Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Auburtin >

Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 21
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
Schließen

Navigation:

Legende aus der Republik

Dem alten Tischlermeister Haberlandt in der Siederstraße sieben ging es schlecht.

Seitdem das Warenhaus »Germania« am Hauptbahnhof eröffnet war, kamen die Leute nicht mehr zu ihm, sondern gingen in die »Germania«, wo man die Tische, Stühle und Nachtkästchen gleich fertig aus dem Laden mitbekam.

Das ist ja eine alte Sache, die sich allerorten wiederholt, man nennt es den Kampf des kleinen Handwerks gegen den Großbetrieb.

Denn selbstverständlich konnte das Warenhaus »Germania« seine Sachen billiger abgeben, weil es jede Woche zwanzig Nachtkästen verkaufte und deshalb bei jedem nur einige Pfennige zu verdienen brauchte. Namentlich zwei seiner Erzeugnisse, der Reklamerauchtisch »Siegfried« und die Reklamekommode »Krimhilde« gingen ab wie die warmen Brötchen.

Und dabei mußte jeder sehen, daß dieser »Siegfried« und diese »Krimhilde« einfach Schund waren, zusammengeklebt mit Muscheln und Schwänen, die beim ersten Stoß auseinandergingen.

Aber so sind nun einmal die Menschen, die Schnelligkeit und Billigkeit ist die Hauptsache, und gegen diese Zeitströmung läßt sich nicht ankämpfen.

Der Tischlermeister Haberlandt kämpfte nicht gegen die Zeitströmung an. Er wäre auch gar nicht der Mann dazu gewesen, mit seinen achtundfünfzig Jahren und seiner Brille.

So bückte er sich denn über seine Arbeit und sagte zu seiner Frau Christine und zu der Kleinen, der Paula: Da ist eben nichts zu machen und schuld an allem war damals diese Sezession, die sie erfunden haben, und der Jugendstil. Seit der Zeit sind die Menschen verrückt geworden. Jedes dumme Hausmädchen, das sich verheiratet, will ihre Möbel im Jugendstil haben, immer wieder etwas Neues. Und da kommt der kleine Tischler nicht mit. Sollen sie mit ihrem geklebten »Siegfried« glücklich werden; ich krepiere unterdessen langsam.

Seine Frau Christine sagte ihm jeden Tag: Warum gehst du nicht einmal zum Pfarrer Schmitz ins Pfarrhaus und holst dir einen geistlichen Rat? Denn Frau Christine war eine sehr fromme Frau, und es grämte sie, daß ihr Mann mit seinen achtundfünfzig Jahren so selten in die Kirche ging. Schaden kann es jedenfalls nicht; geh zu dem Pfarrer und sprich dich aus; er hat schon anderen geholfen.

Vielleicht hätte sie ihn auch herumbekommen, denn der alte Tischler Haberlandt ließ mit sich reden.

Aber da hatte er nun auf der anderen Seite seinen Freund, den Peter Zimmermann, mit dem er jeden Sonnabend im »Restaurant zur Post« zusammen Bier trank; und der Zimmermann war ein Unabhängiger, und zwar einer mit Hemdärmeln.

Laß dich nur nicht von deiner Frau breitschlagen, der Betschwester; und daß du mir nicht zu dem Pfarrer läufst und dich etwa für den katholischen Handwerkerverein einfangen läßt. Geh lieber einmal zu dem Doktor Schlochauer in die Redaktion der »Niederschlesischen Volksstimme« und spricht dich aus.

Der arme Tischlermeister Haberlandt wußte nicht, wohin er sollte. In das Pfarrhaus oder die Redaktion der »Niederschlesischen Volksstimme« zu dem Doktor Schlochauer. Es ist eben eine Zeit des Zwiespalts. Gewaltige Mächte der Vergangenheit stehen noch da mit ihren Kathedralen, etwas rissig schon und innen hohl, aber immer noch fest. Und daneben donnert die Zukunft auf mit den Feuerdämpfen ihrer Hochöfen, mit den unzählbaren Hämmern unterirdischer Metallwerke und mit dem Aufmarsch organisierter Arbeiterscharen. Mächtig, aber noch nicht fertig.

Und zwischen diesen beiden Gestalten glitt der Tischlermeister Haberlandt langsam hinunter.


Solange noch die kleine Paula im Hause war, ging es einigermaßen. Sie nahm den Eltern die Arbeit ab und verdiente schon ein bißchen mit der Schneiderei. Und es war eine ausgemachte Sache, daß sie, wenn sie fünfzehn Jahre wird, in die Mäntelnäherei am Karlsplatz gehen würde. Da verdient sie dreißig bis vierzig Mark monatlich, und essen wird sie auch nicht mehr als jetzt. Überhaupt und auch ohne das war das kleine Mädchen wie ein Sonnenschein im Hause; und so schlecht es dem Tischler ging, er wurde immer froh, wenn er sie sah. Als ob man einen Blumentopf ins offene Fenster stellt, so ungefähr war sie.

Aber als die Paula fünfzehn Jahre alt war, ging sie nicht in die Mäntelnäherei, sondern war eines schönen Abends fort und verschwunden und kam nicht wieder.

Nirgendswo war etwas zu erfahren, wohin, und ob sie mit der Bahn abgefahren sei.

Dreiviertel Jahr später bekam der Tischlermeister Haberlandt einen Brief aus Berlin von einer fremden Hand. Es war ein ganz kurzer Brief und drinnen stand: »Sehr geehrter Herr Haberlandt. Wollte Ihnen man mitteilen, daß Ihre Tochter hier in der Tieckstraße 14a wohnt, sie ist nämlich Schneppe geworden. Mit herzlichen Grüßen ein unbekannter Freund.«

Der alte Haberlandt hatte dieses merkwürdige Wort Schneppe noch nicht gehört und seine Frau Christine auch nicht. Sie wußten also nicht, ob es etwas Gutes sei oder etwas Böses. Die Nachbarn, die sie fragten, wußten es auch nicht oder taten so, als ob sie es nicht wüßten. Aber als Frau Christine den Brief dem Kommis Felix in dem Delikatessengeschäft von Oberbeck zeigte, platzte der vor Lachen heraus und erzählte alles. Und da wußten die beiden Alten ja nun, wie die Bescherung stand mit ihrem Paulachen.

Wie am Schnürchen ging es bergab mit diesem Tischler Haberlandt.


Nun, da bekam denn doch die Frau Christine Oberwasser mit der Frömmigkeit und mit den guten Ratschlägen, und eines schönen Vormittags um elf Uhr saß der Tischler glücklich im Pfarrhaus in der großen Vorhalle und wartete, bis er vorgelassen werden würde bei dem Herrn Pfarrer Schmitz.

Es war eine große steingepflasterte Halle mit Bänken ringsum an den Wänden. Dem Tischler gegenüber war oben an der Wand ein Bild angemalt, den heiligen Florian darstellend, der mit der Gießkanne ein kleines brennendes Haus auslöschte. Daneben stand angeschrieben: »Heiliger Sankt Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an.«

Unter dem heiligen Sankt Florian war eine Tür, und es war nicht schwer zu erraten, daß diese Tür in die Küche führte. Denn erstens roch es da heraus, als ob eine Kräutersauce angerichtet würde; auch hörte man einige Pfannen leise bretzeln. Und wenn die Tür aufging, sah man die Köchin, die an einer ungeheuren Pute hantierte, indem sie ihr eine bräunliche Füllmasse durch den aufgeschlitzten Steiß in den Bauch hineinbeförderte.

Nach zehn Minuten Wartens klingelte es oben, und die Köchin rief durch die Tür: Sie, Mann, jetzt können Sie zu dem Herrn Pfarrer gehen. Die Treppe hinauf und dann die Tür geradezu.

Als Haberlandt dem Herrn Pfarrer Schmitz gegenüber saß, war sein erster Gedanke, daß er einen so dicken Menschen noch nie in seinem Leben gesehen habe.

Der Pfarrer war einfach unglaublich dick. Gewiß, Haberlandt hatte ihn manchmal auf der Kanzel gesehen, wenn die Christine ihn zu Weihnachten oder Ostern mit in die Kirche geschleppt hatte. Aber da war es nicht so zu sehen gewesen wegen der weißen Chorröcke.

Hier im Stuhl und in dem schwarzen Rock sah es so aus, als ob der Pfarrer alles überschwemmen wollte mit seinem Bauch.

Übrigens war der hochwürdige Herr sehr liebreich, wenn auch etwas ernst. Ich weiß, verehrter Herr Haberlandt, daß Sie Unglück haben zu Hause und in Ihrem Beruf. Gott sucht Sie offensichtlich heim. Legen Sie doch Ihren Hut da auf den Tisch. Offensichtlich heim. Aber sagen Sie, haben Sie Ihr Schicksal doch nicht vielleicht selbst verdient?

Nämlich – so führte der Herr Pfarrer Schmitz aus und blickte ernst mit seinen kleinen Äuglein durch seine funkelnde Brille – nämlich, wer sich um Gott nicht kümmert, der kann natürlich nicht erwarten, daß Gott sich für ihn interessiere. Wurst wider Wurst, nicht wahr, im Erdenleben wie im Himmelreich. Wenn man nie zu den Sakramenten kommt, so verscherzt man sich eben das ewige Heil. Gewiß, gewiß, wir wissen schon, es ist jetzt Mode, über den Himmel zu spotten und zu sagen, das sei alles nur Vertröstung von Seiten der Geistlichkeit. Aber sagen Sie selbst, verehrter Herr Haberlandt, wäre das Leben denn überhaupt noch erträglich, wenn wir nicht die Hoffnung hätten, daß nach dem Tode sozusagen ein Ausgleich für erstandene Unbill Platz greife? Hoffen wir also auf das himmlische Manna. Um so mehr als Ihre Sorgen, verehrter Herr Haberlandt, ja doch nur körperlicher, nicht seelischer Art sind. Sorget nicht für den kommenden Morgen, und fraget nicht, was werden wir essen. Ist der Leib denn alles? Mitnichten, Hauptsache ist die Seele und ihr Heil, welches durch häufigen Gebrauch der heiligen Sakramente bewerkstelligt wird.

Kommen Sie häufiger in die Kirche, halten Sie zu Gott, verehrter Herr Haberlandt, dann wird er auch Sie nicht verlassen.

Und nun nehmen Sie dieses kleine Heftchen. Es ist das Markusevangelium mit Erläuterungen; und im übrigen werde ich sehen, was sich machen läßt. Auf Wiedersehen. Ach, weil Sie gerade dastehen, lieber Herr Haberlandt, drücken Sie doch einmal auf den Knopf neben der Tür. Danke sehr. Adieu.

Und Herr Tischlermeister Haberlandt ging wieder die Treppe hinunter. Als er durch die Vorhalle an dem Florian vorüberkam, war in der Küche eben die Pute in den Bratofen geschoben; sie schrie und kreischte vor Wonne in dem prasselnden Fett.

Es muß gesagt werden, daß dieser Besuch nicht ganz die Wirkung hatte, auf die Frau Christine gerechnet zu haben schien.

Vielmehr im Gegenteil. Acht Tage dachte der Tischler über die Worte des Pfarrers nach; denn er war kein Mann der schnellen Entschließungen. Dann kam allmählich eine große Wut in ihm auf, und er fing an, ganz heillos zu schimpfen.

Der Wanst. Gefüllte Pute und Kräutersauce. Und für uns das heilige Manna. Der Leib ist nicht alles, sagt er. Ja, was ist denn an dir, was nicht Leib ist? Du mußt dir ja einen Gurt um den Bauch machen, daß du nicht platzest, wie das Nilpferd im Zoologischen Garten. Und nun gehe ich erst recht zu den Unabhängigen und lasse mich einschreiben bei der Partei und trete in den Monistenbund ein, wenn es darauf ankommt.

So schrie er auf die arme Frau Christine ein, die ihr rechtschaffenes Teil Not hatte, und jeden Abend saß er jetzt bei seinem Freunde, dem Genossen Zimmermann, in dem Restaurant zur Post, wo alles besprochen wurde und wie man es anfangen wolle, mit dem Eintritt in die Partei und die Organisation.

Und stracks stand er denn eines schönen Vormittags vor dem Redaktionsgebäude der »Niederschlesischen Volksstimme« in der Kaiserin-Auguste-Viktoria-Straße. Genosse Zimmermann hatte ihn bei dem Chefredakteur, dem Doktor Schlochauer, angemeldet, ihm auch einen Brief mitgegeben.

Das Redaktionsgebäude der »Niederschlesischen Volksstimme« war ein schmales finsteres Haus, in dem viel auf und ab gelaufen wurde. Arbeiter trugen Bleiformen die Treppe hinunter und machten sehr gründliche Gesichter dazu. Und hinter allen Türen klapperten und klingelten die Schreibmaschinen, alles atmete den Geist strenger und gediegener Arbeit, und man konnte es beinahe fühlen: hier wird für die Zukunft eines freien und glücklichen Volkes gearbeitet...

So muß es bei den ersten Christen ausgesehen haben, bei den Aposteln usw.

Und selbstverständlich roch es hier nicht nach Kräutersauce. Auch brauchte der ehrliche Arbeiter Haberlandt nicht eine Viertelstunde zu warten, bis man geruhte, ihn vorzulassen. Nein, gleich wurde er eingeführt in das Zimmer zu dem Chefredakteur Doktor Schlochauer.

Der Herr Chefredakteur Schlochauer war ein feiner Mann von ungefähr dreißig Jahren, mit schwarzen Haaren und mit kleinen schiefstehenden Schlitzaugen, die immer listig von rechts nach links gingen. Auch stieß er mit der Zunge an.

Setzen Sie sich, lieber Mann, sagte er und führte Herrn Haberlandt an den Redaktionstisch. Auf diesem Tische lagen viele Zeitungen, Adreßbücher, das Kursbuch für das Deutsche Reich; und dazu ein viereckiges Paket in Seidenpapier, das mit einem zierlichen schwarzweißen Bindfaden zusammengeschnürt war.

Herr Doktor Schlochauer faßte ziemlich hastig nach diesem Paket und trug es auf einen kleinen Nebentisch.

Übrigens war er sehr freundlich und entgegenkommend:

Sehen Sie, lieber Mann, die Sache verhält sich so; rauchen Sie eine Zigarette? Nee? Na dann erlauben Sie, daß ich mir eine anstecke. Also die Sache verhält sich so.

Im allgemeinen interessieren wir uns für das sogenannte kleine Handwerk nicht sehr. Da ist gar nichts mehr zu machen, verstehen Sie. Dann sehen Sie mal, der Untergang des Handwerks ist ein national-ökonomischer Prozeß, der sich nicht aufhalten läßt. Es ist der Tod des offenbar zum Tode verurteilten individuellen Unternehmers gegen die syndikalisierte Sozietät, verstehen Sie. Warum haben Sie sich nicht angeschlossen? Na, nun haben Sie's. Die Parole des Tages ist Arbeitseinteilung zur Erzielung billigerer Werte. Und das ist doch klar, der Übergang des Großwarenhauses, wie hier die »Germania«, der Übergang des Warenhauses zu gewaltigen Konsum- und Produktionsgenossenschaften mit Gewinnbeteiligung der Arbeiter ist nur eine Frage der Zeit, ist ja in England dank der großartigen Organisationen der »Trades Union« schon erreicht.

So ging es eine halbe Stunde lang; immer mit der Zunge angestoßen.

So, und nun lieber Mann, nehmen Sie sich mal hier meine Broschüre »Der Zukunftsstaat« mit. Und Kopf hoch; und lassen Sie wieder mal was von sich hören. Auf Wiedersehen. Nein, nicht da hinaus; die große Tür und dann links, bis Sie an die Glastür kommen. Adieu.

Als der Tischlermeister Haberlandt aus dem Chefredaktionszimmer hinaus war, ging Herr Doktor Schlochauer an das Fenster und machte es weit auf.

Gleichzeitig öffnete sich eine kleine Tür in der Bücherwand und Fräulein Alice Bredow trat herein.

Fräulein Alice Bredow war die Geliebte des Chefredakteurs Doktor Schlochauer und trug eine gelbe Bluse.

Kann ich endlich herein, sagte sie, oder kommt noch so ein Prolet?

Still doch, antwortete Doktor Schlochauer, er könnte dich ja hören.

Dann nahm er das Haustelephon in die Hand und sprach hinein: Sie, Pryzinsky, hören Sie mal. Ich schreibe jetzt den Leitartikel und möchte nicht gestört sein. Eine Stunde lang niemand vorlassen. Verstehen Sie. Und dann Sie, Pryzinsky, sind Sie noch da? Telephonieren Sie doch mal die »Concordien-Säle« an und fragen, ob ich zwei Billetts für den Kostümball morgen abend haben kann. Haben Sie verstanden? Schön; und nun keinen Menschen eine Stunde lang.

Nachdem der Chefredakteur Doktor Schlochauer diese Telephonangabe beendigt hatte, holte er das große Paket her, brachte es seiner Liebsten, Fräulein Alice Bredow, hin, und sie machten es zusammen auf.

Es stammte aus dem Delikatessengeschäft von Overbeck und enthielt: einen frischgekochten Hummer, der noch lauwarm war; ein kaltes Huhn in Gelee und eine Flasche Champagner.


Währenddessen war der Tischlermeister Haberlandt zu Hause angekommen und legte die Broschüre »Zukunftsstaat« neben das Markusevangelium.

Und nun denkt er darüber nach, wo er zuerst ankommen wird, ob im Himmelreich oder im Zukunftsstaat.

Aber wie gesagt, er ist kein Mann der schnellen Entschließungen.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.