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Eingekerkerte und Ausbrecher

Heinrich Conrad: Eingekerkerte und Ausbrecher - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
booktitleEingekerkerte und Ausbrecher
authorHeinrich Conrad
titleEingekerkerte und Ausbrecher
seriesRARA - Eine Bibliothek des Absonderlichen
volume6
publisherVerlag Robert Lutz - Stuttgart
printrun2
senderhille@abc.de
created20040701
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Fürst Peter Krapotkin

Fürst Peter Krapotkin ist 1842 in Moskau geboren. Er wurde im kaiserlichen Pagenkorps in St. Petersburg erzogen und dann Offizier eines Kosakenregiments in Sibirien; dort quittierte er den Militärdienst 1867 und widmete sich den Wissenschaften, vorzüglich der Geographie und Geologie. Sein ideales, für das Unglück anderer tief empfängliches, zu allen persönlichen Opfern stets bereites Wesen führte ihn in die soziale Reformbewegung. Als Angehöriger des Tschaykowsky-Kreises, der die sozialistische Propaganda heimlich unterm Volke trieb, wurde der Fürst verhaftet. — Die Schilderung seiner Flucht entnehme ich seiner Selbstbiographie, die deutsch unter dem Titel »Memoiren eines Revolutionärs« in zwei Bänden erschienen ist.

C.

In den zwei nächsten Jahren, von denen ich nun zu reden habe, wurden in Petersburg wie in den Provinzen viele Verhaftungen vorgenommen. Es verging kein Monat, ohne daß wir nicht einen oder den andern unserer Freunde verloren oder von dem Verschwinden verschiedener Mitglieder aus den Provinzialgruppen gehört hätten. Gegen Ende des Jahres 1873 häuften sich die Verhaftungen immer mehr. Im November drang die Polizei plötzlich auch in eines unserer Hauptversammlungslokale in einer Petersburger Vorstadt. Wir verloren damals die Perowskaja und drei andere Freunde und mußten fürs erste alle unsere Beziehungen zu den Arbeitern dieser Stadtgegend abbrechen. Wir gründeten darauf etwas weiter von der Stadt entfernt einen neuen Agitationsherd, mußten ihn aber bald wieder aufgeben. Die Wachsamkeit der Polizei steigerte sich, es konnte sich kein Student mehr unbemerkt in einem Arbeiterviertel zeigen, und überall waren die Arbeiter von Spähern umgeben, die ihr Tun und Treiben scharf kontrollierten. Wir drei, Dmitri Kelnitz, Sergei und ich, kamen in unsern Schafspelzen und mit unsern unverdächtigen Mienen immer glücklich durch und dachten nicht daran, den gefährlichen Boden zu meiden. Doch wurden Dmitri und Sergei, deren Namen in den Arbeitervierteln weithin bekannt geworden waren, von der Polizei eifrig gesucht, und hätte man sie zufällig bei einer nächtlichen Haussuchung in der Wohnung eines Freundes gefunden, so wäre ihre Verhaftung sofort erfolgt. Zu manchen Zeiten mußte Dmitri jeden Tag nach einem Platze herumsuchen, wo er die Nacht verhältnismäßig sicher zubringen könnte.

In den ersten Tagen des Januars 1874 ging uns ein weiterer Versammlungsort verloren, der den Mittelpunkt unserer Agitation unter den Webern gebildet hatte. Einige von unseren tätigsten Mitgliedern verschwanden hinter den Toren der geheimnisvollen Dritten Abteilung. Unser Kreis wurde enger und allgemeine Versammlungen immer schwieriger. Wir machten daher die äußersten Anstrengungen, neue Vereinigungen von jungen Männern zu bilden, die unser Werk fortsetzen könnten, wenn wir alle verhaftet wären. Tschaykowsky befand sich bereits im Süden, und Dmitri und Sergei wurden von uns geradezu mit Gewalt gezwungen, Petersburg gleichfalls zu verlassen. Es blieben nur fünf oder sechs von uns zurück, die nun alle Arbeit unseres Kreises auf sich nehmen mußten. Auch ich hatte die Absicht, sobald ich meinen Bericht an die Geographische Gesellschaft zum Vortrag gebracht hätte, nach dem Südwesten Rußlands zu gehen und dort eine Art Landliga, ähnlich der, die in Irland am Ende der siebziger Jahre so mächtig geworden ist, zu gründen.

Nachdem es zwei Monate verhältnismäßig ruhig gewesen war, erfuhren wir Mitte März, daß so ziemlich der ganze Verein der Maschinisten verhaftet worden sei und mit ihnen auch ein junger Mann, Namens Nisowkin, ein früherer Student, der unglücklicherweise ihr Vertrauen besaß, von dem wir aber überzeugt waren, er würde sich bald durch Verrat alles dessen, was er über uns wußte, freizumachen suchen. Außer Dmitri und Sergei kannte er Serdukow, den Gründer des Kreises, und mich, und wir machten uns daher darauf gefaßt, er würde, sobald man ihn mit Fragen drängte, unsere Namen nennen. Ein paar Tage darauf verhaftete man ferner zwei Weber, höchst unzuverlässige Burschen, die sogar ihren Kameraden gehöriges Geld unterschlagen hatten, und die mich unter dem Namen Borodin kannten. Es war nicht zu zweifeln, daß diese sofort die Polizei auf die Spur Borodins, des Mannes in Bauerntracht, der bei den Weberversammlungen das Wort führte, bringen würden. Es dauerte nun keine Woche mehr, so waren alle Mitglieder unseres Kreises außer Serdukow und mir verhaftet.

Auch uns blieb hiernach nichts anderes übrig, als aus Petersburg zu flüchten, aber gerade das wollten wir nicht. Wir dachten an unsere umfassende Organisation zum Druck unserer Flugschriften im Auslande und zur Einschmuggelung derselben in Rußland, an das Netzwerk von geheimen Vereinen, eigenen Landgütern und sonstigen Agitationsherden auf dem Lande in fast vierzig (von den insgesamt fünfzig) Provinzen des europäischen Rußland, mit denen wir in Korrespondenz standen, nachdem wir sie erst mühsam in den letzten zwei Jahren gegründet hatten, wir dachten endlich auch an unsere Arbeitergruppen in der Hauptstadt und unsere hier, in Petersburg, noch bestehenden vier Agitationsherde. Wie konnten wir dies alles im Stiche lassen, ehe wir Männer gefunden hatten, die unsere Beziehungen und die Korrespondenz aufrecht erhielten? Wir, Serdukow und ich, beschlossen daher, in unseren Kreis zwei neue Mitglieder aufzunehmen und ihnen die Arbeit zu übertragen. Jeden Abend trafen wir uns in verschiedenen Stadtteilen, und da wir niemals schriftliche Verzeichnisse von Adressen oder Namen führten, — nur die Schmuggeladressen waren chiffriert an einem sicheren Platze hinterlegt — so mußten wir unsere neuen Mitglieder Hunderte von Namen und Adressen und ein Dutzend Chiffren lehren, die wir solange wiederholten, bis sie unsere beiden Freunde auswendig kannten. So gingen wir allabendlich die ganze Karte von Rußland durch. Hierbei verweilten wir besonders lange auf der Westgrenze, wo eine große Zahl von Männern und Frauen zu merken war, welche Bücher von den Schmugglern in Empfang nahmen, sowie in den Ostprovinzen, wo wir unsere Hauptniederlassungen besaßen. Darauf hatten wir, natürlich immer in Verkleidung, die neuen Mitglieder bei unsern Gönnern in der Stadt und bei den noch nicht verhafteten Mitgliedern einzuführen.

Unter diesen Umständen galt es, aus der eigenen Wohnung zu verschwinden und irgendwo sonst in Petersburg unter einem angenommenen Namen aufzutauchen. Serdukow hatte denn auch sein Zimmer geräumt; da er aber keinen Paß besaß, hielt er sich bei Freunden verborgen. Ich hätte dasselbe tun sollen, wurde aber durch einen besonderen Umstand daran gehindert. Ich hatte nämlich soeben meinen Bericht über die Eisformation in Finnland und Rußland beendet, und dieser Bericht sollte in einer Sitzung der Geographischen Gesellschaft zum Vortrag kommen. Die Einladungen waren schon erfolgt, doch zufällig hatten die beiden Petersburger geologischen Gesellschaften auf den bestimmten Tag eine gemeinsame Sitzung anberaumt und ersuchten deshalb die Geographische Gesellschaft, die Vorlesung meines Berichtes um eine Woche zu verschieben. Man wußte, ich wollte bestimmte Ideen über die Ausdehnung der Vereisung bis über das mittlere Rußland entwickeln, eine Annahme, die unsere Geologen mit Ausnahme meines Freundes und Lehrers, Friedrich Schmidt, für viel zu weitgehend hielten und darum einer gründlichen Diskussion zu unterwerfen gedachten. Ich mußte daher noch eine Woche länger in meiner Wohnung aushalten.

Fremde trieben sich um mein Haus herum und drangen unter allerhand unglaublichen Vorwänden in mein Zimmer; so wollte einer angeblich einen Wald auf meiner Tambower Besitzung kaufen, die doch in einer völlig baumlosen Gegend gelegen war. Auch bemerkte ich in meiner Straße — der vornehmen Morskaja — einen von den erwähnten verhafteten Webern und erkannte daraus ganz klar, daß es auf mein Haus abgesehen war. Trotzdem mußte ich tun, als wäre alles in Ordnung, da ich am folgenden Freitag abends in der Sitzung der Geographischen Gesellschaft erscheinen sollte.

Die Sitzung kam, die Diskussionen waren sehr belebt, und zum mindesten war eines hierbei gewonnen: man erkannte an, daß alle früheren Theorien über die Diluvialzeit in Rußland jeder Grundlage entbehrten, und daß die ganze Frage aufs neue in Angriff genommen werden müßte. Ich hatte die Genugtuung, unsern maßgebenden Geologen, Barbot de Marny, sagen zu hören: »Vereisung oder nicht; so viel müssen wir zugeben, meine Herren, daß alles, was bisher über die Wirkung schwimmender Eisberge behauptet worden ist, erst noch eines auf wissenschaftlicher Forschung beruhenden Beweises harrt.« Im Verlaufe der Sitzung schlug man mich zum Vorsitzenden der Sektion für physische Geographie vor, während ich mich fragte, ob ich nicht noch dieselbe Nacht in einem Gefängnisse der Dritten Abteilung zubringen würde.

Es wäre das beste gewesen, gar nicht in meine Wohnung zurückzukehren, aber ich fühlte mich nach den Anstrengungen der letzten Tage zu angegriffen, und meine Müdigkeit trieb mich heim. Die Polizei erschien am Abend nicht. Ich sah noch alle meine Papiere durch, vernichtete, was irgend jemanden hätte kompromittieren können, packte meine Sachen und bereitete alles zum Verlassen der Wohnung vor. Ich wußte, daß man meine Zimmer beobachtete, hoffte aber, die Polizei würde sich, wenn überhaupt, erst sehr spät einstellen, und ich könnte mich im Dunkeln unbemerkt entfernen. Als ich mich im Finstern aufmachte, sagte eins von den Dienstmädchen zu mir : »Sie tun besser, wenn Sie die Dienertreppe hinuntergehn.« Ich verstand, was sie sagen wollte, ging schnell diese Treppe hinunter und trat aus dem Hause. Es stand nur eine Droschke vor dem Tore. Ich sprang hinein und befahl dem Kutscher, mich zum Newsky-Prospekt zu fahren. Zunächst war von einer Verfolgung nichts zu spüren, und ich hielt mich für gerettet, da bemerkte ich eine zweite Droschke, die in größter Schnelligkeit uns nachfuhr; unser Pferd kam nicht so schnell vorwärts, und das andere Fuhrwerk holte uns ein.

Zu meinem Erstaunen erblickte ich darin einen von den beiden verhafteten Webern neben einer mir unbekannten Person. Er machte eine Handbewegung, als wollte er mir etwas sagen. Ich dachte: vielleicht ist er frei gekommen und hat mir etwas Wichtiges mitzuteilen. Sobald wir aber anhielten, schrie der Begleiter des Webers — es war ein Geheimpolizist: »Herr Borodin, Fürst Krapotkin, ich verhafte Sie!« Er gab den Polizisten, an denen auf der Hauptstraße von Petersburg kein Mangel ist, ein Signal, sprang zugleich in meine Droschke und zeigte mir ein Papier, das den Stempel der Petersburger Polizei trug. »Ich habe Befehl,« sagte er, »Sie zum Zwecke einer Erklärung vor den Generalgouverneur zu führen.« Ein Widerstand wäre zwecklos gewesen, da sich bereits ein paar Polizisten eingefunden hatten, und ich sagte daher meinem Kutscher, er solle umkehren und zum Hause des Generalgouverneurs fahren.

Jetzt war es klar, daß die Polizei zehn Tage lang Bedenken getragen hatte, mich zu verhaften, weil sie der Identität meiner Person mit ›Borodin‹ nicht ganz sicher gewesen war; erst der Umstand, daß ich der Aufforderung des Webers entsprach, hatte ihre Zweifel gelöst.

Zufällig war auch gerade, bevor ich mein Haus verließ, ein junger Mann aus Moskau gekommen, der mir einen Brief von meinem Freunde Woinaralsky, und einen zweiten von Dmitri für unsern gemeinschaftlichen Freund Poljakow brachte. In dem ersten wurde mir die Gründung einer geheimen Druckerei in Moskau und sonst viel Erfreuliches über die dortige Wirksamkeit mitgeteilt. Diesen Brief hatte ich gelesen und dann vernichtet. Den zweiten, der nur harmlose, freundschaftliche Mitteilungen enthielt, behielt ich bei mir. Jetzt aber, nach meiner Verhaftung, schien es mir doch besser, ihn ebenfalls zu beseitigen. Ich forderte daher den Detektiv auf, mir sein Beglaubigungsschreiben noch einmal zu zeigen, und benutzte die Zeit, während er in seiner Tasche suchte, den Brief auf das Pflaster fallen zu lassen, ohne daß er es bemerkte. Als wir aber am Hause des Generalgouverneurs ankamen, händigte der Weber den Brief dem Polizisten ein und sagte: »Ich habe gesehen, wie der Herr das Papier fallen ließ, und habe es aufgehoben.«

Jetzt mußte ich lange Stunden warten, bis der Vertreter der Staatsanwaltschaft erschien. Dieser Beamte spielt eigentlich die Rolle eines Strohmanns, der bei den willkürlichen Maßnahmen der Staatspolizei vorgeschoben wird, um ihrem Vorgehen einen Anschein von Gesetzlichkeit zu geben. Es vergingen viele Stunden, ehe man den Herrn fand und er seine Aufgabe als Scheinvertreter der Gerechtigkeit übernehmen konnte. Man brachte mich wieder in meine Wohnung und durchstöberte alle meine Papiere. Diese peinliche Durchsuchung dauerte bis drei Uhr morgens, ohne daß auch nur ein Fetzen Papier gefunden worden wäre, der mich oder einen andern bloßstellte.

Dann führte man mich vor die Dritte Abteilung, jene allmächtige Institution, die in Rußland vom Anfang der Regierung Nikolaus' I. bis zu unserer Zeit als wahrer ›Staat im Staate‹ geherrscht hat. Sie erhielt ihre gegenwärtige Organisation von dem eisernen Despoten, Nikolaus I., der ihr das Gendarmeriekorps angliederte, so daß dessen Chef im russischen Reiche eine viel gefürchtetere Person wurde als der Kaiser selbst.

In jeder russischen Provinz, in jeder größeren Stadt, ja, an jeder Eisenbahnstation gibt es Gendarmen, die an ihre besonderen Generäle oder Obersten Bericht erstatten, und diese stehen ihrerseits mit dem Chef der Gendarmen in beständiger Verbindung. Der letztere hat dem Kaiser täglich über alles, was ihm nötig erscheint, Vortrag zu halten. Alle Beamten des Reiches werden von Gendarmen überwacht; die Generäle und Obersten haben die Pflicht, das öffentliche wie das Privatleben jedes Untertanen des Zaren zu beobachten, selbst der Gouverneure, Minister und Großfürsten. Der Kaiser selbst ist Gegenstand ihrer scharfen Überwachung.

In dieser Periode von Alexanders II. Regierung war die Dritte Abteilung völlig allmächtig. Die Gendarmerieobersten unternahmen Tausende von Haussuchungen, ohne irgendwie nach Gesetz und Recht zu fragen. Sie nahmen nach Belieben Verhaftungen vor, hielten die Leute, solange als sie wollten, im Gefängnis fest und verschickten sie nach ihrer oder ihrer Vorgesetzten Willkür zu Hunderten nach dem nordöstlichen Rußland oder nach Sibirien. Die Unterschrift des Ministers des Innern war eine bloße Formsache, denn er hatte über das Gendarmeriekorps keine Kontrolle und nicht einmal Kenntnis von den Vorgängen.

Vier Uhr morgens begann endlich mein Verhör. »Sie sind angeklagt,« redete man mich feierlich an, »zu einer geheimen Gesellschaft gehört zu haben, deren Ziel der Umsturz der bestehenden Regierungsform ist, und gegen die geheiligte Person Sr. Kaiserlichen Majestät zu konspirieren. Bekennen Sie sich dieses Verbrechens schuldig?«

»Bis man mich vor Gericht stellt, wo ich öffentlich reden kann, werde ich Ihnen keinerlei Antwort geben.«

»Protokollieren Sie,« diktierte der Staatsanwalt einem Schreiber: »Bekennt sich nicht schuldig. Dennoch,« fuhr er nach einer Pause fort, »muß ich Ihnen gewisse Fragen vorlegen. Kennen Sie eine Person namens Nikolai Tschaykowsky?«

»Wenn Sie mit Ihren Fragen fortfahren, so schreiben Sie zu jeder Frage, die Sie an mich zu richten belieben, ohne weiteres ›Nein‹.«

»Wenn wir Sie aber fragen, ob Sie — ich will sagen — Herrn Poljakow kennen, von dem Sie vor einem Weilchen gesprochen haben?«

»Sobald Sie mich nach dergleichen fragen, schreiben Sie nur gleich ›Nein‹ hin. Und wenn Sie mich fragen, ob ich meinen Bruder oder meine Schwester oder meine Stiefmutter kenne, schreiben Sie ebenfalls ›Nein‹. Sie werden keine andere Antwort von mir erhalten, denn wenn ich ›Ja‹ sagte, so würden Sie sofort gegen die betreffende Person irgend etwas Übles unternehmen, eine Haussuchung bei ihr veranstalten, oder noch zu etwas Schlimmerem schreiten, und dann sagen, ich hätte sie namhaft gemacht.«

Es wurde mir eine lange Liste von Fragen vorgelesen, auf die ich jedesmal geduldig erwiderte: »Schreiben Sie ›Nein‹!« Das dauerte eine Stunde lang, und ich ersah dabei, daß sich alle Verhafteten mit Ausnahme der beiden Weber sehr tapfer gehalten hatten. Den Webern war aber nur bekannt, daß ich zweimal mit einem Dutzend Arbeitern zusammengekommen war, und von unserem Kreise wußten die Gendarmen nichts.

»Was machen Sie nur, Fürst?« sagte ein Gendarmerieoffizier zu mir, während er mich zu meiner Zelle zurückführte. »Aus Ihrer Weigerung, auf Fragen zu antworten, wird man eine furchtbare Waffe gegen Sie schmieden.«

»Habe ich nicht das Recht dazu, wie?«

»Ja, aber — Sie wissen ... Ich hoffe, Sie finden dieses Zimmer nach Wunsch; es ist seit Ihrer Verhaftung geheizt worden.«

Ich fand es so weit ganz behaglich und fiel in einen gesunden Schlaf. Am nächsten Morgen weckte mich ein Gendarm, der mir meinen Morgentee brachte. Bald darauf kam eine andere Person, die mir ganz unvermutet ins Ohr flüsterte: »Hier ist Papier und Bleistift; schreiben Sie Ihren Brief!« Es war ein Freund unserer Sache, der mir dem Namen nach bekannt war; durch seine Vermittlung wurde gewöhnlich die Korrespondenz mit den Gefangenen der Dritten Abteilung bewerkstelligt.

Von allen Seiten hörte ich in schneller Folge mehrmals an die Wände klopfen. Es war dies die Art und Weise, wie sich die Gefangenen untereinander verständigten. Ich als Neuling wußte allerdings die leisen Töne, die mir aus allen Richtungen zu kommen schienen, nicht zu deuten.

Ein Gedanke quälte mich. Ich hatte zufällig gehört, wie der Staatsanwalt leise zum Gendarmerieoffizier davon sprach, es sollte die Wohnung meines Freundes Poljakow, an den Dmitris Brief gerichtet war, ebenfalls polizeilich durchsucht werden. Poljakow war ein junger Student, ein sehr begabter Zoologe und Botaniker, der mich auf meiner Witimexpedition in Sibirien begleitet hatte. Er stammte aus einer armen Kosakenfamilie an der mongolischen Grenze und war nach Überwindung aller möglichen Schwierigkeiten nach Petersburg gekommen, wo er die Universität besuchte. Hier hatte er sich den Ruf eines vielversprechenden Zoologen erworben, und gerade damals stand er unmittelbar vor der letzten Prüfung. Seit unserer langen gemeinsamen Forschungsreise waren wir nahe Freunde gewesen, hatten sogar in Petersburg eine Zeitlang die Wohnung geteilt; aber für meine politische Tätigkeit interessierte er sich nicht.

Ich sprach seinethalben mit dem Staatsanwalt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte ich, »daß Poljakow sich niemals an politischen Unternehmungen beteiligt hat. Morgen muß er ins Examen treten, und Sie werden die wissenschaftliche Laufbahn eines Mannes auf immer zerstören, der sich erst nach schweren Mühsalen und jahrelangem Kampfe gegen Widerwärtigkeiten jeder Art zu seiner jetzigen Stellung durchgerungen hat. Ich weiß, Sie fragen nicht viel danach, aber an der Universität gilt er als eine der künftigen Leuchten russischer Wissenschaft.«

Die Haussuchung fand trotzdem statt, doch wurde der Prüfung wegen ein Aufschub von drei Tagen gewährt. Ein paar Tage später führte man mich vor den Staatsanwalt, der mir triumphierend einen Briefumschlag mit einer von meiner Hand herrührenden Adresse ›J. S. Poljakow‹ zeigte und darin, ebenfalls in meiner Handschrift, die Zeilen: »Geben Sie dieses Paket, bitte, an V. E. mit dem Ersuchen, es zu behalten, bis es in der verabredeten Form abverlangt würde.« Die Person des Adressaten war in dem Schreiben nicht erwähnt. »Dieser Brief,« sagte der Staatsanwalt, »ist bei Herrn Poljakow gefunden worden, und sein Geschick, Fürst., liegt jetzt in Ihrer Hand. Wenn Sie mir sagen, wer V. E. ist, so wird Herr Poljakow entlassen, wenn Sie sich aber dessen weigern, so werden wir ihn so lange festhalten, bis er sich bequemt, uns den Namen jener Person bekannt zu geben.«

Nach einem Blick auf den mit schwarzer Kreide beschriebenen Umschlag und auf den Brief, zu dem ein gewöhnlicher Bleistift benutzt worden war, entsann ich mich sofort der Umstände, unter denen beides geschrieben wurde, und rief: »Ich bin sicher, daß Schreiben und Umschlag nicht zusammen gefunden worden sind. Sie haben den Brief in den Umschlag gesteckt.«

Der Staatsanwalt wurde rot.

»Ich soll Ihnen glauben,« fuhr ich fort, »daß Sie, ein praktischer Mann, nicht bemerkt haben sollten, daß beides mit ganz verschiedenen Stiften geschrieben ist ? Und jetzt wollen Sie mich glauben machen, beides gehöre zu einander. Nun, so erkläre ich Ihnen, der Brief war nicht für Poljakow.«

Nach kurzer Verlegenheitspause hatte er sich wieder gesammelt und sagte mit dreister Stirn: »Poljakow hat zugegeben, daß dieser Brief an ihn geschrieben wurde.«

Nun wußte ich bestimmt, daß er log. Poljakow würde für seine Person alles eingestanden haben, aber er hätte sich lieber nach Sibirien verschicken lassen, ehe er jemand anderes bloßstellte. So sagte ich zum Staatsanwalt und blickte ihm dabei gerade in die Augen: »Nein, mein Herr, das hat er niemals gesagt, und Sie wissen recht gut, daß Ihre Worte der Wahrheit nicht entsprechen.«

Er wurde wütend oder stellte sich wenigstens so. »Gut,« sagte er, »wenn Sie einen Augenblick hier warten, so will ich Ihnen Poljakows schriftliche dahin lautende Aussage bringen. Er wird soeben im nächsten Zimmer verhört.«

»Ich warte gern, solange Sie wollen.«

Ich saß auf dem Sofa und rauchte eine Zigarette nach der andern; aber die schriftliche Erklärung kam nicht und hat bis heute auf sich warten lassen.

Natürlich existierte eine solche Erklärung nicht. Später, 1878, traf ich Poljakow in Genf, von wo wir einen herrlichen Ausflug auf den Aletschgletscher machten. Ich brauche kaum zu sagen, daß seine Antworten der Art waren, wie ich es erwartet hatte; er hatte geleugnet, irgend etwas von dem Briefe oder von der Person, die mit dem Buchstaben V. E. gemeint war, zu wissen. Dutzende von Büchern fanden ihren Weg von mir zu ihm und zu mir zurück, und in einem der Bücher hatte man den Brief entdeckt, während der Umschlag in der Tasche eines alten Rockes bei ihm gefunden worden war. Poljakow blieb ein paar Wochen verhaftet und wurde dann infolge der Fürsprache seiner wissenschaftlichen Freunde freigegeben. V. E. ließ man unbehelligt; meine Papiere wurden zur rechten Zeit abgeliefert.

Wenn ich später den Staatsanwalt zu sehen bekam, ärgerte ich ihn regelmäßig mit der Frage: »Und wie steht's mit Poljakows Erklärung?«

Ich kam nicht wieder in meine Zelle, sondern nach einer Stunde trat der Staatsanwalt in Begleitung eines Gendarmerieoffiziers herein und sagte zu mir: »Unsere Untersuchung ist nun beendet; man wird Sie an einen andern Ort bringen.«

Am Tore stand eine Droschke. Man forderte mich auf, einzusteigen, und neben mir nahm ein stämmiger Gendarmerieoffizier, ein Tscherkesse, Platz. Ich redete ihn an, aber er brummte nur. Der Wagen fuhr über die Kettenbrücke, dann über das Paradefeld und an den Kanälen entlang, als wollte er die belebteren Straßen vermeiden. »Geht es zum Litowsky-Gefängnis ?« fragte ich den Offizier, da ich wußte, daß sich schon viele von meinen Kameraden dort befanden. Ich erhielt keine Antwort, so daß das System völliger Schweigsamkeit, das man in den nächsten zwei Jahren mir gegenüber beobachtete, in dieser Droschke anfing. Als wir aber über die Newa-Schloßbrücke rollten, wurde es mir klar, daß man mich nach der Peter-Paul-Festung brachte.

Mit Entzücken schaute ich den schönen Strom an mit dem Gedanken, daß ich ihn nicht so bald wiedersehen würde. Eben ging die Sonne unter. Im Westen hing über dem Finnischen Meerbusen eine dicke, graue Wolkendecke, während über mir helle leichte Wolken schwebten, zwischen denen hin und wieder der blaue Himmel durchschien. Dann wandte sich der Wagen zur Linken und fuhr durch einen dunklen überwölbten Gang — das Tor der Festung.

»Hier werde ich jetzt ein paar Jahre bleiben müssen,« bemerkte ich zu dem Offizier.

»Aber warum so lange?« versetzte der Tscherkesse, der jetzt, da wir uns innerhalb der Festung befanden, die Sprache wiedergewonnen zu haben schien. »Ihre Sache ist so gut wie erledigt und kommt vielleicht in vierzehn Tagen vor Gericht.«

»Meine Sache,« erwiderte ich, »liegt sehr einfach; aber ehe sie mich vor Gericht bringen, werden sie den Versuch machen, alle Sozialisten Rußlands in Haft zu nehmen, und die sind zahlreich, sehr zahlreich; in zwei Jahren sind sie noch nicht fertig damit.« Ich wußte damals selbst nicht, wie prophetisch meine Worte waren.

Der Wagen hielt vor der Tür des Festungskommandanten, und wir begaben uns in sein Empfangszimmer. .Mit mürrischem Gesicht trat General Korsakow, ein hagerer, alter Mann, herein. Der Offizier sprach mit untertäniger Stimme zu ihm, und der Alte antwortete: »Schon recht!« Dabei blickte er ihn etwas spöttisch an und wandte darauf seine Augen auf mich. Offenbar war es ihm nichts weniger als angenehm, einen neuen Insassen zu erhalten; auch schien er sich seiner Rolle ein wenig zu schämen und deshalb zu mir sagen zu wollen: »Ich bin Soldat und tue nur meine Pflicht.« Hierauf stiegen wir wieder in die Droschke. Bald machten wir aber vor einem zweiten Tore Halt, wo wir eine lange Weile warten mußten, bis eine Abteilung Soldaten von innen öffnete. Wir gingen nun zu Fuß durch enge Gänge weiter und erreichten ein drittes eisernes Tor, das einen dunklen überwölbten Gang öffnete, der in ein kleines, finsteres und feuchtes Zimmer führte.

Mehrere Unteroffiziere von den Festungstruppen gingen in ihren weichen Filzstiefeln geräuschlos und ohne ein Wort zu sprechen umher, während der Gouverneur in dem Buche des Tscherkessen den Empfang des neuen Gefangenen bescheinigte. Ich wurde ersucht, mich vollständig zu entkleiden und die Gefängnistracht anzulegen, das heißt einen langen grünen Schlafrock von Flanell, ungeheure und unglaublich dicke wollene Strümpfe und kahnförmige gelbe Pantoffeln, die so groß waren, daß ich sie beim Gehen kaum an den Füßen behalten konnte. Sogar ein seidenes Unterhemd mußte ich ablegen, das ich, zumal in der feuchten Festung, gern behalten hätte. Da man es nicht zugeben wollte, so protestierte ich natürlich laut und mit allem Nachdruck, was zur Folge hatte, daß man mir nach einer Stunde auf Befehl des Generals Korsakow mein Eigentum wieder zustellte.

Dann führte man mich durch einen dunklen Gang, in dem ich bewaffnete Schildwachen hin und her gehen sah, in eine Zelle. Eine schwere, eichene Tür schloß sich hinter mir, ein Schlüssel drehte sich im Schloß, und ich war in einem halbdunklen Räume allein.

Das war also die schreckliche Festung, hinter deren Mauern in den letzten zwei Jahrhunderten so viel von Rußlands wahrer Kraft zugrunde gegangen ist, und deren bloßen Namen man in Petersburg nur mit bebender Stimme aussprach.

Hier folterte Peter I. seinen Sohn Alexis und tötete ihn mit eigener Hand; hier sperrte man die Fürstin Tarakanowa in eine Zelle, die sich bei Eintritt einer Überschwemmung mit Wasser füllte, so daß die Ratten, um sich vorm Tode des Ertrinkens zu retten, an ihr emporkrochen; hier folterte der fürchterliche Münnich seine Feinde und ließ Katharina II. diejenigen lebendig begraben, die sich der Ermordung ihres Gatten widersetzten. Von den Zeiten Peters I. ist so die Geschichte dieser Steinmasse, die im Angesichte des Winterpalastes vom Spiegel der Newa emporsteigt, einhundertsiebzig Jahre hindurch eine Geschichte des Mordes und der Folterung gewesen, oder sie erzählte von Lebendigbegrabenen, die zu langsamem Tode verurteilt waren oder in der Öde ihrer dunklen und feuchten Verliese zum Wahnsinn getrieben wurden.

Hier begann das Märtyrertum der Dezembristen, die zuerst in Rußland die Republik und die Aufhebung der Leibeigenschaft auf ihr Banner schrieben, und man kann vielleicht noch heute Spuren von ihnen in der russischen Bastille finden. Hier wurden die Dichter Rylejew und Schewtschenko, Dostojewsky, Bakunin, Tschernischewsky, Pisarew und so viele andere von den besten Schriftstellern unserer Zeit eingekerkert. Hier wurde Karakosow gefoltert und gehenkt. Hier war auch in irgendeinem Winkel des Alexis-Wallschilds das Gefängnis Netschajews, den die Schweiz an Rußland wegen eines gemeinen Verbrechens ausgeliefert hatte, der aber als gefährlicher Staatsgefangener behandelt wurde und nie wieder das Licht erblickte. Dasselbe Wallschild barg in sich auch zwei oder drei Männer, die Alexander II., wie das Gerücht ging, zu lebenslänglichem Kerker verdammte, weil sie von irgendeinem Palastgeheimnis wußten, das andere nicht wissen dürfen. Der eine von ihnen wurde im Schmucke seines langen grauen Bartes erst kürzlich von einem meiner Bekannten in der geheimnisreichen Festung gesehen.

Alle diese Schatten beschwor meine Einbildungskraft herauf. Vor allem hafteten meine Gedanken aber an Bakunin, der nach 18148 zwei Jahre lang in einem österreichischen Gefängnis, an die Mauer gekettet, zubrachte und dann, an Nikolaus I. ausgeliefert, noch sechs Jahre in der Peter-Pauls-Festung schmachten mußte. Als er hierauf durch den Tod des eisernen Zaren aus achtjähriger Kerkerhaft erlöst wurde, kam er frischer und lebenskräftiger heraus, als seine in der Freiheit verbliebenen Kameraden waren. »Er hat es ausgehalten,« sagte ich zu mir, »und das muß ich auch; ich will hier nicht erliegen!«

Meine erste Bewegung war nach dem Fenster gerichtet, das so hoch lag, daß ich es kaum mit meiner ausgestreckten Hand erreichen konnte. Es war eine lange, niedrige, in der fünf Fuß dicken Mauer gelassene Öffnung, die von einem eisernen Gitter und einem doppelten eisernen Fensterkreuz verwahrt wurde. In einer Entfernung von zwölf Metern von dem Fenster sah ich die ungeheuer dicke äußere Festungsmauer, auf der sich ein graues Schilderhaus unterscheiden ließ. Nur wenn ich aufwärts blickte, vermochte ich ein Stückchen Himmel ins Auge zu fassen.

Ich untersuchte den Raum, in dem ich nun, wer weiß wie viele Jahre verbringen sollte, auf das genaueste. Aus der Lage der hohen Esse der Ersten Münze konnte ich vermuten, daß ich mich in der südwestlichen Ecke der Festung, in einer nach der Newa schauenden Bastion befand. Doch war das Gelände, in dem mein Kerker lag, nicht die Bastion selbst, sondern, was man in der Befestigungslehre einen Rückzugsturm nennt, das heißt ein inneres zweistöckiges und fünfeckiges Mauerwerk, das die Bastionsmauern ein wenig überragt und zur Aufnahme von zwei Reihen von Kanonen bestimmt ist. Mein Zimmer war eigentlich die Kasematte für eine mächtige Kanone und das Fenster die dazu gehörige Stückpforte. Die Strahlen der Sonne konnten niemals hereindringen und verloren sich selbst im Sommer in den dicken Mauern. Ausgestattet war das Zimmer mit einem eisernen Bett, einem kleinen eichenen Tisch und einem eichenen Schemel. Der Boden war mit gelber Ölfarbe angestrichen und die Wände mit gelbem Papier bekleidet. Doch hatte man, um den Schall zu ersticken, das Papier nicht unmittelbar auf der Mauer angebracht; es war auf Leinwand geklebt, und hinter dieser entdeckte ich ein Drahtgitter, das wieder über einer Filzlage ruhte; erst dahinter konnte ich die Steinmauer erreichen. Auf der nach innen liegenden Seite des Gelasses befand sich ein Waschtisch und eine dicke Tür von Eichenholz, in der ich eine zum Hereinreichen der Nahrung bestimmte Öffnung bemerkte, sowie einen schmalen, mit einer Glasscheibe und außen mit einem Schieber versehenen Spalt: das war der ›Judas‹, durch den man den Gefangenen jeden Augenblick ausspähen konnte. Die Schildwache, die draußen im Gange stand, zog den Schieber häufig auf und schaute herein; man hörte es am Knarren der Stiefel, wenn sie zur Tür schlich. Ich wollte zu ihr sprechen; da nahm das Auge, das ich durch den Türschlitz sehen konnte, einen Ausdruck des Schreckens an, und der Schieber wurde sofort heruntergelassen, doch nur, um nach ein oder zwei Minuten wieder verstohlen geöffnet zu werden ; aber ein Wort der Erwiderung konnte ich von der Schildwache nicht erhalten.

Völliges Schweigen herrschte ringsum. Ich zog meinen Schemel zum Fenster und schaute auf das kleine Stück Himmel, das sichtbar war; ich lauschte auf irgend einen Ton von der Newa oder von der jenseits liegenden Stadt her, aber es war vergeblich. Von dieser Totenstille fühlte ich mich bald bedrückt und versuchte zu singen, erst leise und dann lauter und immer lauter.

»Herr, bitte, singen Sie nicht,« ließ sich eine tiefe Stimme durch die größere Türöffnung vernehmen.«

»Ich will singen und werde es auch.«

»Sie dürfen nicht.«

»Ich will trotzdem singen.«

Dann kam der ›Oberst‹, dem die politischen Gefangenen anvertraut waren, und suchte mir vorzustellen, daß ich nicht singen sollte; man müßte es dem Festungskommandanten melden, und was er noch alles vorbrachte.

»Aber meine Luftröhre wird sich verstopfen und meine Lunge veröden, wenn ich nicht sprechen und nicht singen darf,« warf ich ein.

»Sie sollten lieber leise singen, mehr nur für sich,« sagte der alte Oberst fast in bittendem Tone.

Doch es war alles umsonst. Nach ein paar Tagen hatte ich jede Lust zu singen verloren. Ich wollte es aus Grundsatz tun, es half aber nichts.

»Die Hauptsache ist,« sagte ich zu mir, »daß mein Körper kräftig bleibt. Ich will nicht krank werden. Stelle ich mir vor, ich müßte auf einer arktischen Expedition ein paar Jahre in einer Hütte im fernen Norden weilen! Ich will mich fleißig üben, praktische Gymnastik treiben und mich von meiner Umgebung- nicht überwältigen lassen. Von einer Zimmerecke zur andern sind schon zehn Schritte. Mache ich die einhundertfünfzigmal, so bin ich schon eine Werst (etwa tausend Meter) gegangen.« Ich beschloß, jeden Tag sieben Werst — etwa sieben Kilometer oder eine Meile — zurückzulegen: zwei am Morgen, zwei vor Tisch, zwei nach Tisch und eine vorm Schlafengehen. »Wenn ich zehn Zigaretten auf den Tisch lege und jedesmal, wenn ich vorbeikomme, eine umdrehe, so werde ich leicht die dreihundert Male, die ich auf und ab gehen muß, zählen. Ich muß schnell ausschreiten, aber, um nicht schwindlich zu werden, mich langsam umwenden und mich dabei immer nach einer anderen Seite drehen. Sodann will ich täglich zweimal mit meinem schweren Schemel Freiübungen ausführen.« Ich hob ihn an einem Bein empor und hielt ihn mit gestrecktem Anne. Ich drehte ihn wie ein Rad, und bald lernte ich ihn über meinem Kopf, hinter dem Rücken und zwischen meinen Beinen hindurch von einer Hand zur andern werfen..

Wenige Stunden nach meiner Verbringung ins Gefängnis kam der Oberst und bot mir ein paar Bücher an, unter denen ich auch einen alten Bekannten und Freund von mir, Lewes' Physiologie, in russischer Übersetzung, fand. Leider fehlte aber der zweite Band, den ich besonders gern noch einmal gelesen hätte. Natürlich bat ich um Papier, Feder und Tinte, doch schlug man mir meinen Wunsch rundweg ab. Feder und Tinte erhält man in der Festung nur auf besondere Erlaubnis des Kaisers selbst. Unter dieser erzwungenen Untätigkeit litt ich sehr und fing, um ihr zu entgehen, an, im Kopfe eine Reihe volkstümlicher Erzählungen über Stoffe aus der russischen Geschichte, etwa in der Art von Eugen Sues ›Mysteres du Peuple‹ auszuarbeiten. Ich entwarf die Verwicklung, die Schilderungen, die Zwiegespräche und versuchte, das Ganze von Anfang bis zu Ende im Gedächtnis festzuhalten. Man kann sich leicht denken, wie anstrengend eine solche Arbeit gewesen wäre, hätte ich sie länger als zwei oder drei Monate fortsetzen müssen.

Aber mein Bruder Alexander verschaffte mir Feder und Tinte. Eines Tages wurde ich aufgefordert, in Begleitung des obenerwähnten sprachlosen Gendarmerieoffiziers in eine Droschke zu steigen, die mich zur Dritten Abteilung führte, und hier durfte ich in Gegenwart zweier Gendarmerieoffiziere meinen Bruder wiedersehen.

An unserer Agitationsarbeit nahm mein Bruder keinen Teil. Er glaubte nicht an die Möglichkeit einer Volkserhebung und dachte sich eine Revolution nur als die Tat einer volksvertretenden Körperschaft, ähnlich der französischen Nationalversammlung im Jahre 1789. Die sozialistische Agitation fand seinen Beifall, sofern sie vermittels öffentlicher Versammlungen betrieben wird, nicht aber als die geheime Kleinarbeit persönlicher Propaganda, wie wir sie ausführten. In England würde er zur Partei John Brights oder der Chartisten gehört haben. Wäre er während des Juniaufstandes von 1848 in Paris gewesen, so hätte er sicher mit der letzten Handvoll von Arbeitern hinter der letzten Barrikade gekämpft, aber in der vorbereitenden Periode würde er sich Louis Blanc oder Ledru Rollin angeschlossen haben.

In der Schweiz ließ er sich in Zürich nieder und sympathisierte mit dem gemäßigten Flügel der Internationale. Seinen Grundsätzen nach Sozialist, betätigte er seine Prinzipien durch sein höchst einfaches und arbeitsames Leben, indem er sich dabei mit ganzer Seele seinem großen wissenschaftlichen Werke widmete, dem Hauptziele seines Lebens, das, auf den Forschungsergebnissen des neunzehnten Jahrhunderts fußend, ein Gegenstück zu dem berühmten ›Tableau de la Nature‹ der Encyklopädisten bilden sollte.

Als Alexander meine Verhaftung erfuhr, ließ er alles im Stich, sein Lebenswerk, die Freiheit, die für ihn so nötig war wie für den Vogel die Luft, und kehrte in das ihm verhaßte Petersburg zurück, einzig mit der Absicht, mir in meiner Gefangenschaft beizustehen.

Uns beiden ging dieses Wiedersehen sehr nahe, und mein Bruder befand sich in größter Aufregung. Schon der Anblick der blauen Uniformen, welche die Gendarmen, diese Henker alles selbständigen russischen Geisteslebens, trugen, erregten seinen Zorn, und er gab diesen seinen Gefühlen in ihrer Gegenwart offen Ausdruck. Mich dagegen erfüllte seine Gegenwart in Petersburg mit den bangsten Gefühlen. Wenn ich auch glücklich war, in sein ehrliches Gesicht und seine liebevollen Augen blicken zu dürfen und von ihm zu hören, daß ich ihn jeden Monat einmal sehen sollte, so wünschte ich ihn doch Hunderte von Meilen von dem Platze weg, zu dem er an jenem Tage als freier Mann kam, zu dem ich ihn aber in meiner Einbildung nächtlicher Weile und unter Kosakenbedeckung zurückkehren sah. »Warum bist du in die Löwenhöhle gekommen? Geh sofort zurück!« rief mein ganzes inneres Selbst, und doch wußte ich, daß er bleiben würde, solange ich im Gefängnisse war.

Er wußte, besser wie irgend ein anderer, daß die Untätigkeit mich töten würde, und hatte bereits ein Gesuch eingereicht, um mir die Erlaubnis zu erwirken, wieder arbeiten zu dürfen. Die Geographische Gesellschaft wünschte, daß ich mein Buch über die Eiszeit vollendete, und mein Bruder brachte die ganze Petersburger wissenschaftliche Welt in Aufruhr, um sie zur Unterstützung seines Gesuches zu bewegen. Die Akademie der Wissenschaften interessierte sich für die Angelegenheit, und so geschah es endlich, zwei oder drei Monate nach meiner Gefangennahme, daß der Oberst in meine Zelle kam und mir ankündigte, es werde mir auf kaiserlichen Befehl gestattet, meinen Bericht an die Geographische Gesellschaft zu vervollständigen, und ich dürfte zu diesem Zwecke Feder und Tinte erhalten. »Nur bis Sonnenuntergang,« fügte er hinzu. In Petersburg geht die Sonne zur Winterszeit um drei Uhr unter, aber damit mußte man sich abfinden. »Bis Sonnenuntergang« hatte Alexander bei Erteilung der Erlaubnis gesagt.

So konnte ich arbeiten!

Jetzt wäre ich kaum imstande, dem überquellenden Gefühle der Erlösung Ausdruck zu geben, das ich bei der Möglichkeit, wieder schreiben zu dürfen, empfand. Gern hätte ich mich bei Wasser und Brot im feuchtesten Kellerloch einschließen lassen, wenn ich nur arbeiten durfte.

Übrigens war ich der einzige Gefangene, dem man Schreibmaterialien überließ. Verschiedene von meinen Kameraden blieben drei Jahre und noch länger in Haft, ehe der berüchtigte Prozeß der ›einhundertdreiundneunzig‹ stattfand, und sie mußten sich sämtlich mit Schiefertafeln begnügen. Natürlich war in der traurigen Einsamkeit auch die Schiefertafel willkommen, die sie zu schriftlichen Übungen bei ihrem Studium fremder Sprachen oder zur Lösung mathematischer Aufgaben benutzten, aber wie bald war das Geschriebene wieder ausgelöscht!

Jetzt gestaltete sich mein Gefängnisleben regelmäßiger; es lag doch nun ein unmittelbares Ziel vor mir. Um neun Uhr morgens hatte ich bereits die ersten dreihundert Durchkreuzungen meiner Zelle vollendet und wartete auf meine Stifte und Federn. Das von mir für die Geographische Gesellschaft in seinen Vorarbeiten erledigte Werk enthielt außer einem Bericht über meine Forschungen in Finnland eine Abhandlung über die Grundlagen der Eiszeithypothese. Da ich wußte, daß ich jetzt Zeit genug vor mir hatte, faßte ich den Entschluß, jenen Teil meines Werkes in erweiterter Fassung noch einmal zu schreiben. Die Akademie der Wissenschaften stellte mir ihre wunderschöne Bibliothek zur Verfügung, und so füllte sich bald eine Ecke meiner Zelle mit Büchern und Karten an. Mein Buch wuchs sich in der Festung zu dem Umfange zweier stattlicher Bände aus. Die Herausgabe des ersten besorgten mein Bruder und Poljakow (in den Memoiren der Geographischen Gesellschaft), während der zweite, unvollendete, bei meiner Flucht in den Händen der Dritten Abteilung zurückblieb. Erst 1895 fand man das Manuskript und übergab es der Russischen Geographischen Gesellschaft, die es mir nach London sandte.

Sobald man mir nachmittags fünf Uhr — im Winter um drei — die winzige Lampe hereinbrachte, wurden mir Tinte und Federn abgenommen, und ich mußte mit der Arbeit aufhören. Dann fing ich gewöhnlich an zu lesen, und zwar meist Bücher geschichtlichen Inhalts. Es hatte sich in der Festung durch die Generationen politischer Gefangenen eine ganze Bibliothek gebildet. Auch ich durfte diese Büchersammlung um eine Anzahl bedeutenderer Werke über russische Geschichte vermehren. Daneben las ich damals eine große Anzahl von schönwissenschaftlichen Werken und ermöglichte mir sogar am Weihnachtsabende eine besondere Feier. Meine Verwandten ließen mir nämlich gerade um diese Zeit Dickens Weihnachtsmärchen zukommen, und ich verbrachte das Fest, indem mich jene schönen Schöpfungen des großen Romandichters bald zum Lachen brachten, bald Tränen vergießen ließen.

Das Schlimmste war die Grabesstille, die um mich herrschte. Vergebens klopfte ich an die Wände oder schlug mit dem Fuß auf den Boden und lauschte auf den leisesten Ton der Erwiderung: nichts war zu hören. Es verging ein Monat, es vergingen zwei, drei, fünfzehn Monate, aber all mein Klopfen lockte keine Antwort hervor. Wir waren unser nur sechs, die man in sechsunddreißig Kasematten zerstreut hatte, da alle meine verhafteten Kameraden im Litowsky-Gefängnis untergebracht waren. Wenn der Unteroffizier in meine Zelle trat, um mich zu einem Spaziergang abzuholen, und ich ihn fragte: »Was für Wetter ist heute? Regnet es?« so warf er von der Seite einen scheuen Blick auf mich und zog sich, ohne ein Wort zu sprechen, eiligst hinter die Tür zurück, wo eine Schildwache und ein zweiter Unteroffizier, ihn beobachtend, standen. Das einzige lebende Wesen, von dem ich ein paar Wörter zu hören bekam, war der Oberst, der jeden Morgen in meiner Zelle erschien und mich fragte, ob ich Tabak oder Papier kaufen wollte. Ich versuchte, mit ihm eine Unterhaltung anzuknüpfen, aber er warf ebenfalls scheue Blicke auf die in der halboffenen Tür stehenden Unteroffiziere, als wollte er sagen: »Sie sehen, auch ich werde überwacht !« Die Tauben allein trugen keine Scheu, mit mir zu verkehren. Jeden Morgen und jeden Nachmittag kamen sie an mein Fenster, um sich durch das Gitter füttern zu lassen.

Nicht der geringste Ton war vernehmbar außer dem Knarren der Stiefel meiner Schildwachen, dem kaum hörbaren Geräusche beim Aufziehen des Judasschiebers und dem Läuten der Glocken auf der Festungskathedrale. Sie läuteten nach jeder Viertelstunde, je nachdem ein-, zwei-, drei- oder viermal, ein ›Herr, erbarme dich unser‹ (Gospodi pomiliui). Dann schlug am Ende jeder Stunde die große Glocke, langsam ausholend, die Stundenzahl an. Hierauf folgte ein Glockenspiel mit einer trauervollen Melodie, das meist, da sich die Töne bei jedem Temperaturwechsel änderten, ausgesucht disharmonisch klang und überdies an eine Begräbnisfeier erinnerte. Zur düsteren Mitternachtsstunde schlossen sich aber an die Trauerhymne noch die verstimmten Töne eines ›Gott erhalte den Zaren‹, so daß das Läuten eine volle Viertelstunde dauerte. Kaum war es zu Ende, so kündigte ein neues ›Herr, erbarme dich unser‹ dem schlaflosen Gefangenen an, daß inzwischen eine Viertelstunde seines unnützen Lebens vergangen sei, und mahnte ihn daran, daß viele Viertelstunden und Stunden und Tage und Monate desselben vegetativen Lebens dahingehen würden, ehe seine Wächter oder vielleicht auch der Tod ihn befreiten.

Jeden Morgen wurde ich zu einem halbstündigen Spaziergang in den Gefängnishof geführt, einen kleinen fünfeckigen Raum, um den ein schmaler gepflasterter Gang lief und in dessen Mitte ein kleines Gebäude, das Badehaus, stand. Diese Spaziergänge waren mir sehr willkommen.

Im Gefängnis ist das Verlangen nach neuen Eindrücken so groß, daß ich bei dem Spaziergang in dem engen Hofe meine Augen stets auf die vergoldete Spitze der Festungskathedrale geheftet hielt. Dies war der einzige Gegenstand in meiner Umgebung, dessen Aussehen sich änderte, und ich freute mich, ihn, wenn die Sonne vom blauen Himmel schien, wie lauteres Gold glitzern oder, wenn ein leichter bläulicher Dunst über der Stadt ruhte, gespenstisch emporragen, oder endlich, wenn schwarze Wolken sich zu sammeln begannen, als stahlgraue Spitze herniederblicken zu sehen.

Während dieses Aufenthaltes im Hofe sah ich gelegentlich die achtzehnjährige Tochter unseres Obersten, wenn sie aus der väterlichen Wohnung kam und ein paar Schritte über den Hof machen mußte, um das Eingangstor, durch das man allein das Gebäude verlassen konnte, zu gewinnen. Immer beschleunigte sie ihre Schritte und hielt die Augen niedergeschlagen, als schämte sie sich, die Tochter eines Gefängnisbeamten zu sein. Dagegen schaute mir ihr jüngerer Bruder, ein Kadett, den ich gelegentlich im Hofe sah, immer mit so unverhülltem Ausdruck der Sympathie gerade ins Gesicht, daß es mir auffiel und ich dieses Umstandes auch nach meiner Befreiung irgend jemand gegenüber Erwähnung tat. Vier oder fünf Jahre später, als er schon Offizier war, wurde er nach Sibirien verbannt, weil er sich der revolutionären Partei angeschlossen und wohl auch, denke ich, bei der Vermittlung der Korrespondenz mit den Festungsgefangenen mitgeholfen hatte.

In Petersburg ist der Winter für diejenigen, die sich nicht draußen in den hellbeleuchteten Straßen aufhalten können, eine düstere Zeit; in einer Kasematte war es natürlich noch düsterer. Aber schlimmer als die Dunkelheit war noch die Feuchtigkeit, die man in meinem Raume durch starke Überheizung fernzuhalten suchte, so daß ich nicht atmen konnte. Als man aber schließlich auf mein Gesuch die Temperatur niedriger hielt als vorher, rannen an der äußeren Wand die Tropfen herunter, und die Tapete war durchweg so naß, als hätte man jeden Tag von neuem einen Eimer Wasser darüber gegossen; daß ich infolgedessen stark an Rheumatismus litt, kann nicht wundernehmen.

Trotzdem bewahrte ich meine Heiterkeit; ich hörte nicht auf, in der Dunkelheit zu schreiben oder Karten zu zeichnen, und schärfte nach wie vor meinen Bleistift mit einem Stück Glas, dessen ich im Hofe hatte habhaft werden können. Gewissenhaft legte ich täglich in der Zelle meine Meile zurück und machte mit dem eichenen Schemel meine gymnastischen Kunststücke. So verrann die Zeit. Dann aber schlich sich die Sorge in meine Zelle und warf mich fast darnieder. Mein Bruder Alexander wurde verhaftet.

Gegen Ende Dezember 1874 durfte ich ihn und unsere Schwester Helene in Gegenwart eines Gendarmerieoffiziers sehen. Solche nach langen Zwischenräumen gewährten Zusammenkünfte sind stets geeignet, beide Teile, den Gefangenen wie seine Verwandten, in einen Zustand der Aufregung zu versetzen. Man sieht geliebte Gesichter, hört geliebte Stimmen und weiß, daß alles wie ein Traumbild nach wenigen Augenblicken wieder verschwinden wird: man fühlt sich so nah und doch so fern, da vor einem Fremden, der noch dazu ein Feind und Spion ist, keine vertraute Unterhaltung stattfinden kann. Außerdem waren Bruder wie Schwester um meine Gesundheit besorgt, die unter den öden, düstern Wintertagen und der Feuchtigkeit schon merklich gelitten hatte. Mit schwerem Herzen schieden wir voneinander.

Eine Woche nach dieser Zusammenkunft erhielt ich anstatt des von meinem Bruder erwarteten Briefes eine kurze Mitteilung von Poljakow über den Druck meines Buches. Er schrieb mir, er würde hinfort die Korrekturen lesen, und ich sollte alles, was auf den Druck Bezug hätte, an ihn richten. Schon aus der Fassung des Briefes ersah ich sofort, daß mit meinem Bruder etwas nicht in Ordnung war. Wäre es nur Krankheit gewesen, so würde dies Poljakow einfach mitgeteilt haben. Es kamen nun Tage furchtbarer Bangigkeit für mich. Alexander mußte verhaftet worden und ich mußte die Ursache davon sein! Das Leben hatte auf einmal alle Bedeutung für mich verloren. Meine körperlichen Übungen, meine Arbeiten, alles wurde mir gleichgültig. Den ganzen Tag ging ich rastlos in meiner Zelle auf und nieder und dachte an nichts als an Alexanders Verhaftung. Für mich als einzelnen Mann bedeutete die Einkerkerung nur persönliche Beeinträchtigung; aber er war verheiratet, er liebte seine Frau leidenschaftlich, und sie hatten jetzt einen Knaben, auf den sie alle Liebe, die sie für ihre ersten beiden Kinder empfunden hatten,diese waren früh gestorben vereinigten.

Am allerschlimmsten war die Ungewißheit. Was konnte er getan haben? Aus welchem Grunde war er verhaftet worden? Was hatte man mit ihm vor? Monate vergingen; meine Besorgnis wurde immer größer, aber es kam keine Nachricht, bis ich schließlich auf Umwegen erfuhr, er sei wegen eines an P. L. Lawrow gerichteten Briefes verhaftet worden.

Erst viel später wurde mir das Nähere bekannt. Nach seiner letzten Zusammenkunft mit mir schrieb er an seinen alten Freund, der damals in London eine sozialistische Wochenschrift ›Vorwärts‹ herausgab. In diesem Briefe gab er seinen Befürchtungen wegen meiner Gesundheit Ausdruck, erwähnte die zahlreichen Verhaftungen, die damals in Rußland vorgenommen wurden, und machte aus seinem Haß gegen den Despotismus kein Hehl. Der Brief wurde auf der Post von der Dritten Abteilung abgefangen, worauf sie am Weihnachtsabend bei ihm Haussuchung hielten. Hierbei verfuhren sie noch roher als gewöhnlich. Nach Mitternacht drang ein halbes Dutzend Gendarmen in seine Wohnung und durchstöberte alles. Sogar die Wände wurden untersucht; das arme Kind riß man von seinem Krankenlager weg, um Betten und Matratzen zu durchschnüffeln. Aber sie fanden nichts und konnten auch gar nichts finden.

Mein Bruder war über diese Haussuchung höchst entrüstet. Mit seinem gewöhnlichen Freimut sagte er zu dem Gendarmerieoffizier, unter dessen Leitung sie erfolgte: »Gegen Sie, Hauptmann, empfinde ich keinen Groll. Sie besitzen nur eine geringe Bildung und wissen kaum, was Sie tun. Aber Sie, mein Herr,« fuhr er, gegen den Staatsanwalt gewendet, fort: »Sie wissen, welche Rolle Sie hierbei spielen. Sie haben akademische Bildung genossen. Sie kennen auch das Gesetz und wissen, daß Sie alles Recht mit Füßen treten und das ungesetzliche Vorgehen dieser Leute durch Ihre Gegenwart decken; Sie sind einfach ein Schuft.«

Man schwor ihm Rache und hielt ihn in der Dritten Abteilung bis zum Mai eingekerkert. Sein Kind, ein reizender Knabe, den seine Krankheit noch liebevoller und aufgeweckter erscheinen ließ, lag totkrank an der Schwindsucht und hatte nach dem Ausspruch der Ärzte nur noch ein paar Tage zu leben. Alexander, der seine Feinde noch niemals um irgendeine Gunst ersucht hatte, kam diesmal um die Erlaubnis ein, sein Kind zum letztenmal zu sehen. Er bat, gegen sein Ehrenwort oder unter Bedeckung auf eine Stunde nach Hause gehen zu dürfen. Sie schlugen es ab; sie konnten sich diese Rache nicht versagen.

Das Kind starb, und seine Mutter wurde noch einmal fast zum Wahnsinn gebracht, als man meinem Bruder ankündigte, er würde nach Ostsibirien in die kleine Stadt Minusinsk transportiert. Er sollte auf einem Karren zwischen zwei Gendarmen dorthin gebracht werden, seine Frau dürfte nicht mit ihm reisen, könnte ihm aber später folgen.

»So sagt mir wenigstens, welches Verbrechen ich begangen habe!« fragte er; es lag aber, von dem Briefe abgesehen, keinerlei Anklage gegen ihn vor. Sein Transport erschien so willkürlich, so sehr eine Tat bloßer Rache seitens der Dritten Abteilung, daß keiner von unsern Verwandten es für möglich hielt, die Verbannung würde länger als ein paar Monate dauern. Mein Bruder reichte beim Ministerium des Innern eine Beschwerde ein. Es wurde ihm der Bescheid, der Minister könnte gegen den Willen des Gendarmeriechefs nichts tun. Ebenso vergeblich war eine zweite Beschwerde beim Senat.

Ein paar Jahre später richtete unsere Schwester Helene aus eigenem Antriebe eine Bittschrift an den Zaren. Unser Vetter Dmitri, Generalgouverneur von Charkow, Adjutant des Kaisers und Liebling des Hofes, der ebenfalls über das Verfahren gegen meinen Bruder erbittert war, händigte dem Zaren persönlich die Bittschrift ein und fügte ein paar Worte zu ihrer Unterstützung hinzu. Aber die Rachsucht, dieser Familienzug der Romanows, war bei Alexander II. zu stark entwickelt. Er schrieb auf die Bittschrift ›Pust posidit‹ (Mag noch eine Weile bleiben). Mein Bruder blieb zwölf Jahre in Sibirien und kehrte niemals nach Rußland zurück.

Eines Tages im Sommer 1875 hörte ich in der Zelle unmittelbar neben mir deutlich leichte Schritte von gewöhnlichen Stiefeln, und nach ein paar Minuten fing ich auch Brocken einer Unterhaltung auf. Eine Frauenstimme ließ sich aus der Zelle vernehmen, und eine tiefe Baßstimme — offenbar die der Schildwache — knurrte etwas als Erwiderung darauf. Dann unterschied ich den Klang der Sporen des Obersten, hörte, wie er rasch näher kam und die Schildwache anfuhr und wie sich der Schlüssel im Schloß drehte. Er sprach etwas, und die Frauenstimme antwortete laut: »Wir haben nicht gesprochen; ich habe ihn nur gebeten, den Unteroffizier zu rufen.« Dann wurde die Tür verschlossen, und der Oberst fluchte, wie ich vernehmen konnte, leise auf die Schildwache los.

So war ich nicht mehr allein; ich hatte eine Nachbarin, die sofort die strenge Disziplin, die bisher unter den Soldaten geherrscht hatte, erfolgreich durchbrach. Von diesem Tage fingen die Mauern nach fünfzehn Monate langem Stummsein sich zu beleben an. Von allen Seiten hörte ich Schläge mit dem Fuße gegen den Boden: ein, zwei, drei, vier ... elf Schläge, danach fünfundzwanzig und dann fünfzehn Schläge. Hierauf kam eine Pause, auf die drei und endlich in langer Folge dreiunddreißig Schläge folgten. Diese Schläge wiederholten sich immer und immer wieder in der gleichen Reihenfolge, bis der Nachbar merkte, daß sie bedeuten sollten: »Kto vy?« (Wer bist du ?); der Buchstabe K nimmt nämlich die elfte Stelle im russischen Alphabet ein, V die dritte u. s. f. Damit war bald die Unterhaltung eingeleitet und wurde gewöhnlich nach dem gekürzten Alphabet geführt, das heißt, das ABC wird in sechs Reihen von je fünf Buchstaben geteilt und jeder Buchstabe nach seiner Reihe und seiner Stellung in derselben gekennzeichnet.

Zu meiner großen Freude fand ich, daß ich zur Linken meinen Freund Serdukow hatte, mit dem ich mich bald über alles unterhalten konnte, zumal bei Anwendung des abgekürzten Klopfverfahrens. Aber die erneuten Beziehungen zu Menschen brachten zu ihren Freuden auch ihre Leiden. Unterhalb meiner Zelle war ein Bauer untergebracht, den Serdukow kannte. Er verständigte sich mit ihm durch Schläge, und auch gegen meinen Willen folgte ich während meiner Arbeit oft unbewußt ihrem Gespräche. Auch ich unterhielt mich mit ihm. Wenn nun die Einzelhaft ohne irgendwelche Beschäftigung für gebildete Menschen schwer zu ertragen ist, so ist sie für einen an physische Arbeit gewöhnten Bauer noch unendlich viel schwerer. Unser bäuerlicher Freund fühlte sich recht elend, und da er vor seiner Verbringung in die Festung fast zwei Jahre in einem anderen Gefängnisse gewesen war — sein Verbrechen bestand darin, daß er den Reden der Sozialisten zugehört hatte — so war er schon, als er in die Peter-Pauls-Festung kam, ein gebrochener Mann. Bald merkte ich zu meinem Schrecken, daß er manchmal nicht bei Sinnen war. Allmählich wurden seine Gedanken immer verwirrter, und wir beide mußten wahrnehmen, wie sein Verstand Schritt für Schritt und Tag für Tag immer mehr von ihm wich bis seine Reden schließlich die eines Wahnsinnigen wurden. Schreckliche Geräusche und wildes Geschrei tönte dann von unten herauf; unser Nachbar war toll geworden, wurde aber noch ein paar Monate in der Kasematte behalten, ehe man ihn in einem Irrenhaus unterbrachte, das er nie wieder verließ. Unter solchen Umständen Zeuge zu sein, wie der Geist eines Menschen zugrunde geht, war schrecklich. Sicher hat dieses furchtbare Erlebnis dazu beigetragen, die nervöse Erregbarkeit meines guten und treuen Freundes Serdukow zu erhöhen. Als er nach vierjähriger Kerkerhaft durch richterliches Erkenntnis freigesprochen und entlassen wurde, erschoß er sich.

Eines Tages erhielt ich einen unerwarteten Besuch. Der Großfürst Nikolaus, Alexander II. Bruder, betrat bei Gelegenheit einer Inspektion der Festung, nur von seinem Adjutanten begleitet, meine Zelle. Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, näherte er sich mir mit schnellen Schritten und sagte: »Guten Tag, Krapotkin.« Er kannte mich persönlich und sprach in vertrautem, gemütlichem Tone wie zu einem alten Bekannten. »Wie ist es möglich, Krapotkin, daß Sie, ein Kammerpage und Sergeant des Pagenkorps, in dergleichen verwickelt sind und sich nun hier in dieser schauderhaften Kasematte befinden?«

»Jeder hat seine eigenen Ansichten,« lautete meine Antwort.

»Ansichten! So gingen Ihre Ansichten also dahin, daß Sie eine Revolution erregen müßten?«

Was sollte ich antworten? Ja? Dann würde man, überlegte ich mir, sofort den Schluß ziehen, ich hätte zwar den Gendarmen jede Antwort verweigert, aber vor dem Bruder des Zaren ›alles gestanden‹. Er sprach zu mir etwa, wie der Kommandant einer militärischen Anstalt, der von einem Kadetten ›Geständnisse‹ zu erlangen sucht. Dennoch konnte ich nicht ›Nein‹ sagen, es wäre eine Lüge gewesen. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte und stand wortlos da.

»Sie sehen! Sie schämen sich jetzt —«

Diese Bemerkung brachte mein Blut in Wallung, und ich versetzte sofort ziemlich scharf: »Ich habe dem Beamten beim Verhör meine Antworten gegeben und habe nichts weiter hinzuzufügen.«

»Aber, bitte, verstehen Sie doch, Krapotkin,« sagte er hierauf in seinem vertrautesten Tone, »ich spreche zu Ihnen nicht als Beamter, der ein Verhör anstellen will, sondern ganz als Privatperson — ganz als Privatmann,« wiederholte er mit leiserer Stimme.

Gedanken wirbelten mir durch den Kopf. Sollte ich die Rolle eines Marquis Posa spielen? Sollte ich durch den Mund des Großfürsten zu dem Kaiser von Rußlands Verödung, vom Ruin der Bauernschaft, der Willkürherrschaft der Beamten, dem drohenden Gespenst der Hungersnot reden? Sollte ich ihm sagen, wir wollten den Bauern aus ihrer trostlosen Lage helfen und sie wieder aufrichten — und sollte ich damit den Versuch machen, auf Alexander II. einen Einfluß auszuüben? Reißend schnell jagten diese Gedanken einander, bis ich mir schließlich sagte: »Niemals ! Unsinn! Das ist ihnen alles bekannt. Sie sind Feinde des Volkes, und solche Worte würden sie nicht ändern.«

Ich erwiderte, er bleibe immer eine offizielle Persönlichkeit, und ich könnte ihn nicht als Privatmann betrachten.

Nachdem er mich hierauf nach gleichgültigen Dingen gefragt hatte, sagte er: »Sind Sie nicht in Sibirien im Umgang mit den Dezembristen auf solche Gedanken gekommen?«

»Nein, ich habe nur einen Dezembristen gekannt und mit ihm überhaupt kein erwähnenswertes Gespräch geführt.«

»So haben Sie sie in Petersburg gefaßt?«

»Ich bin immer derselbe gewesen.«

»Wie, so waren Sie schon im Pagenkorps so?« fragte er entsetzt.

»Im Korps war ich ein Knabe, und was einem in der Jugend unklar vorschwebt, gewinnt im Mannesalter bestimmte Formen.«

Er stellte noch einige ähnliche Fragen, und nun erkannte ich deutlich, worauf es abgesehen war. Er machte den Versuch, Geständnisse zu erlangen, und meine Einbildungskraft malte sich lebhaft aus, wie er zu seinem Bruder sagte: »Diese Untersuchungsbeamten sind sämtlich Dummköpfe. Ihnen hat er keine Antwort gegeben, aber ich habe nur zehn Minuten mit ihm gesprochen, und er hat mir alles gesagt.« Das verdroß mich, und als er sich in dem Sinne äußerte: »Wie konnten Sie sich mit allem diesem Volk, Bauern und Leuten ohne Namen, einlassen?« wandte ich mich scharf gegen ihn und sagte: »Ich habe Ihnen schon erklärt, daß ich dem Untersuchungsbeamten meine Antworten gegeben habe.« Da verließ er plötzlich die Zelle.

Später machten die wachthabenden Soldaten aus diesem Besuche eine ganze Legende. Die Person, die bei meiner Flucht mit dem Wagen vorfuhr, in dem ich entweichen sollte, trug eine Militärmütze und besaß mit ihrem blonden Backenbart eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Großfürsten Nikolaus. So entstand unter den Soldaten der Petersburger Garnison die Überlieferung, der Großfürst selbst sei zu meiner Rettung gekommen und habe mich entführt.

 

Zwei Jahre waren vergangen. Einige meiner Kameraden waren gestorben, einige wahnsinnig geworden, aber davon, daß unser Fall vor Gericht kommen sollte, verlautete noch nichts.

Gegen Ende des zweiten Jahres war auch meine Gesundheit erschüttert. Der eichene Schemel kam mir nun schwer vor in meiner Hand, und die Meile wurde eine endlose Entfernung. Da wir unser etwa sechzig in der Festung waren, wurden wir bei der Kürze der Wintertage jeden dritten Tag zu einem Aufenthalt von zehn Minuten in den Hof geführt. Ich tat mein Bestes, meine Spannkraft zu .bewahren, aber die ›arktische Überwinterung‹ ohne sommerliche Unterbrechung überwältigte mich. Von meinen sibirischen Reisen hatte ich leichte Symptome von Skorbut heimgebracht, die sich jetzt, bei der Dunkelheit und Feuchtigkeit des Gelasses, stärker entwickelten; so hatte mich diese Geißel des Gefängnislebens getroffen.

Im März oder April 1876 sagte man uns endlich, die Dritte Abteilung hätte die ›Voruntersuchung‹ beendet. Der ›Fall‹ war an die ordentlichen Gerichte überwiesen worden, und folglich wurden wir auch in das Untersuchungsgefängnis gebracht.

Es war dies ein vor kurzem nach dem Muster französischer und belgischer Gefängnisse errichtetes Gebäude, das aus vier Stockwerken voll kleiner Zellen bestand. Jede Zelle hatte ein Fenster, das nach einem inneren Hofe ging, und eine auf einen Balkon führende Tür; die Balkone der einzelnen Stockwerke waren durch eiserne Treppen miteinander verbunden.

Für meine Kameraden bedeutete die Verbringung in dieses Gefängnis zumeist einen großen Fortschritt zum Besseren. Es war hier mehr Leben als in der Festung und bessere Gelegenheit zum Korrespondieren, Verwandte zu sprechen und zu gegenseitigem Verkehr. Den ganzen Tag konnte man ungestört das Wandklopfen fortsetzen, und ich vermochte auf diese Weise einem jungen Nachbar die Geschichte der Pariser Kommune von Anfang bis Ende zu erzählen, wozu ich freilich eine Woche lang die Klopfsprache anwenden mußte.

Mit meinem körperlichen Zustande wurde es hier noch schlimmer, als es in letzter Zeit in der Festung gewesen war. Die schwüle Atmosphäre der kleinen Zelle, die nur vier Schritte von einer Ecke zur andern maß, und in der die Temperatur, sobald die Dampfröhren zu wirken begannen, von eisiger Kälte zu unausstehlicher Hitze umschlug, konnte ich nicht ertragen. Beim Gehen mußte ich mich so oft umwenden, daß mir nach wenigen Minuten schwindlig wurde, und die zehn Minuten täglicher Bewegung in einem Winkel des von hohen Backsteinmauern eingeschlossenen Hofes, gewährten mir ganz und gar keine Erholung. Was den Gefängnisarzt betrifft, der ›in seinem Gefängnis‹ das Wort ›Skorbut‹ nicht hören wollte, so ist das beste, was man tun kann, daß man gar nicht von ihm spricht.

Da zufällig eine meiner Verwandten, die Frau eines Rechtsanwalts, nur ein paar Häuser vom Gefängnis entfernt wohnte, wurde mir gestattet, von ihr meine Beköstigung zu erhalten. Meine Verdauung war aber so schlecht geworden, daß ich bald den ganzen Tag nichts als ein kleines Stück Brot und ein oder zwei Eier essen konnte. Meine Kräfte nahmen infolgedessen reißend schnell ab, und die allgemeine Meinung ging dahin, ich würde höchstens noch zwei Monate zu leben haben. Wenn ich die Treppe zu meiner im zweiten Stock gelegenen Zelle hinaufstieg, mußte ich zwei- oder dreimal anhalten und ausruhen, und ich erinnere mich, wie ein älterer Wachsoldat einmal mitleidig sagte: »Armer Mann, Sie werden das Ende des Sommers nicht erleben.«

Meine Verwandten gerieten unter diesen Umständen in die größte Bestürzung. Meine Schwester Helene suchte meine Haftentlassung gegen Bürgschaft zu erwirken, aber der Staatsanwalt, Schubin, erwiderte ihr mit sardonischem Lächeln: »Wenn Sie mir ein ärztliches Gutachten bringen, wonach sein Tod in zehn Tagen zu erwarten ist, so will ich ihn freigeben.« Er hatte die Genugtuung, mit anzusehen, wie meine Schwester in einen Stuhl sank und laut aufschluchzte. Es gelang ihr aber doch durchzusetzen, daß ich von einem tüchtigen Arzte, dem Oberarzte des Petersburger Garnisonhospitals, untersucht wurde. Der alte scharfsinnige Herr kam nach einer äußerst gewissenhaften Untersuchung zu dem Schlüsse, ich hätte keine organische Krankheit, sondern litte nur an ungenügender Oxydation des Blutes. »Alles, was Sie brauchen, ist Luft,« sagte er. Dann stand er einige Minuten zaudernd da und fügte endlich mit entschiedenem Ausdruck hinzu: ...Reden nutzt nichts; hier können Sie nicht bleiben, Sie müssen fort.«

Nach zehn Tagen verbrachte man mich in das Militärhospital, das in einem äußeren Stadtteile Petersburgs gelegen ist, und das ein besonderes kleines Gefängnis für die während einer gegen sie schwebenden Untersuchung erkrankenden Offiziere und Soldaten enthält. Zwei meiner Kameraden hatte man, als ihr baldiger Tod infolge von Schwindsucht zweifellos schien, bereits dorthin gebracht.

Im Hospital erholte ich mich sofort. Man gab mir ein geräumiges Zimmer zu ebener Erde, dicht neben der Wachstube. Ein mächtiges vergittertes nach Süden schauendes Fenster öffnete sich auf eine kleine mit zwei Baumreihen besetzte Promenade, jenseits deren zweihundert Zimmerleute auf einem weiten Platze damit beschäftigt waren, hölzerne Baracken für Typhuskranke zu errichten. Eine Schildwache, deren Häuschen meinem Zimmer gegenüber stand, schritt in der Promenade auf und ab.

Mein Fenster blieb den ganzen Tag geöffnet, und ich konnte mir's in den Strahlen der Sonne, die ich so lange entbehrt hatte, wohl sein lassen. Mit voller Brust atmete ich die balsamische Mailuft ein, und mein Gesundheitszustand besserte sich sehr schnell — zu schnell, wie ich bald meinte. In kurzer Zeit vermochte ich wieder leichte Nahrung zu verdauen, meine Kraft wuchs, und ich ging von neuem mit frischer Energie an meine Arbeit. Da ich keine Möglichkeit sah, den zweiten Band meines Werkes zu vollenden, so verfaßte ich eine gedrängte Übersicht davon, die im ersten Bande zum Abdruck kam.

In der Festung hatte ich von einem Kameraden, der im Hospitalgefängnis gewesen war, gehört, es würde mir nicht schwer fallen, von dort zu entfliehen, weshalb ich meine Freunde von meinem neuen Aufenthaltsorte in Kenntnis setzte. Es zeigte sich aber, daß die Flucht weit schwieriger war, als ich auf Grund jener Mitteilung geglaubt hatte. Ich wurde viel schärfer als je vorher überwacht, die Schildwache im Gange hatte ihren Platz vor meiner Tür, ich durfte mein Zimmer überhaupt nicht verlassen, und die Hospitalsoldaten, wie die Offiziere der Wache, die in mein Zimmer traten, scheuten sich offenbar, länger als eine oder zwei Minuten zu verweilen.

Von meinen Freunden wurden verschiedene Pläne zu meiner Befreiung entworfen, darunter manche höchst ergötzlicher Art. So sollte ich die eisernen Stangen vor meinem Fenster durchfeilen. Dann sollten sich zwei Freunde in einer regnerischen Nacht, wenn die Schildwache vorm Fenster in ihrem Schilderhaus schlummerte, von hinten heranschleichen und das Häuschen umstürzen, so daß es auf den Soldaten fiele und ihn, ohne ihn zu verletzen, wie in einer Mausefalle finge, während ich inzwischen aus dem Fenster spränge. Doch es bot sich in unerwarteter Weise eine bessere Lösung.

»Suchen Sie um Erlaubnis zu einem Spaziergange nach,« flüsterte mir eines Tages einer der Soldaten zu. Ich folgte dem Rate; der Arzt unterstützte mein Gesuch, und so wurde mir gestattet, jeden Nachmittag um vier Uhr eine Stunde lang mich im Gefängnishof aufzuhalten. Ich mußte den langen grünen Flanellrock, den die Patienten des Hospitals tragen, anbehalten, doch wurden mir meine Stiefel, meine Weste und meine Hosen jeden Tag eingehändigt.

Niemals werde ich meinen ersten Ausgang vergessen. Als man mich hinausführte, sah ich einen volle dreihundert Schritte langen und mehr als zweihundert Schritte breiten ganz mit Gras bedeckten Hof vor mir. Das Tor war offen, so daß ich ungehindert die Straße, das mächtige Hospitalgebäude gegenüber und die vorübergehenden Leute sehen konnte. Ich blieb an den Türstufen des Gefängnisses stehen, da ich beim Anblick des Hofes und des Tores einen Augenblick unfähig war, mich zu bewegen.

An einem Ende des Hofes stand das Gefängnis, ein schmales, etwa hundertfünfzig Schritte langes Gebäude, an dessen beiden Enden sich Schilderhäuser befanden. Die beiden Schildwachen schritten vor dem Gebäude auf und nieder und hatten auf dem Rasen einen Fußpfad ausgetreten. Auf diesem Fußpfad hieß man mich gehen, während die Schildwachen fortfuhren, auf und ab zu schreiten, so daß ich niemals mehr als zehn oder fünfzehn Schritte von einer von beiden entfernt war. Die Hospitalsoldaten ließen sich auf den Türstufen nieder.

Am gegenüberliegenden Ende dieses geräumigen Hofes wurde von einem Dutzend Karren Holz abgeladen und von etwa zwölf Bauern an der Mauer aufgeschichtet. Der ganze Hof war von einem hohen Zaun aus dicken Brettern umgeben. Das Tor war offen, damit die Karren ein- und ausfahren konnten.

Dieses offene Tor hatte es mir angetan. »Ich darf nicht darauf hinstarren,« sagte ich mir, und doch blickte ich die ganze Zeit darauf hin. Sobald ich in meine Zelle zurückgeführt war, schrieb ich an meine Freunde, um ihnen die willkommene Neuigkeit mitzuteilen. »Ich fühle mich nahezu außerstande, die Chiffren anzuwenden,« schrieb ich mit bebender Hand und kritzelte dabei fast unlesbare Zeichen hin. »Diese Nähe der Freiheit läßt mich zittern, als wäre ich im Fieber. Heute nahmen sie mich in den Hof hinaus ; das Tor war offen, und keine Schildwache stand daneben! Durch dieses unbewachte Tor will ich hinauslaufen; meine Schildwachen werden mich nicht einholen« — und ich entwarf den Plan zur Flucht. »Eine Dame kommt in offenem Wagen zum Hospital. Sie steigt aus, und der Wagen wartet auf sie in der Straße einige fünfzig Schritte vom Tor. Wenn ich um vier hinausgeführt werde, gehe ich eine Weile hin und her mit dem Hut in der Hand, und für einen Freund, der am Tore vorübergeht, bedeutet dies das Zeichen, daß im Gefängnis alles in Ordnung ist. Dann müßt ihr mir eurerseits durch ein Zeichen mitteilen, daß auf der Straße alles sicher ist. Ohne dieses Signal unternehme ich nichts, denn bin ich einmal aus dem Tore, so dürfen sie mich nicht wieder fangen. Nur durch eine Licht- oder eine Schallwirkung dürft ihr mir das Zeichen geben. So kann etwa der Kutscher seinen Lackhut heben, so daß die Sonnenstrahlen auf das Hauptgebäude des Spitals zurückgeworfen werden; oder er mag lieber einen Gesang anstimmen und ihn so lange fortsetzen, als die Straße sicher ist. Das beste wäre freilich, ihr könntet das kleine graue Häuschen, das ich vom Hofe aus sehe, dazu benutzen und mir von seinem Fenster das Zeichen geben. Die Schildwache wird hinter mir herrennen wie der Hund nach dem Hasen; sie wird aber eine Krümmung beschreiben, während ich in gerader Linie laufe, und ich will fünf oder zehn Schritte vor ihr bleiben. Auf der Straße springe ich dann in den Wagen, und im Galopp geht's davon. Schießt die Wache — nun das läßt sich nicht ändern, das entzieht sich unserer Berechnung ; und dann: schaut man einem sicheren Tode im Gefängnisse ins Auge, so lohnt sich das Wagnis wohl.«

Es wurden Gegenvorschläge gemacht, aber am Ende kam jener Plan zur Annahme. Unser Kreis nahm die Sache in die Hand; Leute, die ich niemals gekannt hatte, befaßten sich damit, als handelte es sich um die Befreiung ihres liebsten Bruders. Doch stellten sich dem Unternehmen viele Schwierigkeiten entgegen, und dabei verrann die Zeit mit furchtbarer Schnelligkeit. Obwohl ich angestrengt arbeitete und bis spät in die Nacht hinein schrieb, besserte sich doch meine Gesundheit mit einer mich geradezu verblüffenden Schnelligkeit. Als man mich zum erstenmal in den Hof ließ, konnte ich nur wie eine Schildkröte den Fußpfad dahinkriechen, und jetzt fühlte ich mich zum Laufen stark genug. Freilich bewegte ich mich immer noch im Schildkrötenschritt, damit meine Spaziergänge nicht aufhörten, aber ich konnte mich jeden Augenblick durch meine natürliche Lebhaftigkeit verraten. Inzwischen mußten meine Kameraden mehr als zwanzig Helfer werben, ein zuverlässiges Pferd und einen erfahrenen Kutscher ausfindig machen und hunderterlei unvorhergesehene Zwischenfälle in die Gleiche bringen, die bei derartigen Unternehmungen stets vorkommen. Die Vorbereitungen dauerten etwa einen Monat, und jeden Tag konnte ich ins Untersuchungsgefängnis zurückgebracht werden.

Schließlich wurde der Tag der Flucht bestimmt. Am 29. Juni alten Stils ist der Peter-Pauls-Tag. An diesem Tage wollten mich meine Freunde, die damit ihrem Unternehmen einen etwas sentimentalen Anstrich gaben, gern befreien. Sie hatten mich wissen lassen, sie würden auf mein Zeichen, daß Drinnen alles in Ordnung sei, mir ihrerseits durch Steigenlassen eines kleinen roten Kinderballons mitteilen, daß ›draußen alles in Ordnung‹ sei. Dann würde der Wagen kommen und ein Lied gesungen werden zum Zeichen, daß die Straße frei sei.

Am 29. ging ich hinaus, nahm meinen Hut ab und wartete auf den Ballon. Doch es war nichts davon zu sehen. Eine halbe Stunde verrann, da vernahm ich auf der Straße das Rollen eines Wagens, ich hörte einen Mann ein mir unbekanntes Lied singen, aber kein Ballon ließ sich sehen.

Die Stunde war um und mit gebrochenem Herzen kehrte ich in mein Zimmer zurück. »Es muß etwas verkehrt gegangen sein,« sagte ich mir.

Was unmöglich schien, war an dem Tage eingetreten. Immer sind in Petersburg in der Nähe des Gostinoi Dwor Hunderte von Kinderballons zu kaufen. An jenem Morgen war keiner da, nicht ein einziger war aufzutreiben. Endlich entdeckte man einen, der einem Kinde gehörte, aber er war alt und wollte nicht fliegen. Da eilten meine Freunde zu einem Mechaniker, kauften einen Apparat zur Erzeugung von Wasserstoff und füllten den Ballon damit, aber er flog um nichts besser, weil der Wasserstoff nicht trocken genug war. Die Zeit drängte. Da befestigte eine Dame den Ballon an ihrem Schirm und ging, diesen hoch über ihrem Kopfe haltend, in der Straße an der hohen Mauer entlang hin und her; aber ich bemerkte nichts davon, da die Mauer zu hoch und die Dame zu klein war.

Wie sich am Ende herausstellte, hätte gar nichts Besseres geschehen können als dieses Mißgeschick mit dem Ballon. Als nämlich die Stunde vorüber war und der Wagen die Straßen entlang fuhr, durch die er sich nach meiner Entweichung bewegen sollte, wurde er in einer engen Straße von einem reichlichen Dutzend Karren, die Holz nach dem Hospital fuhren, zum Halten gebracht. Die Karrenpferde gerieten auf der rechten wie auf der linken Seite der Straße ineinander, und unser Wagen mußte langsamen Schrittes dazwischen durchzukommen suchen und konnte bei einer Straßenbiegung überhaupt nicht mehr weiter. Wäre ich darin gewesen, so hätte man mich gefaßt.

Nun wurde ein ganzes System von Signalen alle Straßen entlang, durch die uns die Flucht führen sollte, eingerichtet, um so die Sicherheit zu gewinnen, daß der ganze Weg frei sei. Fast eine halbe Meile weit standen meine Genossen vom Hospital an Schildwache. Einer sollte mit dem Taschentuch in der Hand die Straße auf und ab gehen, und das Tuch, wenn Karren kämen, in die Tasche stecken, ein anderer auf einem Steine sitzen und Kirschen essen und damit aufhören, wenn Karren nahe wären, und so fort. Alle diese in den verschiedenen Straßen gegebenen Zeichen sollten bis zum Wagen fortgesetzt werden. Auch hatten meine Freunde das erwähnte graue Häuschen gemietet, das ich vom Hofe aus sehen konnte, und an dem offenen Fenster desselben einen Geiger Stellung nehmen lassen, der sich bereit hielt, sobald ihn das Signal ›die Straße ist frei‹ erreicht hätte, auf seiner Geige zu spielen.

Das Unternehmen war auf den nächsten Tag festgesetzt worden, da weiterer Aufschub gefährlich schien. Schon das Erscheinen des Wagens war den Leuten im Hospital aufgefallen; auch mußte den Behörden etwas Verdächtiges zu Ohren gekommen sein, denn ich hörte, wie der Rondeoffizier die vor meinem Fenster stehende Wache fragte: »Wo sind die Kugelpatronen?« Unbeholfen wollte sie der Soldat aus seiner Patronentasche holen; es dauerte aber ein paar Minuten, ehe er sie herausbrachte. Der Offizier wetterte auf ihn los: »Hat man euch nicht gesagt, ihr sollt heute nacht vier Kugelpatronen in eurer Rocktasche haben?« Und er blieb solange bei dem Mann stehen, bis er vier Patronen in seine Tasche gesteckt hatte. »Gib scharf acht!« sagte er, als er wegging.

Die neuen Verabredungen über die Signale mußten mir unverzüglich mitgeteilt werden. Zu diesem Zwecke kam am nächsten Tage um zwei Uhr eine Dame, eine liebe Verwandte von mir, ins Gefängnis und bat, mir eine Uhr zu übergeben. Alles für mich Bestimmte mußte durch die Hände des Staatsanwalts gehen, aber da es sich diesmal nur um eine Uhr ohne Gehäuse handelte, so sah man davon ab. Die Uhr enthielt aber einen winzigen Brief in Chiffernschrift, der mich von dem ganzen Plan in Kenntnis setzte. Diese Verwegenheit erfüllte mich im ersten Moment mit Schrecken. Die Dame, die selbst aus politischen Gründen von der Polizei verfolgt wurde, wäre auf der Stelle verhaftet worden, hätte zufällig jemand den Uhrdeckel aufgemacht. Sie aber verließ, wie ich sehen konnte, das Gefängnis ganz ruhig und bewegte sich langsam die Promenade entlang.

Wie gewöhnlich kam ich um vier hinaus und gab mein Zeichen. Zunächst vernahm ich das Rollen des Wagens, und ein paar Minuten darauf drangen die Töne der Geige vom grauen Häuschen in unsern Hof. Aber jetzt war ich gerade am andern Ende des Gebäudes. Als ich dann wieder an das dem Tore nächstliegende Ende — etwa hundert Schritte davon — meines Pfades kam, war mir die Schildwache dicht auf den Fersen. Noch einmal hin und zurück, dachte ich — aber noch ehe ich das andere Ende erreichte, hörte die Violine auf einmal zu spielen auf.

Es verging mehr als eine bange Viertelstunde, ehe mir die Ursache der Unterbrechung klar wurde. Dann fuhr nämlich ein Dutzend schwerbeladener Holzkarren durch das Tor und bewegte sich nach dem andern Ende des Hofes. Sofort begann der Geigenspieler — ein guter, muß ich gestehen — eine aufregende Mazurka von Kontsky, als wollte er sagen : »Vorwärts jetzt — das ist deine Zeit!« Langsam ging ich zu dem, dem Tore näheren Ende meines Pfades, bei dem Gedanken bebend, die Mazurka könnte aufhören, bevor ich mein Ziel erreichte.

Als ich am Ende war, drehte ich mich um. Die Schildwache hatte fünf oder sechs Schritte hinter mir Halt gemacht und blickte nach einer andern Richtung. »Jetzt oder nie!« Dieser Gedanke blitzte, wie ich mich noch erinnere, durch meinen Kopf. Ich schleuderte meinen grünen Flanellrock von mir und fing an zu laufen.

Viele Tage hintereinander hatte ich mich im Abwerfen dieses über die Maßen langen und bauschigen Kleidungsstückes geübt. Es war so lang, daß ich den unteren Teil auf meinem linken Arme trug wie die Damen die Schleppe ihres Reitkleides. Wie ich es aber auch anstellte, ich konnte es nicht mit eine m Ruck los werden. Ich trennte es unter den Achselhöhlen auf, doch es half nichts. So beschloß ich denn, mich darin zu üben, es in zwei Bewegungen abzuwerfen, indem ich mit der einen das Ende vom Arm schleuderte und mit der andern den Rock zur Erde beförderte. Ich übte geduldig in meinem Zimmer, bis es so gut klappte wie beim Exerzieren der Soldaten mit dem Gewehr: ›Eins, zwei‹ und es lag am Boden.

Ich traute meiner Kraft nicht viel zu und lief zuerst, um sie zu sparen, ziemlich langsam. Kaum hatte ich aber ein paar Schritte getan, als die das Holz am andern Ende des Hofs aufschichtenden Bauern schrien : »Er läuft fort! Haltet ihn! Fangt ihn!« und mir am Tore den Weg verlegen wollten. Da flog ich, als gälte es mein Leben. An nichts anderes dachte ich mehr als schnell zu laufen — nicht einmal an das Loch, das die Karren am Tore ausgefahren hatten: »Renne! Renne, was du kannst!« tönte es in mir.

Wie mir meine Freunde, die der Szene vom grauen Häuschen aus zuschauten, später erzählten, lief die Schildwache samt den drei Soldaten, die auf den Türstufen saßen, hinter mir her. Die Wache war mir so nahe, daß sie sicher glaubte, sie könnte mich fangen. Mehrmals stieß sie mit dem Gewehr nach vorn, um mich mit dem Bajonett in den Rücken zu stechen, und einen Augenblick dachten meine Freunde, sie hätten mich. Offenbar war mein Verfolger so überzeugt, auf diese Weise meiner habhaft werden zu können, daß er nicht schoß. Aber ich behielt meinen Vorsprung, und am Tore mußte er die Hoffnung, mich einzuholen, aufgeben.

Sobald ich das Tor glücklich hinter mir hatte, bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß in dem Wagen ein Zivilist mit einer Militärkappe saß, der sein Gesicht mir nicht zuwendete. Verkauft! war mein erster Gedanke. Meine Kameraden hatten geschrieben : »Bist du erst in der Straße, so gib dich nicht verloren, es werden Freunde da sein, die dich im Falle der Not verteidigen«; ich wollte daher nicht in den Wagen springen, wenn sich ein Feind darin befand. Als ich aber dem Wagen näher war, sah ich, daß der Mann einen blonden Backenbart trug, der wie der eines guten Freundes von mir aussah. Er gehörte zwar unserm Kreise nicht an, aber wir waren persönlich befreundet, und ich hatte mehr als einmal Gelegenheit gehabt, seinen kühnen Mut kennen zu lernen und zu sehen, wie seine Kraft, wenn es not tat, auf einmal wahrhaft herkulisch wurde. Warum sollte er hier sein? Ist es möglich? dachte ich, und wollte schon seinen Namen rufen, als ich noch zur rechten Zeit an mich hielt und statt dessen, während ich noch lief, in die Hände klatschte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er wandte mir sein Gesicht zu, und nun wußte ich, wer es war.

»Spring herein, rasch, rasch!« schrie er mit schrecklicher Stimme und einen Revolver schußbereit in der Hand haltend, trieb er mich und den Kutscher mit heftigen Worten zur Eile an. »Fahre! Fahre schnell, oder ich schieß' dich nieder, Kerl,« rief er dem Kutscher zu. Das Pferd, ein schöner, erprobter Traber, den man zu diesem Zwecke erstanden hatte, setzte in vollem Galopp ein. »Haltet sie! greift sie!« klang es gellend von zahlreichen Stimmen hinter uns, während mein Freund mir inzwischen behilflich war, mich mit einem Zylinder und einem eleganten Überrock zu bekleiden.

Doch drohte die wahre Gefahr weniger von den Verfolgern als von dem Soldaten, der am Tore des Hospitals, etwa dem Platze, wo der Wagen hielt, gegenüber, auf Posten stand. Wenn er nur schnell ein paar Schritte vorwärts machte, so konnte er mich am Besteigen des Wagens verhindern oder auch das Pferd zum Halten bringen. Es war daher einem Freunde der Auftrag gegeben worden, die Aufmerksamkeit dieses Soldaten durch ein Gespräch abzulenken. Er entledigte sich seiner Aufgabe mit bestem Erfolge. Da der Soldat einmal im Laboratorium des Hospitals beschäftigt gewesen war, so gab mein Freund der Unterhaltung eine wissenschaftliche Wendung, indem er vom Mikroskop und den Wundern, die es uns erschließt, sprach. Er fragte in Bezug auf einen bestimmten Parasiten des menschlichen Körpers : »Haben Sie schon gesehen, was für einen furchtbaren Schwanz er hat?« — »Was sagen Sie, einen Schwanz?« — »Ja, freilich; er ist unter dem Mikroskop so dick.« — »Reden Sie mir doch nichts vor!« versetzte der Soldat. »Das weiß ich besser. Es war ja das erste, das ich unter dem Vergrößerungsglas gesehen habe.« Dieses lebhafte Zwiegespräch fand statt, gerade als ich bei ihnen vorbeilief und in den Wagen sprang. Es klingt wie eine Fabel, ist aber Tatsache.

Der Wagen bog plötzlich in eine schmale Gasse ein, um an derselben Hofmauer entlang zu fahren, an der die Bauern Holz aufgeschichtet hatten, während sie jetzt sämtlich hinter mir herliefen. Die Wendung war so scharf, daß der Wagen beinahe umgeflogen wäre, hätte ich mich nicht, meinen Freund mit mitziehend, nach innen geworfen und durch diese plötzliche Bewegung das Gleichgewicht wieder hergestellt.

Wir trabten durch die enge Gasse und wandten uns dann links. Dort standen vor der Tür eines Wirtshauses zwei Gendarmen, welche die Dienstmütze meines Begleiters in militärischer Weise grüßten. »Psch! Psch!« machte ich zu meinem Nachbar, der sich noch in furchtbarer Aufregung befand; »alles geht gut; die Gendarmen grüßen uns.« Auf diese Bemerkung wendete mir der Kutscher sein Gesicht zu, und ich erkannte in ihm einen andern Freund, der ganz glücklich lächelte.

Allenthalben sahen wir Freunde, die uns zuwinkten oder uns, wenn wir im vollen Galopp unseres wackeren Pferdes vorbeijagten, ein ›Gut Heil‹ zuriefen. Dann bogen wir in den breiten Newsky-Prospekt ein, lenkten in eine Nebenstraße, stiegen vor einer Türe aus und schickten den Kutscher fort. Ich lief eine Treppe hinauf und fiel auf der obersten Stufe in die Arme meiner Schwägerin, die in schmerzlicher Bangigkeit gewartet hatte. Sie lachte und weinte in einem Atem und hieß mich eiligst eine andere Kleidung anziehen und meinen auffallenden Bart stutzen. Zehn Minuten später verließen mein Freund und ich das Haus und nahmen eine Droschke.

Inzwischen waren der Offizier der Gefängniswache und die Hospitalsoldaten auf die Straße hinausgestürzt und wußten nicht, was sie tun sollten. Ringsherum war keine Droschke, da alle im Umkreis von zwanzig Minuten von unsern Freunden gemietet waren. Eine alte Bauernfrau aus der Volksmenge» die sich angesammelt hatte, war klüger als alle zusammen. »Arme Kerls,« sagte sie, wie im Selbstgespräch, »die kommen sicher am Perspekt 'raus, und da wird man sie fassen, wenn einer die Straße entlang läuft, die gerade zum Perspekt führt.« Sie hatte ganz recht, und der Offizier eilte zu dem Pferdebahnwagen, der in kurzer Entfernung hielt, und bat, man möchte ihm die Pferde überlassen, damit jemand nach dem Prospekt reiten könnte. Man weigerte sich aber hartnäckig, die Pferde herzugeben, und der Offizier wollte sie nicht mit Gewalt nehmen.

Auch der Geigenspieler und die Dame, die sich in dem grauen Häuschen befunden hatten, stürzten heraus und mischten sich unter die Menge. Sie hörten mit an, wie die alte Frau den erwähnten guten Rat gab, und als sich die Leute nach und nach wieder verliefen, gingen sie ebenfalls ruhig ihres Weges.

Es war ein schöner Nachmittag. Wir fuhren nach den Inseln, wo die Petersburger Aristokratie an heiteren Frühlingstagen sich den Sonnenuntergang anzusehen pflegt. Unterwegs ließ ich mir in einer abgelegenen Straße von einem Barbier meinen Bart abnehmen, was mein Aussehen natürlich einigermaßen, doch nicht eben sehr veränderte. Ziellos fuhren wir auf den Inseln hin und her und wußten nicht, da wir uns in unserem Nachtquartier erst spät einfinden durften, wohin wir uns wenden sollten. »Was fangen wir in der Zwischenzeit an?« fragte ich meinen Freund, den dieselbe Frage beschäftigte. »Zu Donon!« rief er auf einmal dem Kutscher zu und nannte damit eines der ersten Petersburger Restaurants. »Es wird keinem je einfallen, dich bei Donon zu suchen,« bemerkte er ruhig. »Überall wird man nach dir forschen, nur da nicht; und wir werden bei einem guten Diner und einem guten Tropfen dein glückliches Entkommen feiern können.«

Was konnte ich auf einen so vernünftigen Vorschlag erwidern? So gingen wir zu Donon, schritten durch die hellerleuchteten, zur Dinerstunde mit Gästen gefüllten Säle, belegten ein kleines Zimmer für uns und brachten dort den ganzen Abend zu, bis die Stunde, in der man uns erwartete, herangekommen war. Das Haus, in dem wir zuerst abgestiegen waren, wurde noch nicht zwei Stunden, nachdem wir es verlassen hatten, durchsucht, ebenso die Wohnungen fast aller meiner Freunde. Bei Donon Nachforschung zu halten, kam keinem in den Sinn.

Ein paar Tage später sollte ich ein Zimmer beziehen, das man für mich gemietet hatte und das ich unter falschem Namen und entsprechendem Passe innehaben konnte. Aber die Dame, die mich in einem Wagen hinbringen sollte, und so vorsichtig war, das Haus vorher selbst noch einmal aufzusuchen, fand, daß die Gegend von Spitzeln wimmelte. Es waren so viele von meinen Freunden gekommen, um sich zu erkundigen, ob ich dort in Sicherheit sei, daß die Polizei argwöhnisch geworden war. Überdies hatte die Dritte Abteilung mein Porträt vervielfältigen und in Hunderten von Exemplaren an die Polizei und Wachmannschaft verteilen lassen. Alle Geheimpolizisten, die mich von Ansehen kannten, ließ man nach mir suchen; anderen, denen ich von Person nicht bekannt war, gab man Soldaten und Gefängniswärter bei, die mich während meiner Haft gesehen hatten. Der Zar war wütend darüber, daß eine solche Flucht fast vor seinen Augen und bei hellem Tageslicht geglückt sein sollte, und er hatte den Befehl gegeben: »Er muß gefunden werden!«

In Petersburg zu bleiben war unmöglich; ich hielt mich daher in Landhäusern in der Umgebung der Stadt auf. Mit einem halben Dutzend treuer Freunde befand ich mich in einem Dorfe, das in dieser Jahreszeit für die Petersburger vielfach das Ziel ihrer Ausflüge bildet. Dann wurde beschlossen, ich sollte ins Ausland gehen. Da wir aber aus einer fremden Zeitung ersehen hatten, daß alle Grenz- und Endstationen in den Baltischen Provinzen und Finnland von Geheimpolizisten, die meine Person kannten, überwacht würden, so entschied ich mich zur Wahl einer Richtung, in der man mich voraussichtlich am wenigsten erwartete. Mit dem Passe eines Freundes versehen und von einem andern Freunde begleitet, kreuzte ich Finnland und ging nordwärts in einen abgelegenen Hafen des Bottnischen Meerbusens, von wo ich nach Schweden überfuhr.

Als ich an Bord des Dampfers war und dieser eben abfahren wollte, teilte mir der Freund, der mich bis zur Grenze begleitet hatte, die Petersburger Neuigkeiten mit, die er unseren Freunden versprochen hatte mir bis dahin vorzuenthalten. Meine Schwester Helene wie auch die Schwester meiner Schwägerin, die mich, seit mein Bruder und seine Frau sich in Sibirien befanden, einmal im Monat im Gefängnis besucht hatte, waren wegen Beihilfe zur Flucht verhaftet worden.

Meine Schwester wußte nicht das geringste von den Vorbereitungen zu meiner Flucht. Erst nach meiner Entweichung war ein Freund mit der willkommenen Nachricht zu ihr geeilt. Vergebens beteuerte sie, es sei ihr nichts von dem Fluchtplan bekannt gewesen: man nahm sie von ihren Kindern fort und behielt sie zwei Wochen in Haft. Die Schwester meiner Schwägerin wußte zwar, daß irgend etwas im Werke sei, aber an den Vorbereitungen hatte sie keinen Teil. Bei einfacher Überlegung hätten sich die Behörden selbst sagen sollen, daß jemand, der mich offen im Gefängnis besuchte, in ein solches Unternehmen nicht verwickelt sei. Trotzdem mußte sie länger als zwei Monate in Haft bleiben, und vergebens versuchte ihr Gatte, ein bekannter Rechtsanwalt, ihre Freilassung zu erwirken. »Wir wissen nun,« sagten ihm die Gendarmerieoffiziere, »daß sie mit der Flucht nichts zu tun hatte; aber sehen Sie, wir haben dem Kaiser an dem Tage, als wir sie verhafteten, berichtet, die Person, die alles für die Flucht eingeleitet hätte, sei entdeckt und festgenommen. Jetzt wird es einige Zeit dauern, bis wir ihn darauf vorbereitet haben, daß sie nicht die wahre Schuldige ist.«

Ohne Aufenthalt fuhr ich durch Schweden und erreichte Christiania. Hier wartete ich ein paar Tage auf einen Dampfer, der nach Hull gehen sollte, und benutzte diese Zeit, um mich über die Bauernpartei des norwegischen Storthing zu informieren. Als ich mich zu dem Dampfer begab, legte ich mir eifrig besorgt die Frage vor: »Unter welcher Flagge segelt er — der norwegischen, deutschen, englischen?« Als ich dann über dem Stern den Union Jack flattern sah, die Flagge, unter der so viele Flüchtlinge, Russen, Italiener, Franzosen, Ungarn und so weiter, eine Zufluchtsstätte gefunden haben, grüßte ich die Flagge aus der Tiefe meines Herzens.

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