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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 36
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Zusatz zu Brehm

Die junge Birke, unter der ich hier am Feldrain sitze, ist den ganzen Vormittag in leidenschaftlicher Erregung. Sie schüttelt sich vor Lachen, sie sinkt erschauernd in sich zusammen, sie wirft ihre goldenen Zweige der Sonne entgegen.

Jede dieser reizenden Gebärden ist vorausbestimmt seit dem Schöpfungstag, jede ist wichtiger als die Politik Europas.

Inzwischen schreitet der Pflüger unermüdlich am Horizont auf und nieder. Er verschwindet bei der Hügelwelle und taucht hinter dem grünen Roggenfeld wieder auf...

 

Doch nun kommt durch den Sand vor mir ein Abenteuer gekrochen, das unsere ganze Aufmerksamkeit und Besonnenheit erfordert. Auf den ersten Blick scheint es eine Spinne zu sein, die eine Fliege fortschleppt. Aber wie ich in den Sand hinknie, um das Phänomen näher in Augenschein zu nehmen, erschrecke ich fast: umgekehrt, die Fliege schleppt eine noch leise zappelnde Spinne von dannen.

Aber das ist ja vollkommen wider alle göttliche Ordnung; das Schwache bändigt das Starke, wohin sollte denn so etwas führen? Es ist, als ob der lyrische Dichter den Kritiker packt und nach Hause schleppt, um ihn dort zu verzehren.

Die Fliege ist schlank, mit dunkelblauen Flügeln und drei gelben Ringen um den Leib. Wenn Herr Stefan George eine Fliege wäre, er hätte solche blauen Flügel und drei solche gelben Ringe um den Leib.

Der Spinne ihrerseits, die haarig und borstig ist, sieht man es wohl an, daß für sie alle Lebewesen nur da sind, um verrissen zu werden.

Zwanzig Meter krieche ich durch den Sand der Fliege nach, die sich über alle Hügel wegarbeitet. Aber nun kommt sie an die Wagenspur, und dort ist eine Wand, so hoch wie die Bastei bei Schandau. Da wird es ihr zu langweilig, sie wirft die Spinne hin, dreht ihr den Rücken zu, spannt die blauen Flügel auf und fliegt fort.

 

Ja, so sind sie, die lyrischen Dichter. Wenn sie einmal den Kritiker in Händen haben und könnten mit ihm machen, was sie wollen, so nützen sie die Gelegenheit nicht aus und lassen ihn laufen.

Und fliegen wieder taumelnd der Sonne zu.

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