Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Auburtin >

Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 67
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
Schließen

Navigation:

Italien oder Spanien?

Zahllose Leute haben mir in diesen Wochen aus Deutschland geschrieben und mich um Rat wegen einer spanischen Reise gefragt. Ob man nun nach Spanien fahren solle oder doch wieder nach Italien? Und wie das sei mit den Preisen und so weiter und mit dem Klima.

Vielen habe ich persönlich geschrieben; aber es kommen immer neue nach, und öffentlicher Bescheid mußte einmal ganz förmlich gegeben werden.

 

Und zwar muß zuerst der Bescheid gegeben werden, daß die polemisch antithetische Frage: Italien oder Spanien? nicht gerechtfertigt erscheint und eine Beleidigung für beide Länder ist. Spanien und Italien sind nicht wie Wannsee und Schlachtensee, man kann dahin gehen oder dorthin, es ist ja schließlich alles dasselbe. Ich kann mir vielmehr nur im Gegenteil Leute vorstellen, die in Italien glücklich waren und mit Spanien kämpfen müssen. Ich habe hier einen sehr, sehr großen deutschen Mann gesprochen, der ist vor Spanien ausgerissen, nicht sehen wollte er es. Wenn ich nur seinen Namen nennen dürfte.

Solche Abneigungen sind gerade bei feinen Menschen zu verstehen; solche möglichen Enttäuschungen nach Italien.

Nämlich so: die Erlösung, die uns Deutschen das italienische Land gab, die finden wir in Spanien nicht. Die heilige Jugendstunde, die uns allen wurde, als wir zum ersten Male nach der Nachtfahrt in Verona erwachten, diese Stunde kommt uns weder in Toledo noch auf dem Hügel von Granada. Fuhren der Sonne zu – Goethe schrieb in dieser Stunde an die Stein: Ich glaube wieder an Gott –, diese Stunde kommt uns in Spanien nicht.

 

Nach Spanien sollte man nicht gehen, um sich zu erholen. Spanien ist ein Adlernest. Geht man in ein Adlernest, um sich zu erholen?

Es gibt kein Sorrent, keine Mandolinen, keine Makkaroni. Viele Leute reisen durch Italien, ohne viel in die Kirche zu gehen und in die Museen, und sie kommen auf ihre Rechnung.

Nach Spanien soll nur der reisen, wer ein ganz ernstes Herz zur Kunst hat und wer es versteht, dem Klingen der Geschichte nachzuhören. Beispielsweise in der Kathedrale von Zaragoza unter der Kuppel stehen, die der Papst Benedict XIII. gebaut hat. Es läuft eine lange gotische Umschrift herum, ich habe fast eine Stunde gebraucht, um diese gotische Umschrift da hoch oben durch mein Opernglas zu lesen.

Benedict XIII. war ein abtrünniger Papst, den die Kirche verflucht hat, und er stammte aus dem Haus der großen Troubadoure.

Spanien ist kein billiges Land und eine Reise hierher kostet Geld, oder man soll sie lieber lassen.

In vier Wochen kann ein fleißiger Mann mit Spanien fertig sein; ein ganz fleißiger in noch viel weniger Wochen. In vier Wochen wird dieser fleißige Mann sämtliche Alkazare ersteigen können; er wird mit dem Mudéjarstil vertraut geworden sein und sich mit den Mozarabern von Toledo befaßt haben. Wovon der fleißige Mann in vier Wochen auch keine Ahnung bekommen haben wird, auch keinen Schimmer, das ist das spanische Volk selbst, sein Wesen, sein vielfältiges Herz und seine Kultur.

Jeder Fremde geht aus Spanien fort, ohne den Goya verstanden zu haben.

Es ist ein liebenswürdiges Volk, gutmütig, in oberen und niederen Schichten voll feinster Sitte; aber anders als alle, mit Spuk und Schatten in den Hintergründen. Geheimnisvolle Madonnen herrschen, die mit den Glastränen und weiten diamantenen Krinolinen, sie herrschen in den Herzen der Männer.

Ich bin doch schon so lange bei diesen Leuten und habe immer noch das Gefühl, als gehe ich an ihnen vorüber.

Man müßte mehr mit der spanischen Frau in Berührung treten; doch hat die spanische Frau die Angewohnheit, daß sie zu dieser Berührung immer ihre Tante mitnimmt. Man müßte mehr in die Familien kommen mit ihrem Zeremonienkram arabischer Art. (Ein gelegentliches Beispiel aus einem Stück von Viller: eine junge Dame der besten Gesellschaft verlobt sich; sechs Monate später fällt ihr Geburtstag; die Eltern geben ein Frühstück, zu dem alle Freunde eingeladen werden; nur der Bräutigam darf nicht zu dem Geburtstag der Braut eingeladen werden; das wäre zu intim.)

 

Klimatisches betreffend sei gesagt, daß Madrid (ähnlich wie Krummhübel) 600 Meter über dem Meeresspiegel liegt, was eine doppelte Folge hat, nämlich a) daß wir hier immer erkältet sind, und b) daß man atmosphärische Phänomene von unerhörtem Glanz genießen kann.

Beachten Sie bitte die Luft hier. Sehen Sie da drüben am Palast das steinerne Schild des Ritters: jedes Korn! Das Auge wird fest und mutig in dem Lichte Spaniens.

Berühmt sind bekanntlich die Sonnenaufgänge von Madrid. Von meinem Fenster aus gesehen, steigt die Sonne jetzt zur Zeit der Äquinoktie aus den Bäumen des Retiroparkes auf. Zwei Stunden vorher glüht der Himmel dort rein wie aus orientalischem Glas. Wenn es soweit ist, klettere ich durch das Fenster auf die Terrasse: da liegt die weite klare Stadt in tiefem Schlafe da; kein Mensch, kein Wagen; es ist schon hell, doch brennen die Laternen am Pradomuseum noch. Dann ist es ganz fern die Kuppel der Salesianerinnen, die zuerst aufleuchtet. Goldene Fensterreihen treten an wie die Legionen; und über die Dächer hinweg fliegen kleine Vögel dem siegenden Gestirne zu.

Und nun, meine Herrschaften, kann der Tag bringen, was er will.

 << Kapitel 66 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.