vorgeschlagen hatte, in mehreren Regimentern alle Sergeanten und Unteroffiziere mit Gewehren; man gewann dadurch fürs Gefecht einen Zuwachs von zwanzigtausend guten und tapferen Soldaten, deren Tapferkeit bis dahin fast ganz nutzlos gewesen war.

Wäre der Günstling eines Großen oder einer Kurtisane der Urheber dieses Planes gewesen, man hätte ihn mit Ehren und fetten Jahrgeldern belohnt — und, wollte Gott, es wären dergleichen niemals auf schlechtere Gründe hin ausgeteilt worden! Ich selbst ersehnte nichts als die Freiheit, um meinem Vaterlande auch weiterhin nützlich zu sein und ihm neue, größere Dienste leisten zu können. Ich wußte nicht, wie töricht es war, meine Freiheit durch solche Mittel erlangen zu wollen. Unter der Herrschaft der Pompadour schmiedete ich damit mir selber meine Ketten fester und zog selbst meine Bande enger zu. Denn je mehr Tatkraft — und vielleicht Talente — ich zeigte, desto gefährlicher erschien ich ihr. Sie sagte ohne Zweifel wie Ludwig der Elfte, dessen Denkweise ihr gewiß vertraut war: »Ein toter Feind beißt mich nicht mehr!«

Mit solchen Grundsätzen konnte sie allerdings wenig Neigung haben, meinen patriotischen Eifer zur Geltung kommen zu lassen. Aber konnte ich solche Grundsätze bei ihr vermuten? Konnte ich vor allem ahnen, daß sie allein die Triebfeder in unserem ganzen Staatsleben war? Es war freilich leider nur zu wahr. Unter ihr war als Minister nur möglich, wer feige genug war, sie zu fürchten, und niedrig genug, ihr zu dienen.

Nachdem ich drei Monate hindurch vergeblich auf den Preis gehofft hatte, den ich für diesen Dienst erwartete — ich hätte ihn als eine Gnade erflehen sollen, während ich ihn stolz als einen gerechten Lohn verlangte! — glaubte ich die Aufmerksamkeit der Königs und seiner Minister von neuem beschäftigen zu müssen, indem ich ihnen noch einen Plan unterbreitete. Mein erster konnte die Schlachten blutiger für unsere Feinde gestalten, mein zweiter wollte in unserem eigenen Lande die Leiden, die der Krieg im Gefolge hat, einigermaßen lindern.

Es schien mir furchtbar, daß die Witwe eines Offiziers oder Soldaten von dem Vaterland, für das ihr Gatte gefallen, kaltsinnig ihren Tränen überlassen wurde, daß der Staat nicht einmal versuchte, den Schmerz und oft genug das Elend zu lindern. Der König von Preußen hatte allen Witwen dieser Art ein Jahrgeld zugesichert, und dieser Beweis von dem Gerechtigkeitsgefühl seines Herzens hatte vielleicht mehr zu seinem Ruhm beigetragen, als die kühn erdachten Schlachtenpläne und die Triumphe seiner Waffen. Überall hatte ich ihn voll Begeisterung deswegen preisen hören; ich hätte auch meinem König gleichen Ruhm gönnen mögen. Doch hierzu war Geld nötig. Der schuldenüberlastete Staat konnte wohl die Mittel für die Verschwendungswut einer Maitresse und für die Habsucht ihrer Höflinge aufbringen, nicht aber die Mittel für Handlungen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Ich gab eine Möglichkeit an, wie man, ohne das Volk neu zu belasten, jeden Bürger an der Bezahlung einer moralischen Schuld teilnehmen lassen konnte: man brauchte nur das Porto jedes Briefes um drei Heller zu erhöhen.3 Heller = ¼ Sou oder 1 Pf. Ich wies nach, daß dieser geringe Aufschlag, der jedermann traf, aber niemand drückte, mehr als hinreichend war, um die Witwenversorgung zu bestreiten; ich gab die Einzelheiten der Ausführung in wohl durchdachter Darstellung an.

Ich sprach zu der Seele des Monarchen, um sie für den schönen natürlichen und einfachen Plan zu begeistern; ich rief ihm zu, man verdiene selbst nur glücklich zu sein, wenn man Menschen glücklich mache.

Meine Eingabe verfehlte völlig ihren Zweck. Ich hatte dem Staat dienen und ihm Ehre machen wollen und mußte zu meinem Schmerz sehen, daß man die von mir angegebenen Mittel nur mißbrauchte, um das Volk neu zu belasten. Kaum war meine Denkschrift dem Hofe vorgelegt, so wurde wirklich das Briefporto erhöht, es wurde auch der Vorwand gebraucht, daß Pensionen für die Witwen der im Kriege gefallenen Offiziere und Soldaten geschaffen werden sollten — aber dies war nur eine schändliche Lüge, um das Volk zu täuschen: die Minister verfügten über den Ertrag der Steuer, und die Witwen erhielten — nichts!

So sollte mir denn keine Hoffnung mehr bleiben! Was ich aus der Tiefe meines Kerkers rief, es wurde nicht mehr gehört, mochte ich nun meine Unschuld beteuern, über meine Leiden klagen oder meine Dienste dem Vaterlande zur Verfügung stellen. Schon neun lange Jahre war ich eingeschlossen, verfolgt, mit schnöden Ketten beladen, und noch hatte man mir nicht einmal gesagt, was mein Verbrechen sei! Kein Ankläger war gegen mich aufgetreten, kein Zeuge hatte ausgesagt, kein Richter ließ sich sehen! Ich rief die Gesetze an — sie waren stumm, und alle ihre Diener hatten taube Ohren für mein Geschrei. Eine gemeine Dirne oder sogar ihre Lakaien, oder irgend ein Minister — der oft nichts besseres und nichts anderes war — konnten nach ihrem Belieben hinter einem Menschen die furchtbaren Tore sich schließen lassen.

Ich konnte also für meine Leiden kein Ende mehr erhoffen; auf dieser Streu, die ich so lange schon mit meinen Tränen benetzt hatte, sollte ich mein Sterbelager finden. Milde, Gerechtigkeit, Erbarmen — alles hatte ich vergebens angerufen! Ich befand mich in dem furchtbaren Zustand, wo der Unglückliche in sich selbst keinen Halt mehr findet, auf die Stimme seines Gewissens nicht mehr hören kann: ja ich will es gestehen, von der Verzweiflung geführt hat meine Hand sich verirrt und den Augenblick des Todes, der allein meinen Leiden ein Ende setzen konnte, zu beschleunigen versucht.

Damit man meine Leiden ermesse, will ich jetzt für einen Augenblick das Wort an einen unverdächtigen Zeugen abgeben. Unter den auf meine Haft bezüglichen Papieren, die mir am 16. Juli in der Bastille übergeben wurden,Nach der Erstürmung am 14. Juli 1789 befand sich auch der amtliche Bericht eines Arztes, den Herr de Sartines beauftragt hatte, mich zu untersuchen und meinen Gesundheitszustand zu begutachten. Der Bericht lautet folgendermaßen:

Mein Herr!

Auf Ihren Befehl habe ich mehrere Male einen Gefangenen in der Bastille besucht; nachdem ich seine Augen untersucht und mit dem Ergebnis meiner Beobachtungen die Mitteilungen des Gefangenen selbst verglichen habe, finde ich es durchaus nicht wunderbar, daß er seine Sehkraft zum größten Teil verloren hat. Seit vielen Jahren schon ist der Gefangene der frischen Luft und der Einwirkung der Sonnenstrahlen beraubt. Vierzig Monate lang hat er mit eisernen Ketten an Händen und Füßen in einem Verließ gelegen. In solcher Lage muß die Natur leiden! Es ist unmöglich, unter so großen Qualen sich der Tränen zu enthalten, und es ist nicht zweifelhaft, daß durch reichlichen Tränenerguß während so vieler Jahre das Gesicht des Gefangenen sehr geschwächt ist.

Der Winter 1756 und 57 war außerordentlich streng; die Seine war gefroren, und in dieser Jahreszeit lag der Gefangene im Verließ in Ketten, auf elendem Strohlager, ohne Decke; in seinem Kerker waren zwei Mauerritzen von zwei und einem halben Zoll Breite und vier Fuß Höhe ohne Fensterscheiben oder verschließbare Läden. Tag und Nacht strich der kalte Wind ihm über das Gesicht: es gibt aber für die Augen nichts Schädlicheres als einen eisigen Luftzug, besonders während man schläft. Der beständig fließende Schnupfen spaltete ihm die Oberlippe; dadurch wurden die Zähne bloßgelegt, die infolge des Frostes fast alle ausfielen; die Haarwurzeln seines Schnnrrbartes wurden zerstört, er wurde ganz kahl. Die Spuren dieser Wirkungen sind noch heute sehr deutlich sichtbar. Nun, wenn der Frost solche Wirkungen hervorrufen konnte, so ist nicht zu bezweifeln, daß die unendlich viel empfindlicheren Augen noch viel mehr leiden mußten.

An der Fensteröffnung des Gefangenen sind vier eiserne Gitter; die Stäbe sind sehr dick und in einer derartigen Anordnung hintereinander gestellt, daß man einen Gegenstand draußen, den man betrachten will, in dreißigfacher Vervielfältigung sieht. Auf die Länge der Zeit ist so etwas dem Gesicht sehr schädlich. Die Mauern der Bastille sind neun bis zehn Fuß dick, folglich sehr feucht; die Feuchtigkeit aber schwächt alle Körperteile und ertötet alle Lebensgeister.

Der Gefangene konnte seine Leiden nicht länger ertragen und beschloß zu sterben. Er brachte hundertunddrei Stunden zu, ohne Speise und Trank zu nehmen; man brach ihm den Mund mit einem Schlüssel auseinander und flößte ihm die Nahrung zwangsweise ein. Als er sich gegen seinen Willen ins Leben zurückgerufen sah, öffnete er sich mit einem Glasscherben die vier Pulsadern; während der Nacht verlor er all sein Blut; es verblieben in seinem Körper vielleicht nicht mehr als sechs Unzen. Mehrere Tage lang lag er bewußtlos; dieser große Blutverlust hat alle seine Kräfte erschöpft. Wenngleich er wieder etwas zugenommen hat, darf man daraus nicht schließen, daß er gesund ist. Infolge des Blutmangels hat er nicht mehr Wärme und Kraft genug, um die schlechten Säfte durch Schwitzen auszuscheiden. Diese Säfte stocken, verdicken sich und bilden eine gewisse Fettmasse, deren Vorhandensein sich mit vielen Krankheiten verträgt; denn wir sehen sehr fette Leute an Rheumatismus, Verstopfungen, Geschwüren, Gicht leiden; alles dies wird nur durch Erschöpfung und Mangel an Transpiration hervorgerufen. Der Gefangene beklagt sich ebenfalls über Rheumatismus und andere Gebrechen, die er sich im Kerker zugezogen hat; aber mit diesen Krankheiten beschäftige ich mich hier nicht, weil sie nicht in mein Fach schlagen.Der Verfasser des Berichtes, Dr. Grandjean, war Spezialist für Augenkrankheiten

Hauptursache des Verlustes seiner Sehkraft ist seine Blutschwäche; dies wird bestätigt durch eine unendliche Zahl von Menschen, die sich über Kurz- und Schwachsichtigkeit beklagen und behaupten, ihr Leiden rühre davon her, daß ihnen in Krankheitsfällen zu starke Aderlässe gemacht seien.

Der Gefangene beklagt sich, daß ihm alles vor den Augen verschwimmt, daß er immer weniger sieht. Er ist nicht mehr jung, sondern hat die Mitte des menschlichen Lebensalters bereits überschritten, er ist zweiundvierzig Jahre alt,Das stimmt nicht ganz mit dem Folgenden; L. war 24 Jahre alt, als er ins Gefängnis kam, er kann also im fünfzehnten Jahre nach seiner Haft nicht älter als neununddreissig gewesen sein; übrigens ändert dies ja an der Sache nichts. er hat herbe Heimsuchungen erlitten! Seit fünfzehn Jahren leidet er ohne Unterlaß; sieben Jahre lang war er des Feuers und Lichtes, der Luft und Sonne beraubt. Zudem hat er achtundfünfzig Monate im Verließ verbracht, davon vierzig mit Ketten an Händen und Füßen, auf einem Strohbund ohne Decke!

Gewiß kann in solcher Lage eine Natur an Tränen oder Leiden zugrunde gehen. Wenn der Gefangene seinen Kopf vornüber neigt, oder beim Schreiben oder Lesen, fühlt er Stöße im oberen Teil des Gehirns, wie wenn ihm starke Faustschläge versetzt würden; zugleich verliert er für eine oder zwei Minuten das Sehvermögen. Diese Zufälle sind sehr gefährlich; es können bei solchen Gelegenheiten leicht Blutgefäße springen; dies kann einen Schlagfluß oder auch eine Lähmung der Sehnerven zur Folge haben.

Durch Einreibungen, Waschungen, aromatische Dampfbäder habe ich die unfreiwilligen Tränenverluste völlig zum Stillstand gebracht, die Entzündung der Augen gehoben, ja sogar die scheibenförmigen Muskeln der Iris, die sehr bedeutend erweitert waren, in ihre alte Gestalt zurückgebracht. Er hätte daher auch die frühere Sehkraft zurückerlangt, wenn deren Verlust nicht durch das übermäßige Weinen und durch die Blutschwäche verursacht wäre. Es ist daher unmöglich, ihm die Sehkraft wiederzugeben.

Ich habe es für notwendig gehalten, Ihnen diese Darstellung zu geben, weil es überflüssig ist, des Königs Geld für Arzneimittel und meine Besuche auszugeben. Einzig und allein die Erlösung aus seinem Unglück, frische Luft und starke körperliche Bewegung können dem Gefangenen den geringen Rest seiner Sehkraft erhalten. Die Luft wird alle Glieder und Organe seines Körpers kräftigen, und die starke Bewegung wird ihn von dem Übermaß der schlechten Säfte im Kopfe befreien, wodurch seine häufigen Zuckungen hervorgerufen werden und welche den völligen Verlust des Sehvermögens verursachen werden, wenn man ihn noch länger leiden läßt. Gezeichnet: Grandjean.

Nun? was sagt man dazu, daß die sachverständigen Ratschläge des Arztes, seine furchtbaren Schilderungen meiner Lage auf das Herz meiner Verfolger durchaus keinen Eindruck machten? Ich blieb in meinem Verließ! Man versetzte mich erst lange Zeit nachher in ein anderes Gelaß, als mein Loch infolge einer Seineüberschwemmung voll Wasser lief. Man erweise aber ja nicht meinen Henkern die Ehre, zu glauben, daß Mitleid sie bewegt habe! Der Befehl, mich in eins der Turmzimmer überzuführen, wurde erst gegeben, als der Schließer, der mich bediente, sich bitterlich darüber beklagte, daß er jedesmal, wenn er zu mir käme, durch das Wasser waten müßte!

Endlich atmete ich also eine etwas weniger dicke Luft und konnte mir durch meine Eisengitter hindurch eine unbestimmte Vorstellung von der Farbe des Himmel machen! Man brachte mich in das erste Zimmer des Turms La Comte. Es hatte keinen Kamin, so daß es, wie man sieht, noch ziemliche Ähnlichkeit mit dem Verließ hatte. Man befürchtete ohne Zweifel, meine Seele zu schnell an ein sanfteres Los zu gewöhnen. Ein anderer Grund, warum man mir dieses Zimmer gab, war der, daß es zum Bezirk des Schließers Daragon gehörte. Er war der unbarmherzigste aller Menschen; da er schon um meinetwillen bestraft war, weil er meine Flucht nicht verhindert hatte, so konnte er natürlich nicht verfehlen, mich unter dem Vorwande peinlicher Wachsamkeit aufs grausamste zu verfolgen.

Man beschuldige mich nicht, daß ich meinen Feinden ohne Ursache so scheußliche Beweggründe für ihre Handlungsweise unterschiebe. Ich habe Beweise; hier ist einer von vielen:

Ich sagte, meine neue Wohnung glich in mancher Hinsicht dem Kerker, den ich verlassen hatte. Immerhin war sie weniger feucht, die Luft, die ich atmete, war weniger dick, oder vielmehr: in meinem Zimmer war sie nur ungesund, in meinem Verließ dagegen war sie das reine Gift gewesen, dessen Wirkung ich bei jedem Atemzuge in den Schmerzen meiner Eingeweide verspürt hatte. Das war allerdings ein Unterschied. Aber es war noch ein anderer Unterschied da: ich fand in dem neuen Raum meine Zerstreuung, meine Tröstung in all den Qualen nicht wieder; ich hatte meine ganze kleine Familie nicht mit mir nehmen können. Ich sehnte mich schmerzlich nach ihr, da bot ein glücklicher Zufall mir einen Ersatz.

Ziemlich häufig setzten Tauben sich in mein Fensterloch; ich faßte den Plan, mir einige zu zähmen. Da meine Gedanken gänzlich von diesem Gegenstand erfüllt waren, so suchte ich den Plan unverzüglich auszuführen. Ich verfertigte aus einigen Fäden, die ich aus meinen Hemden und Bettüchern zog, ein kleines Netz, das ich außerhalb meines Fensters anbrachte. Ich fing darin einen prächtigen Täuberich; bald hatte ich auch das Weibchen, das freiwillig zu kommen schien, um die Gefangenschaft des Gatten zu teilen. Ich bot alles auf, um sie für den Verlust ihrer Freiheit zu trösten, ich half ihnen ihr Nest bauen, ihre Jungen füttern und wärmen. Sie schienen nicht fühllos dafür zu sein und suchten mich durch Liebkosungen zu erfreuen. Ich beschäftigte mich nur noch mit ihnen! Wie verfolgte ich alle ihre Bewegungen! Wie gönnte ich ihnen ihr Liebesglück, ich vergaß mich bei ihrem Anblick, und meine Einbildung schwelgte zuweilen in der Vorstellung ihrer Wonnen!

Alle Offiziere der Bastille besuchten mich, voll Erstaunen ob meiner Geschicklichkeit, und wollten meine Tauben sehen. Ich erzählte ihnen von meinen Freuden, von meinen Genüssen; sie waren sehr überrascht davon. Natürlich! Menschen wie sie, die rein geistige Freuden nie empfanden, konnten solche auch bei einem anderen nicht verstehen.

Daragon mißgönnte mir mein Glück und beschloß, es zu stören. Der armselige Wicht zitterte vor Wut, wenn er sah, daß mein Herz einmal nicht vor Schmerz zuckte. Er hatte einen Rückhalt an einigen Vorgesetzten, deren gefällige Kreatur er war, und die alle seine Niederträchtigkeiten guthießen. Man billigte alles, was er sich zu erlauben wagte. Er beschloß also, mir meine Tauben zu nehmen, oder mich die Erlaubnis, sie zu behalten, teuer bezahlen zu lassen. Ich schenkte ihm jeden Sonntag eine von den sieben Flaschen Wein, die ich wöchentlich geliefert erhielt. Er war so schamlos, für die Zukunft vier Flaschen zu fordern. Ich stellte ihm vor, in meinem Schwächezustand könnte ich das Stärkungsmittel, das mir so notwendig zur Bewahrung und Wiedergewinnung meiner Kräfte wäre, nicht fortgeben. Er sagte mir, wenn ich ihm den Wein nicht gäbe, so kaufte er mir kein Korn mehr zu Futter für meine Tauben — das ich ihm übrigens bereits mit dem vierfachen Preis bezahlte. Empört über so viel Frechheit, antwortete ich ihm ein wenig barsch. Schäumend vor Wut ging er ab und kam kurz darauf wieder mit der Meldung, der Gouverneur habe ihm befohlen, meine Tauben zu töten. Meine Verzweiflung bei diesem Donnerwort war entsetzlich, ich fühlte meine Vernunft schwinden, ich hätte mein Leben hingegeben, um an dem Scheusal meine nur zu gerechte Rache kühlen zu können. Ich sah ihn eine Bewegung machen, um sich auf die unschuldigen Opfer meines Unglücks zu stürzen. Da kam ich ihm zuvor, ich ergriff sie und erwürgte sie, bewußtlos vor Schmerz, mit meinen eigenen Händen. Nur mit Grauen vermag ich noch jetzt an jenen Augenblick zurückzudenken.

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