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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 35
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Jupiter in Berlin

Auf dem Potsdamer Platz vor dem Siechen (wo man früher die bekannten Kasseler Rippespeer bekam) hat sich ein Astronom eingerichtet. Er besitzt ein langes Fernrohr, und dieses Fernrohr hat er auf die Königgrätzer Straße zugewendet, in deren Verlängerung sich der Planet Jupiter befindet.

Es kostet eine Mark, wenn man einmal durch das Fernrohr sehen will.

 

Der Berliner ist bekanntlich eine durchaus materiell gesinnte Natur, und namentlich in den unteren Schichten ist ein beklagenswerter Mangel an idealem Interesse zu verzeichnen. So kann man es wenigstens häufig in den ausländischen Zeitungen lesen. Deshalb steht hier auch immer eine Reihe von ungefähr zehn Mann, die warten und eine Mark bezahlen wollen, um sich einen Stern zu besehen.

Es sind einfache Leute von der Straße, einige Soldaten darunter. Solange sie warten müssen, fassen sie die Sache allerdings mehr als Spaß auf, machen Witze und grinsen. Aber wenn sie an das Rohr herankommen, werden sie stille, und wer hindurchgesehen hat, der grinst nicht mehr.

Dabei ist zu erwägen, daß sich hier dicht nebenan ein Lichtspieltheater befindet, in dem man den Film »In der Schlinge des Inders« hätte betrachten können.

Auch ich bin etwas aufgeregt, als ich an die Reihe komme und in das Fernrohr sehen darf. An dem Okular ist eine Spiegelvorrichtung angebracht, und man blickt deshalb nicht hinauf, sondern von oben hinein wie in ein Mikroskop. So sehe ich wie in einer Lupe unter mir die weiße, geheimnisvolle, ferne, beunruhigende Scheibe des Gestirns, während der Astronom mir erklärt, daß dieses der größte unter den Planeten ist, und daß er vielleicht von vernunftbegabten Wesen bewohnt wird.

Um Gottes willen, lieber Mann, hoffentlich nicht. Das eine Experiment mit der Erde sollte dem Schöpfer genügen und dürfte ihn überzeugt haben, daß die vernunftbegabten Wesen auch die boshaftesten und streitsüchtigsten sind.

Vielmehr gewährt es einen heimlichen Reiz, zu hoffen, daß diese gewaltige Welt einsam durch die Ätherstille wandelt, mit ihren schweigenden Ebenen und den Bergen im ewigen Schlaf; daß es dort keine Valuta gibt, keine Wohnungsnot, keine kubistischen Theaterregisseure, keine Mokkadielen und keinen Feuilletonisten, der über die feierlichsten Tatbestände Bemerkungen macht.

Mein Hintermann wird ungeduldig und fängt an, mich zu stoßen. Es ist ein Herr in Wickelgamaschen und Automobilmütze, und er will seinerseits astronomische Beobachtungen anstellen. So gibt der ferne Stern jedem eine Minute des Gedenkens oder der Phantasie oder des Nichtverstehens, und er gibt es um eine Mark, die er aber nicht selbst einzieht, sondern einem armen Menschen zukommen läßt.

Es ist lange nicht so schlimm in der Welt, wie gemeinhin behauptet wird.

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