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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 53
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Ein Mensch

Heute hat der alte Oberkellner in meinem Restaurant etwas getrunken. Nur ganz wenig, und man merkt es kaum.

Vielleicht ist heute sein Geburtstag; wer kann das alles wissen?

Man merkt seinen Zustand eigentlich nur daran, daß er ein Mensch geworden ist; das heißt, er benimmt sich so, wie wir Menschen uns von Rechts wegen immer benehmen sollten.

Da sitzt zum Beispiel an einem Tisch die feine Dame, die ihr kleines fünfjähriges Mädchen bei sich hat. Der alte Oberkellner hockt sich hin und spricht freundlich zu dem kleinen Mädchen; ja, er geht so weit, ihm die Hand hinzuhalten. Zum Glück bemerkt die feine Dame dieses Vorhaben und ruft ihr Kind entrüstet wieder zurück.

Zu mir spricht der Oberkellner so kluge Worte, wie er sie noch nie zu mir gesprochen bat. Wie können Sie denn jetzt noch Büchsenspargel essen, fragt er mich, wo es doch in drei Wochen frischen Spargel geben wird?

Und als er an einem Tisch vorübergeht, auf dem ein Glas mit Maiglöckchen steht, da tut dieser Oberkellner das, was jeder Mensch tun müßte: er riecht an den Maiglöckchen und freut sich sehr.

 

Schon ist die Administration des Restaurants auf diese Vorkommnisse aufmerksam geworden und schickt sich an, einzugreifen. Die anderen Kellner tun so, als sehen sie nichts, aber sie haben den Auftrag, dem alten Oberkellner heimlich seine Arbeit abzunehmen; ohne daß er es merkt, wird er eingekreist und von der Welt abgeschnitten.

Ja, der Herr Geschäftsführer selber geht, um einige vergessene Teller abzuräumen; er tut das, obgleich er einen langen Gehrock trägt.

 

Am nächsten Tag ist der alte Oberkellner verschwunden und bleibt auch fürderhin verschwunden.

Selbstverständlich fällt es mir nicht ein, mich nach ihm zu erkundigen; ich habe keine Lust, mich zu kompromittieren.

Soll der dumme Kerl an seinen Maiglöckchen riechen, soviel er will.

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