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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 3
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Aus »Die Onyxschale« (1911)

Die Welt

Der veilchenblaue Schmetterling wohnte auf einer Wiese am Ufer des Stromes, gerade da, wo die große Eisenbahnbrücke über das Wasser geht. Er spielte mit seiner veilchenblauen Braut, tanzte mit ihr im Sonnenschein und setzte sich auf alle Sternblumen der Wiese, auf eine nach der anderen.

Aber da kam eines Tages die Sehnsucht nach der Ferne über ihn, und er begann sich zu schämen, daß er von der Welt noch nichts anderes gesehen hatte als eben immer nur diese eine Wiese. So faßte er sich ein Herz und sagte zu seiner Braut: »Ich möchte wissen, ob am anderen Ufer des Stromes die Sternblumen ebenso sind wie unsere hier, und ob es überhaupt in der Welt etwas anderes gibt.« Und damit verließ er seine veilchenblaue und traurige Braut und flog hinweg, über den Strom hin, über den die große Eisenbahnbrücke geht.

Am anderen Ufer flog der veilchenblaue Schmetterling weit ins Land hinein, um recht viel von der Welt zu sehen. Die Sternblumen waren gerade so wie daheim, und er setzte sich hier und da auf eine, wie sie ihm gerade im Wege stand, um seiner Sache sicher zu sein. Auch hing er lange Zeit träumend unter einem Fliederblatt und fand, daß die Welt auf dieser Seite des Stromes nicht viel anders sei als daheim, nur sei sie einsamer und trauriger. Deshalb gab er die Unternehmung bald auf und machte sich wieder auf die Heimfahrt seiner Wiese zu.

Und wie er so heimwärts flog, da kam hinter ihm her der Expreßzug herbeigebraust, der auf die große Eisenbahnbrücke zueilte. Der veilchenblaue Schmetterling geriet in den Luftwirbel, setzte sich auf einen Waggon des Zuges und fuhr auf diesem Waggon geschwind seiner Heimatwiese zu.

Der Expreßzug aber eilte durch das Land, als sei es nicht da. Er raste an einem Wärterhäuschen vorbei, das laut aufschrie, und an Bäumen vorbei, die sich im Winde brausend bogen. Und dann stürzte er sich auf die große donnernde Eisenbrücke. Aber als er mitten auf der Brücke war, da flog die Lokomotive aus dem Geleise, durchbrach das Geländer und sprang in den Strom hinab. Und riß alle die Waggons des Zuges mit sich, daß sie in das Wasser krachend schlugen und da unten einen Trümmerhaufen bildeten, durch den die Wellen zu rauschen begannen.

Der Schmetterling hatte sich während des Sturzes von dem Waggon erhoben und flog nun nach der Wiese zu seiner Braut, die sich außerordentlich freute, ihn sobald wiederzusehen. Erst herzten und küßten sie einander eine Weile schweigend, dann fragte die Braut: Nun, mein Freund, wie war es auf dem anderen Ufer?

Der Schmetterling antwortete: Die Sternblumen sind dort drüben genau so wie unsere hier und duften auch so, und es ist in der ganzen Welt dasselbe.

Und hast du etwas erlebt? fragte die Schmetterlingsbraut.

Nichts habe ich erlebt, antwortete er, wenigstens nichts von Bedeutung. Was sollte man auch wohl erleben? Es ist ja doch nichts so wie der Schimmer deiner Farben und wie der Hauch deines Flügelschlages.

Da tanzten sie wieder um die Sternblumen im Sonnenscheine, und die Braut sagte lächelnd: Lohnte es sich, einen Tag unseres veilchenblauen Schmetterlingslebens fern von mir zu verbringen?

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