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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 16
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Die Sonnenfinsternis

Es sollte in der Hauptstadt und überhaupt in der ganzen Umgegend eine totale Sonnenfinsternis stattfinden, und alle nötigen Vorbereitungen waren dazu getroffen worden. Denn das war noch die alte Zeit, in der es Sonnenfinsternisse, Schönheitskonkurrenzen, Mastviehausstellungen und ähnliche gemeinnützige Veranstaltungen gab, und in der die Leute Freude an so etwas hatten. Jedermann besorgte sich ein geschwärztes Glas, um das Phänomen dadurch besehen zu können, und die Zeitungen brachten wissenschaftliche Artikel, in denen von Kopernikus und Ptolemäus gesprochen wurde.

Als der Dichter Matthias Petermann diese allgemeinen Vorbereitungen bemerkte, erklärte er im Café Kaiserkrone rundheraus, daß er gesonnen sei, die totale Sonnenfinsternis zu schneiden. Ich bitt' Sie, sagte er zu seinen Freunden, was ist mir eine totale Sonnenfinsternis? Ein gutgeschriebenes Feuilleton oder eine Lokomotive haben mehr Geist. So eine Sonnenfinsternis ist grad so, als wenn einer die Hand vor das Licht hält. Ich bitt' Sie, halten Sie mal die Hand vor die elektrische Birne da; gleich sehen Sie, daß man dann die elektrische Birne nicht sieht.

Der Dichter Matthias Petermann sprühte von Einfällen über die Sonnenfinsternis und belästigte damit alle seine Bekannten. Die ganze Geschichte mit den Sternen, das ist nicht viel mehr Wert als eine Partie Karambolasch auf dem Billard, Kugeln, die durcheinanderrennen, weil sie müssen. Nur, daß in so einer Partie Karambolasch, wie sie hier der Marqueur spielt, mehr Sinn, also mehr Göttlichkeit drinnen ist als in der ganzen Astronomie. Überhaupt werde ich, wann diese Hetz stattfindet, zu Hause bleiben und ein gescheites Buch lesen.

Diese Absicht konnte der Dichter Matthias Petermann aber nicht ausführen, denn es war die Jahreszeit der Zwetschgenknödel, und der Zufall wollte, daß die Sonnenfinsternis um Mittag stattfand. So mußte der Dichter gerade während der größten Aufregung auf die Straße hinunter, wenn er nicht seiner Portion Zwetschgenknödel im Restaurant verlustig gehen wollte.

Überall standen die Leute in Haufen und sahen zu dem Himmel auf, der verdächtig braun geworden war; sogar die Automobilchauffeure ließen sich herab, einen Blick hinaufzuwerfen.

Jetzt ist es soweit, schrie der kleine Leonhard, Herr Doktor Petermann, sehen Sie hinauf, sie wird gleich verfinstert sein.

Der Dichter Matthias Petermann sah nicht hinauf, sondern fest vor sich hin. Und er erblickte ein siebzehnjähriges Mädchen, das mit entzückten Mienen in die Höhe starrte wie eine Heilige bei der Himmelfahrt. Und während der ganzen Dauer der Finsternis sah er in die Augen des Mädchens und nahm mit Erstaunen wahr, daß diese Augen die Farbe der Hyazinthe hatten, mit einem verlorenen Schimmer von Altgold darüber.

Am Abend berichteten die Zeitungen: Die Ergebnisse des heutigen astronomischen Ereignisses sind sehr bedeutend. Wie uns die Direktion der K. K. Sternwarte mitteilt, sind drei Protuberanzen beobachtet worden, und zwar eine von 3 Minuten 41,3 Sekunden, eine andere von 4 Minuten 12,8 Sekunden und eine dritte gar in der außerordentlichen Höhe von 6 Minuten 35,4 Sekunden.

Seinerseits verzeichnete der Dichter Matthias Petermann in sein Tagebuch: Der heutige Tag war reich. Ich weiß jetzt, daß es in dieser Stadt ein siebzehnjähriges Mädchen gibt, dessen Augen die Farbe einer Hyazinthe haben, mit einem verlorenen Schimmer von Altgold darüber.

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