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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 44
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Winke für die Reise

Es scheint, daß wir uns in einer neuen Völkerwanderung befinden.

Wie damals im Jahre 350 n.Chr. die Chaucen, Bructerer, Heruler und Vandalen über die Alpen zogen, so brechen jetzt die Bautzener, Grimmaer und Kottbuser, der Valuta wegen, in das Land des Südens ein.

Die Chaucen sind auch einer Art von Valuta wegen gekommen, doch werden sie dafür eine andere Bezeichnung gehabt haben.

 

Als ich mich in Berlin auf die Fahrt vorbereitete, ging ich zu Gsellius, um einige Bücher zu kaufen. Dort stand ein junger Mann von vornehmem Exterieur, der sich Reiseführer für Italien vorlegen ließ.

Er hatte einmal etwas von Jakob Burckhardts Cicerone gehört und fragte nun den Verkäufer, ob von diesem Cicerone eine neue Ausgabe mit den jetzigen Hotelpreisen zu haben sei. Als der Verkäufer diese Frage entschieden verneinte, war der junge Mann von vornehmem Exterieur verstimmt.

In diesem Geiste werden die kunstreichen Länder am Mittelmeer jetzt häufig besucht werden; und für einige nützliche Ratschläge wird man dankbar sein.

 

Wer nach Athen reist, dem sei die Methode der Amerikaner empfohlen. Diese Amerikaner machen das so: es tun sich ihrer einige zusammen und mieten einen Ozeandampfer, »George Washington«, »Leviathan«, oder was gerade frei und zu haben ist. Mit diesem Ozeandampfer fahren sie nach dem Piräus und richten es so ein, daß sie daselbst ungefähr um zehn Uhr vormittags eintreffen.

Am Hafen stehen schon die Automobile bereit, mit denen sie auf die Akropolis befördert werden. Dort hören sie einen viertelstündigen Vortrag an, während dessen sie Ansichtspostkarten an die diesbezüglichen Sweethearts zu Hause schreiben.

Dann sind sie froh, daß sie auch das hinter sich haben, und fahren nach dem Hotel »Grande Bretagne«, wo schon eine unübersehbare Schar von Händlern ihrer harrt. Die Amerikaner kaufen sich einige jener bekannten mykenischen Bronzen, die einen Ruhmestitel der Pforzheimer Industrie darstellen, frühstücken sehr vergnügt und sind um vier Uhr nachmittags aufatmend wieder in ihrem »Leviathan« drin.

Diese Art des Reisens ist billig und empfehlenswert, weil man Hotel, Trinkgelder usw. spart.

 

Offen gestanden sehe ich sonst gar keine andere Möglichkeit, Griechenland zu bereisen.

In Athen ist in diesem Augenblicke nur ein einziges Bett frei, und das gehört mir; insofern als ich gezwungen bin, ein Zimmer mit zwei Betten zu bewohnen.

Und dieses Bett werde ich auch nicht so ohne weiteres dem ersten besten einräumen.

 

Sehr bedauerlich, daß der Reisende gezwungen ist, in den Hotels die Pension abzuessen. Es ist nicht schlecht, aber doch immer nur die internationale Soupe a la Reine sowie die Petits pois a la Parisienne. Man ißt es herunter und denkt dabei voll Sehnsucht an die kleinen Beisels, die hellenischen, da draußen in den heimlichen Straßen, die kennenzulernen nicht nur eine Freude, sondern auch eine Aufgabe wäre.

Ich habe die Schwierigkeit so gelöst: zuerst die ganze Table d'hote und das Hotelmenü durchgegessen, weil es nun einmal bezahlt ist – »lieber den Bauch gesprengt, als dem Wirt was geschenkt«, lehrte uns unser guter Turnlehrer –; dann den Mund abgewischt, hinunter auf die Straße und in die Bratküche, um noch einmal mit dem Abendbrot von vorne anzufangen.

Sankt-Peters-Fische: so genannt, weil es der Fisch ist, den Petrus mit zwei Fingern aus dem Wasser hob, und in dessen Maul er den Zinsgroschen fand.

Man sieht die Fingerabdrücke des Heiligen noch auf der rechten und linken Seite des platten Tieres.

Lammfleisch, vor deinen Augen am Spieß gebraten.

Aber höchst bemerkenswerterweise liegt der Bratspieß nicht waagerecht, er steht senkrecht, und das Holzkohlenfeuergeglüh befindet sich seitwärts davon in einem kleinen Aufbau.

Rezinatowein, der wie ein Weihnachtsbaum schmeckt; Krebsgekrabbel; Muscheltiere, roh zu essen. Und um uns all die Griechen und Armenier und Smirniolen; und die Gebärden und Laute der Fremde.

Wer nein sagen will, legt den Kopf nach hintenüber. Den Kellner ruft man »Puhse«, auf deutsch »wo bist du?« Und der Kellner, der mich bedient, heißt Paris.

Mit dem Ton auf dem »a«. Der bekannte Apfelmensch.

 

Zum Schluß des Gelages, wenn wir alle bei Mandarinen und Nüssen einen Heidenlärm machen, erscheint ein Greis, stellt sich neben der Tür auf und beginnt die Hirtenflöte zu blasen.

Auch die Pansflöte genannt. Ungefähr fünfzehn Pfeifen, verschieden lang, sind in einem Halbkreis zusammengebunden. Der Greis schliddert mit den Lippen die Pfeifen auf und nieder und erzeugt die gewünschten Töne.

Es sieht nicht schön aus. Es hört sich auch gar nicht schön an. Aber es ist die Pansflöte.

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