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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 22
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Hirtengedichte

Die Hirtengedichte des alexandrinischen Dichters Philippos waren berühmt im ganzen Jahrhundert wegen der wunderbaren Klarheit und Zartheit, mit der sie die Natur schilderten.

Philippos hatte ein Stipendium an der Königlichen Akademie und bewohnte ein Häuschen, das gerade mitten zwischen der Königlichen Bibliothek und dem Königlichen Museum gelegen war. Dort saß er an einem Tisch, den gewaltige Haufen Papier bedeckten und neben dem die gipsernen Büsten der Dichter Theokrit und Virgil aufgestellt waren. Ein rundes, irdenes Tintenfaß stand mitten auf dem Tisch in einem Tal der Papierberge; in dieses Tintenfaß tunkte der Dichter aller anderthalb Minuten die Feder und schrieb seine Lieder über das Leben der Hirten und über die Bienenzucht, über wogende Saat und schwere Ernte, über das Rauschen der Wälder und über all die vielen Blumen, die am Feldrain blühen.

Man glaubt den Duft des Thymians zu riechen, wenn man seine Gedichte liest, so sagten die Zeitgenossen von ihm. Sie hatten ihm deshalb den ehrenvollen Namen Philippos aromatikos, der duftende Philipp, beigelegt. Eines Tages, als er wieder an seinem Schreibtisch schrieb, saß neben ihm sein Töchterchen Klio mit ihrer Stickerei; sie hatte einen großen Rahmen vor sich, in den sie aus goldenen, silbernen und blauen Fäden die Geschichte der Argonauten nach einem alten Muster einfügte.

Da kam durch das offene Fenster ein grünes Laubblatt hineingeweht und ließ sich nach einigem Schaukeln und Schweben auf dem Tisch neben dem schreibenden Dichter nieder.

Papa, rief Klio freudig, sieh das schöne, grüne Blatt; ist das nun das Blatt einer Platane oder eines Ahorns?

Philippos tauchte aus seinen papiernen Abgründen auf und stierte seine Tochter mit triefenden Augen an. Was hast du gesagt, mein Kind? fragte er.

Von welchem Baum dieses Blatt ist, möchte ich wissen.

Der Dichter erblickte das grüne Blatt, faßte es vorsichtig an und warf es in den Papierkorb. Dann sagte er: Ich kann deine Frage nicht beantworten, denn ich habe noch nie in meinem Leben einen Baum gesehen; und wenn ich einen gesehen haben sollte, so habe ich nicht darauf geachtet. Ich kenne die Bäume, Sträucher, Blumen usw. nur von den Darstellungen auf den geschnittenen Steinen im Königlichen Museum, drittes Stockwerk, Säle 26 bis 27.

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