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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 41
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Heftpflaster

Erlebnis in Brindisi. Ich habe mich in den Finger geschnitten und gehe abends aus, um in der Apotheke Heftpflaster zu kaufen.

Die Luft ist hier schon lau und das Wetter klar, und ein Blick auf die Sterne zeigt, daß wir unter einem anderen Himmelsstrich sind: der Löwe und der Große Bär sitzen so tief, daß sie mit ihren Schwanzspitzen fast in das Wasser eintauchen; der halbe Mond befindet sich am Zenit und liegt, in ganz ungehöriger Haltung, auf dem Rücken.

Keine Apotheke zu finden. So wende ich mich an einen Bürger, der eine große Korbflasche trägt und deshalb Vertrauen erweckt. Bitte, können Sie mir sagen, wo hier eine Apotheke in der Nähe ist? – Eine Apotheke? Aber mit dem größten Vergnügen, ich bringe Sie gleich hin.

Ich lehne das höflich ab; aber er bleibt dabei. Erlauben Sie nur, daß ich diese Flasche nach Hause trage, dann stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.

Er führt mich an ein finsteres Haus und läßt mich draußen stehen; am liebsten wäre ich nun fortgelaufen. Dann kommt er zurück und führt weiter. Sie sind ein Engländer? – Nein, ich bin ein Deutscher. – Bravo! ruft er, drückt mir die Hand und beginnt nun mit lauter Stimme einen politischen Vortrag zu halten.

Die Apotheke ist voll. Der Bürger schiebt alle anderen beiseite und sagt zu dem Besitzer: Mein Freund hier hat sich die Hand verletzt und will etwas Heftpflaster haben.

In diesem Augenblick erhebt sich in der ganzen Apotheke eine allgemeine und lebhafte Diskussion über den medizinischen Wert des Heftpflasters. Heftpflaster, Herr? ruft ein Soldat und wackelt mit dem Finger vor meinem Gesicht, niemals Heftpflaster auf eine Wunde, niemals Wasser, niemals Speichel.

Nun bringt der Apotheker unter allgemeiner Spannung eine ungeheure Flasche mit einer braunen Flüssigkeit herbei; Watte wird gezupft, gläserne Stengel werden gereinigt; der Soldat hält meinen Arm und flüstert mir zu: Es tut nur einen Augenblick weh.

Was kostet das alles? frage ich endlich erschöpft.

Kosten? antwortet der Apotheker, das kostet nichts; und wenn es morgen vormittag nicht besser ist, kommen Sie wieder.

Nachher gehe ich mit dem Bürger ein Glas Wein trinken, und er erzählt mir alle seine Kriegserlebnisse ... und wie ich wieder allein bin, kommt mir die Erkenntnis: man braucht nicht zu den Sternen aufzusehen, um zu erkennen, ob man unter einem südlicheren Himmelsstrich ist.

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