Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Auburtin >

Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 64
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
Schließen

Navigation:

Gasteiner Brief

Es gibt in Gastein nach amtlicher Zählung hundertzehn Hotels, eines mit fünfzig Betten, das andere mit zweihundertfünfzig Betten, sagen wir durchschnittlich jedes mit hundert Betten. Von diesen elftausend Betten ist zur Stunde ein einziges frei: das zweite Bett in meinem Zimmer; weil ich nämlich gezwungen war, ein Zimmer mit zwei Betten zu nehmen. Dieses Bett steht noch frei, aber ich gebe es niemandem her. Es müßte sich denn der Fall ereignen, daß eine sehr berühmte Persönlichkeit hierher käme und wegen eines Bettes in Verlegenheit wäre, etwa Rabindranath Tagore oder die Mary Pickford.

 

Und was für Hotels sind das! Sie stehen um den berühmten Wasserfall und wachsen aus der Felsentiefe herauf, hoch wie die Wolkenkratzer von New York. Nur daß es in New York keinen Wasserfall gibt und die New-Yorker bis an den Niagara fahren müssen, um einen zu sehen.

Dabei bin ich fest überzeugt, daß dieser Wasserfall hier von Gastein tausendmal herrlicher ist als der Niagara. Er stürzt auf dich zu, von Stufe zu Stufe, furchtbar und schön zugleich; und in den glatten Felswänden über ihm haben sich Waldblumen eingenistet und nicken immerfort in dem ewigen Sturm des Gesauses.

 

Es führt eine Holztreppe dicht neben dem Fall entlang, und diese Treppe muß man des Abends herabsteigen, wenn das Gewässer aus dem Dämmer donnert, dann kann man wieder einmal jenes Schaudern kennenlernen, das der Menschheit bester Teil ist.

Auf dieser Treppe habe ich eines Abends eine Begegnung gehabt, an die ich noch lange denken werde. Ein etwa siebenjähriges blondes Mädchen kam mir entgegen, ganz allein, und lachte mich an. Fürchten Sie sich? fragte sie mich. Betroffen über den heiligen Scharfblick eines solchen Kindes – denn ich fürchtete mich wirklich etwas – antwortete ich: Du fürchtest dich wohl selber? – Ja, sagte sie, aber nicht vor dem Wasserfall, den kenne ich ja schon lange; ich fürchte mich vor den Zigeunern, die sich in den Felsen verstecken und die kleinen Kinder stehlen.

Da habe ich das Mädchen an der Hand genommen und bis zu der Straße begleitet, wo Licht und Bewegung war. Zum Abschied und zum Dank zeigte es mir dann einen Busch und sagte: Da müssen Sie einmal nachsuchen, da gibt es Brombeeren.

 

Übrigens passiert vielen naiven Leuten mit dem Wasserfall von Gastein ein Irrtum. Man kennt die berühmte Ansicht dieses Kurortes und hört von der Heilkraft seiner Quelle, und da denken nun viele, der Wasserfall sei diese Thermalquelle, und die Kurgäste schwämmen darin wohlig auf und nieder. Nein, der Wasserfall ist gewöhnliches Wasser und nur Zugabe. Die Thermalquellen aber werden in die Badewannen der Hotels geleitet, wo man sie des Morgens badend benutzt, glanzlos und ohne Gefahr.

 

Immer war Gastein ein erlauchter Badeort, reserviert und auf Distanz bedacht, weil die Leute, die hierher kommen, meist schon etwas älter an Jahren und alle sehr reich zu sein pflegen und den Lärm scheuen. Auch fällt ja hier die morgendliche Trinkpromenade fort. Dagegen haben wir eine ehrbare Wandelhalle, wo nachmittags Konzert ist und die Kurgäste auf Stühlen die Wände entlang sitzen, weil das so bequemer ist.

Und was die nächtlichen Lustbarkeiten anbetrifft, so ist das Kino da mit Henny Porten in dem Film »Wehe, wenn sie losgelassen«, und die Bar Royal, wo der Original-Kolorado-Jazzband vorgeführt wird. Beides genügt uns vollkommen zur Frönung unserer nächtlichen Begierden.

 

So viele und verschiedenartige Badeorte gibt es. Für den Magen und für den Darm, zum Schlankwerden und zum Schwitzen. – Aber merkwürdig: wohin man auch kommen mag, überall ist der Kurgast derselbe.

 

Der Kurgast ist fünfzig Jahre alt und trägt eine weiße Flanellhose, in der sein Bauch wohlig wogt. Meistens sitzt er vor dem Blumenbeet und liest den Wirtschaftsteil seiner Zeitung. Er geht ohne Hut aus, und sein Kopf ist kugelrund und ganz blank geschoren.

Stehst du am sonnigen Tage an einem erhöhten Ort, auf der Cäcilienspitze oder dem Rudolfturm, so siehst du es überall aufblitzen, als sei Diamantstaub über das Tal gestreut. Diese Diamantkörner, das sind die leuchtenden Köpfe der Kurgäste, die sich Motion verschaffen.

 << Kapitel 63  Kapitel 65 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.