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Eingekerkerte und Ausbrecher

Heinrich Conrad: Eingekerkerte und Ausbrecher - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
booktitleEingekerkerte und Ausbrecher
authorHeinrich Conrad
titleEingekerkerte und Ausbrecher
seriesRARA - Eine Bibliothek des Absonderlichen
volume6
publisherVerlag Robert Lutz - Stuttgart
printrun2
senderhille@abc.de
created20040701
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Graf von Lavalette und seine Frau

Marie Chamans Graf von Lavalette wurde nach der Schlacht von Arcole Adjutant des Generals Bonaparte; dieser vermählte ihn mit Emilie Beauharnais, der Nichte Josephines, Von 1800 bis zur Restauration von 1814 stand er an der Spitze des französischen Postwesens. Als Ludwig XVIII. am 30. März 1815 aus Paris floh, übernahm Lavalette ohne Auftrag wieder die Postverwaltung, die der Generaldirektor Ludwigs XVIII., Graf Ferrand, bereits aufgegeben hatte. Nach der abermaligen Rückkehr der Bourbonen wurde er deswegen verhaftet. — Die folgende Schilderung von Lavalettes Haft und Flucht ist seinen Memoiren entnommen, die Gustav Kuntze unter dem Titel »Im Dienste Napoleons« deutsch herausgegeben hat.

C.

Wenige Tage nach der Abreise des Kaisers wurde ich benachrichtigt, daß eine Proskriptionsliste angefertigt worden sei, die durch die Bemühungen der Herren Talleyrand und Fouché bereits über 2000 Namen enthalte. Über die Liste führten die Prinzen die Aufsicht, und auch die Herzogin von Angoulême arbeitete tätig mit. Schon hatten viele Personen die Flucht ergriffen. Der unerschrockene Thibaudeau, der noch wenige Tage vor der Rückkehr des KönigsLudwig XVIII., Bruder Ludwigs XVI. gegen dessen Regierung öffentlich in der Pairskammer protestiert hatte, gab sich alle Mühe, mir die ganze Gefahr meiner Lage auseinanderzusetzen. Der Herzog von Bassano (Maret) forderte mich noch im Augenblick seiner Abreise auf, seinem Beispiel zu folgen. Aber in der festen Überzeugung, daß mein Benehmen vorwurfsfrei gewesen sei, stieß ich alle Ermahnungen der Freundschaft zurück. Die Fürstin Vaudemont drang mit tausend Bitten in mich, mich wenigstens für einige Zeit in Sicherheit zu bringen. Dies wäre die Meinung Fouchés, sagte sie mir; aber ich bedurfte eines Passes, und der Minister hütete sich wohl, mir einen solchen anzubieten. Der Anblick meiner leidenden Frau machte mir den Gedanken an Flucht unerträglich. Aus dem Gefängnis, sagte ich mir, würde ich für sie sorgen können; die Vorurteile würden mit der Zeit schwächer werden, und der König würde seinen ganzen Zorn endlich nur gegen die Abwesenden wenden. Indem ich mein Verhalten von allen Seiten betrachtete, fand ich darin nichts, als eine Angelegenheit des Strafgerichts, das mich höchstens zu fünfjähriger Gefängnisstrafe verurteilen könnte, weil ich mich einige Stunden vor der Ankunft des Kaisers der Postverwaltung bemächtigt hatte.

Am 18. Juli 1815 saß ich mit meiner Frau und Herrn von Meneval bei Tisch, als ein Polizeibeamter eintrat, um mich zum Polizeipräfekten Decazes zu bringen.

Als ich den Fiaker bestieg, sah ich, daß drei oder vier Polizisten gleich Lakaien hinten aufsprangen, und in weniger als einer halben Stunde war ich in der Kanzlei des Präfekturgefängnisses. Ich wurde dem Schließer übergeben, der mich kaum beachtete, da er beschäftigt war, einigen Neuangekommenen Wohnung anzuweisen. Unter ihnen erkannte ich auch einen Herrn von P., der längere Zeit Sekretär Savarys, des Herzogs von Rovigo, gewesen war, und zwar gerade der, in den der Herzog das meiste Vertrauen setzte. Er schien mir so verwirrt und betrübt darüber, mich hier zu sehen, daß ich auf ihn zuging und ihm schon meine Teilnahme an seinem Unglücke ausdrücken wollte, als er sich plötzlich von mir abwandte und, mit der Hand auf mich zeigend, zu einem der Wärter sagte: »Führen Sie den Herrn auf Nummer siebzehn,« und verschwand. Der Mann hat sein Kleid mit Leichtigkeit gewechselt, dachte ich. Beschämt über meinen Irrtum, folgte ich meinem Führer. Dieser ließ mich in einen schmutzigen Kerker treten, dessen Fenster zwölf Fuß über dem Boden lag. Es stand mir frei, dasselbe mit Hilfe einer eisernen Stange zu öffnen, die so schwer war, daß ich sie nicht zu heben vermochte.

Wenn man das Gefängnis betritt, so folgt stets Zorn dem Gefühl der ersten Überraschung. Ich begann damit, einige derbe Schmähungen gegen den Herrn des Hauses auszustoßen, der mich nicht einmal zu sich eintreten ließ, obgleich er mich um eine Unterredung ersucht hatte. Da es keine Glocke im Gefängnisse gab, mußte ich drei Stunden warten, ehe der Schließer erschien, der mir ein schlechtes Gefängnisessen brachte.

Gegen zehn Uhr abends kam der Schließer, um mich zu dem Abteilungsvorsteher zu holen, der beauftragt sei, mich zu verhören. Ein Verhör war für mich eine Zerstreuung, und ich hütete mich daher wohl, mir ein solches Vergnügen zu versagen. Man führte mich durch ein wahres Labyrinth von Gängen in einen niedrigen Saal, wo ich einen Herrn V. fand, der kurze Zeit darauf entlassen worden ist. Dieser Inquisitor war ein kleiner dicker Mann, der seine Stellung bereits seit neunundzwanzig Jahren inne hatte und zu allen Zeiten des Tages und der Nacht, unter allen Verwaltungen, Verhöre vornahm. Nachdem er vier oder fünf Seiten Fragen und Antworten geschrieben hatte, hielt er inne. Da indes keiner von uns beiden Lust verspürte zu schlafen, benutzte er eifrig einige Fragen, die ich an ihn richtete, um mir seine Gewandtheit in Polizeiangelegenheiten, seine Geschicklichkeit, die Gefangenen zu verwirren, ihr Gewissen zu rühren, ein Geständnis von ihnen zu erlangen, zu rühmen. Zum Schlusse sagte er: »Ich liebe mein Geschäft. Ich könnte nicht einen Tag von diesem Saale fern bleiben. Es stände mir frei, das Theater zu besuchen, mich mit meinen Freunden, meinen Kindern zu unterhalten, aber nein, ich muß verhören.« — Während er schrieb, bemerkte ich, daß er fortwährend zur Linken schielte, wo gewöhnlich die Gefangenen zu sitzen pflegen, und ich war überzeugt, daß er die Hälfte seines berühmten Talentes verlieren würde, wiese man den Gefangenen plötzlich zu seiner Rechten ihren Platz an.

Ich blieb noch vierzehn Tage in diesem provisorischen Gefängnis, ohne Decazes zu sehen, den meine Nähe in Verlegenheit hätte setzen müssen, wären nicht die Erinnerungen an unsere früheren Verhältnisse gänzlich in ihm erloschen gewesen. Die ungesunde Luft und der Ekel zogen mir endlich eine Krankheit zu. Mein Arzt, der auch der des Herrn Decazes war, behandelte mich mit vieler Sorgfalt, indes trug doch diese Krankheit dazu bei, daß man mir ein anderes Gefängnis anwies und meinen Prozeß begann, da man wahrscheinlich fürchtete, daß ein natürlicher Tod mich dem schmachvollen entziehen möchte, den man für mich bestimmt.

Am Sonntag, den 24. Juli, wurde ich plötzlich in einen Mietwagen gesetzt, um vier Schritte weiter nach der Conciergerie gebracht zu werden. Man ließ mich in die Kanzlei treten, wo ich den Schließer fand, der, wie ich glaube, Landrajein hieß. Er war ein langer Mensch, vertraulich bis zur Beleidigung, aber sonst in seinen Formen ziemlich höflich. Er begann damit, mein Signalement mit lauter Stimme zu entwerfen und forderte mich dann auf, ihm an das Ende eines langen dunklen Ganges zu folgen, wo sich meine neue Wohnung befand. Es war ein langes, schmales, großes Gemach, an dessen Ende sich eine Art von Fenster befand, durch das man ungefähr einen Quadratfuß vom Himmel erblicken konnte. Die kahlen, mit Worten der Verzweiflung beschriebenen Wände waren der einzige Schmuck dieses traurigen Aufenthaltes. Ein schlechtes Bettgestell, ein alter Tisch, ein Stuhl und zwei schadhafte Kübel bildeten die ganze Einrichtung. Ich gebe diese genaue Beschreibung, weil später der Marschall Ney hier die ersten drei Wochen seiner Gefangenschaft zubrachte. Ich jedoch war schwächer als er, denn er beklagte sich nicht. Als ich aber sah, daß es unmöglich sei, hier auch nur eine Stunde lang zu lesen, brach ich in Vorwürfe aus und schrieb an den Polizeipräfekten, daß meine Krankheit mich töten würde, wenn ich nicht ein besseres Gefängnis erhielte. Am Abend holte mich der Schließer, um mich nach dem großen Hofe zu bringen, auf dem die Gefangenen spazieren gingen, und als er mich um neun Uhr wieder zurückführte, wies er mir anstatt meines alten Kerkers ein niedriges Zimmer an, in welchem sich ein Kamin und ein Fenster befanden. Es ging auf einen kleinen Hof, der von dem der Frauen durch eine hohe Mauer getrennt wurde. »Ich habe Sie heute morgen nicht hierher bringen können,« sagte mir der Schließer, »weil der General Labédoyère im Nebenzimmer saß; er ist jetzt nach der Abtei transportiert worden.« Am folgenden Tag ließ ich mir den Kerker Labédoyères zeigen. Er war noch unbequemer und trauriger als der, den ich soeben verlassen hatte. Der Unglückliche war hier acht Tage unter der strengsten Aufsicht geblieben, gewissermaßen verlassen von den Wärtern, denn sie kamen nur zweimal alle vierundzwanzig Stunden, um nach ihm zu sehen. Der Raum war so eng, daß er nicht einmal in der Länge auf und nieder gehen konnte, obgleich dies die einzige Zerstreuung war, die man ihm gestattete, denn man erlaubte ihm weder Bücher, noch Journale, noch Briefwechsel.

Bei mir fing man wie gewöhnlich damit an, mich sechs Wochen lang in geheimem Gewahrsam zu halten. Empfing ich Briefe, so wurden sie zuvor geöffnet; besuchte mich ein Freund, so mußte ein Aufseher zugegen sein. Von meiner Frau empfing ich betrübende Nachrichten. Ihre zitternde Handschrift, ihr Leiden, das sie mir trotz wiederholter Versicherungen guter Gesundheit nicht verbergen konnte, ihre Schwangerschaft, von der sie kaum sprach, alles trug dazu bei, mich zu beunruhigen. Aber alle diese Qualen waren weit entfernt, meinen Mut zu brechen, jedoch suchte ich die moralische Kraft, deren ich bedurfte, nicht in Einbildungen, welche durch die traurige Wirklichkeit jeden Tag mehr zerstört wurden, sondern in meinen Gedanken an den Kaiser. Ich litt, aber es war für ihn; mein Unglück gewann an Glanz durch die Ursache, aus der es entsprang. Mein Name und mein Geschick waren mit seinem unsterblichen Namen verknüpft! Und waren seine Leiden nicht noch größer als die meinigen? Die Falschheit der englischen Regierung führte ihn nach St. Helena. Welche Qualen mußte ihm das Exil am Ende der Welt bereiten? Neben einem solchen Unglück würde ich mich geschämt haben, über das meinige zu klagen. Die Rache des Königs lastete auf uns beiden, und ich fand Trost und Ruhm darin, sie mit ihm zu teilen. Dieser Gedanke hielt mich fortwährend aufrecht und bewahrte mich vor jeder Schwäche. Der Glaube, daß Napoleon meinen Prozeß lesen, daß mein Tod ihm Schmerz bereiten würde, daß ich mich seiner Zuneigung und seines Vertrauens würdig zeigen müsse, ermunterte mich unablässig.

Einige Wochen nach meiner Verhaftung sah ich eines Tages, als ich auf dem Hofe spazieren ging, den Marschall Ney am Fuße der Treppe, welche zu meinem früheren Gefängnisse führte. Er grüßte mich, indem er schnell die Treppe hinaufeilte, begleitet von dem Schließer und einem Gendarmerieoffizier. So erfuhr ich, daß er verhaftet sei. Er hatte gleich mir verschmäht, das Land zu verlassen und sich damit begnügt, auf dem Schlosse eines Verwandten seiner Frau eine Zuflucht zu suchen. Sein Säbel, den er in einem Zimmer liegen ließ, verriet ihn. Er ließ sich verhaften, fest überzeugt, daß man nicht wagen würde, ihn zu verurteilen.

Während des Tages gingen wir auf dem kleinen Hofe spazieren, ohne einander sprechen zu können, denn er war fortwährend von einem Gendarmen begleitet. Ich hatte die Gewohnheit, mich morgens um sechs Uhr auf dem großen Hofe zu ergehen; da jedoch der Marschall diese Stunde des Tages zu seinem Spaziergang zu erhalten wünschte, trat ich sie ihm mit Vergnügen ab. Dieses Übereinkommen dauerte so lange, bis das Geheimnis seiner Gefangenschaft aufgehoben wurde. Von da an aßen seine Frau und seine Kinder täglich mit ihm. Die Marschallin begleitete ihn alle Tage auf seinen Spaziergängen. Eines Tages näherte sie sich meinem Fenster und flüsterte mir zu: »Die Schildwache, die uns bewacht, ist ein alter Soldat, der unter meinem Mann gedient hat; der Marschall möchte gern mit Ihnen sprechen.«

In der Tat näherte sich Ney mir, doch unsere Unterredung konnte nicht von langer Dauer sein.

»Ich bin ganz ruhig über meine Lage«, sagte er; »zahlreiche Freunde sorgen für mich; die Regierung geht abermals ihrem Untergange entgegen. Schon ergreifen die Fremden unsere Partei; der allgemeine Unwille hat sich auch ihnen mitgeteilt. Wollen Sie Beweise davon, so lesen Sie diese Papiere und verbrennen Sie sie dann.«

Darauf steckte er mir durch das Gitter ein Paket Broschüren und Manuskriptblätter zu. Ich fand darin wirklich heftige Drohungen, ja selbst Herausforderungen, die mir sehr ungeschickt schienen, und endlich viele absurde Neuigkeiten. Diesen zufolge bereuten es die Engländer, die Bourbonen wieder auf den Thron gesetzt zu haben. Die Kaiserin Marie Louise protestierte in einer langen Schrift gegen die Entscheidung der Monarchen, durch die sie von Frankreich entfernt worden war. u. s. w.

Was mir der Marschall von seinen Freunden gesagt hatte, war schon begründeter, aber einige Zeit darauf erfuhr ich, daß ein Versuch, aus der Conciergerie zu entfliehen, mißglückt wäre, und daß darauf 6000 Offiziere auf Halbsold vom Kriegsminister den Befehl erhalten hätten, die Hauptstadt zu verlassen. Einige Zeit darauf wechselten wir die Stunden unserer Spaziergänge abermals. Jetzt ging er des Abends, begleitet von seiner Frau, seinem Schwager und seiner Schwägerin, der Madame Gamot, spazieren. Die Gefangenen waren um diese Zeit in ihren Zellen.

Ich wünschte sehnlichst, Ney noch einmal zu sehen, und wagte es eines Abends, die Bitte auszusprechen, auf den Hof hinab gehen zu dürfen. Der Schließer war nicht zu Haus, und der Kerkermeister öffnete mir die Tür und führte mich hinunter. Ich fand den Marschall und Gamot und trat zu ihnen. Es war ungefähr drei Monate nach unserer ersten Unterredung. Des Marschalls Hoffnungen schienen gänzlich erloschen. »LabédoyèreGeneralleutnant Graf von L. wurde am 19. August 1815 erschossen hat es überstanden, dann kommen Sie an die Reihe, mein lieber Lavalette, und zuletzt auch ich!« sagte er.

»Gleichviel, wer von uns beiden zuerst fällt«, erwiderte ich, »denn ich sehe, daß keine Hilfe mehr möglich ist.«

»Nun, nun, wir werden ja sehen«, antwortete er, »aber alle diese Advokaten langweilen mich und erkennen meine Lage nicht; ich werde daher selbst sprechen.«

* * *

Die Zeit verfließt sehr langsam im Gefängnisse. Die Langweile begann mich bald zu quälen, und ich war voll Besorgnis um meine arme Emilie. Jeden Tag empfing ich die traurigsten Nachrichten über ihre Gesundheit. Ich hatte von ihr das Versprechen erhalten, mich vor ihrer Niederkunft nicht zu besuchen, denn es hätte ihr Tod sein können. Meine Grübeleien über die Zukunft und die neue Revolution stürzten mich vollends in die größte Niedergeschlagenheit. Ich fühlte das Bedürfnis, mich derselben durch die einzige mir gestattete Zerstreuung, die Lektüre, zu entziehen und ließ mir Humes Geschichte von England bringen.

Als ich all das Mißgeschick der Könige las, von dem jene Geschichte so viele Beispiele aufzuweisen hat, fand ich mein eigenes Unglück erträglicher, und so schöpfte ich aus jenem Werke Trost und Mut. Nachdem ich nun wieder auf meine eigene Lage zurückkam, hatte ich die feste Überzeugung, daß man mich unmöglich zum Tode verurteilen könne und daß ich mit einigen Jahren Gefängnis davonkommen würde. Diese Aussicht war zwar nicht erfreulich, aber da ich die Hoffnung hegte, in einem der Gefängnisse von Paris zu bleiben, konnte ich wenigstens meine Familie sehen, sie trösten und Ordnung in meine Angelegenheiten bringen. Oft dachte ich auch ans Blutgerüst, jedoch nur wie an eine eitle Drohung, die nicht erfüllt werden könnte. Ich befand mich an der Stätte des Verbrechens und stellte mir oft die Schrecken eines Räubers, besonders eines Mörders vor, der während der Nacht durch das Traumbild seines Opfers erweckt wird und sich vergebens unter der Hand seines Henkers sträubt. Wie mußte er leiden! Ich konnte wenigstens ohne Reue auf die Tage vor dem 20. März zurückblicken. Der Unwille des Königs und der Zorn seiner Anhänger ließen mein Herz nicht lauter klopfen; ich fühlte mich stark gegen seine Rache und entschlüpfte ihnen, indem ich in einer einsamen Barke dem Kaiser auf dem Wege nach St. Helena folgte.

Zu meiner Verteidigung hatte ich Herrn Tripier gewählt, den ich nicht persönlich kannte; er nahm zu seinem Beistande Lacroix-Frainville. Meine Freunde wünschten sehr, mich in Vergessenheit zu bringen und sprachen mehrmals das Verlangen aus, daß ich krank werden möchte. Graf Alexander Larochefoucault, der mich sehr häufig besuchte, machte mir fortwährend Vorwürfe über meine Gesundheit. »Wären Sie leidend,« sagte er, »krank, bettlägerig, so müßte man wohl die Zeit Ihrer Verurteilung verschieben; die Gemüter beruhigten sich dann allmählich, die Leidenschaften kühlten sich ab, und Ihre Unschuld und Ihre Freunde würden dann schon das Übrige tun.«

Auch ich war seiner Ansicht. Aber wie sollte ich zu einer Krankheit kommen? Ich konnte mich doch nicht entschließen, einen Arm oder ein Bein zu brechen, und nicht jeder, der es wünscht, kann Gicht oder andere heftige Beschwerden erlangen. Ich bewahrte daher meine gute Gesundheit und mit ihr die ganze Gefahr meiner Lage. Endlich wurde beschlossen, ein Verhör vor einem königlichen Rate einzuleiten, und man gab mir Herrn Dupuis als Referenten. Ich hatte einige Jahre zuvor bei gemeinschaftlichen Freunden häufig mit ihm zu Mittag gegessen. Als ich vor ihm erschien, erkannten wir uns wieder. Aber die Gegenwart des Gerichtsschreibers hielt mich zurück. Dupuis schien ein großmütiges Mitgefühl für mich zu empfinden, doch überzeugte ihn der Gang des Verhöres bald, daß er keine Schonung gegen mich nötig habe. Ich kam seinen Fragen zuvor, förderte sie auf alle mögliche Weise, und unser erstes Verhör währte ganz gegen seinen Willen fünf Stunden, so daß er glaubte, ich sei erschöpft, und innehalten wollte. Aber ich hielt mich für so vollkommen unschuldig, daß ich es für notwendig erachtete, alle Vorurteile gegen mich und das ganze lügenhafte Gebäude der Anklagen zu zerstören, und ich hätte noch zehn Stunden fortfahren können.

Am folgenden Morgen hatten wir eine neue Sitzung; sie währte abermals vier Stunden. Ich habe späterhin von meinen Freunden erfahren, daß Dupuis sein Staunen über die Wichtigkeit, dir man meinem Vergehen beilegte, nicht verhehlt habe. Er sei sehr empört gewesen, als er von meiner Verurteilung gehört habe. Zwei Monate, glaube ich, vergingen zwischen diesen Verhören und meinem Urteilsspruche, aber die Zeit milderte den Haß nicht. Meine Freunde erschraken über die Erbitterung, mit der das Gericht gegen mich vorging. Die Royalisten waren wütend, wenn sie sich ihres unwürdigen Benehmens im Monat März erinnerten,sie waren nach Napoleons Rückkehr von Elba alsbald geflohen und suchten ihre Schmach durch das vorgebliche Komplott zu verdecken, das den Kaiser zurückgeführt haben sollte. Sie ließen es sich nicht nehmen, daß ich das Oberhaupt der Verschwörung gewesen sei. Wollte man ihren Behauptungen glauben, so war während der elf Monate ein lebhafter Briefwechsel mit der Insel Elba im Gange gewesen, an dem alle ehemaligen Beamten der Post teilgenommen hatten. Die Portefeuilles des südlichen Frankreichs waren nur mit meinen Briefen angefüllt gewesen; die Oberbeamten, die Gehilfen, die Kuriere, die Postdirektoren in den Provinzen, alle waren ins Geheimnis gezogen worden und unterstützten meine Absichten! Wahrlich, wenn ich das Oberhaupt und der Gründer einer solchen Verschwörung gewesen wäre, so könnte ich mich jetzt dessen rühmen. Der Entwurf und die Ausführung würden mir einen herrlichen Ruhm verleihen, und ich könnte Anspruch auf jene Bewunderung machen, welche die Völker solchen Männern zollen, die sich durch großartige Unternehmungen auszeichnen, selbst wenn diese der Moral oder der Menschlichkeit widersprechen. Aber die Wahrheit über alles!

Im Jahre 1814 hatte ich mich mit größter Sorgfalt von allen Beamten der Post fern gehalten. Mein glühendes Verlangen, den Kaiser wieder zu sehen, war ohne jede Beimischung von Ehrgeiz. —

Ich fürchtete sehr, daß während meines Aufenthaltes im Gefängnis irgend eine Hinrichtung stattfinden möchte. Das Gefängnis der zum Tode Verurteilten lag nämlich neben dem meinigen in dem Hofe, auf dem ich meine gewöhnlichen Spaziergänge machte. Zwei Mörder wurden verurteilt, aber begnadigt. Der eine war ein junger Mann, der bei der Garde gestanden hatte. Er ermordete seine Geliebte mit kaltem Blute, nachdem er die Nacht bei ihr zugebracht. Die näheren Umstände dieser Tat waren abscheulich. Nachdem er sie durch einen Pistolenschuß getötet, richtete er einen zweiten Schuß gegen sich selbst, doch seine Wunde war nicht lebensgefährlich. Er wurde freigesprochen, und man führte ihn in den Vorsaal, der an meine Stube grenzte, um die Formalitäten abzuwarten, die nötig waren, ihn in Freiheit zu setzen. Ich kannte sein Urteil noch nicht, als ich plötzlich Geschrei und Geheul vernahm. Ich glaubte, er sei verurteilt worden, und gestehe, daß meine Festigkeit mächtig erschüttert ward. Erst zwei Stunden später erfuhr ich, daß seine lebhafte Freude ihm einen Nervenkrampf zugezogen hatte.

Meine Tochter hatte ich seit meiner Verhaftung nicht gesehen, weil ich wünschte, sie vor dem Abscheu zu bewahren, den der Anblick des Kerkers ihr einflößen mußte. Meine Frau sandte sie mir aber doch an dem Tage vor ihrer Kommunion, um meinen Segen zu empfangen. Mein täglicher Briefwechsel mit meiner Familie genügte meiner Zärtlichkeit; ich traute mir Kraft genug zu, meine große Liebe für meine Tochter zu zügeln. Als ich aber mein einziges Kind erblickte, geschmückt mit der ganzen Anmut der Jugend, als sie unter Strömen von Tränen in meine Arme und bald ohnmächtig zu meinen Füßen sank, da überwältigte mich die Macht der väterlichen Zärtlichkeit, und ich fühlte mein Herz vom Schmerz zerrissen. Zum erstenmal fühlte ich die ganze Tragweite meines Unglücks. Ich konnte meinen Schmerz nicht unterdrücken; schweigend rannen mir die Tränen über die Wangen, und indem ich ihr die Hand segnend aufs Haupt legte, war ich unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen.

Dieser Auftritt ließ mich ernstlich über meine Lage nachdenken, und ich begann, sie in ihrem wahren Lichte zu erblicken. Auch meine Verteidiger zerrissen in ihren Mitteilungen einen Teil des Schleiers, der bisher mein Geschick verhüllt hatte.

Der eine, Herr Tripier, war ein Mann von kaltem, klarem und logischem Verstande. Das beste Mittel, mich genügend zu verteidigen, schien ihm, mich auf allen Punkten anzugreifen. Was hatte ich in dem Gebäude der Post zu tun? Weshalb erschien ich daselbst so früh? Weshalb sandte ich jenen Kurier nach Fontainebleau? Weshalb erteilte ich im Laufe dieses Tages Befehle? Wozu das Bulletin, das mit dem Briefpakete ganz Frankreich durcheilte? Weshalb hatte ich die Journale und besonders den Moniteur zurückgehalten, der die Proklamation des Königs enthielt? Kurz, man konnte mit dergleichen Fragen nicht zu Ende kommen. Meine Antworten schienen ihm ungezwungen und genügend, aber sie hoben mein Unrecht nicht auf. Er überzeugte sich bald, daß ich einem unüberlegten Gefühle nachgegeben hätte.

Das genügte nicht, mich freizusprechen, und bis zum Tage vor der Fällung des Urteils war er überzeugt, daß ich zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden würde, weil ich mich ohne Erlaubnis der Verwaltung bemächtigt hätte.

* * *

Wenige Tage vor der Eröffnung der Verhandlung brachte mir der Moniteur den abscheulichen Brief gegen den Marschall Ney, der an die Pairskammer gerichtet und vom Herzog von Richelieu unterzeichnet war. Wie konnte dieser Mann, von dem man sagte, daß er milde, sittlich, unparteiisch und selbständig sei, mit rohem, blutdürstigem Eifer vor die Pairskammer einen der achtungswertesten Franzosen unserer Zeit bringen, einen unserer berühmtesten Generale, einen unglücklichen Mann, gegen den zwar Vorurteile herrschten, der aber nicht verurteilt war, dessen Verhöre man nicht kannte und dem die Gerechtigkeit edles Mitgefühl hätte zeigen sollen? Als einer meiner Verteidiger, Herr Delacroix-Frainville, zu mir kam, überreichte ich ihm den Moniteur. Tiefes Mitleid malte sich in seinen Zügen, als er ihn las, und als er geendet hatte, sagte er nach einigen Augenblicken des Nachdenkens: »Herr Graf, ich sehe nur zu deutlich, wo man hinaus will. Aber ich bin alt; ich möchte die letzten Tage meines Lebens fern von den Stürmen der Welt verbringen. Meine Gesundheit ist zu schwach, um die Verfolgungen ertragen zu können, die sich nach allen Richtungen hin erstrecken werden. Erlauben Sie daher, daß ich die Last, die auf mir ruht, andern Händen übergebe? Mein Freund Tripier wird leicht einen Kollegen finden, der sich mit ihm in die Verteidigung teilt. Ich will Ihnen mit meinem Rate beistehen, aber ich fühle mich unfähig, in der Sitzung zu erscheinen.«

Ich sah den alten Mann so angegriffen, daß ich mich jeder Bemerkung enthielt. Da kam Tripier. Sein Kollege überreichte ihm den Moniteur und wiederholte dann den Entschluß, sich zurückzuziehen, indem er ihm zugleich einen andern Advokaten als Stellvertreter empfahl. Tripier erwiderte ihm kalt:

»Ich bedarf keines Gehilfen; ich werde meinen Klienten ganz allein verteidigen; es ist meine Pflicht, und nichts soll mich von ihr abwendig machen.«

Hierauf begann die Verhandlung. Während ich für mein Leben kämpfte, starb mein jüngstes Kind in den Armen seiner Mutter. Dieses Unglück mußte für meine Frau unberechenbare Folgen haben. Ich hatte so sehr auf dieses Kind gehofft, das ihren Schmerz nach meinem Tode mildern sollte. Die Sorgfalt, die der Neugeborene erheischte und die die mütterliche Zärtlichkeit ihm nicht versagen konnte, mußte ihr ja das Leben noch wert machen, und nun ward ihr das Kind schon nach wenigen Stunden entrissen! Ich war in Verzweiflung. Am folgenden Tag besuchte mich Delacroix-Frainville. Der Zustand, in dem er mich fand, ließ ihn glauben, die Furcht vor einem Todesurteil habe mich so entmutigt, und er wollte mich durch tröstende Worte aufzurichten versuchen. Da sagte ich ihm, welch neues Unglück mich betroffen. »O, mein Gott!« rief er aus, »das ist zu viel auf einmal. Vergessen Sie den Augenblick der Schwäche, die ich Ihnen gezeigt habe. Ich werde Sie nicht verlassen; ja, ich verteidigte Sie.« Und er hielt edelmütig Wort, indem er in der Verhandlung erschien und seinen Kollegen während der Debatten unterstützte.

Was mich weit mehr beunruhigte als mein Prozeß, war der Zustand meiner Frau. Der Gegenstand ihrer sehnlichsten Wünsche während ihres ganzen Lebens, ihr Sohn, war ihr entrissen worden! Ich hatte sie gebeten, während der Zeit ihrer Schwangerschaft nicht in die Conciergerie zu kommen. Der traurige Anblick eines Gefängnisses konnte die fürchterlichsten Folgen haben. Aus demselben Grunde hatte ich verboten, mir meinen Sohn zu bringen. Alles, was man mir von der unbegrenzten Zärtlichkeit der Mutter gegen dieses Kind gesagt hatte, ließ mich für die Gesundheit meiner Frau zittern. Herr Tascher de Sainte-Rose, einer unserer Verwandten, begnügte sich damit, mir von ihren Tränen, ihrem Schmerze zu sprechen, suchte mich jedoch über die Folgen zu beruhigen.

Jetzt kam es auf die Folgen meiner Untersuchung an. Fünf Jahre Gefängnis waren zwar eine harte Strafe, aber ich konnte doch wenigstens meine Frau sehen, sie trösten, die Aufsicht über unser in Unordnung geratenes Vermögen führen und sie auf eine glücklichere Zukunft verweisen. Wurde ich aber zum Tode verurteilt, was sollte dann aus ihr werden? Durch ein böses Geschick, wie es sich in der Revolution nur zu oft gezeigt hat, war ihre nur wenig zahlreiche Familie auseinandergesprengt, und mehrere Mitglieder derselben waren verschollen. Ihr Vater war zwar schon längst aus der Fremde zurückgekehrt, aber mit einer zweiten Gattin vermählt, von der er ein Kind hatte. Er war ein vortrefflicher Mann, doch neue Bande, neue Neigungen und seine lange Abwesenheit von Paris trugen dazu bei, daß er seiner Tochter nicht als genügende Hilfe erscheinen konnte. Meine einzige Hoffnung beruhte auf dem Grafen Larochefoucault, ihrem Vetter, der uns die tapfersten Beweise seiner Zuneigung gegeben hatte.

Inmitten dieser Besorgnis wurde mir die auf den 19. festgesetzte Eröffnung der Verhandlungen angezeigt. Am 18. bekam ich die Liste der Geschworenen. Sie enthielt sechsunddreißig Namen, von denen mir nicht einer bekannt war. Unter diesen sollte ich zwölf Männer wählen, deren Gewissenhaftigkeit fest, deren Verstand aufgeklärt genug wäre, um der Meinung und den Drohungen der Autorität sich entgegenstellen zu können, Die Liste enthielt einige Kaufleute, Advokaten und zwei Mitglieder des Staatsrates, alles Männer, die ersten vielleicht ausgenommen, deren Unabhängigkeit sehr zweifelhaft war. Ich ließ daher mehrere Abschriften von dieser Liste machen, und einige meiner Freunde beeilten sich, über alle diese Geschworenen Erkundigungen einzuziehen und sie zu besuchen. Aber es war Sonntag. Nur mit großer Mühe konnten sie aufgefunden werden, und am folgenden Morgen widersprachen die mir mitgeteilten Bemerkungen sich so sehr, daß ich nicht wußte, wen ich annehmen, wen ich verwerfen sollte. Ich mußte mich jedoch nach dem Justizpalaste begeben. Ehe ich in den Saal trat, in dem die Geschworenen versammelt waren, ließ man mich in dem Kabinett des Präsidenten warten, wo sich ein Gerichtsdiener des Kriminalgerichtes befand. Er war ein junger Mann, dessen mit lebhafter Teilnahme auf mich gerichtete Blicke mich über die Liste zu fragen schienen, die ich in der Hand hielt. »Lesen Sie mir die Namen vor,« sagte er mit Rührung. »Niemand kann Ihnen besser raten, als ich.« — Fast bei jedem Namen rief er aus: »Der ist zweifelhaft; der ist abscheulich; streichen Sie den schnell aus!« Kaum hatte ich ihm zwölf Namen vorgelesen, als man mich rief, um der Ziehung der Geschworenen beizuwohnen. Es ist nicht meine Absicht, hier alle Einzelheiten der Verhandlung zu wiederholen.

Der erste Tag ging mit Fragen dahin; der zweite war den Reden meines Advokaten und des öffentlichen Anklägers gewidmet. Dieser Staatsanwalt war ein Mann von sehr aufgeregter Gemütsart, und ich bin nicht das einzige Opfer seiner ungerechten Strenge, die damals von mehreren Gerichtsbeamten ausgeübt wurde. Er war mein persönlicher Feind.

Die Heftigkeit seiner Angriffe, die Erbitterung seines Hasses ließen ihn mit Roheit alles verwerfen, was zu meiner Rechtfertigung dienen konnte. Der Ausgang des Prozesses war übrigens seinem Glücke günstig; er ist jetzt Rat beim Kassationshofe. Ich stand einer zahlreichen Versammlung gegenüber, die nicht aus meinen Freunden bestand. Indes schien die Feindseligkeit, die am ersten Tage herrschte und sich mehrmals durch Gemurmel aussprach, nachzulassen und das Vorurteil gegen mich in eben dem Maße zu schwinden, in welchem die Verhandlungen fortschritten. Der zweite Tag schien mir viel günstiger. Endlich, gegen sechs Uhr abends, sollten die Geschworenen sich zurückziehen, um ihr Urteil auszusprechen ; da gerieten der Anwalt des Königs und der meinige über die Art der Fragestellung in Uneinigkeit. Mein Verteidiger wollte, daß die Fragen folgendermaßen gestellt würden: Erstens: ist der Angeklagte der Verschwörung schuldig? Zweitens: ist er schuldig, sich der Staatsgewalt bemächtigt zu haben? Es war klar, daß ich keinen Teil an der Verschwörung genommen hatte, da diese Frage schon im Anfang der Verhandlung aufgegeben worden war. Die Geschworenen hätten mich daher freigesprochen. Es blieb also nur noch über die zweite Frage zu urteilen. Aber hierüber konnte die Todesstrafe nicht verhängt werden. Wenn die Verschwörung von der Usurpation der Macht gesondert wurde, retteten mich die Geschworenen, denn wenn das Verbrechen wegfiel, so blieb nur noch die Strafe für das Vergehen übrig. Das aber wollte die Regierung nicht. Sie forderte von den Geschworenen mein Todesurteil und bediente sich dazu des folgenden niederträchtigen Mittels. Man hatte den Geschworenen heimlich gesagt, nach einem auffallenden Gerichtsverfahren (der Hinrichtung des Marschalls Ney) liege dem Könige viel an einem öffentlichen Beweise der Gnade; die Politik und das Interesse des Monarchen wolle es so. »Sprechen Sie daher die Todesstrafe gegen den Angeklagten aus. Das Leben wird ihm geschenkt, die Gerechtigkeit zufriedengestellt, die Gesellschaft gerächt werden und die Güte des Königs in vollem Glanze erscheinen.«

So wurden beide Fragen vereinigt und dem Gewissen der Geschworenen überlassen. Man führte mich ins Gefängnis zurück. Sainte-Rose, der bei der Verhandlung zugegen gewesen war, kam, um mir Gesellschaft zu leisten. Ich gab mich keiner Täuschung mehr hin, trachtete aber, die Hoffnung des vortrefflichen Mannes noch ein wenig zu verlängern. Nach einer traurigen Mahlzeit schlug ich ihm eine Partie Schach vor, die ich gegen alle Gewohnheit gewann, da er sonst stärker war als ich. Aber je mehr die Zeit vorrückte, desto mehr wich seine Kraft, und als er mich um zehn Uhr verlassen mußte, brach er in Tränen aus und wollte sich nicht von mir trennen. Zwei sterbenslange Stunden blieb ich allein, denn erst um zwölf Uhr holte man mich, mir das Urteil zu eröffnen. Der Spruch der Geschworenen war in meiner Abwesenheit vorgelesen worden. Die Gendarmen, die mich an der Treppe empfingen und mich in das Kabinett des Präsidenten führten, beobachteten tiefes Schweigen. Auf ihren Gesichtern las ich das Urteil meines Todes. »Nicht wahr,« fragte ich den Brigadier, »ich bin zum Tode verurteilt? Wie könnte auch ein Adjutant Bonapartes freigesprochen werden!« Statt aller Antwort führte er mich vor die Richter. Tiefes Schweigen und vollkommene Ruhe herrschten in dem weiten, spärlich erleuchteten Saal. Die Bänke waren noch ziemlich zahlreich mit Frauen besetzt. Meine auf die Menge gerichteten Augen forschten vergeblich nach einigen Blicken der Teilnahme. Als ich dann auf die Richter blickte, sah ich nur einen einzigen unter ihnen, der sein Taschentuch vors Gesicht hielt. Es war Jurien. Endlich gab der Präsident dem Aktuarius den Befehl, den Richterspruch vorzulesen. Ich war darauf gefaßt. Mehr als alles fürchtete ich, daß man mir das Kreuz der Ehrenlegion abnehmen möchte, und ich hatte daher die Vorsicht gehabt, es abzulegen. Die Richter zogen sich der Form wegen einige Minuten zurück, und der Präsident las nun den Artikel des Strafgesetzbuchs vor, nach welchem mir die Todesstrafe zuerkannt werden mußte. Zum Glück war die Abnahme des Kreuzes der Ehrenlegion ausgelassen. Diese Schmach allein hätte die Ruhe meiner Seele stören können.

Um halb ein Uhr kehrte ich in meinen Kerker zurück. In dem Gange vor demselben traf ich den Schließer, der mich ruhig nach dem Urteil fragte. »Alles zu Ende !« sagte ich ihm. Der Mensch taumelte zurück, als hätte man ihm einen mächtigen Stoß vor die Brust versetzt.

Vor dem Publikum hatte ich mich noch zusammengenommen, aber die Stille der Nacht wiederholte mir das schreckliche Wort: Todesstrafe! Die Unruhe meiner Seele begann mit einem Ausbruch heftigster Erbitterung. Mit großen Schritten ging ich in meiner Zelle auf und nieder. Allmählich wurde ich jedoch ruhiger, und endlich fand ich in einem tiefen Schlafe Vergessenheit meines Unglücks.

Am folgenden Tage erhielt ich Nachricht über die Verhandlungen unter den Geschworenen. Der Präsident beharrte mit der größten Erbitterung auf der öffentlichen Anklage. Jurien bekämpfte ihn mit aller Kraft und triftigen Gründen. Die Debatten währten sechs Stunden und wurden so heftig geführt, daß man sie in großer Entfernung von dem Saale hören konnte, wo die Geschworenen ihre Sitzung hielten. Endlich trug der Präsident, ungeachtet der Äußerungen Juriens, den Sieg davon. Acht Stimmen unter zwölf sprachen gegen mich.

Ich wollte sterben, ohne an den Kassationshof zu appellieren. Die Formen waren ohne Zweifel zu genau beobachtet worden, als daß sich auf eine Änderung des Urteils hoffen ließ. Weshalb also die Todesangst um vierzehn Tage, vielleicht um einen Monat verlängern? Weshalb sollte ich mich zum Gaudium des Pöbels und vielleicht zum Gespött der Royalisten zum Blutgerüst schleppen lassen? Aber als ich meiner Frau und meiner Tochter gedachte, gewannen Vernunft und Überlegung ihre Herrschaft wieder und dies war der einzige Anfall der Verzweiflung, dem ich mich hingab. Zuerst mußte ich daran denken, meiner Frau die verhängnisvolle Nachricht zukommen zu lassen. Ich schrieb an unsere alte Freundin, Frau von Vandeuil und an die Prinzessin von Vaudemont. Sie eilten beide zu meiner Frau, und die Trauerkleider, die sie angelegt hatten, setzten sie von ihrem Unglück in Kenntnis. Aber die Prinzessin von Vaudemont, deren Charakterfestigkeit sie alles in Erwägung ziehen ließ, riet meiner Frau, an den Herzog von Duras, den ersten Kammerherrn des Königs, zu schreiben, um eine Audienz von Ludwig XVIII. zu erbitten. Es war sehr zweifelhaft, ob sie gewährt werden würde, denn die Damen Labédoyère und Ney hatten vergeblich um gleiche Gunst gebeten. Wider Erwarten kam indes schon nach einer Stunde die Erlaubnis, vor dem König zu erscheinen. »Der König erwartet Frau von Lavalette in seinem Arbeitszimmer,« lautete die Antwort. Meine Frau stieg daher mit ihrer Tochter in den Wagen der Prinzessin und fuhr nach den Tuilerien. Hier empfing sie der Herzog von Duras, reichte ihr die Hand und führte sie an den Höflingen vorbei bis zum Kabinett des Königs. Hier warf sie sich Ludwig XVIII. vor die Füße, der ihr sagte: »Madame, ich habe Sie sogleich empfangen, um Ihnen einen Beweis meines ganzen Interesses zu geben.«

Das waren die einzigen Worte, die der König sprach. Man hob meine Frau auf, und sie entfernte sich. Aber die Worte des Königs waren gehört worden; man wiederholte sie, als sie vorüberging. Ihr Schmerz, ihre Schönheit und der Adel ihres ganzen Wesens rührten alle, die sie sahen. Man erinnerte sich, daß sie die Tochter eines Emigranten sei, und zweifelte nicht, daß Gnade gewährt werden würde, da der König ihr die Ehre erwiesen hatte, sie vorzulassen. Es sollte indes ganz anders kommen.

Am folgenden Tage besuchte mich meine Frau zum ersten Male nach vier Monaten. Ihre Blässe, ihre Magerkeit und Niedergeschlagenheit machten mich zittern. Sie sank mir in die Arme, und eine volle Stunde hindurch war sie keines Wortes mächtig. Endlich faßte sie sich, und aus ihrem Munde vernahm ich nun Näheres über die Aufnahme beim Könige.

Während der Nacht, die meiner Verurteilung folgte, hatte ich an zwei Freunde geschrieben, den Kriegsminister General Clarke und Herrn Pasquier. Clarke konnte unmöglich vergessen haben, welch wichtigen Dienst ich ihm leistete, als er am 17. FruktidorTag des Staatsstreiches des Direktoriums gegen die Royalisten im Jahre V beim Direktorium in Ungnade gefallen war. »Ich habe vor Ihnen kein Geheimnis gehabt,« schrieb ich ihm; »ich habe meinen Richtern alles gesagt; sehen Sie zu, was Sie für mich tun können. Trachten Sie wenigstens, mir die schmachvolle Strafe des Blutgerüsts zu ersparen. Bewirken Sie, daß ich durch die Kugeln der Tapferen unseres Heeres sterbe, und der Tod soll mir beinahe als Wohltat erscheinen.« — Ich will nicht seine ganze Antwort hier wiederholen, sondern nur erwähnen, daß ein Satz seines Briefes folgendermaßen lautete: »Es bleibt Ihnen nichts weiter übrig, als Ihre Frau und Ihr Kind der Gnade des Königs zu empfehlen.«

Mein Todesurteil hatte mich weniger schmerzlich berührt, als dieser grausame Brief. In meiner Empörung wollte ich ihm alles schreiben, was seine Härte mir einflößte, aber ich unterließ es in der beruhigenden Gewißheit, daß meine Frau und Tochter nicht gezwungen sein würden, das Mitleid dessen anzuflehen, der sie des Gatten und Vaters beraubte.

Noch litt ich unter dem Kummer, den der Brief des Kriegsministers mir verursacht hatte, als meine Tür geöffnet wurde. Ein Mann trat ein, drückte mir die Hand, gab mir dabei einen Brief und verschwand augenblicklich wieder. Es war Anglès, der Polizeipräfekt, und das Billett war von Pasquier.Staatsminister unter Ludwig XVIII. »Bewahren Sie Ihren ganzen Mut,« schrieb er mir, »noch ist nicht alles verloren! Mehrere Ihrer Freunde befinden sich in der Umgebung des Königs und tun alles Mögliche, um sein Mitleid für Sie zu erregen. Hoffen Sie also!«

Ich war weit entfernt, zu den Personen, welche Teil an meinem Unglück nahmen, auch den Herzog von Ragusa (Marmont) zu rechnen. Lange Zeit durch die innigste Freundschaft verbunden, brachte uns sein Benehmen gegen den Kaiser im Jahre 1814 auseinander,Der Marschall Marmont hatte sich schon vor Napoleons Abdankung Ludwig XVIII. unterworfen. und ich brach mit ihm. Dennoch empfing ich einen Brief vom Marschall. »Sonst ging ich zweimal wöchentlich nach den Tuilerien,« schrieb er, »jetzt werde ich zweimal täglich dahin gehen. Ich werde sprechen, werde bitten, bis ich zur Last falle. Alle, die nur ein wenig Mitgefühl haben, werden sich mit mir vereinigen, und ich hoffe das zu erhalten, was ich auf der Welt am sehnlichsten wünsche !« Dieser Trost einer so mutigen Freundschaft erregte jedoch in mir keine vergeblichen Hoffnungen mehr. Ich erkannte, daß ich verurteilt worden war, wie der Marschall Ney es werden sollte. Er war durch seinen Ruf der erste der Soldaten, ich in den Augen des Hofes der Wichtigste unter den Zivilisten. Ehemaliger Adjutant des Generals Bonaparte, Schwager des Prinzen Eugen und der Königin von Holland, die der Hof verabscheute, zwölf Jahre hindurch Generalpostdirektor und dadurch, wie die Regierung meinte, Bewahrer vieler Geheimnisse, die unterdrückt werden mußten, — so war mein Tod unwiderruflich. Ich mußte mich daher fassen und der Strafe, die ich erdulden sollte, fest ins Auge sehen.

Die Schließer hatten mir zwar oft von den letzten Augenblicken der Unglücklichen erzählt, die von ihnen auf den Richtplatz geführt wurden, aber das genügte mir nicht; ich wollte alles wissen. Kurz vor vier Uhr wird der zum Tode Verurteilte in die Kanzlei geführt. Kaum ist er durch die niedrige Tür des Gemachs getreten, so erscheinen der Scharfrichter und dessen Knechte. Sie lassen den Verurteilten auf einer Bank Platz nehmen, ziehen ihm die Kleider aus, schneiden ihm die Haare und den Kragen seines Hemdes ab, binden ihm die Hände auf dem Rücken zusammen, und so wird er zu dem Karren geführt, der vor der Tür hält. Es ist ein schrecklicher Augenblick. Selbst die Mutvollsten erliegen gewöhnlich. Doch die frische Luft und der Anblick der Volksmenge ermutigen sie dann häufig wieder während des Wegs, zuweilen auch die Ermahnungen des Beichtvaters. Ich hörte alle die näheren Umstände mit Aufmerksamkeit an und ließ sie mir öfters wiederholen, bald von dem einen, bald von dem ändern. Einige taten es mit Widerwillen, die ältesten jedoch mit gewissem Wohlgefallen.

Dies hieß meine Strafe mit Willen verschärfen. Ich empfand ein Entsetzen und ein inneres Erbeben, das bis auf das Mark der Knochen drang. Verzweiflungsvoll ging ich in meiner Stube auf und nieder, und die schlaflosen Nächte waren fürchterlich. Dadurch aber, daß ich ohne Unterlaß wieder auf das schreckliche Bild zurückkam, erlangte ich endlich, was ich wollte; ich wurde nämlich so ruhig, daß selbst die Wärter darüber staunten. Wenn ich früher ihre Berichte anhörte, so erbleichte ich; jetzt blieb ich dabei ganz ruhig und unbewegt. Seit langer Zeit hielt ich ein Tischmesser versteckt, aber ich dachte nicht mehr daran, mich desselben zu bedienen und setzte eine Art Ruhm darein, dem Tode wie auf dem Schlachtfelde zu trotzen.

Der Justizminister, Graf von Barbé-Marbois, war bestrebt, das Urteil des Kassationshofes zu verzögern, indem er hoffte, daß die Zeit den Haß meiner Feinde, die sich sämtlich im Schlosse befanden, etwas mildern würde. Die Prinzessin von Vaudemont war durch ihren Geburtsnamen Montmorency mit den Vornehmsten des Hofes verwandt. Fast alle verdankten ihr die Rückkehr nach Frankreich, die meisten die Ruhe, die sie unter dem Kaiser genossen hatten; denn obgleich der Kaiser sie nicht liebte und ihr mißtraute, so übte sie doch bedeutenden Einfluß auf Talleyrand und Fouché aus und bediente sich desselben mit Entschlossenheit und Großmut. Der König und dessen Familie folgten dem Kaiser in den Gefühlen des Hasses gegen sie; man verzieh ihr ihre früheren Verbindungen mit den beiden Ministern nicht. Dennoch war es bei ihr, wo zum Teil jene Versammlungen gehalten wurden, die im Jahre 1814 den Sturz des Kaiserreiches vorbereiteten. Sie nahm zwar daran nur einen sehr indirekten und bescheidenen Anteil, aber trotzdem hatte ich aufgehört, sie zu besuchen und ihr offen die Gründe meiner Entfernung eingestanden. In meinem Unglück jedoch zeigte sie die mutvollste Ergebenheit der Freundschaft gegen mich. Durch sie wurde der Herzog von Richelieu ohne Unterlaß bestürmt; eine Menge von Personen, die ich nur dem Namen nach kannte, ließen es sich zur Ehre gereichen, meine Begnadigung auszuwirken. Die Prinzessin von Vaudemont erinnerte sie an mein Benehmen in Sachsen gegen die unglücklichen Franzosen, die ich dort getroffen hatte, denn ich hatte vielen die Erlaubnis zur Rückkehr nach Frankreich verschafft. Und da ich nur unglückliche Landsleute in ihnen erblickte, wendete ich häufig meinen ganzen Einfluß an, um ihnen Gutes zu tun. Einige erinnerten sich daran, aber der Haß war zu heftig, und besonders schmerzte die Wunde vom 20. März noch zu sehr, als daß der Edelmut Gehör hätte finden können. Wenn es mir während der dreißig Tage, die zwischen dem Urteile der Geschworenen und dem des Kassationshofes verflossen, an Mut fehlte, so kam es zum Teil daher, weil diese Zeit am besten geeignet war, mich zu töten, oder mir den Verstand zu rauben. Jeden Morgen unterrichtete man mich von den getanen Schritten, den besiegten Hindernissen, jeden Abend indes empfing ich auch die traurigsten Nachrichten von der Hartnäckigkeit, mit der die königliche Familie jede Verwendung zurückwies, von der Ängstlichkeit des Herzogs von Richelieu und von der Unbeugsamkeit des Königs.

Von Zeit zu Zeit besuchten mich wohl einige tapfere Freunde, die sich nicht um den Haß der Gewalthaber kümmerten, die sie dafür strafen konnten. Pasquier, obgleich er Staatsminister war, und Fréville, damals Maître des Requêtes, suchten mir Hoffnung einzuflößen, aber hinter ihren Beteuerungen entdeckte ich eine geheime Verzweiflung, die sie in meiner Gegenwart nicht ganz zu besiegen vermochten. »Ich würde nie den Mut gehabt haben, Sie zu besuchen«, sagte Fréville, »wenn ich nicht auf einen glücklichen Erfolg der Bemühungen Ihrer Freunde hoffte.« Aber indem er so mit mir sprach, traten ihm die Tränen in die Augen, und sein zitternder Händedruck zerstörte alle Hoffnungen, die seine Worte in mir zu beleben beabsichtigten.

Inzwischen wurde der Marschall Key verurteilt. Noch vor seinem Prozesse waren die Vorsichtsmaßregeln gegen ihn vermehrt worden. Schließlich standen drei Schildwachen unter seinem Fenster, das heißt vor dem meinigen: ein Gendarm, ein Mann von der berittenen Nationalgarde und ein Grenadier der alten Garde, oder vielmehr ein verkleideter Gardist, denn man wagte nicht, den Soldaten der alten Armee zu trauen. Ich erhielt die Bestätigung meines Verdachts einer solchen Verkleidung durch eine meiner Anwandten, Mademoiselle Dubourg, die die Erlaubnis erhalten hatte, mich zu besuchen. Als sie einmal zu mir kam, hatte sie einen ihrer Vettern in der Uniform eines Grenadiers der alten Garde zu Pferde erkannt. Alle Abende holte man den Marschall in einem Wagen ab, um ihn nach dem Luxembourg zu bringen, und des Morgens führte man ihn dann wieder nach der Conciergerie.

Am 7. Dezember aber kehrte er nicht wieder zurück. Ich fragte den Wärter, der mir die Antwort schuldig blieb. Nun drang ich weiter in ihn und vernahm endlich, daß der Marschall hingerichtet worden sei. »Auf dem Grèveplatz, auf dem Schafott?« fragte ich. — »Nein,« erwiderte mir der Mann, »erschossen !« — »O, wie glücklich ist er!« rief ich aus. Der Mensch, der meine Gefühle nicht verstand, glaubte, ich wäre verrückt geworden.

Indes vergingen die Tage. Einer meiner Verteidiger machte mir den Vorschlag, das Urteil des Kassationshofes nicht abzuwarten, sondern noch vorher an den König zu schreiben und dessen Gnade anzuflehen. Ich empfand unbesieglichen Widerwillen gegen einen solchen Schritt. Der Kollege meines Verteidigers war gleichfalls nicht seiner Meinung. »Ein solches Beginnen,« sagte er, »könne sehr gefährlich werden, oder gar keinen Erfolg haben. Will der König begnadigen, so wird er das Urteil des Kassationshofes abwarten. Will er es nicht, so wird er gleichfalls warten. Es ist daher das Beste, an dem gewöhnlichen Gang der Dinge nichts zu ändern.«

Eines Tages kam die Herzogin von Piacenza (Lebrun), die Tochter des Justizministers, zu meiner Frau und führte sie zu ihrem Vater. Die beiden Frauen sanken zu den Füßen des ehrwürdigen alten Herrn nieder. Seine Tochter brach in Tränen aus, nahm seine Hände in die ihrigen und sprach für mich mit einer Kraft und einem Feuer, von dem sich nur die einen Begriff machen können, welche das Glück genießen, sie zu kennen. Dem Minister rannen die Tränen über die Wangen, aber sie konnte nicht ein einziges Wort von ihm erlangen. Das war ein schlechtes Zeichen und daraus deutlich zu ersehen, daß er nur wenig Hoffnung hege.

Am 20. Dezember endlich wurde das Urteil von dem obersten Gerichtshofe gefällt. Sechs Kassationsgründe waren aufgestellt worden, aber trotz der beredten Verteidigung des Herrn Darieux wurde das Urteil richtig befunden und bestätigt. Herr Baudus, einer meiner Freunde, überbrachte mir die traurige Nachricht, aber er wußte ihren Einfluß zu mildern, indem er mir Hoffnungen vorspiegelte, die so bündig und wahrscheinlich erschienen, daß ich selbst sie zu teilen begann.

Es blieben nur noch drei Tage. In einem so kurzen Zeitraume mußte man Mittel finden, bis zum Könige zu gelangen, und der Herzog von Ragusa übernahm es, hierfür zu sorgen. General Foy holte in seinem Namen meine Frau ab und führte sie auf Umwegen bis zum Eingang des Dianasaales. Hier fand sie den Marschall, der ihr den Arm bot und die Denkschrift vorlas, die sie dem König überreichen sollte. Es war während der Messe. Der ganze Hof befand sich in der Kapelle, und der König mußte durch diesen Saal, um zu seinen Zimmern zu gelangen. Unglücklicherweise erkannte einer der Türsteher meine Frau. Da es gegen den Gebrauch war, daß sich jemand ohne besondere Erlaubnis in dem Saale aufhalten durfte, glaubte er den Marschall hierauf aufmerksam machen zu müssen und bat ihn, meine Frau möchte sich entfernen. »Die Frau Gräfin wird bleiben,« erwiderte der Marschall in festem Tone. Der Türsteher benachrichtigte nun einen der Palastbeamten, und dieser wiederholte die Mahnung auf eine Weise, daß der Marschall sie für einen Befehl halten konnte. Er erwiderte dennoch: »Die Gräfin bleibt, da sie einmal hier ist. Ich nehme alles auf mich.«

Inzwischen kam der Hof vorbei. Der König, den man benachrichtigt hatte, fühlte, daß es zu spät sei, eine Unglückliche vor seinen Augen entfernen zu lassen, die vielleicht durch ihren Widerstand Aufsehen erregen könnte. Er ging daher weiter, und als er bis zu dem Platz kam, wo meine Frau stand, fiel sie vor ihm nieder und hielt ihm ihr Schriftstück hin. Er neigte sich zu ihr hinab, nahm das Papier und sagte: »Madame, ich kann nur meine Pflicht tun.« Mit diesen Worten ging er vorüber.

Meine Frau hatte aber noch eine zweite Denkschrift für die Herzogin von Angoulême. Als der Herzog von Ragusa sie zögern sah, bestürmte er sie, der Prinzessin nachzueilen, um sie ihr zu überreichen. Sie tat ein paar Schritte vorwärts, aber der Ehrenkavalier der Herzogin, Herr von Agoult, drehte sich um und streckte ihr gebieterisch beide Arme entgegen, sie auf diese Weise zurückhaltend.Der Herzog von Ragusa verfiel für diesen Beweis mutvoller Güte lange in Ungnade und wurde sehr schlecht behandelt. Ein Prinz, der jetzt nicht mehr lebt, hatte sich in seinem Zorne soweit vergessen, dass er ausrief: »Er verdiene auf die Galeeren geschickt zu werden!«

Die Worte des Königs glichen denen nicht, die er einen Monat zuvor gegen meine Frau geäußert, als er ihr Audienz erteilte. Er redete jetzt von Pflicht, da man zu ihm von Gnade sprach. Sie mußten jedermann in Schrecken setzen. Emilie schien nicht sogleich die ganze Tragweite derselben zu fühlen, aber für mich waren sie entscheidend, und ich beschloß sogleich, alles anzuwenden, um meine Frau und meine Tochter zu täuschen und sie auf zwei Tage von mir fern zu halten. Das war jedoch nicht leicht bei der Mutter. Ihr Mut wuchs mit der Gefahr, und sie wollte noch einen letzten Versuch bei der Herzogin von Angoulême machen.

Die Prinzessin bewohnte das erste Stockwerk der Tuilerien, wo einst der König von Rom seine Zimmer gehabt hatte. Meine Frau legte die Trauerkleider ab, mit denen sie am Morgen im Schlosse erschienen war, stieg in einer benachbarten Straße aus der Sänfte und erschien vor der Tür der Prinzessin zu der Stunde, wo die Herzogin von Angoulême gewöhnlich Besuche zu empfangen pflegte. Durch ihre Blässe, ihre verweinten Augen, ihren schwankenden Gang fiel sie auf und wurde von der Dienerschaft erkannt. Sogleich wurde ihr die Tür verschlossen und mit lauter Stimme befohlen, niemand einzulassen. Zurückgewiesen, eilte sie zu einem anderen Eingang unter dem großen Portal, aber ein Bedienter lief ihr voraus, und der Zutritt wurde ihr auch hier mit gleicher Härte verweigert. Aufs äußerste erschöpft, setzte sie sich auf die steinernen Stufen der großen Treppe und blieb hier eine ganze Stunde lang sitzen, indem sie sich vergeblich der Hoffnung hingab, man würde sie doch noch einlassen. Sie zog die Blicke aller Vorübergehenden auf sich, besonders aber derer, die ins Schloß gingen. Niemand wagte, ihr ein Zeichen des Mitgefühls zu geben. Endlich entschloß sie sich, die Tuilerien zu verlassen und zu mir zurückzukehren. Auf den Tod erschöpft und mit gebrochenem Herzen langte sie bei mir an.

Ich fühlte, daß meine Stunden gezählt seien; es blieben mir noch achtundvierzig. Man gewährt den Verurteilten nur drei Tage, um Begnadigung nachsuchen zu können. Der Siegelbewahrer wollte erst am zweiten seine Bittschrift überreichen. Dem Herzog von Richelieu hatte der König über diesen Punkt bereits Stillschweigen auferlegt. Alle meine Freunde waren in der größten Bestürzung. Selbst die Gefängniswärter wagten nicht mehr, sich mir zu nahen. Eberle, der meine persönliche Bedienung versah, sprach nicht mehr mit mir, machte sich ohne Zweck in meiner Stube zu schaffen und wußte nicht, was er tat. Es war Dienstag abend. »Am Freitag werden gewöhnlich die Verurteilten hingerichtet?« fragte ich ihn. — »Zuweilen auch am Donnerstag,« entgegnete er mit einem unterdrückten Seufzer. — »Die Hinrichtung findet wohl gewöhnlich um vier Uhr statt?« — »Zuweilen auch des Morgens,« sagte er, ging hinaus und vergaß, die Tür hinter sich zuzumachen. Da ging eine Schließerin aus dem Frauengefängnis vorüber. Als sie mich allein sah, trat sie hastig zu mir ein, warf sich auf mein Kreuz der Ehrenlegion, küßte es mit Inbrunst und eilte weinend davon. Diese leidenschaftliche Handlung einer Frau, die ich nicht kannte und bisher nur von weitem gesehen hatte, setzte mich unwiderruflich von meinem Schicksal in Kenntnis.

Meine Frau kam um sechs Uhr, um mit mir zu essen; sie war von ihrer Verwandten, Fräulein Dubourg, begleitet. Als der Schließer uns verlassen hatte, sagte sie: »Es scheint nur zu gewiß, daß wir nichts mehr zu hoffen haben. Wir müssen daher einen Entschluß fassen, mein Freund; höre, was ich dir vorzuschlagen habe. Um acht Uhr verläßt du in meinen Kleidern das Gefängnis, begleitet von meiner Cousine. Du steigst in meine Sänfte, die dich nach der Rue des Saints-Pères bringen wird. Dort erwartet dich Herr Baudus mit einem Kabriolett. Er wird dich an eine Zufluchtsstätte bringen, die er für dich erwählt hat. Hier kannst du ohne Gefahr warten, bis sich Mittel gefunden haben werden, dich über die Grenze Frankreichs zu schaffen.« Ich hörte und sah sie schweigend an. Ihr Aussehen war ruhig, und ihre Stimme fest, und sie schien so sehr von einem glücklichen Erfolg überzeugt zu sein, daß ich zögerte, ihr zu antworten. Indes erschien mir das Unternehmen so töricht, daß ich es ihr sagen mußte. Aber schon beim ersten Wort unterbrach sie mich und rief: »Keine Einwände! Ich sterbe, wenn du stirbst. Verwirf daher meinen Plan nicht. Meine Überzeugung ist tief, und ich fühle, daß Gott mir beistehen wird!« Vergebens stellte ich ihr vor, daß sie jeden Abend, wenn sie mich verließ, von einer Menge Gefängniswärter umringt wäre, daß der Schließer sie stets bis zur Sänfte begleitete, daß es unmöglich sei, mich hinlänglich zu verkleiden, um die Wärter zu täuschen, und daß es mir endlich nicht möglich wäre, sie in den Händen der Kerkermeister zurückzulassen. »Was wird geschehen?« fragte ich, »wenn sie entdecken, daß ich entflohen bin? Werden diese rohen Menschen sich in ihrer Wut nicht so weit vergessen, dich zu mißhandeln?« Ich wollte noch weitere Einwendungen machen, aber ihr blasses Gesicht und ihre innere Unruhe überzeugten mich, daß jeder Widerspruch vergebens wäre. Ich schwieg einige Minuten und sagte dann: »Gut, ich will tun, was du verlangst, doch erlaube mir eine Bemerkung. Das Kabriolett ist zu weit entfernt, ich werde kaum fort sein, so wird man auch schon meine Flucht bemerken und mich ohne Zweifel einholen, denn man braucht beinahe eine Stunde, um bis zur Rue des Saints-Pères zu gelangen. In deinen Kleidern werde ich verhindert sein, rasch zu Fuß zu entfliehen.« — Dies schien ihr einzuleuchten, und ich fuhr fort: »Triff wenigstens in diesem Punkte deines Planes eine Änderung. Der morgende Tag muß mir noch gehören, und ich schwöre dir, daß ich alles tue, was du von mir verlangst.« — »Gut,« sagte sie, »ich werde das Kabriolett mehr in der Nähe warten lassen. Aber gib mir dein Ehrenwort, mir zu gehorchen, denn es bleibt uns nichts, als dieser Ausweg.« Ich nahm ihre Hand und sagte: »Ich werde alles tun, was du willst und wie du es willst!« Diese Versicherung beruhigte sie, und wir trennten uns.

Je mehr ich über den Plan nachdachte, desto unausführbarer schien er mir. Sie war fast einen halben Zoll größer als ich. Alle Wärter waren gewöhnt mich zu sehen. Ihre Figur war schlank und fein, und wenn ich durch den Kummer auch magerer geworden war, so mußte der Unterschied doch in die Augen springen. Andererseits war ich so vollkommen auf den Tod vorbereitet! Allerdings zögerte ich schon seit zwei Tagen, ob ich nicht doch Gebrauch von meiner Waffe machen sollte. Die Vorbereitungen des Scharfrichters, die langsame Fahrt auf einem Karren von der Conciergerie nach dem Grèveplatze machten mir Angst, aber mein Herz blieb doch fest. Und nun sollte ich meine Augen vom Tode abwenden, um meine ganze Aufmerksamkeit auf die Flucht zu richten, die mir unausführbar und überspannt schien? Aus der Tragödie sollte eine Posse werden, denn ich wurde wahrscheinlich in meiner Verkleidung ergriffen, und man hatte wohl gar die Grausamkeit, mich in meinen Weiberkleidern den Augen des Volkes zu zeigen. Durfte ich aber meiner Frau widerstreben? Sie schien so glücklich in ihrer Hoffnung, so überzeugt von deren Erfüllung! Mein Wort nicht halten, hieß sie töten.

Am folgenden Tage, als ich noch ganz mit diesen Gedanken beschäftigt war, kam meine Frau und sagte mir, daß sie am Abend zuvor, als sie mich verließ, den Trägern ihrer Sänfte die Richtung nach der Rue du Bac angegeben und die Sänfte einige Schritte von dem Ministerium des Auswärtigen entfernt gelassen habe. Herr Baudus hatte ihr geraten, noch einen letzten Versuch bei diesem Minister zu machen; aber um zu ihm zu gelangen, mußte sie viel List anwenden. Sie fragte den Portier nach der Wohnung Bressons, des Schatzmeisters des Ministeriums, der auf dem ersten Hofe wohnte. Dort wartete sie auf der Treppe einige Augenblicke, schlüpfte dann auf den zweiten Hof und kam glücklich bis zu dem Vorzimmer des Ministers. »Seine Exzellenz sind ausgegangen,« sagte man ihr. — »So werde ich warten,« erwiderte sie. Der Kammerdiener, an den sie sich gewendet hatte, erkannte sie und lief zum Portier, um sich zu beklagen, daß er sie eingelassen, denn schon seit dem Morgen war dies verboten, da ihr Erscheinen bei der Herzogin von Angoulême überall die Besorgnisse eines gleichen Besuches erregt hatte. Der Portier kam herbei und sagte ihr unter vielen Vorwürfen auch: »Sie setzen mich der Gefahr aus, meine Stelle zu verlieren.«

»Ich habe Sie hintergangen,« erwiderte meine Frau, »und Sie sind daher nicht strafbar. Ich will den Minister sehen. Ist er ausgegangen, so erwarte ich ihn, ist er zu Haus, so bringe ich die Nacht in diesem Zimmer zu. Nur mit Gewalt bringt man mich von hier weg. Sagen Sie dies Ihrem Herrn.«

Was konnte der Minister tun? Er ließ sie eintreten. Sie setzte ihm klar und schnell den Gang des ganzen Prozesses auseinander und erklärte ihm die ganze Ungerechtigkeit meiner Verurteilung, indem sie um seine Unterstützung beim Könige bat. Der Herzog von Richelieu hörte sie mit niedergeschlagenen Augen an; er schien gerührt, und gestand zuletzt, daß der König ihm geboten habe, kein Wort mehr über diese Angelegenheit zu verlieren. »Dann, mein Herr,« sagte meine Frau, »retten Sie selbst meinen Mann.«

»Madame, das wäre ein Verbrechen.« — »Könnten Sie nicht wenigstens dem König in meinem Namen noch eine neue Denkschrift überreichen?« — Auf diesen Vorschlag ging der Herzog eifrig ein und entgegnete: »Das will ich gern tun. Senden Sie sie mir morgen früh um acht Uhr zu, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß sie ohne Zögern dem König überreicht werden soll.«Alle diese Einzelheiten habe ich erst später durch Baudus erfahren, dem sie der Minister selbst erzählte.

»Ich bin dann,« fuhr Emilie fort, »zum Verteidiger gegangen, damit er mir die Bittschrift aufsetze. Richelieu hat sie heute morgen empfangen, und jetzt muß sie schon in den Händen des Königs sein. Meinen Plan führe ich aber dennoch heute abend aus; morgen wäre es ohne Zweifel zu spät, da wir noch keine Nachricht aus dem Schlosse haben. Ich werde kommen, um mit dir zu essen. Bewahre deine Festigkeit, denn wir werden derselben bedürfen. Ich fühle noch für vierundzwanzig Stunden Mut in mir, aber nicht für einen Augenblick länger,« setzte sie seufzend hinzu, denn schon jetzt bin ich durch die Anstrengungen ganz erschöpft.«

Sie hatte wohl recht, die Stunden zu zählen. Kaum war sie fort, als der Wärter eintrat und mir sagte: »Einer von den Redakteuren der Quotidienne war soeben bei mir und fragte mich, ob es wahr wäre, daß Sie vier Beichtväter verlangt hätten, und ob er dies in seine Zeitung einrücken könne.« — »Vier? Das ist etwas viel. Und was haben Sie geantwortet ?« — »Die Wahrheit; nämlich, daß ich noch nicht einen zu Ihnen geführt hätte.« — Ich sah wohl, daß dies ein geheimer Wink sei und erwiderte: »Sie müssen noch warten, bald werde ich Ihnen die Adresse eines Geistlichen geben; noch gehört der ganze Tag mir.« — Er sagte nichts und entfernte sich kopfschüttelnd. Bald darauf trat Herr von Carvoisinein Freund Lavalettes ein. Er warf sich mir weinend in die Arme. Ich bat ihn, sich zu setzen, und suchte ihn zu beruhigen; meine Gelassenheit gab ihm seine Fassung wieder. »Der Pfarrer von St. Sulpice,« sagte er, »hat mich soeben verlassen; er würde Ihnen seinen geistlichen Beistand nicht verweigern, wenn Sie ihn forderten, denn Sie gehören zu seinen Beichtkindern, aber ich bitte für ihn um Nachsicht. Er hat der Hinrichtung des Marschalls Ney beigewohnt und mir versichert, dadurch so erschüttert worden zu sein, daß er sich nicht die Kraft zutraue, einer solchen Szene zum zweiten Male beizuwohnen. Dennoch ist er erbötig zu kommen, wenn Sie es verlangen.«

»Danken Sie ihm dafür, mein Freund,« erwiderte ich; »ich habe mir einen andern Geistlichen ausersehen und werde ihn heute abend kommen lassen, nicht früher.« Der vortreffliche Mensch wollte nun noch über einige Angelegenheiten mit mir sprechen, aber es fehlte ihm hierzu an Kraft.

In diesem Augenblick kam meine Tochter, begleitet von einer alten Nonne. Josephine weinte still vor sich hin, während ihre Begleiterin laut klagte: »Was habe ich Gott getan, daß ich Zeuge einer solchen Szene sein muß?« Ihre Seufzer, ihre Tränen, ihr endloses Jammern begannen mir schließlich lästig zu werden. Ich fühlte, daß ich wie ein Weib meinem Geschicke erliegen würde, wenn ich diesem Auftritt nicht schleunigst ein Ende machte, und nahm daher Herrn von Carvoisin beiseite und sagte ihm: »Umarmen Sie mich und entfernen Sie sich ohne Geräusch; ich kann Ihren Schmerz nicht ertragen. Leben Sie wohl und vergessen Sie mich nicht.« — Gern hätte ich meine Tochter noch länger bei mir behalten, aber ihr Anblick zerriß mir das Herz. Ich nahm sie auf meine Knie, und ihr Kopf sank auf meine Brust herab. Ich wollte mit ihr sprechen, doch die Worte erstarben mir auf den Lippen; ich konnte kein einziges Wort des Trostes hervorbringen. Schließlich ließ ich sie auf einen Stuhl nieder und ging im Zimmer auf und ab, vergebens nach Atem ringend. Ich mußte indes zu einem Entschlüsse mit ihr kommen. Endlich sagte ich: »Kehre ins Kloster zurück; ich werde dich morgen noch sehen, das verspreche ich dir. Meine Angelegenheiten stehen besser als man glaubt. Sage indes niemand ein Wort davon und sei überzeugt, daß ich dich morgen wiedersehe.«

Kaum war sie fort, als auch meine Kraft mich verließ. Bei dem letzten Blick meines Kindes brach ich in Tränen aus, und es kostete mich große Anstrengung, wieder Mut zu fassen; endlich jedoch gelang mir dies.

Um fünf Uhr kam Emilie in Begleitung Josephines, die ich mit ebensoviel Freude als Überraschung wiedersah. »Ich glaube,« sagte, meine Frau, »daß es besser ist, unsere Tochter zur Begleiterin zu nehmen. Sie wird verständig ausführen, was ich im Sinne habe.« Emilie hatte einen reich mit Pelz gefütterten Mantel angezogen, den sie gewöhnlich überzuwerfen pflegte, wenn sie einen Ball verließ. In ihrem Beutel hatte sie einen Rock von schwarzem Taffet. »Mehr bedürfen wir nicht,« sagte sie. Dann schickte sie ihre Tochter ans Fenster und sagte mir mit leiser Stimme: »Um sieben Uhr mußt du fertig sein; alles ist vorbereitet. Wenn du aus dem Zimmer trittst, gibst du Josephine den Arm. Du mußt sehr langsam gehen, und wenn du durch die Kanzlei kommst, so ziehe meine Handschuhe an und verhülle dir das Gesicht mit meinem Taschentuch. Zuerst hatte ich daran gedacht, einen Schleier umzubinden, doch leider habe ich bei meinen Besuchen nie einen solchen getragen, und so dürfen wir auch jetzt nicht daran denken. Wenn du durch die Türen gehst, die sehr niedrig sind, vergiß ja nicht, dich zu bücken, damit du nicht mit den Federn des Hutes anstößt, denn sonst wäre alles verloren. In der Kanzlei finde ich jederzeit die Kerkermeister, und der Schließer hat die Gewohnheit, mir die Hand zu reichen, um mich bis zur Sänfte zu führen, die an der Ausgangstür steht; heute aber wird sie auf dem Hofe am Ende der großen Treppe warten. Bald darauf wirst du auch Herrn Baudus treffen, der dich zu dem Wagen bringen und dir dein Versteck angeben wird. Dann sei alles der Gnade Gottes anheimgestellt! Mein Freund, tue alles so, wie ich es dir sage, bleibe ruhig. Gib mir deine Hand, daß ich deinen Puls fühle. Gut! Nun nimm die meinige. Bemerkst du nur die leiseste Aufregung?«

Ich überzeugte mich, daß sie heftiges Fieber hatte. Dann gab ich ihr meinen Trauring unter dem Vorwande, daß, wenn ich auf der Flucht bis zur Grenze verhaftet würde, man bei mir nichts finden solle, woran man mich erkennen könne. Sie ließ nun Josephine näher treten und sagte: »Höre genau auf das, mein Kind, was ich dir sagen will, denn du mußt es mir wiederholen. Ich werde heute um sieben anstatt um acht Uhr weggehen. Du gehst hinter mir, denn du weißt, daß die Türen schmal sind. Wenn wir in das große Zimmer der Kanzlei treten, habe wohl acht, dich an meiner linken Seite zu halten, denn von dieser pflegt der Schließer mir gewöhnlich den Arm zu reichen, und der Mensch ist mir zuwider. Wenn wir das Gitter hinter uns haben und die äußere Treppe hinabgehen wollen, kommst du an meine rechte Seite, damit die abscheulichen Gendarmen der Wache mir nicht so ins Gesicht sehen können, wie sie es gewöhnlich tun. Hast du alles verstanden?«

Das Kind wiederholte alles mit größter Genauigkeit. Kaum war dies geschehen, als Sainte-Rose eintrat. Er hatte sich unter dem Vorwande einführen lassen, meine Frau nach Hause bringen zu wollen, sein eigentlicher Zweck aber war, mich noch einmal zu umarmen. Seine Gegenwart setzte uns sehr in Verlegenheit. Ich nahm ihn daher beiseite, und sagte: »Gehen Sie jetzt, mein Freund; Emilie kennt noch nicht ihr ganzes Unglück, und man muß sie in der Täuschung lassen. Kommen Sie um acht Uhr wieder, doch treten Sie nicht ein, wenn Sie die Sänfte nicht sehen. Besuchen Sie dann meine Frau zu Hause, denn sie wird dann wieder zurückgekehrt sein.« Ich umarmte ihn und begleitete ihn zur Türe hinaus. Aber bald kam ein neuer Besuch, der Oberst Briqueville, den seine Wunden beinahe zwei Monate ans Zimmer gefesselt hatten. Er glaubte nicht, meine Frau hier zu finden, und bemerkte sogleich, daß seine Anwesenheit lästig werden könnte, obgleich er das Schreckliche meiner Lage noch nicht ganz kannte. Seine Rührung war so innig, sein Schmerz so tief, daß ich fürchtete, wir möchten davon angesteckt werden. »Gehen Sie,« bat ich ihn leise, »es ist das letztemal, daß ich meine Frau sehe; ein Augenblick der Schwäche könnte ihr Tod sein.«

Endlich waren wir allein. Ich sah Emilie an; ich dachte an alle die Hindernisse, die uns entgegenstehen könnten, und ein verderblicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf. »Wenn du zu dem Schließer gingest,« sagte ich ihr, »und ihm hunderttausend Francs dafür bötest, daß er ein Auge zudrücke, wenn ich durch die Kanzlei gehe, dann wären wir alle gerettet.« Einen Augenblick sah sie mich stillschweigend an, dann sagte sie : »Gut; ich gehe!« Sie ging wirklich, kehrte indes wenige Minuten darauf wieder zurück. Kaum hatte sie sich entfernt, als ich auch schon Reue über diesen Schritt empfand. Ich sah die ganze Nutzlosigkeit und Unvorsichtigkeit desselben ein. Als meine Frau wieder eintrat, sagte sie ruhig: »Es ist unnütz, die wenigen Worte, die ich aus dem Wächter herausbekam, haben mich von seiner Unbestechlichkeit überzeugt. Laß uns daher nichts an unserem Plane ändern!«

Endlich wurde das Essen aufgetragen. In dem Augenblick, als wir uns zu Tisch setzen wollten, trat eine alte Dienerin, Frau Dutois, die Josephine begleitet hatte, aufgeregt ein. Meine Frau hatte sie in der Absicht mitgebracht und bei dem Schließer gelassen, daß sie mir folgen solle, wenn ich ginge. Aber durch die Hitze in der Stube des Kerkermeisters und ihre innere Aufregung war sie unwohl geworden, so daß sie dringend um die Erlaubnis bat, mich noch einmal sehen zu dürfen. Der Wärter führte sie ohne Genehmigung des Schließers zu mir. Weit entfernt, uns nützlich zu sein, setzte sie uns vielmehr in große Verlegenheit. Beim Anblick der Verkleidung konnte sie leicht den Kopf verlieren. Aber was sollten wir tun? Wir mußten sie jetzt bei uns behalten. Eben wollte sie ihr Seufzen und Klagen beginnen, als meine Frau ihr mit festem Ton sagte: »Keine Kindereien, setzen Sie sich zu uns, essen Sie nicht, sprechen Sie kein Wort, und riechen Sie an diesem Fläschchen. In weniger als einer Stunde sind Sie an der frischen Luft!«

Diese Mahlzeit, welche die letzte meines Lebens sein sollte, war entsetzlich. Die Bissen blieben uns in der Kehle stecken, wir wechselten kein Wort und mußten so gegen eine Stunde zubringen. Endlich schlug es dreiviertel sieben. «Ich bin in fünf Minuten fertig,« sagte sie mir, »aber ich will zuvor Bonneville noch einmal sprechen.« Sie klingelte; der Kammerdiener trat ein. Sie nahm ihn beiseite, sagte ihm einige Worte ins Ohr und fügte dann laut hinzu: »Sorgen Sie dafür, daß die Träger bereit sind; ich will gehen. — Jetzt mußt du dich ankleiden,« wendete sie sich leise an mich.

Ich hatte in meine Stube einen Wandschirm bringen lassen, um mir so ein Ankleidekabinett zu bilden. Dahinter traten wir. Während sie mich anzog, sagte sie nochmals: »Vergiß nicht, dich gehörig zu bücken, wenn du durch die Türe trittst. In der Kanzlei geh langsam, wie eine vom Kummer niedergedrückte Person.« — In weniger als drei Minuten war mein Anzug vollendet. Wir traten hinter dem Schirme vor, und Emilie sagte zu unserer Tochter: »Wie findest du deinen Vater?« Ein Lächeln des Unglaubens, der Überraschung umspielte die Lippen der armen Kleinen. »Ernstlich, meine Tochter,« sagte sie nochmals; »wie findest du ihn?« Ich drehte mich jetzt um und machte einige Schritte. »Nicht übel,« sagte sie, und ihr Kopf sank wieder traurig auf die Brust herab. Schweigend näherten wir uns der Tür.

»Der Wärter,« sagte ich zu meiner Frau, »kommt jeden Abend, wenn du fort bist, einige Minuten zu mir. Tritt daher hinter den Schirm und mache mit dem Geschirr etwas Geräusch. Er wird mich hinter dem Schirm wähnen und sich auf ein paar Augenblicke entfernen, die mir unumgänglich nötig sind.« Sie verstand mich, und ich zog die Klingelschnur. »Lebe wohl!« sagte sie, die Augen gen Himmel erhebend. Ich preßte ihren Arm mit meiner zitternden Hand, wir wechselten einen Abschiedsblick; eine Umarmung hätte unser Verderben werden können. Der Kerkermeister ließ sich hören. Emilie trat rasch hinter den Schirm. Die Tür öffnete sich. Ich trat zuerst hinaus, dann meine Tochter, und Frau Dutois beschloß den Zug. Nachdem wir den langen Gang überschritten hatten, langten wir vor der Tür der Kanzlei an. Ich mußte den Fuß heben und zu gleicher Zeit den Kopf beugen, um nicht mit den Federn an die Wölbung der Tür anzustoßen. Dies glückte mir. Als ich aber den Kopf wieder erhob, sah ich mich fünf Kerkermeistern gegenüber, die teils saßen, teils standen. Ich hielt mir das Taschentuch vor die Augen und wartete, daß meine Tochter an meine linke Seite kommen sollte. Das Kind nahm jedoch meinen rechten Arm, und der Schließer, der die Treppe von seiner Stube, die zur linken lag, herabkam, gelangte ohne Hindernis an meine Seite, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte: »Sie gehen heute sehr früh, Frau Gräfin.«

Er schien sehr ergriffen und glaubte wahrscheinlich, meine Frau habe mir soeben das letzte, ewige Lebewohl gesagt. Man hat behauptet, meine Tochter und ich hätten laut geschrien, wir wagten aber kaum zu atmen. Endlich kam ich zur Ausgangstür. Tag und Nacht sitzt hier ein Kerkermeister auf einem Lehnstuhle, von dem er nicht aufzustehen nötig hat, um die innere Gittertür, sowie die äußere Gefängnistür aufzuschließen. Dieser sah mich an, öffnete jedoch nicht. Ich streckte meine rechte Hand durch das Gitter hindurch, um ihm ein Zeichen zu geben. Endlich drehte er seine beiden Schlüssel in den Schlössern herum, und wir traten hinaus. Diesmal irrte meine Tochter sich nicht wieder, sondern nahm meinen rechten Arm. Man muß zwölf Stufen hinabsteigen, um auf den Hof zu kommen, doch am Fuße der Treppe befindet sich die Wache der Gendarmen. Zwanzig Soldaten, der Offizier an der Spitze, standen nur drei Schritte entfernt, um die Gräfin Lavalette vorübergehen zu sehen. Endlich erreichte ich langsam die letzte Stufe und stieg in die Sänfte, die zwei oder drei Schritte entfernt stand. Aber es waren keine Träger da, kein Bediensteter! Meine Tochter und die Alte standen an der Seite der Sänfte, die Schildwache nur sechs Schritte entfernt, unbeweglich den Blick auf mich gerichtet. In mein Staunen begann sich eine heftige Unruhe zu mischen. Ich heftete mein Auge starr auf das Gewehr der Schildwache, wie die Schlange das ihrige auf die von ihr ersehene Beute. Ich fühlte das Gewehr sozusagen in meinen geschlossenen Händen. Bei der ersten Bewegung, dem ersten Lärm, hätte ich mich auf diese Waffe gestürzt, denn ich fühlte die Kraft von zehn Männern in mir, und gewiß hätte ich jeden getötet, der den Versuch gemacht hätte, mich zu ergreifen. Diese Situation währte etwa zwei Minuten, doch für mich hatte sie die Länge einer ganzen Nacht. Endlich hörte ich Bonnevilles Stimme, der leise zu mir sagte: »Ich habe einen der Träger verfehlt, aber einen andern gefunden.« Da fühlte ich mich auch schon emporgehoben. Die Sänfte wurde über den großen Hof getragen und wendete sich beim Ausgange nach rechts. So kamen wir zum Quai des Orfèvres, gegenüber der kleinen Rue de Harlay. Hier hielt die Sänfte, die Tür wurde geöffnet, und mein Freund Baudus sagte, mir den Arm reichend, sehr laut: »Sie wissen, Frau Gräfin, daß Sie noch einen Besuch beim Präsidenten zu machen haben!« Ich verließ also die Sänfte, und er wies auf ein Kabriolett, das einige Schritte entfernt in der dunklen Straße hielt. Ich stieg eilig in den Wagen, dessen Kutscher zu mir sagte: »Geben Sie mir meine Peitsche.« Vergebens suchte ich sie; sie war hinuntergefallen. »Tut nichts,« sagte mein Gefährte. Eine Bewegung mit den Zügeln, und das Pferd flog davon. Als wir über den Quai fuhren, sah ich Josephine, die mit gefalteten Händen aus voller Brust zu Gott betete. Wir fuhren über die Brücke Saint-Michel, durch die Rue de la Harpe und erreichten bald die Rue de Vaugirard hinter dem Odéon. Hier erst wagte ich wieder frei zu atmen. Nun sah ich mir den Kutscher des Kabrioletts genauer an. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich in ihm den Grafen von Chassenon erkannte, den ich hier am allerwenigsten erwartete. »Wie!« rief ich aus; »Sie sind es ?« — »Ja,« sagte er, »und hinter Ihnen werden Sie vier scharf geladene Doppelpistolen finden. Ich hoffe, daß Sie im Notfall davon Gebrauch machen!« — »Wahrlich, nein!« entgegnete ich; »ich will Sie nicht ins Verderben stürzen.« — »Dann würde ich es tun, und wehe dem, der Sie verhaften wollte!«

Wir fuhren bis zum neuen Boulevard, an der Ecke der Rue Plumet. Hier hielten wir. Ich hing mein weißes Taschentuch über das Spritzleder des Kabrioletts ; das war das mit Herrn Baudus verabredete Zeichen. Schon auf der Fahrt hatte ich mich der weiblichen Verkleidung entledigt, die Jacke eines Jockeis angezogen und das runde, goldbesetzte Käppchen eines solchen aufgesetzt. Bald darauf kam Baudus. Ich nahm Abschied vom Grafen von Chassenon und folgte bescheiden meinem neuen Gebieter. Es war acht Uhr abends; der Regen goß in Strömen, und in dem abgelegenen Teile der Vorstadt St. Germain herrschte tiefe Finsternis, gänzliche Einsamkeit. Nur mit Mühe konnte ich gehen; Herr Baudus lief so schnell, daß ich ihm nur mit größter Anstrengung zu folgen vermochte. Bald verlor ich einen Schuh, und dennoch mußte ich vorwärts. Wir begegneten einigen Gendarmen, die im Galopp an uns vorübersprengten. Wahrscheinlich suchten sie mich, den sie nicht in so unmittelbarer Nähe wähnten. Nachdem wir beinahe eine Stunde gegangen waren und ich mich gänzlich erschöpft fühlte, machte Herr Baudus an der Rue de Grenelle, in der Nähe der Rue du Bac, Halt. »Ich werde jetzt in ein Haus eintreten,« sagte er zu mir; »während ich mit dem Portier spreche, gehen Sie auf den Hof. Links werden Sie eine Treppe finden, diese steigen Sie bis zur obersten Etage hinauf. Dann gehen Sie einen dunklen Gang entlang, den Sie zur Rechten finden werden. Am Ende dieses Ganges ist ein hölzerner Pfeiler, hier bleiben Sie stehen und warten!«

Hierauf bogen wir in die Rue du Bac ein, und ein Schwindel ergriff mich, als ich Baudus an die Tür des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten klopfen sah, das damals vom Herzog von Richelieu bewohnt war. Herr Baudus trat zuerst ein, und während er mit dem Portier sprach, der den Kopf zu seiner Loge herausstreckte, ging ich schnell vorüber. »Wo will der Mann hin?« rief mir der Portier nach. — »Es ist mein Bedienter,« sagte Herr Baudus gleichgültig. Ich fand die Treppe, stieg sie bis zum dritten Stockwerk empor, gelangte bis zu dem bezeichneten Pfeiler und wartete hier. Bald darauf hörte ich das Rauschen eines Frauenkleides. Leise wurde ich am Arme ergriffen, in ein Zimmer geschoben, worauf sich die Tür wieder hinter mir schloß. Ich näherte mich einem Kamin, in welchem ein lustiges Feuer brannte, das ein Ungewisses Licht im Zimmer verbreitete. Als ich meine Hände auf den Kamin legte, um sie zu wärmen, fand ich ein Licht und ein Päckchen Schwefelhölzer, woraus ich entnahm, daß ich Licht anzünden dürfte. Nun examinierte ich meine neue Wohnung. Es war ein Mansardenzimmer mittlerer Größe, das ein sehr sauberes Bett, eine Kommode, zwei Stühle und einen kleinen Kamin enthielt. Auf der Kommode lag ein Zettel mit den Worten: »Keinen Lärm; öffnen Sie das Fenster nur während der Nacht, ziehen Sie weiche Pantoffeln an, und warten Sie geduldig.« — Neben diesem Zettel fand ich eine Flasche vortrefflichen Portwein, mehrere Bände von Molières und Rabelais' Werken und ein niedliches Körbchen mit allen zu einer sorgfältigen Toilette erforderlichen Gegenständen. Diese zarte Aufmerksamkeit und die schöne Schrift des Billetts zeigten mir, daß meine Wirte mit den großmütigsten Gesinnungen gegen mich feine Sitten und guten Geschmack verbanden. Aber weshalb befand ich mich im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten? Ich hatte den Herzog von Richelieu nie gesehen; Herr Baudus war zwar in dieser Abteilung angestellt, aber eigentlich nur mittelbar. Dem Könige konnte ich kein Interesse einflößen; auch hätte er mich ja nur zu begnadigen brauchen. Befand ich mich hier mit dem Willen des Ministers? Aus welchem Grunde verletzte dieser dann heilige Pflichten und die seinem Herrscher schuldige Treue, indem er sich der Bonapartisten und eines zum Tode verurteilten Verschwörers gegen den König annahm?

Noch war ich mit diesen Betrachtungen beschäftigt, als die Tür sich leise öffnete und ich mich in den Armen des Herrn Baudus befand. Nach den ersten Aufregungen der Freude begann ich ihn über das auszufragen, was mich quälte, doch er unterbrach mich und sagte: »Quälen Sie sich nicht mit unnützen Grübeleien; die Wahrheit ist Folgendes: Vorgestern ließ Ihre Gemahlin mich zu sich rufen, und als die Bedienten entfernt und die Türen geschlossen waren, sagte sie: »Ich will meinen Mann retten, da keine Gnade für ihn zu erlangen ist, aber ich weiß nicht, wo er eine Unterkunft finden soll. Meine Verwandten und Freunde sind außer stände, mir zu dienen. Ich wende mich daher vertrauensvoll an Sie. Schaffen Sie ihm die Mittel, sich zu verbergen, er wird morgen frei sein.« — Die Forderung kam mir so plötzlich, daß sie mich in Verwirrung setzte. Sie wissen, daß ich wenig Besuche empfange. Sie bei mir, in einem Hotel Garni zu verbergen, wo dreißig Personen wohnen, war unmöglich; das sagte ich auch der Gräfin. — »Denken Sie schnell darüber nach,« entgegnete sie, »denn Sie müssen ausfindig machen, was ich von Ihnen fordere.« — Endlich, nach einigem Besinnen, erwiderte ich: »Geben Sie mir zwei Stunden Zeit; ich bin durch die innigste Freundschaft mit einer Familie verbunden, welche weiß, was Unglück bedeutet, und deren Mut und Rechtschaffenheit bewundernswert sind.« — »Eilen Sie, eilen Sie, schnell!« rief die Gräfin. »Schildern Sie ihnen meine Lage; meinen Mann verbergen, heißt mir das Leben retten!« —

Ich wollte nun etwas Näheres von ihr wissen, doch sie erwiderte: »Nein, nein; bei Ihrer Rückkehr sollen Sie alles erfahren, doch jetzt eilen Sie zuerst zu Ihren Freunden.« — »Ich verließ sie und ging sofort hierher. ... Sie sind bei Herrn Bresson, dem Kassierer des Ministeriums des Auswärtigen.Ich hatte Bresson nur zweimal gesehen, aber ich kannte seine Geschichte. Als Konventsdeputierter hatte er sich energisch gegen den Prozess und die Verurteilung Ludwigs XVI. ausgesprochen. Er stimmte gegen den Tod und wurde bald darauf verbannt und zur Flucht gezwungen. Seine Frau und er fanden ein Asyl in den Vogesen, bei braven Leuten, welche sie mit bewunderungswürdiger Treue zwei Jahre lang verborgen hielten, obwohl der Tod sie unabwendbar getroffen hätte, wenn man die Flüchtlinge bei ihnen entdeckt hätte. Nach der Verbannung ihres Mannes hatte Madame Bresson das Gelübde abgelegt, einen Unglücklichen zu retten, der für ein politisches Vergehen verurteilt worden, wenn die Vorsehung sie so begünstige, daß einer sich an sie wende. Ich ging daher zu ihr. »Ihr Gelübde ist der Erfüllung nahe,« sagte ich ihr. Hierauf erzählte ich ihr Ihre Geschichte und den Entschluß Ihrer Gemahlin.« »Er mag kommen!« rief sie begeistert aus; »mein Mann ist abwesend, aber ich habe nicht nötig, ihn über eine gute Handlung zu Rate zu ziehen, denn er teilt meine Gefühle. Ich will sogleich ein Zimmer in Ordnung bringen, worin der Unglückliche in Sicherheit sein wird; eilen Sie, die Gräfin Lavalette davon in Kenntnis zu setzen!« — Ich ging nun rasch zu Ihrer Gemahlin, und sie machte mich nun mit dem ganzen Plane bekannt. Schweigend hörte ich sie an, denn es war keine Zeit zu Einwänden. Sie sprach mit solcher Lebhaftigkeit, mit solchem Vertrauen, mit solcher Überzeugung von einem glücklichen Erfolge, daß ich eifrig auf alle Einzelheiten des Unternehmens einging. Doch ich bedurfte eines Privatwagens. Mit der Erlaubnis der Gräfin ging ich zum Grafen von Chassenon, den ich als entschlossenen Ehrenmann kannte. — Und so sind Sie denn hier, wie durch eine Art Wunder, denn noch begreife ich selbst nicht, wie alles so gut gelingen konnte. Nun sehen Sie aber wohl ein, wie notwendig es für unsere großmütigen Freunde ist, nie zu verraten, daß Sie ihnen diesen Zufluchtsort verdanken; die ganze Familie wäre verloren. Bresson bedarf seines Gehaltes; er hat für eine Tochter und vier Neffen zu sorgen. Als Beamter in einem königlichen Gebäude wohnend, geehrt durch das Vertrauen seines Ministers, täuscht er sich nicht über das Strafbare seiner Handlung, doch ist er auch auf der anderen Seite von Ihrer Unschuld überzeugt. Und was sind alle diese Rücksichten, wenn ein Menschenleben in Betracht kommt? Wir werden uns nun damit beschäftigen, Sie von hier zu entfernen und über die Grenze zu schaffen, was nicht leicht sein wird. Indes ist ja das Wichtigste geschehen, und die Vorsehung wird ihr Werk nicht unvollendet lassen.«

Baudus verließ mich, und ich blieb zwei Stunden lang allein. Kaum wagte ich die geringste Bewegung zu machen und dachte voll Betrübnis über das Geschick meiner armen Emilie nach, die als Geisel im Gefängnis zurückgeblieben war. Gegen elf Uhr abends öffnete die Tür sich wieder, und eine Dame trat herein, die mit Eleganz gekleidet war und das Gesicht mit einem Schleier verhüllt hatte. Sie war von einem etwa vierzehnjährigen Mädchen begleitet. Die Dame warf sich mir in die Arme, und das Kind, welches weinte, drängte sich ängstlich an die Seite seiner Mutter. In meiner Aufregung rief ich: »Um Gottes Willen, Madame, heben Sie den Schleier, damit ich endlich das holde Wesen kennen lerne, dem ich meine Rettung verdanke!« — »Wir kennen uns nicht,« erwiderte sie, ihren Schleier vom Gesichte nehmend, »doch ich fühle mich glücklich, an der heldenmütigen Tat der Gräfin Lavalette teilnehmen zu können.« — In der Tat hatte ich Frau Bresson nie gesehen. Sie war damals vierzig Jahre alt, doch die Frische ihres Gesichts und die Anmut ihrer Gestalt ließen sie wenigstens um zehn Jahre jünger erscheinen. Sie hatte auf den Ofen eine Art Suppenterrine gestellt und sagte: »Hier ist Ihr Essen; die beiden Gerichte sind in einer Schüssel. Sie werden eine schlechte Küche finden, aber wir sind gezwungen, uns selbst zu bestehlen, um Sie zu ernähren, denn ich darf unser Geheimnis keinem unserer Dienstboten anvertrauen. Sie wohnen sämtlich auf diesem Gange, und das Nebenzimmer ist das meines Neffen Stanislaus. Machen Sie daher des Morgens keinen Lärm; kehren Sie Ihre Stube und machen Sie Ihr Bett selbst. Da dies Zimmer für gewöhnlich nicht bewohnt ist, könnte das geringste Geräusch uns alle ins Verderben stürzen.«

Sie verließ mich, nachdem wir uns eine Stunde miteinander unterhalten hatten. Darauf kam auch Herr Bresson. Die Dame hatte mich weich gestimmt, und seine Ankunft verlieh mir etwas Fröhlichkeit. Bresson war ein Mann mit einem sehr angenehmen Gesicht. Sein Verstand war scharf und gebildet, und er besaß eine Charakterstärke, von der er schon häufig die bündigsten Beweise gegeben hatte. Nicht seine Anhänglichkeit an den Kaiser war es, die ihn veranlaßte, sich in so große Gefahr zu stürzen, um mich zu retten, denn ich glaube, daß er weder des Kaisers Person, noch dessen Regierung geliebt hatte; ihn bewog vielmehr ein tiefes Gefühl der Menschlichkeit und ein mutiges Widerstreben gegen politische Verurteilungen, deren Opfer er selbst einst gewesen war. Lachend sagte er zu mir: »Ich komme aus mehreren Gesellschaften, unter anderem auch aus der einiger hoher Würdenträger. Sie können sich keinen Begriff von der Furcht und der Verwirrung machen, die alle Gemüter ergriffen hat. In den Tuilerien geht diese Nacht gewiß niemand zu Bett. Sie bilden sich ein, Ihre Flucht sei das Resultat einer Verschwörung, die nun ausbrechen wird, und man sieht Sie schon an der Spitze der alten Armee gegen die Tuilerien anrücken und ganz Paris zu den Waffen greifen. Es sollte mich nicht wundern, wenn man den Abmarsch der fremden Truppen verhinderte, die bereits aufgebrochen sind. Man spricht davon, die Barrieren zu schließen. Denken Sie sich, wohin das führen könnte! Die Milchweiber könnten morgen nicht in die Stadt, und allen Klatschgevattern fehlte es an Sahne zu ihrem Kaffee. Und ich mußte alle die Lamentationen mit anhören, ich, der Sie unter Verschluß hält!«

Hierauf prüfte er mit größter Sorgfalt die ganze Einrichtung meines Zimmers und alles, was man mir gebracht hatte. Ein Kommodenfach war mit Wäsche und Kleidern von ihm angefüllt. »Öffnen Sie die Jalousien Ihres Fensters nur eben so viel, als erforderlich ist, damit Sie das nötige Licht zum Lesen erhalten. Sollten Sie husten oder niesen müssen, so stecken Sie Ihren Kopf in diesen Schrank.«

Ich hatte ihn um Bier gebeten, um einen Durst stillen zu können, der mich schon fast einen Monat quälte. »Ich kann Ihnen leider keins geben,« sagte er, »wir trinken für gewöhnlich keins und es könnte daher auffallen. Ich habe die Geschichte Montmorins noch nicht vergessen, der entdeckt wurde und auf dem Blutgerüste starb, weil er ein junges Huhn gegessen hatte, dessen Knochen auf den Hof geworfen wurden. Die eine Nachbarin, welche wußte, daß die alte Frau, die ihn verborgen hielt, zu arm sei, um junge Hühner essen zu können, zog hieraus den Schluß, daß sie jemand bei sich verborgen hielt und zeigte sie an. Sie werden Fruchtsaft und Zucker erhalten aber kein Bier.«

Meine erste Nacht der Freiheit brachte ich damit zu, im Zimmer auf und nieder zu gehen, und an dem halbgeöffneten Fenster frische Luft einzuatmen. Ich konnte nicht bis auf die Rue du Bac hinabsehen, hörte aber alles genau, und das häufige Vorübersprengen von Reitern ließ mich erbeben. Gegen Morgen endlich trug die Erschöpfung über meine Besorgnisse den Sieg davon, und ich schlief ein. Zwei Stunden darauf wurde ich durch das Geräusch, das man um mich herum machte, geweckt, und zu meinem großen Erstaunen sah ich in der Mitte der Stube einen kleinen Mann, der alles mit größter Vorsicht in Ordnung brachte. »Wer sind Sie?« rief ich. — »Der Kammerdiener des Herrn.« — »Aber es war mit Ihrer Herrschaft verabredet, daß niemand zu mir kommen sollte.« — »Man ist andern Sinnes geworden, und wenn Sie aufstehen wollen, so können Sie in meine Stube gehen, während ich hier alles in Ordnung bringe.« Ich stand daher auf, und er ließ mich in ein gegenüberliegendes Zimmer treten. Als er sich entfernt hatte, sah ich mich genauer in dem Zimmer um, das für eine Bedientenstube viel zu sehr geschmückt war. Auf dem Kaminsimse standen eine Stutzuhr und Blumenvasen; das Bett war beinahe elegant. Ich öffnete einen Schrank und erblickte Frauenkleider darin. Was bedeutete dies alles ? Dieser Mann war also verheiratet und seine Frau ebenfalls eingeweiht? Wie ! Schon ein Kind und zwei Dienstboten ins Vertrauen gezögert, und das in diesem Gebäude! War dies auch alles der Vorsicht angemessen? Diese Fragen beunruhigten mich so sehr, daß ich mein Herz erbeben fühlte, und plötzlich überwältigte mich eine tiefe Ohnmacht. Der Kammerdiener kam nach einer halben Stunde zurück und fand mich in diesem Zustande. Mit Mühe schleppte er mich bis zu meinem Bett und rief mich hier ins Leben zurück. »Suchen Sie sich aufrecht zu erhalten,« sagte er mir, »denn bis heute abend kann weder der Herr, noch die gnädige Frau Sie besuchen. Ich komme wieder, wenn ich kann. Aber um Himmelswillen werden Sie nicht krank; denn wie wäre es möglich, Ihnen hier ärztliche Hilfe zu verschaffen?«

Nur zu gut fühlte ich, daß dieser redliche Mensch recht hatte. Wenn ich sterben sollte, sprach ich zu mir selbst, was würden sie dann mit meinem Leichnam beginnen? Diesen Betrachtungen wurde ich bald durch das Geschrei eines Ausrufers entzogen, der auf der Straße unter meinem Fenster etwas bekannt machte. Was es war, konnte ich zwar nicht verstehen, indes glaubte ich mehrmals meinen Namen zu hören. Ich eilte ans Fenster, aber er war schon zu weit entfernt, um noch ein Wort verstehen zu können. Ich mußte daher einen anderen Ausrufer abwarten und brachte vier tödlich lange Stunden zu, bis ein solcher erschien. Diesmal war es eine Frau, deren klare, kreischende Stimme die Worte: Lavalette — Wirte — Hauseigentümer — bis zu meinen Ohren dringen ließ. Es war ohne Zweifel ein Befehl ergangen, der denen strenge Strafen verhieß, die mir eine Zufluchtsstätte gewährten. Dies beunruhigte mich nicht weiter, doch wahrscheinlich war durch jenen Befehl auch denen eine reiche Belohnung versprochen, die mich anzeigten, und wer konnte wissen, ob sich nicht unter den Dienstboten des Hauses einer finden würde, den die Habgier verleitete, an mir und seiner Herrschaft zum Verräter zu werden? Ich war sehr ungerecht, denn Andreas Joineau und seine Frau, die Montet genannt wurde, waren alte Diener des Hauses, und ihre Treue und Ergebenheit bestanden jede Probe. Besonders die Frau, eine sehr hübsche Protestantin, zeichnete sich durch eine gute Erziehung und hochherzige Gefühle aus.

Gegen sechs Uhr abends endlich, — ich befand mich noch ohne Licht — trat eine Dame zu mir ein, setzte sich an das Fußende meines Bettes, und erkundigte sich leise nach meiner Gesundheit. Ich suchte sie darüber zu beruhigen, und als ich dabei meinen Dank für ihre Güte erneuerte, erwiderte sie: »Ich bin nicht Madame Bresson, sondern deren Kammerfrau. Madame wird erst in ein oder zwei Stunden kommen, doch da sie hörte, daß Sie unwohl wären, wünschte sie noch vorher Nachricht von Ihnen zu erhalten.«

»Wieder eine Mitwisserin mehr!« seufzte ich; »Gott gebe, daß das kein böses Ende nehme; aber ich fürchte es sehr!«

Endlich kam Madame Bresson selbst. Ich fragte sie nach dem Geschrei auf der Straße. »Es ist nichts,« sagte sie mir; »ein alter Polizeibefehl von 1793, der erneuert wird und über den alle Welt lacht, denn es herrscht eine unglaubliche Freude in Paris. Die Gräfin Lavalette wird bis zu den Wolken erhoben. Nichts ist pikanter, als die Bemerkungen der Frauen des gemeinen Volkes und besonders der Weiber der Halle. In den Theatern werden die leisesten Anspielungen wütend beklatscht, und wenn die Behörden diesen Ausdruck der Gefühle unterdrücken wollten, die übrigens einen lebhaften Haß verraten, so glaube ich gewiß, daß man ihre Agenten ermorden würde. Über diesen Punkt können Sie also ganz ruhig sein, und was die Vermehrung unserer Vertrauten betrifft, so haben mein Mann und ich mit reiflicher Überlegung erwogen, daß es besser sein würde, die beiden Leute, die Ihnen gegenüber wohnen, von Ihrer Anwesenheit zu unterrichten. Ungeachtet aller Ihrer Vorsicht, könnten Sie doch von ihnen gehört werden, und im Schrecken darüber hätten sie leicht mit den anderen Dienstboten über das verdächtige Geräusch sprechen können. Es war daher besser, ihnen die Zunge dadurch zu binden, daß man sie ins Vertrauen zog. Diese beiden Leute sind zwanzig Jahre verheiratet und ebenso lange bei uns in Diensten; sie besitzen großes Ehrgefühl und würden ihr Leben für uns lassen. Wir haben sogar beschlossen, Stanislaus von Ihrem Hiersein in Kenntnis zu setzen, denn er wohnt neben Ihnen und könnte Sie also leicht hören; ich werde ihn daher noch heute abend zu Ihnen bringen.«

Er kam in der Tat. Es war ein junger Mensch von zwanzig Jahren, sehr unterrichtet und von angenehmem Wesen. Wir wurden bald Freunde. Er blieb von abends elf bis morgens zwei Uhr bei mir. Ich lehrte ihn Schach spielen, und er brachte mir die Zeitung und die Stadtneuigkeiten.

Kehren wir indes nach der Conciergerie zurück. Kaum hatte ich die äußere Tür hinter mir, als der Wärter in meine Gefängnisstube trat und, wie ich es vorausgesehen hatte, sich zurückzog, als er das Geräusch hinter dem Wandschirm hörte. Nach fünf Minuten etwa kam er wieder. Da er wieder niemand sah, obgleich sich das Geräusch hinter dem Wandschirm wiederholte, schob er denselben zurück. Bei dem Anblick meiner Frau stieß er einen lauten Schrei aus und eilte der Türe zu. Meine Frau hielt ihn an seinem Rocke fest und flehte: »Lassen Sie meinen Mann gehen, warten Sie noch ein wenig.« — »Sie stürzen mich ins Verderben, Madame!« schrie er wütend. Dann riß er sich durch einen gewaltsamen Ruck los, wobei er ein Stück seines Rockes in ihren Händen zurückließ, stürzte hinaus und rief: »Der Gefangene ist entsprungen!« In Verzweiflung und sich die Haare ausraufend, langte er mit dieser Nachricht beim Polizeipräsidenten an. Alle Kerkermeister, alle Gendarmen kamen auf die Beine und zerstreuten sich nach allen Richtungen. Zwei trafen auf die Sänfte, mit der die Träger noch ruhig des Weges gingen. Sie öffneten sie, fanden aber nur noch meine Tochter darin, und ließen sie ungehindert gehen. Bald aber kam Ordnung in die Verfolgung. Während der Nacht hielt man strenge Nachsuchungen bei allen meinen Freunden und Bekannten, ja sogar bei solchen Personen, die nur durch mein ehemaliges Amt mit mir in Verbindung gestanden hatten. Am folgenden Tage wurden die Barrieren geschlossen, und ganz Paris war in der ausgelassensten Freude, die Polizei in Verzweiflung zu sehen.

Nach einer halben Stunde ward meine Frau endlich etwas ruhiger, und sie würde die Freude über meine Rettung ungestört genossen haben, wenn nicht die rohen Wärter, die ihre Tür offen ließen, sich alle möglichen Schmähungen gegen sie erlaubt und ihr ohne Unterlaß wiederholt hätten, daß ich unmöglich den Verfolgungen entgehen könnte.

Die Ankunft des Generalprokurators Bellart machte ihrer Roheit endlich ein Ende. Er stellte ein Verhör mit meiner Frau an und machte ihr dabei Vorwürfe, die man nur lächerlich nennen kann. Auf seinen Befehl wurde sie mit aller Strenge behandelt, die bei ihrem schwächlichen Gesundheitszustande als die Hauptursache der schrecklichen Krankheit zu betrachten ist, an der sie nachher zwölf Jahre lang zu leiden hatte und von der sie erst in dem Augenblick, wo ich dies schreibe, genesen ist.Infolge der ausgestandenen Seelenqualen und Aufregungen verfiel die Gräfin in Geistesstörung. Man brachte sie in den Kerker, den der Marschall Ney innegehabt hatte. Hier war kein Kamin, sondern ein Ofen, unter dessen Hitze sie Tag und Nacht zu leiden hatte. Die Aussicht dieser Zelle ging auf den Hof der Frauen. Den ganzen Tag mußte sie das Geschrei dieser Unglücklichen und ihre gemeinen Reden mit anhören, was eine sehr harte Strafe für eine Frau von guter Erziehung ist. Sie wurde in der strengsten Haft gehalten; man erlaubte selbst ihrer Kammerfrau nicht, sich ihr zu nähern. Eine Schließerin besorgte ihre Aufwartung. Kein Brief wurde von ihr hinaus-, keine Zeile zu ihr hineingelassen. Unaufhörlich wurde sie durch tausend Qualen gefoltert, und besonders während der Nacht, wenn die Schildwachen abgelöst wurden, bildete sie sich ein, man brächte mich zurück. Fünfundzwanzig Nächte lang schlief sie nicht einen Augenblick. Ich war weit entfernt, sie für so unglücklich zu halten. Um mich zu beruhigen, hatte man mir gesagt, sie wäre zur Frau des Polizeipräfekten gebracht worden, die sie mit der größten Aufrichtigkeit und Sorgfalt behandelte, und wahrscheinlich würde sie bald wieder nach Hause zurückkehren dürfen.

Außer sich vor Freude war meine Tochter in ihr Kloster zurückgekehrt; sie war so aufgeregt, daß sie nicht einmal zu erzählen vermochte, welchen Teil sie an der Befreiung ihres Vaters genommen. Als aber am folgenden Tage sich alles aufklärte, bekam die Vorsteherin, die kürzlich erst die Patronatschaft der Herzogin von Angoulême erbeten und erhalten hatte, eine solche Angst, daß sie meiner Tochter den Befehl erteilte, zu schweigen. Die Nonnen und selbst einige der Pensionärinnen zogen sich von Josephine zurück, als hätte sie die Pest. Und, sollte man es wohl für möglich halten, die Eltern mehrerer Pensionärinnen erklärten sogar der Vorsteherin, daß sie ihre Töchter aus dem Kloster nehmen würden, wenn Josephine Lavalette in demselben bliebe. Aus einer lobenswerten, edlen Handlung, die andern jungen Mädchen gleichen Alters zum Muster hätte hingestellt werden können, machte man also aus Furcht oder persönlichem Interesse, vielleicht auch aus Haß, ein Verbrechen! Sechs Wochen darauf, als meine Frau ihre Freiheit wieder erlangte, beeilte sie sich, ihre Tochter aus dem Kloster zu nehmen.

Die ersten zehn Tage meiner Verborgenheit brachte ich ziemlich ruhig zu. Meine liebenswürdigen Wirte suchten mich völlig zu beruhigen. Bei ihnen, sagten sie, hätte ich nichts zu befürchten, und ich könnte Monate lang in meinem Versteck bleiben, ohne ihnen nur einen Augenblick zur Last zu fallen. Ich aber dachte anders. Herr Baudus, der mich von Zeit zu Zeit besuchte, verhehlte mir nicht, daß die Polizei ihre ganze Tätigkeit aufböte. Man war überzeugt, daß ich die Grenze weder in der Richtung nach Straßburg, noch nach Metz überschritten hätte. General Excelmans, der sich als Flüchtling in Brüssel aufhielt, schrieb, sobald er von meiner Flucht gehört hatte, nach Paris an seine Frau ganz im Vertrauen, daß er mit mir zu Abend gegessen hätte. Die Anekdote wurde geschickt in Umlauf gesetzt, aber die Polizei ließ sich dadurch nicht täuschen ; sie setzte ihre Nachforschungen in Paris fort. Meine Freunde wurden mit einem Eifer bewacht, wie ihn nur die Hoffnung auf eine reiche Belohnung verlieh. Bertin de Vaux, der damalige Generaldirektor der Polizei, erklärte Herrn Baudus das Rätsel dieser hartnäckigen Verfolgung. Die Partei der Ultra-Royalisten beschuldigte den Minister, er habe den früheren Beziehungen zu mir, sowie dem Verlangen nachgegeben, sich aus meiner Flucht ein Verdienst um Ludwig Bonaparte und dessen Familie zu machen, um sich auf diese Weise für zukünftige Fälle ein Recht auf Erkenntlichkeit zu erwerben. Diese lächerlichen Beschuldigungen konnten zu den Ohren des Königs kommen, und Decazes, der fürchtete, seinen Einfluß durch mich gefährdet zu sehen, oder wohl gar dem Hasse, dessen Gegenstand er war, zu erliegen, ließ die Nachforschungen täglich erneuern. Ich mußte daher fliehen. Aber wie sollte ich dies bewerkstelligen? Man schlug mir vor, noch einmal die Kleider des andern Geschlechts anzulegen, um auf diese Weise in die Nähe eines Seehafens zu gelangen, wo ich dann wohl ein Schmugglerschiff finden würde, das mich nach England brächte. Ich verwarf jedoch diesen Plan, der mir zu überspannt schien. Baudus gefiel er ebenfalls nicht. Einige Tage darauf kam er zu mir, um mir zu vertrauen, daß ein russischer General mich mit sich nehmen wolle. Ich sollte während der Nacht nach seinem Gasthof geführt werden und konnte, in seinem Wagen verborgen, ohne Hindernis durch die Barriere gelangen. Aber es mußten zuvor 8000 Francs geschafft werden, um die Schulden des Generals zu bezahlen, und dann sollte ich alle Kosten der Reise tragen. Das Geld lag bereit, aber der Plan scheiterte. Der Russe verlangte, den Namen des Verurteilten zu erfahren, den er retten sollte, und die Furcht, nach Sibirien verbannt zu werden, wenn ich entdeckt würde, ließ ihn sein Versprechen zurücknehmen. Nun sann man darauf, mich in ein bayerisches Bataillon einzustellen, das Frankreich verließ, und mich dem Kommandeur desselben anzuvertrauen, der gewiß erfreut sein würde, einen Freund und Verwandten des Prinzen EugenEugen Beauharnais war mit der bairischen Prinzessin Augusta Amalia verheiratet. zu retten. Dieser Plan schien mir vortrefflich. Ich kannte den König von Bayern zu gut, als daß ich hätte fürchten müssen, daß er den Offizier dafür bestrafen würde. Und als ich einige Monate später mit dem vortrefflichen Fürsten darüber sprach, sagte er: »Ich würde ihn in mein Gefolge aufgenommen haben, wenn er Sie zu retten gewußt hätte.« — Aber auch dieses Mittel mußte aufgegeben werden. Die Polizei ahnte, daß ich mich desselben bedienen könnte, und jene Truppen wurden so streng bewacht, die Offiziere so scharf beobachtet, daß nicht mehr daran zu denken war. Am achtzehnten Tage meiner Zurückgezogenheit endlich kam Baudus, außer sich vor Freude, zu mir. »Endlich wird es uns gelingen,« sagte er, mich umarmend. »Ein paar Engländer erbieten sich, Sie zu retten, und ich glaube, daß es ihnen glücken wird!«

Folgendes hatte sich nämlich zugetragen. Die Prinzessin von Vaudemont, darüber beunruhigt, daß ich noch in Paris war, obgleich sie nicht wußte bei wem, suchte mir Befreier zu gewinnen. Sie vertraute ihren Kummer der Frau von Saint-Aignan, geborenen Caulaincourt an, einer der geistreichsten Damen der Gesellschaft, deren Güte unerschöpflich, deren Mut bewundernswert ist. Sie machte der Prinzessin den Vorschlag, einen jungen Engländer auszuforschen, einen Herrn Bruce, den beide Damen häufig sahen. Entzückt, einen Unglücklichen retten zu helfen, der dem Blutgerüste auf so sonderbare Weise entronnen war, ging Bruce mit Eifer auf den Vorschlag der Damen ein und vertraute ihn dem General Wilson an.

Der General teilte den Enthusiasmus seines jungen Freundes. Seine Absicht, den Marschall Ney zu retten, war ihm mißglückt, und er hoffte nun zuversichtlich bei mir Genugtuung dafür nehmen zu können. Er machte eine militärische Expedition aus der Sache, und da Bruce nicht zur Armee gehörte, mußte er sich mit einem oder zwei Offizieren verbinden, die unabhängig waren, freie Anschauungen hatten und sich ein Vergnügen daraus machten, den Bourbonen einen Streich zu spielen. Die Straße nach Belgien über Valenciennes war der englischen Armee besonders angewiesen und wurde daher zu meiner Flucht ausersehen. Sie forderten nur zwei Tage, um ihre Vorbereitungen zu treffen. Ich erhielt eine sehr genaue Anweisung hinsichtlich meines Anzuges. Keinen Schnurrbart, eine Perücke nach dem Haarschnitt der Engländer, den Backenbart sorgfältig frisiert, wie die Offiziere dieser Nation ihn zu tragen pflegen, einen Rock mit den Knöpfen der englischen Garde; die Uniform und die Perücke sollten mir erst im Augenblick der Abreise übergeben werden. Wir hielten Rat, und, wie dies häufig geschieht, begannen wir damit, dumme Streiche zu machen. Es wurde für unumgänglich nötig erachtet, mir den Rock von dem Schneider eines englischen Regiments machen zu lassen, aber es mußte ihm das Maß gegeben werden. Mein lieber Stanislaus nahm dies auf schönem weißem Papier, und statt der Einschnitte, welche die Leute vom Fach zu machen pflegen, schrieb er darauf: Länge des Vorderarms, Breite der Brust, und dies alles mit der feinsten, zierlichsten Schrift. Dies Maß trug er keck zum Schneider des englischen Garderegiments. Dieser machte zwar den Überrock sofort, bemerkte aber doch dabei, daß das Maß nicht von einem seiner Kollegen genommen worden sei. Herr Bresson hatte mir einen zweiten Rock in einem Kleidermagazin gekauft und mußte diesen freilich nach seinem Wuchse nehmen, der lang und hager war. So hatte ich denn nach zwei Tagen zwei Röcke, von denen keiner paßte. Ich hatte keine Stiefel, und unsere ganze Erfindungskraft reichte nicht hin, ein Mittel zu ersinnen, mir dergleichen zu verschaffen. So mußte ich denn mit denen des Herrn Bresson vorlieb nehmen, dessen Fuß um ein Viertel länger war als der meinige; kaum konnte ich darin gehen, worüber wir herzlich lachten. Am 19. Januar 1816, um acht Uhr abends, nahm ich endlich Abschied von meinen Wirten. Wir waren alle tief ergriffen, besonders ich, der ich so wenig Hoffnung hatte, sie jemals wieder zu sehen. Und doch sah ich sie wieder; ich schreibe diese Zeilen nämlich auf dem rechten Ufer der Seine, zwanzig Minuten von einem herrlichen Landgute entfernt, das sie das ganze Jahr hindurch bewohnen. Ich sehe sie täglich und habe sie glücklich und unabhängig gefunden. Ihre einzige Tochter Feodora ist mit Herrn Montjoyeux verheiratet, einem sehr liebenswürdigen jungen Mann. Sie haben zwei Kinder, und die junge Frau ist eine der hübschesten, liebenswürdigsten und geistreichsten der Gesellschaft. Und ich bilde mir ein, daß dies reine, ungetrübte Glück zum Teil der Lohn für ihr edles und mutiges Benehmen gegen mich ist. — Nachdem ich sie umarmt hatte, begleiteten die Herren Bresson und Baudus mich bis zur Ecke der Rue Grenelle, wo ich abermals das Kabriolett und den treuen Grafen Chassenon fand. Wir fuhren über die Place du Carrousel, und ich konnte mich eines Lächelns nicht enthalten, als ich an den zahlreichen Schildwachen vorüberkam, die vor den Tuilerien stehen. Das Schloß war erleuchtet, und in den Sälen befanden sich so viele Menschen, wütend darüber, daß sie meiner nicht habhaft werden konnten, während ich nur fünfzig Schritte von ihnen entfernt war.

Wir kamen zur Rue du Helder in der Nähe der Boulevards; hier sagte ich meinem Freund Chassenon Lebewohl. Als ich die Treppe langsam hinaufstieg, begegnete ich mit Staunen Fräulein Dubourg; aber wir liefen zu große Gefahr, um uns zu erkennen zu geben: Später erfuhr ich, daß sie zu Herrn Dupuis, meinem Untersuchungsrichter, ging, der das zweite Stockwerk des Hauses bewohnte. So sollte ich also die Nacht unter einem Dache mit dem Beamten zubringen, der meinen Prozeß untersucht und mich zwei strengen Verhören unterworfen hatte. Aber dieser Umstand beunruhigte mich durchaus nicht; Dupuis war ein Ehrenmann, ich hatte ihm nichts verhehlt, er hielt mich für unschuldig und scheute sich seit einem Monat nicht, dies öffentlich so laut zu erklären, daß es ihm selbst gefährlich werden konnte.

Im ersten Stockwerk angelangt, erschien ein Mann von hohem Wuchse mit einem sehr vornehmen Gesicht; es war der General Wilson. Er stellte mich zwei Männern vor, die sich im Salon befanden. In dem einen erkannte ich Bruce, den ich den Winter zuvor einigemal bei der Herzogin von Saint-Leu gesehen hatte. Der andere war Herr Hutchinson, Kapitän der englischen Garde und Inhaber der Wohnung. Er empfing mich sehr freundlich. Wir setzten uns um einen Tisch zu einer Bowle Punsch. Das Gespräch wurde über die öffentlichen Angelegenheiten geführt, und zwar mit einer Leichtigkeit und Unbefangenheit, als wären wir in London. Die Herren schienen über die Reise des folgenden Tages vollkommen ruhig. Nach einer Stunde endlich standen Bruce und Wilson auf, und dieser sagte mir, indem er mir die Hände herzlich drückte: »Stehen Sie morgen um sechs Uhr auf und ziehen Sie sich sorgfältig an; hier ist die Uniform eines Gardekapitäns, deren Sie sich bedienen mögen. Punkt acht Uhr erwarte ich Sie an der Tür.«

»Ich,« sagte Bruce, »will drei Tage auf dem Lande bei der Fürstin von der Moskwa zubringen, denn Sie bedürfen meiner nicht mehr. Meine herzlichsten Wünsche begleiten Sie, und ich werde durch meine Freunde Nachricht von Ihnen erhalten.« — Nachdem sie sich entfernt hatten, bot Hutchinson mir sein Bett an, aber ich fühlte kein Verlangen nach Schlaf und legte mich daher aufs Sofa. Während mein Wirt im tiefsten Schlaf lag, sah ich mich im Zimmer nach einem Winkel um, in dem ich mich verstecken könnte, für den Fall, daß die Polizei uns einen Besuch machen sollte. Aber es standen nur wenige Möbel im Zimmer, und die ganze Wohnung enthielt nur zwei Stuben und ein Kabinett. Es war unmöglich, auch nur eine Viertelstunde vor der oberflächlichsten Nachsuchung verborgen zu bleiben. Ich öffnete das Fenster, um die Entfernung bis zum Strassenpflaster zu messen; sie war zu groß, um hoffen zu dürfen, nach dem Sprunge noch die Flucht ergreifen zu können, und zu gering, um durch den Fall getötet zu werden. Zum Glück erinnerte ich mich der Pistolen, die Graf Chassenon mir gegeben hatte. Ich untersuchte sie sorgfältig, legte sie dann neben mich und schlief ein. Doch um ein Uhr morgens wurde ich durch einen schrecklichen Lärm und heftiges Gespräch an der Haustür geweckt. Ich horchte und vernahm, daß jemand Einlaß ins Haus begehrte, und sogleich weckte ich Hutchinson, indem ich sagte: »Ich glaube, ich bin entdeckt. Man will in das Haus; ich bitte Sie, stehen Sie auf.« Ruhig ging Hutchinson hinaus, und nach fünf Minuten, die mir gewaltig lang erschienen, kam er zurück und sagte: »Es ist nur ein Streit zwischen der Pförtnerin und einem französischen Offizier, der im dritten Stock wohnt. Sie beklagte sich, daß er zu spät nach Hause käme; lassen Sie uns daher ruhig weiterschlafen.«

Endlich, nachdem ich jede Stunde gezählt hatte, hörte ich es sechs schlagen. Ich machte mich sogleich an meine Toilette, und punkt acht kam ich zum General Wilson auf die Straße. Er hatte seine große Generalsuniform angezogen und saß in einem schönen Whisky ohne Verdeck. Hutchinson erschien bald darauf zu Pferde, und wir machten uns auf den Weg. Das Wetter war herrlich, alle Geschäfte waren geöffnet, zahlreiche Menschen auf den Straßen, und durch einen sonderbaren Zufall wurde auf dem Grève-Platz eben der Galgen errichtet, an welchem dem Brauche gemäß Verurteilte »in effigie« gehangen werden.

Wir bogen in die Rue de Clichy ein, die zu der Barriere gleichen Namens führt. Da ich den Tschako und die Uniform der englischen Garden trug, machten alle Soldaten des Regiments, die uns begegneten, die militärischen Ehrenbezeigungen. Zwei Offiziere der Garde, die uns zufällig entgegenkamen, schienen sehr überrascht, daß sie an der Seite des Generals Wilson einen Kameraden erblickten, den sie nie zuvor gesehen hatten; aber Hutchinson ritt zu ihnen heran und verwickelte sie in ein Gespräch, bis wir die Barriere erreicht hatten. Rechts und links stand eine englische und eine französische Wache. Die letztere war zum Glück von der Nationalgarde besetzt, und es war nicht wahrscheinlich, daß mich einer der Soldaten unter meiner Verkleidung erkennen würde, da. sie einem andern Stadtviertel angehörten als dem, in welchem ich wohnte. Langsam fuhren wir hindurch, während die Soldaten zu beiden Seiten unters Gewehr traten, und ich dankte dem General Wilson so innig, als läge bereits die Grenze des Königreichs hinter uns.

Wir kamen nach dem Dorfe La Chapelle, wo das Pferd gewechselt werden mußte. Die Ablösung stand in einem großen Dorfwirtshause, vor dessen Tür wir vier Gendarmen erblickten. Der General fuhr gerade auf sie zu, so daß sie beiseite treten mußten. Um ihre Aufmerksamkeit von uns abzulenken, ließ Hutchinson sich in ein Gespräch mit ihnen ein. Er fragte besonders nach der Anzahl der Ställe, der Menge der Fourage und der Quartiere, die im Dorfe zu finden wären. Sie schlossen daraus, daß Truppen kommen sollten, und der eine von ihnen erbot sich, den englischen Kapitän zum Gemeindevorstand zu führen. — »Jetzt nicht,« erwiderte Hutchinson. »Ich begleite den Wagen nur eine Strecke, doch spätestens in zwei Stunden bin ich wieder zurück.«

Das Gespräch konnte sich mit einem Engländer, der der Sprache nur wenig mächtig war, nicht über viele verschiedenartige Gegenstände verbreiten. Der Wechsel des Pferdes ging sehr schnell vonstatten. Ich erfuhr nun, daß die Stute, die wir bisher gehabt hatten, Herrn August von Saint-Aignan gehörte. Auf dem Wege begegneten wir vielen Gendarmen, die entweder Verbrecher eskortierten, oder die Militärkorrespondenz besorgten. Alle richteten ihre Blicke auf uns, ohne das geringste zu ahnen. Ich hatte die Gewohnheit angenommen, bei ihrem Anblick die Augen zu schließen, zugleich aber die Pistolen zu ergreifen, fest entschlossen, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn ich erkannt und verhaftet würde; denn es wäre zu töricht gewesen, mich ruhig nach Paris transportieren zu lassen.

Endlich langten wir in Compiègne an. Am Eingange der Vorstadt stand ein englischer Unteroffizier. Als dieser seinen General erblickte, machte er kehrt, ging gemessenen Schrittes durch einige kleine Nebenstraßen und blieb vor der Tür eines kleinen, sehr abgelegenen Hauses stehen. Hier fanden wir einen Offizier, der uns sehr gut aufnahm. Wir warteten nun auf den Wagen des Generals, den Herr Willis ihm aus Paris zuführte. Er hatte Postpferde für den General Walis, den Schwager des Generals Wilson, genommen, der unter jenem Namen reiste. Willis langte gegen sechs Uhr an, nachdem er eine ziemlich lange Strecke von Gendarmen verfolgt worden war. Es war kein Augenblick zu verlieren. Der Wagen fuhr sehr rasch davon.

In Condé wurden wir lange aufgehalten, um durch die Stadt zu kommen. Glücklicherweise war es während der Nacht. Am folgenden Tage endlich, um sieben Uhr morgens, kamen wir an die Tore von Valenciennes, der letzten französischen Stadt auf dieser Strecke. Ich begann schon freier Atem zu schöpfen, als der Postmeister von uns verlangte, wir sollten mit unseren Pässen, um sie visieren zu lassen, zum Kapitän der Gendarmerie gehen. »Haben Sie unsern Stand nicht gelesen?« fragte Wilson ruhig. »Der Kapitän der Gendarmerie mag zu uns kommen, wenn er uns sehen will.«

Der Postmeister fühlte wahrscheinlich die Unschicklichkeit, die er begangen hatte, nahm unsere Pässe und entfernte sich, um selbst die Unterzeichnung derselben zu besorgen. Er blieb sehr lange, und die fürchterlichste Besorgnis begann mich zu quälen. Sollte ich noch im Hafen scheitern? Konnte nicht dieser Gendarmerieoffizier das Signalement der Pässe selbst prüfen wollen, um mich dann verhaften zu lassen? Zum Glück war es sehr kalt und kaum Tag; der Offizier blieb im Bett und unterzeichnete. Wir fuhren zum Tore hinaus. Auf dem Glacis wollte ein verwünschter Zollbeamter doch noch sehen, ob unsere Pässe in Ordnung wären, aber als er seine Neugier befriedigt hatte, flogen wir auf der schönen Straße dahin. Von Zeit zu Zeit blickte ich zurück, ob wir verfolgt würden. Meine Ungeduld stieg mit jeder Drehung des Rades. Der Postillon hatte uns am Horizonte ein großes Haus als die belgische Zollstation bezeichnet. Die Augen auf dieses Gebäude geheftet, sah ich mich stets gleichweit von demselben entfernt. Es schien mir, als bewegte sich die Postkutsche nicht von der Stelle. Ich schämte mich meiner Ungeduld, vermochte sie aber nicht zu mäßigen. Endlich war das Gebäude erreicht; wir befanden uns auf belgischem Gebiete, ich war gerettet! Innig drückte ich die Hände des Generals und sprach ihm meine tiefe Dankbarkeit aus. Er aber bewahrte sein steifes Wesen und lächelte nur, ohne etwas zu erwidern. Nach einer halben Stunde wendete er sich zu mir und sagte mit der größten Ernsthaftigkeit: »Erklären Sie mir doch, lieber Freund, warum Sie nicht guillotiniert sein wollten?« — Ich sah ihn überrascht an, ohne zu antworten. »Ja,« fuhr er fort, man hat mir gesagt, daß Sie förmlich wie um eine Gnade gebeten haben, erschossen zu werden.« — »Aber,« erwiderte ich, »man führt den Verurteilten auf einem Karren, die Hände auf den Rücken gebunden, zum Schafott, und wenn er oben ist, befestigt man ihn auf einem Brett, das man niedersenkt und unter das Messer bringt.« — »Ah, ich verstehe,« sagte der General; »Sie wollten nicht wie ein Kalb abgeschlachtet werden.«

Wir kamen gegen drei Uhr nachmittags in Mons an und stiegen im besten Gasthofe ab. Während wir das Mittagessen erwarteten, schrieb ich einige Briefe, deren Besorgung der General übernehmen wollte, und nachdem er mit mir einige Einkäufe besorgt und mir zwei Briefe gegeben hatte, den einen für den König von Preußen, den andern für den englischen Gesandten Lamb in München, trennten wir uns; er kehrte nach Paris zurück, ich reiste nach Deutschland, um die bayerische Grenze zu gewinnen.

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