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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 66
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Sonntagmorgen in der Steiermark

Ich sitze in Graz im Hotelzimmer des Sonntagmorgens. Alle Glocken sind im Gange über den Giebeln der Stadt.

Da unten auf dem Platz vor der Kirche der barmherzigen Brüder steht eine Prozession weißgekleideter und weißverschleierter junger Mädchen. Alle sind sie ganz hellblond, was man um so mehr bemerkt, als die Tracht der langen Haare in diesem Lande noch nicht ganz abgekommen ist. So blonde Mädchen, wie diese Mädchen hier in der Prozession von Graz, habe ich mein Lebtag nicht gesehen.

Ein paar Meilen von hier verläuft die neue jugoslawische Grenze, wir befinden uns also auf der äußersten Kante des alten – und vielleicht wieder einmal neuen – Deutschlands.

 

Wie langsam und allmählich geht es dort oben im Norden von Preußen nach Polen hinüber! In Berlin heißen alle Portiers Michalsky.

Hier heißen die Leute, die mir gegenüber ihre Läden haben, der eine: Jakob Semmelrock; der zweite: Josef Stagel; der dritte Johann Knaffl. Und in der ganzen großen Stadt auf allen Firmenschildern kaum ein slawischer oder italienischer Name.

Steiermark, das ist ein starkes und festes Wort. Selbst Wilson, der sonst nicht viel einsah, mußte einsehen, daß hier nichts mehr abzuschneiden war.

Gestern machte ich eine längere Automobiltour durch die Gegend bis nach Spielfeld hin, der Grenzstation, um mir einmal die Landschaft Steiermark zu besehen.

Offen gestanden, hatte ich mir die Steiermark eigentlich ganz anders vorgestellt; als ein Touristenland hatte ich sie mir vorgestellt, wo nichts als Wasserfälle sind und Aussichtspunkte, und wo den ganzen Tag gejodelt wird. In Wahrheit ist es aber ein Kornland, Hügel auf und Hügel ab, auch mit unermeßlichen Obstgärten, mit wimmelnden Kindern, blond und sauber. Und gejodelt wird überhaupt nicht. Dagegen steht der Weizen schon in Bündeln, heute am 18. Juni.

Der blaue Strich da drüben am Horizont, das ist Serbien.

Einst auf der Konferenz von Paris haben sie sich mit diesen Feldern und diesen Obstgärten politisch beschäftigt. Und dann haben sie die Grenzlinie gezogen, quer durch und aufs Geratewohl. Selbstverständlich sieht es da drüben genau so aus wie hier, mit ebenso blonden und sauberen Kindern.

 

In jedem Dorf, durch das wir mit dem Auto kommen, steht ein Kriegerdenkmal. Es ist nicht immer genau dasselbe Kriegerdenkmal, aber sie ähneln sich sehr. Es ist immer die lebensgroße, einfache Figur eines Soldaten, der mit seinem Gewehr dasteht.

In einem Dorf, dessen Namen ich mir merken wollte, aber wieder vergessen habe, stand auf dem Platz vor der Schule eine große marmorne Büste Schillers. Ohne irgendwelchen besonderen Grund; auf der Schwelle Deutschlands.

 

Das Schönste an einer Automobiltour ist die Panne.

Das beginnt für gewöhnlich ganz unscheinbar. Der Chauffeur hält langsam, dann sagt er: Es ist etwas mit der Kerz'n, und steigt aus.

Und da es mit der Kerz'n meistens lange dauert, steigt der Tourist auch aus und geht zwischen den Feldern weg.

Wie still die Welt ist, wenn man nicht Automobil fährt! Und wie viele Lerchen da oben unter dem Himmel singen; von den Lerchen kann man beim Automobilfahren nichts hören, weil der Wind immer so gegen die Ohren donnert.

Das hier ist Roggen, das rechts Gerste. Leuchtend wie altes Gold.

Da drüben auf der Feldstraße geht ein Heuwagen, ganz fern und klein; er geht nicht, er kriecht. Höchstens einen halben Kilometer in der Stunde kann er machen, dürfte aber doch rechtzeitig ankommen.

Und hier in dem Kornfeld ist ein kleiner Käfer zu beobachten. Der springt von einem Halm zum anderen, und wenn es ihm auf dem einen Halme besonders gut gefällt, dann bleibt er da, und das ist nun seine ganze Beschäftigung.

Aber jetzt ist der Chauffeur endlich fertig mit seiner Kerz'n und winkt mir, ich solle mich sputen.

Dieser Sonntag heute in Graz scheint ein Tag für Prozessionen und Aufzüge zu sein. (Es ist der Sonntag nach Fronleichnam.) Erst morgens die Mädchen mit den Haaren; und jetzt nachmittags kommt Militär die Herrengasse entlang mit Pauken und Trompeten.

Voran marschiert ein Zug Husaren zu Fuß, Leute mit gewaltigen schwarzen Bärenmützen; einige von ihnen haben große Bärte, und zwischen dem furchtbaren Bärenfell oben und dem furchtbaren Bart unten ist nur ein bißchen Gesicht zu sehen, das gutmütig dreinschaut.

Graz war früher eine große Militärstadt mit flottem und mondänem Leben. (Vielleicht stammt daher heute noch die außerordentliche und für die Provinzstadt etwas auffallende Eleganz seiner Damenwelt.)

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