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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 9
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Das gute Ruhekissen.

Wie nun der alte Doktor Dieterici so weit war, daß es langsam ans Sterben ging, da raffte er sich noch einmal auf aus seinem Lehnstuhl und kroch zum Bücherspinde hin. Dort standen dicht und bunt in Reihen die Bücher, die er liebgehabt hatte, und die Bücher, die er gebraucht hatte für die Täglichkeiten des Lebens. Weiße Bände in Schweinsleder; in Franzbänden die Schriften der Römer; alte mantuanische Schäferspiele, die er einmal gesammelt hatte; der Homer. Dazwischen Wörterbücher, zerlesene Reclamhefte, Baedekers von der Reisezeit. Ein ganzes Leben, wie man es so lebt, heute so, morgen so, ohne Ordnung. Der alte Doktor Dieterici sah sich diese Bücher noch einmal an in der Stille und seufzte. Dann rief er seine Wirtschafterin, die Marie, und wie sie gekommen war, nahm er ein Buch aus dem Spind und zeigte es ihr. Es war die Odyssee des griechischen Dichters Homer in einer einfachen Schulausgabe.

Liebe Marie, sagte der alte Doktor Dieterici, wenn ich nun in drei Tagen gestorben sein werde, dann müssen Sie mir einen Dienst tun. Sie werden mir dieses Buch hier unter den Kopf legen und es mir so mit ins Grab geben. Ich glaube, daß ich die lange Nacht ruhig durchschlafen werde, wenn ich dieses Buch als Kopfkissen habe. Geben Sie mir die Hand darauf und vergessen Sie es nicht.

Die Wirtschafterin gab ihm die Hand darauf und weinte sehr. Und sagte, soweit sei es noch gar nicht und vom Sterben keine Rede. Der alte Rat Heydebringk, der unten im zweiten Stock, sei noch viel kränker gewesen und habe sich doch auch noch einmal herausgerappelt.

Drei Tage später starb der alte Doktor Dieterici wirklich. Und als er sauber auf sein Lager gebettet war, erinnerte sich die Wirtschafterin Marie an ihr Versprechen und ging, das Buch zu holen, ohne das ihr Herr nicht ruhig schlafen könnte. Aber sie vergriff sich und nahm nicht die Odyssee, sondern die danebenstehende zweite Auflage von Brauchitschs Ausgabe des Gewerbeunfallversicherungsgesetzes. Die holte sie hervor und stecke sie ihrem Herrn unter den Kopf als Ruhekissen.

Die Freunde kamen, um von dem Toten Abschied zu nehmen. Da sahen sie, daß sein Kopf auf einem Buche ruhte, und bückten sich, um zu sehen, was das für ein Buch sein möge. Und als sie sahen, daß es die zweite Auflage von Brauchitschs Gewerbeunfallversicherungsgesetz war, da erstaunten sie auf das äußerste und stellten die Wirtschafterin zur Rede wegen dieses Unfugs. Die aber wehrte sich heftig und rief, sie werde an das Buch nicht rühren lassen, und niemand dürfte es wegnehmen; denn ihr Herr habe es so gewollt, um ruhig schlafen zu können. Da wunderten sich die Freunde noch mehr und kamen überein, daß solche einsame Junggesellen die merkwürdigsten Einfälle und Gedanken haben könnten.

So wurde der alte Doktor Dieterici nicht mit der Odyssee begraben, auf der er ausruhen und von dem ewigen Meeressingen träumen wollte, sondern mit der zweiten Auflage von Brauchitschs Gewerbeunfallversicherungsgesetz.

Es ist aber anzunehmen, daß er auch so ganz ruhig und ohne irgendwelche Beschwerde seinen guten Schlaf gefunden hat.

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