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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 27
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Die Flucht zur Natur

Ein Herr in besten Jahren stand zu Berlin an der Ecke der Krausen- und Markgrafenstraße, als ihn ein sonderbares Gefühl überkam. Es überkam ihn plötzlich das Heimweh nach der Mutter Erde.

Hinaus! rief er. Hinaus aus der Krausen- und Markgrafenstraße! Da draußen ist jetzt der schiere Frühling im Gange, mit Meisen und Nesterbau; und wer weiß, ob es nicht das letzte Mal ist.

Er blickte abwechselnd in die Krausen- und Markgrafenstraße hinein und fuhr fort: Diese Straßen haben zuviel Häuser, deshalb sind sie so lang; das ist der ganze Grund. Aber sie mögen noch so lang sein, irgendwo sind sie einmal zu Ende; und dort stehen Gärtchen, und der Goldlack wächst frei aus der Erde, wie er ist, ohne Blumentopf. Dort will ich hin, und koste es mein Leben.

Und er sprang auf einen Wagen der Linie 66, der gen Abend fuhr.

 

Die Stadt Berlin ist weitläufig und bietet viel Betrieb und Ersatz für alles.

So gibt es da zum Beispiel ein Geschäft, in dem man künstliche Höhensonne beziehen kann. (»Das Institut Künstliche Höhensonne befindet sich im Erdgeschoß links; bitte stark zu läuten.«) Auch kann man im Hochsommer eine Flüssigkeit kaufen, mit der man sich das Gesicht künstlich braun färbt, so daß es aussieht, als sei man in Norderney gewesen.

Der Herr in besten Jahren fuhr durch alles dies mit geschlossenen Augen.

Hinaus! murmelte er. Zu dem Goldlack!

Als die Bahn in die vorortlichen Gegenden kam, sprang er ab und eilte zu Fuß weiter durch die Straßen, die Brunhilde- und Isoldestraße hießen und schon durch diese Namen ankündigten, daß das Poetische nun nicht mehr ferne sei. Und da leuchtete denn auch die Lichtung, wo die Häuser aufhörten und die märkische Ebene begann.

 

Und die Gärten der Natur ließen sich nicht mehr übersehen, der Goldlack ebenfalls nicht; sie waren da, und der Wanderer stand tief ergriffen an dem Drahtgitter.

In dem Garten, vor dem er hielt, befand sich ein ehemaliger Omnibus, der als Laube oder Villa hergerichtet war; und in seinem Innern saß eine Familie und trank etwas, das vermutlich Ersatzkaffee war.

Was aber den Goldlack anbetrifft, so bestand er eigentlich nur aus einer Staude, und rechts und links von ihr war je eine Tafel angebracht. Der Herr setzte seine Brille auf und las die Tafeln; auf der einen war geschrieben: »Vorsicht; Selbstschüsse!« und auf der anderen: »Lebensgefahr; Starkstromleitung.« So bewaffnet stand der Goldlack da und wiegte sich im Winde, feindselig und unnahbar.

Der Herr in besten Jahren aber ging stumm zur Stadt zurück; dort hat er sich am Abend desselben Tages in ein Kino begeben, um den Naturfilm »Lenztage in der Mark« zu besichtigen.

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