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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 50
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Komm den Frauen zart entgegen

Man hat in China einen neuen Beruf für die Frauen erfunden: die jungen chinesischen Damen werden Seeräuberinnen auf dem Jangtsekiang.

Denn auch China, das durch die bekannte chinesische Mauer so lange von der Welt abgeschnitten war, auch China kann sich den modernen Ideen und der Frauenbewegung nicht mehr ganz verschließen.

Eine Chinesin, die Seeräuberin oder vielmehr Seeräuberhauptmännin werden will, macht das so: sie engagiert sechzig Kulis und belegt für diese Kulis und für sich Kabinen auf einem Dampfer. Sobald das Schiff sich in der Mitte des Jangtsekiang befindet, stößt die Hauptmännin einen Pfiff aus, worauf die Kulis den Fahrgästen ihre Portemonnaies und Taschenuhren wegnehmen und die widerstrebenden Fahrgäste in den Jangtsekiang werfen. Dann macht die Hauptmännin Kasse und begibt sich mit ihrer Gesellschaft in Rettungsbooten an Land.

Der Andrang zu diesem nicht sehr anstrengenden Beruf ist natürlich groß. Auch hat man beobachtet, daß Seeräuberinnen bald einen Mann finden und daß sie vorzügliche Hausfrauen werden. –

 

Bei uns in Europa bringen die Damen es meistens bis zum Postfräulein.

So sitzt in meinem Postamt eine junge Dame an dem Schalter für Markenverkauf, und immer steht vor diesem Schalter eine Schlange von Kunden, die heftige Verwünschungen ausstoßen, weil es so lange dauert.

Die junge Dame gibt alles falsch heraus und versteht niemals, was man will. Auch hat sie einen ganz besonderen Trick: jede Viertelstunde hängt sie ein Plakat an mit der Inschrift: »Für kurze Zeit geschlossen« und begibt sich in die entfernteren Gemächer des Postamtes. Niemand weiß, was sie da macht; oder vielmehr, man kann sich schon denken, was sie da macht, und das Bedauerliche ist nur, daß sie es so oft macht.

Fräulein, sagte ich ihr gestern, als ich nach langem Warten an den Schalter gelangt war, Fräulein, Sie sollten Seeräuberin auf dem Jangtsekiang werden.

Wie meinen Sie das? fragte sie und sah mich mit ihren großen Augen an.

Ich antwortete: Die Damen eignen sich für diesen Beruf besser als für den Postdienst. Da nehmen sie uns nur die Taschenuhren fort, und man kann sich immer eine neue Taschenuhr kaufen; hier aber berauben sie uns um die Zeit, die unwiederbringlich ist.

Das Fräulein brach in Tränen aus, ergriff das Schild »Für kurze Zeit geschlossen«, befestigte es an dem Schalter und begab sich schleunigst in den Hintergrund.

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